Boccaccio

Part 1

Chapter 13,209 wordsPublic domain

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DIE DICHTUNG BD. VII _BOCCACCIO VON_ _HERMANN HESSE_

_DIE DICHTUNG_ *EINE SAMMLUNG VON MONOGRAPHIEEN* HERAUSGEGEBEN VON _PAUL REMER_ BUCHSCHMUCK VON HEINRICH VOGELER ----------------------------------------------------------------

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_Jeder Band elegant kartoniert M. 1.50_ _Jeder Band in echt Leder geb. M. 2.50_ ----------------------------------------------------------------

_DIE DICHTUNG_ *EINE SAMMLUNG VON MONOGRAPHIEEN* HERAUSGEGEBEN VON _PAUL REMER_ BUCHSCHMUCK VON HEINRICH VOGELER ----------------------------------------------------------------

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Die Sammlung wird fortgesetzt.

Es sind einhundert Baende vorgesehen.

_Jeder Band elegant kartoniert M. 1.50_ _Jeder Band in echt Leder geb. M. 2.50_ ----------------------------------------------------------------

FUeR BUeCHERLIEBHABER WURDEN DIE ERSTEN ZWANZIG EXEMPLARE DIESES BUCHES AUF ECHTES BUeTTENPAPIER GEDRUCKT UND HANDSCHRIFTLICH NUMERIERT. DER PREIS DIESER IN ORIGINAL-COLLIN-LEDER GEBUNDENEN LUXUS-AUSGABE BETRAeGT 10 MARK. SIE IST DURCH ALLE BUCHHANDLUNGEN ZU BEZIEHEN

ALLE RECHTE VORBEHALTEN

BOCCACCIO

VON

HERMANN HESSE

ZWEITES TAUSEND

VERLEGT BEI SCHUSTER & LOEFFLER BERLIN UND LEIPZIG

DER SIGNORA MARIA IN ERINNERUNG AN UNSERN SPAZIERGANG IM MUGNONETAL IN VEREHRUNG ZUGEEIGNET!

... conciossiecosache le buone novelle sempre possan giovare, con attento animo son da ricogliere, chi che d'esse sia il dicitore.

Decamerone, giornata prima.

Verehrte Herrschaften und vor allem Ihr, schoene und angebetete Damen! Es ist ueblich, dass demjenigen, der ein schoenes Geschenk oder Kleinod ueberbringt, ein guter Dank und Lohn zuteil wird; und so werdet auch Ihr, wenn ich Euch einen reichen Schatz ohne allen Anspruch auf Gewinn oder Lohn uebergebe und anpreise, es freundlich aufnehmen und mir im stillen Dank dafuer wissen. Dies tue ich aber, indem ich Euch das Buch meines Freundes Giovanni Boccaccio aus Florenz in die Haende lege; denn Ihr werdet, sofern Ihr es verstaendig leset, in demselben eine solche Fuelle von schoenen, klugen, erfreulichen, ruehrenden und laecherlichen Geschichten entdecken, wie sie vielleicht ausserdem kein anderes Buch irgend eines Dichters enthaelt.

Seid Ihr nie an einem schoenen, warmen Tage im Fruehsommer an einem fremden Garten vorueber gegangen? Ihr waret allein und verdrossen, und aus dem Garten brachte der Wind den Geruch von Rosen und Orangeblueten, das Silbergetoen einer plaetschernden Fontaene, die Klaenge einer Guitarre und das von Gelaechter unterbrochene Plaudern froehlicher junger Leute zu Euch heraus. Da ergriff Euch Traurigkeit und eine maechtige Sehnsucht, hinein zu gehen, die staubige Landstrasse mit gruenem Rasen und Blumenbeeten zu vertauschen, die Lieder der Saenger und die frohen Gespraeche der Gluecklichen anzuhoeren und Eure Sehnsucht an all der Heiterkeit und Freude nach Herzenslust zu ersaettigen.

Wohlan, Ihr werten Leute, hier ist das Tor des Gartens: es ist geoeffnet, und aus den Bueschen dringt Bluetenduft, Gelaechter, Liedergesang und Saitenspiel. Tretet ein, nehmet Platz, saettiget Euer Verlangen! Hoeret Ihr gerne schoene Lieder an? Oder habt Ihr Lust, Euch eine traurige Liebesmaere erzaehlen zu lassen? Oder freut es Euch, einen Witz, eine Posse, eine kraeftige Anekdote zu vernehmen? Oder von Beispielen des Edelsinns und hoechster Tugend zu hoeren? Traget Ihr Verlangen nach vielfaeltigen und unerhoerten Abenteuern, oder mehr nach galanten Historien, bei welchen die Damen erroeten und sich, der guten Sitte halber, ein wenig entruestet stellen?

Ihr alle moeget eintreten, und jeder wird finden, wonach er sich sehnte. Denn die hundert Geschichten des edlen Herrn Boccaccio sind so beschaffen, dass sie die Juenglinge zum Entzuecken, die Maedchen zum Erroeten oder zur Ruehrung, die Maenner zum Lachen, die Weisen zum Nachdenken noetigen. Man findet in diesen Geschichten die verschiedenen Arten der menschlichen Natur und Temperamente, der Liebe und Freundschaft, der Schicksale in Leben und Sterben, alles auf eine anmutige und wahrhaftige Art erzaehlt und dargestellt. Fuer Kinder von zartem und unerfahrenem Alter sind sie nicht geeignet, auch nicht fuer bloed gewordene Greise, auch nicht fuer Leute von feindseliger, kleinlicher und muerrischer Sinnesart. Ausser diesen aber moegen sie von Jungen und Alten jeder Art mit grossem Vergnuegen und gewiss auch nicht ohne Nutzen gelesen werden.

Ehe ich weiter von diesem merkwuerdigen Buche mit Euch rede, will ich aber erzaehlen, wer eigentlich jener Herr Boccaccio war (denn er ist leider schon seit laengeren Zeiten verstorben), und wie er das Dekameron geschrieben hat.

Wer jemals auch nur die kleinste Novelle von ihm gelesen hat, der kann nicht daran zweifeln, dass jener ein echter Florentiner war. Denn wenn es auch einem Fremden vielleicht moeglich gewesen waere, die schoene und glaenzende florentinische Sprache so vollkommen zu erlernen, so wuerde ihm doch immer noch der bewegliche, kecke und witzige Geist des geborenen Florentiners mangeln, den man nicht lernen kann. Denn wohl haben in spaeteren Zeiten auch manche weichliche Neapolitaner, leichtsinnige Mailaender, traege Venetianer und plumpe Sienesen huebsche Novellen geschrieben; allein diese alle hatten den Boccaccio zum Lehrmeister, welcher der Vater und Urheber dieser Kunst gewesen ist.

Wenn man nun bedenkt, in welcher Zeit das Buch Dekameron verfasst wurde, so begreift man leicht, weshalb die Stadt Florenz seine Heimat sein musste. Diese reiche und praechtige Stadt, welche auch heute noch eine der schoensten auf Erden ist, befand sich eben zu jener Zeit zwar in mancherlei Kaempfen und politischen Noeten, jedoch begann sie schon sichtbar nach jener unvergleichlichen Bluete hinzustreben, welche sie hundert Jahre spaeter erreichte. So erfreute sie sich einer emsigen und gluecklichen Taetigkeit auf allen Gebieten und nahm nicht weniger im Handel als in den Kuensten taeglich an Ruhm und Gluecke zu, waehrend das maechtige Rom klaeglich darnieder lag, indem der Papst samt seinem ganzen Hofhalte sich nach Avignon in der Provence verzogen hatte. Es war von Florenz sowohl der beruehmte Petrarca als der grosse Dichter Dante gebuertig, obwohl dieser in der Verbannung gestorben war, wie denn auch infolge bestaendiger Buergerkriege des Petrarca Familie vertrieben war und in Arezzo lebte. Und was die Florentiner an jenem goettlichen Dichter gesuendigt hatten, suchten sie desto eifriger zu suehnen, indem sie damals und noch lange nachher eine grosse Zahl von Gelehrten, Dichtern, Kuenstlern und anderen Maennern beherbergten, deren Ruhm ihrer Stadt zur Ehre gereichte und sie gewuerdigt hat, bis auf diesen Tag die eigentliche Geburtsstaette des rinascimento zu heissen. Zugleich unterhielten die Kaufleute einen grossen Verkehr nach allen Laendern der Welt, und es lebten viele Florentiner Buerger als Haendler und Geldwechsler in Rom, Neapel, Mailand, Paris, Byzanz, London, Flandern, auf Sizilien, Malta, Kreta, Cypern und anderwaerts, von wo nicht nur Geld und Wohlstand, sondern auch mannigfaltige Nachricht und Kunde fremder Gegenden, Sitten und Begebenheiten taeglich in die Stadt kamen.

Aus einer so beschaffenen Zeit und Stadt entstammte also der Verfasser des Dekameron. Aber dennoch ist er nicht in Florenz oder in dem benachbarten Certaldo, von wo sein Geschlecht herkam, geboren. Vielmehr fuegte es das Schicksal, das ja stets der groesste Dichter gewesen ist, dass das Leben dieses weitbekannten Novellenerzaehlers in einiger Dunkelheit und nicht anders als eine Abenteuernovelle begann.

Hoeret denn, Ihr lieben Herren und Damen, das Wenige, was man vom Leben dieses herrlichen Dichters heute noch weiss, denn leider ist es lange nicht so viel, als man wuenschen moechte!

Aus dem Staedtchen Certaldo im Elsatal gebuertig, lebte zu Florenz ein Kaufmann namens Boccaccio. Er war ein fleissiger und kluger, allein auch geldgieriger und leichtfertiger Mensch, welcher zahlreiche Handelsreisen teils fuer fremde, teils fuer eigene Rechnung unternahm, wobei er ebenso sehr fuer seinen Vorteil wie fuer sein Vergnuegen zu sorgen verstand, jedoch nach Art der Kaufleute auch oefteren Zufaellen und Glueckswechseln ausgesetzt war. Laengere Zeit war er an dem grossen Bankgeschaefte des altberuehmten Hauses der Bardi beteiligt, welches auch in Paris, wie in anderen Staedten, eine Filiale besass und hohes Ansehen genoss. Diesem Pariser Hause hat unser Kaufmann eine Zeitlang vorgestanden, und wenn er dabei sich als einen tuechtigen Handelsmann erwies, so liess er doch in dieser grossen und ueppigen Hauptstadt auch sein Vergnuegen nicht ausser Augen.

Wenigstens sah er daselbst eines Tages eine junge und sehr huebsche Witwe, welche ihm ueberaus wohlgefiel und deren Gunst er sogleich zu erwerben sich bemuehte. Dies tat er denn auch, als ein gewiegter Mann, auf jede Weise, indem er sich fuer einen Edelmann ausgab, was ihm bei seiner huebschen Gestalt sehr wohl gelang. Er spielte den Feinen und trat nicht anders auf, als wenn er der Sohn des vornehmsten Hauses gewesen waere, obwohl er im Grunde wenig mehr als ein baeuerisch gebildeter Geldwechsler war. Bald hatte er die Augen der schoenen Witwe auf sich gelenkt und sie seinen ehrerbietigen Bitten zugaenglich gemacht, und da er ihr mit vielen Schwueren die Ehe versprach, sah er sich in kurzem am aeussersten Ziel seiner Wuensche angelangt. Zu beiderseitigem Vergnuegen erfreuten sie sich laengere Zeit ihrer Liebe ohne Hindernisse, und gewiss haette der Florentiner noch lange nicht an die Rueckkehr nach seiner Heimat gedacht, waere nicht infolge dieser Liebschaft jene Witwe nach Jahresfrist mit einem huebschen Knaeblein niedergekommen. Dieses passte keineswegs in die Plaene des leichtsinnigen Italieners, und da die Dame ausser ihrer Schoenheit keine Reichtuemer besass, verliess er, ohne sich seiner Schwuere mehr zu erinnern, sie und die Stadt Paris in aller Stille und begab sich als ein lediger Mann nach Florenz zurueck, wie es stets die Art solcher Leute war, sich um eine leere Flasche und um eine schwanger gewordene Geliebte mit keinem Blicke mehr zu bekuemmern.

Das Knaeblein aber, das die arme Frau im Jahre 1313 gebar, war Giovanni Boccaccio.

Von Schmerz und Sorge entkraeftet, lebte die unglueckliche Dame nur noch wenige Jahre, und nach ihrem Tode ward Giovanni in zartem Knabenalter nach Florenz zu seinem Vater gebracht. Dort besuchte er eine gute Schule, erwarb sich einige Kenntnis der lateinischen Sprache und waere am liebsten bei den Buechern sitzen geblieben, um sich ganz den Studien hinzugeben. Aber kaum war er etwa dreizehn Jahr alt, so nahm ihn der Vater zu sich, lehrte ihn die notwendigsten Handgriffe und Rechenkuenste der Handelsleute und uebergab ihn sodann einem Geldwechsler, damit er bei diesem die Kaufmannschaft erlernen sollte. Sechs Jahre blieb er denn bei diesem Gewerbe, ohne jedoch etwas Erkleckliches zu lernen oder gar den Handel lieb zu gewinnen. Vielmehr lief er ueberall hin, wo er Verse singen oder vortragen hoeren konnte, und lernte viele Stuecke aus den grossen Gedichten des Dante und des Virgil auswendig, welche ihn hoechlich begeisterten und mit einer unausloeschlichen Liebe zur Poesie erfuellten.

Am Ende dieser sechs Jahre sah jedermann deutlich, dass Giovanni in die Handelschaft passte wie der Fisch aufs Trockene. Dies sah auch der Vater wohl ein und beschloss daher, seinen Sohn den Studien an Universitaeten zu widmen, und zwar waehlte er fuer ihn das Studium des kanonischen Rechts, indem es ihm als einem klugen Manne schien, es sei mit diesem Handwerk nicht wenig Geld zu verdienen, wenn einer es ordentlich verstehe. Weil aber Giovanni um diese Zeit sich eben in Neapel befand, schien es dem Vater am wohlfeilsten, dass er dort seine Studien abmache, ohne dass er geahnt haette, welcherlei Kenntnisse derselbe sich dort erwerben wuerde.

Es war naemlich Neapel zu jener Zeit gewiss die allerueppigste Stadt in ganz Italien, zumal da gerade unter dem Koenige Robert die Einwohner eines laengeren Friedens genossen, woran sie nur schlecht gewoehnt waren. Von dem Leben bei Hofe brauche ich wenig zu sagen, indem jedermann die Namen der sechs Neffen des Koenigs, sowie seiner Schwaegerin, der sogenannten Kaiserin von Konstantinopel, und seiner Enkeltochter Johanna kennt, welche saemtlich durch alle Welt einen boesen Leumund hatten. Vorab jene Johanna fuehrte ein ueberaus freches und tadelnswertes Leben, hatte ihres Gatten Bruder zum Buhlen und nahm ihn spaeter, nachdem sie sich des andern durch Mord entledigt hatte, ohne paepstlichen Dispens zum Gemahl. Auch sonst war in der Stadt, zumal unter den Edelleuten, ein vergnuegliches Schlemmen, auch Hader und kleinere Mordtaten im Schwang, und bei Hofe war laengst zwischen echten Kindern und Bastarden weder von den Vaetern, noch von anderen mehr zu unterscheiden. An diesem Hofe, wo er noch zu Lebzeiten des Koenigs von seinem jungen Landsmanne Niccolo Acciajuoli eingefuehrt wurde, ging nun das Studentlein ab und zu. Daselbst war mit Festen, Mahlzeiten, Ball, Tanz und Maskenscherzen ein verschwenderisches Leben, und gewiss hat Boccaccio niemals irgend eine ueppige oder luesterne Geschichte erzaehlt, welche er nicht in Neapel viel toller und gruendlicher selbst mitangesehen hatte. Dass er auf dem Gebiete der gelehrten Studien (das Latein ausgenommen) etwas Erhebliches geleistet oder den Grad eines Doctoris juris canonici erlangt haette, wird nirgends berichtet. Statt dessen legte er damals den Grund zu seiner tiefen Kenntnis der menschlichen Leidenschaften, da er von hervorragenden Beispielen der Verschwendung und Habgier, des Aberglaubens, der Wollust, der Gefraessigkeit, Mordgier, Verschlagenheit und Eitelkeit rings umgeben war. Am gruendlichsten jedoch unterzog er sich dem Studium der Liebe, deren Leiden und Freuden er bis zur Neige an sich selber erfuhr.

Eines Tages naemlich, um die Zeit der Ostern, vermutlich im Jahre 1334, erblickte er in einer Kirche zu Neapel die Dame, welche sein Herz zu Lust und Pein von da an jahrelang gefangen hielt. Diese war Donna Maria, die natuerliche Tochter des Koenigs Robert, welche fuer eine Tochter des Grafen von Aquino galt und mit einem angesehenen Edelmann vermaehlt war. Die schoene und vornehme Dame betrachtete bald auch von ihrer Seite den huebschen jungen Florentiner mit Teilnahme und ist eine lange Zeit, nicht ohne Gewissensbisse und Furcht vor ihrem Eheherrn, seine Geliebte gewesen. So genoss, wie in der schoensten Abenteuernovelle, der Bastard eines kleinen Kaufmanns die Tochter eines grossen Koenigs.

Ueber alledem liess Boccaccio das kanonische Recht unbehelligt in den Pergamentrollen schlummern und vom Lehrstuhl ertoenen. Er trieb nach seiner Neigung Latein und Astrologie, im uebrigen wandte er sich der heiteren Seite des Lebens zu und ward nach Kraeften seiner Jugend froh. Er verfasste in diesen Jahren, zumeist fuer seine Geliebte, eine unglaubliche Menge von Gedichten und mehrere Romane, von welchen heute niemand mehr redet. In diesen legte er seiner Dame den Namen Fiammetta bei, und noch manche Jahre spaeter hat er in wehmuetiger Liebeserinnerung diesen Namen einer von den Damen des Dekameron gegeben. Ohne Zweifel ist jene Zeit die heiterste und gluecklichste in seinem Leben gewesen. Allein wie wir sehen, dass auch den goldensten Tagen zu frueh die Sonne sinkt, so nahm auch diese Lust zu ihrer Zeit ein Ende.

Im Jahre 1341 befahl der Vater seinem Sohne, nach Florenz zurueckzukehren, und nach laengerem Zoegern machte dieser sich unmutig auf den Heimweg. Der Alte, fuer den Giovanni ohnehin keine allzu starke Zaertlichkeit empfand, hatte inzwischen auch noch eine gewisse Monna Bice Bostichi geheiratet, worueber der heimkehrende Sohn nicht eben erfreut war. Es geschahen jedoch weit schlimmere und wichtigere Dinge, ueber welchen er diese kleineren Sorgen vergass. Es war die Zeit, in welcher der in Florenz so uebel beleumdete Herr Gautier von Brienne, genannt Herzog von Athen, sich fuer eine kurze Zeit zum Tyrannen der Stadt emporschwang. Dieser war ein frecher Abenteurer und hatte im Solde der Republik gegen Pisa gedient, warf sich nun aber mit Hilfe des niedrigsten Poebels zum Herrscher auf und schluerfte die Monate seiner Herrlichkeit zuegellos wie ein Trunkener den letzten Becher. Die Stadt und das ganze Staatswesen drohten in Truemmer zu gehen.

Boccaccio, ein unbestechlicher Republikaner, hat das Schicksal des Herzogs von Athen, der mit Schimpf von der Buergerschaft vertrieben wurde, in einer Abhandlung beschrieben. Nun schienen ihm allmaehlich die Zustaende in Florenz und im vaeterlichen Hause so wenig ertraeglich, dass er schon im Jahre 1344 von neuem nach Neapel ging. Die Rechtsgelehrtheit hatte er schon frueher aufgegeben. Und so genau er auch im Dekameron die Pest in Florenz geschildert hat, ist er zurzeit derselben doch nicht daselbst gewesen, sondern in Neapel, wo freilich der schwarze Tod nicht weniger grauenhaft wuetete. Es starb damals auch seine Geliebte Maria, und er widmete ihrem Tode zwar einige trauernde Verse, jedoch war seine urspruenglich so heftige Leidenschaft mit den Jahren erloschen. Es scheint ausserdem, als habe Donna Maria ihn schon frueher wieder fahren lassen, obwohl er in seiner Erzaehlung "Fiammetta" das Gegenteil darstellt. Nicht lange darauf starb auch sein Vater, und er musste wieder nach Florenz zurueckkehren.

Von da an erblicken wir sein Bild veraendert; sein Leben verlief ohne heftige Erschuetterungen, und er alterte als ein tuechtiger und angesehener Buerger. Im Alter von ungefaehr 40 Jahren schrieb er sein unsterbliches Dekameron, und man koennte glauben, er habe alle seine Schalkhaftigkeit und froehlich lachende Untugend darin liegen lassen. Nur noch einmal widerfuhr ihm eine bittere Liebesgeschichte. Er verliebte sich heftig in eine vornehme Witwe, welche ihm aber einen boesen Possen spielte. Naemlich sie stellte sich, als waere sie geneigt, die Wuensche des Dichters zu erfuellen, und benutzte alsdann die erste Gelegenheit, ihm eine Nase zu drehen und ihn unter dem Hohngelaechter all ihrer Bekannten und Freunde klaeglich heimzuschicken. Das war Boccaccios letzte Liebe.

Im uebrigen, da der Vater ihm eine kleine Erbschaft hinterlassen hatte, lebte er als ein stillgewordener Mann und widmete sich allerlei gelehrten Studien. Den Griechen Leontius Pilatus hatte er, um seine Sprache zu lernen, ueber zwei Jahre lang bei sich im Hause. Oefters uebernahm er im Dienste der Stadt politische Auftraege und Ambassaden, unter anderem besuchte er dreimal als Gesandter den Papsthof zu Avignon. Mit grossem Eifer forschte er dem Leben und den Schriften des Dante nach, den er ungemein verehrte. Mit dem etwas aelteren Petrarca, welcher damals von sich selber und von jedermann fuer den groessten lebenden Dichter gehalten wurde, pflegte er eine edle und herzliche Freundschaft und war untroestlich, als dieser im Jahre 1374 starb.

Aber das Leben dieses merkwuerdigen Mannes, dessen Anfang ein Abenteuer und dessen erste Haelfte ein Hymnus der Liebe zu sein scheinen, verwandelte sich zum Schlusse noch in eine fromme Posse. Noch als ein ruestiger Mann hatte er das Dekameron geschrieben, welches bald auf schalkhafte, bald auf leidenschaftliche Art dem Dienste schoener Frauen huldigt und ueber Moenche und Priester unerschoepflichen Hohn ergiesst. Nicht gar viel spaeter aber gelang es einem schwindelhaften Moenche, namens Ciani, ihn zu bekehren, und zwar vermittelst einer nicht einmal sehr durchtriebenen Bauernfaengerei, und von da an hoerte man ihn seine schoensten Werke nie anders denn als verwerfliche Jugendsuenden und Verirrungen bezeichnen. Noch viel schlimmer aber und laecherlicher ist es, dass der vormalige Schalk und Weiberfreund in seinen aelteren Tagen zu einem argen Frauenveraechter ward und ein Buch mit dem Titel Corbaccio geschrieben hat, in welchem man, wenn man Lust hat, hunderte von schimpflichen, grausamen, hasserfuellten und anklagenden Reden ueber die Weiber finden kann -- dazu in einer Redeweise, welche an Unflaetigkeit auch die kuehnsten Stellen seiner frueheren Werke zehnmal uebertrifft. Das sollte seine Rache an jener grausamen Witwe sein; allein der Dichter tat damit, wie wir es oft sich ereignen sehen, nur einen Schnitt ins eigene Fleisch.