Part 7
Unvermerkt hatte sie sich angekleidet in einer Hast, die durch ihre letzten Gedanken etwas Frohes empfing. Vor dem Spiegel, als sie ihren Strohhut steckte, fuhr sie zusammen. Aber ehe die Not des alten Kampfes begann, befreite sie ein kurzer Entschluß. Sie wollte zu ihm gehen, um Abschied von ihm zu nehmen. Es wäre unter allen Umständen unschön gewesen, ihn in Unsicherheit und Zweifel zu lassen, er mochte ihr Geständnis anhören. Wie konnten seine Entgegnungen ihr eine Gefahr bedeuten?
Ohne es zu wissen, redete sie laut, sprach sich Mut ein und tröstete sich, zählte auf, was alles für diesen Schritt sprach und wie gewiß Mark Enz sie verstehen und ihre Handlungen billigen würde. Aber ihre Worte gingen in ein Schluchzen über, sie warf sich auf ihr Bett und stöhnte laut.
Da tauchte in ihre verstörten Sinne ein Licht, unaussprechlich wohltätig in seinem Glanz, der sie nicht erschreckte und nicht blendete. Vor ihr erhob sich Christus, hoch und weiß. Ein wenig gebeugt stand er ruhig da, seine Augen und seine Hände suchten sie.
Sie sah die Dornenmarter, seine Kreuzesnot, auf ihre Hände fielen Tropfen von seiner schmerzvollen Stirn. Es war ihr wieder, als spräche dieser göttliche Mund und fragte sie und sagte ihr seine himmlische Liebe, die ihr das Reich einer ewigen Herrlichkeit erschlossen, nicht fern und fremd, sondern heimatlich vertraut und von lauter Frieden hell. Und nun ward seine traurige Mahnung zum Trost: >Niemand soll dich aus meiner Hand reißen. Mein Vater, der dich mir gegeben hat, ist größer als alles.< Sie sah über seinem Haupt den Strahlenkranz des Erwählten Gottes, der überwunden, unter dessen Licht die Ewigkeiten verbrannten wie Minuten und die Zeit nicht mehr war, und Herzeleid und Trübsal nicht mehr waren ... Dann drohten, schaukelnde rote Flammen aus dunklem Rauch, die Verheißungen der Apokalypse am Horizont. Weiß und verklärt, ein fließender Lichtstrom, der den Himmel suchte, zogen die Erwählten des Heils ihrem lieben Herrn entgegen, um bei ihm zu sein für alle Zeit, aber für die Verfluchten begann der Tag der Vergeltung. O keine Marter, die ihr Sinn nur immer erdenken konnte, schreckte sie, alles hätte sie um den Preis ihres irdischen Glücks erduldet, aber daß die Liebe des Herrn Jesu Christi nicht mehr ihr Eigentum sein sollte und nicht mehr ihre Freude, das war schmerzvoller als jede andere Not.
Ohne daß eine Bitterkeit ihre Worte trübte, betete sie leise, als spräche sie zu einem Menschen, dessen Güte sie vertraute:
»Warum quälst du mich so sehr? Gibt es keinen Ausweg für mich? Tu ein Wunder, Herr Jesus.«
War denn in der Welt niemand, der ihr helfen konnte, niemand, bei dem sie Rat und Zuflucht finden würde? -- Plötzlich dachte sie an Pastor Jacoby. Sie wollte zu ihm gehen. Wer anders als er würde ihr raten, würde ihr den rechten Weg zeigen und ihr sagen können, was recht und unrecht, was gut und schlecht sei. Sie atmete auf wie erlöst. Da ihr Rettung aus ihrem Plan winkte, betäubte sie jeden Einwand ihres Herzens in einem Aufbruch, der nichts als eine Flucht vor ihrer Einsamkeit und ihren Kämpfen war. Alles würde sie ertragen lernen, nur sollte dieser graunvolle Widerstreit ihrer Seele enden, der sie zerstörte. --
Auf dem Wege in die Stadt stellte sie sich sein Gesicht vor, seine Gebärden, wenn er predigte, seinen tiefen, klaren Ernst, die begnadete Hoheit, die mit seiner Schönheit ausging, als habe der Heiland selber ihn zu seinem Jünger und zum Sachwalter seiner Barmherzigkeit erwählt. -- Sie schritt eilig dahin durch die ruhige Straße der kleinen Vorstadt, mit einem ganz eigenen Lächeln auf dem Gesicht und beinahe ein wenig geziert. Wer sie erblickt hätte, dem wäre sicher der Gedanke gekommen: Jugend ist leichtfertig, fröhlich, fähig sich unbedacht einem Glück hinzugeben. --
Anne-Dore nahm sich fest vor, sich nicht auf ihre Worte vorzubereiten. Es sollte alles kommen, wie es nun einmal mußte. Nur eins beschloß sie mit zuversichtlichem Glauben an ihre Kraft dazu, sie wollte Mark Enz nicht preisgeben, ihn weder nennen noch verraten. Sie blieb plötzlich stehen: er wartete bei der Waldlichtung unter Hildenrot, lag sicher wie sonst im Gras am Rand der Heide in dieser Sonne, die auch sie erreichte ... Nun lief sie beinahe. Als sie vor dem Pfarrhause stand, das in einer Nebengasse im Schatten der Nikolaikirche lag, klingelte sie in einer seltsamen Gelassenheit, in einer schläfrigen Bedachtheit, die etwas von den Bewegungen hatte, wie man sie aus Träumen kennt. Sie wartete, daß man ihr öffnen möchte, und wartete im Grunde doch nur auf ein Wunder.
Sie wurde in ein kleines nüchternes Besuchszimmer geführt, das für alle bestimmt schien; nebenan hörte sie sprechen und lachen. Da sie dem Dienstmädchen ihren Namen genannt hatte, begrüßte Pastor Jacoby sie herzlich und ohne Fragen, weil er die geachtete Familie ihres Vaters kannte.
»Ich möchte Sie in einer wichtigen Sache um Ihren Rat bitten,« sagte Anne-Dore.
Er nickte. In seinem Arbeitszimmer spielte sein kleines blondes Töchterchen, und er wandte sich in gleichgültigen Fragen bald an Anne-Dore, bald an sein Kind. Vielleicht hatte er erkannt, daß das junge Mädchen erregt und schüchtern war, und er hoffte so, ihr Gelegenheit zur Sammlung zu geben und die Möglichkeit, sich ein wenig mit der Umgebung und mit den Erscheinungen abzufinden. Er sprach von ihrem Vater, erkundigte sich nach dem Befinden ihrer Mutter, ohne zu ahnen, was in diesen Augenblicken in der Seele Anne-Dores vorging.
War dieser bewegliche und gesprächige Mann mit den etwas zärtlichen, sympathischen Zügen Pastor Jacoby, der Geistliche, der ihr Wesen verändert und ihr Herz so oft in Gluten von Liebe und Andacht getaucht? Sie traute ihren Sinnen nicht mehr und starrte ihn an, als habe er sie tödlich beleidigt. Sie wollte nicht acht haben auf diese Äußerlichkeiten, die ihn ihr in so völlig anderem Lichte zeigten, aber sie drängten sich ihr auf, mit qualvoller nüchterner Deutlichkeit. Jedesmal wenn er mit seiner wohlklingenden Stimme einen Satz gesagt hatte, umglitten seine kleinen weißen Hände einander, als müßte sein großes Wohlgefallen an allen irdischen Dingen, die nun verklärt vom Licht des versöhnten Himmels waren, irgendwie einen Ausdruck finden. Dabei räusperte er sich häufig ganz leise und andächtig tief im Hals mit kurzen Tönchen, die etwa vermittelten: Es gibt auch noch allerlei andere Freuden, die den Gläubigen vom Herrn erlaubt sind. Wir wollen sie gern genießen.
In einem Zorn der Enttäuschung, der ihr fast Tränen in die Augen trieb, stand sie schwer und todmüde auf, wandte sich ab und stellte sich an das Fenster vor die hellen bunten Blumen, die dort in der Sonne blühten. Pastor Jacoby spielte mit seinem Kind.
Ihre Hände suchten sich. Was hatte dieses vergnügte Männlein mit ihrem Herzeleid zu schaffen? Flimmernde Schleier sanken ihr brennend vor die starren Augen. Ich bin allein, dachte sie, die Menschen sind anders. Mir kann niemand helfen.
Da tauchte es schmal aus dem feuchten Glanz vor ihren Blicken, und sie keuchte, jählings gestrafft in einer heldenhaften Traurigkeit:
»Mark Enz, dein Gesicht!« Sie sah es vor sich, bitter von Sehnsucht, von Kämpfen bleich, mit einem Lächeln, als mache Einsamkeit reich, und verzehrt wie von gesühnter Schuld. Und in einem plötzlichen heißen Taumel, der ihr jedes Bewußtsein für Zeit und Ort raubte, wie in der Wut eines stummen singenden Geschreis, fuhr es empor in ihr und riß sie mit:
»Dich, dich lieb ich allein in der Welt! Nie werde ich einsam in deiner Nähe sein. Deine Sünde lieb ich, deine Sünde gehört mir. Deine Schuld und dein Schicksal sind auch meine Schuld, und ich will kein Schicksal für mich, nur deins. Meine einzige Bestimmung in der Welt ist, dein Eigentum zu sein.«
Ihr schwindelte. »Deine Sünde,« sagte sie noch einmal, als läge in dem, was sie so bei ihm genannt, ihr ganzes Heil. Rettung suchend streckte sie die Arme aus wie in einem Traum, der Boden schaukelte wild, das Licht kreiste.
Da hörte sie eine lachende Kinderstimme und die neckischen Zurufe des Pastor Jacoby, der sie unbeachtet gelassen hatte, um ihr Zeit zu lassen. Wie unter einem Stoß kam sie zu sich und tief aufatmend gewann sie Sicherheit.
>Ich will keinen Halt, nur mein glühendes Herz,< hatte ihr Mark einmal gesagt.
In hellem Triumph erhob sich ihr neuer Stolz, einsam und fest. Im Glückstaumel eines, der alles verlor und der nun alles zu gewinnen hat, fühlte sie sich unaussprechlich jung und zu jedem Schicksal bereit. Als wären mit allen Gütern, die ihr versunken waren, auch alle Kämpfe um sie für immer dahin.
Da sie sich umgewandt hatte, glaubte Pastor Jacoby, der Augenblick der erbetenen Unterredung sei gekommen. Er nahm sein Töchterchen bei der Hand und führte es aus dem Zimmer. Draußen begann es ein jämmerliches Weinen und er beruhigte es noch durch die Türspalte.
Ernst, mit kleinen festen Schritten, kam er nun auf Anne-Dore zu, reichte ihr erneut die Hand und war jetzt, ihr gegenüber auf einem Sessel ein wenig vorgebeugt, ganz hilfsbereite Aufmerksamkeit. Sein Lächeln war verschwunden und kam nicht wieder, nur spärlich und als Führer einer warmen Güte. Seine Züge nahmen etwas von jenem Ausdruck an, den sie von der Kanzel her bei ihm kannte; dies prophetenhaft Entrückte und jene schmerzhafte Versunkenheit; nicht mehr das Kleine seiner menschlichen Befangenheit und Armut herrschte, sondern die sichere Gegenwärtigkeit und die fast hoheitsvolle Demut dessen, der würdig war, ein Stellvertreter Jesu Christi auf der Erde zu sein. Und unter seinem Angesicht gewannen die Jesusworte plötzlich wieder ihr furchtbar ernstes Leben, das Blut des Heilands rann unter der Dornenkrone nieder über sein Leidensangesicht, dies Blut, das vergossen war auch für sie, ja das vergossen worden wäre nur für sie, so über alles wichtig war dem Vater im Himmel ihr Kindesrecht an sein ewiges Reich. Und ehe ein Wort fiel, empfand Anne-Dore, daß ihre Kämpfe niemals ruhen würden. Eine unaussprechliche Traurigkeit senkte ihr das hilflose Haupt, und sie sagte leise mit strengen Lippen und ohne Willen, ganz in der Gewalt ihrer alten schwermütigen Sehnsucht das Wort des Jüngers, flüsternd, mit toten Lauten und verstörtem Blick:
»Ich habe Lust zu scheiden, um bei Christo zu sein, welches auch viel besser wäre.«
Hatte sie es wahrhaftig gesprochen? Keine Miene des Geistlichen verriet es, auch schaute sie nicht mehr in sein Gesicht. Ein einziger Begriff hielt sie in seinem Bann, breitete sich aus in düsteren Nebeln, rot wie die Sonne am Abend, glühend und allgewaltig: Blut war für sie geflossen, Blut warb um sie. Und nun plötzlich taten ihre Lippen ihr wieder seltsam Gewalt an, preßten einander süß und spitz wie zu einem Kuß. Sie atmete tief auf in schwerem Stoßen ihrer Brust, bis ein einziger Schauer, der kein Glied ihres Körpers verschonte, sie zu einem Gefühl unfaßbar seliger und tödlich wollüstiger Schmerzen befreite.
Pastor Jacoby, der anfangs ruhig gewartet hatte, war aufgesprungen. Ganz gegen seine Gewohnheit eilfertig und befangen und hatte die Magd um Wasser angerufen. Nun reichte er dem Mädchen, das schwer gegen die Lehne des Sessels hing, ein kühles Glas an die Lippen, und sie trank, gierig und stumm.
»Es geht Ihnen schlecht, liebes Kind«, sagte er eindringlich und gütig. »Ich glaube, ich werde Ihnen jetzt wenig bedeuten können. Wollen Sie mir erlauben, Sie heute abend zu besuchen? Sagen Sie es Ihrem Vater, er wird mich willkommen heißen.«
Anne-Dore schüttelte den Kopf. -- Wie war nur dieses Fremdartige so rasch gekommen und möglich gewesen? Was war es? Ihr war wohl und nüchtern zumute. Sie antwortete klar und einfach, sie würde morgen kommen, es täte ihr herzlich leid, ihn erschreckt zu haben, auch eile ihre Angelegenheit nicht, und wenn er es erlaube, so käme sie lieber ein andermal.
Besorgt sah er in ihr blasses Gesicht, das ihm wunderschön erschien und wie zum Ruhm des Leids erschaffen, als ahnte er etwas von den geheimen Vorgängen und ihrer Not. Aber er wagte es nicht, in sie zu dringen. Vielleicht war es bei ihm ein Verständnis dafür, daß Blut und Seele einander auf verschlungenen Wegen begegnen, vielleicht hinderte ihn nur die Zurückhaltung eines, der weiß, daß kein schweres Geständnis sich erbitten läßt. Jedenfalls ließ er ihr den Willen, geleitete sie liebevoll und ohne ein flaches Trostwort an die Haustür und reichte ihr väterlich die Hand zum Abschied.
Anne-Dore begriff nicht, wie wohl und leicht ihr zumute war, als sie langsam und ohne daß schwere Gedanken ihre Schatten sandten, müde und froh durch die lebhaften Straßen schritt im Schein der warmen Nachmittagssonne. Unter den alten Kastanien des Kirchplatzes spielten Kinder mit lustigem Geschrei und ausgelassenem Lachen. Sie blieb stehen und schaute ihnen zu. Die Farben der hohen Kirchenfenster der Nikolaikirche erschienen von außen dumpf und erloschen, sie erkannte die Figuren nur undeutlich und betrachtete sie prüfend. Seltsam gelassen erschien ihr alles, das früher so überreich an Beziehungen und Erinnerungen gewesen war. Alle Dinge schienen weit fern, von ihrer Innenwelt getrennt, schön, gut zu betrachten und bereit, ihr auf freundliche Art zu gefallen. Selbst das christliche Vereinshaus, in dem die Bibelstunden stattfanden, war ein Gebäude geworden wie alle anderen, eigentlich war es grau und unfreundlich, wie gut hätte man Pflanzen und Blumen in diesem kleinen Vorgärtchen pflegen können, das kahl und verstaubt, nur ein wenig Rasengrün bot. Wie üppig und fruchtbar war der feuchte durchsonnte Schatten ihres heimatlichen Waldes, wie warm und unberührt, wie wild und dennoch milde die rote Heide. Hoch und grün waren die Buchen von Hildenrot.
Dorthin würde sie nun gehen.
Sie beschleunigte ihre Schritte, faltete plötzlich im Schreiten zitternd vor Glück und Hoffnung die Hände, preßte sie an ihre Brust und sagte:
»Ich komm zu dir. Ich komm zu dir.«
Neuntes Kapitel.
Das Forsthaus von Hildenrot war in die Ruine einer alten Burg eingebaut, die auf einem bewaldeten Hügel dicht vor dem Dorfe lag und die dem Gutssitz und der kleinen Ortschaft ihren Namen gegeben hatte. Der hohe, zackige und begrünte Mauerwinkel, den zwei noch wohlerhaltene Wände der Burg bildeten, war zum Bau des Forsthauses verwandt worden. Ein dunkler, riesenhafter Efeustamm verband nun schon lange mit tausend grünen Armen die neuen Wände mit den alten Mauern und diese mit dem rötlichen Fels, den seine jüngsten Sprossen erkletterten, über die wirren, zerbröckelten Zinnen hin.
Der Förster bot zuweilen Sommergästen Aufenthalt in seinem Hause. In diesem Jahre war Markus Enzheim sein einziger Gast. Die beiden rechteckigen und niedrigen Fensterchen seines Zimmers, das zur ebenen Erde lag, ließen den Blicken die weite Heide über eine hügelige Waldlichtung hin, die grüne Fülle der hohen Buchen gegen Süden und die blühende Pracht eines weitausgebauten und dichten Stakets von verwilderten Rosen. Wenn man sich ein wenig vorbeugte, sah man in den verschwiegenen steinernen Hof, der in tiefem Schatten ruhte und dessen bewachsene Mauern ihn erschlossen wie ein Gemach. Durch ein verwittertes Tor hin, das im Frühling ganz eingehüllt war in den lichtfarbigen lila Schaum blühender Glyzinien, verlor sich der Blick durch diesen klaren Bogen, in der Wirrnis des Waldes.
Versteckt im Dämmergrund der dichten Holundersträuche, sprang an der Hofmauer ein Quell aus einem steinernen Löwenmaul in eine bemooste Holzrinne. Mit fröhlich wechselnden Lauten und in unveränderbarem, immer gleichem Klang rann das Wasser in sein dunkles Brunnenbecken, das geheimnisvoll verborgen, ein lieber Freund des Mondes, die Flut in den Wald leitete.
Mark Enz hatte Anne-Dore an diesem Nachmittag vergeblich erwartet, und er schritt nun langsam unter den sommerlichen Bäumen hin, tief in Gedanken, die keine Gestalt gewinnen wollten, die bald wie Licht und bald wie Wolken, bald wie ein Lied zerflatterten, haltlos und in milder Müdigkeit.
Im Wald sangen Kinder, er sah sie nicht. Ihre Stimmen klangen zärtlich und verschwommen, kein Wind zerteilte sie, nur die Wärme des nachmittäglichen Sonnenscheins nahm ihre Seligkeit in seinen Glanz und der Himmel, den sie lobten. Nun verstand er und lauschte:
»Des Sommers goldner Segen liegt auf den Feldern still und heiß, wir finden Mohn und Ehrenpreis auf unsern lieben Wegen.«
Kam schon der Sommer, die große reiche Zeit der warmen Ruhe, in der der Wandel der Natur sich seiner Unschuld freut, wehmütig und seiner Treue froh? Wo es den Herzen der Menschen erscheinen mag als fragte die Welt: Wohin geht ihr? Seid ihr des einen Glücks eures Lebens gewiß, dieses Glücks, in dem ich erfüllt bin und das mich heiligt, weil ich unter ewige Liebe gebeugt der letzten Mahnung gefolgt bin?
Diese Wege war er oft mit Anne-Dore geschritten. Alles erinnert ihn an sie, nun um so mehr, da es erscheinen mochte, als gedächte sie seiner weniger. Und er sprach zu ihr, als schritte sie neben ihm, Worte, die er nicht gefunden hätte, wenn sie an seiner Seite gewesen wäre. Worte, die im Grunde ihn selber meinten, seine Hoffnung und seine Zukunft, die seiner Liebe Gestalt schufen und doch ihm selber galten.
Nach einer Weile blieb er stehen und sah den Waldweg entlang, der still im Spiel der rötlichen Sonne und im Blätterschatten ruhte, braun, und grün überdacht. In der Weite verlief alles in einem goldbläulichen Hauch von Sonne, Grün und Ferne. Anne-Dore kam nicht mehr. --
Nun war es Nacht geworden über Hildenrot. Er hatte noch spät in der langsamen Dämmerung mit dem Förster im Hof gesessen, über dies und jenes geplaudert, wie man es wohl tun mag, fast nur um sich der nahenden Ruhe gewiß zu bleiben, gedankenlos und bedächtig. Als er gegen Mitternacht sein Licht löschen wollte, klopfte es leise an sein Fenster. In einer seligen und wehen Ahnung, in der noch kein Schein von Freude war, öffnete er die Scheiben ganz langsam und so heftig zitternd, daß das lose Glas des Fensterflügels leise klirrte wie er es weit geöffnet hielt und sich am Rahmen stützte und Anne-Dore draußen erkannte im reinen Mond, gegen die schlafenden Rosen, schwarz und still und mit tiefgeneigtem Haupt, ganz nah, ganz nah. Keinen Gruß auf den Lippen und keine Hand für seine suchenden Hände. Die Nachtstimmen der Bäume hatte sie um ihr Haupt und das Murmeln des Brunnens und das Silber des Himmels, dessen Sterne leuchteten, und den Duft der Walderde. Alles warb um sie und schien für sie zu bitten, überredete sie dennoch, und war um ihr Wesen, wie das Weinen ihres Herzens.
Wie klar der Brunnen rauschte, lauter als je zuvor, und wie hoch schien diese weite Nacht. Ihm war plötzlich, als überblickte er die ganze Erde, als eine Stimme sein Ohr traf und er die Worte hörte:
»Hilf mir.«
Ihr leiser Ruf befreite ihn, denn er hatte vergessen, daß es ihn und sein Glück galt. Er hatte vergessen, daß er mehr tun sollte, als in Andacht schauen und fühlen, wie schön das Leben der großen Erde ist. Aber doch war ihm nun zumute, als sei er tief hinabgesunken von einer hocherhöhten Warte, nun, da er seine zitternden Arme um ihren Nacken legte und ihr Gesicht an seine Brust preßte und seine Lippen in ihr Haar.
»All meine Hoffnung ruht auf dir,« sagte er so leise, daß sie es nicht verstand, »o erlöse mich, führ mich zurück zu einem einfachen Menschenglück, in die Armut deiner blinden Schönheit, zu der reinen Hingabe, die ich gehabt habe, als ich ein Kind war. Laß mich vergessen, mach mich arm, damit ich wieder reich werde.«
»Komm«, sagte er, hilflos vor Freude. Er umschlang sie mit beiden Armen, hob sie ein wenig, und sie stieg gebückt und leise zu ihm ein. Es war nicht ganz leicht, denn das Fenster war niedrig und der Efeu sponn es ein, und sie lächelten beide über ihr bebendes Ungeschick, dies heiße, traurige Lächeln, das nur in unendlichem Jauchzen Erlösung findet, oder im Tode. --
Die Nacht gab ihrem Schlummer Kühle, und die Düfte der blühenden Pflanzen erschufen ihre Träume, und alle Sehnsucht über ihnen spielte hell und langsam das große Lied ihres ewigen Triumphes.
* * * * *
Als der erste fahle Schein der erwachenden Dämmerung über das Land zog, brachte Mark Enz Anne-Dore über die Heide hin und durch den Wald zurück in das Haus ihrer Eltern. Sie gingen langsam und schweigend, eng umschlungen und aneinander gepreßt. Nun brauchte das Mädchen nur noch über den schmalen Fahrweg, und die Gartenbäume ihres Vaterhauses boten ihr Schutz. Als sie am Tennisplatz anlangten, der beinahe traurig in seiner leeren Verlassenheit ruhte, immer noch etwas zu bunt und neu, um sich unauffällig in die Natur einzufügen, mußten beide lächeln. Ein vergessener Ball lag im Gras am Rand des Drahtstakets, naß und leblos.
Vorsichtig öffnete Dore die Gartenpforte im blauen Morgenlicht, die eiserne Klinke war kühl und naß vom Tau der Nacht. Sie zog sie sacht hinter sich zu und sah zum Fenster ihres elterlichen Schlafzimmers hinauf. Es ruhte blaß und stumm mit seinen weißen Vorhängen, im Schmuck des grünen Weins. Dann verklang dem horchenden Mark ihr lieber Schritt hinter der Hausecke. Er glaubte die Verandatür noch zu hören ...
Wie still es war. Noch schliefen alle Vögel, es regte sich nichts im Walde. Ihm war zumute, als störte er und er trat unwillkürlich leise auf. Aber dann übermannte ihn plötzlich ein Gefühl unaussprechlichen Lebenstriumphes, weitete ihm hell und stürmisch die Brust und ließ ihn alle Müdigkeit vergessen. Er schritt ihren gemeinsamen nächtlichen Weg zurück, obgleich ein anderer ihn früher nach Hildenrot gebracht hätte. Was lag an Zeit und Schlaf, was an Ordnung und Ruhe. Ein langsamer Schauer von seligem Kraftbewußtsein durchschüttelte ihm alle Glieder und straffte sie. Welch ernste Augen alle große Freude hat, dachte er, jugendlich ergriffen und stolz vor Glück. Die goldene Glut der Erde war seinem Blut verwandt und heiligte es in dieser schönen Stunde zu aller Unschuld.
Freundlich nahm ihn die rote Heide in ihre erste Feierstunde auf und darauf wieder der nachdenkliche Wald. Das Dach, unter dem nun Anne-Dore schlafen mochte, war längst hinter Grün und Hügeln versunken. Vielleicht wacht sie und begleitet mich, dachte er, faltete die Hände und preßte sie an die Stirn. --
Lieblich verwirrt und so fein wie Licht stand über seinem Weg und über seinen Gedanken ihr scheues Lächeln, verriet und verschwieg zugleich, gab und dankte. Er schritt einher im freien Leuchten ihrer Gunst, nun, da auch das Licht des Tages begann und die Pflanzen erwachten und der Tau fiel.
Mark Enz blieb stehn und starrte in die silbergraue schläfrige Morgenruhe der dämmrigen Heide hinaus. Er wußte nicht, zu wem er sprach und was ihn zu seinen Worten überredete, die aus seiner fessellosen und durch Lust erlösten Seele brachen:
»Von wieviel Täuschung machst du mich gesund. Du lehrst mich neu, daß unser Herz im Grunde allen Prunk verachtet und den tönenden Rausch. Das Herz des Menschen ist einfach, arbeitsam um der Schönheit willen und ohne Liebe zum Schein, wie deins, Anne-Dore. Es lauscht hinüber auf den Widerhall aus der Ewigkeit ...«
Nun lag ein roter Glanz über den wogenden Kornfeldern, die Sonne ging auf, am Waldrand blühte Mohn, von Tau gebeugt. Meisen zirpten und Buchfinken riefen. Es war Tag geworden über der Erde der Menschen.
Zehntes Kapitel.