Part 9
Er sah an ihren Augen, daß sie gewacht hatte, empfand, wie tief diese Fragen und Wünsche sie beschäftigten, und richtete sich nachdenklich auf, wach und bereit. Er verstand, und kalt und ohne Erbarmen sagte er:
»Laß solche Ansprüche. Was du bei mir schön und frei nennst, das wäre bei dir schlecht, nur schlecht und nichts als das. Ich will dich nicht anders als du bist. Du liebst und ehrst mich in deiner Liebe nur, wenn du sie in ihrer Art heilig sprichst.«
»In ihrer Art ...«, wiederholte sie zögernd.
Er legte ihren Kopf an seine Schulter, liebevoller, als daß auch nur ein Schatten von Schmerz in ihrer Seele blieb, strich über ihren Scheitel, hinunter über ihr loses Haar, unter dem er die Formen ihrer Schultern und ihrer reichen Hüften spürte:
»Du schläfst«, sagte er langsam.
Sie rührte sich nicht. Seine Worte bewegten sie, als würde sie still in barmherzige Nacht gebettet. Sie verstand seine seltsame Ergriffenheit nicht, die so zärtlich seine schnelle Härte abgelöst hatte; sie wußte nur, was er empfand, galt ihr, das war ihr Liebe genug.
»Wenn du erwachst, bist du zu Haus«, sagte er leise.
»Zu Hause?« fragte sie schüchtern. »Ich bin es nur bei dir. Wo sollte ich es sonst sein in der Welt?«
»Bei deinem Kind«, antwortete er, tief in Gedanken.
Sie erschrak nicht und fragte ihn nicht. Es brach ihr hell aus den Augen und lief über seine Brust. Sie hatte ihm nie so vertraut, als nun, da sein Mund diesen neuen Namen genannt hatte, der ihre Heimat werden sollte.
Zwölftes Kapitel.
Herr Wendel hatte Anne-Dore eines Tages auf sein Zimmer rufen lassen. Es war ihm sehr schwer geworden, dies Gespräch zu beginnen, weniger vielleicht, weil es seiner Art fern lag, als vielmehr weil er sich vor dem Ende fürchtete, das es nehmen möchte. In einer ungewissen und uneingestandenen Furcht, die ihm seine Anforderungen beinahe schwer machte, und die durch kein Pflichtbewußtsein zu überreden war. --
»Vater, bitte mich nicht. Ich vermag es dir nicht zu sagen, wie ich möchte, aber mit dir zum heiligen Abendmahl kann ich nicht gehn.« Anne-Dore war sehr bleich.
Tiefbesorgt schaute Missionar Wendel seiner Tochter ins Gesicht. Gewiß ließ er ihr gern in allen kleinen Dingen den Willen, aber hatte in der letzten Zeit schon manches ihn befremdet, so gab nun diese Weigerung bitter schmerzend den Ausschlag.
»Dore,« sagte er betrübt und eindringlich, »ich habe mich in den verflossenen Wochen oft bemüht, dich recht zu verstehn, habe nichts gesagt, Kind, wenn mir das Herz schwer wurde; höre, willst du dich heute deinem Vater nicht vertraun? Es meint es kein Mensch so aufrichtig gut mit dir. Komm, bitte, setz dich hier neben mich, so, gib deine Hand, schau mich an ... verdient meine Liebe dein Vertrauen nicht?«
Anne-Dore legte ihre Hand in einer ergebenen Müdigkeit in seine beiden, die ein wenig zitterten. In diesem Augenblick hätte sie alles für ihn tun können, alles, nur damit ein Schein von Freude in sein gutes Gesicht kam, in dem so traurig der Wunsch stand, seine Liebe möchte nicht verachtet werden. Aber sie fand keinen Ausweg. Es war ihr nicht schwer gewesen, sich in mancher Lage zu helfen, wenn ihr Herz nicht beteiligt war, aber wo sie empfand, konnte sie nicht lügen. Als er ihr gestern mitgeteilt hatte, er wollte in dieser Woche noch mit ihr und Friedberg in gewohnter Weise zum Tisch des Herrn gehn, war plötzlich ihr Blut erstarrt in einem Graun, wie vor der bösesten Gefahr, die ihr nur immer begegnen konnte. Wie unter einer machtvollen Drohung tauchte es vor ihr auf, aus dem Reich der göttlichen Liebe empor, die sie verraten und verloren hatte.
Nun sprach ihr Vater wieder:
»Drückt dich eine Schuld, mein Kind? Wenn du sie deinem irdischen Vater nicht sagen kannst, so bring sie deinem himmlischen. Sieh, ein erster Anfang ist die große Gefahr für uns alle. Lassen wir nur ein einziges Mal etwas zwischen uns und den Heiland kommen, so ist dem Versucher das Tor unserer Seele geöffnet. Und es gibt keine Schuld, die das Blut unsres Herrn Jesu Christi nicht abwaschen könnte vom Kleid unsrer Seele, die sein Eigentum ist für alle Ewigkeit. Kind, ich habe Sorge um dich. Seit vielen Wochen seh ich dich verändert. Ich weiß gut, daß wir alle bösen Anfechtungen ausgesetzt sind, aber es streitet für uns der rechte Mann, weißt du es nicht, muß ich es dir sagen? Es gab eine Zeit, Dore, da habe ich von dir gelernt. Sieh, ich scheue mich nicht, es dir zu sagen. Aber was ist nun mit dir geschehn? Meinst du, ich, dein Vater, der keine andere Sorge kennt, als die um dich, sähe nicht, wie du verändert bist? Auch bist du oft blaß und es scheint mir, als ob du geweint hast. Sprich zu mir, mein Kind.«
Und als Anne-Dore schwieg, fuhr er fort:
»Ich schließ auch dein Wohl heiß in meine Gebete ein. Gewiß, man soll niemanden zwingen, zum Tisch des Herrn zu gehn, seine Mahnungen und Warnungen sind so ernst, wie seine Verheißungen Seligkeit und Frieden verkünden. Wer unwürdig sein heiliges Blut trinkt und seinen Leib ißt, der ißt und trinkt sich selber das Gericht, sagt uns die Schrift. Aber Kind, das heißt etwas ganz anderes, als wir armen sündigen Menschen oft denken. Wer mit gläubigem Herzen hinzutritt, seine Sünde aufrichtig bereut und fest den Willen hat, sie in Zukunft nicht wieder zu begehen, der nimmt vom heiligen Kelch die Gewißheit mit, daß all seine Sünde vergeben ist, daß Gott versöhnt ist durch dies vergossene Blut seines Sohnes, das er uns gibt. -- Was ist dir? Deine Hand zittert. Nicht wahr, meine Worte haben dich neu darin bestärkt, daß wir gemeinsam der höchsten Gabe bedürfen, die uns der Herr zurückgelassen hat?«
Anne-Dore nahm sich gewaltsam zusammen, sie sagte stockend und schwer, den Blick gesenkt und die Stirn von Traurigkeit gebeugt:
»Muß nicht ein jeder selbst wissen, Vater, wann es ihn treibt, zu gehn? Und wenn man zweifelt, ist es nicht besser, zu warten?«
»Nein, Kind, dann ist es Zeit zu eilen.«
Nun erst, da Anne-Dore auf ihrer Weigerung beharrte, empfand ihr Vater das ganze Gewicht seiner Betrübnis. Ihm vermischte sich, ohne daß er es wußte, seine Sorge um ihr irdisches Wohl mit der Furcht um ihr ewiges Heil. Nun war ihm, als sei auch ihr Leib in Gefahr, als gelte es nicht allein, ihre Seele zu retten. Eine jähe Angst befiel ihn und ein schmerzhaftes Gefühl seiner Ohnmacht. Er ließ ihre Hand fahren und schaute sie lange tieftraurig und voll Liebe an.
Als Anne-Dore ihre Blicke hob, sah sie in seinen Augen Tränen, die er zu verbergen trachtete. Sie liefen über seine Wangen in den grauen Bart und auf seine gefalteten Hände.
»Vater,« rief sie, sprang empor und legte ihre Arme um seinen Hals, »ich geh mit dir. Gewiß. Gewiß. Vergib mir, ich habe töricht gezweifelt. Ich weiß, daß keine Sünde zu groß ist, daß ich kommen darf, wie ich bin, daß er barmherzig ist, gut -- daß er versteht -- vergibt. -- Vater, weine doch nicht.«
Sie trocknete ihm die Tränen mit ihrem Tuch und er ließ es geschehen, wie eine Wohltat, die er im Leben noch nie erfahren hatte. Und er sagte und wußte nicht, wie schön seine himmlische Sorge und Liebe in irdischem Licht erglänzte:
»Dich kann ich nicht verlieren, mein liebes Kind.«
Ich habe etwas gegen mein Gewissen getan, empfand Anne-Dore, als sie allein war. Nicht allein ihr Versprechen lag ihr im Sinn, sondern der Gedanke an ihren ohnmächtigen Widerwillen, als sie ihren Vater hatte weinen sehen. Sie erschrak vor der Erkenntnis, daß sie sich hätte abwenden können, von nichts erfaßt, als von einem Mitleid mit seiner Schwäche. Wo lagen die Gründe dafür, daß ihr das Ereignis im Grunde nur peinlich, und nichts als das, gewesen war? Sie fühlte klar und zuversichtlich, daß sie nichts mehr mit ihm und seiner Empfindungswelt zu schaffen hatte, daß sie im Grunde nie sein eigen gewesen war, und daß er sie ganz verloren hatte, wenn auch sein Sinn sich nun in neuer Gewißheit tröstete.
Wem gehören wir an in der Welt? dachte sie. Nur Oberflächliche suchen Halt und finden ihn im Glauben an Gemeinschaft. Jeder ist allein. Es stieg ihr bitter empor: die sich täuschen können, sind glücklich, die nicht beanspruchen, die sich begnügen, die wenig empfinden. Und sie dachte an Mark Enz, den sie mehr liebte als ihr Leben und als ihre Hoffnung, und nie hatte sie so schmerzhaft gewußt wie nun, daß auch er allein war, einsamer vielleicht, als ihr Herz bisher geahnt. Auch meine größte Liebe erhöht den Wert meiner Gaben nicht, die ich ihm darbringe, dachte sie bebend; über allen Wünschen, die uns unsere Liebe bringt, geht der Weg dahin, den Seelen zu ihrer seltenen Gemeinschaft finden. Nur Augenblicke gibt es, Augenblicke ... Sie preßte plötzlich in einem Aufwallen verwundeter Begierde und wie in einem wehen Drang nach Erkenntnis ihre Hände in den Schoß, brach nieder in ihre Knie und stammelte:
»Erlöse mich durch dein Blut von meinem, Herr Jesus.« --
Was war das für ein böses Gebet gewesen, das sie ausgestoßen hatte wie einen Schrei? Taumelnd erhob sie sich. Wie kam ich dazu, was trieb mich, was zerriß mich, welche Sehnsucht riß mich mit sich fort?
»Du bist allein, mein Liebster«, sagte sie leise. »Wer gibt dir deine Kraft? Du bist fröhlicher als die Menschen, die ich kenne, und trauriger, dein Herz führt dich Wege, die nicht einmal du selber kennst. Alles ist fremd an dir, alles liegt miteinander im Streit. Wohin gehst du? Sag es mir, denn ich möchte mit dir. Deine Reichtümer und deine Schulden sind zu schwer für meine Schultern, ich kann sie nicht ertragen. Was bist du für ein Mensch, daß ich dich immer und immer lieben muß und immer nur dich, und bin doch allein bei dir, wie du bei mir. Wenn ich dich betrachte in meinen armen Gedanken, verwirrt sich mein Sinn, aber wenn du zu mir sprichst, ist der Himmel weit und hell geöffnet, als gäbe es keinen Kampf, keinen Zweifel, keine Unrast, als gäbe es nur Harmonie und beständige Seligkeit. Warum hilfst du mir nicht? Ich kann dich nie verlieren, mein Geliebter.«
Sie erschrak. Solch letzte Worte hat auch ihr Vater gesprochen. Eben noch. -- War es überall in der Welt dasselbe, sollte nichts gestillt, kein Glück vollkommen sein und keinem Drängen nach Gemeinschaft Erfüllung werden?
»Sprichst auch du solch schmerzhafte Worte, Liebster? Zu wem sprichst du sie?« fragte sie mit großen leeren Augen. »Nicht zu mir. Ach, sprächst du einmal so zu mir, littest du nur einmal um mich, ich würde dies Leid so überglücklich mit allem segnen, was ich habe, ich würde glauben, daß eine Gemeinschaft zwischen uns möglich ist, daß ich dich halten kann.«
»Leb wohl«, sagte sie plötzlich fest und seltsam feierlich. »Ich gehe. Weißt du, wohin ich gehe? Ich will für den da sein, der um mich leidet. Für meinen Vater. Wenigstens einmal noch, und für den anderen, der mich ruft und der auch um mich gelitten hat. Vergib mir, ich komme wieder. Du wirst fühlen, daß du mich nicht mehr heilen kannst. Aber ich gehe, denn ich habe keine Sünde begangen, die nicht vergeben werden könnte, und ich werde künftig keine Sünde mehr tun. Es wird mich niemand strafen für mein Leid um dich, mein Liebster.«
* * * * *
Die Abenddämmerung trug still und warm die Klänge der Kirchenglocken von St. Nikolai über die Stadt und das Land. Es waren die großen Glocken nicht, die riefen, sondern nur kleine, wie sie beim Tode Armer geläutet werden, oder an Sonntagen in der ersten Frühe. -- Die Welt umher lebte noch in jenen seltsam wachen und doch verlorenen Lauten, die nach heißen Tagen aufsteigen, wie von der nahenden Kühle getragen. Kinderstimmen, ein langer, fremdartiger Ruf, der Schrei eines müden Lasttiers oder der dumpfe Fall eines schweren Tors. -- Die Geräusche flogen alle gesondert auf, wie vereinsamt, sammelten sich nicht mehr wie am Tage zum Geräusch des Treibens der Menschen, sondern ermahnten zur Rast und waren, als ob sie dem sinkenden Licht nacheilen wollten.
In der Nikolaikirche brannten vereinzelte Gasflammen, bei der Orgel, über dem Gestühl des Chors, und den Hauptgang entlang, der zum Hochaltar führte. Nur die Sakristei war erleuchtet, immer drei und drei brannten die leise singenden Flammen. Schlichte, dünne Eisenarme reckten sich an plumpen Leuchtern empor. Am Hochaltar blinkte das Marmorkreuz und der Leib des gekreuzigten Heilands schimmerte leidensbleich über den Prunk der silbernen Geräte hin in das dämmerige Kirchenschiff hinein. Es war kaum noch ein schüchterner Schein vom Tag hinter den hohen bunten Scheiben zu erkennen.
Ebenmäßig, grau und gerade hoben sich die Säulen der Seitengänge empor in die Dämmernacht, die unter der gewölbten Decke herrschte. Die Kanzel ruhte leblos, nur der breite Goldschnitt der Bibel, die dort auf ihrem niedrigen Holzpult lag, blinkte.
Im verengten Kirchenschiff, vor dem Hochaltar, waren rechts und links zwei Stuhlreihen in breiten Kurven aufgestellt. Die ersten Abendmahlsgäste versammelten sich, langsam und schwarz schritten sie bedächtig und bedrückt an ihre Plätze, sie schienen den Widerhall ihrer Schritte zu fürchten, der hohl, laut und wie von weither aus den toten Räumen der Kirche zurückkam. Hoch auf der Galerie bei der Orgel versammelten sich die Chorknaben, das grelle Schurren eines Stuhls und polternde Laute verrieten sie, die Wände schienen das Echo verdoppelt und verschärft zurückzuwerfen, und jeder Laut erhöhte, lang ausgedehnt, die bedrückende Allmacht der feierlichen Stille.
Pastor Jacoby hatte dies Abendmahl angesagt. Die Plätze waren bald besetzt, zur Rechten und zur Linken des Altars zwei mattbewegte schwarze Reihen; es wurden noch Stühle für neue Gäste hinaufgebracht, die Kirchendiener gingen auf den Fußspitzen, mit ernsten und wichtigen Mienen taten sie ihre Pflicht und schienen zu eilen, wenn sie die Sakristei wieder verließen.
Anne-Dore und ihr Vater hatten mit Friedberg schon zu den ersten gehört, die angekommen waren. Das Gesicht des jungen Mädchens war von einer so unbewegten und starren Blässe, daß es auffiel, und manche Blicke besorgt und in bewundernder Andacht darauf ruhten. Friedberg glaubte nie in seinem Leben etwas so Schönes gesehen zu haben, wie diese ruhigen, klaren Züge, deren Linien, wie die Linien des Marmors, unbeweglich und doch lebensvoll erschienen und so von geheimer Trauer verklärt waren, daß es vielen erschien, als ob ihr eigenes Leid gering sei.
Der Kandidat hatte mit großer Spannung darauf gewartet, ob Anne-Dore an dieser Feier teilnehmen würde oder nicht. Nun war ihre stille Hingabe ihm eine Bestätigung seiner liebsten Hoffnung, die ihn mit Glück und neuer Zuversicht füllte. Nun wußte er wieder, welchem Herrn sie im Grunde allein diente, jenem Friedensfürsten, der auch sein Gott war, dem Heiland der Welt, der alle Schuld der Menschen trug. Ein heimlicher Triumph weitete ihm die Seele, durchwärmte seine Andacht bis zu überschwenglicher Hingabe an die Sache dessen, der den Sieg behalten hatte. O, er hätte auf sie zutreten und ihre Hand drücken mögen; wenn doch eine Kraft auf Erden wäre, die ihm ihr Herzeleid aufbürden könnte, gern wäre er zu jedem Opfer willig und zu jeder Tat der Bruderliebe bereit gewesen.
Wie still und kühl war ihr Gesicht, verborgen und scheu suchten seine Blicke darin zu lesen. Er sah ihre geneigte Stirn und ihre gesenkten Augen halb von der Seite. Unter der Krone des überreichen schweren Haars und über dem schwarzen Kleid hob es sich ab, beinahe leuchtend ... Hatte Mark Enz wohl jemals diesen Mund geküßt, diesen Mund, der nun, wie auch der seine, den Leidenskelch des Heilands an seinen Lippen spüren sollte? Nie, nie! Wie konnte es möglich sein. »Maria war nicht reiner als du«, sagte er mit unhörbarem Flüstern und seine Sinne versanken ihm in andächtiger Scheu. --
Hell in die große Stille des Wartens hinein, siegreich und klar, ein himmlischer Glanz, brach hoch wie vom Himmel her der Knabenchor ein. Eine göttliche Erlösung, rein in seiner seligen Feier, beschwingt und erhebend. Er trug die Herzen aus der schwülen Bedrückung ihrer irdischen Niedrigkeit in Gottes Huld empor:
»Aus tiefer Not schrei ich zu dir, Herr Gott, erhör mein Rufen.«
Klein, vergänglich und arm war nun die Welt mit ihrer Trübsal; den Mühseligen stand der Himmel auf. In einer Gebärde unaussprechlicher Güte hob ein geliebter Engel den Kelch über alle Not, den Kelch, der das Blut des geschlachteten Lammes von Golgatha umschloß, die hohe Bürgschaft eines unvergänglichen Friedens.
Als Anne-Dore aufsah, stand Pastor Jacoby schwarz und stumm hart an der letzten oberen Stufe, die zum Altar führte. Sein schlichter Talar, der fast ganz ohne Falten bis auf seine Füße niedersank, machte seine Gestalt beinahe überschlank; vom gestickten Purpur der Altardecke hob sie sich ruhend und aufrecht ab, in diesem lieblosen Licht der Gasflammen, die den Schein der Altarkerzen verdrängten. Ihr Spiegelglanz warf sich vom Hochaltar auf die geneigten Gesichter der Andächtigen, überbleich erschienen sie, qualvoll entstellt, als wäre kein Opfer groß genug, um der himmlischen Gaben würdig zu werden, die sie erflehten.
Es war Anne-Dore, als sähe sie heute Pastor Jacoby nach langer Trennung zum erstenmal wieder. Unentwegt schaute sie ihn an, sie tauchte ihr Gesicht hinein in den Klang seiner Worte, als er nun sprach, in diesen Klang, der einst ihre Seele zu ihrer ersten Zuversicht erweckt hatte. Aber keine Erinnerung gewann Gestalt, ihre großen, ruhigen Augen suchten sein Gesicht, dies Angesicht, das sie einst bewundert und verehrt hatte, und das ihr nun so eigen vertraut erschien und doch so fern, so traurig weit entrückt, wie ihre versunkene Hoffnung.
Aber seine Stimme war ihr lieb. Unter diesem eindringlichen und traurig hellen Ton war ihr zumute, als schaute sie von einem heißen Weg, den ihr Fuß gehen mußte, zurück in das feierliche Tal ihrer Heimat, die sie verlassen hatte.
Aber zwischen heute und damals lag, wie ein einziges heißes, wildwogendes Chaos, die Zeit ihrer Kämpfe und ihres Wandels. Sie wußte darüber nichts mehr, es war, als ob die schwer geheilten Wunden ihre Seele unempfänglich gemacht hätten. Das alles konnte nie wieder kommen, o, es machte glücklich, das zu fühlen; welch böses Schicksal auch immer nahte, schlimmer konnte auf der Erde nichts mehr werden, als jene Zeit, in der zwei Mächte um sie gerungen hatten. Wie war es zuletzt gewesen? Als ob die Flügel ihrer Seele, die Jesu Blut verklärt hatte, in das rote warme Blut ihrer irdischen Liebesnot niedergetaucht wären.
Nun hörte sie wieder die feierlich flehende Stimme über sich:
»Denn der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm das Brot, dankte, brach's, und sprach: Nehmet, esset, das ist mein Leib, der für euch gebrochen wird; solches tut zu meinem Gedächtnis. Desselbigen gleichen auch den Kelch nach dem Abendmahl, und sprach: Dieser Kelch ist das Neue Testament in meinem Blut; solches tut, so oft ihr's trinket, zu meinem Gedächtnis.«
Sie lauschte mit Anstrengung, kämpfte matt um den Sinn der Worte, lächelte dann fein und übermüde und schloß die Augen, während der Geistliche seine kurze, ernste Ansprache begann, nach welcher die heilige Handlung vollzogen werden sollte.
Die Kirche schien wie erstorben. Es war so still, daß die Stimme des Predigers wie in einem Grabgewölbe erscholl; nur wenn er die langen Pausen machte, die er liebte, hörte man das Singen der Gasflammen und leise und nah das Atmen seines Nachbarn.
Aus ihrer Erstarrung befreite sich Anne-Dores Sinn noch einmal unter dem Christuswort:
»Welcher nun unwürdig von diesem Brot isset, oder von dem Kelch des Herrn trinket, der ist schuldig an dem Leib und Blut des Herrn -- -- denn welcher unwürdig isset und trinket, der isset und trinket ihm selber das Gericht ... darum sind auch viel Kranke unter euch und ein guter Teil schlafen.«
»Isset und trinket, isset und trinket ...« klang es ihr nach, wie ein Echo, mit irgendeinem Lächeln, gütig, spöttisch, sehr traurig und wie durch ein Flimmern heißer Luft.
Dann war ihr plötzlich, als sähe sie Mark Enz langsam durch das dämmerige Kirchenschiff kommen. »Was willst du hier?« wollte sie fragen. Nein, er war es nicht. Doch -- nun erkannte sie ihn deutlich, nun, da das Licht der Gasflammen ihn empfing und erst nur sein Gesicht, dann langsam seine Gestalt deutlich wurde. »Geh leise«, wollte sie rufen.
Plötzlich sprang er vor, nahm die Marmorstufen zur Sakristei mit einem Satz, vorgebeugt sprang er, die Arme ausgestreckt. Er ergriff die schwere, rote Altardecke mit sehniger Hand, schwang kreisend die Faust, so daß das dunkle Tuch, ein goldgestickter Schlangenleib, sich um seinen Arm wand, und riß den Purpur nieder, daß die heiligen Geräte mit Klingeln auf den Steinfliesen der Sakristei umhertanzten ...
Sie riß die Augen auf.
Die Stuhlreihe vor ihr war leer. Die ersten knieten schon am Altar, auf der niedrigen, gepolsterten Schemelbank, im Halbkreis, gebeugt, stumm, den Schein der Altarkerzen auf den Häuptern. Sie sah, wie Pastor Jacoby eine schlanke Silberkanne neigte und den Kelch mit Wein füllte. »Mit Blut«, dachte Anne-Dore. »Ihr alle dort seid würdig.«
Nun erhob sich ihr Vater. Allzubesorgt, die einfachen Regeln genau zu befolgen, schritt er langsam voran, hinter ihm Friedberg, und nun mußte auch sie aufstehn, um beiden zu folgen.
Friedberg ließ dem jungen Mädchen den Platz neben ihrem Vater, dann kniete er an ihrer Seite nieder, sie spürte seine Schulter an der ihren.
»Wie herzlich lieb hab ich dich gehabt, Herr Jesus«, dachte Anne-Dore. Sie sagte es flüsternd, mit kalten Lippen, neigte den Kopf und lauschte wie mit erstorbenen Sinnen, wartete in einer heißen, süßen Erregung, und war sich nicht klar darüber, worauf. Vielleicht war so der Augenblick, in dem man seinen Tod kommen fühlte. Eine geheime Gewalt begann plötzlich ihre Brust in weher Tiefe fein und grausam zu stoßen. Ihr war, als müßte sie ein aufsteigendes Lachen unterdrücken oder ein eigensinniges Weinen, das grundlos begann.
»Nehmet hin und esset«, hörte sie über sich. Sie sah, wie ihr Vater den Mund öffnete, wie eine welke, große Hand mit dicken Adern ihm eine weißliche Oblate zwischen die Lippen schob. Das war der alte Prediger Bunsen, der beim Abendmahl Hilfsdienste leistete. Dann kam er zu ihr und ihr geschah ein gleiches. -- Oben sangen sie ohne Aufhör leise und fern, gedämpfte Stimmen, die wie aus dem Himmel herüberklangen und alles in Güte einhüllten.
Die Oblate blieb ihr am Gaumen kleben. Sie versuchte sie mit der Zunge zu lösen. Es ging nicht. Die alte zittrige Stimme und die unsichere Hand waren bei Friedberg.
Dann hörte sie zu ihrer Linken plötzlich die klaren Worte Pastor Jacobys:
»Nehmet hin und trinket alle daraus.« Oben setzte der Chor neu ein, schwermütig und klar.
Sie sah den silbernen Becher, eine Hand hielt den schlanken Stiel, die andere stützte den Kelch. Als er sich an den Mund ihres Vaters neigte, sah sie, daß er innen golden war. Er blinkte und blendete. Ihr Vater trank. Sein Gesicht war todtraurig und dabei ängstlich besorgt.
Nun stand Pastor Jacoby vor ihr.
»Dieser Kelch ist das Neue Testament in meinem Blut ...«
Der harte, blanke Rand neigte sich gegen ihren Mund. Als sie das kühle Metall spürte, preßte sie plötzlich beide Lippen fest zusammen, fest, und die Zähne auch. Es rann kalt über ihre beiden geschlossenen Lippen, über ihr Kinn ... War denn Mark Enz nicht da, um ihr zu helfen? Sie spitzte fein den Mund ... nun kamen seine Lippen -- -- -- suchten die ihren ...
»Küß mich -- -- küß mich, Herzliebster!«
In einem wilden feinen Schauern fuhren plötzlich ihre beiden Arme empor. Mit lautem trillerndem Schrei sprang sie auf und zurück, taumelte zwei, drei Schritte rückwärts, so daß es aussah, als flatterte erschreckt und verstört ein riesiger schwarzer Vogel auf, todwund, mit letzter Flügelkraft. Dann sank sie gerade, beinahe steif, hinten herüber und schlug mit einem dumpfen Knall auf die Steinfliesen. Die Kirche hallte noch wider von ihrem hellen Schrei und nun warfen die hohen Hallen einander dunkel das neue Echo zu. Dann wurde es langsam still, als habe der Tod es geboten.