Boccaccio

Part 2

Chapter 23,488 wordsPublic domain

Eine spaete Ehre ward ihm zuteil, indem er nach mannigfachen Studien und Reisen im Jahre 1373 zum oeffentlichen Ausleger der goettlichen Komoedie des Dante zu Florenz ernannt wurde, wofuer er jaehrlich hundert Goldgulden bezog. Diese Vorlesungen hielt er unter grossem Zulaufe in der Kirche Santo Stefano bis kurz vor seinem Tode. Er starb am 21. Dezember 1375, zweiundsechzig Jahre alt, und wurde ehrenvoll bestattet. Die Liebe zu der grossen Dichtung des Dante verlieh seinen spaeteren Tagen, trotz des boesen Corbaccio, noch eine gewisse ehrwuerdige Glorie. Fuer die nachfolgenden Jahrhunderte aber ist er wieder der Geschichtenerzaehler mit der Schelmenmiene geworden, und dem heutigen Geschlecht ist an einem einzigen Witz aus einer seiner Novellen mehr gelegen als an der ganzen Gelehrsamkeit und Ehrbarkeit seines ehrenvollen Alters.

Ueber die Dichtergroesse des Boccaccio, welchen man gerne den dritten unter den grossen italienischen Poeten nennt, steht in vielen Buechern viel geschrieben, was alles zu wiederholen nicht vonnoeten ist. Er war unter denen, welche jemals kunstgerechte Novellen verfasst haben, nicht nur der Erste, sondern indem er diese scheinbar geringe Kunst frueher als irgend ein anderer betrieben, ja eigentlich erfunden hat, uebte er sie sogleich mit einer solchen Vollendung aus, dass er von keinem seiner unzaehligen Nachfolger uebertroffen oder auch nur erreicht werden konnte. Nicht weniger gross ist aber sein Verdienst um die italienische Sprache, welche er nicht etwa nur verschoenert und ausgeschmueckt, sondern in gewissem Sinne eigentlich neu geschaffen hat. Denn obwohl schon lange vor ihm der Florentiner Dante das groesste und schoenste italienische Gedicht verfasst hat, war doch das Gebiet der Erzaehlung und die Prosasprache ueberhaupt noch von keinem mit einiger Kunst gepflegt worden, indem die Gelehrten haeufig lateinisch geschrieben hatten. Die muendliche Sprache des Volks, welche in Florenz mit besonderer Schoenheit und Reinheit gebraucht wird, hat Boccaccio als der Erste in seinen Erzaehlungen mit ihrer natuerlichen Anmut und Mannigfaltigkeit verwendet und zugleich mit so grosser Kunst gepflegt, dass sie in seinen Haenden sich in etwas ganz neues und herrliches verwandelte.

In den Buechern des Dekameron zu lesen, ist fuer einen, welcher seine Lust an einer schoenen und lebendigen Sprache hat, nicht anders als ein Wandeln unter bluehenden Baeumen und als ein Baden in einem reinen Gewaesser. Die Worte klingen so frisch, als waeren sie soeben erschaffen und vorher noch in keinem Munde gewesen; in jedem kleinen Satze springen klare, lachende Quellen auf, und die Saetze tanzen bald leicht und zierlich, bald rollen sie toenend und wohllaut hin. Vielen will es scheinen, es habe Boccaccio zuweilen seiner Sprache Gewalt angetan, und es mag ein wenig Wahrheit daran sein. Waehrend er die Worte aus der Sprache des Volkes von Gassen und Maerkten nahm, bildete er hinwieder den Bau seiner Perioden vornehmlich nach dem Muster der roemischen Redner und Autoren, zumal des Cicero, den er ungemein verehrte.

Dadurch mag vielen, auch wenn sie der heutigen italienischen Sprache maechtig sind, das Lesen des Dekameron ein schweres und muehsames Werk erscheinen. Allein es ist nicht nur der Anfang dieses Buches der langen Perioden wegen schwieriger zu lesen als die Folge, sondern es pflegen ohnehin nach einigen Versuchen die meisten an dieser Sprache ein solches Gefallen zu finden, dass sie schnell einige Uebung darin erlangen. Und vornehmlich darf derjenige, welchem etwa das Lesen des Dante zu schwerster Muehsal gereichte, so dass er ermuedet davon abliess, durchaus nicht fuerchten, hier auf dieselben Schwierigkeiten zu stossen. Kurzum, wer einigermassen italienisch versteht, moege sich nicht scheuen, das Dekameron im originalen Texte zu lesen.* Sobald er nur einige Uebung erlangt hat, wird ihm ueber den Seiten dieses Buches sein, als hoere er Voegel zwitschern, Kinder lachen und Wasser rauschen, eine solche innere Kraft und freudige Lebensfuelle ist in dieser Sprache verborgen.

[*] Wodurch aber niemand von der Lektuere einer Uebersetzung abgeschreckt werden soll! Vor den zahlreichen verkuerzten und verstuemmelten Ausgaben aber sei dringend gewarnt! Das Dekameron muss notwendig unverkuerzt gelesen werden. Zur Zeit ist die einzige vollstaendige, uebrigens ganz vortreffliche deutsche Uebersetzung die von Schaum, deren neue Ausgabe in drei Baenden 1903 im Insel-Verlag in Leipzig erschienen ist.

Was das Dekameron als Dichtung anbelangt, so ist es ueberaus merkwuerdig zu sehen, wie alle Kraefte und Vorzuege des Dichters, welcher ja auch eine nicht geringe Zahl von anderen Werken geschrieben hat, in diesem einen Hauptwerke sich schoen und harmonisch vereinigen. Die frueheren, allmeist in Neapel entstandenen Dichtungen des Meisters handeln fast ohne eine einzige Ausnahme von der Liebe, und die Erzaehlung "Fiammetta" ist bei weitem die schoenste unter ihnen. Jedoch weiss in allen diesen Dichtungen Boccaccio nichts anderes darzustellen als seine eigenen Gefuehle und Liebesgedanken, ohne genuegende Mannigfaltigkeit, und die Verse, soweit es sich um solche handelt, sind mit grossem Fleisse, aber geringer Erfindungskraft dem Muster des Petrarca nachgeformt, wie denn stets die jungen Poeten solche Beruehmtere nachzuahmen bestrebt waren. Von diesen Dichtungen erwecken mehrere eine Ahnung von seinem spaeteren Werke, als habe die Idee desselben ihm schon laengere Jahre am Herzen gelegen.

Aber wie ein frischer und tuechtiger Mann erst in den Jahren der voelligen Reife die schwere Kunst des Lebens lernt, die darin besteht, dass der einzelne Mensch seine Schicksale und Gefuehle gleich der Welle im Meer ansehen und mit heiterer Bescheidenheit im groesseren Leben der Gesamtheit verbergen kann, so besann sich auch dieser Boccaccio erst in spaeteren Jahren, als schon die Leidenschaft seiner Jugendzeit verglommen war, auf alle seine Kraefte. Was er von Kind auf, aus seiner Bastardkindschaft her, und alsdann in Florenz und Neapel und auf manchen Reisen erfahren hatte, wurde nun zu ploetzlicher Klarheit erhoben und im stillen entbunden. Nicht weniger die Leiden und die Wollust der Frauenliebe als der Zauber des Reisens und Schauens, die Erlebnisse und Sitten der Studenten ebenso wie die Sorgen und Plagen der Kaufleute, die Gebraeuche, Tugenden und Laster derer, die bei Hofe und die in der Wechselbank und die auf den Maerkten oder zu Schiffe leben und ihr Brot zu erwerben suchen, die Eigenschaften der Narren wie der Weisen, die Lebensart der Priester, der Richter, der Soldaten, der Seefahrer, der Frauen, der Dirnen sowie alles Ernste, Schoene, Seltsame, Laecherliche und Traurige des menschlichen Lebens, soweit nur jemals ein Mensch es erfahren und beobachtet hat -- dieses alles zog er nun aus seinem Gedaechtnisse hervor.

Gewisslich sind von den hundert Erzaehlungen des Buches Dekameron nur sehr wenige von Boccaccio selbst erfunden worden. Vielmehr hatte er die einen erzaehlen hoeren, die anderen selbst erlebt oder sich zutragen sehen, andere auch aus alten Sagen und Liedern und Fabeln genommen. Nur ein Tor moechte wuenschen, er haette sie alle selbst sich ausgedacht. Im Gegenteil ist es einer der groessten Vorzuege des Dekameron, dass es gleich einem Speicher oder Juwelenschrank die Erfahrungen und Schicksale unzaehliger Menschen und Zeiten in sich beschlossen haelt. Viele von den Geschichten kamen aus dem Morgenlande, aus Griechenland und aus Frankreich, Spanien und Germanien her, viele sind schon sehr alt gewesen, andere wieder erst von gestern. Dass aber ein einzelner Mann diese zahllosen kleinen Stuecke in seinem Gedaechtnis gesammelt, alsdann geordnet und verbessert und am Ende zu einem grossen, wundervollen Ganzen zusammengesetzt hat, dazu in einer von ihm selbst geschaffenen, vollkommenen Sprache -- und das Ganze so ebenmaessig, rein und klar und in sich selber einig, als waere alles am selben Tag und aus demselben Geist entstanden -- dieses ist, so oft man es auch betrachte, ein fast unbegreifliches Wunder. Begebenheiten und Lehren, Spaesse und weise Erfahrungen, die eine uralt, die andere frisch von der Gasse, die eine von Hofe, die andre aus dem Bettelvolk, die eine arabischen, die andre deutschen, die dritte franzoesischen Ursprungs, lustige und klaegliche, edle und gemeine, diese alle zusammen zu einem einzigen praechtigen Werk vereinigt, aneinander gefuegt und wie die Steine eines Geschmeides jede die Nachbarin hebend und verzierend, und dennoch jede einzelne bis in die geringsten Teile mit aller Kunst und Sorgfalt ausgebaut und zur Vollkommenheit gebracht! Wahrlich, wenn Boccaccio in seinem Leben eine grosse Torheit und Suende begangen hat, so war es, als er sein unsterbliches Werk selber als eine muessige und leichtfertige Jugendarbeit und Verirrung verleumdete.

Allerdings genoss er zu seinen Lebzeiten den meisten Ruhm nicht um der Novellen, sondern um seiner gelehrten Werke willen, von welchen heute nur noch die Vita di Dante einigen Wert hat. Dennoch zaehlte er zu den unterrichtetsten Maennern seiner Zeit, und indem er einen schoenen lateinischen Stil schrieb, sich sehr um die alten Autoren bemuehte und auch die damals nur wenig gepflegte Kenntnis des Griechischen auszubreiten bestrebt war, hat er ebenso wie Petrarca einen ruhmvollen Anteil an der Begruendung des italienischen rinascimento.

Von der Beschaffenheit, Einrichtung und Konstruktion des Dekameron will ich spaeter sprechen. Ueber das Schicksal desselben ist wenig zu sagen, als dass es -- unendlichen Anklagen und Verleumdungen zum Trotze -- schon nach kurzer Zeit ueber mehrere Laender verbreitet war, auch seither in vielen Uebersetzungen und hunderten von Ausgaben immer wieder gedruckt worden ist. Ungluecklicherweise ist keine Handschrift der Novellen von der eigenen Hand des Boccaccio erhalten geblieben, und lange Zeit wurde mit dem Texte so nach Willkuer umgesprungen, dass es erst spaeter fleissigen Gelehrten gelang, ihn so ziemlich wieder auf den status quo ante zu bringen.

Das Dekameron hat haeufige Wiedergeburten im Geiste anderer grosser Dichter und Kuenstler gefeiert. Gleichwie in dem Schauspiel "Nathan der Weise" die dritte Novelle, von den drei Ringen, eine neue Gestalt annahm und wieder Tausende erfreute, so haben frueher und spaeter viele andere, vor allem Shakespeare, aus dem Schatze des Florentiners geschoepft, dessen Spuren in zahlreichen Dichtungen aller Voelker zu finden sind. Nicht weniger haben die Zeichner und Maler sich an ihm vergnuegt und viele seiner Novellen in Bildern dargestellt; und noch im Jahre 1849 hat der britische Malermeister Millais aus der Novelle vom Basilikumtopf (Tag 4, Novelle 5) eine Szene in einem beruehmten Gemaelde abgebildet.

Der vielen anstoessigen Stellen wegen hat man schon frueher des oefteren sogenannte verbesserte und purgierte Ausgaben veranstaltet. Was in solchen Faellen, zumeist von geistlichen Herren, am Text verballhornt und geschaendet worden ist, laesst sich leicht denken. Dabei kuemmerte man sich uebrigens wenig um die derben und heiklen Stellen, sondern vor allem um jene, in welchen Boccaccio der Geistlichkeit unliebsame Wahrheiten gesagt hat. Einmal, ums Jahr 1570, wurden zu Florenz vier Herren ernannt zu der Aufgabe, das Dekameron endgueltig von allen gegen die Satzungen der Kirche verstossenden Stellen zu saeubern. Da wurden, wo immer es noetig schien, aus den Moenchen Buerger und Ritter, aus den Nonnen Edeldamen gemacht, zwei von den Novellen wurden zu einem mysterioesen Unsinn verbessert, und als nach langer Muehe die Ausgabe vollendet war, zeigte es sich, dass den Herren eine der heitersten Geschichten durch die Finger geschluepft war, und jenes Dekameron hatte statt hundert nur neunundneunzig Novellen. Ausserdem ist das Buch haeufige Male "fuer die Jugend" ediert worden und wird es in Italien "per giovani modesti" heute noch.

Besonders schlimm erging es ihm mehr als hundert Jahre nach seines Verfassers Tod, zur Zeit des wohlbekannten oder uebelbekannten Savonarola. Dieser wuetende und vermutlich geisteskranke Moench, welcher nach Kraeften dazu beitrug, Florenz und Italien dem Untergang naeher zu bringen, hat ausser einer Menge von anderen schoenen Dingen auch sehr viele Exemplare des Dekameron oeffentlich verbrennen lassen.

Wo jedoch eine kraeftige Quelle aus der Erde gebrochen ist, hat das Verbauen und das Exorzieren niemals viel geholfen, und es ist schwerer, etwas geistig Lebendiges zu ertoeten, als etwas Totes wieder zum Leben zu bringen. So hat denn auch Boccaccio manche Zeitgenossen und Nachfolger gehabt, deren erloschenen Ruhm die Gelehrten mit unsaeglichen Muehen bis auf heute herueber geschleppt haben, indessen er selber inmitten aller Keulenschlaege am Leben blieb und heute noch den gleichen Glanz und Zauber hat wie seinerzeit.

Indem ich dieses schreibe, traeumt mir von einem Cypressenbaum am Huegelabhang zwischen Vincigliata und Settignano, wo ich vor Zeiten zum erstenmal, im Grase liegend, das koestliche Buch genoss. Es lief ein lauer Wind talab, mit Bluetenduft von Limonen und Mandeln beladen, es lag ein suesses Licht ueber Florenz und allen Bergen, und es sang aus einem fernen Garten eine welsche Laute herueber, allein ich sah es nicht und hoerte es nicht; ein suesserer Duft und ein viel koestlicherer Klang stieg mir aus den gelben Blaettern des alten Buches zu Haeupten.

Das Buch Dekameron ist auf eine solche Art eingerichtet, dass seine hundert Novellen an zehn Tagen von zehn jungen und edlen Leuten erzaehlt werden, und darunter sind sieben Maedchen und drei Juenglinge. Auf diese Weise kommt daher jede Novelle nicht aus unbestimmter Ferne, sondern frisch aus dem Munde eines jungen Erzaehlenden zu uns her geklungen. Und ueberdies ist also diese Zahl von hundert Geschichten und Schwaenken von einer lebendigen Erzaehlung umflochten, hat auch jeder von den zehn Tagen seine besondere Art und Faerbung.

Die Erfindung des Boccaccio ist diese: Zur Zeit des schwarzen Todes, welcher die Stadt Florenz im Jahre 1348 heimsuchte, waren in dieser Stadt alle frueheren Ordnungen und Gewohnheiten vollkommen aufgeloest. Es lagen in den Haeusern, auf den Treppen und vor den Tueren, ja in allen Gassen da und dort teils Tote, teils Todkranke umher, und die Gefahr der Ansteckung war so gross, dass Eltern und Kinder, Brueder und Schwestern einander flohen und die Erkrankten einsam und ohne Pflege dahinsterben liessen, welche Zustaende Herr Boccaccio im Beginn seines Buches mit der groessten Genauigkeit und Sichtbarkeit uns schildert. Bei solcher grausamen Verwirrung und Schrecknis trafen sich eines Morgens sieben junge Damen in der herrlichen Kirche Santa Maria Novella, welche zwar damals noch der beruehmten Wandmalereien des Ghirlandajo entbehrte, aber auch schon zu jener Zeit eine der schoensten Kirchen von Florenz gewesen ist.

Diese Sieben, da sie sich unter gemeldeten Umstaenden nicht allein in bestaendiger Todesgefahr, sondern auch jeglicher Freude und Lustbarkeit durchaus beraubt sahen, beschlossen auf den Rat der Pampinea, welche die Aelteste von ihnen war, sich in Gesellschaft auf das Land zu begeben und dort einige Zeit in Ruhe und heiteren Gespraechen zu verweilen, wobei sie die gegenwaertige Trauer und Bangnis ein wenig vergessen koennten. Und siehe, waehrend sie noch ueber einige etwa passende Begleiter und ueber den Ort ihres Aufenthaltes beratschlagten, traten drei edle Juenglinge in dieselbe Kirche, von welchen jeder in eine unter diesen Damen verliebt war. Ihnen eroeffnete Pampinea, welche mit einem derselben verwandt war, ihr Vorhaben und forderte sie auf, als Fuehrer und Kavaliere mit ihnen zu kommen; und sogleich waren die jungen Herren, wie man sich denken kann, von Herzen gern dazu bereit. Auch diejenigen von den Maedchen, welche anfaenglich einige Scheu gehabt hatten, freuten sich nun darueber, denn es war sogleich vereinbart worden, dass Sitte und Ehrbarkeit in jeder Weise gewahrt blieben.

Also begab sich diese huebsche und froehliche Gesellschaft edler junger Leute aus der Stadt und hatte die Wahl des Aufenthaltes zwischen gar vielen Landsitzen, denn infolge der Pest stand auch auf dem Lande alles leer und verlassen. Nur zwei Meilen weit vor den Toren fand sie denn auch auf einem Huegel gelegen einen Palast in der schoensten Umgebung, von Blumenmatten, wohlriechenden Gebueschen und Baeumen und fliessendem Wasser umkraenzt, mit Garten, Hof und Brunnen; auch waren Saele, Kammern und Keller wohl versehen. Hier liessen sie sich mit grossem Vergnuegen samt ihrer mitgebrachten Dienerschaft nieder, und der Juengling Dioneus war der Erste, welcher allen vorschlug, die Sorgen in der Stadt dahinten zu lassen und sich, so lange es ihnen gefiele, heitere Tage zu machen.

Alsbald schien es ihnen, auf den Rat der Pampinea, gut, dass an jedem Tage einer aus der Gesellschaft zum Koenige ernannt wuerde, welcher die uebrigen samt der Dienerschaft zu beherrschen und alles zum Wohlbehagen und zu guter Unterhaltung dienliche anzuordnen habe. Und es wurde fuer diesen ersten Tag als Koenigin die Pampinea gewaehlt. Diese wieder bestimmte einen aus der Dienerschaft zum Seneschall, andere zum Aufwarten, zum Kochen und zu sonstigen Diensten, wie in einem wohleingerichteten Hofstaat. Hierauf begab sich jedermann, wohin er wollte, und betrachtete die schoenen Gaerten, Saele, Lauben, Wiesen, Brunnen und Quellen, bis es Zeit zu Tische war. Die Tafel war voll von trefflichen Speisen und ganz mit Ginsterblueten bestreut, es fehlte nicht an blanken Glaesern noch an Handwasser und weissem Linnengedeck. Nach der Mahlzeit aber suchte jeder sich einen Ort zur Ruhe und schlief eine Weile, bis die Koenigin aufs neue alle zusammen berief und auf einen schattigen Rasenanger fuehrte. Nachdem sie ein wenig getanzt und gesungen hatten, standen wohl Schach- und Damenbretter und genug andere Spiele bereit, allein der Koenigin und auch allen anderen schien es unterhaltsamer und erfreulicher, dass jeder eine Geschichte, die er wisse, vortrage. So erzaehlte also jeder eine nach seinem Belieben, und am Ende der zehn Novellen war es Abend geworden, und sie beschlossen diesen ersten Tag damit, dass Emilia eine schoene Canzone sang, waehrend Lauretta einen Tanz dazu auffuehrte, von Musikinstrumenten begleitet.

Darauf uebertrug die Koenigin ihr Regiment an Philomena, und diese huebsche und kluge junge Dame ordnete an, es sollten am Tage ihrer Regierung solche Geschichten erzaehlt werden, in welchen einer aus grossem Unheil unerwartet doch noch entrinnt und ein glueckliches Ziel erreicht. In einer aehnlichen Weise verliefen alle zehn Tage und zwar in dieser Ordnung:

Erster Tag: Unter der Koenigin Pampinea erzaehlt ein jeder, was ihm beliebt und einfaellt.

Zweiter Tag: Unter der Koenigin Philomena werden die Schicksale solcher vorgetragen, welche unerwartet aus grossem Unheil zu neuem Gluecke hervorgingen.

Dritter Tag: Unter der Koenigin Neiphile spricht man davon, wie einer durch Scharfsinn ein ersehntes Ziel erreichte oder etwas Verlorenes zurueck gewann.

Vierter Tag: Unter dem Koenig Philostratus redet man von Verliebten, deren Liebe ein tragisches Ende nahm.

Fuenfter Tag: Unter der Koenigin Fiammetta werden Geschichten erzaehlt, in welchen Liebende nach allerlei Hindernissen und Unfaellen doch noch zum Gluecke gelangen.

Sechster Tag: Unter der Koenigin Elisa ist die Rede von schnellen und witzigen Ausspruechen, Antworten und Neckereien.

Siebenter Tag: Unter dem Koenige Dioneus werden Streiche erzaehlt, welche Ehemaennern von ihren Weibern gespielt wurden.

Achter Tag: Unter der Koenigin Lauretta spricht man von Streichen und Possen, welche so wohl Eheleute wie beliebige andere Personen einander gespielt haben.

Neunter Tag: Unter der Koenigin Emilia traegt ein jeder vor, was ihm behagt.

Zehnter Tag: Unter dem Koenig Pamphilus ist die Rede ausschliesslich von Taten des Edelmutes und der Hochherzigkeit.

Ausserdem dass jede dieser hundert Novellen durch die Art und Person dessen, der sie erzaehlt, einen besonderen Ton und eine eigene Art von Anmut gewinnt, sind die Erzaehlungen unter einander noch auf vielfache und zierliche Weise verbunden. Denn indem zumeist ueber die soeben vorgetragene Novelle sich ein kuerzeres oder laengeres Gespraech in der Gesellschaft entspinnt, knuepft alsdann der nachfolgende Erzaehler fast immer an dieselbe an und bringt eine Historie zum Vortrag, welche das angeschlagene Thema von einer neuen Seite beleuchtet und deutlicher macht, jedoch ohne dass hierdurch jemals der Anschein der Eintoenigkeit erweckt wuerde. Denn bei mancher Aehnlichkeit des Themas ist dennoch jede von diesen Novellen von allen anderen scharf unterschieden, und es gibt keine zwei darunter, die man so leicht mit einander verwechseln koennte. Naechstdem aber ist jeder Schatten von Gleichfoermigkeit auch noch durch andere feine Kuenste vermieden worden, indem z. B. Dioneus, welcher der Hauptspassvogel der Gesellschaft ist, stets mit voellig unerwarteten neuen Einfaellen dazwischen tritt, auch allerlei Anspielungen und Neckereien zwischen den Erzaehlenden vorfallen.

Dazu kommt, dass jeder von den zehn Tagen seine eigene Geschichte hat, mit allerlei kleinen Zwischenfaellen, so dass wir ausser den taeglich erzaehlten zehn Geschichten auch die uebrigen Beschaeftigungen und Lustbarkeiten der Gesellschaft erfahren. Daneben ist der Ort, an welchem sie sich aufhaelt und welchen sie zwischenein auch wechselt, mit Hainen, Teichen, Baechen, Blumen, Wild und Fischen stets auf das Anmutigste und Lebhafteste geschildert, wodurch im Gemuet des Lesenden teils ein fortwaehrendes Behagen, teils auch eine milde, angenehme Sehnsucht nach solchen auserlesen koestlichen Gegenden erregt wird. Denn der Dichter hat dieselben zwar einigen Oertern aehnlich gebildet, welche man in der Naehe von Florenz und namentlich im Tal des Mugnone antrifft, allein dennoch hat er sie in solcher Art geschmueckt und dargestellt, wie es nur ein wahrer Kuenstler vermag, so dass sie alle etwas Verschoentes und wahrhaft Paradiesisches an sich tragen.

So ist denn unter den zahlreichen Buechern, in welchen ein Einzelner viele verstreute Erzaehlungen gesammelt hat, in aller Welt kein einziges, welches irgendwie an Schoenheit und Kunst dem Dekameron vergleichbar waere. Der es seinerzeit geschrieben hat, tat es zum Trost der ungluecklichen Liebenden und vornehmlich zur Erfreuung der Frauen, welchen denn auch das ganze Werk in einem vortrefflichen Prologe zugeeignet ist.

Man hoert gar haeufig sagen, das Dekameron sei ein unanstaendiges und verwerfliches Buch. Und diejenigen, welche dies sagen und gerne predigen, sagen es zum Teil nach dem blossen Hoerensagen, zum Teil aber kennen sie das verwerfliche Buch sehr gut und lesen es in der Stille haeufig. Was nun die Unanstaendigkeit betrifft, welche stets in Buechern viel heftiger als im Leben bekaempft wird, so kann und mag ich sie keineswegs leugnen. Als ich einstmals in demselben Tal des Mugnone, wo es seinen Schauplatz hat, das Dekameron in einem schoenen Fruehlingsmonat ganz durchlas, pflegte ich der Waerme wegen frische Limonen dazu zu speisen. Und nun hatte ich die Gewohnheit, dass ich bei jeder Novelle, die mir unanstaendig erschien, einen Limonenkern in meine Tasche steckte, und als ich ganz zu Ende gelesen hatte, zaehlte ich neununddreissig solche Kerne. Hiernach waere denn etwas mehr als ein Dritteil des Dekameron von unanstaendiger Beschaffenheit.