Bouvard und Pécuchet: Roman aus dem Nachlass
Part 10
Dieser Wissenschaft zufolge beteten die alten Gallier, unsere Vorfahren, Kirk und Kron, Taranis, Esus, Netalemnia, den Himmel und die Erde, den Wind und die Wasser an, -- und über alles den großen Teutates, welcher der Saturn der Heiden ist. Denn als Saturn in Phönizien herrschte, erkor er sich eine Nymphe namens Anobret zur Gattin, von der er ein Kind mit Namen Jeüd hatte, -- und Anobret hat die Züge Saras, Jeüd wurde geopfert (oder doch beinahe) wie Isaak; -- also ist Saturn Abraham, woraus man schließen muß, daß die Religion der Gallier denselben Ursprung hat wie die der Juden.
Ihr Gemeinwesen war sehr gut geordnet. Die erste Klasse von Leuten umfaßte das Volk, den Adel und den König, die zweite die Rechtsgelehrten, -- und in der dritten, der höchsten, gliederten sich nach Taillepied „die verschiedenen Arten von Philosophen“, nämlich Druiden oder Saroniden, die selbst wieder in Eubages, Bardes und Vates eingeteilt wurden.
Die einen verkündeten die Zukunft, andere sangen, noch andere lehrten Botanik, Medizin, Geschichte und Literatur, kurz „alle Künste ihrer Zeit“. Pythagoras und Plato waren ihre Schüler. Sie brachten den Griechen die Metaphysik bei, den Persern die Hexenkunst, den Etruskern die Opferschau, -- und den Römern das Verzinnen des Kupfers und den Schinkenhandel.
Doch von diesem Volke, das die Alte Welt beherrschte, sind nur noch Steine übriggeblieben, die entweder ganz alleinstehen oder in Gruppen zu dreien, oder in Galerien angeordnet sind oder Einfriedigungen bilden.
Bouvard und Pécuchet studierten voller Eifer nacheinander den Stein von Post zu Ussy, den Doppelstein im Guest, den Stein von Darier bei Aigle und andere!
Alle diese Blöcke, von denen ihnen der eine nicht mehr sagte als der andere, langweilten sie bald, und eines Tages, als sie den Menhir von Passais gesehen hatten, waren sie im Begriff, zurückzukehren, als ihr Führer sie in einen Buchenhain führte, der mit Granitmassen angefüllt war, die Sockeln oder ungeheuren Schildkröten glichen.
Die bedeutendste ist wie ein Becken gehöhlt. Einer der Ränder ist höher, und vom Boden gehen zwei Einschnitte bis zur Erde hinab; das war für das Abfließen des Blutes, unmöglich, daran zu zweifeln. Der Zufall bringt so etwas nicht hervor.
Baumwurzeln schlangen sich um diese rohen Sockel. Es fiel ein wenig Regen. In der Ferne stiegen Nebelstreifen gleich großen Gespenstern. Es kostete geringe Mühe, sich unter dem Laubwerk Priester in goldener Tiara und weißem Gewande zu denken, mit ihren Menschenopfern, deren Arme auf dem Rücken zusammengebunden waren, -- und am Rande des Beckens die den roten Strom beobachtende Priesterin, während die Menge ringsumher heulte zum Lärm der Cymbeln und der aus Auerochsenhorn gemachten Trompeten.
Sogleich stand ihr Plan fest.
Und in einer mondhellen Nacht nahmen sie ihren Weg zum Friedhof, wie Diebe im Schatten der Häuser gehend. Die Fensterläden waren geschlossen, und die Höfe lagen in Schweigen; nicht ein Hund bellte.
Gorju begleitete sie; sie machten sich ans Werk. Man hörte nur die Steine klingen, die von dem den Grasboden höhlenden Scheit getroffen wurden.
Die Nachbarschaft der Toten war ihnen unangenehm; die Uhr der Kirche gab ein fortwährendes Röcheln von sich, und die Rose in ihrem Giebelfelde sah aus wie ein Auge, das die Tempelschänder erspäht. Endlich brachten sie das Gefäß fort.
Am folgenden Tage gingen sie wieder zum Friedhofe, um zu sehen, welche Spuren ihre Tätigkeit hinterlassen.
Der Abbé, welcher vor der Tür frische Luft schöpfte, bat sie, ihm die Ehre eines Besuches zu erweisen; und nachdem er sie in seinen kleinen Saal geführt, blickte er sie in sonderbarer Weise an.
Auf der Anrichte stand zwischen den Tellern eine Suppenschüssel, die mit gelben Sträußen bemalt war.
Pécuchet rühmte sie, da er nicht wußte, was er sagen sollte.
„Das ist ein altes Rouenner Stück,“ erwiderte der Pfarrer, „ein Erbstück. Die Kenner, besonders Herr Marescot, schätzen es.“
Er selber habe, Gott sei Dank, keine Vorliebe für Sehenswürdigkeiten; -- und da sie ihn nicht zu verstehen schienen, erklärte er, er habe selbst gesehen, wie sie das Taufbecken entwendeten.
Die beiden Archäologen waren sehr verblüfft, stotterten. Der fragliche Gegenstand sei nicht mehr in Gebrauch.
Gleichviel! sie müßten ihn herausgeben.
Ohne Zweifel! Aber man möge ihnen wenigstens erlauben, einen Maler kommen zu lassen, um ihn abzuzeichnen.
„Einverstanden, meine Herren.“
„Die Sache bleibt unter uns, nicht wahr?“ sagte Bouvard, „unter dem Siegel des Beichtgeheimnisses!“
Der Geistliche beruhigte sie lächelnd mit einer Bewegung.
Nicht ihn hatten sie zu fürchten, sondern vielmehr Larsoneur. Wenn er durch Chavignolles kommen würde, würde er nach dem Gefäß lüstern werden, -- und seine Redereien darüber würden der Regierung zu Ohren kommen. Aus Vorsicht versteckten sie es im Backhaus, dann in der Laube, in der Hütte, in einem Schrank. Gorju war müde, es herumzuschleppen.
Der Besitz eines solchen Stückes verknüpfte sie mit dem Keltizismus der Normandie.
Sein Ursprung liegt in Ägypten. Séez im Ornekreise wird zuweilen Saïs, wie die Stadt des Delta, geschrieben. Die Gallier schworen beim Stier, was eine Verpflanzung des Apiskultes war. Der lateinische Name „Bellocastes“, welcher der der Bewohner von Bayeux war, kommt von Beli Casa, Wohnung, Heiligtum des Belus. Belus und Osiris sind die gleiche Gottheit. „Nichts steht dem im Wege,“ sagt Mangou de la Londe, „daß es bei Bayeux druidische Denkmäler gegeben habe.“ -- „Dieses Land“, fügt Herr Roussel hinzu, „ähnelt dem Lande, in welchem die Ägypter den Tempel des Jupiter Ammon bauten.“ Also gab es einen Tempel, und noch dazu einen, der Schätze beherbergte. Alle keltischen Bauwerke beherbergen solche.
Im Jahre 1715 grub, so berichtet Dom Martin, ein Herr Héribel in der Umgegend von Bayeux mehrere mit Gebeinen gefüllte Tongefäße aus -- und schloß (der Überlieferung und entschwundenen Autoritäten folgend), daß dieser Ort, eine Totenstadt, der Berg Faunus sei, wo man das goldene Kalb verscharrt habe.
Indessen wurde das goldene Kalb verbrannt und verschluckt, -- wofern es sich nicht um einen Irrtum der Bibel handelt.
Zunächst, wo liegt der Faunusberg? Die Bücher geben es nicht an. Die Eingeborenen wissen nichts darüber. Man hätte zu Nachgrabungen schreiten müssen, -- und zu diesem Zwecke richteten sie eine Bittschrift an den Herrn Präfekten, auf die keine Antwort erfolgte.
Vielleicht war der Berg Faunus verschwunden, und es war kein Hügel, sondern ein Tumulus. Was bedeuteten die Tumuli?
Mehrere enthalten Skelette, die die Stellung des Fötus im Mutterleib zeigen. Das will besagen, daß das Grab für sie eine zweite Zeit der Trächtigkeit war, die sie zu einem neuen Leben vorbereitete. Also stellt der Tumulus das weibliche Organ dar, wie der aufrechte Stein das männliche Organ bedeutet.
In der Tat hat, wo es Menhire gibt, ein unzüchtiger Kult bestanden. Beweis ist, was in Guérande, in Chichebouche, in Croisic, in Livarot vor sich ging. Ursprünglich hatten die Türme, die Pyramiden, die Kerzen, die Meilensteine der Wege und selbst die Bäume die Bedeutung des Phallus, -- und für Bouvard und Pécuchet wurde alles zum Phallus. Sie sammelten Ortscheite von Wagen, Sesselbeine, Kellerschlösser, Pistille. Wenn man sie besuchte, fragten sie: „An was erinnert Sie das wohl?“ und vertrauten dann das Geheimnis an, und wenn man protestierte, zuckten sie mitleidig die Achseln.
Eines Abends, als sie über die Dogmen der Druiden nachsannen, fand sich der Abbé ein, in bescheidener Haltung.
Sogleich zeigten sie ihm das Museum, wobei sie mit der Scheibe begannen; doch sie konnten es nicht erwarten, zu einer neuen Abteilung zu kommen, der des Phallus. Der Geistliche unterbrach sie, da er die Ausstellung für unpassend hielt. Er kam, um sein Taufbecken zurückzuverlangen.
Bouvard und Pécuchet flehten noch um vierzehn Tage, die gerade genügen würden, einen Abguß davon zu nehmen.
„Je eher, desto besser,“ sagte der Abbé.
Dann plauderte er von nebensächlichen Dingen.
Pécuchet, der sich einen Augenblick entfernt hatte, ließ ihm ein Goldstück in die Hand gleiten.
Der Priester fuhr zurück.
„O, für Ihre Armen!“
Und Herr Jeufroy nestelte das Goldstück errötend in seinen Priesterrock.
Das Gefäß herausgeben, das Opfergefäß! Nie im Leben! Sie wollten sogar Hebräisch lernen, das die Muttersprache des Keltischen ist, sofern es nicht von ihm herstammt! -- und sie wollten die Bretagne bereisen, -- indem sie mit Rennes begannen, wo sie ein Zusammentreffen mit Larsoneur haben würden, um die in den Denkschriften der keltischen Akademie erwähnte Urne zu studieren, welche die Asche der Königin Artemisia enthalten zu haben scheint, -- als der Bürgermeister, mit dem Hut auf dem Kopf, ohne Umstände eintrat als der ungehobelte Mensch, der er war.
„Das hilft alles nichts, ihr Herren. Sie müssen es herausrücken!“
„Was denn?“
„Spaßmacher! Ich weiß genau, daß Sie es verstecken!“
Man hatte sie verraten.
Sie erwiderten, daß sie es mit der Erlaubnis des Herrn Pfarrers bei sich hielten.
„Das werden wir sehen.“
Und Foureau ging.
Eine Stunde später war er wieder da.
„Der Pfarrer sagt nein! Erklären Sie sich.“
Sie blieben hartnäckig.
Zunächst bedürfte man dieses Weihwasserbeckens nicht -- das kein Weihwasserbecken sei. Sie würden es durch eine Menge wissenschaftlicher Gründe beweisen. Dann schlugen sie vor, in ihrem Testamente anzuerkennen, daß es der Gemeinde gehöre.
Sie erboten sich sogar, es zu kaufen.
„Und übrigens ist es mein Eigentum!“ wiederholte Pécuchet. Die zwanzig Franken, die Herr Jeufroy genommen habe, seien ein Beweis des Vertrages -- und wenn man zum Friedensrichter gehen müsse, um so schlimmer, dann würde er einen Meineid leisten!
Während dieser Streitigkeiten hatte er die Suppenschüssel mehrere Male wiedergesehen, und in seiner Seele war der Wunsch, das brennende Verlangen entstanden, diese Fayence zu besitzen. Wenn man sie ihm abtreten wolle, würde er das Gefäß zurückgeben. Im anderen Falle nicht.
Aus Ermüdung oder Furcht vor ärgerlichem Aufsehen gab sie Herr Jeufroy hin.
Sie wurde in ihrer Sammlung untergebracht, neben der Haube der Bäuerin aus Caux. Das Gefäß zierte die Vorhalle der Kirche, und sie trösteten sich über seinen Verlust mit dem Gedanken, daß die Bewohner von Chavignolles seinen Wert nicht kannten.
Doch die Suppenschüssel gab ihnen den Geschmack an Fayencen: ein neuer Gegenstand für Studien und Streifzüge im Lande.
Es war zu der Zeit, wo vornehme Leute die alten Rouenner Teller sammelten. Der Notar besaß einige und kam daher in den Ruf eines Künstlers, was ihm in seinem Beruf schaden konnte; doch suchte er das durch ernste Seiten wieder wettzumachen.
Als er erfuhr, daß Bouvard und Pécuchet die Suppenschüssel erworben hatten, ging er zu ihnen, um ihnen einen Tausch vorzuschlagen.
Pécuchet beschied ihn abschlägig.
„Sprechen wir nicht weiter davon!“ und Marescot besichtigte ihre Keramiken.
Die sämtlichen an den Wänden aufgehangenen Stücke waren blau auf einem schmutzig-weißen Grunde, und einige zeigten ein Füllhorn in grünen und rötlichen Tönen, Barbierbecken, Teller, Untertassen, Gegenstände, auf die man lange Jagd gemacht und die man auf der Brust in den Falten des Rockes heimgetragen hatte.
Marescot rühmte sie, sprach von anderen Fayencen, spanisch-arabischen, holländischen, englischen, italienischen; und nachdem er sie durch seine Kenntnisse geblendet hatte: „Wenn ich Ihre Suppenschüssel noch mal ansähe?“
Er ließ sie durch Anschlagen mit dem Finger erklingen, betrachtete dann die beiden S, die auf den Deckel gemalt waren.
„Das Zeichen von Rouen!“ sagte Pécuchet.
„O! o! Genau genommen hatte Rouen kein Zeichen. Als man noch nichts von Moutiers wußte, waren alle französischen Fayencen aus Nevers. So geht es ebenso heutzutage mit Rouen! Übrigens macht man sie in Elbeuf bis zur Vollendung nach.“
„Nicht möglich!“
„Man macht ja doch auch Majoliken nach! Ihr Stück ist vollständig wertlos, -- und ich war im Begriff, eine schöne Dummheit zu begehen!“
Als der Notar fortgegangen war, sank Pécuchet gebrochen in einen Sessel.
„Man hätte das Becken nicht herausgeben sollen,“ sagte Bouvard, „doch du begeisterst dich, du erhitzest dich immer gleich!“
„Ja, ich erhitze mich,“ und Pécuchet faßte die Suppenschüssel und schleuderte sie weit von sich gegen den Sarkophag.
Bouvard, ruhiger, las die Stücke eines nach dem anderen auf; -- und nach einiger Zeit kam ihm dieser Gedanke:
„Es ist leicht möglich, daß Marescot uns aus Eifersucht zum besten gehabt hat!“
„Wie?“
„Nichts gibt mir die Versicherung, daß die Suppenschüssel nicht echt sei! während die anderen Stücke, die er anscheinend bewunderte, vielleicht nachgemacht sind!“
Und der Rest des Tages verging in Zweifeln, in Bedauern.
Das war kein Grund, die Reise in die Bretagne aufzugeben. Sie gedachten sogar, Gorju mitzunehmen, der ihnen bei ihren Ausgrabungen behilflich sein sollte.
Seit einiger Zeit schlief er im Hause, um die Ausbesserung des Möbels schneller zu beendigen. Die Aussicht eines Ortswechsels paßte ihm nicht, und da sie von Menhiren und Tumuli, die sie sehen wollten, sprachen, sagte er zu ihnen: „Das kenne ich besser; im Süden von Algier trifft man bei den Quellen des Bou-Mursoug eine Menge davon.“ Er gab sogar die Beschreibung eines Grabes, das zufällig in seiner Gegenwart geöffnet worden sei, -- und das ein Skelett in der zusammengekauerten Haltung eines Affen, die beiden Arme um die Beine geschlungen, enthielt.
Larsoneur, den sie hiervon in Kenntnis setzten, wollte nicht daran glauben.
Bouvard vertiefte sich in den Gegenstand und widerlegte ihn.
Wie kommt es, daß die Denkmäler der Gallier formlos sind, während diese selben Gallier zur Zeit des Julius Cäsar zivilisiert waren? Ohne Zweifel rühren sie von einem älteren Volke her.
Eine solche Hypothese ermangelte nach Larsoneurs Ansicht des Patriotismus.
Gleichviel! nichts beweise, daß diese Denkmäler Werke der Gallier seien. „Zeigen Sie uns einen Text!“
Der Akademiker wurde ärgerlich, antwortete nicht mehr; -- und sie waren recht froh darüber, so sehr langweilten die Druiden sie.
Wenn sie nicht wußten, woran sie sich hinsichtlich der Töpferkunst und des Keltizismus halten sollten, so lag das an ihrer Unkenntnis der Geschichte, besonders der Geschichte von Frankreich.
Das Werk von Anquetil befand sich in ihrer Bibliothek; doch die Reihe der tatenlosen Könige belustigte sie sehr wenig. Die Ruchlosigkeit der Hausmeier empörte sie keineswegs, -- und sie legten Anquetil fort, abgestoßen durch die Abgeschmacktheit seiner Betrachtungen.
Da fragten sie bei Dumouchel an, „welches die beste Geschichte Frankreichs sei?“
Dumouchel nahm auf ihren Namen ein Abonnement in einer Leihbibliothek und sandte ihnen die Briefe Augustin Thierrys zusammen mit zwei Bänden des Herrn von Genoude.
Das Königtum, die Religion, die Nationalversammlungen, das waren diesem Schriftsteller zufolge „die Grundlagen“ der französischen Nation, Grundlagen, die auf die Merovinger zurückgehen. Die Karolinger haben ihnen Abbruch getan. Die Kapetinger, im Einvernehmen mit dem Volke, bemühten sich, sie aufrechtzuerhalten. Unter Ludwig XIII. wurde die absolute Herrschaft aufgerichtet, um den Protestantismus zu besiegen, das letzte Aufraffen des Feudalismus -- und 89 ist nur eine Rückkehr zur Verfassung unserer Ahnen.
Pécuchet bewunderte diese Gedanken.
Sie erregten Bouvards Mitleid, der Augustin Thierry zuerst gelesen hatte:
„Was schwatzest du mir da von deiner französischen Nation, da kein Frankreich, noch eine Nationalversammlung bestand! Und die Karolinger haben sich nichts widerrechtlich angeeignet! Und die Könige haben die Kommunen nicht befreit! Lies selbst!“
Pécuchet ergab sich vor der augenscheinlichen Wahrheit und übertraf Bouvard bald an wissenschaftlicher Strenge! Er würde sich ehrlos vorgekommen sein, wenn er „Charlemagne“ und nicht „Karl le Grand“, „Clovis“ anstatt „Clodowig“ gesagt hätte.
Nichtsdestoweniger war er von Genoude begeistert, denn er fand es geistvoll, die beiden Enden der französischen Geschichte miteinander zu verknüpfen, so daß die Mitte Füllwerk ist, -- und um darüber ins klare zu kommen, griffen sie zu der Sammlung Buchez und Roux.
Doch der Schwulst der Vorreden, diese Verquickung von Sozialismus und Katholizismus widerte sie an; die zu zahlreichen Einzelheiten hinderten sie an einem Gesamtüberblick.
Sie nahmen ihre Zuflucht zu Herrn Thiers.
Es war im Sommer des Jahres 1845; sie saßen in der Laube im Garten. Pécuchet, der eine kleine Bank unter den Füßen hatte, las laut mit seiner tiefen Stimme, ohne müde zu werden, und hielt nur ein, um mit den Fingern in seine Tabakdose zu greifen. Bouvard lauschte ihm, die Pfeife im Munde, die Beine auseinandergestreckt; oben an seiner Hose war ein Knopf geöffnet.
Greise hatten ihnen von 93 erzählt, -- und beinahe persönliche Erinnerungen belebten die platten Beschreibungen des Verfassers. Zu jener Zeit waren die Landstraßen voll von Soldaten, welche die Marseillaise sangen. Auf den Türschwellen sitzend, nähten Frauen Zelte aus Leinwand. Manchmal nahte ein Schwarm von Leuten in roter Mütze, auf der Spitze einer Pike ein blasses Haupt neigend, dessen Haar herabging. Die hohe Tribüne des Konvents erschien über einer Staubwolke, in der wütende Gesichter Todesverwünschungen ausstießen. Kam man um die Mitte des Tages am Tuilerien-Bassin vorbei, so hörte man das Fallbeil der Guillotine, das wie die Stöße eines Rammklotzes dröhnte.
Und die Brise bewegte die Weinblätter der Laube, die reife Gerste wogte in Zwischenräumen, eine Drossel pfiff. Während sie ihre Blicke um sich schweifen ließen, sogen sie diesen Frieden ein.
Wie schade, daß man es gleich zu Anfang an gegenseitigem Verständnis hatte fehlen lassen. Denn hätten die Royalisten wie die Patrioten gedacht, hätte der Hof mehr Aufrichtigkeit gezeigt und die Gegner weniger Ungestüm, so wäre viel Unglück vermieden!
Durch das viele Schwatzen darüber gerieten sie in Leidenschaft. Bouvard, Freigeist und Empfindungsmensch, war Anhänger der Konstitution, Girondist, Thermidorianer. Pécuchet, gallig und zur Herrschsucht neigend, gab sich als Sansculotte und selbst als Anhänger Robespierres zu erkennen.
Er billigte die Verurteilung des Königs, die gewaltsamsten Beschlüsse, den Kult des höchsten Wesens. Bouvard zog den der Natur vor. Er würde mit Vergnügen das Bild einer dicken Frau gegrüßt haben, die aus ihren Brüsten ihren Anbetern kein Wasser, sondern edlen Burgunder spendete.
Um ihre Argumente durch mehr Tatsachen stützen zu können, verschafften sie sich andere Werke: Montgaillard, Prudhomme, Gallois, Lacretelle und so weiter; und die Widersprüche dieser Bücher setzten sie durchaus nicht in Verlegenheit. Jeder entnahm ihnen, was er zur Verteidigung seiner Ansicht brauchte.
So zweifelte Bouvard nicht, daß Danton hunderttausend Taler angenommen habe, damit er Anträge stelle, welche die Republik zugrunde richteten, -- und nach Pécuchet hätte Vergniaud sechstausend Franken im Monat verlangt.
„Nie im Leben! Erkläre mir lieber, warum Robespierres Schwester eine Rente von Ludwig XVIII. erhielt?“
„Keineswegs! Das war Bonaparte, und da du die Dinge so nimmst, wer ist die Persönlichkeit, die mit Egalité kurze Zeit vor dessen Tode eine geheime Zusammenkunft hatte? Ich verlange, daß man in den Memoiren der Campan die unterdrückten Stellen abdruckt! Das Ende des Dauphins scheint mir verdächtig. Die Pulvermühle von Grenelle tötete, als sie in die Luft flog, zweitausend Personen! Grund unbekannt, sagt man, welche Dummheit!“ denn Pécuchet war nahe daran, ihn zu kennen, und schob alle Verbrechen auf die Umtriebe der Aristokraten, das Gold der Ausländer.
Nach Bouvards Ansicht waren „Fahr zum Himmel, Sohn des heiligen Ludwig“, die Jungfrauen von Verdun und die Hosen aus Menschenhaut überhaupt nicht zu bezweifeln. Er nahm die Angaben Prudhommes hin, gerade eine Million Opfer.
Doch die Loire, die von Saumur bis Nantes in einer Länge von achtzehn Meilen rot von Blut war, gab ihm zu denken. Pécuchet faßte ebenfalls Zweifel, und Mißtrauen gegen die Historiker stellte sich bei ihnen ein.
Für die einen ist die Revolution ein satanisches Ereignis. Andere stellen sie als eine hehre Ausnahme hin. Die Unterlegenen auf beiden Seiten sind natürlich Märtyrer.
Thierry zeigt gelegentlich der Barbaren, wie einfältig es sei, nachzuforschen, ob dieser oder jener Fürst gut oder schlecht war. Warum dieselbe Methode nicht bei der Prüfung neuerer Epochen anwenden? Doch die Geschichtsschreibung soll die Moral rächen. Man ist Tacitus dankbar, weil er Tiberius zerrissen hat. Ob schließlich die Königin Liebhaber gehabt, ob Dumouriez seit Valmy zum Verrat entschlossen war, ob es die Bergpartei oder die Gironde war, die im Prairial anfing, und im Thermidor die Jakobiner oder die gemäßigte Partei, was macht das für den Verlauf der Revolution aus, deren Ursprünge tief liegen und deren Folgen unberechenbar sind?
Sie mußte sich also erfüllen, sein was sie war, aber man denke sich die Flucht des Königs ohne Hindernis, Robespierre entschlüpfend oder Bonaparte ermordet, -- Zufälle, die von einem weniger gewissenhaften Herbergsvater, von einer offenen Tür, einer eingeschlafenen Schildwache abhingen, -- und die Weltgeschichte hätte einen anderen Verlauf genommen.
Sie hatten über die Menschen und Tatsachen jener Zeit keine einzige feststehende Ansicht mehr.
Um sie objektiv zu beurteilen, hätte man alle Geschichten, alle Denkwürdigkeiten, alle Zeitungen und alle handschriftlichen Aufzeichnungen lesen müssen, denn wenn man das Geringste ausließ, konnte daraus ein Irrtum entstehen, welcher eine endlose Reihe anderer nach sich zog. Sie verzichteten darauf.
Doch der Geschmack an der Geschichte war ihnen gekommen, das Bedürfnis nach Wahrheit um ihrer selbst willen.
Vielleicht ist sie leichter in den alten Zeiten zu entdecken? Wenn die Verfasser weit von den Dingen entfernt sind, können sie leidenschaftslos von ihnen sprechen. Und sie machten sich an den guten Rollin.
„Welch ein Wust von Albernheiten!“ rief Bouvard gleich beim ersten Kapitel.
„Warte ein wenig,“ sagte Pécuchet, während er unten in ihrer Bücherei wühlte, wo die Bücher des früheren Besitzers, eines alten Rechtsgelehrten, eines verrückten Schöngeistes, zusammengedrängt standen; und nachdem er viele Romane und Theaterstücke nebst einem Montesquieu und einer Horazübersetzung weggerückt hatte, erreichte er, was er suchte: das Werk Beauforts über die römische Geschichte.
Titus Livius schreibt die Gründung Roms dem Romulus zu. Sallust läßt diese Ehre den Trojanern des Äneas. Coriolan starb Fabius Pictor zufolge in der Verbannung, und wenn man Dionysius Glauben schenkt, durch die Listen des Attius Tullus. Seneka versichert, daß Horatius Cocles als Sieger zurückkehrte, und Dion, daß er am Beine verwundet war. Und La Mothe le Vayer äußert ähnliche Zweifel hinsichtlich der anderen Völker.
Man ist sich nicht einig über das chaldäische Altertum, das Zeitalter Homers, die Existenz Zoroasters, die beiden assyrischen Reiche. Quintus Curtius hat Märchen erzählt. Plutarch straft Herodot Lügen. Wir würden von Cäsar eine andere Vorstellung haben, wenn Vercingetorix dessen Kommentare geschrieben hätte.
Die alte Geschichte ist aus Mangel an Dokumenten dunkel. Die moderne dagegen ist überreich daran; -- und Bouvard und Pécuchet machten sich wieder an die französische Geschichte, begannen Sismondi.
Die Aufeinanderfolge so vieler Männer machte ihnen Lust, sie genauer zu kennen, sich mit ihnen zu befassen. Sie wollten die Quellen studieren. Gregor von Tours, Monstrelet, Commines, alle die, deren Namen seltsam oder angenehm klangen.
Doch sie warfen die Ereignisse durcheinander aus ungenügender Kenntnis der Daten.
Glücklicherweise besaßen sie die Mnemotechnik Dumouchels, einen Pappband in Duodez, der das Motto trug: „Durch Unterhaltung belehren.“
Sie verband die drei Systeme Allevys, Pâris’ und Fenaigles miteinander.