Bouvard und Pécuchet: Roman aus dem Nachlass
Part 12
Allen diesen Büchern machten sie den Vorwurf, daß sie nichts mehr über das Milieu, die Epoche, das Kostüm der Personen sagten; das Herz allein wurde behandelt; immer Gefühle! Als wenn die Welt aus nichts anderem bestände.
Dann versuchten sie es mit humoristischen Romanen, wie die „Reise durch mein Zimmer“ von Xavier de Maistre, „Unter den Linden“ von Alphonse Karr. Bei dieser Art von Büchern wird die Erzählung unterbrochen, damit der Autor von seinem Hunde, von seinen Pantoffeln oder von seiner Geliebten sprechen kann. Zuerst entzückte sie ein solches Sichgehenlassen, dann schien es ihnen dumm, denn der Verfasser schädigt sein Werk, indem er sich mit seiner Person darin breit macht.
Aus Hang zum Dramatischen vertieften sie sich in die Abenteuerromane; die Intrigue interessierte sie um so mehr, je verwickelter, außerordentlicher und unmöglicher sie war. Sie bemühten sich, die Lösung vorauszusehen, wurden darin sehr stark und verloren den Geschmack am spielerisch Leichten, der ernsthafter Geister unwürdig sei.
Balzacs Werk setzte sie in Staunen, denn es war ein Babylon und nahm sich zugleich wie Staubkörner unter dem Mikroskop aus. Von den alltäglichsten Dingen entstand ein neues Bild. Sie hatten nicht vermutet, daß das moderne Leben so tief sei.
„Welch ein Beobachter!“ rief Bouvard aus.
„Ich finde, er ist ein Phantast,“ sagte schließlich Pécuchet.
„Er glaubt an die okkulten Wissenschaften, an die Anarchie, den Adel, ist von den Schurken geblendet, rührt in Millionen herum, als wenn es Centimes wären, und seine Bürger sind keine Bürger, sondern Kolosse. Warum aufblasen, was platt ist, und soviel Dummheiten beschreiben! Er hat einen Roman über die Chemie geschrieben, einen anderen über das Bankwesen, einen dritten über Druckmaschinen. Gerade wie ein gewisser Ricard ‚Der Droschkenkutscher‘, ‚Der Wasserträger‘, ‚Der Kokosnußhändler‘ geschrieben hatte. Wir würden Romane über alle Berufe und alle Provinzen bekommen, dann über alle Städte und die Etagen eines jeden Hauses und jedes Individuum, was keine Literatur mehr wäre, sondern Statistik oder Ethnographie.“
Bouvard zufolge hatte das Verfahren nur geringe Bedeutung. Er wollte sich unterrichten, in der Kenntnis der Sitten weiterkommen. Er las Paul de Kock wieder, durchblätterte alte Nummern der Zeitschrift: „Der Eremit der Chaussée d’Antin.“
„Wie kann man seine Zeit mit solchen Torheiten vergeuden,“ sagte Pécuchet.
„Aber in der Folgezeit wird das als Dokument sehr interessant sein.“
„Geh zum Teufel mit deinen Dokumenten! Ich verlange etwas, das mich begeistert, das mich dem Elend dieser Welt entrückt!“
Und Pécuchet, dessen Gedanken auf das Ideale gerichtet waren, lenkte Bouvards Aufmerksamkeit, ohne daß dieser es merkte, auf die Tragödie.
Die Ferne, in der sie vor sich geht, die Interessen, die man darin behandelt, und der Rang der Personen gaben ihnen gleichsam ein Gefühl von Größe.
Eines Tages nahm Bouvard „Atalie“ zur Hand und trug den Traum so ausgezeichnet vor, daß Pécuchet ihn seinerseits versuchen wollte. Gleich von den ersten Worten an verlor sich seine Stimme in einer Art Gemurmel. Sie war eintönig und trotz ihrer Stärke undeutlich.
Bouvard, der voller Erfahrung darin war, riet ihm, um sie geschmeidig zu machen, sie vom tiefsten bis zum höchsten Tone und umgekehrt zu entfalten -- indem er zwei Tonleitern, eine steigende und eine fallende, übte -- und er selbst gab sich dieser Übung morgens in seinem Bette hin, nach der Vorschrift der Griechen auf dem Rücken liegend. Pécuchet übte während jener Zeit auf dieselbe Weise: ihre Tür war geschlossen, und sie blökten jeder für sich.
Was ihnen an der Tragödie gefiel, war der Schwung, die Reden über Politik, die verderbten Grundsätze.
Sie lernten die berühmtesten Dialoge aus Racine und Voltaire auswendig, und sie sagten sie im Hausflur her. Gerade wie im Théâtre Français ging Bouvard, die Hand auf Pécuchets Schulter gelegt, indem er von Zeit zu Zeit stehen blieb, und er breitete, die Augen rollend, die Arme aus, klagte das Schicksal an. Er hatte im „Philoktet“ von La Harpe wundervolle Schmerzensschreie, in „Gabrielle von Vergy“ ein reizendes Schluchzen, und wenn er Dionys, den Tyrannen von Syrakus, darstellte, hatte er eine Art, seinen Sohn anzusehen, wenn er ihn: „Ungeheuer, meiner würdig!“ anredete, die wirklich schrecklich war. Pécuchet geriet darüber aus seiner Rolle. Die Mittel fehlten ihm, nicht der gute Wille.
Einmal kam ihm in der „Kleopatra“ von Marmontel der Gedanke, das Zischen der Natter wiederzugeben, so wie es der zu dem Zwecke von Vaucanson erfundene Automat hatte hervorbringen müssen. Es mißlang, und der verunglückte Versuch gab ihnen bis zum Abend zu lachen. Die Tragödie sank in ihrer Achtung.
Bouvard war ihrer zuerst müde, und indem er mit Freimut darüber sprach, zeigte er, wie künstlich und hinkend sie sei, wie dumm ihre Mittel und wie lächerlich die Vertrauten.
Sie machten sich an die Komödie, die Schule der feinen Nuancen. Man muß die Sätze zergliedern, die einzelnen Worte hervorheben, die Silben wägen. Pécuchet konnte nicht damit fertig werden und scheiterte vollständig in „Célimène“.
Zudem fand er die Liebenden sehr kühl, die Klugschwätzer langweilig, die Diener unausstehlich, Clitander und Sganarelle ebenso falsch wie Ägisth und Agamemnon.
Blieb die ernste Komödie oder bürgerliche Tragödie, in der man trostlose Familienväter, Diener, die ihre Herren retten, Reiche, die ihr Vermögen verschenken, unschuldige Näherinnen und elende Verführer sieht, ein Genre, das sich von Diderot bis zu Pixérécourt fortsetzt. Alle diese Tugend predigenden Stücke stießen sie durch ihre Trivialität ab.
Das Drama von 1830 entzückte sie durch seine Bewegung, seine Farbe, seine Jugendfrische.
Sie machten durchaus keinen Unterschied zwischen Victor Hugo, Dumas oder Bouchardy, und die Sprache durfte nicht mehr pomphaft oder fein, sondern mußte lyrisch, regellos sein.
Als Bouvard eines Tages versuchte, Pécuchet das Spiel Frédéric Lemaîtres beizubringen, erschien plötzlich Frau Bordin in ihrem grünen Schal, einen Band Pigault-Lebrun in der Hand, den sie zurückbrachte, denn die Herren hatten die Gefälligkeit, ihr zuweilen Romane zu leihen.
„Aber fahren Sie fort!“ denn sie stand dort seit einer Minute und hörte ihnen mit Vergnügen zu.
Sie machten Ausflüchte. Sie wurde dringend.
„Lieber Gott!“ sagte Bouvard, „nichts hindert uns!“
Pécuchet schützte aus falscher Scham vor, sie könnten nicht ohne Vorbereitung und ohne Kostüm spielen.
„In der Tat! wir müßten uns verkleiden!“
Und Bouvard suchte nach irgendeinem Gegenstand, fand nur die Zipfelmütze und setzte sie auf.
Da der Flur nicht breit genug war, gingen sie in den Salon hinab.
Spinnen liefen an den Wänden entlang, und die den Boden versperrenden geologischen Proben hatten weißen Staub über den Samt der Sessel gelegt. Über den am wenigsten schmutzigen breitete man ein Wischtuch, damit Frau Bordin sich setzen konnte.
Man mußte ihr etwas Ordentliches bieten. Bouvard war ein Verehrer des „Turms von Nesle“. Aber Pécuchet fürchtete sich vor den Rollen, die zu viel Spiel erfordern.
„Sie wird Klassisches vorziehen! Wie war’s mit Phädra?“
„Ausgezeichnet!“
Bouvard erzählte die Fabel. -- „Es ist eine Königin, deren Gatte von einer anderen Frau einen Sohn hat. Sie ist toll verliebt in den jungen Mann, -- bist du bereit? Dann also los!“
„_Ja, Prinz, ich schmachte, ich bin entbrannt für Theseus. Ich liebe ihn._“
Und während er zu Pécuchet von der Seite sprach, bewunderte er dessen Haltung, Gesicht, „dies Haupt, das mich berückt,“ jammerte, ihn nicht auf den griechischen Schiffen gesehen zu haben, hätte sich mit ihm ins Labyrinth verlieren mögen.
Die Quaste der roten Mütze neigte sich verliebt, -- und seine zitternde Stimme und sein gutes Gesicht beschworen den Grausamen, mit seiner Liebesraserei Mitleid zu haben. Pécuchet ächzte, um Erregung zu zeigen, während er sich umwandte.
Frau Bordin, die regungslos zuhörte, riß die Augen auf wie vor Taschenspielern; Mélie horchte hinter der Tür. Gorju sah ihnen in Hemdsärmeln durch das Fenster zu.
Bouvard begann die zweite Tirade. Sein Spiel drückte die Raserei der Sinne aus, Gewissensbisse, Verzweiflung; und er stürzte sich mit solcher Gewalt auf das hinzugedachte Schwert Pécuchets, daß er, zwischen den Steinen stolpernd, beinahe hinfiel.
„Lassen Sie sich dadurch nicht stören! Dann kommt Theseus, und sie vergiftet sich!“
„Arme Frau!“ sagte Frau Bordin.
Schließlich baten sie sie, ihr ein Stück anzugeben.
Die Wahl machte ihr Verlegenheit. Sie hatte nur drei Stücke gesehen: „Robert der Teufel“ in der Hauptstadt, „Der junge Gatte“ in Rouen, und ein drittes in Falaise, das sehr lustig war, und das man „Die Karre des Essigkrämers“ nannte.
Endlich schlug ihr Bouvard die große Szene aus dem dritten Akt des „Tartufe“ vor.
Pécuchet hielt eine Erklärung für nötig:
„Man muß wissen, daß Tartufe...“
Frau Bordin unterbrach ihn: „Das ist bekannt, was ein Tartufe ist!“
Bouvard hatte wegen einer bestimmten Stelle ein Kostüm gewünscht.
„Ich sehe nur das Mönchsgewand,“ sagte Pécuchet.
„Einerlei! nimm es!“
Er kam damit zurück, einen Molière in der Hand.
Der Anfang war mittelmäßig. Doch als Tartufe wagt, Elmirens Knie zu streicheln, sagte Pécuchet im Ton eines Gendarmen:
„_Was will da Ihre Hand?_“
Bouvard erwiderte sehr schnell mit süßer Stimme:
„_Ich befühle Ihr Gewand, sein Stoff ist seidenweich._“
Seine Augen flammten, er bot den Mund dar, schnob, sah äußerst sinnlich aus, wandte sich schließlich Frau Bordin zu.
Die Blicke dieses Mannes setzten sie in Verlegenheit, -- und als er einhielt, unterwürfig und zitternd, suchte sie fast nach einer Antwort.
Pécuchet nahm seine Zuflucht zum Buch: „Die Erklärung ist höchst galant.“
„Ah, ja!“ rief sie, „das ist ein hübscher Verführer.“
„Nicht wahr?“ erwiderte stolz Bouvard. „Doch hier ist etwas anderes von modernerem Zuschnitt. Und nachdem er seinen Rock abgelegt hatte, kauerte er auf einem Bruchsteine nieder und rezitierte mit zurückgelehntem Kopf:
_Laß deiner Augen Flammen versengen meine Wimpern, Sing mir ein Lied, wie zuweilen am Abend Du mir es sangst, mit Tränen im dunklen Aug’._
„Das ähnelt mir,“ dachte sie.
_Laß uns glücklich sein und trinken, denn der Becher ist gefüllt. Denn die Stunde ist unser und der Rest ist Torheit!_
„Wie komisch Sie sind!“
Und sie lachte mit kurzem Lachen, das ihren Busen hob und ihre Zähne entblößte.
_Ist’s nicht süß, Zu lieben und zu wissen, daß kniend man Euch liebt?_
Er kniete nieder.
„Bringen Sie es doch zu Ende!“
_O, laß mich schlafen und träumen an Deiner Brust, Dona Sol, meine Schönheit, meine Liebe._
„Hier hört man die Glocken, ein Mann aus dem Gebirge stört sie.“
„Glücklicherweise! denn sonst....!“ Und Frau Bordin lächelte, anstatt ihren Satz zu beenden. Die Dämmerung fiel. Frau Bordin erhob sich.
Es hatte eben geregnet, und der Weg durch den Buchengang war nicht bequem; es war besser, über die Felder nach Hause zu gehen. Bouvard begleitete sie in den Garten, um ihr die Tür zu öffnen.
Zuerst gingen sie an den Pyramiden-Bäumchen entlang, ohne zu reden. Er war noch von seiner Rezitation erregt, -- und sie empfand auf dem Grunde der Seele etwas wie eine Überraschung, einen Zauber, der von der Literatur herrührte. Die Kunst erschüttert bei gewissen Anlässen die mittelmäßigen Geister, -- und durch die plumpsten Interpreten können Welten geoffenbart werden.
Die Sonne war wieder hervorgekommen, ließ die Blätter erglänzen, warf hier und dort leuchtende Flecke durch das Dickicht. Drei Sperlinge hüpften zirpend auf dem Stumpf einer gefällten alten Linde. Ein blühender Dorn breitete seine rote Garbe aus, schwerer Flieder neigte sich herab.
„Ach! das tut gut!“ sagte Bouvard, indem er die Luft in vollen Zügen einsog.
„Sie strengen sich aber auch dabei an!“
„Ich will nicht sagen, daß ich Talent habe, aber was das Feuer betrifft, das besitze ich.“
„Man sieht...,“ fuhr sie fort, indem sie zwischen den Worten einhielt, „daß Sie... geliebt haben... früher!“
„Früher nur, glauben Sie!“
Sie blieb stehen.
„Das kann ich nicht wissen!“
Was wollte sie damit sagen? Und Bouvard fühlte sein Herz klopfen.
Eine Wasserlache inmitten des Sandes, die sie zu einem Umwege zwang, nötigte sie, unter den Laubengang zu gehen.
Dann plauderten sie von der Vorstellung.
„Wie heißt Ihr letztes Stück?“
„Es ist aus ‚Hernani‘, einem Drama.“
„Ach!“ dann langsam und wie zu sich selbst: „Es muß recht angenehm sein, wenn ein Herr einem derartige Sachen sagt, -- im Ernst.“
„Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung,“ antwortete Bouvard.
„Sie?“
„Ja! Ich!“
„Welch ein Scherz!“
„Nicht im allergeringsten!“
Und nachdem er einen Blick umhergeworfen hatte, faßte er sie um die Taille und küßte sie kräftig auf den Nacken.
Sie wurde sehr bleich, als wenn sie ohnmächtig werden wollte, -- und sie suchte mit einer Hand einen Halt an einem Baum; dann schlug sie die Augen auf und schüttelte den Kopf.
„Das ist vorbei!“
Er sah sie verdutzt an.
Als das Tor geöffnet war, trat sie auf die Schwelle der kleinen Pforte. Ein Wassergraben strömte auf der anderen Seite. Sie raffte ihren faltigen Rock in die Höhe und stand unentschlossen am Rande.
„Soll ich Ihnen helfen?“
„Nicht nötig.“
„Warum?“
„Ach! Sie sind zu gefährlich!“
Und bei dem Sprunge, den sie machte, zeigte sich ihr weißer Strumpf.
Bouvard machte sich Vorwürfe, die Gelegenheit nicht benutzt zu haben. Bah, sie würde sich wiederfinden, -- und dann sind die Frauen nicht alle gleich. Diesen muß man schnell zusetzen, mit jenen verdirbt man es, wenn man sich kühn zeigt. Im ganzen war er mit sich zufrieden -- und wenn er seine Hoffnung Pécuchet nicht anvertraute, so geschah es aus Furcht vor Bemerkungen, und keineswegs aus Zartgefühl.
Von jenem Tage an rezitierten sie vor Mélie und Gorju, während sie zugleich bedauerten, kein Salontheater zu haben.
Die kleine Magd belustigte sich dabei, ohne etwas zu verstehen, verdutzt über die Sprache, gefesselt durch das Summen der Verse. Gorju äußerte seinen Beifall bei den philosophischen Stellen der Tragödie und bei allem, was es für das Volk in den Melodramen gab! -- derart, daß sie, über seinen Geschmack entzückt, daran dachten, ihm Stunden zu geben, um ihn später Schauspieler werden zu lassen. Diese Aussicht blendete den Handwerker.
Das Gerede von ihrer Betätigung hatte sich verbreitet. Vaucorbeil erzählte es ihnen in spöttelnder Weise. Allgemein verachtete man sie.
Sie stiegen dadurch in ihrer Selbstachtung. Sie weihten sich der Kunst. Pécuchet trug einen Schnurrbart, und Bouvard wußte nichts Besseres bei seiner runden Physiognomie und seiner Kahlheit, als „einen Bérangerkopf“ abzugeben.
Schließlich faßten sie den Plan, ein Stück zu schreiben.
Das schwierige war, einen Stoff zu finden.
Sie suchten während des Frühstücks darnach, und sie tranken Kaffee, die für das Hirn unentbehrliche Flüssigkeit, dann zwei bis drei Gläschen Schnaps. Sie legten sich auf ihrem Bette schlafen; darauf stiegen sie in den Obstgarten, schritten auf und ab, gingen schließlich aus, um draußen die Inspiration zu suchen, wanderten Seite an Seite und kehrten erschöpft heim.
Oder sie schlossen sich ein. Bouvard säuberte den Tisch, legte Papier vor sich hin, tauchte die Feder ein, und seine Augen blieben an der Decke kleben, während Pécuchet sinnend, mit ausgestreckten Beinen und gesenktem Haupte, im Sessel saß.
Zuweilen spürten sie ein Erschauern und etwas wie das Wehen eines Gedankens; im Augenblick, wo sie ihn fassen wollten, war er verschwunden.
Doch gibt es Methoden, um Stoffe zu entdecken. Man wählt aufs Geratewohl einen Titel, und ein Ereignis ergibt sich daraus; man entwickelt ein Sprichwort; man verschmilzt mehrere Abenteuer zu einem einzigen. Keines dieser Mittel führte zum Ziele. Sie durchblätterten vergeblich die Anekdotensammlungen, mehrere Bände berühmter Kriminalfälle, eine Menge Geschichten.
Und sie träumten davon, im Odeon aufgeführt zu werden, dachten ans Schauspiel, sehnten sich nach Paris.
„Ich war zum Schauspieler geboren und nicht dazu, mich auf dem Lande zu vergraben!“ sagte Bouvard.
„Ich desgleichen,“ antwortete Pécuchet.
Es kam ihnen eine Erleuchtung; wenn es ihnen so schwer wurde, so lag das daran, daß sie die Regeln nicht kannten.
Und sie studierten sie in der „Praxis des Theaters“ und einigen anderen weniger aus der Mode gekommenen Werken.
Wichtige Fragen werden darin behandelt: ob die Komödie in Versen abgefaßt werden kann; -- ob die Tragödie nicht die Grenzen überschreitet, wenn sie ihren Stoff der modernen Geschichte entlehnt; -- ob die Helden tugendhaft sein sollen; -- welche Art von Schurken sie verträgt; -- bis zu welchem Grade das Schreckliche darin erlaubt ist; -- daß die Einzelheiten einen einzigen gemeinsamen Endzweck haben, daß das Interesse sich steigere, daß der Schluß dem Anfang entspreche, natürlich!
_Erfindet Motive, die mich zu fesseln vermögen_,
sagt Boileau.
Wie Motive erfinden?
_Bei allem, was ihr sagt, muß Leidenschaft sich regen, zu Herzen gehn, es rühren und erwärmen._
Wie das Herz erwärmen?
Also genügen die Regeln nicht; es ist außerdem Genie nötig.
Und auch das Genie genügt nicht. Corneille verstand der französischen Akademie zufolge nichts vom Theater. Geoffroy verunglimpfte Voltaire. Racine wurde von Subligny verhöhnt. La Harpe brüllte beim Namen Shakespeares.
Da die alte Kritik sie anwiderte, wollten sie die moderne kennen lernen, und sie ließen sich die Theaterberichte der Zeitungen kommen.
Welche Sicherheit! Welches Voreingenommensein! Welche Unredlichkeit! Meisterwerke werden verunglimpft, Plattheiten in den Himmel gehoben -- und die Eseleien jener, die für bedeutend gelten, und die Dummheiten dieser, die man als geistreich hinstellt!
Doch vielleicht muß man sich auf das Publikum verlassen.
Aber manchmal mißfielen ihnen Werke, die beklatscht worden waren, und an den ausgepfiffenen behagte ihnen manches.
So ist die Meinung der Leute von Geschmack unzuverlässig und das Urteil der Menge unverständlich.
Bouvard stellte Barberou vor das Dilemma. Pécuchet wiederum schrieb an Dumouchel.
Der ehemalige Handlungsreisende war erstaunt über die Verstumpfung, die die Provinz bewirkt hätte, sein alter Bouvard zähle zum alten Eisen, kurz, „sei nicht wiederzuerkennen“.
Das Theater sei eine Absatzware wie eine andere. Das gehöre zum Artikel Paris. -- Man geht ins Schauspiel, um sich zu zerstreuen. Dasjenige ist gut, welches belustigt.
„Einfaltspinsel,“ rief Pécuchet, „was dich belustigt, ist nicht das, was mich belustigt, und die andern und du selber, ihr werdet seiner später müde werden. Wenn die Stücke durchaus geschrieben sind, um aufgeführt zu werden, wie kommt es, daß die besten immer nur gelesen werden?“ Und er wartete auf Dumouchels Antwort.
Dem Professor zufolge bewies die erste Aufnahme eines Stückes nichts. Der „Misanthrop“ und „Athalie“ wären durchgefallen. „Zaïre“ werde nicht mehr verstanden. Wer spricht heute von Ducange und von Picard? Und er erinnerte sie an alle großen Erfolge der Zeit von „Fanchon la Vielleuse“ bis zu „Gaspardo le Pêcheur“, beklagte den Verfall unserer Bühne. Der Grund desselben ist die Mißachtung der Literatur oder vielmehr des Stils.
Da fragten sie sich, worin eigentlich der Stil bestehe, und sie erfuhren das Geheimnis aller seiner Arten dank den von Dumouchel angegebenen Autoren.
Wie man den majestätischen, den temperierten, den naiven erhält, die Wendungen, die edel, und die Worte, die gemein sind. „Hunde“ wird durch „gefräßig“ gehoben. „Speien“ gebraucht man nur in figürlichem Sinne. „Fieber“ wird für Leidenschaften verwandt. „Tapferkeit“ nimmt sich schön im Verse aus.
„Wenn wir Verse machten?“ sagte Pécuchet.
„Später! Halten wir uns zunächst an die Prosa.“
Es wird ausdrücklich empfohlen, einen Klassiker zum Muster zu nehmen, aber alle haben ihre Gefahren, und nicht nur ihr Stil ist fehlerhaft, sondern auch ihre Sprache.
Eine solche Behauptung brachte Bouvard und Pécuchet aus der Fassung, und sie machten sich an das Studium der Grammatik.
Haben wir in unserer Sprache den bestimmten und den unbestimmten Artikel wie im Latein? Die einen sagen ja, die anderen nein. Sie wagten nicht, sich zu entscheiden.
Das Subjekt stimmt stets mit dem Verb überein, ausgenommen in den Fällen, wo das Subjekt nicht mit ihm übereinstimmt.
Früher unterschied man nicht zwischen dem Verbaladjektiv und dem Partizip des Präsens; doch die Akademie stellt eine Unterscheidung auf, die wenig bequem zu erfassen ist.
Sie waren glücklich, zu erfahren, daß „leur“ als Pronomen von Personen, aber auch von Sachen gebraucht wird, während „où“ und „en“ von Sachen und zuweilen von Personen gebraucht werden.
Soll man sagen „Cette femme a l’air bon“ oder „l’air bonne“? -- „une bûche de bois sec“ oder „de bois sèche“, -- „ne pas laisser de“ oder „que de“, -- „une troupe de voleurs survint“ oder „survinrent“?
Weitere Schwierigkeiten: „Autour“ und „à l’entour“, zwischen denen Racine und Boileau keinen Unterschied machten; -- „imposer“ oder „en imposer“, Synonyme bei Massillon und Voltaire; „croasser“ und „coasser“, die von Lafontaine verwechselt werden, der doch einen Raben von einem Frosch unterscheiden konnte.
Die Grammatiker sind sich allerdings nicht einig. Diese sehen eine Schönheit, wo jene einen Fehler entdecken. Sie stellen Prinzipien auf, deren Folgen sie nicht gelten lassen wollen, und sie erkennen Folgen an, deren Prinzipien sie ablehnen, stützen sich auf die Überlieferung, verwerfen die Meister und haben sonderbare Feinheiten. Ménage gibt „nentilles“ und „castonade“ den Vorzug vor „lentilles“ und „cassonade“. Bouhours verlangt „jérarchie“ und nicht „hiérarchie“ und Herr Chapsal „les œils de la soupe“.
Pécuchet besonders war über Jénin erstaunt. Wie? „des z’annetons“ sollte besser sein als „des hannetons“, „des z’aricots“ als „des haricots“, -- und unter Ludwig XIV. sprach man „Roume“ und Herr von „Lioune“ aus, anstatt „Rome“ und Herr von „Lionne“!
Littré gab ihnen den Gnadenstoß durch die Versicherung, daß es niemals eine wirkliche Rechtschreibung gegeben habe, und daß es niemals eine geben werde.
Sie schlossen daraus, daß die Syntax Phantasie und die Grammatik Täuschung sei.
Übrigens verkündete zu jener Zeit eine neue Rhetorik, man solle schreiben wie man spricht, und alles werde sich gut ausnehmen, wofern man nur empfunden, beobachtet habe.
Da sie empfunden und ihrer Ansicht nach auch beobachtet hatten, hielten sie sich der Schriftstellerei für fähig; ein Theaterstück wird durch die Enge des Rahmens schwierig, doch der Roman hat größere Freiheit. Sie suchten, um einen zu schreiben, nach Stoff in ihren Erinnerungen.
Pécuchet erinnerte sich eines seiner Bureauchefs, eines ganz niederträchtigen Menschen, und der Ehrgeiz packte ihn, sich an ihm durch ein Buch zu rächen.
Bouvard hatte in der Kneipe einen alten Schreiblehrer gekannt, einen Trunkenbold und heruntergekommenen Menschen. Nichts wäre spaßiger als diese Persönlichkeit.
Nach Verlauf einer Woche gedachten sie, diese Vorwürfe in einen zu verschmelzen, -- und dabei blieben sie stehen, gingen zu den folgenden über: eine Frau, die das Unglück einer Familie verursacht, -- eine Frau, ihr Gatte und ihr Liebhaber, -- eine Frau, die infolge fehlerhafter Bildung tugendhaft ist, ein Ehrgeiziger, ein schlechter Priester.
Sie versuchten mit diesen unbestimmten Konzeptionen Dinge zu verbinden, die ihr Gedächtnis ihnen lieferte, kürzten, fügten hinzu.
Pécuchet war für Empfindung und Gedanken, Bouvard für das Bild und die Farbe, -- und sie fingen an, einander nicht mehr zu verstehen; jeder war erstaunt, den andern so beschränkt zu finden.
Die Wissenschaft, welche man Ästhetik nennt, würde vielleicht ihre Meinungsverschiedenheiten beseitigen. Ein Freund Dumouchels, Professor der Philosophie, schickte ihnen ein Verzeichnis von Werken über die Materie. Sie arbeiteten jeder für sich und teilten einander ihre Betrachtungen mit.
Zunächst, was ist das Schöne?