Part 8
Anne-Dore war am anderen Tage mit schweren Sinnen, müde und hilflos zu Mark Enz in den Wald gegangen, in die Heidelichtung, wo er sie erwartete. Ihr war gewesen, als seien ihre Seele und ihr Leib bedeckt mit schmerzenden Wunden, sie hatte geglaubt, ihn still und ernst zu finden, und nun lag er da neben ihr in der Heide, auf dem Rücken, die Knie hochgezogen, lustig und gesprächig, ja beinahe ausgelassen, wie sie ihn nie gesehen hatte, und tat, als sei nichts geschehen als beiden eine große Freude. Ihre tiefe Melancholie und all ihre Traurigkeit verflogen rasch in dieser Heiterkeit, die er ihr durch sein Wesen gab, wie das köstlichste Heilmittel, das nur ein Mensch ersinnen konnte. Sein Lachen flog über sie hin wie Sonnenschein, in dem ihre schweren Gedanken sich langsam zerteilten zu jener seligen Lebenswichtigkeit, die Genesende beglückt.
O, wie dies Lachen heilte. --
Es erschien ihr fast unmöglich, daß er so dalag, ein wenig spöttisch gegen die Mitwelt gestimmt, zu jeder Torheit ausgelegt und unbedacht, wie ein großes Kind. Wie der Inbegriff aller Lebenskraft und aller Daseinsfreude erschien ihr dies wandelbare, immer sichere Wesen, das Schmerz und Freude aufnehmen konnte, als seien beide allein herrlich und nichts als das. Sie dachte an sein Gesicht in der verflossenen Nacht und glaubte es nicht wiederzuerkennen. Ihre Welt, die in tausend Vorurteile eingeschränkt gewesen war, versank ihr arm und klein im Lachen seiner Augen, die keine Grenzen schauten, die frohlockten und trauerten auf gleiche Art, wie es die unschuldige Erde tat mit ihren Schönheiten, ihren Gefahren und ihren reinen Schicksalen.
Jubelnd gab ihr ganzes Sein sich dieser freien Kraft seiner Seele hin. Sie fühlte ihre Liebe zum erstenmal als ein Glück ohne Schranken und ohne einen anderen Halt, als seine junge unbedachte Kraft.
Daß man lachen durfte, laut und fröhlich lachen über all die Dinge, die man sonst zunächst einmal verzeihen, dann verstehen und endlich bedächtig ablehnen mußte.
»Höre du,« sagte er plötzlich sehr ernst, »ihr bedenkt mich gar zu reich aus eurer Friedensgemeinschaft. Neulich hat man mir aus eurer Behausung ein Notizbuch gesandt, das wahrscheinlich eurem Glaubensgenossen Friedberg angehört.«
Anne-Dore lachte und bekannte sich schuldig.
»Außen geht es an,« fuhr Mark fort, »aber innen enthält es einen Entwurf zu einer Bußpredigt, scheint mir. Gott sei Dank ist sie zum größten Teil stenographiert. Sie bemüht sich um eine Auslegung von Lukas 12, Vers 25: >Welcher ist unter euch, ob er schon darum sorget, der da könnte eine Elle seiner Länge zusetzen.< -- Dieser lange Kerl paßt unter kein Kanzeldach und wählt sich wahrhaftig diesen Predigttext. Er ist ganz von Gott verlassen.«
Die großen ruhigen Bäume mit ihrer Geduld und ihrer Würde schauten auf Anne-Dore nieder, die sie schon lange kannten, die sie schon seit Jahren gesehn, als ein kleines Mädchen, und später als sinnendes Jungfräulein, viel zu ernst und viel zu allein. Aber sie wunderten sich nicht über das helle glückliche Lachen, das sie verbergen mußten. Denn der Wind der Erde und der Wald und das Meer und die Berge sind über den Schicksalen der Menschen alt geworden und jung darüber geblieben, so daß sie nie erstaunen.
Mark Enz drehte Zigaretten.
»Willst du?« fragte er und hielt ihr eine hin.
Sie versuchte. Es ging nicht.
»Was bist du für ein Barbar«, sagte er traurig.
»Übrigens Friedberg«, fuhr er fort. »Ich kenne nicht allein seine Jugendgeschichte, sondern auch die Einzelheiten seiner Abstammung. Die muß man wissen. Das Licht vom Scheitel seiner Väter erleuchtet dies verstauchte Kandidatengehirn bis tief hinein in seine Weltanschauung, in der der Verfall aller Naturgesetze triumphiert. Du hast nicht genug Überblick, Dore, aber du mußt es mir glauben. Höre zu: Sein Vater war Missionar, er verehelichte sich in Jahren unbedachten Gottvertrauens und zog in die Südsee, nach Samoa, um die Kaffern zu bekehren, die dort so viel ich weiß in den Wüstenprovinzen ihr schwarzes Unwesen treiben. Ich bin nicht genau über ihre Eigenart unterrichtet, aber sie fressen Menschen. Also der alte Friedberg reckte über ihre Ansiedlungen und über ihren sündhaften Appetit seine Missionsbibel, mißverstand sie freudig und legte sie in Demut aus. Sie wollten sich aber nicht bekehren. Sie fingen an einem sonnigen, warmen Sonntag die Frau dieses Missionars Friedberg, brieten sie und fraßen den geprüften Mann ledig.
Aber vorher hatte die legitime Verbindung eine Frucht gezeitigt: den Helferich. Der alte Friedberg drückte den Säugling an sein Herz und bestieg ein Schiff zur Heimreise, weil er eine neue Mutter für sein Kind finden wollte. Dies gelang ihm nicht. Darüber starb er. Helferich wurde eine Missionswaise. Dieser Umstand hat ihm die Mittel zu seinem Studium verschafft. -- Hier ist übrigens sein Buch, gib es ihm zurück. Solche Predigt schreibt man nur einmal im Leben.«
Anne-Dore küßte ihn stürmisch. Ungewußt empfand sie seinen befreienden Spott als eine Rache an aller Unterdrückung, die ihre Natur, ihre Entwicklung und ihr Urteil beeinträchtigt hatte. Etwas wie Seligkeit an Sünde, das verzehrend süße Bewußtsein eines bösen Gewissens und ihr Wille, dem Geliebten alle alten Güter darzubringen wie ein einziges großes Opfer, erhöhte ihr neues Lebensgefühl zu heißem Glück.
* * * * *
Woche für Woche, Nacht für Nacht lief Anne-Dore durch den Buchenwald nach Hildenrot. Die Stimme des Brunnens empfing sie im Schweigen der Nacht. Sie fand den Weg in dunklen stürmischen Nächten, und oft auf dem Heimweg schlich sie sich früh durch das Hinterpförtchen des Gartens, erst wenn schon das Morgengrauen sein stählernes Lächeln, bläulich und frei wie ein Schein der Ewigkeit, am Horizont erhob. --
Wie rasch alle Bedenken der seligen Gewißheit dieser einen Pflicht wichen. Sie spürte weder Müdigkeit am Tage, noch senkte ein Bewußtsein von Schuld ihr die Blicke. Im roten Sturm ihres erwachten schweren Bluts hob ihre junge Jugend alle verschonte Kraft zugleich in einem Übermaß von Lebenstriumph und Glut.
Wie sie die dunklen Bäume ihrer Nächte liebte, die ihre Hoffnung und ihr Bangen kannten. Auf dem Heimweg war ihr oft, als hätte der schwere duftende Schatten, der das Licht erwartete, auch ihrer geharrt; mit geöffneten Kleidern und losem Haar lief sie durch die versinkende Nacht unter den verglimmenden Sternen dahin und vertraute der reinen Kühle umher den letzten Rausch ihres singenden Bluts an.
Niemals begegnete ihr hier ein Mensch, auch hatte sie in Dickicht und Heidegrund ihre eigenen Wege. Sie wich den Orten vorsichtig aus, die ihr Gefahr bringen konnten, viel weniger aus Furcht vor einer Entdeckung, als vielmehr um dieser Einsamkeit willen, in der die Natur, unter dem Abschied ihrer funkelnden Nacht, die pochende Sehnsucht ihres Körpers heilte, ihr Glück forttrug und bis zu neuen Erfüllungen barg.
Es war ihr in ihrem veränderten Leben oft so, als begegneten alle Erscheinungen ihres Alltags ihr nur im Traum, die Wirklichkeit begann für sie erst, wenn sie in den Armen und am Herzen ihres Geliebten erwachte. Es kam dazu, daß der heimatliche Haushalt durch die Abreise ihrer leidenden Mutter Veränderungen erfahren hatte, die ihr manche Pflicht erließen und andere erleichterten. Die kränkelnde Frau nahm in der Regel ohne Aufhör die Dienste der Hausgenossen in jener leicht erregbaren Empfindlichkeit in Anspruch, die oft bei Kranken auftritt, deren Zustand niemals ganz schlecht und auch niemals ganz befriedigend wird. Seit sie fort war, waren alle sich auf ganz neue Art selbst überlassen, und besonders Anne-Dore atmete auf, denn das im Grunde selbstsüchtige und unausgesetzt nörgelnde Interesse, das ihre Mutter ihr zu zeigen pflegte, war ihr nie so qualvoll erschienen, als in der letzten Zeit, in der sie wieder und wieder genötigt war, Fragen mit Lügen zu beantworten. Ihr Vater war anders in diesen Einzelheiten, er ließ ihr den Willen in allen kleinen Dingen; vielleicht hätte er einem Sohn weniger Freiheiten eingeräumt, aber Anne-Dore gehörte neben seiner Liebe auch seine heimliche Bewunderung, und ihre Angelegenheiten waren ihm fremdartig und heilig, wie ihr Geschlecht es ihm in seinem ereignisarmen Leben im Grunde nun einmal geblieben war.
Friedberg schien ganz in seine Arbeit vertieft, er führte seine Denkerstirn mit schweren Kummerfalten durch das Gartengrün, und nur hin und wieder ließ er sich in kurze Gespräche mit Missionar Wendel ein, die in der Regel den Ernst des Lebens betonten und die Vergänglichkeit alles Irdischen.
Anne-Dore hatte fast ausnahmslos eine völlig humorlose Abneigung gegen diese gewaltsamen Unaufrichtigkeiten ihres jungen Hausgenossen bekommen. Er erschien ihr armselig und feige, und alle Entschuldigungen, die sie früher lächelnd für ihn gefunden hatte, verwarf sie jetzt als schwach und falsch. Überhaupt mied sie in verborgenem Haß alles, was auch nur ein leises Zugeständnis an ihre versunkene Innenwelt enthalten konnte. Zwar nahm sie ihrem Vater zulieb an allen Hausandachten teil und besuchte wie früher die Gottesdienste mit ihm, aber sie träumte dort in einem Halbschlummer ohne Anteilnahme ihre eigenen Träume, die stets begannen mit einem goldenen Sonnenjubel weit über warmes, sommerliches Land hin und über Seligkeit und Schmerzen fort in einem wilden, uferlosen Meer von Blut versanken.
Die erhabene Kraft dieser glühenden Vereinsamung in einer einzigen Leidenschaft gab ihrem Wesen nun früh eine stolze Sicherheit des Gefühls und ein klares Urteil über alle Dinge, die sie allein danach einschätzte, wie sie ihrem Glück förderlich oder hindernd sein möchten. Sie lernte leicht und rasch verwerfen, was ihrer einen Sehnsucht nicht Genüge tat, und lebte ihre Tage und Nächte allein um der Stunden willen, die ihr junges neues Recht in tausend Gluten und seliger Not bestätigten.
»Ich habe nur noch dich,« sagte sie Mark an einem späten Abend im Wald. Sie sprach es aus, als fragte sie ihn etwas.
»So wie ich kannst du dich nie verlieren,« fuhr sie leise und ohne Vorwurf fort, und plötzlich übermannte es sie und sie küßte ihn heiß und rief: »Ich bin darum viel reicher als du.«
»Schöner bist du,« sagte er innig. »Deine Welt ist vollkommen und du in ihr. Deine Hände sind schwach, aber sie tragen deine ganze Welt, dein Auge reicht so weit, als ihre Höhen und Tiefen gehn; dein Herz ist wie der Heiland deiner Welt, es kann sie ganz erlösen und wird sie gerecht richten. Du bist schön.«
Er merkte, daß sie ihn nicht ganz verstanden hatte.
»Du kannst dich hingeben, ganz, ohne Einwand und ohne Bedacht, darum bist du schön,« fuhr er fort. »Dich überredet keine Zukunft, wenn es gilt, der Gegenwart zu gehorchen, du bist dir treu.«
Über ihnen leuchtete der Himmel in nächtlichem Blau, erfüllt von Sternen, über ihnen waren die Zweige der schlafenden Waldbäume und der Friede ihrer Nächte, den sie um seiner schweigsamen Güte willen liebten, die ihrer Eintracht günstig war. Mark richtete sich ein wenig auf, legte ihren Kopf auf den weichen Waldboden, auf dem sie ruhten, mit beiden Händen strich er ihre dunklen Haare aus der schimmernden Stirn und senkte seine Blicke in ihre großen suchenden Augen, als fände er darin den Himmel wieder, der über ihnen war, die Waldbäume und auch den Frieden ihrer Nacht.
»Mein Dank für deine Liebe ist meine Sehnsucht,« sagte er.
Sie verstand ihn, weil sie seine geliebten Hände an ihren Schläfen fühlte, sie verstand ihn, weil seine Blicke in ihren Ruhe fanden und weil seine Gedanken ihr Herz riefen. Sie schloß die Augen in einem tiefen Schauer von Glück, das ihr nicht mehr so erschien, als sei es allein ihr eigen, sondern ihr war, als habe die Nacht daran teil, die reiche Natur, die sie umgab, das Licht des Himmels und die unendliche Weite der großen Welt, in der sie erwacht war zu ihrer jungen Liebe. Diese fremde Kraft, die ihr Geliebter seine Sehnsucht nannte, gewann im Suchen ihrer seligen Traurigkeit Gestalt, und sie sah sie als einen Engel, der sein Haupt beschirmte, und der ihn in seine Zukunft führte, die weiter reichen und schöner sein sollte, als ihre Gedanken und als ihr Tun. Und sie faltete ihre Hände, die wie alles an ihrem Leibe und an ihrer Seele nicht mehr ihr Eigentum waren, und schaute zu dem Engel auf: »Ich bin nicht dein Ziel,« sagte sie zu ihm, »aber schlag auch für kurz deine beiden hellen Flügel um mich.«
* * * * *
Wie veränderbar sein Wesen war. Wie herb er sich ihr oft verschloß, obgleich nichts ihn hinderte, gelassen seine Ansprüche vor ihr zu erheben. Oft hatte er sie tiefernst, traurig und grüblerisch verlassen, fast bitter und ohne einen Schein von Glück in den Augen. Dann legte sie sich mühevoll und heiß besorgt die Worte zurecht, prüfte ihre kindlichen Hände, wie sie ihn trösten möchten, und empfing ihn ernst und zu jedem Opfer bereit. Aber dann flog ihr oft sein leichtsinniges Lachen unerwartet und jugendlich entgegen, über all ihre Sorge hin. Seine Stirn schien dann niemals gebeugt und sein Mund nicht schmerzvoll gewesen zu sein.
Aber keine seiner Stimmungen hielt an, sie verflogen wie Licht und Schatten an stürmischen Wolkentagen, um die der Sonnenschein kämpft. Sie wechselten zuweilen sogar in einer kurzen Stunde ihres heimlichen Beisammenseins, nur wenn er scheinbar allen Erlebnissen seines Tages fern, seine Gedanken mitbrachte, die ihn beschäftigten, war er beständig und immer liebevoll. Aber sie empfand dann so, als sei er entfernt, auch noch, wenn seine heißen Worte, in denen er ihr seine Welt enthüllte, nur ihr zu gelten schienen. Sie fühlte sich dann oft wunderbar beglückt und zugleich mißbraucht. Aber nur er kannte sie, das bedeutete ihr mehr als jede Tugend.
Ihr kindliches und unerfahrenes Herz empörte sich niemals. Nur einmal, als sie mit ihm darüber sprach, lächelnd, und bereit, ihm jeden Einwand zu verzeihen, erschreckte sie seine Antwort, die er in einem seltsamen Leichtsinn aussprach, in einer Aufrichtigkeit, die schwermütig und unvorsichtig war, die er sicher vermieden haben würde, wenn ihn die eigene Gewißheit nicht auf neue Art überwunden hätte:
»Wenn mir einmal die Liebe einer Frau begegnet,« sagte er, »die so beschaffen ist, daß ich mich ganz an sie verlieren könnte, so würde ich sie und mein Glück zerstören. Sicherlich, ich würde es tun. Ja, wenn ich in die tiefste Schmach flüchten müßte ...«
Er besann sich plötzlich und brach ab. Betroffen sah er ihr bekümmertes Gesicht, und nun erst schien ihm klar zu werden, vor wem er gesprochen hatte.
Aber er machte keinen Versuch, etwas gutzumachen, obgleich es ihm vielleicht gelungen wäre. Aus ihren gequälten Zügen sah sein Schicksal ihn an und lächelte barmherzig.
»Vergib mir,« sagte er ruhig, »ich habe dich nicht kränken wollen.«
»Wie hast du es gemeint,« fragte sie traurig, »bin ich dir so wenig?«
Er sagte nur:
»Ich erscheine dir undankbar.«
»Kannst du niemand recht lieb haben?« fragte sie, und nun sah er, daß sie weinte, denn sie konnte ihre Tränen nicht mehr verbergen.
Er schwieg.
»Ach, antworte mir doch,« bat sie heftig und schluchzte. »Laß mich nicht allein.«
Gedemütigt durch ihren Schmerz, der ihn zugleich beglückte, sagte er und suchte die Worte mühsam:
»Vielleicht ist in meinem Herzen mehr Liebe als in vielen anderen, aber ich kann sie nicht auf einen Menschen ausschütten wie ein einziges Geschenk. Mich bewahrt eine Kraft, deren Sinn und Ziel ich noch nicht kenne, der ich mich ganz vertrauen muß.«
Ohne Hoffnung, mit einem Mut der Verzweiflung, sagte sie fast zornig:
»Ich versteh dich nicht.«
Mochte er darauf in sein stolzes Schweigen verfallen, die Achseln zucken und sich ein wenig mitleidig abwenden. Ja, mochte er gehn, wenn er wollte. Ihr blieb doch die bittere Genugtuung, daß ihre Schmerzen größer waren als sein Stolz.
Aber nichts von alledem geschah. Er kniete neben ihr nieder, suchte ihre Hände, legte sein Gesicht hinein und vergrub es in ihrem Schoß. Ihre Lippen sanken in sein Haar und ihr Herz brannte vor Beschämung und Glück. Bebend und heiß verwirrt dachte sie nur immer wieder: Was ist es denn, das ihn so plötzlich überredet hat? Gab er ihr nun nicht mehr, als er je mit Worten würde geben können? Und sie fühlte, wie unberechenbar und ohne Halt und Willen sein Herz schien, das doch in Kräften über ihrem Dasein schlug, die stark wie das Leben waren und stark wie der Tod.
* * * * *
Morgens wenn die Frühsonne den besprengten Garten trocknete, duftete die Welt warm im leisen Summen der Bienen nach dem Sommer. Die Tage zogen strahlend hell und wunderbar still herauf, der gewohnte Weg, den die Sonne durch das Haus nahm, war grün und dicht bekränzt an offenen Fenstern, sommerlich hell im ruhigen Haus und in den Herzen der Menschen von großäugigen Träumen umlächelt.
Anne-Dore wachte oft des Morgens auf, ehe die Sonne da war; noch befangen von der Güte der tiefen Nacht, trat sie ins blaue Licht der Dämmerung ans Fenster, schaute über die Hügel ihrer Heide, wie sie es einst als Kind getan, und wie ein kühles neues Wunder tauchte ihr aus den versinkenden Fesseln ihres Schlafs die Gewißheit empor, daß sie ein Mensch auf dieser Erde war.
Die Bäume im Garten, die sie kannten, grüßten sie in der Stimme des ersten Windes, der flüsternd mit dem Licht erwachte, und sie fühlte in seiner reinen Kühle ihren jungen Körper, den sie liebte, weil er den geliebten Mann beglückte, dem sie ihn ganz zu eigen gab. Einmal überwältigten ihre sehnsüchtigen Gedanken sie, sie kleidete sich hastig an in dieser seligen Dämmerung der stillen Welt und eilte über die versteckten Waldwege hin nach Hildenrot. Aber dicht vor dem Forsthaus kehrte sie erschrocken um, angstvoll besorgt, die Leute im Haus möchten sie sehn und ihr Geheimnis entdecken.
Mit der heraufsteigenden Glut der Sonne begann ihr träumerischer Tag, der wenig Wirklichkeiten für sie brachte. Sie schritt, ihre leichte Hausarbeit verrichtend, durch die so lange schon bekannten Räume ihres Elternhauses, in dem alles in unerschütterlichem Gleichmaß seinen guten Gang ging. Immer noch tanzten mit süßem Lächeln und gespreizter Grazie die feinen Porzellanfigürchen in hellbunten Glasspitzen ihren Reigen auf dem Wandschrank, sie erschienen ihr wie verblaßte Erinnerungen aus einer fernen toten Zeit. »In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden«, stand immer noch in silberner Schrift über dem altmodischen Sofa, aber der Sinn der Worte war erstorben und sein Leben gehörte einer versunkenen Zeit an.
Oft hielt sie sinnend inne und eine tiefe Verwunderung machte ihr die Augen starr und still: alles blieb beim alten in den Behausungen der Menschen und weit um sie her, mochte ein Herz schlummern, jubeln oder bluten. Das gab eine so eigen wehmütige Gewißheit, als wanderten die Menschen klein und arm und flüchtig nur für kurz durch ihr irdisches Bereich, und nichts umher veränderte sich, wie ihr Sinn und ihre Hoffnung. Was bleibt, fragte sie sich angstvoll und dachte an ihre große Liebe. Dann verstand sie wohl und dachte lange daran, was ihr Mark Enz einmal in einer traurigen Stunde gesagt hatte:
»Glaubtest du, ich würde mich je begnügen? So unmöglich ein Mensch das Vollkommene erreicht, so unmöglich ist die Ruhe meines Herzens auf der Erde.«
Oft glaubte sie, all ihre Liebe gehörte allein seiner Seele, seinem tiefsten Wesen und der Glut seines Gefühls, aber dann wußte sie in ihrer Erinnerung plötzlich, daß es sein Mund war, den sie liebte, seine Hände, sein Haar. Ach, wer war sie, was sollte sie tun und werden, welches Ziel heiligte ihr heißes flüchtiges Tun und seine Inbrunst? Ihr war oft, als wäre ihre Liebe größer, als daß ein Mensch allein sie tragen könnte, als drängte sie über den Geliebten hinaus, weit, weit. Nicht zu einem andern, o nie, das wußte sie gut. Aber ihr war, als wünschte sie sich, leiden zu dürfen.
Von ihm sollte ihr Gewißheit kommen, ihn wollte sie fragen. Ihn, der stets bereit schien, sich zu zerstören, nie aber sich zu vergnügen, und dessen Wesen doch Lebenskräfte umschloß, die über jede Gefahr zu triumphieren schienen. Das betäubte sie in ihren Liebesstunden fast völlig, in ihrer Erinnerung war ihr, als seien sie vom Tode überwacht und vom Schicksal durchtrauert, von einem Schicksal, das sich vor ihr erhob in Gestalt eines bronzenen Engels mit Flügeln, die im Sonnenlicht verströmten, und mit Augen, die über sie, die Ringenden und Ergebenen, fortsahen, weit fortsahen, gelassen am blauen Horizont der Zukunft ruhend. Alle Mächte, an deren Einwirkung und an deren Gewalt sie glaubte, nahmen in ihrer Vorstellung die Gestalt von Engeln an, wie es einst Engel gewesen waren, die früh an ihrer Kinderwiege gewacht und die die Welt ihrer Vorstellungen bevölkert hatten.
Jede Erinnerung an die Stunden ihrer Liebe senkte ihr die Blicke in eine starre Verlorenheit. Fast fürchtete sie sich vor der Zeit, in der sie Kraft und Ernüchterung genug gefunden haben würde, ihrer gelassener zu gedenken, bewußter und erkennender. Aus Furcht davor, ihre alten Kämpfe möchten sich neu erheben, suchte und liebte sie die flimmernde Versunkenheit, in die ihre Träume sie tauchten, wie in ein Meer von rotem Licht und Blut. Erschauernd ging sie in diesen Wirbeln von Furcht und Glück unter, körperlos fast, wie aufgelöst in lauter Lust.
Auch weil ihre Befürchtungen sie nicht eine Stunde verließen, waren ihr solche Erinnerungen unklarer und betäubender Art. Seit einst zum erstenmal Mark Enz ihren Mund geküßt hatte, bis heute, wo er alles genommen, was sie zu geben vermochte, war sie seiner nicht einen Augenblick sicher gewesen. Nichts an ihm schien ihr Gewähr zu bieten, daß er ihr eigen sei, wie sie doch ganz sein Eigentum geworden war. Und irgendwo, unerreichbar durch alle Gedanken, blieb eine Fremdheit zwischen ihnen. Sie nannte sie in glücklichen Augenblicken ihre Achtung, ihren Respekt vor ihm und seiner Überlegenheit, suchte die Gründe in allem, das ihr noch neu, gefährlich und besonders an ihm erschien, aber sie kannte Nächte, in denen dies Bewußtsein sie bitterlich schmerzte. Als habe er sie wohl an sein Herz genommen, aber als bliebe ihr dies Herz verschlossen.
Dies Empfinden verlieh ihrer körperlichen Hingabe mit der Zeit eine so sehnsüchtige und wilde Verlorenheit, daß er erschrak. Aber ihre Hoffnung, deren Drängen sie nur erduldete und nicht erkannte, riß alle Tore ihres Blutes und ihrer Seele vor seinen Wünschen auf. Je mehr ihr Gewißheit darüber wurde, daß er sich ihr verschloß, um so inbrünstiger trachteten ihre Gaben danach, ihn ganz in das Bereich ihrer Liebe zu ziehn.
Und so erlitt sie im Grunde immer noch seine Liebe. Gerade wie am ersten Tage und ohne die triumphierende Zuversicht eines großen Rechts. Nie lachte ihre Lust sinnenfroh und gesunden Blutes unbedacht auf, es war fast, als hätten ihre alten Glaubenssätze und alle Mysterien einer ergebenen Hingabe an ihre Religion ihrer irdischen Liebe den Weg bereitet, den sie nun schreiten mußte, wie im Schatten eines Sündebewußtseins und einer Knechtschaft.
Mark sagte es ihr auch einmal:
»Dein Blut ist in einen seltsamen Bann gesprochen. Meins peitscht ein heidnisches Lachen auf, deins fließt wie unter den Klängen einer Kirchenorgel.«
Er hatte dazu gelächelt und ihren Mund geküßt, als wären seine Worte beiläufig und ohne Belang. Er hatte versucht sie auszugleichen, weil er sie bereute, aber Anne-Dore lauschte mit einem heimlichen Graun, das sie wiedererkannte, auf die Antwort, die ihre Seele wußte und die ihr Mund verschwieg.
War es das, was sie tiefinnerlich zu trennen drohte?
»Könnte ich schlecht sein«, dachte sie und hatte das Gefühl, als verlöre sie sich ganz und für alle Ewigkeit. Aber wollte er denn das? Ihre Angst erpreßte ihr Geständnisse. Sie sagte einmal, als er gegen Mitternacht in Hildenrot in ihrem Arm erwachte und sie fortschicken wollte:
»Ich möchte sein wie du. So frei, so schrankenlos, so einzig dem ergeben, was für den Augenblick dein Glück bedeutet, deinen Genuß. Du bist schön, frei bist du, ganz frei ...«