Bouvard und Pécuchet: Roman aus dem Nachlass
Part 14
Man glaubte an die Ananaspürees Louis Blancs, an das goldene Bett Flocons, an die prunkvollen Gelage Ledru-Rollins, und da die Provinz der Ansicht ist, daß sie alles was in Paris vorgeht, kennt, so zweifelten die Bürger von Chavignolles nicht an diesen Erfindungen, so galten ihnen die unsinnigsten Gerüchte als ausgemacht.
Herr von Faverges suchte eines Abends den Pfarrer auf, um ihm mitzuteilen, daß der Graf von Chambord in der Normandie angekommen sei.
Foureau zufolge schickte sich Joinville an, mit Hilfe seiner Matrosen die Sozialisten zur Vernunft zu bringen. Heurtaux versicherte, daß Louis Bonaparte in Kürze Konsul sein würde.
Die Fabriken standen still. Zahlreiche Banden von Armen irrten im Lande umher.
An einem Sonntag (es war in den ersten Tagen des Juni), ritt plötzlich ein Gendarm in der Richtung nach Falaise davon. Die Arbeiter von Acqueville, Liffard, Pierre-Pont und Saint-Rémy zogen auf Chavignolles.
Die Fensterläden wurden geschlossen, der Magistrat versammelte sich, und man beschloß, um Unglücksfällen vorzubeugen, keinen Widerstand zu leisten. Die Gendarmerie wurde sogar konsigniert mit der ausdrücklichen Weisung, sich nicht zu zeigen.
Bald hörte man wie ein Gewittergrollen, dann ließ der Gesang der Girondisten die Scheiben erzittern; -- und Männer, die einander untergehakt hielten, quollen über die Straße nach Caen, bestaubt, in Schweiß und zerlumpt. Sie füllten den Platz. Ein großer Lärm entstand.
Gorju und zwei Genossen betraten den Saal. Der eine war mager, hatte ein verschlagenes Gesicht und trug ein Trikotwams, dessen Schnüre herabhingen. Der andere, schwarz von Kohlenstaub, -- jedenfalls ein Maschinenwärter -- trug die Haare kurz geschnitten; seine Augenbrauen waren buschig, und er hatte Stoffschuhe an den Füßen. Gorju hatte seine Jacke wie ein Husar über die Schulter gehängt.
Alle drei blieben stehen, und die Ratsherren, die um einen mit blauer Decke bedeckten Tisch saßen, schauten sie bleich vor Angst an.
„Bürger!“ sagte Gorju, „wir brauchen Arbeit!“
Der Bürgermeister zitterte; die Stimme versagte ihm.
Marescot antwortete statt seiner, daß der Rat sogleich darüber Erwägungen anstellen würde; -- und nachdem die Genossen hinausgegangen waren, besprach man mehrere Vorschläge.
Der erste war, Kieselsteine anzufahren.
Um die Kiesel nutzbar zu verwenden, schlug Girbal vor, einen Weg von Angleville nach Tournebu zu bauen.
Der von Bayeux erwiese genau den gleichen Dienst.
Man konnte den Dorfteich ausbaggern. Das sei keine genügende Arbeit! (Oder man konnte auch einen zweiten graben, doch an welcher Stelle?)
Langlois war der Ansicht, man solle an den Mortins entlang einen Erdwall aufwerfen zum Schutz gegen Überschwemmungen; besser wäre es, so meinte Beljambe, das Heideland urbar zu machen. Unmöglich, zu einem Entschlusse zu kommen! -- Um die Menge zu beruhigen, ging Coulon in die Vorhalle hinunter und verkündete, man plane die Errichtung von Werkstätten für Notleidende.
„Für Almosen danken wir!“ rief Gorju. „Nieder mit den Aristokraten! Wir wollen das Recht auf Arbeit.“
Das war das Schlagwort der Zeit; er benutzte es, um sich Ansehen zu geben; man spendete ihm Beifall.
Als er sich umdrehte, streifte er Bouvard, den Pécuchet bis dahin mitgeschleppt hatte, -- und sie begannen ein Gespräch. Nichts dränge zur Eile; die Bürgermeisterei sei umstellt; der Rat würde ihnen nicht entschlüpfen.
„Wo Geld finden?“ sagte Bouvard.
„Bei den Reichen! Zudem wird die Regierung Arbeiten anordnen.“
„Und wenn kein Bedürfnis für Arbeiten vorhanden ist?“
„So wird man welche im voraus machen!“
„Aber die Löhne werden heruntergehen!“ erwiderte Pécuchet. „Wenn die Arbeit anfängt zu fehlen, so kommt das durch die Überproduktion! -- und Sie verlangen, man soll sie noch steigern!“
Gorju biß sich auf den Schnurrbart. „Indessen... wenn die Arbeit organisiert wird...“
„Dann wird die Regierung die Zügel in die Hände bekommen!“
Einige in ihrer Nähe murmelten: „Nein! nein! keine Herren!“
Gorju wurde ärgerlich. „Einerlei! man muß den Arbeitern ein Kapital stellen, -- oder besser noch den Kredit einrichten!“
„Auf welche Weise!“
„Ja! Das weiß ich nicht! aber man muß den Kredit einrichten!“
„Nun ist’s genug,“ sagte der Maschinenwärter, „sie wollen uns dumm machen, diese Schwindler!“
Und er erklomm die Freitreppe und erklärte, er werde die Tür einrennen.
Placquevent empfing ihn dort, das rechte Knie gebeugt, die Fäuste geballt: „Komm nur näher!“
Der Maschinenwärter wich zurück.
Das Hohngelächter der Menge drang bis in den Saal, alle erhoben sich, sie wären gerne davongelaufen. Die Hilfe von Falaise kam nicht! Man bedauerte die Abwesenheit des Herrn Grafen. Marescot drehte eine Feder zwischen den Fingern. Der Vater Coulon seufzte; Heurtaux ereiferte sich, man solle die Gendarmen anrücken lassen.
„Geben Sie den Befehl!“ sagte Foureau.
„Ich bin nicht befugt!“
Der Lärm wuchs indessen. Der Platz war mit Leuten bedeckt; -- und aller Blicke waren auf den ersten Stock der Bürgermeisterei gerichtet, als man am mittleren Fensterkreuz unter der Uhr Pécuchet erscheinen sah.
Schlau war er die Hintertreppe emporgestiegen, -- und nach Lamartines Vorbilde, begann er, das Volk anzureden:
„Mitbürger!“
Doch seine Mütze, seine Nase, sein Rock, seine ganze Person waren nicht dazu angetan, Eindruck zu machen.
Der Mann im Trikot fragte ihn:
„Sind Sie Arbeiter?“
„Nein.“
„Arbeitgeber also?“
„Ebensowenig.“
„Dann ziehen Sie sich zurück!“
„Warum?“ erwiderte Pécuchet stolz.
Und sogleich verschwand er in der Fensternische, von dem Maschinenwärter gepackt. Gorju kam ihm zu Hilfe. --
„Laß ihn! Er ist ein guter Kerl!“ Sie faßten einander beim Kragen.
Die Tür ging auf, und Marescot verkündete von der Schwelle aus die Entscheidung des Magistrats. Hurel war der Vater des Gedankens gewesen.
Der Weg nach Tournebu sollte eine Abzweigung auf Angleville erhalten, die zum Schlosse Faverges führte.
Das war ein Opfer, das die Gemeinde sich im Interesse der Arbeiter auferlegte.
Sie zerstreuten sich.
Als Bouvard und Pécuchet nach Hause kamen, schlugen Frauenstimmen an ihr Ohr. Die Mägde und Frau Bordin stießen Rufe aus, die Witwe schrie am lautesten, -- und bei ihrem Anblick:
„Ach! Das ist gut! Seit drei Stunden warte ich auf Sie! Nicht eine einzige Tulpe mehr in meinem armen Garten! Auf dem ganzen Rasen Schweinereien! Nicht möglich, ihn fortzubringen!“
„Wen denn?“
„Den alten Gouy!“
Er sei mit einer Karre Dünger gekommen, -- und habe ihn, wie es gerade kam, mitten auf den Rasen geworfen.
„Jetzt gräbt er ihn um. Beeilen Sie sich, damit er ein Ende macht!“
„Ich begleite Sie!“ sagte Bouvard.
Draußen stand unten an den Stufen ein Pferd in der Gabeldeichsel eines Karrens und fraß an einem Oleanderbusch. Die Räder hatten, als sie die Beete streiften, den Buchsbaum zerdrückt, ein Rhododendron war abgebrochen, die Dahlien zerknickt -- und Stücke schwarzen Düngers häuften sich wie Maulwurfshügel auf dem Rasen. Gouy grub ihn eifrig um.
Eines Tages hatte Frau Bordin beiläufig gesagt, sie wolle ihn umgraben lassen. Er hatte sich an die Arbeit gemacht und fuhr trotz ihres Verbotes fort. In dieser Weise faßte er das Recht auf Arbeit auf; Gorjus Reden hatten ihm den Kopf verdreht.
Er entfernte sich erst auf Bouvards heftige Drohungen.
Frau Bordin verweigerte ihm, um sich selbst schadlos zu halten, den Arbeitslohn und behielt den Dünger. Sie war eine gescheite Frau: die Gattin des Arztes und sogar die des Notars, obwohl von höherem Range, achteten sie.
Die Armenbeschäftigungshäuser dauerten eine Woche. Es stellte sich keine Unruhe ein. Gorju hatte die Gegend verlassen.
Inzwischen war die Nationalgarde immer auf den Beinen: Sonntags eine Parade, zuweilen militärische Umzüge -- und jede Nacht Ronden. Sie setzten das Dorf in Unruhe.
Man zog zum Scherz an den Schellen der Häuser; man drang in die Kammern, wo Gatten auf demselben Pfühl schnarchten; dann machte man derbe Späße, -- und der Gatte erhob sich, um Schnäpse herbeizuholen. Darauf kehrte man zur Wache zurück, um eine Partie Domino zu spielen, trank dort Most, aß Käse, und der Posten, der sich an der Tür langweilte, gähnte jede Minute. Dank der Schwäche Beljambes herrschte Zuchtlosigkeit.
Als die Junitage anbrachen, war sich alle Welt einig, daß man „der Pariser Regierung zu Hilfe eilen“ müsse, aber Foureau konnte sein Bürgermeisteramt, Marescot sein Notariat, der Doktor seine Kranken, Girbal seine Feuerwehrleute nicht im Stich lassen, und Herr von Faverges war in Cherbourg. Beljambe legte sich krank ins Bett. Der Hauptmann brummte: „Man hat von mir nichts wissen wollen, um so schlimmer.“ Und Bouvard war so weise, Pécuchet zurückzuhalten.
Die Ronden wurden weiter im Lande ausgedehnt.
Panische Schrecken stellten sich ein vor dem Schatten eines Heuhaufens oder den Formen der Bäume: einmal ergriffen sämtliche Nationalgardisten die Flucht. Im Mondenschein hatten sie in einem Apfelbaum einen Mann mit einer Flinte wahrgenommen, der auf sie angelegt hatte.
Als ein anderes Mal die Patrouille in finsterer Nacht in der Buchenallee Halt gemacht hatte, hörte sie jemanden vor sich.
„Wer da?“
Keine Antwort.
Man ließ den Kerl seinen Weg fortsetzen, indem man ihm in einiger Entfernung folgte, denn er konnte eine Pistole oder einen Totschläger bei sich haben; doch als man im Dorfe im Bereich der Hilfe war, stürzten sich die zwölf Mann des Halbzuges alle zugleich auf ihn und schrien: „Ihre Papiere!“ Sie schimpften ihn aus, überhäuften ihn mit Schmähungen. Auf der Wache war niemand anwesend. Man schleppte ihn dorthin, -- und beim Scheine der Kerze, die auf dem Ofen brannte, erkannte man schließlich Gorju.
Ein elender Lastingpaletot krachte um seine Schultern. Seine Zehen guckten durch die Löcher seiner Stiefel. Sein Gesicht blutete von Schrammen und Quetschungen. Er war erstaunlich mager geworden und rollte die Augen wie ein Wolf.
Foureau, der schnell herbeigeeilt war, fragte ihn, wie er in die Buchenallee gekommen sei, zu welchem Zwecke er nach Chavignolles zurückgekommen sei, worauf er die letzten sechs Wochen seine Zeit verwandt habe.
Das ginge sie nichts an. Er sei frei.
Placquevent durchsuchte ihn nach Patronen. Man setzte ihn vorläufig fest.
Bouvard legte sich ins Mittel.
„Das ist zwecklos!“ sagte der Bürgermeister. „Man kennt Ihre Anschauungen.“
„Indessen...“
„O! Nehmen Sie sich in acht, ich rate es Ihnen! Nehmen Sie sich in acht.“
Bouvard machte keine weiteren Anstrengungen.
Da wandte sich Gorju an Pécuchet: „Und Sie, Herr, Sie sagen nichts dazu?“
Pécuchet senkte den Kopf, als wenn er an seiner Unschuld gezweifelt hätte.
Der arme Teufel lächelte bitter.
„Ich habe Sie doch verteidigt!“
Bei Tagesanbruch führten ihn zwei Gendarmen nach Falaise ab.
Er wurde nicht vor ein Kriegsgericht gestellt, sondern von dem Zuchtpolizeigerichtshof zu drei Monaten Gefängnis verurteilt wegen Vergehens, umstürzlerische Reden gehalten zu haben.
Von Falaise aus schrieb er an seine ehemaligen Herren, ihm bald ein Zeugnis über gute Lebensführung zu senden, -- und da ihre Unterschrift durch den Bürgermeister oder den Beigeordneten beglaubigt werden mußte, zogen sie es vor, Marescot um diesen kleinen Dienst zu bitten.
Man führte sie ins Eßzimmer, das alte Fayence-Teller schmückten; eine Boule-Uhr nahm das schmälste Stück der Täfelung ein. Auf dem Mahagonitische, der ohne Decke war, sah man zwei Servietten, einen Teekessel, Schalen. Frau Marescot ging durch das Zimmer in einem Morgenrock aus blauem Kaschmir. Sie war Pariserin und langweilte sich daher auf dem Lande. Dann kam der Notar, ein Samtbarett in der einen Hand, eine Zeitung in der andern; -- und sogleich drückte er mit liebenswürdiger Miene sein Siegel darunter, -- obwohl ihr Schutzbefohlener ein gefährlicher Mensch sei.
„Wirklich,“ sagte Bouvard, „wegen einiger Worte!“
„Wenn das Wort Verbrechen nach sich zieht, lieber Herr, erlauben Sie!“
„Indessen,“ erwiderte Pécuchet, „wie soll man die Scheidung zwischen harmlosen und strafbaren Äußerungen machen? Was jetzt verboten ist, wird in der Folgezeit gepriesen werden.“ Und er tadelte die wüste Art, mit der man die Aufwiegler behandele.
Marescot führte natürlich den Schutz der Gesellschaft, das öffentliche Wohl als höchstes Gesetz an.
„Verzeihung!“ sagte Pécuchet, „das Recht des einzelnen ist gerade so achtungswert wie das der Gesamtheit, und Sie können ihm nur Gewalt entgegenstellen -- wenn er das Axiom gegen Sie wendet.“
Anstatt zu antworten, zog Marescot verächtlich die Augenbrauen in die Höhe. Sofern er nur weiter Akten schreiben und zwischen seinen Tellern in seiner kleinen, bequemen Häuslichkeit leben konnte, konnten ihn alle sich einstellenden Ungerechtigkeiten nicht erregen. Die Geschäfte riefen ihn. Er bat, sie möchten ihn entschuldigen.
Seine Lehre vom öffentlichen Wohl hatte sie entrüstet. Die Konservativen redeten jetzt wie Robespierre.
Weiterer Grund zur Verwunderung: Cavaignac verlor an Einfluß. Die Mobilgarde wurde verdächtig. Ledru-Rollin hatte sich um alles Ansehen gebracht, sogar nach Vaucorbeils Ansicht. Die Kämpfe um die Verfassung interessierten niemand, -- und am 10. Dezember stimmten alle Bürger von Chavignolles für Bonaparte.
Die sechs Millionen Stimmen kühlten Pécuchet gegen das Volk ab, -- und Bouvard und er studierten die Frage des allgemeinen Stimmrechts.
Da es allen gehört, kann es keine Einsicht haben. Ein Ehrgeiziger wird es immer leiten, die anderen werden wie eine Herde gehorchen, denn von den Wählern verlangt man nicht einmal, daß sie lesen können: das war nach Pécuchets Ansicht der Grund zu so viel Betrügereien bei der Präsidentenwahl.
„Keineswegs,“ erwiderte Bouvard; „ich glaube vielmehr an die Dummheit des Volkes. Denke an alle die, welche Revalenta, die Pomade Dupuytren, das Toilettewasser und so weiter kaufen. Diese Einfaltspinsel bilden die Masse der Wähler, und wir müssen uns ihrem Willen fügen. Warum kann man mit Kaninchen nicht ein Einkommen von dreitausend Franken erzielen? Weil eine zu zahlreiche Anhäufung eine Ursache der Sterblichkeit ist. Ebenso entwickeln sich durch das bloße Vorhandensein der Menge die ihr anhaftenden Dummheitskeime, und unberechenbare Wirkungen sind die Folge.“
„Dein Skeptizismus erschreckt mich!“ sagte Pécuchet.
Einige Zeit später, im Frühling, trafen sie Herrn von Faverges, der ihnen die Nachricht von der römischen Unternehmung brachte. Man würde die Italiener nicht angreifen, aber wir brauchten Garantien. Sonst sei unser Einfluß gebrochen. Nichts Gerechteres als diese Einmischung.
Bouvard riß die Augen auf. „Hinsichtlich Polens behaupteten Sie das Gegenteil!“
„Das ist nicht dasselbe!“ Jetzt handele es sich um den Papst.
Und wenn Herr von Faverges sagte: „Wir wollen, wir werden handeln, wir haben die feste Absicht,“ so vertrat er eine Partei.
Bouvard und Pécuchet fühlten sich von der Minderheit ebenso abgestoßen wie von der Mehrheit. Im großen und ganzen wog die Plebs die Aristokratie auf.
Das Interventionsrecht schien ihnen verdächtig. Sie suchten nach den Grundsätzen für dasselbe bei Calvo, Martens, Vatel; und Bouvard schloß:
„Man interveniert, um einen Fürsten wieder auf den Thron zu setzen, um ein Volk zu befreien, oder aus Vorsicht im Hinblick auf eine Gefahr. In beiden Fällen ist es ein Attentat auf das Recht eines andern, ein Mißbrauch der rohen Kraft, eine heuchlerische Gewaltmaßregel!“
„Indessen sind die Völker wie die Menschen solidarisch!“ sagte Pécuchet.
„Vielleicht!“ Und Bouvard verfiel in tiefes Sinnen.
Bald begann die römische Expedition.
Im Innern plünderte aus Haß gegen die Umsturzideen die Elite der Pariser Bürger zwei Druckereien. Die große Partei der Ordnung bildete sich.
Sie hatte im Bezirk den Herrn Grafen, Foureau, Marescot, den Pfarrer zu Führern. Gegen vier Uhr wandelten sie jeden Tag von einem Ende des Platzes zum andern und plauderten über die Ereignisse. Das wichtigste war die Verteilung der Broschüren.
Sie hatten eindrucksvolle Titel: „Gott will es. -- Der rote Genosse. -- Wie kommen wir aus dem Sumpf? -- Wohin steuern wir?“ -- Das Schönste darin waren die Dialoge im Stil der Dörfler, mit Flüchen und unrichtigem Französisch, zur Hebung des sittlichen Niveaus der Bauern. Nach einem neuen Gesetz lag die Verbreitung von Schriften in den Händen der Präfekten -- und man hatte Proudhon soeben in Saint-Pélagie eingesperrt: ein ungeheurer Sieg.
Die Freiheitsbäume wurden allgemein gefällt. Chavignolles gehorchte der Weisung. Bouvard sah mit eigenen Augen die Stücke seiner Pappel auf einem Schubkarren. Sie dienten dazu, den Gendarmen einzuheizen, -- und man schenkte den Stumpf dem Herrn Pfarrer, der ihn doch geweiht hatte! Welch ein Hohn!
Der Lehrer verbarg seine Anschauungen nicht.
Bouvard und Pécuchet beglückwünschten ihn dazu, als sie eines Tages vor seiner Tür vorbeikamen.
Am Tage darauf fand er sich bei ihnen ein. Am Ende der Woche machten sie ihm einen Gegenbesuch.
Der Tag neigte sich, die Schlingel waren soeben fortgegangen, und der Schulmeister fegte in Hemdsärmeln den Hof. Seine Frau, welche ein Tuch um den Kopf geschlungen hatte, nährte ein Kind. Ein kleines Mädchen verbarg sich hinter ihrem Rock; ein häßlicher Balg spielte zu ihren Füßen auf der Erde; das Wasser ihrer Wäscherei, die sie in der Küche besorgte, floß durch das Haus.
„Sie sehen,“ sagte der Lehrer, „wie die Regierung uns behandelt.“ Und sogleich griff er das niederträchtige Kapital an. „Man sollte es demokratisieren, den Stoff befreien.“
„Das ist gerade, was ich verlange!“ sagte Pécuchet.
„Wenigstens hätte man das Recht auf Unterstützung anerkennen sollen.“
„Noch ein Recht!“ sagte Bouvard.
„Gleichviel!“ Die provisorische Regierung sei schlapp gewesen, da sie die Brüderlichkeit nicht zum Gesetz erhoben habe.
„Versuchen Sie doch, sie einzuführen!“
Da es dunkel wurde, herrschte Petit in rohem Tone seine Frau an, einen Leuchter in sein Arbeitszimmer heraufzutragen.
Stecknadeln hielten an den Gipswänden die lithographischen Bildnisse der Redner der Linken fest. Ein Bücherregal voller Bücher überragte ein Pult aus Tannenholz. An Sitzgelegenheiten waren ein Stuhl, ein Schemel und eine alte Seifenkiste vorhanden; er stellte sich, als lache er darüber; doch das Elend höhlte seine Wangen, und seine schmalen Schläfen zeigten einen bockbeinigen Starrsinn, einen unbezähmbaren Stolz. Niemals würde er sich beugen.
„Das ist übrigens, was mich aufrecht erhält!“
Es war ein Haufen Zeitungen auf einem Brett, und fieberhaft betete er sein politisches Glaubensbekenntnis herunter: Entwaffnung der Truppen, Abschaffung der Behörden, Gleichheit der Löhne, ein mittlerer Wohlstand, durch den man unter der Form der Republik das goldene Zeitalter bekäme, mit einem Diktator an der Spitze, einem tüchtigen Kerl, der einen geraden Weges zum Ziele führen würde!
Dann langte er nach einer Flasche Anisette und drei Gläsern, um auf den Heros, auf das unsterbliche Opfer, auf den großen Maximilien ein Hoch auszubringen!
Auf der Schwelle erschien das schwarze Gewand des Pfarrers.
Nachdem er die Gesellschaft lebhaft begrüßt hatte, wandte er sich an den Lehrer und sagte mit beinahe leiser Stimme:
„Wie steht es um unsere Sankt-Joseph-Angelegenheit?“
„Sie haben fast nichts gegeben,“ erwiderte der Schulmeister.
„Das ist Ihre Schuld!“
„Ich habe getan, was ich konnte!“
„Ach! Wirklich?“
Bouvard und Pécuchet erhoben sich, da sie nicht stören wollten. Petit nötigte sie wieder auf ihre Sitze, und sich dann zum Pfarrer wendend:
„Ist das alles?“
Der Abbé Jeufroy zögerte; dann sagte er mit einem Lächeln, das den Verweis milderte:
„Man findet, daß Sie die Heilige Schrift ein wenig vernachlässigen.“
„O! die Heilige Schrift!“ wandte Bouvard ein.
„Was werfen Sie ihr vor, mein Herr?“
„Ich? Nichts. Nur gibt es vielleicht nützlichere Dinge als die Erzählung von Jonas und die Könige von Israel!“
„Wie Sie meinen!“ erwiderte trocken der Priester.
Und ohne sich um die Gäste zu kümmern, oder vielleicht gerade ihretwegen:
„Die Katechismusstunde ist zu kurz!“
Petit zuckte die Achseln.
„Geben Sie acht. Sie werden Ihre Pensionäre verlieren!“
Die zehn Franken, die er im Monat von diesen Schülern bekam, waren das Einträglichste an seiner Stelle. Aber der Priesterrock brachte ihn außer sich:
„Meinetwegen! Rächen Sie sich!“
„Ein Mann von meinem Charakter rächt sich nicht,“ sagte der Priester, ohne in Erregung zu geraten. „Doch ich erinnere Sie daran, daß das Gesetz vom 15. März uns die Überwachung des Elementarunterrichts zuerteilt.“
„Ja, das weiß ich sehr wohl,“ schrie der Lehrer. „Sie steht sogar den Gendamerieobersten zu! Warum nicht dem Feldhüter! Das wäre die Höhe!“
Und er sank auf den Schemel, sich vor Wut in die Faust beißend, seinen Zorn meisternd, erstickt von dem Gefühle seiner Ohnmacht.
Der Geistliche berührte leicht seine Schulter.
„Ich wollte Sie nicht betrüben, mein Freund! Beruhigen Sie sich! Ein wenig Vernunft!
Bald ist Ostern: ich hoffe, Sie werden ein gutes Beispiel geben und mit frommem Eifer kommunizieren.“
„Ach! das ist zu stark! ich! ich! mich in solche Dummheiten fügen!“
Bei dieser Gotteslästerung erblich der Geistliche. Seine Augen sprühten Blitze, sein Kinn zitterte.
„Schweigen Sie, Unglücklicher! Schweigen Sie! -- Und seine Frau besorgt die Wäsche für die Kirche!“
„Je nun! Wieso? Was hat sie verbrochen?“
„Sie versäumt stets die Messe! Übrigens auch Ihr Fall!“
„Nun! Man entläßt einen Schulmeister wegen solcher Sachen nicht!“
„Man kann ihn versetzen!“
Der Priester schwieg. Er stand im Hintergrunde des Zimmers im Schatten. Petit, dessen Kopf auf die Brust herabhing, verfiel in tiefes Sinnen.
Sie würden am äußersten Ende von Frankreich ankommen, nachdem ihr letzter Heller durch die Reise aufgezehrt war, und sie würden dort unter anderen Namen denselben Pfarrer, denselben Rektor, denselben Präfekten wiederfinden; alle bis herauf zum Minister waren sozusagen die Ringe einer Kette, die ihn erdrückte. Er hatte schon eine Verwarnung bekommen, andere würden folgen. Und dann? Und in einer Halluzination sah er sich die Landstraße entlang wandern, einen Sack auf dem Rücken, die, welche er liebte, an seiner Seite, die Hand bettelnd gegen eine Postkutsche ausgestreckt.
In diesem Augenblick wurde seine Frau in der Küche von einem Hustenanfall gepackt; das Neugeborene begann zu wimmern, und der Balg weinte.
„Arme Kinder!“ sagte der Priester mit sanfter Stimme.
Da brach der Vater in Schluchzen aus:
„Ja! ja! alles, was man verlangt!“
„Ich verlasse mich darauf,“ erwiderte der Pfarrer.
Und nachdem er sich verbeugt:
„Meine Herren, recht guten Abend!“
Der Schulmeister verharrte, das Gesicht in den Händen. Er stieß Bouvard zurück.
„Nein! lassen Sie mich! Ich möchte verrecken! Ich bin ein Elender!“
Die beiden Freunde suchten ihre Behausung wieder auf, während sie sich zu ihrer Unabhängigkeit beglückwünschten. Die Macht der Geistlichkeit setzte sie in Schrecken.
Man verwandte sie jetzt dazu, um die soziale Ordnung zu befestigen. Die Republik pfiff auf dem letzten Loch.
Drei Millionen Wähler waren vom allgemeinen Stimmrecht ausgeschlossen. Die Kautionssumme der Zeitungen wurde erhöht, die Zensur wieder eingesetzt. Man hatte es auf die Feuilleton-Romane abgesehen. Die klassische Philosophie kam in einen gefährlichen Ruf. Die Bürger predigten das Dogma von den materiellen Interessen, und das Volk schien zufrieden.
Die Landbevölkerung kehrte zu ihren alten Herren zurück.
Herr von Faverges, der Besitzungen im Departement Eure hatte, wurde für die gesetzgebende Versammlung vorgeschlagen, und seine Wiederwahl in die Kreisstände des Calvados war im voraus sicher.
Er hielt es für nötig, die Honoratioren des Landes zu einem Frühstück einzuladen.