Boccaccio

Part 3

Chapter 33,554 wordsPublic domain

Obwohl ich glaube, dass gerade diese neununddreissig Novellen zu den schoensten und ergoetzlichsten gehoeren, will ich doch den Inhalt derselben nicht zu verteidigen unternehmen. Es ist eine Ordnung der Natur, dass die Menschen gleich anderen lebenden Geschoepfen ihre Art nicht (wie manche Pflanzen tun) sich durch Knollen fortsetzen, sondern in zwei Geschlechter zerfallen, woraus beiden Teilen ebenso wohl viel Vergnuegen als haeufiger Kummer entsteht. Und es ist eine andere Ordnung (diese jedoch nicht von der Natur), dass die meisten wohlgesitteten Menschen diese natuerlichen Dinge zwar billigen und ihren Gesetzen folgen, aber durchaus nicht davon gesprochen wissen wollen. Und auch noch viele, welche muendlich nicht selten davon zu sprechen und zu hoeren pflegen, sehen es doch in gedruckten Buechern nicht gerne.

Unser Novellenbuch hat das Bestreben und die Eigenschaft, ein Spiegel des wirklichen Lebens zu sein. Wie ich fuer sicher glaube, hat wohl an der Haelfte aller wichtigen menschlichen Begebnisse, Leidenschaften, Schicksale, Freuden und Leiden das Verhaeltnis der Geschlechter grossen Anteil. Wenn nun das Geschichtenbuch des Boccaccio nur zu einem Dritteil von solchen Stoffen handelt, ist es also doch immer noch um ein Erkleckliches anstaendiger und schamhafter als das Leben selber. Ausserdem sind diese Stoffe von den Erzaehlern teils so zart und mit guten Nutzanwendungen vorgetragen, teils so fein und erheiternd mit Witz und Wortspiel verziert, teils auch so burlesk und drollig, dass ihnen die natuerliche Gemeinheit zum guten Teil genommen ist und dass sie bei gesunden und vernuenftigen Lesern gewiss keinen Schaden anzurichten vermoegen. Dazu kommt, dass neben diesen anderen so viele Geschichten voll Reinheit und Edelsinn stehen, ja auch unter denen, welche ausschliesslich von der Liebe handeln, finden sich nicht wenige Beispiele von seltener Keuschheit, Treue und Ehrbarkeit. Ueberdies war der Meister ehrlich genug, jeder Geschichte ihren kurzen Inhalt in Ueberschriften voranzustellen, so dass, wer gewisse Dinge verabscheut, die davon handelnden Novellen ungelesen ueberschlagen kann.

Ein besonderer Vorwurf wird ungerechter Weise dem Dekameron darueber gemacht, dass die einzelnen Geschichten von Erzaehlern beiderlei Geschlechts berichtet werden und dass die jungen Damen nicht nur manche derbe Posse mit anhoeren, sondern auch selbst solche erzaehlen. Mir ist zwar nicht bekannt, weshalb die Frauen so viel mehr als die Maenner vor jenen Dingen Scheu haben sollten, auch kann man jeden Tag sehen, dass dem in Wirklichkeit nicht so ist; dennoch hat auch hierfuer der Meister sich fein und deutlich entschuldigt, indem fast jede Novelle im Beginn oder am Schlusse einleuchtend erklaert, warum und in welcher Absicht sie erzaehlt sei. Die Einfuehrung der Erzaehlungen heiklen Inhalts hat Boccaccio auf eine ungemein heitere und kluge Weise gegeben. Unter den drei Juenglingen der Gesellschaft befindet sich einer namens Dioneus, ein Witzemacher, Spoetter und Schalk vom reinsten Wasser. Dieser nun ist der erste, welcher am ersten Tage es wagt, eine sogenannte saftige Geschichte vorzutragen, und er behaelt sich das Recht vor, ohne Zwang jedesmal gerade das zu erzaehlen, was er im Augenblick besonders unterhaltend faende. Dieser Dioneus faehrt denn auch stets, ohne sich sonderlich an das vorgeschlagene Thema zu halten, in der begonnenen Art fort, und unter den zehn von ihm erzaehlten Novellen sind nur zwei, die nicht anstoessig waeren, und auch von diesen beiden ist noch die eine, obwohl frei von Liebesabenteuern, voll von anderen kraeftigen Scherzen und Spoettereien.

Die erste von Dioneus erzaehlte Posse, worin ein Moench sich in die Liebe einer Dirne mit dem Abte teilt, erregt bei den Damen Erroeten und Schelten. Allmaehlich wagen es nun auch die beiden anderen Juenglinge, Aehnliches vorzutragen, bei den Maedchen ueberwiegt bald das Gelaechter den Unwillen, und nach und nach entschluepft auch ihnen da und dort eine derbe Historie, bis am Ende die Scheu ganz ueberwunden ist und alle ihren natuerlichen Eingebungen folgen, so dass zuletzt auch von den Damen jede wenigstens eine oder zwei derartige Anekdoten zum Besten gegeben hat. Dioneus freilich bleibt hierin obenan, nicht nur was die Anzahl, sondern auch was die Staerke seiner Possen betrifft. Welcher Novelle in dieser schlimmen Hinsicht der Vorrang gebuehre, mag jeder fuer sich entscheiden. Aber auch davon abgesehen, dass alle diese von der sinnlichen Liebe handelnden Stoffe mit vieler Schoenheit und Kunst vorgetragen werden, sind Reden und Benehmen der zehn jungen Leute im uebrigen so ehrbar und tadelfrei, dass man wohl sehen kann, wie Reden und Tun zweierlei Dinge sind und wie Freimuetigkeit sich mit guter Sitte sehr wohl vertraegt. Darin koennte sogar mancher von den Erzaehlern der hundert Novellen viel Nuetzliches lernen.

Im Ernst moechte ich keinem klugen Leser raten, die unanstaendigeren Novellen des Dekameron voellig zu ueberschlagen. Wer selbst von guter und reinlicher Natur ist, wird gewiss das wirklich Unsaeuberliche von selber liegen lassen. Davon abgesehen, offenbart sich aber gerade in einigen der derberen Geschichten die Art des Boccaccio am besten, so dass man in ihnen ebenso die grosse Anschaulichkeit und Wahrheit der Darstellung wie die Lebendigkeit der Sprache bewundern muss. Es sind von Alters her die Florentiner in Witzworten, Anspielungen und schalkhaften Wendungen der Rede sehr geuebt gewesen und sind es auch heute noch in hohem Grade. Da nun Boccaccio in jenen Anekdoten und Possen durchaus dieselbe Sprache redet wie das florentinische Volk auf der Gasse, zeigen dieselben ihrem Inhalte zum Trotz haeufig eine Anmut und Natuerlichkeit, welche fast nie von anderen Schriftstellern erreicht wurde.

Wer noch weiteres zur Verteidigung des armen Giovanni gegen fromme Vorwuerfe fuer notwendig haelt, moege seine eigenen Rechtfertigungen lesen, welche am ausfuehrlichsten in der Einleitung, sowie in der Vorrede zum vierten Tage und im Epilog sich finden. Wohl dem, der dessen nicht bedarf und sich frohen Herzens des dargebotenen reichen Genusses erfreut!

Uebrigens sind die Novellen des Boccaccio vor Zeiten keineswegs vornehmlich deshalb so getadelt worden, weil sie oefters in freimuetiger Weise von den Vergnuegungen der Liebe handeln; denn von diesen Dingen wurde in jenen Zeiten viel natuerlicher und freier gesprochen, als es heute Sitte ist, wo man zwar in allen Verderbtheiten grosse Uebung hat, aber davon zu reden sich gewaltig scheut. Auch ist sowohl die deutsche wie die englische Literatur der aelteren Zeit reich an Unflaetereien, neben welchen die boesesten Stellen des Boccaccio noch wie Gebete klingen.

Vielmehr zielten die vielen Anklagen damaliger Zensoren fast ausschliesslich darauf, dass im Dekameron haeufig, wie man meinte, die heilige Religion und Kirche angetastet und verhoehnt werde. In dieser Hinsicht ist nun freilich die heutige Zeit weniger eilig zum Verdammen geneigt.

In Wirklichkeit findet man in dem ganzen Werke keine noch so kleine Stelle, welche wider die Religion gerichtet waere oder die Absicht haette, sie zu verspotten. Im Gegenteil ist oefters von goettlichen Gesetzen und vom christlichen Glauben in den aufrichtigsten und glaeubigsten Ausdruecken die Rede. So wird auch von der Gesellschaft der Zehne jedesmal der Freitag und Samstag mit Strenge gefeiert, und an diesen Tagen hoeren wir weder von Geschichtenerzaehlen noch von sonstigen Lustbarkeiten. Was aber uns heute billig und gerecht erscheint, damals jedoch zu grosser Verdammung gereichte, das ist der Umstand, dass Boccaccio bei jeder Gelegenheit von Priestern, Moenchen und Nonnen, auch von Aebten, Bischoefen, Prioren und hohen geistlichen Herren mit der kuehnsten Freimuetigkeit gesprochen hat. Er tat dieses teils, indem er die unanstaendigen und lasterhaften Handlungen, wenn er solche berichtet, fast immer solchen Klerikern in die Schuhe schob, teils redete er aber auch unverhuellt in den strengsten und heftigsten Ausdruecken ueber Priester und Moenche. Von diesen sagt er, ausser an vielen anderen Orten, in der siebenten Novelle des dritten Tages:

"Sie schreien ueber die Ueppigkeit gegen die Maenner, damit, wenn sie diese sich vom Halse geschafft haben, die Weiber fuer die Schreier zurueckbleiben. Sie verdammen den Wucher, damit sie, wenn der Suender durch ihre Haende den ungerechten Gewinst zurueckerstattet, sich vorher daraus die weitesten Kutten machen lassen und Bistuemer und Praelaturen kaufen koennen. Sie predigen lauter Gutes -- aber warum? Damit sie selbst das tun koennen, was, wenn sie es den Weltlichen nicht verboeten, sie nicht tun koennten! Wenn du den Weibern nachlaeufst, so kann der Frater nicht bei ihnen ankommen. Wenn du nicht geduldig bist und Beleidigungen vergibst, so darf der Frater es nicht wagen, dir in's Haus zu dringen und deine Familie zu beschmutzen. Ich habe in meinem Leben tausende von ihnen gesehen, welche nicht allein weltliche Frauen, sondern auch solche aus den Kloestern liebten, verfuehrten und besuchten, und das waren jene, die den meisten Laerm auf den Kanzeln machten."

Von den allerhoechsten Kirchenfuersten aber handelt die von Neiphile erzaehlte zweite Novelle des ersten Tages. Naemlich einem reichen und redlichen juedischen Kaufmann zu Paris, namens Abraham, liegt sein Herzensfreund dringlich an, er moechte doch die Taufe nehmen und Christ werden, um nicht der ewigen Seligkeit dereinst ledig zu bleiben. Der Jude, als ein sehr verstaendiger Mann, sieht dessen Richtigkeit wohl ein und beschliesst, nach Rom zu reisen und daselbst des Papstes und der Kardinale Art und Sitten wohl zu beobachten, ob sie wirklich als die Hueter und Verkuendiger eines so erhabenen Glaubens zu schaetzen seien. Vergebens sucht der erschrockene Freund, welcher allzuwohl weiss, wie es in Rom aussieht und zugeht, ihn abzuhalten. Abraham besteht auf seinem Entschluss und zieht nach Rom, und was er dort zu sehen bekommt, ist Laster ueber Laster, Habgier, Herrschsucht, Neid, Wollust, Unflat und derlei mehr. Allein der kluge Jude, da er endlich wieder nach Paris heimkehrte, laesst sich zum unendlichen Erstaunen seines Freundes trotzdem taufen. Denn, sagt er, wenn der Papst und alle seine Oberhirten und Unterhirten seit langer Zeit alle statt Gotte dem Teufel dienen und sich Muehe geben, Christi Lehre in den Kot zu treten, diese aber dennoch besteht und lebt und sich ausbreitet, so muss sie wahrlich von Gott sein, sonst waere sie laengst ertoetet und von der Erde verschwunden.

Ich weiss nicht, ob diese Anekdote jemals dem Doktor Luther zu seiner Zeit bekannt worden ist. Wenn er sie aber gehoert hat, so weiss ich gewiss, dass er seine grosse Lust daran gehabt hat.

Zum Schoensten und Holdesten, was im Dekameron, ja ueberhaupt bei irgend einem beruehmten Dichter zu finden ist, zaehlen jene Novellen, in welchen die Schicksale tragischer Liebe, und jene, in welchen Taten des Edelsinns und der Seelengroesse berichtet werden. Schon Petrarca, welcher im uebrigen kein grosser Bewunderer des Dekameron war, hat an einer derselben (es ist die letzte Novelle, die zehnte des zehnten Tages) ein solches Gefallen gefunden, dass er sie nicht bloss jedermann und immer wieder erzaehlte, sondern sie auch, zum Zwecke weiterer Verbreitung, mit eigener Muehe ins Lateinische uebersetzt hat. Nicht minder schoen und ruehrend ist jene schon erwaehnte Erzaehlung vom Basilikumtopfe, handelnd von der Liebe und dem Tode zweier unschuldiger junger Leute, welche nicht nur jenes Bild des Malers Millais, sondern auch eine schoene Dichtung, verfasst von dem Englaender Keats, veranlasst hat.

Vielleicht das Zarteste und Edelste aber, das man sich nur ersinnen kann, ist die Geschichte, welche am fuenften Tage Fiammetta erzaehlt, von dem jungen Edelmanne Federigo Alberighi und seinem Falken. Es wuerde mir eine Suende scheinen, diese Novelle anders als mit des Boccaccio eigenen Worten wieder zu erzaehlen, wozu hier nicht der Ort ist. Diese Erzaehlung stellt, ohne ein einziges ueberfluessiges Wort, eine edle und treue Liebe dar, welcher kein Opfer je zu gross ist, und ist mit einer so feinen, wehmuetigen Einfalt erzaehlt, dass es schwerlich sonst je einem Dichter gelungen ist, mit so bescheidenen Worten das Herz des Zuhoerers so maechtig zu ergreifen.

Ungemein lieblich erscheint mir auch der kleine Traum eines Liebenden, welchen in der sechsten Novelle des vierten Tages Gabriotto traeumte. Ihm war im Traum, als wandle er mit seiner Geliebten irgendwo im Freien umher, und diese friedvolle Lust erschien ihm in einem merkwuerdigen Bilde, wie er erzaehlt: "Es kam mir vor, als befaende ich mich in einem schoenen und reizenden Walde, in welchem ich jagte und eine so schoene, liebliche Hindin gefangen hatte, wie man nur je eine gesehen hat; es schien mir, als waere sie weisser wie Schnee und mir in kurzer Zeit so zahm geworden, dass sie sich gar nicht von mir trennte. Dagegen kam es mir vor, als waere sie mir auch so lieb geworden, dass, ob sie gleich nicht von mir ging, sie ein goldenes Halsband um den Hals zu tragen schien, das ich an einer goldenen Kette in den Haenden hielt." -- In eben derselben Erzaehlung ist es ueberaus schoen und ruehrend zu lesen, wie ein Maedchen ihren toten Geliebten auf ein feines Tuch aus Seide legt, ihm einen Kranz von Rosen um die Stirne flicht und auch den ganzen Leichnam ueber und ueber mit Rosen zudeckt.

Neben solchen Schoenheiten findet man aber auch eine Menge von merkwuerdigen Schilderungen sowohl aus der Natur, wie aus dem Leben der Menschen. Ueber die Verpflichtungen und Gewohnheiten der Kaufleute in fremden Seestaedten, wie sie ihre Ware im Hafenmagazin unterbringen und versichern, berichtet die Einleitung der Novelle von Salabaetto (achter Tag, zehnte Novelle). In derselben Geschichte erfaehrt man auch einiges ueber das Leben und Gebahren der schlauen und betruegerischen Dirnen von Palermo. Von dem so sehr beruehmten Maler Giotto kommt eine Anekdote in der fuenften Novelle des sechsten Tages vor. Von einem Pfleger und Kenner reiner toskanischer Weine, welche auch heute noch so koestlich munden, hoeren wir am selben Tage in der zweiten Novelle. Eine praechtige Beschreibung koestlicher Tafelfreuden im Freien, wobei die noetigen Fische unter den Augen der Gaeste im Gartenteich von schoenen Maedchen mit der Hand gefangen werden, findet man in der sechsten Novelle des zehnten Tages.

Auch von Zauber- und Schlafmitteln, Arzneien und Kuren, sowie von Schwarzkuenstlern und Taschenspielern ist hier und dort die Rede, nicht weniger von Reise und Schiffahrt, von Bettlern, von Kuenstlern, von Spassmachern und Schmarotzern bei Hofe, von Jagd und Tanz, vom Verlieben durch Hoerensagen, von Hochzeiten und Festen, von Richtern und Henkern. Wenn einer ueber die Beschaeftigungen und Lebensweise der verschiedensten Menschen und Staende zu jener Zeit Genaues erfahren will, der wird in den saemtlichen Werken der Gelehrten nicht so viel finden und lernen wie in diesem Buche, welches das Treiben und Gebahren der Menschen von damals treuer und deutlicher als ein Spiegel vor unsre Augen stellt. Dazu gehoert auch seine Schilderung der schrecklichen Pest, welche mit Recht als ein Meisterstueck angesehen wird. Der beruehmte Herr Machiavelli, da er am Ende des zweiten Buches seiner Istorie Fiorentine dieser Schreckenszeit, gedenkt, enthaelt sich einer weiteren Beschreibung und redet nur von "der Pest, welche Messer Boccaccio mit so herrlicher Beredsamkeit geschildert hat und durch welche die Stadt mehr als 96000 Einwohner verlor." Und sicherlich hat selten ein so entsetzliches Unglueck eine so koestliche Frucht getragen wie die grosse Pest von Florenz, zu deren Andenken das Dekameron geschrieben worden ist.

Nachdem wir betrachtet haben, in welcher Weise Boccaccio von der Liebe, von der Religion, von edlen Taten und vom taeglichen Leben aller Staende redet, bleibt uebrig, zu einem froehlichen Schlusse auch noch der Schelmenstuecke, Witzworte und Possen des Zehntagebuches zu gedenken. Was diese betrifft, so kann man sagen, dass in den Schwaenken des Dekameron der witzige Florentiner Geist sich selber uebertroffen habe. Denn wenn schon ohnehin die Florentiner jederzeit Freunde von Schalkspossen als auch wahre Muster im Erzaehlen derselben und in sonstigen Witzen gewesen sind, so hat Boccaccio diese muntere Kunst wahrhaft unuebertrefflich verstanden. Unter denjenigen seiner Nachfolger, welche ihm mit dem groessten Gluecke nacheiferten und es ihm in manchem gleichzutun schienen, hat kein einziger in so hohem Masse diese Gabe besessen, komische Dinge in wenigen Worten mit Grazie und feinem Humor vorzutragen.

Auf diesem Gebiete hat es dem Dichter gewiss noch weniger als auf anderen an Stoff gemangelt, denn an Witzbolden, Schelmen, Schalksnarren und ihren Stuecklein ist die Stadt Florenz schon von fruehen Zeiten her unglaublich reich gewesen, und auch jetzt noch hoert man in ganz Italien nirgends so viele drollige oder bissige Scherzworte, Schimpfnamen, Spottreden und Wortspiele wie in Florenz, und es ist gut, dass die Fremden sie nicht alle verstehen. Von zahllosen Beamten, Malern, Gelehrten, Baumeistern, Goldschmieden, Bildhauern und andern hochberuehmten Florentinern sind uns aus allen Jahrhunderten eine Menge von Streichen und lustigen Anekdoten ueberliefert. Man braucht sich nur etwa an Brunelleschi, den Erbauer der Domkuppel, zu erinnern, der die fabelhafte Ulkerei mit dem dicken Tischler anstellte, oder an den grossen Lorenzo dei Medici, genannt il Magnifico, welcher zu seinen Zeiten einer der beruehmtesten Fuersten der ganzen Welt gewesen ist und doch noch Zeit und Laune genug hatte, um mit groesster Ueberlegung dem Arzt Manente einen hoechst durchtriebenen und gruendlichen Streich zu spielen, wie es uns Herr Antonio Francesco Grazzini, beigenannt il Lasca, erzaehlt hat.

So gab es auch zu Boccaccios Zeiten manche Streichemacher in seiner Vaterstadt, und unter ihnen standen, neben dem lustigen Witzbold Michele Skalza, obenan die beiden Maler Bruno und Buffalmacco, samt ihrem Freunde Maso del Saggio. Diese haben teils ihrem sehr einfaeltigen Freunde Calandrino, der gleichfalls ein Maler war, teils dem Arzte Simone, teils anderen, eine Menge Schabernack angetan. Denn kaum hat am achten Tage des Dekameron das Fraeulein Elisa ein Stuecklein von ihnen erzaehlt, so fallen sogleich mehreren Zuhoerern andere solche Streiche der beiden ein, welche sie unter vielem Gelaechter mitteilen. Diesen Kameraden Bruno und Buffalmacco gelang es einst, dem guten Calandrino ein fettes Schwein zu stehlen, ihm weis zu machen, er haette es sich selber gestohlen, und sich von ihm noch dafuer bezahlen zu lassen, dass sie reinen Mund hielten. Damit nicht genug, machten sie ihn ein andermal in eine Dirne verliebt, knoepften ihm Geschenke fuer dieselbe ab und holten dann, als er endlich sich seiner Liebe erfreuen wollte, im fatalsten Augenblick seine wuetende Frau herbei. Was soll man aber dazu sagen, dass sie bei einer anderen Gelegenheit es verstanden, diesem selben Calandrino einzubilden, er sei schwanger, und ihn, nicht ohne ein ordentliches Entgelt dafuer zu nehmen, nach einigen Tagen durch eine Schuessel Haferschleim vor der Niederkunft bewahrten?

Ewig unvergesslich und laecherlich aber ist des famosen Dioneus Historie von Bruder Zippolla, die er am sechsten Tag erzaehlt. Dies Stuecklein spielt in Certaldo, der Heimat des Hauses Boccaccio. Der Bruder Zippolla ist, um die guten Einwohner wieder einmal ordentlich zu schroepfen, zum Almosensammeln nach Certaldo gekommen und hat den Bauern versprochen, er werde ihnen in der Kirche eine wunderbare Reliquie zeigen, naemlich eine Feder des Engels Gabriel. Indes er aber die Messe liest, entwenden ihm einige Spassvoegel die mitgebrachte Papageienfeder und legen statt derselben ein paar Kohlen in sein Kaestchen. Alsdann haelt er eine herrliche Predigt zum Preise des Engels Gabriel, wie er aber die Feder nehmen und vorzeigen will, findet er sein Reliquienkaestchen voller Kohlen. Sogleich beginnt er eine neue Rede, worin er eine schwindelhafte Reise durch allerlei Schlaraffenlaender erzaehlt, wobei er bis zum Patriarchen von Jerusalem gelangt. Dann faehrt er fort:

"Der Patriarch zeigte mir so viele heilige Reliquien, dass ich sie unmoeglich alle herzaehlen kann. Doch um Euch nicht ganz trostlos zu lassen, will ich wenigstens von einigen sagen. Er zeigte mir zuerst die Zehe des heiligen Geistes, so ganz und unversehrt, wie sie nur je gewesen ist, und den Haarbueschel des Seraph, der dem heiligen Franziskus erschien, und einen der Fingernaegel der Cherubim, und eine der Rippen des beilaeufig zu Fleisch gewordenen Verbum, und etliche der Kleider des allein selig machenden Glaubens, und einige von den Strahlen des Sternes, der den drei Weisen aus Morgenland erschien, und ein Flaeschlein voll Schweiss von dem heiligen Michael, als er mit dem Teufel stritt, und noch anderes mehr. Und weil ich ihm einen Gefallen tat, schenkte er mir einen von den Zaehnen des heiligen Kreuzes, und in einer kleinen Flasche etwas von dem Tone der Glocken im Tempel Salomonis, die Feder des Engels Gabriel, ausserdem aber gab er mir noch einige Kohlen von denen, auf welchen der allerheiligste Maertyrer Sankt Laurentius gebraten wurde."

Und so noch lange weiter. Dann zeigt er den ergriffenen Landleuten statt der Papageienfeder die Kohlen und erntet reiche Gaben. Die Leute draengen sich inbruenstig gegen den Altar, um die Reliquie nahe zu sehen, und Bruder Zippolla malt jedem ein grosses, fettes Kohlenkreuz aufs schoene Sonntagskleid.

Weltberuehmt ist ja auch der Einfall jenes Kochs, welcher in der Kueche das eine Bein eines gebratenen Kranichs wegnimmt, was sein Herr bei Tische mit Zorn bemerkt. Der Koch in seiner Angst behauptet, es sei eine Eigenschaft der Kraniche, dass sie nur ein Bein haetten. Nachher geht der Herr mit ihm ins Freie, wo sie bald einige Kraniche erblicken, die alle auf einem Beine stehen. "Seht Ihr wohl?" sagt der Koch freudig. Da klatscht der Herr in die Haende, so dass die Voegel fluechten und dabei ihre beiden Beine zeigen. "Schau, dass Du gelogen hast!" ruft er zornig und will den Koch zuechtigen. Der sagt jedoch: "Herr, es ist Euer Fehler. Haettet Ihr vorher bei Tische auch so geklatscht, gewiss haette dann auch jener Kranich ein zweites Bein herausgestreckt." Der Herr muss lachen und kann nicht umhin, ihm zu verzeihen.

Es nimmt kein Ende. Da ist die wunderliche Geschichte von der Priesterhose (Tag IX, Nov. 2), des Skalza Witz von den "Baranci" (Tag VI, Nov. 6), die tolle Nachtherberge im Mugnone-Tal (Tag IX, Nov. 6) und eine Menge anderer. Wenn man sie liest und sein unendliches Vergnuegen daran hat, koennte man wohl zuweilen meinen, es passierten heutzutage niemals mehr so drollige und gepfefferte Geschichten. Aber dem ist freilich nicht so, sondern diese Sorte von Abenteuern ist unsterblich, und ich selber koennte Euch mancherlei von dieser Art, was ich selber erlebt und gesehen habe, erzaehlen, wenn ich von der herrlichen Kunst und Gabe des grossen Giovanni Boccaccio auch nur den zehnten Teil besaesse.

ROMANTISCHE LIEDER. Bei E. Pierson, Dresden 1898

HERMANN LAUSCHER. Bei R. Reich, Basel 1901

GEDICHTE. Bei G. Grote, Berlin 1902

PETER CAMENZIND. Bei S. Fischer, Berlin 1904

*Insel-Verlag -- Leipzig -- Lindenstrasse 20.* ----------------------------------------------------------------

Das Decameron des Giovanni di Boccaccio