Bouvard und Pécuchet: Roman aus dem Nachlass
Part 13
Für Schelling ist es das Unendliche, das sich im Endlichen ausdrückt; für Reid eine okkulte Eigenschaft; für Jouffroy ein unteilbares Etwas; für De Maistre das, was der Tugend gefällt; für den Pater André das, was der Vernunft entspricht.
Und es gibt mehrere Arten des Schönen: ein Schönes in den Wissenschaften, die Geometrie ist schön; ein Schönes in den Sitten, man kann nicht bestreiten, daß der Tod des Sokrates schön sei. Ein Schönes im Tierreich. Die Schönheit des Hundes besteht in seinem Geruch. Ein Schwein kann nicht schön sein in Anbetracht seiner unreinen Gewohnheiten; eine Schlange ebenfalls nicht, denn sie erweckt in uns Gedanken von Niedertracht.
Blumen, Schmetterlinge, Vögel können schön sein. Schließlich ist die erste Bedingung des Schönen die Einheit in der Mannigfaltigkeit; das ist das Prinzip.
„Indessen,“ sagt Bouvard, „sind zwei schielende Augen abwechslungsreicher als zwei gerade blickende und machen doch einen weniger guten Eindruck -- gewöhnlich wenigstens.“
Sie machten sich an die Frage des Erhabenen.
Gewisse Dinge sind an und für sich erhaben, das Getöse eines Stromes, tiefe Finsternis, ein durch einen Sturm umgerissener Baum. Ein Charakter ist schön, wenn er triumphiert, und erhaben, wenn er kämpft.
„Ich verstehe,“ sagte Bouvard, „das Schöne ist das Schöne und das Erhabene das Sehrschöne.“ -- Wie die beiden unterscheiden?
„Vermittels des Takts,“ sagte Pécuchet.
„Und der Takt, woher kommt der?“
„Vom Geschmack!“
„Worin besteht denn der Geschmack?“
Man definiert ihn als eine besondere Unterscheidungsfähigkeit, ein schnelles Urteilsvermögen, die Überlegenheit, gewisse Beziehungen zu durchschauen.
„Schließlich ist der Geschmack der Geschmack, -- und alles das sagt nicht, wie man dazu kommt.“
Man soll das Wohlanständige beobachten, -- aber das Wohlanständige zeigt Unterschiede, -- und wie vollkommen auch ein Werk sei, es wird niemals einwandfrei sein. Es gibt indessen ein unvergängliches Schönes, über dessen Gesetze wir in Unkenntnis sind, denn seine Entstehung ist von Geheimnissen umhüllt.
Da eine Idee nicht durch alle Formen ausgedrückt werden kann, so müssen wir Grenzen zwischen den Künsten anerkennen, und in jeder Kunst wieder mehrere Unterarten; doch entstehen Mischarten dort, wo man den Stil der einen in die andere übergehen läßt aus Furcht, vom Endzweck abzugeraten, nicht wahr zu sein.
Die zu getreue Anwendung des Wahren schadet der Schönheit; und die Bevorzugung der Schönheit ist dem Wahren hinderlich; indessen, ohne Ideal keine Wahrheit; -- deshalb ist der Typus von dauerhafterer Realität als ein Porträt. Zudem geht die Kunst nur auf wahrscheinliche Ähnlichkeit aus, diese jedoch hängt vom Beobachter ab, ist etwas Relatives, Vergängliches.
So verloren sie sich in Spitzfindigkeiten. Bouvard glaubte immer weniger an die Ästhetik.
„Wenn sie kein Schwindel ist, so muß ihre Gesetzmäßigkeit sich an Beispielen erweisen lassen. Nun höre!“
Und er las eine Notiz, die er nach langem Suchen gefunden hatte.
„Bouhours wirft Tacitus vor, er lasse die Schlichtheit vermissen, welche die Geschichte verlangt.“
„Herr Droz, ein Professor, tadelt Shakespeare, weil er Ernstes und Komisches durcheinander mischt. Nisard, ebenfalls Professor, findet, daß André Chénier als Poet unter dem Niveau des siebzehnten Jahrhunderts stehe. Blair, ein Engländer, beklagt bei Virgil das Bild der Harpyen. Marmontel seufzt über die Freiheiten, die Homer sich erlaubt. Lamotte läßt die Unsterblichkeit seiner Helden nicht gelten. Vida entrüstet sich über seine Vergleiche. Kurz, alle diese Verfertiger von Rhetoriken, Poetiken und Ästhetiken scheinen mir Einfaltspinsel zu sein!“
„Du übertreibst!“ sagte Pécuchet.
Zweifel quälten ihn, -- denn wenn die mittelmäßigen Geister (wie Longin bemerkt), unfähig sind, Fehler zu machen, so sind die Fehler Sache der Meister, und man sollte sie bewundern? Das ist zu stark! Die Meister sind doch die Meister! Er hätte die Doktrinen mit den Werken, die Kritiker mit den Dichtern in Einklang setzen wollen, die Wesenheit des Schönen erfassen, -- und diese Fragen setzten ihm so zu, daß seine Galle davon in Fluß kam. Er bekam eine Gelbsucht.
Sie war in ihrem höchsten Stadium angelangt, als Marianne, die Köchin der Frau Bordin, kam, um Bouvard um eine Unterredung zu bitten.
Seit der dramatischen Sitzung hatte die Witwe sich nicht wieder blicken lassen. -- Sollte das ein Annäherungsversuch sein? Doch wozu Mariannens Vermittlung? Und die ganze Nacht hindurch kam seine Phantasie nicht zur Ruhe.
Am folgenden Morgen ging er gegen zehn im Hausflur auf und ab und schaute von Zeit zu Zeit durchs Fenster; die Schelle ertönte. Es war der Notar.
Er durchschritt den Hof, stieg die Treppe empor, setzte sich in den Sessel, und nachdem die ersten Höflichkeiten ausgetauscht, sagte er, daß er vorangegangen sei, müde, Frau Bordin zu erwarten. Sie wünsche Bouvard die Ecalles abzukaufen.
Bouvard überlief es kalt, und er ging in Pécuchets Zimmer hinüber.
Pécuchet wußte nicht, was er antworten sollte. Er war in Aufregung, -- da Herr Vaucorbeil jeden Augenblick kommen mußte.
Endlich kam sie. Ihre Verspätung erklärte sich aus der Sorgfalt ihrer Toilette: ein Kaschmir, ein Hut, Glacéhandschuhe, der Anzug, der zu feierlichen Gelegenheiten gehört.
Nach vielen Umschweifen fragte sie, ob tausend Taler nicht genug sein würden.
„Ein Acker für tausend Taler? Unmöglich!“
Sie blinzelte mit den Augen: „Ach! für mich!“
Und alle drei verstummten. Herr von Faverges trat ein.
Er trug wie ein Advokat eine Mappe aus Saffianleder, -- und indem er sie auf den Tisch legte:
„Da sind Flugblätter! Sie beziehen sich auf die Reform, -- eine brennende Frage; doch hier ist etwas, das ohne Zweifel Ihnen gehört!“ Und er reichte Bouvard den zweiten Band der „Memoiren des Teufels“.
Mélie habe ihn gerade eben in der Küche gelesen; und da man die Gewohnheiten dieser Leute überwachen müsse, habe er recht daran zu tun geglaubt, ihr das Buch fortzunehmen.
Bouvard hatte ihn seiner Magd geliehen. Man plauderte über Romane.
Frau Bordin liebte sie, wenn sie nicht traurig waren.
„Die Schriftsteller,“ sagte Herr von Faverges, „stellen uns das Leben in schmeichlerischen Farben dar!“
„Das Darstellen ist notwendig!“ wandte Bouvard ein.
„Dann also braucht man nur dem Beispiel zu folgen!“
„Es handelt sich nicht um ein Beispiel!“
„Jedenfalls werden Sie zugeben, daß sie in die Hände eines jungen Mädchens geraten können. Ich habe eine Tochter.“
„Eine reizende Tochter!“ sagte der Notar, wobei er das Gesicht machte, das er aufsetzte, wenn er Verlobten ihren Heiratskontrakt vorlas.
„Nun wohl! ihretwegen, oder vielmehr wegen der Personen ihrer Umgebung, verbiete ich die Bücher in meinem Hause, denn das Volk, verehrter Herr...!“
„Was hat das Volk verbrochen?“ fragte Vaucorbeil, der plötzlich auf der Schwelle erschien.
Pécuchet, der ihn an seiner Stimme erkannt hatte, trat zu den Anwesenden.
„Ich behaupte, daß man eine gewisse Lektüre von ihm fernhalten muß.“
Vaucorbeil gab eine Erwiderung. -- „Sie sind also nicht für die Bildung?“
„Aber durchaus! Erlauben Sie!“
„Wenn man alle Tage die Regierung angreift!“ sagte Marescot.
„Was ist schlimmes daran?“
Und der Edelmann und der Arzt begannen, auf Louis Philippe zu schimpfen, indem sie auf die Affäre Pritchard, die Septembergesetze gegen die Freiheit der Presse wiesen.
„Und die des Theaters!“ fügte Pécuchet hinzu.
Marescot hielt nicht mehr an sich. „Es erlaubt sich zu viel, Ihr Theater!“
„Darin gebe ich Ihnen recht!“ sagte der Graf, „Stücke, die den Selbstmord verherrlichen!“
„Der Selbstmord ist schön! Beweis Cato,“ wandte Pécuchet ein.
Ohne auf das Argument zu antworten, brandmarkte Herr von Faverges jene Werke, in denen die heiligsten Dinge, Familie, Eigentum, Ehe, verhöhnt werden!
„Nun, und Molière?“ sagte Bouvard.
Marescot, als Mann von Geschmack, erwiderte, daß Molière nicht mehr gespielt werde und etwas überschätzt worden sei.
„Schließlich,“ sagte der Graf, „war Viktor Hugo ohne Erbarmen, ja ohne Erbarmen für Marie Antoinette, indem er die Gestalt der Königin in der Person Marie Tudors durch den Schmutz zog!“
„Wie!“ rief Bouvard, „ich habe als Autor nicht das Recht...“
„Nein, mein Herr, Sie haben nicht das Recht, uns das Verbrechen zu zeigen, ohne ihm die Moral gegenüberzustellen, ohne uns eine Belehrung zu bieten.“
Vaucorbeil fand ebenfalls, die Kunst müsse einen Zweck haben: sie solle die Besserung der Massen im Auge haben! „Man besinge die Wissenschaft, unsere Entdeckungen, den Patriotismus,“ und er bewunderte Casimir Delavigne.
Frau Bordin rühmte den „Marquis von Foudras“. Der Notar fuhr fort:
„Doch vergessen Sie nicht die Sprache!“
„Wieso, die Sprache?“
„Man meint den Stil!“ schrie Pécuchet. „Finden Sie, daß seine Werke gut geschrieben seien?“
„Gewiß, sie sind sehr interessant!“
Er zuckte die Achseln, -- und sie errötete über die Impertinenz.
Mehrere Male hatte Frau Bordin versucht, auf ihre Angelegenheit zurückzukommen. Es war zu spät, um den Handel abzuschließen. Sie verließ das Haus am Arme Marescots.
Der Graf verteilte seine Pamphlete und empfahl, sie unter die Leute zu bringen.
Vaucorbeil wollte aufbrechen, als Pécuchet ihn festhielt.
„Sie vergessen mich, Doktor.“
Sein gelbes Gesicht mit dem Schnurrbart und den schwarzen Haaren, die unter einem schlecht umgebundenen Tuche herabhingen, sah jammervoll aus.
„Purgieren Sie sich,“ sagte der Arzt. Und indem er ihm wie einem Kinde zwei leichte Schläge gab: „Zu viel Nerven, zu viel Künstler!“
Diese Vertraulichkeit machte Pécuchet Vergnügen. Sie beruhigte ihn, -- und sobald sie allein waren: „Du meinst, es sei nicht ernst?“
„Nein, wahrhaftig!“
Sie besprachen noch einmal, was sie soeben gehört hatten. Der Wert der Kunst besteht für jeden in der Seite, die seinen Interessen entspricht. Man liebt die Literatur nicht.
Dann durchblätterten sie die Druckschriften des Grafen. Alle verlangten das allgemeine Stimmrecht.
„Mir scheint,“ sagte Pécuchet, „wir werden bald Krawall bekommen.“ Denn er sah alles schwarz, vielleicht wegen seiner Gelbsucht.
VI
Am Morgen des 25. Februar 1848 hörte man in Chavignolles von einem von Falaise kommenden Unbekannten, Paris sei voller Barrikaden, und am folgenden Tage war die Verkündigung der Republik an der Bürgermeisterei angeschlagen.
Dieses große Ereignis setzte die Bürger in Verblüffung. Doch als man erfuhr, daß der Kassationshof, das Appellationsgericht, die Oberrechnungskammer, das Handelsgericht, die Kammer der Notare, die Korporation der Rechtsanwälte, der Staatsrat, die Universität, die Generäle und Herr von la Rochejacquelein in eigener Person sich für die provisorische Regierung erklärten, atmete man erleichtert auf; und da man in Paris Freiheitsbäume pflanzte, entschied der Magistrat, man müsse solche auch in Chavignolles haben.
Bouvard schenkte einen, denn der Triumph des Volkes hatte sein patriotisches Herz erfreut; was Pécuchet anlangte, so bestätigte der Sturz des Königtums zu sehr seine Voraussage, als daß er nicht befriedigt gewesen wäre.
Gorju, der ihnen eifrig zur Hand ging, grub eine der Pappeln aus, welche die Wiese unterhalb des Hügels säumten, und brachte sie bis zur „Kuhgasse“ am Eingang des Fleckens an die bezeichnete Stelle.
Noch ehe die Feierlichkeit begann, erwarteten alle drei den Zug.
Trommelwirbel erklang, ein silbernes Kreuz wurde sichtbar; dann erschienen zwei Armleuchter, die von Kantoren getragen wurden, und der Herr Pfarrer mit Stola, Chorhemd, Chormantel und Barett. Vier Chorknaben begleiteten ihn, ein fünfter trug den Eimer mit dem Weihwasser, und der Küster folgte hinterdrein.
Der Priester trat auf den aufgeworfenen Rand des Pflanzloches, in welchem die mit dreifarbigen Bändchen verzierte Pappel stand. Gegenüber sah man den Bürgermeister und seine beiden Beigeordneten, Beljambe und Marescot, ferner die Honoratioren, Herrn von Faverges, Vaucorbeil, Coulon, den Friedensrichter, einen guten Kerl mit schläfrigem Gesicht. Heurtaux hatte sich eine Polizistenmütze aufgesetzt, und Alexander Petit, der neue Lehrer, hatte seinen Gehrock angezogen, einen ärmlichen grünen Gehrock, den er als Sonntagsanzug zu tragen pflegte. Die Feuerwehrleute, die Girbal, den Säbel in der Hand, anführte, bildeten eine einzige Reihe; auf der anderen Seite glänzten die weißen Metallschilder von ein paar alten Tschakos aus Lafayettes Zeiten; es waren fünf oder sechs, nicht mehr, -- denn die Nationalgarde war in Chavignolles aus der Mode gekommen. Bauern mit ihren Frauen, Arbeiter der nahen Fabriken, Straßenjungen drängten sich dahinter; und Placquevent, der Feldhüter, der fünf Fuß acht Zoll groß war, hielt sie mit seinem Blick im Zaume, während er mit verschränkten Armen auf und ab ging.
Die Ansprache des Geistlichen war wie die anderer Priester bei ähnlichen Gelegenheiten.
Nachdem er gegen die Könige gedonnert hatte, verherrlichte er die Republik. Spricht man nicht von einer Gelehrten-Republik? Was gibt es Harmloseres als die eine, was Schöneres als die andere? Jesus Christus prägte unsere hehre Devise: Der Baum des Volkes, das war der Stamm des Kreuzes. Damit die Religion ihre Früchte trage, bedürfe sie der Nächstenliebe, und im Namen der Nächstenliebe beschwor der Geistliche seine Mitbrüder, keine Ausschreitungen zu begehen, friedlich nach Hause zurückzukehren.
Dann besprengte er das Bäumchen, während er den Segen Gottes erflehte. „Möge es wachsen und uns an die Befreiung von aller Knechtschaft erinnern und an diese Brüderlichkeit, die wohltätiger ist als der Schatten seiner Zweige! Amen!“
Stimmen wiederholten „Amen!“ und nach einem Trommelwirbel nahm die Geistlichkeit, die ein Te Deum anstimmte, den Weg zur Kirche zurück.
Ihre Teilnahme hatte einen außerordentlich guten Eindruck gemacht. Die einfachen Leute erblickten darin eine Verheißung von zukünftigem Glück, die Patrioten eine Ehrerweisung vor ihren Grundsätzen.
Bouvard und Pécuchet fanden, man hätte ihnen für ihr Geschenk Dank sagen, wenigstens eine Anspielung darauf machen müssen; und sie öffneten ihr Herz dem Grafen und dem Doktor.
Was taten derartige Kümmernisse! Vaucorbeil war über die Revolution entzückt, der Graf ebenfalls. Er verabscheute die Orleans. Man würde sie nicht wiedersehen; glückliche Reise! Von nun an alles für das Volk! Und mit seinem Faktotum Hurel, der ihm folgte, suchte er den Herrn Pfarrer einzuholen.
Foureau ging gesenkten Hauptes zwischen dem Notar und dem Wirt; er war von der Feierlichkeit unangenehm berührt, denn er hatte Furcht vor einem Aufstand; und instinktmäßig wandte er sich nach dem Feldhüter um, der mit dem Hauptmann die Unfähigkeit Girbals und die schlechte Haltung der Leute desselben beklagte.
Arbeiter kamen, die Marseillaise singend, über den Weg; Gorju, mitten unter ihnen, schwenkte seinen Stock; Petit folgte ihnen mit glänzendem Auge.
„So etwas liebe ich nicht!“ sagte Marescot, „das schreit, das regt sich auf!“
„Na, guter Gott! Jugend muß ihr Vergnügen haben!“ erwiderte Coulon.
Foureau seufzte:
„Sonderbares Vergnügen! und zum Schluß dann die Guillotine!“
Er sah im Geiste Bilder von Schafotten, war auf Schreckliches gefaßt.
Chavignolles zeigte die Rückwirkung der Pariser Erregung.
Die Bürger nahmen Abonnements auf Zeitungen. Des Morgens drängte man sich auf der Post, und die Vorsteherin würde ohne den Hauptmann, der ihr zuweilen half, nicht fertig geworden sein. Dann blieb man plaudernd auf dem Platze stehen.
Die erste heftige Erörterung drehte sich um Polen.
Heurtaux und Bouvard verlangten, man solle es befreien.
Herr von Faverges dachte anders:
„Mit welchem Recht würden wir dorthin gehen? Das hieße Europa gegen uns entfesseln! Keine Torheiten!“
Und da alle ihm zustimmten, schwiegen die beiden Polenfreunde.
Ein anderes Mal verteidigte Vaucorbeil die Rundschreiben Ledru-Rollins.
Foureau hielt ihm sogleich die 45-Centimes-Steuer entgegen.
„Doch die Regierung hatte die Sklaverei unterdrückt,“ sagte Pécuchet.
„Was kümmert mich die Sklaverei.“
„Nun gut, und die Abschaffung der Todesstrafe für politische Verbrecher?“
„Zum Teufel!“ erwiderte Foureau, „man möchte alles abschaffen. Indessen, wer weiß? Die Mieter machen schon solche Ansprüche!“
„Um so besser!“ Die Eigentümer waren nach Pécuchets Ansicht begünstigt. „Wer ein Haus besitzt...“
Foureau und Marescot unterbrachen ihn, indem sie schrien, er sei Kommunist.
„Ich! Kommunist!“
Und alle sprachen zu gleicher Zeit. Als Pécuchet vorschlug, einen Klub zu gründen, hatte Foureau die Unverschämtheit, zu antworten, so etwas werde es nie in Chavignolles geben.
Dann verlangte Gorju Flinten für die Nationalgarde, denn die öffentliche Meinung hätte ihn zum Instrukteur bestimmt.
Die einzigen vorhandenen Flinten waren die der Feuerwehrleute. Girbals Herz hing daran. Foureau machte keine Miene, ihm welche davon zu geben.
Gorju blickte ihn an:
„Man findet jedoch, daß ich damit umzugehen verstehe.“
Denn mit all seinen anderen Gewerben verband er noch das der Wilddieberei, und oft kauften der Herr Bürgermeister und der Wirt ihm einen Hasen oder ein Kaninchen ab.
„Meiner Treu! nehmt sie!“ sagte Foureau.
Noch denselben Abend begannen die Übungen.
Sie wurden auf dem Rasen vor der Kirche abgehalten, Gorju, in kurzer blauer Joppe, eine Binde um den Leib, führte die Übungen wie ein Automat aus. Seine Stimme war roh, wenn er kommandierte.
„Bauch herein!“
Und sogleich hielt Bouvard den Atem an, zog den Leib ein, streckte das Kreuz.
„Sie sollen sich nicht wie ein Bogen krümmen, in Teufels Namen!“
Pécuchet verwechselte Glied und Reihe, halbe Wendung rechts, halbe Wendung links; doch der jämmerlichste war der Lehrer: schmächtig und von winziger Gestalt, mit einem Kranz von blondem Barthaar, schwankte er unter dem Gewicht seiner Flinte, mit deren Bajonett er seine Nachbarn belästigte.
Man trug Hosen in allen Farben, schmutzige Wehrgehänge, alte Uniformstücke, die zu kurz waren und auf den Seiten das Hemd hervorsehen ließen; und jeder gab vor, „nicht in den Verhältnissen zu sein, sich anderes zu erlauben“. Es wurde eine Subskription eröffnet, um die Ärmsten einzukleiden. Foureau zeigte sich knickerig, während die Frauen sich hervortaten. Frau Bordin gab fünf Franken, trotz ihres Hasses auf die Republik. Herr von Faverges stattete zwölf Leute aus und fehlte nicht bei den Übungen. Dann ließ er sich bei dem Krämer nieder und bezahlte dem Erstbesten Schnäpse.
Die Mächtigen umschmeichelten damals die niedere Klasse. Die Arbeiter gingen voran. Man riß sich um den Vorzug, zu ihnen zu gehören. Sie wurden die Vornehmen.
Die aus dem Bezirk waren meist Weber; andere arbeiteten in den Kattunfabriken oder in einer unlängst errichteten Papierfabrik.
Gorju fesselte sie durch sein freches Mundwerk, lehrte sie Beinstoßen, nahm die Busenfreunde mit zum Trunke zu Frau Castillon.
Doch die Bauern waren stärker an Zahl, und an Markttagen ging Herr von Faverges auf dem Platze umher und unterrichtete sich über ihre Bedürfnisse, versuchte sie zu seinen Ansichten zu bekehren. Sie hörten ihn an, ohne zu antworten, wie der Vater Gouy, der bereit war, jede Regierung anzunehmen, vorausgesetzt, daß die Steuern herabgesetzt würden.
Durch sein vieles Schwatzen machte sich Gorju einen Namen. Vielleicht würde man ihn zum Abgeordneten wählen.
Herr von Faverges dachte in diesem Punkte wie er, während er zugleich vermied, sich bloßzustellen. Die Konservativen schwankten zwischen Foureau und Marescot. Da jedoch der Notar sein Bureau nicht im Stich lassen wollte, wurde Foureau ausersehen; ein Bauer, ein Idiot. Der Doktor war darüber entrüstet.
In allen Wettbewerben um eine Anstellung durchgefallen, sehnte er sich nach Paris, und das Bewußtsein eines verfehlten Lebens gab ihm eine mürrische Miene. Eine höhere Laufbahn sollte sich ihm nun eröffnen; welch eine Vergeltung! Er faßte ein politisches Glaubensbekenntnis ab und ging zu den Herren Bouvard und Pécuchet, um es ihnen vorzulesen.
Sie beglückwünschten ihn dazu; ihre Ansichten wären die gleichen. Indessen schrieben sie einen besseren Stil, kannten die Geschichte, hätten sich in der Kammer ebensogut wie er ausgenommen. Warum nicht? Doch wer von beiden sollte sich aufstellen? Und ein Kampf zarter Rücksichten begann.
Pécuchet gab dem Freunde den Vorzug vor sich selber.
„Nein, das kommt dir zu! Du siehst stattlicher aus!“
„Vielleicht,“ antwortete Bouvard, „aber du bist sicherer im Auftreten.“ Und ohne die schwierige Frage zu lösen, stellten sie Verhaltungsmaßregeln für sich auf.
Dieser Abgeordnetentaumel hatte noch andere ergriffen. Der Hauptmann träumte unter seiner Polizistenmütze davon, während er seine kurze Pfeife rauchte, und der Lehrer desgleichen in der Schule, und der Pfarrer ebenso zwischen zwei Gebeten, so daß er sich zuweilen mit zum Himmel gerichteten Augen überraschte, im Begriff zu sagen:
„Mache, o mein Gott, daß ich Abgeordneter werde!“
Der Doktor, dem man Mut gemacht hatte, begab sich zu Heurtaux und legte ihm dar, was für Aussichten er habe.
Der Hauptmann sagte ihm seine Meinung, ohne Umstände zu machen. Vaucorbeil sei ohne Zweifel bekannt, doch bei seinen Kollegen und besonders bei den Apothekern wenig beliebt. Alle würden ihn verlästern; das Volk wolle keinen feinen Herrn; seine besten Patienten würden ihn verlassen; und nachdem der Arzt diese Gründe erwogen, bedauerte er seine Schwäche.
Sobald er fort war, ging Heurtaux zu Placquevent. Unter alten Militärs erweist man sich gegenseitig Dienste. Aber der Feldhüter, der Foureau ganz ergeben war, schlug ihm rund seinen Beistand ab.
Der Pfarrer bewies Herrn von Faverges, daß die Stunde noch nicht gekommen sei. Man mußte der Republik die Zeit geben, sich abzunutzen.
Bouvard und Pécuchet stellten Gorju vor, daß er niemals stark genug sein würde, um die Koalition der Bauern und Bürger zu besiegen, erfüllten ihn mit Unsicherheit, nahmen ihm jedes Vertrauen.
Petit hatte aus Stolz seinen Wunsch durchblicken lassen. Beljambe gab ihm zu verstehen, daß er seiner Absetzung sicher sein könne, wenn er, Beljambe, durchfiele.
Schließlich befahl der Herr Erzbischof dem Pfarrer, sich ruhig zu verhalten.
Es blieb also nur noch Foureau.
Bouvard und Pécuchet bekämpften ihn, indem sie seine Ungefälligkeit in der Flintenangelegenheit, seinen Widerstand gegen den Klub, seine rückständigen Ideen, seinen Geiz anführten, -- und sie redeten sogar Gouy ein, Foureau wolle das „Ancien Régime“ wiederaufrichten.
So unbestimmt das auch für den Bauern war, er verabscheute es mit einem Haß, der sich durch ein Jahrtausend in der Seele seiner Vorfahren angehäuft hatte, -- und er verhetzte gegen Foureau alle seine Verwandten und die seiner Frau, Schwäger, Vettern, Großneffen, eine ganze Horde.
Gorju, Vaucorbeil und Petit setzten die Vernichtung des Herrn Bürgermeisters weiter fort; und nachdem das Terrain so geebnet war, konnten Bouvard und Pécuchet, ohne daß jemand es merkte, Erfolg haben.
Sie losten darum, wer sich aufstellen solle. Das Los entschied nichts, -- und sie gingen zum Doktor, um ihn um Rat zu fragen.
Er teilte ihnen eine Neuigkeit mit: Flacardoux, Redakteur des ‚Calvados‘, hatte seine Kandidatur bekannt gegeben. Die Enttäuschung der beiden Freunde war groß: jeder fühlte außer der eigenen die des andern mit. Doch die Politik brachte sie in Hitze. Am Wahltage überwachten sie die Urnen. Flacardoux wurde gewählt.
Der Herr Graf hatte sich bei der Nationalgarde zu entschädigen versucht, aber die Majorsepauletten hatte er nicht bekommen. In Chavignolles gedachte man, Beljambe zu ernennen.
Diese sonderbare und unvorhergesehene Gunst des Publikums brachte Heurtaux aus der Fassung. Er hatte seine Pflichten vernachlässigt und sich darauf beschränkt, die Übungen zuweilen zu besichtigen und Beobachtungen von sich zu geben. Gleichviel! Er fand es ungeheuerlich, daß man einem Wirt vor einem ehemaligen Hauptmann des Kaiserreichs den Vorzug gab, und er sagte nach der Überrumpelung der Kammer am 15. Mai: „Wenn die militärischen Grade in der Hauptstadt ebenso vergeben werden, dann wundere ich mich nicht über die Vorkommnisse!“
Die Reaktion begann.