Part 4
Wie treu der Jünger Sandro seinem hingeopferten Meister anhing, bekundet auch das einzige signierte und datierte Gemälde Botticellis, jene kleine, unsagbar feierliche Darstellung von Christi Geburt in der National-Gallery, vielleicht das letzte eigenhändige Bild, das Sandro geschaffen. Heftig bewegt und doch von schmerzlichem Frieden, christlichen Geistes und dunkler Symbolik voll, deucht dies Gemälde wie ein Werk aus seiner mediceischen Epoche, übertragen in die Formensprache der Savonarola-Zeit: die Niedrigsten und die Höchsten, Könige und Hirten werden, den Ölzweig des Friedens im Haar, von Engeln zur heiligen Hütte geleitet, auf deren Strohdach andere Engel das »Gloria in excelsis« jubeln. Ihnen zu Häupten schlingen, von goldenem Glanz umleuchtet, wieder andere Engel den Reigen; aber das ist nicht mehr jenes selige Schweben, wie es vordem Sandro in der Marienkrönung mit so einziger Kunst gemalt; eine religiöse Orgie, ein Bacchanal des Glaubens könnte man diesen jäh dahin wirbelnden Tanz nennen. Drei goldene Kronen schimmern im strahlenden Lichtmeer, bestimmt, die Häupter dreier Pilger zu schmücken, die gerade von drei Engeln zärtlich umarmt und geküsst werden, indes ein paar Teufel, Maulwürfen gleich, sich in den Boden verkriechen; -- diese drei Pilger sind Savonarola und die beiden Genossen seines Martyriums. Eine griechische Inschrift, deren geheimnisvoller Ton bewusst an die Offenbarung Johannis anklingt, zeugt erschütternd von Sandros Verzweifeln und Hoffen: »Dieses Bild malte ich, Alessandro, am Ende des Jahres 1500, während der Wirren Italiens, in der halben Zeit nach der Zeit, gemäss des elften Kapitels S. Johannis, im zweiten Wehe der Apokalypse, in der dreiundeinhalbjährigen Loslassung des Teufels; dann aber wird dieser gefesselt werden, gemäss des zwölften und wir werden ihn erblicken, zu Boden getreten, wie auf diesem Bilde.«
Weit hinter Sandro lagen nunmehr jene Tage, da er am »Betrug des Mars und den Listen Vulcans« sich erfreute. Der Born antiker Herrlichkeit rauschte ihm nicht mehr; dafür erschloss sich eine christliche Schönheitsquelle dem Gläubigen, -- Dantes göttliche Komödie. Sechsundneunzig jener Federzeichnungen, mit denen er für Lorenzo di Pierfrancesco de' Medici ein Exemplar der Divina commedia schmückte, sind uns erhalten; acht davon bewahrt die Vaticana; die übrigen bilden einen stolzen Besitz des Berliner Kupferstich-Kabinets. Vielleicht begann Sandro dies Riesenwerk vor seiner Romfahrt; aber es zog sich viele Jahre hin, wahrscheinlich noch über den Tod des Medici heraus, und das Beste daran gehört den Zeiten, da Botticelli dem Glauben neu gewonnen war. Sandro widmete -- mit einer einzigen Ausnahme -- jedem Gesang ein Blatt. Aber die Fülle des Darzustellenden erdrückte ihn; das Nacheinander der Schilderung löst sich nicht immer gut zum Nebeneinander auf und so kranken besonders die frühen Zeichnungen zum Inferno an einer unklaren und verworrenen Anordnung. Doch darf man, in Umkehrung eines Goetheschen Wortes, sagen: Wo starker Schatten, ist auch viel Licht. Seine Zeichnungen enthalten, gleichsam im Extrakt, alle Vorzüge seiner Gemälde: die plastische Formgebung, den beseelten Contur, und die Gesten werden hier, noch unmittelbarer als im Bilde, zum Ausdruck eines überquellend reichen Innenlebens. Die finsteren Giganten der Hölle wirken ebenso überzeugend wie die Holdseligkeit der Engelsreigen; wenn Sandro mit ein paar Strichen die Unendlichkeit des Äthers oder eine unermessliche Weite ahnen lässt, so scheint der Florentiner zum Japaner geworden und wie endlich, in den Zeichnungen zum Paradies, Dantes Augen Angst, Verwirrung, das Gefühl der eignen Unwürdigkeit, Hoffnung und heiligste Ergriffenheit wiederspiegeln, -- solcher Kunst ist nur wenig, vielleicht gar nichts vergleichbar.
Botticelli konnte den Abend seines Lebens gänzlich den Dante-Studien widmen; denn in seinem Atelier drängten sich die Besteller nicht mehr. Die Florentiner brachten dem Maler, den ein Papst berufen hatte, noch immer Respekt entgegen, baten ihn zuweilen um ein Gutachten in Kunstdingen, -- aber Sandros Art schien überholt. Seine Kunst wurzelte nicht im nährendem Erdreich des Florentiner Volkstums; sie glich einer aristokratischen Zierpflanze Careggis, jenes Mediceer-Haines wo die Künstler gelehrt und die Gelehrten Künstler waren. Sandros Schöpfungen bedeuteten die bildgewordene Sehnsucht jener Estheten, die hier, unter Cypressen, zu Füssen eines marmornen Hellenengottes, den ewigen Traum einer versunkenen Schönheitswelt träumten. Als Lorenzo de' Medici starb und seine humanistischen Freunde dem Florenz Savonarolas den Rücken kehrten, verlor Sandro alle Verehrer seiner Kunst. Auch der Geschmack hatte sich gewandelt: einem Geschlecht, das die pompösen, aber seelenarmen Gemälde Fra Bartolommeos bewunderte, konnten Botticellis Werke nichts mehr sagen. Die jungen Künstler schworen auf Michelangelo; und die Banausen, -- es wird an solchen auch in der Renaissance nicht gemangelt haben, -- was konnte ihnen die scheue Poesie des »Frühlings« oder des »Magnificats« sein? So schleppte Sandro arm und einsam seine letzten Jahre, und als er am 17. Mai des Jahres 1510 in der Kirche Ognissanti begraben wurde, mochten manche staunend erfahren, dass er überhaupt noch gelebt hatte. Man vergass ihn rasch. In der Florentiner Kunst der Hochrenaissance und des Barocks verspüren wir seines Geistes nicht den leisesten Hauch und selbst die feinsten Amateure des Rokoko gingen achtlos an Sandros Werken vorüber. Erst das neunzehnte Jahrhundert entdeckte die Kunst Botticellis und fand in der sehnsüchtigen Schönheit seiner Bilder den Wiederschein der eigenen Träume.
VERZEICHNIS DER WERKE SANDRO BOTTICELLIS.[1]
BERGAMO.
84 Geschichte der Virginia. 85 Christuskopf.
BERLIN.
106 Madonna und Heilige. (1485) 1128 Der heilige Sebastian. (1473)
_Sammlung von Kaufmann_.
Judith.
_Königl. Nationalgalerie (Sammlung Raczinsky)._
Madonna mit Engeln. Tondo.
BOSTON (bei Mrs. J. L. Gardner).
Tod der Lucretia. Madonna mit Kind und Engel. (Chigi-Madonna.)
DRESDEN.
12 Darstellungen aus dem Leben des heil. Zenobius.
FLORENZ.
_Accademia._
46 Santa Conversazione. 73 u. 74 Krönung Mariae und Predelle. 80 Der Frühling. 85 Madonna, Heilige und Engel. 157 Toter Christus. } 161 Salome. } Diese vier kleinen Bildchen 158 Tod des heil. Augustin. } sind auseinandergenommene 162 Vision des heil. Augustin. } Teile ~einer~ Predelle.
_Uffizien._
39 Geburt der Venus. 1156 Judith. 1158 Der Leichnam des Holophernes. 1179 Der heilige Augustin. 1182 Die Verläumdung des Apelles. 1276b Das Magnificat. 1286 Anbetung der Könige. 1289 Madonna und Engel. 1299 Fortezza. (ohne Nummer) Anbetung der Könige.
_Palazzo Pitti_ (Wohnraum).
Pallas mit dem Centauren.
_Kirche Ognissanti._
Der heilige Augustin (Fresko).
FRANKFURT A. M.
_Staedel'sches Institut._
11 Weibliches Idealportrait.
LONDON.
1033 Anbetung der Könige. 1033 Geburt Christi. (1500) 915 Mars und Venus.
_Mr. L. Mond_
Darstellungen aus dem Leben des heiligen Zenobius.
MAILAND.
_Ambrosiana._
145 Madonna und Engel.
_Poldi-Pezzoli._
Madonna mit Kind.
PARIS.
1297 Lorenzo Tornabuoni wird in den Kreis der freien Künste eingeführt.
1298 Giovanna degli Albizzi wird von den vier Cardinaltugenden begrüsst. (Fresken)
ROM.
_Sixtinische Kapelle._
Die Reinigung des Aussätzigen } und Versuchung Christi. } Die Thaten des Moses. } 1481--1482. Die Vernichtung der Rotte Korah. } Fresken. Einzelne Figuren von Päpsten. }
_Marchese Pallavicini._
Das Weib des Leviten.
ST. PETERSBURG.
163 Anbetung der Könige.
[1] _Atelier- und Schulwerke sind in dies Verzeichnis ~nicht~ aufgenommen. Wo keine nähere Bezeichnung dabei steht, ist als Aufenthaltsraum des Bildes immer die Hauptgalerie des Ortes anzusehen. Die Zahlen ~vor~ dem Bildnamen beziehen sich auf den Katalog der betreffenden Galerie, die Zahlen hinter dem Bilde bezeichnen das Entstehungsjahr, sofern dies gesichert scheint_.
VERZEICHNIS DER ABBILDUNGEN
Botticellis Selbstbildnis aus der »Anbetung der Könige«, _Titelbild_
_Seite_
Fortezza, 8
Der heilige Sebastian, 12
Kopf der Madonna aus dem »Magnificiat« 20
Töchter Jethros. Detail aus dem Fresco: Die Thaten des Moses, 36
Mars und Venus, 40
Frühling, 44
Geburt der Venus, 48
Verläumdung des Apelles, 52
Salome, 56
Geburt Christi, 60
GEDRUCKT ZU WITTENBERG BEI HERROSÉ & ZIEMSEN
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. Die Abbildungen wurden zwischen Absätze verschoben, die Seitenzahlen im Abbildungsverzeichnis aber wie im Original beibehalten.