Bouvard und Pécuchet: Roman aus dem Nachlass
Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1922 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des Texts dadurch nicht beeinträchtigt wird.
Der Übersichtlichkeit halber wurde vom Bearbeiter ein Inhaltsverzeichnis erstellt.
Akzente wurden in französischen Orts- und Personennamen oftmals weggelassen; allerdings wurde diese Regel nicht konsequent eingehalten. Da sich die französische Akzentsetzung zur Zeit der Herausgabe des Buches von der heutigen unterscheiden kann, wurde hierfür dennoch keine Harmonisierung vorgenommen.
Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
kursiv: _Unterstriche_ gesperrt: ~Tilden~
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GUSTAVE FLAUBERT
BOUVARD UND PÉCUCHET
ROMAN AUS DEM NACHLASS
EINZIGE AUTORISIERTE DEUTSCHE ÜBERTRAGUNG VON E. W. FISCHER
GUSTAV KIEPENHEUER VERLAG
POTSDAM 1922
Copyright 1922 by Gustav Kiepenheuer Verlag A. G. Potsdam 1922 Druck der Buchdruckerei E. Haberland in Leipzig
Inhalt
Seite
Kapitel I 3
„ II 22
„ III 58
„ IV 99
„ V 131
„ VI 152
„ VII 181
„ VIII 192
„ IX 238
„ X 277
Vortrag 313
Nachwort des Übersetzers 318
I
Eine Hitze von dreiunddreißig Grad machte den Boulevard Bourdon vollständig menschenleer.
Unterhalb desselben dehnte sich in gerader Linie das tintenschwarze Wasser des Kanals Saint-Martin, der durch die beiden Schleusen abgeschlossen war. Mitten darauf lag ein mit Holz beladenes Boot, und am Ufer sah man zwei Reihen Tonnen.
Jenseits des Kanals erschien zwischen den Häusern, die von Lagerschuppen unterbrochen werden, der weite, klare Himmel in lasurblauen Flächen, und von den zurückgeworfenen Sonnenstrahlen blendeten die weißen Fassaden der Schieferdächer, die Kais aus Granit. Ein verworrenes Geräusch lag fern in der warmen Luft; und alles schien erstarrt in der sonntäglichen Untätigkeit und der Traurigkeit der Sommertage.
Zwei Männer erschienen.
Der eine kam vom Bastille-Platz, der andere aus dem Botanischen Garten. Der größere, in einem Leinenanzug, ging, den Hut im Nacken, die Weste geöffnet und die Halsbinde in der Hand. Der kleinere, dessen Körper in einem kastanienbraunen Rock steckte, trug den Kopf gesenkt unter einer Mütze mit spitzem Schirm.
Als sie bis zur Mitte des Boulevards gekommen waren, setzten sie sich im selben Augenblick auf dieselbe Bank.
Um sich die Stirn zu trocknen, nahmen sie ihre Kopfbedeckung ab, die jeder neben sich legte; und der kleine Mann bemerkte, daß in dem Hute seines Nachbarn „Bouvard“ geschrieben stand, während dieser leicht in der Mütze des Unbekannten im Rock das Wort „Pécuchet“ unterschied.
„Sieh da,“ sagte er, „wir haben denselben Gedanken gehabt, nämlich unsere Namen in unsere Schädelbedeckungen zu schreiben.“
„Lieber Gott, ja, man könnte mir die meinige im Bureau nehmen!“
„Ganz mein Fall, ich bin Beamter.“
Darauf betrachteten sie einander.
Das liebenswürdige Äußere Bouvards nahm sogleich Pécuchet gefangen.
Seine bläulichen Augen, die stets halb zugekniffen waren, lächelten in einem Gesicht von gesunder Farbe. Eine Hose mit großem Latz, die unten auf seinen Kastorschuhen Falten warf, umschloß fest seinen Leib und bewirkte, daß sich das Hemd am Gurt bauschte; und seine blonden Haare, die sich von selbst in leichte Locken legten, gaben ihm etwas Kindliches.
Von der Spitze seiner Lippen kam eine Art von ununterbrochenem Pfeifen.
Das ernste Äußere Pécuchets fesselte Bouvards Aufmerksamkeit.
Man hätte glauben können, er trüge eine Perücke, so schmiegsam und schwarz waren die Strähnen, die seinen Schädel bedeckten. Sein Gesicht erschien ganz scharfkantig durch die weit herabgehende Nase. Seine Beine, die in Lastinghosen steckten, standen in einem Mißverhältnis zur Länge des Oberkörpers. Er hatte eine laute, tiefe Stimme.
Folgender Ausruf entschlüpfte ihm: „Wie wohl würde man sich auf dem Lande fühlen!“
Aber das Weichbild war nach Bouvards Ansicht unausstehlich durch den Lärm der Kneipen. Pécuchet dachte ebenso. Trotzdem fühlte er sich allmählich der Hauptstadt überdrüssig; Bouvard desgleichen.
Und ihre Augen wanderten über die zum Bauen aufgeschichteten Steinhaufen, über das widerliche Wasser, auf dem ein Strohbündel schwamm, über den Schornstein einer Fabrik, der sich am Horizont erhob; die Ausdünstungen der Abwässer lagen in der Luft. Sie wandten sich nach der anderen Seite. Da hatten sie die Mauern der Getreidespeicher vor sich.
Ganz gewiß -- und Pécuchet schien davon überrascht -- es war auf der Straße noch heißer als im Hause!
Bouvard suchte ihn zu veranlassen, seinen Rock abzulegen. Er für seinen Teil kehre sich nicht daran, was man darüber sagen würde!
Plötzlich torkelte ein Betrunkener den Bürgersteig entlang; und von den Arbeitern ausgehend, schnitten sie ein politisches Gespräch an. Ihre Anschauungen waren die gleichen, wenn auch Bouvard vielleicht etwas liberaler war.
Gerassel erscholl auf dem Pflaster in einer wirbelnden Staubwolke. Es waren drei Mietwagen, die in der Richtung auf Bercy davonfuhren. Eine eben getraute junge Frau mit dem Hochzeitsbukett, Bürger in weißer Krawatte, Damen, die bis unter die Achsel in ihre Röcke vergraben waren, zwei bis drei kleine Mädchen und ein Schüler saßen darin. Der Anblick dieser Hochzeitsgesellschaft brachte Bouvards und Pécuchets Unterhaltung auf die Frauen, die sie für frivol, zänkisch und eigensinnig erklärten. Trotzdem seien sie oft besser als die Männer; manchmal seien sie auch schlechter. Kurz, es sei gescheiter, ohne sie zu leben; daher war Pécuchet auch Junggeselle geblieben.
„Was mich betrifft, so bin ich Witwer“, sagte Bouvard, „und kinderlos!“
„Das ist am Ende ein Glück für Sie! Doch die Einsamkeit ist auf die Dauer traurig.“
Dann erschien am Rande des Kais ein Freudenmädchen mit einem Soldaten. Sie war blaß, dunkelhaarig und pockennarbig und stützte sich auf den Arm des Militärs, während sie schleppenden Schrittes die Hüften wiegte.
Als sie vorüber war, erlaubte sich Bouvard eine obszöne Bemerkung. Pécuchet wurde sehr rot und wies, ohne Zweifel, um einer Antwort auszuweichen, mit dem Blick auf einen Priester, der näher kam.
Der Geistliche schritt langsam die Avenue mit den dürren kleinen Ulmen herab, die die Linie des Bürgersteiges anzeigen, und sobald Bouvard den Dreispitz aus den Augen verloren hatte, erklärte er sich für erleichtert, denn er verabscheute die Jesuiten. Ohne sie von ihren Sünden freisprechen zu wollen, zeigte Pécuchet eine gewisse Achtung vor der Religion.
Unterdessen sank die Dämmerung, und gegenüber wurden die Jalousien aufgezogen. Die Vorübergehenden mehrten sich. Es schlug sieben.
Ihre Worte strömten, ohne zu versiegen. Allgemeine Bemerkungen wechselten mit Anekdoten, philosophische Sentenzen mit persönlichen Betrachtungen. Sie ließen kein gutes Haar an der Verwaltung der Brücken- und Wegebauten, an der Tabakregie, dem Handel, dem Theater, an unserer Marine und dem ganzen menschlichen Geschlecht, wie Leute, die große Kränkungen erlitten haben. Jeder glaubte, während er den andern hörte, etwas von sich selbst wiederzufinden, das in Vergessenheit geraten war. Und obgleich sie die Zeit naiver Begeisterungen hinter sich hatten, empfanden sie doch eine ihnen neue Lust, eine Art überströmenden Glücksgefühls, den Reiz zärtlicher Gefühle in ihrem Anfangsstadium.
Zwanzigmal waren sie aufgestanden, hatten sich wieder hingesetzt und waren den Boulevard von der oberen Schleuse bis zur unteren Schleuse hinabgeschritten; jedesmal wollten sie sich trennen und fanden, durch einen Zauber festgehalten, nicht die Kraft dazu.
Dennoch nahmen sie Abschied, und ihre Hände lagen ineinander, als Bouvard plötzlich sagte: „Meiner Treu! Wenn wir zusammen äßen!“
„Ich dachte daran,“ erwiderte Pécuchet, „aber ich wagte nicht, Ihnen den Vorschlag zu machen!“
Und er ließ sich in ein dem Rathaus gegenüberliegendes kleines Restaurant führen, wo man gut untergebracht sein würde.
Bouvard bestellte die Speisen.
Pécuchet hatte Furcht vor Gewürzen, da sie ihm den Körper in Brand setzen könnten. Das gab Anlaß zu einer medizinischen Erörterung. Dann priesen sie den Nutzen der Wissenschaft: wie viel wissenswerte Dinge, was für Forschungen ... wenn man Zeit dazu hätte! Ach! Der Broterwerb nahm sie ganz in Anspruch; und sie erhoben die Arme vor Staunen und hätten sich beinahe über den Tisch umarmt, als sie entdeckten, daß sie alle beide Schreiber waren, Bouvard in einem Handelshause, Pécuchet im Marineministerium; was ihn jedoch nicht hinderte, jeden Abend einige Augenblicke dem Studium zu widmen. Er hatte in Thiers’ Werke Fehler angemerkt und sprach mit der höchsten Achtung von einem gewissen Dumouchel, der Professor war.
Bouvard war ihm in anderer Hinsicht überlegen. Seine aus Haaren geflochtene Uhrkette und die Art, wie er die Remoulade rührte, zeigten den alten erfahrenen Genießer, und er aß, den Zipfel der Serviette unter der Achsel, während er Witze zum besten gab, die Pécuchet zum Lachen brachten. Es war ein besonderes Lachen in einem einzigen sehr tiefen Ton, der immer derselbe blieb und in langen Zwischenräumen hervorgestoßen wurde. Dasjenige Bouvards war gleichmäßig klangvoll, entblößte seine Zähne, setzte seine Schultern in Bewegung, und die Gäste vor der Tür drehten sich danach um.
Als das Mahl beendigt war, gingen sie in ein anderes Lokal, um den Kaffee einzunehmen. Pécuchet seufzte, während er die Gasflammen anschaute, über das Überhandnehmen des Luxus; dann schob er mit verächtlicher Handbewegung die Zeitungen fort. Bouvard war in diesem Punkte nachsichtiger. Er liebte im allgemeinen alle Schriftsteller und hatte in seiner Jugend Lust gehabt, Schauspieler zu werden.
Er wollte mit einem Billardstock und zwei Elfenbeinkugeln equilibristische Kunststücke ausführen, wie Barberou, einer seiner Freunde, sie machte. Stets fielen die Kugeln zu Boden und verschwanden zwischen den Beinen der Gäste, auf dem Fußboden rollend, im Hintergrunde. Der Kellner, der sich jedesmal erhob, um sie auf allen Vieren kriechend unter den Bänken zu suchen, beklagte sich schließlich. Pécuchet geriet mit ihm in Streit; der Wirt kam dazu, doch Pécuchet wollte seine Entschuldigung nicht anhören und bei der Bezahlung mäkelte er sogar an dem vorgesetzten Kaffee herum.
Er schlug schließlich vor, den Abend friedlich in seiner Wohnung zu beschließen, die ganz nahe in der Rue Saint-Martin lag.
Kaum war er eingetreten, so legte er eine Art Wams aus indischem Kattun an und machte den Wirt seiner Wohnung.
Ein Schreibtisch aus Tannenholz, der gerade in der Mitte stand, störte durch seine Ecken, und ringsherum lagen auf Brettern, den drei Stühlen, dem alten Lehnsessel und in den Ecken bunt durcheinander mehrere Bände der Enzyklopädie Roret, das Handbuch des Magnetiseurs, ein Fénelon, andere Schmöker neben Haufen von Schreibpapier, zwei Kokosnüssen, verschiedenen Denkmünzen, einer türkischen Mütze und Muscheln, die Dumouchel aus le Havre mitgebracht hatte. Eine Lage von Staub bedeckte samtartig die Wände, die einst gelb gestrichen gewesen waren. Die Stiefelbürste lag auf dem Rande des Bettes, dessen Laken herabhingen. An der Decke sah man einen großen schwarzen Fleck, der durch den Lampenruß entstanden war.
Bouvard bat, ohne Zweifel wegen des Geruches, das Fenster öffnen zu dürfen.
„Die Papiere würden davonfliegen!“ rief Pécuchet, der außerdem noch die Zugluft fürchtete.
Indessen rang er in diesem kleinen Zimmer nach Luft, das seit dem Morgen durch die Schiefer des Daches geheizt war.
Bouvard sagte zu ihm:
„An Ihrer Stelle würde ich meine Unterjacke ausziehen!“
„Was?“
Und Pécuchet senkte den Kopf, von Schrecken erfaßt bei dem Gedanken, ohne seine schützende Unterkleidung zu sein.
„Begleiten Sie mich,“ begann Bouvard von neuem, „die Luft draußen wird Sie erfrischen.“
Schließlich zog Pécuchet seine Stiefel wieder an, während er brummte: „Sie behexen mich, mein Ehrenwort darauf!“ Und trotz der Entfernung begleitete er ihn bis zu seiner Wohnung an der Ecke der Rue de Béthune, gegenüber der Brücke de la Tournelle.
Bouvards Zimmer, das gut gebohnt und mit Vorhängen von Perkal und Mahagonimöbeln ausgestattet war, erfreute sich eines Balkons, der auf den Fluß hinabsah. Seine beiden Hauptzierden waren ein Likörservice mitten auf der Kommode und am Spiegel entlang Daguerreotypien seiner Freunde; ein Ölgemälde hing im Alkoven.
„Mein Onkel!“ sagte Bouvard.
Und ein Leuchter, den er hielt, erhellte einen Herrn.
Ein roter Backenbart verbreiterte sein Gesicht, das ein sich kräuselnder Haarschopf krönte. Er steckte in einer hohen Halsbinde mit dem dreifachen Hemdkragen, der Samtweste und dem schwarzen Rock. Auf der Hemdkrause waren Diamanten angebracht. Seine Augen wurden durch die Backen zusammengedrängt, und seine Züge zeigten ein leicht spöttisches Lächeln.
Pécuchet konnte nicht umhin zu sagen:
„Man könnte ihn für Ihren Vater halten!“
„Es ist mein Pate,“ erwiderte Bouvard nachlässig, indem er hinzufügte, er heiße mit seinen Taufnamen François Denys Bartholomée. Diejenigen Pécuchets waren Juste Romain Cyrille -- und sie hatten dasselbe Alter: siebenundvierzig Jahre. Dieser Zufall machte ihnen Freude, obgleich er sie überraschte, denn jeder hatte den andern für bedeutend älter gehalten. Dann bewunderten sie die Vorsehung, deren Wege oft merkwürdig seien.
„Denn schließlich, wären wir vorhin nicht ausgegangen, um einen Spaziergang zu machen, so hätten wir sterben können, ohne einander kennenzulernen.“
Und nachdem jeder dem andern die Adresse seines Hauswirtes gegeben hatte, wünschten sie einander gute Nacht.
„Gehen Sie nicht zu den Damen!“ rief Bouvard auf der Treppe.
Pécuchet stieg die Stufen hinab, ohne auf den Scherz zu antworten. --
Am folgenden Tage rief im Hofe der Herren Gebrüder Descambos, Elsässische Stoffe, Rue Hautefeuille Nr. 92, eine Stimme:
„Bouvard! Herr Bouvard!“
Der Gerufene steckte den Kopf zwischen den Scheiben durch und erkannte Pécuchet, der mit deutlicher Betonung sagte:
„Ich bin nicht krank! Ich habe sie ausgezogen!“
„Was denn?“
„Sie!“ sagte Pécuchet, auf seine Brust weisend.
All die Gespräche während des Tages, dazu die Temperatur des Zimmers und die Verdauungsarbeit hatten ihn gehindert einzuschlafen, so daß er die Unterjacke ausgezogen hatte, da er es nicht mehr darin aushielt. Am Morgen war ihm diese Tat, die glücklicherweise ohne Folgen geblieben war, ins Gedächtnis zurückgekommen, und er wollte Bouvard davon in Kenntnis setzen, der hierdurch in seiner Achtung zu wunderbarer Höhe gestiegen war.
Pécuchet war der Sohn eines kleinen Kaufmanns und hatte seine Mutter nicht gekannt, die in jungen Jahren gestorben war. Man hatte ihn mit fünfzehn Jahren aus dem Internat genommen, um ihn zu einem Gerichtsdiener zu geben. Die Gendarmen erschienen unvermutet, und der Prinzipal wurde auf die Galeeren geschickt; eine grausige Geschichte, die ihn noch in Schrecken setzte. Dann hatte er sich in mehreren Berufen versucht: Apothekerlehrling, Studienmeister, Rechnungsführer auf den Paketbooten der oberen Seine. Schließlich hatte ihn ein Ministerialbeamter, der durch seine Handschrift gewonnen war, als Expedienten in Dienst genommen; aber das Bewußtsein einer mangelhaften Ausbildung mit den daraus entstehenden geistigen Bedürfnissen verdarb seine Laune; er lebte vollständig allein, ohne Verwandte, ohne Verhältnis. Seine einzige Zerstreuung war, am Sonntag die öffentlichen Arbeiten zu besichtigen.
Seine frühesten Erinnerungen versetzten Bouvard auf den Hof eines Pachtgutes an den Ufern der Loire. Ein Mann, der sein Onkel war, hatte ihn nach Paris gebracht, damit er den Handel erlerne. Als er großjährig war, zahlte man ihm einige tausend Franken aus. Da hatte er sich eine Frau genommen und einen Zuckerwarenladen eröffnet. Sechs Monate später verschwand seine Gattin, wobei sie die Kasse mit sich nahm. Die Freunde, das gute Leben und seine Faulheit hatten den Ruin bald vollständig gemacht. Doch er hatte die Eingebung, seine schöne Hand zu benutzen; und seit zwölf Jahren hielt er sich in derselben Stellung bei den Herren Gebrüder Descambos, Stoffe, Rue Hautefeuille Nr. 92. Was seinen Onkel anging, der ihm vor Zeiten besagtes Bild zur Erinnerung hatte zugehen lassen, so kannte er nicht einmal dessen Aufenthaltsort und erwartete nichts mehr von ihm. Fünfzehnhundert Franken Rente und sein Einkommen als Schreiber erlaubten ihm, jeden Abend einen Nicker in einer Kneipe zu machen.
So hatte ihr Zusammentreffen die Bedeutung eines Abenteuers gehabt. Sie hatten sich sogleich mit geheimen Fibern aneinander festgehakt. Wie übrigens die Zuneigung erklären? Warum bezaubert bei dem einen diese Eigenheit, jene Unvollkommenheit, die bei dem andern gleichgültig oder hassenswert ist? Was man den zündenden Blitz zu nennen pflegt, gilt für alle Leidenschaften. Bevor die Woche zu Ende war, duzten sie sich.
Oft suchten sie einander in ihren Kontoren auf. Sobald der eine erschien, schloß der andere sein Pult, und sie gingen zusammen auf die Straße hinab. Bouvard machte große Schritte, während Pécuchet, der die seinigen verdoppelte und dem der Rock auf die Fersen schlug, dahin zu rollen schien. Ebenso standen ihre besonderen Neigungen miteinander im Einklang. Bouvard rauchte Pfeife, liebte den Käse und trank regelmäßig seine kleine Tasse Kaffee. Pécuchet schnupfte, aß zum Nachtisch nur Eingemachtes und tauchte ein Stückchen Zucker in seinen Kaffee. Der eine war vertrauensselig, unbesonnen, großherzig; der andere verschwiegen, nachdenklich, sparsam.
Um Pécuchet ein Vergnügen zu machen, wollte Bouvard ihn mit Barberou bekannt machen. Das war ein ehemaliger Handlungsreisender, gegenwärtig Börsenspekulant, ein gutherziger Junge, Patriot, Damenfreund, der die Sprechweise des Faubourg nachzuahmen suchte. Pécuchet fand ihn unangenehm, und er führte Bouvard zu Dumouchel. Dieser Autor (er hatte nämlich eine kleine Mnemotechnik veröffentlicht) gab Literaturstunden in einem Pensionat für junge Mädchen, hatte orthodoxe Anschauungen und ein sehr ernstes Benehmen. Er langweilte Bouvard.
Keiner hatte dem andern seine Meinung vorenthalten. Jeder erkannte die Richtigkeit der des anderen an. Ihre Gewohnheiten änderten sich, sie gaben ihren bürgerlichen Mittagstisch auf und speisten schließlich alle Tage zusammen.
Sie stellten Betrachtungen über die Theaterstücke an, von denen man sprach, über die Regierung, über die hohen Lebensmittelpreise, über die Betrügereien im Handel. Von Zeit zu Zeit erschien die Halsbandgeschichte oder der Prozeß Fualdès in ihren Unterhaltungen; und dann suchten sie nach den Ursachen der Revolution.
Sie schlenderten an den Trödlerläden entlang. Sie besuchten das Conservatoire des Arts et Métiers, Saint-Denis, die Gobelinwebereien, den Invalidendom und alle öffentlichen Sammlungen.
Wenn man ihnen ihren Paß abverlangte, so taten sie, als hätten sie ihn verloren, indem sie sich für zwei Fremde, zwei Engländer, ausgaben.
In den Galerien des Museums schritten sie mit Verwunderung an den ausgestopften Vierfüßlern vorbei, mit Vergnügen an den Schmetterlingen, mit Gleichgültigkeit an den Metallen; die Fossilien regten sie zu Träumen an, die Schal- und Muscheltiere langweilten sie. Sie spähten aufmerksam durch die Scheiben in die Treibhäuser, und sie erschauerten bei dem Gedanken, daß diese Gewächse Gifte absonderten. An der Zeder bewunderten sie, daß man sie in einem Hut herbeigeschafft hatte.
Im Louvre bemühten sie sich, für Raffael sich zu begeistern. Auf der großen Bibliothek hätten sie die genaue Zahl der Bände wissen mögen.
Einmal gingen sie in die arabische Vorlesung am Collège de France, und der Dozent war erstaunt, die beiden Unbekannten zu sehen, die nachzuschreiben versuchten. Dank der Hilfe Barberous drangen sie hinter die Kulissen eines kleinen Theaters. Dumouchel verschaffte ihnen Eintrittskarten für eine Sitzung der Akademie. Sie unterrichteten sich über die Entdeckungen, lasen Anzeigen, und durch diese Wißbegier entwickelte sich ihre Intelligenz. Fern an einem Horizont, der täglich sich erweiterte, nahmen sie Dinge wahr, die zugleich undeutlich und merkwürdig waren.
Wenn sie ein altes Möbel bewunderten, bedauerten sie, daß sie nicht zu der Zeit gelebt hatten, da man sich seiner bediente, obgleich sie nicht die geringste Kenntnis über jene Zeit hatten. Bei gewissen Namen dachten sie sich Länder, die um so schöner waren, je ungenauer ihre Vorstellung davon war. Die Werke, deren Titel für sie unverständlich waren, schienen ihnen ein Geheimnis zu umschließen.
Und wenn sie keine Gedanken mehr hatten, so litten sie um so mehr. Wenn auf der Straße eine Post ihren Weg kreuzte, wandelte die Lust sie an, mit ihr abzureisen. Der Blumenkai erregte ihnen Sehnsucht nach dem Landleben.
Eines Sonntags setzten sie sich gleich am Morgen in Marsch; sie nahmen ihren Weg über Meudon, Bellevue, Suresnes, Auteuil und trieben sich den ganzen Tag lang zwischen den Weinbergen umher, rissen am Rande der Felder Mohn aus, schliefen im Grase, tranken Milch, aßen unter den Akazien der Wirtshäuser und kamen sehr spät heim, bestaubt, erschöpft, entzückt. Sie wiederholten diese Spaziergänge oft. Am folgenden Tage waren sie so traurig, daß sie sie schließlich aufgaben.
Die Eintönigkeit des Bureaus wurde ihnen verhaßt. Immer und ewig das Radiermesser und der Sandarak, dasselbe Tintenfaß, dieselben Federn und dieselben Gefährten! Da sie sie für dumm erachteten, sprachen sie immer weniger mit ihnen. Das trug ihnen Hänseleien ein. Sie kamen jeden Tag nach Beginn, und sie erhielten Verweise.
Früher waren sie beinahe glücklich gewesen; aber ihre Tätigkeit demütigte sie, seitdem sie sich mehr achteten, und sie bestärkten sich in diesem Widerwillen, begeisterten sich gegenseitig, verdarben sich. Pécuchet nahm das ungestüme Wesen Bouvards an, auf Bouvard ging etwas von der Grämlichkeit Pécuchets über.
„Ich möchte Kunstreiter auf den öffentlichen Plätzen werden!“ sagte der eine.
„Wäre ebensogern Lumpensammler!“ sagte der andere.
Welch eine scheußliche Lage! Und keine Möglichkeit, herauszukommen! Nicht einmal die Hoffnung! --
Eines Nachmittags (es war am 20. Januar 1839) empfing Bouvard im Kontor einen Brief, den der Briefträger gebracht hatte. Seine Arme hoben sich, sein Kopf sank allmählich zurück, und er stürzte ohnmächtig zu Boden.
Die Angestellten eilten herbei, man löste seine Halsbinde. Man ließ einen Arzt holen. Er schlug die Augen wieder auf; und dann, auf die Fragen, die man an ihn richtete:
„Ach!... nämlich... nämlich... etwas frische Luft wird mir helfen. Nein! lassen Sie mich! Erlauben Sie!“
Und trotz seiner Beleibtheit lief er in einem Atem zum Marineministerium, während er sich mit der Hand über die Stirn fuhr, verrückt zu werden glaubte und sich zu beruhigen versuchte.
Er ließ Pécuchet rufen.
Pécuchet erschien.
„Mein Onkel ist tot! Ich erbe!“
„Nicht möglich!“
Bouvard zeigte folgende Zeilen:
Bureau des Rechtsanwalts Tardivel, Notar.
Savigny-en-Septaine, den 14. Januar 1839.
Mein Herr!