Bouvard und Pécuchet: Roman aus dem Nachlass

Part 11

Chapter 113,610 wordsPublic domain

Allevy setzt für die Zahlen Figuren ein, wobei die Zahl 1 durch einen Turm, 2 durch einen Vogel, 3 durch ein Kamel ausgedrückt wird, und so weiter. Pâris beschäftigt die Einbildungskraft durch Wortspiele: ein mit Holzschrauben versehener Sessel ergibt: Clou, vis = Clovis; und da das Geräusch des Bratens „ric, ric“ macht, so rufen Weißlinge in einer Pfanne Chilperic ins Gedächtnis zurück. Fenaigle zerlegt die Welt in Häuser, die Kammern enthalten; jede Kammer hat vier Wände mit neun Flächen, und jede Fläche trägt ein Sinnbild. Also wird der erste König der ersten Dynastie in dem ersten Zimmer die erste Fläche einnehmen. Ein Leuchtturm auf einem Berge wird besagen, wie er hieß „Phar a mond“ System Pâris, -- und wenn man, wie Allevy rät, darunter einen Spiegel, der 4, einen Vogel, der 2, und einen Reifen, der 0 bedeutet, setzt, so erhält man 420, das Datum der Thronbesteigung dieses Fürsten.

Der größeren Klarheit wegen nahmen sie als mnemotechnische Basis ihr eigenes Haus, ihren Wohnort, indem sie mit jedem seiner Teile eine besondere Tatsache verknüpften, -- und der Hof, der Garten, die Umgegend, das ganze Land hatte keine andere Bedeutung, als ihrem Gedächtnis nachzuhelfen. Die Abgrenzungen auf den Feldern umschrieben gewisse Epochen, die Apfelbäume wurden zu genealogischen Bäumen, die Sträucher zu Schlachten, die Welt wurde Symbol. Sie suchten auf den Wänden eine Unmenge Dinge, die nicht da waren, sahen sie schließlich, aber wußten nicht mehr die Daten, die sie vorstellten.

Zudem sind die Jahreszahlen nicht immer richtig. Sie lernten aus einem Schulbuch, daß die Geburt Jesu um fünf Jahre früher angesetzt werden muß, als sie gewöhnlich angenommen wird, daß es bei den Griechen drei Arten der Olympiadenrechnung gab und bei den Lateinern acht Methoden, den Anfang des Jahres zu bestimmen. Lauter Anlässe zu Mißverständnissen, außer denen, die durch die Zodiaken, die Ären und die verschiedenen Kalender hervorgerufen werden.

Und von der Gleichgültigkeit gegen die Daten kamen sie zur Verachtung der Tatsachen.

Wichtig jedoch ist die Philosophie der Geschichte!

Bouvard vermochte nicht die berühmte Rede Bossuets zu Ende zu lesen.

„Der Adler von Meaux ist ein Schwindler! Er übersieht China, Indien und Amerika! Doch bemüht er sich, uns wissen zu lassen, daß Theodosius ‚die Freude der Welt war‘, daß Abraham ‚mit Königen wie mit Seinesgleichen umging‘, und daß die Philosophie der Griechen von den Hebräern herstammt. Seine Voreingenommenheit für die Hebräer fällt mir auf die Nerven.“

Pécuchet teilte diese Ansichten und wollte ihn veranlassen, Vico zu lesen.

„Wie kann man sagen,“ wandte Bouvard ein, „Fabeln seien wahrer als die Wahrheiten der Geschichtsschreiber?“

Pécuchet versuchte, die Mythen zu erklären, wobei er sich in die Scienza Nuova vertiefte.

„Willst du den Plan der Vorsehung leugnen?“

„Ich kenne ihn nicht,“ sagte Bouvard.

Und sie beschlossen, sich an Dumouchel zu wenden.

Der Professor gestand, daß er jetzt an der Geschichte irre geworden sei.

„Sie ändert sich jeden Tag. Man bestreitet die Existenz der römischen Könige und die Reisen des Pythagoras. Man greift Belisar, Wilhelm Tell und sogar den Cid an, der dank den letzten Entdeckungen ein gewöhnlicher Straßenräuber geworden ist. Es wäre zu wünschen, daß man keine Entdeckungen mehr machte, und das Institut sollte sogar eine Art Kanon aufstellen, der vorschreibt, was man glauben soll!“

In einem Postskriptum gab er kritische Regeln aus der Abhandlung Daunous:

„Als Beweis das Zeugnis der Massen anführen, schlechte Beweise; sie sind nicht da, wenn es gilt, Rede und Antwort zu stehen.

Alles Unmögliche verwerfen. Man zeigte Pausanias den Stein, den Saturn verschlungen hatte.

Die Architektur kann lügen; Beispiel: der Bogen des Forums, auf dem Titus der erste Besieger Jerusalems genannt wird, das vor ihm von Pompejus erobert wurde.

Die Münzen täuschen zuweilen. Unter Karl IX. prägte man Geld mit dem Stempel Heinrichs II.

Ziehen Sie die Gewandtheit der Fälscher, das Interesse der Verteidiger und Schmäher in Rechnung.“

Wenige Geschichtschreiber haben nach diesen Regeln gearbeitet, sondern alle in Hinsicht auf einen besonderen Fall, eine Religion, eine Nation, eine Partei, ein System, oder um die Könige zu tadeln, das Volk zu beraten, Beispiele von Sittlichkeit aufzustellen.

Die anderen, welche darauf Anspruch machen, nur zu erzählen, stehen nicht höher; denn man kann nicht alles sagen, es ist eine Auswahl nötig. Doch bei der Wahl der Dokumente wird ein gewisser Geist obsiegen, -- und da er wechselt den Verhältnissen des Schriftstellers entsprechend, so wird die Geschichte zu keinem sicheren Ergebnis kommen.

„Das ist traurig,“ dachten sie.

Indessen könnte man einen Gegenstand wählen, die Quellen erschöpfend durcharbeiten, sie genau analysieren, dann das Ganze zu einer Erzählung verdichten, die gleichsam ein Abriß der Dinge wäre und die volle Wahrheit widerspiegelte. Ein solches Werk schien Pécuchet ausführbar.

„Sollen wir nicht versuchen, eine Geschichte zu schreiben?“

„Nichts ist mir lieber! Doch welche?“

„In der Tat, welche?“

Bouvard hatte sich gesetzt, Pécuchet ging im Museum auf und ab, als sein Blick auf den Buttertopf fiel, und plötzlich stehen bleibend, sagte er:

„Wenn wir das Leben des Herzogs von Angoulême schrieben?“

„Aber das war ein Einfaltspinsel,“ erwiderte Bouvard.

„Das macht nichts! Die Nebenpersonen haben zuweilen einen ungeheuren Einfluß, und dieser hielt vielleicht das Steuer der Dinge in den Händen.“

Die Bücher würden ihnen die nötigen Aufschlüsse geben, und Herr von Faverges hatte deren ohne Zweifel selbst oder konnte solche durch Vermittlung ihm befreundeter alter Edelleute erhalten.

Sie sannen über dieses Vorhaben nach, besprachen es und beschlossen schließlich, vierzehn Tage auf der Gemeindebibliothek von Caen zu verbringen, um dort Nachforschungen anzustellen.

Der Bibliothekar stellte ihnen allgemeine Geschichtswerke und Broschüren zur Verfügung, nebst einer bunten Lithographie, welche Seine Hoheit den Herrn Herzog von Angoulême als Kniebild darstellte.

Das blaue Tuch seiner Uniform verschwand unter den Epauletten, den Ordenssternen und dem großen roten Band der Ehrenlegion. Ein äußerst hoher Kragen umschloß seinen langen Hals. Sein birnenförmiger Kopf war von den Löckchen seines Haupthaars und seines dünnen Backenbartes umrahmt, und schwere Augenlider, eine sehr starke Nase und dicke Lippen gaben seinem Gesicht den Ausdruck unbedeutender Güte.

Als sie ihre Aufzeichnungen gemacht hatten, entwarfen sie einen Plan:

Geburt und Kindheit wenig merkwürdig. Einer seiner Erzieher ist der Abbé Guénée, der Feind Voltaires. In Turin läßt man ihn eine Kanone gießen, und er studiert die Feldzüge Karls VIII. Auch wird er trotz seiner Jugend zum Obersten eines Nobelgardenregimentes ernannt.

1797. Seine Vermählung.

1814. Die Engländer bemächtigen sich der Stadt Bordeaux. Er eilt in ihrem Rücken herbei und zeigt sich den Einwohnern in Person. Beschreibung der Person des hohen Herrn.

1815. Bonaparte überrascht ihn. Sogleich ruft er den König von Spanien herbei, und Toulon wäre ohne Massena den Engländern zum Opfer gefallen.

Operationen im Süden. -- Er wird geschlagen, aber in Freiheit gesetzt gegen das Versprechen, die Kronjuwelen, die von dem Könige, seinem Onkel, in wilder Hast mitgeführt wurden, zurückzuerstatten.

Nach den „hundert Tagen“ kehrt er mit seinen Eltern zurück und lebt ruhig. Mehrere Jahre verstreichen.

Spanischer Krieg. -- Sobald er die Pyrenäen überschritten hat, folgt der Sieg überall dem Enkel Heinrichs IV. Er nimmt den Trocadero, erreicht die Säulen des Herkules, zerschmettert die Parteien, umarmt Ferdinand und kehrt zurück.

Triumphbögen, Blumen, von jungen Mädchen überreicht, Diners auf den Präfekturen, Te Deum in den Kathedralen. Die Pariser sind auf der Höhe des Wonnerausches. Die Stadt gibt ihm ein Bankett. In den Theatern werden Lieder zu Ehren des Helden gesungen.

Die Begeisterung nimmt ab. Denn im Jahre 1827 mißlingt zu Cherbourg ein Subskriptionsball.

Da er Großadmiral von Frankreich ist, besichtigt er die Flotte, die nach Algier in See sticht.

Juli 1830. Marmont setzt ihn vom Stande der Dinge in Kenntnis. Da gerät er in eine solche Wut, daß er sich die Hand am Degen des Generals verwundet.

Der König überträgt ihm den Oberbefehl über die sämtlichen Streitkräfte.

Er trifft im Bois de Boulogne die Abteilungen der Linie und findet ihnen gegenüber kein Wort.

Von Saint-Cloud eilt er zur Brücke von Sèvres. Kälte der Truppen. Das erschüttert ihn nicht. Die königliche Familie verläßt Trianon. Er setzt sich an den Fuß einer Eiche, entfaltet eine Karte, überlegt, steigt wieder aufs Pferd, kommt an Saint-Cyr vorbei und ruft den Zöglingen Worte der Hoffnung zu.

Zu Rambouillet verabschieden sich die Leibgarden.

Er schifft sich ein und ist während der ganzen Überfahrt krank.

Man muß dabei auf die wichtige Rolle hinweisen, welche die Brücken spielten. Zuerst setzte er sich nutzlos auf der Innbrücke der Gefahr aus, er nimmt die Saint-Esprit-Brücke und die Brücke von Lauriol; in Lyon sind ihm zwei Brücken verhängnisvoll, und sein Glück endet vor der Brücke von Sèvres.

Bild seiner Tugenden. Unnötig, seinen Mut zu rühmen, mit dem er eine weitsichtige Staatsklugheit verband. Denn er bot jedem Soldaten sechzig Franken, wenn er den Kaiser verlassen wolle, und in Spanien versuchte er die Anhänger der Konstitution mit Geld zu bestechen.

Seine Zurückhaltung war so groß, daß er seine Zustimmung gab zu der zwischen seinem Vater und der Königin von Etrurien geplanten Ehe, zur Bildung eines neuen Kabinetts nach den Erlassen, zur Abdankung zugunsten Chambords, zu allem, was man wollte.

Doch fehlte es ihm nicht an Festigkeit. In Angers löste er die Infanterie der Nationalgarde auf, die aus Eifersucht auf die Kavallerie und vermittels eines Manövers sich zu seiner Bedeckung gemacht hatte, derart, daß sich Seine Hoheit im Gedränge der Fußsoldaten befanden und Höchstdieselben kaum weiter konnten. Doch er tadelte die Kavallerie, die Grund zur Unordnung gegeben, und verzieh der Infanterie, ein wahrhaft salomonisches Urteil.

Seine Frömmigkeit zeigt sich in zahlreichen Andachtübungen und seine Milde darin, daß er die Begnadigung des Generals Debelle durchsetzte, welcher die Waffen gegen ihn erhoben hatte.

Intime Einzelheiten, Züge des hohen Herrn:

Auf dem Schloß Beauregard, wo er seine Kindheit verlebte, machte es ihm Vergnügen, mit seinem Bruder einen Teich zu graben, der noch zu sehen ist. Einmal besuchte er die Kaserne der Jäger, verlangte ein Glas Wein und trank es auf die Gesundheit des Königs.

Während er spazieren ging, wiederholte er, um den Schritt zu markieren, für sich: „Eins, zwei, eins, zwei, eins, zwei!“

Einzelne Worte von ihm haben sich erhalten:

Zu einer Abordnung von Einwohnern von Bordeaux: „Was mich darüber tröstet, daß ich nicht in Bordeaux bin, ist der Umstand, daß ich mich in Ihrer Mitte befinde.“

Zu den Protestanten von Nismes: „Ich bin ein guter Katholik, aber ich werde niemals vergessen, daß der erlauchteste meiner Ahnen Protestant war.“

Zu den Zöglingen von Saint-Cyr, als alles verloren ist: „Schön, meine Freunde! Die Nachrichten sind gut! Es steht gut! sehr gut!“

Nach der Abdankung Karls X.: „Da sie nichts von mir wissen wollen, mögen sie sehen, wie sie fertig werden!“

Und im Jahre 1814 bei jeder Gelegenheit in dem winzigsten Dorfe: „Kein Krieg mehr, keine Aushebungen, kein Staatsmonopol.“

Sein Stil war dem, was er sagte, ebenbürtig. Seine Erlasse überschreiten alles.

Der erste des Grafen von Artois begann folgendermaßen: „Franzosen, der Bruder Eures Königs ist angelangt!“

Der des Fürsten: „Ich bin da. Ich bin der Sohn Eurer Könige! Ihr seid Franzosen!“

Tagesbefehl, datiert Bayonne: „Soldaten, ich bin angelangt!“

Ein anderes Mal, bei voller Auflösung: „Fahrt fort, mit der Tatkraft, die dem französischen Soldaten ziemt, den Kampf fortzuführen, den Ihr begonnen habt. Frankreich erwartet es von Euch!“

Zuletzt in Rambouillet: „Der König ist mit der in Paris errichteten Regierung in Verhandlungen über ein Einvernehmen getreten, und nach allem steht zu erwarten, daß diese Verhandlungen ihrem Abschluß nahe sind.“ „Nach allem steht zu erwarten“ ist wundervoll.

„Ein Umstand verdrießt mich,“ sagte Bouvard, „nämlich, daß man nicht seine Herzensangelegenheiten erwähnt!“

Und sie notierten am Rande: „Den Liebeleien des Fürsten nachspüren!“

Als sie gehen wollten, kam dem Bibliothekar ein neuer Gedanke, und er zeigte ihnen ein zweites Porträt des Herzogs von Angoulême.

Auf diesem war er als Kürassier-Oberst von der Seite dargestellt mit noch kleinerem Auge, offenem Munde und straffem, flatterndem Haar.

Wie diese beiden Porträts miteinander vereinigen? Hatte er glattes oder krauses Haar, vorausgesetzt, daß er die Eitelkeit nicht so weit trieb, es sich brennen zu lassen?

Eine Frage von Wichtigkeit, wie Pécuchet meinte, denn das Haar gibt das Temperament, das Temperament das Individuum.

Bouvard dachte, daß man nichts über einen Mann weiß, solange man seine Leidenschaften nicht kennt, und um diese beiden Punkte aufzuhellen, gingen sie zum Schloß von Faverges. Der Graf war nicht anwesend, das verzögerte die Fertigstellung ihres Werkes. Sie kehrten ärgerlich nach Hause zurück.

Die Tür des Hauses stand weit offen; in der Küche niemand. Sie stiegen die Treppe empor; und was erblickten sie in Bouvards Zimmer? Frau Bordin, die nach rechts und links schaute:

„Verzeihen Sie,“ sagte sie, sich zu einem Lachen zwingend. „Seit einer Stunde suche ich Ihre Köchin, ich muß sie wegen meiner Konfitüren sprechen.“

Sie fanden sie tief eingeschlummert auf einem Stuhle im Holzstall. Man schüttelte sie wach. Sie schlug die Augen auf.

„Was gibt es wieder? Immer plagen Sie mich mit Ihren Fragen!“

Es war klar, daß Frau Bordin in Abwesenheit der Herren die Köchin ausfragte.

Germaine erwachte aus der Betäubung und erklärte, von einem Unwohlsein befallen zu sein.

„Ich bleibe da, Sie zu pflegen,“ sagte die Witwe.

Dann bemerkten sie im Hofe eine große Haube, deren Flügel im Winde wehten. Es war Frau Castillon, die Pächterin. Sie rief: „Gorju! Gorju!“

Und vom Boden antwortete hell die Stimme ihrer kleinen Dienstmagd:

„Er ist nicht da!“

Sie kam nach Verlauf von fünf Minuten mit roten Backen und in Erregung herunter. Bouvard und Pécuchet warfen ihr ihre Langsamkeit vor. Sie knöpfte ihnen ohne Murren ihre Gamaschen ab.

Dann gingen sie und besichtigten die Truhe.

Ihre Stücke lagen zerstreut auf dem Boden des Backhauses umher; die Schnitzereien waren beschädigt, die Türflügel zerbrochen.

Bei diesem Anblick, vor dieser neuen Enttäuschung schluckte Bouvard seine Tränen herunter, und Pécuchet wurde von einem Zittern befallen.

Gorju, der fast im selben Augenblick dazu kam, erklärte den Fall: er hatte gerade die Truhe herausgestellt, um sie zu lackieren, als eine verirrte Kuh sie umgeworfen hatte.

„Wessen Kuh?“ fragte Pécuchet.

„Ich weiß es nicht.“

„Nun! Sie hatten die Tür offen gelassen wie jetzt eben! Das ist Ihre Schuld!“

Übrigens verzichteten sie nun darauf. Schon zu lange halte er sie zum Narren, und sie dankten für seine Person wie für seine Arbeit.

Die Herren seien im Irrtum. Der Schaden sei nicht so groß. In weniger als drei Wochen würde alles fertiggestellt sein, und Gorju begleitete sie in die Küche, wo Germaine schleppenden Schrittes anlangte, um das Mahl zu bereiten.

Sie bemerkten auf dem Tische eine Flasche Calvados, die zu drei Vierteln geleert war.

„Gewiß von Ihnen!“ sagte Pécuchet zu Gorju.

„Ich! trinke nie einen Tropfen.“

Bouvard wandte ein:

„Sie waren der einzige Mann im Hause.“

„Na, und die Frauen?“ entgegnete der Arbeiter mit einem Seitenblick.

Germaine fing ihn auf:

„Sagen Sie lieber, ich sei es gewesen!“

„Gewiß, Sie sind es!“

„Und vielleicht habe ich auch den Schrank zerbrochen!“

Gorju machte eine Drehung.

„Sehen Sie denn nicht, daß sie betrunken ist!“

Da begannen sie ein heftiges Gezänk, er bleich, höhnend, sie dunkelrot, die Büschel ihres grauen Haares unter ihrer Nachtmütze raufend. Frau Bordin verteidigte Germaine, Mélie Gorju.

Die Alte hielt nicht mehr an sich.

„Ob das keine Schande ist, daß sie die Tage zusammen im Gebüsch verbringen, von den Nächten gar nicht zu reden! Verdammter Pariser, Mädchenverführer! Kommt da zu unsern Herren, um ihnen Possen vorzuspielen!“

Bouvard riß die Augen auf.

„Was für Possen!“

„Ich sage, daß man Ihnen auf der Nase herumtanzt!“

„Man tanzt mir nicht auf der Nase herum!“ rief Pécuchet, und entrüstet über ihre Unverschämtheit, wütend über den Verdruß, gab er ihr den Laufpaß: sie möge sich trollen. Bouvard stellte sich dieser Entscheidung nicht entgegen, und sie gingen davon, Germaine zurücklassend, die über ihr Unglück schluchzte, während Frau Bordin sie zu trösten suchte.

Am Abend, als sie ruhig geworden waren, überdachten sie die Geschehnisse und fragten sich, wer den Calvados getrunken habe, auf welche Weise das Möbel zerbrochen sei, was Frau Castillon begehrte, als sie Gorju rief, -- und ob er Mélie entehrt habe.

„Wir wissen nicht,“ sagte Bouvard, „was in unserem Hause vorgeht, und wir maßen uns an, herauszufinden, welcher Art das Haar und die Liebeleien des Herzogs von Angoulême waren.“

Pécuchet fügte hinzu:

„Wieviel wichtiger und schwieriger diese Fragen doch sind!“

Daraus schlossen sie, daß die äußeren Tatsachen nicht alles bedeuten. Man muß sie durch die Psychologie vervollständigen. Ohne die Einbildungskraft ist die Geschichte lückenhaft. -- „Lassen wir uns ein paar historische Romane kommen!“

V

Sie lasen zunächst Walter Scott.

Es war, als tue sich eine neue Welt vor ihnen auf.

Die Menschen der Vergangenheit, die für sie nur Schemen oder Namen gewesen waren, wurden nun lebende Wesen, Könige, Fürsten, Hexenmeister, Diener, Waldhüter, Mönche, Landstreicher, Kaufleute und Soldaten, die berieten, kämpften, reisten, Handel trieben, aßen und tranken, sangen und beteten, im Waffensaale der Schlösser, auf der schwarzen Bank der Herbergen, in den gewundenen Straßen der Städte, unter dem Schutzdache der Buden, im Kreuzgange der Klöster. Künstlerisch komponierte Landschaften bilden wie eine Theaterdekoration den Schauplatz der Szenen. Man verfolgt mit den Augen einen Reiter, der auf dem Strande galoppiert. Man atmet den frischen Wind inmitten der Ginstersträucher, der Mond erhellt Seen, auf denen ein Boot dahingleitet, die Sonne erglänzt auf Panzerhemden, der Regen fällt auf grüne Lauben. Ohne die Originale zu kennen, fanden sie diese Zeichnungen ähnlich, und die Illusion war vollkommen. So ging der Winter hin.

Wenn sie gefrühstückt hatten, ließen sie sich in dem kleinen Saale zu beiden Seiten des Kamins nieder; und mit einem Buche in der Hand einander gegenübersitzend, lasen sie still. Wenn der Tag sich neigte, gingen sie auf der Landstraße spazieren, nahmen in Eile ihr Mahl und setzten ihre Lektüre nach Tische fort. Um sich gegen das Lampenlicht zu schützen, trug Bouvard eine blaue Brille; Pécuchet zog den Schirm seiner Mütze tief in die Stirn.

Germaine war nicht fortgegangen, und Gorju kam von Zeit zu Zeit, um den Garten umzugraben, denn sie hatten aus Lässigkeit, aus Gleichgültigkeit gegen die materiellen Dinge nachgegeben.

Nach Walter Scott ergötzte sie Alexandre Dumas wie eine Zauberlaterne. Seine Personen, hurtig wie Affen, stark wie Stiere, fröhlich wie Buchfinken, kommen und sprechen unvermittelt, springen von den Dächern auf das Pflaster, erhalten schreckliche Wunden, von denen sie geheilt werden, werden für tot gehalten und erscheinen wieder. Es gibt Falltüren im Fußboden, Gegengifte, Vermummungen, und alles geht durcheinander, rennt und entwirrt sich, ohne dem Leser eine Minute Zeit zum Nachdenken zu lassen. Die Liebe bewahrt den Anstand, der Fanatismus ist fröhlich, die Blutbäder erregen ein Lächeln.

Nachdem sie durch diese beiden Meister anspruchsvoll geworden waren, konnten sie den Schwulst Belisars, die Einfalt des Numa Pompilius, Marchangys, des Vicomte d’Arlincourt nicht mehr ertragen.

Die Farbe erschien ihnen bei Frédéric Soulié (ebenso wie bei dem Bibliophilen Jakob) ungenügend, und Herr Villemain erregte ihr Ärgernis dadurch, daß er auf S. 85 seines Lascaris eine Spanierin einführt, die eine Pfeife raucht, „eine lange arabische Pfeife“, mitten im fünfzehnten Jahrhundert.

Pécuchet benutzte die allgemeine Biographie zum Nachschlagen und unternahm es, Dumas auf die wissenschaftliche Richtigkeit zu prüfen.

In den „Beiden Dianen“ irrt sich der Verfasser bezüglich der Daten. Die Hochzeit des Dauphins François fand am 15. Oktober 1548 statt und nicht am 20. März 1549. Wie kann er wissen (vergl. den „Pagen des Herzogs von Savoyen“), daß Katharina von Medici nach dem Tode ihres Gatten den Krieg wieder beginnen wollte? Es ist wenig wahrscheinlich, daß man den Herzog von Anjou des Nachts in einer Kirche gekrönt hat, eine Episode, welche die „Dame von Montsoreau“ ziert. Die „Königin Margot“ im besonderen wimmelt von Irrtümern. Der Herzog von Nervers war nicht abwesend. Er stimmte vor Saint-Barthélemy im Rat ab, und Heinrich von Navarra folgte nicht der Prozession vier Tage später. Heinrich III. kam so schnell nicht aus Polen zurück. Zudem, wieviel Gewäsch. Das Wunder des Weißdorns, der Balkon Karls IX., die vergifteten Handschuhe der Jeanne d’Albert: Pécuchet hatte kein Vertrauen mehr zu Dumas.

Er verlor sogar alle Achtung vor Walter Scott wegen der Schnitzer in „Quentin Durward“. Die Ermordung des Bischofs von Lüttich ist um vierzehn Tage früher gelegt. Die Frau Roberts von Lamarck war Johanna von Arschel und nicht Hameline von Croy. Weit entfernt, von einem Soldaten getötet zu werden, wurde er vielmehr von Maximilian umgebracht, und das Antlitz des Kühnen drückte, als man seinen Leichnam fand, keineswegs eine Drohung aus, da die Wölfe es halb zernagt hatten.

Trotzdem setzte Bouvard die Lektüre Walter Scotts fort, langweilte sich jedoch schließlich bei der Wiederholung derselben Effekte. Gewöhnlich lebt die Heldin mit ihrem Vater auf dem Lande, und der Liebhaber, ein gestohlenes Kind, wird wieder in seine Rechte eingesetzt und triumphiert über seinen Nebenbuhler. Stets finden sich ein philosophischer Bettler, ein mürrischer Schloßherr, unschuldige junge Mädchen, spaßige Diener und endlose Dialoge, eine dumme Prüderie, ein vollständiger Mangel an Tiefe.

Aus Haß gegen den Plunder griff Bouvard zu George Sand.

Er begeisterte sich für die schönen Ehebrecherinnen und die edlen Liebhaber, hätte Jacques, Simon, Bénédict, Lélio sein und in Venedig wohnen mögen. Er seufzte, wußte nicht, was er hatte, fand sich selbst verändert.

Pécuchet, der die historische Literatur bearbeitete, studierte die Theaterstücke.

Er verschlang zwei Pharamonds, drei Chlodwige, vier Karl der Große, mehrere Philippe-Auguste, eine Menge Jungfrauen von Orleans und sehr viele Marquisen von Pompadour und Verschwörungen von Cellamare.

Fast alle erschienen ihm noch dümmer als die Romane. Denn für das Theater gibt es eine konventionelle Geschichte, die nichts zu zerstören vermag. Ludwig XI. wird nicht verfehlen, vor den Figurinen seines Hutes niederzuknien; Heinrich IV. wird beständig jovial sein; Maria Stuart weinerlich, Richelieu grausam, kurz, alle Charaktere erscheinen aus einem Stück, aus Liebe zu einfachen Ideen und aus Achtung vor der Unwissenheit, so daß der Dramatiker, anstatt zu erheben, hinabzieht, anstatt zu belehren, verdummt.

Da Bouvard ihm George Sand gerühmt hatte, machte sich Pécuchet an die Lektüre von „Consuelo“, „Horace“, „Mauprat“, wurde durch die Verteidigung der Unterdrückten, die soziale und republikanische Seite, die Tendenz mitgerissen.

Nach Bouvards Ansicht verdarb sie die Fiktion, und er verlangte in der Leihbibliothek Liebesromane.

Mit lauter Stimme lasen sie abwechselnd „La Nouvelle Héloise“, „Delphine“, „Adolphe“, „Ourika“. Doch das Gähnen dessen, der zuhörte, steckte seinen Genossen an, der das Buch bald zur Erde fallen ließ.