Blut: Eine Erzählung

Part 5

Chapter 53,864 wordsPublic domain

Als er einmal auf eine Art, die er unauffällig nannte, bei Anne-Dore das Gespräch auf Markus Enzheim brachte, wies ihr Gesicht ihn ab. Der Zug darin setzte ihn anfänglich in große Verlegenheit und trug ihm ein Schuldbewußtsein ein, später quälte er ihn hart. Denn dieses Ablenken, mit dem ihn das Mädchen in seiner Sorge allein ließ, hatte nichts von jener liebevollen Nachsicht gehabt, die er für gewöhnlich ihre Freundlichkeit nannte. Ich bin ein armer Tölpel, dachte er, und schalt auf Enzheim, der ihm sein schönes Selbstbewußtsein für lange erschüttert hatte, und fragte sich wieder und wieder, was beide nur auszeichnen möchte, jenen und Anne-Dore, daß er sich ihnen gegenüber fremd, benachteiligt und armselig fühlte. Und da seine eigene Innenwelt im Grunde keinen Namen trug, fand er nirgends Zuflucht und Trost gegen dies Gefühl, und auch kein Bewußtsein von stolzem Verzicht öffnete ihm das Reich der Einsamkeit, in dessen Frieden niemand einzieht, dessen Seele nicht reich von Geburt ist.

Es wunderte ihn, daß Enzheim nicht kam. Er erwartete ihn täglich, hatte sich jede Antwort zurechtgelegt und alle Aussagen formuliert, die er Anne-Dores Eltern über diesen gefahrvollen Menschen machen wollte. Ohne Aufhör forschte er im Gesicht des Mädchens, dessen Züge, verschlossen und fest, ihm nichts verrieten. Ihm schien, als sei sie bleicher als je. Er sah ihre Augen erschrecken, wenn ein Vorfall sie hob, der außergewöhnlich war oder unerwartet kam. Seine erste große Beteiligtheit am Leben machte ihn empfindsam und klarsichtig, er litt sein erstes Leid unvorbereitet und hilflos. Zu allem brachten seine religiösen Urteile ihm die Pein eines bösen Gewissens. Er vergaß sich so weit, daß er nachts an ihrer Tür lauschte, aber unter dem qualvollen Pochen des eigenen Herzens und dem Beben seines Körpers hörten seine Ohren die ganze Welt sausen, und er schlich fort auf seinen grauen Socken, bis sein gesunder Schlaf ihn befreite.

Aber dieser Zustand der Ungewißheit nahm im Laufe der Wochen so schmerzhaft überhand, daß er es im ersten Augenblick beinahe wie eine Erlösung empfand, als er eines Abends spät das junge Mädchen im Gartenhaus mit Mark Enz überraschte.

Da er anfangs nur Anne-Dore sah, die das weiße Gesicht im Halbdunkel über ihre Hände neigte, die auf dem Tisch ruhten, erschrak er furchtbar, als er plötzlich im Hintergrund der Laube den roten Feuerpunkt einer Zigarette gewahrte, der aufglühte und ihm im Bereich seiner rauchenden Seele für eine Sekunde das verhaßte Gesicht zeigte.

»Ich störe wohl -- --«, stotterte er fassungslos.

»Ja«, sagte die Stimme mit dem gelassenen Klang und der infamen Lieblosigkeit. Sonst nichts. -- Er konnte doch nun so nicht fortgehen. Es schmerzte ihn schneidend, daß Anne-Dore nicht sprach, daß sie das duldete, daß er, kalt und lieblos bei einer höflichen Frage genommen, fortgeschickt werden sollte wie ein Schuljunge. Sein Herz überströmte von einem schmerzhaften Mut.

»Fräulein Wendel ....«, sagte er flehentlich.

Sie antwortete nicht. Da sah er, als wieder kurz und tückisch von drüben die Zigarette in das Schweigen einbrannte, ganz flüchtig, aber mit grausamer Deutlichkeit, daß sie weinte, daß sie mit dem Schluchzen kämpfte, um ihm antworten zu können. Ihn schwindelte. Da fühlte er ihre Hand an seinem Arm. Unsagbar zart und liebevoll war die kaum spürbare Entschiedenheit, in der sie ihn fortschob. Als hätte sie ihr Leben lang nichts erlitten, als nur den Schmerz, zurückgewiesen zu werden, und wüßte, wie keiner auf der Welt, wie weh das tut. --

Diese Nacht schlief Friedberg nicht. Er hatte sich zum Essen entschuldigen lassen und schrak gegen Mitternacht heftig zusammen, als ein leises Pochen an der Tür ihn an seinem Schreibtisch emporriß. In einem richtigen Instinkt für die Bedeutung dieses außergewöhnlichen Vorfalls schwieg er und schlich rasch und bedachtsam auf den Zehen an die Tür, die er leise öffnete. Es wurde ihm vorsichtig von außen geholfen, er fühlte den Druck einer Hand an der Klinke, die zögernd und schwer jedes Geräusch des Schlosses zu hindern trachtete. Dann sah er Anne-Dore im Rahmen der Tür stehen, in weichen Hausschuhen und ohne die dunkle Krone ihres Haares. Er ließ sie zitternd ein, putzte sein Licht und zog sprachlos und leise das Fenster zu. Nun sah er, daß ihr Haar in zwei Zöpfen niederhing, gestrafft an den Schläfen, sank es glänzend und schlicht vom Scheitel nieder. Wie das ihr Gesicht veränderte. Er glaubte an einen Traum und fand keine Fassung. Sie winkte ihn traurig lächelnd aber gelassen auf seinen Stuhl und ließ sich auf seinem Bettrand nieder.

Ihr Kommen begründete sie in keiner Vorrede und entschuldigte es nicht. Er solle versuchen, ruhig zu sein und sie anzuhören.

»Was soll ich tun?« fragte er mit verstörtem Gesicht. »Sind Sie es wirklich, Anne-Dore?«

Sie beachtete nicht, daß er sie bei ihrem Vornamen nannte. Sie schien auf nichts acht zu haben, war ganz im Bann ihres Plans, den sie auszuführen schien, ohne zuvor die Kraft zu einer Überlegung gefunden zu haben. Friedberg entsann sich später deutlich des Eindrucks, den sie anfänglich auf ihn machte, er hatte die bestimmte Vorstellung, sie wandelte in einem Traum, dessen schläfriges Feuer sie langsam verzehrte.

»Friedberg,« sagte sie, »Sie müssen mir versprechen, zu schweigen. Begreifen Sie, es ist nötig, daß Sie schweigen ...«

Es wurde still. Er wollte, seinem Herzen gehorsam, in dem es warm emporwallte, ihr seine eifrigsten Versicherungen geben, denn ihm schien allein darin eine rasche Hilfe für sie zu liegen, aber seltsam und unzertrennbar miteinander verbunden, überwältigten ihn seine Selbstsucht und seine religiösen Vorstellungen. War ihm hier nicht, wunderbar vom Herrn gefügt, eine ganz andere Aufgabe gesetzt, als die, einen falschen und gefährlichen Dienst zuzusagen? Kam Anne-Dore nicht zu ihm, wie von einer höheren Macht getrieben, die sich seiner bediente, um die Verirrte auf den rechten Weg zurückzuweisen? Seine Erregung verdarb seinen Zweifeln alle Kraft, er ließ sich treiben in diesem dumpfen Drang, und als er dem Mädchen antwortete, mochte seine haltlose Angst in ihrem Fieber wohl wirken wie das Beben einer inneren Ergriffenheit.

»Anne-Dore, was fordern Sie von mir? Wollen Sie mich zum Mitschuldner an Handlungen machen, die Sie in Abgründe reißen? So wahr mir Gott helfen wird, werde ich nichts unversucht lassen, um Ihr betörtes Herz auf den rechten Weg zurückzuweisen.«

»Sprechen Sie leise«, sagte das Mädchen. »Wenn Sie noch ein lautes Wort sagen, lasse ich Sie allein.«

Friedberg mäßigte sich.

»Ja ich will leise reden,« sagte er, mehr und mehr im Bann seines geplanten Rettungswerkes, »aber Sie müssen mich bis zu Ende anhören. Wollen Sie? Ja, ich sehe, Sie wollen. Ich fühle, daß Sie des Zuspruchs bedürfen und danke Gott, der mich ausersehen hat, meine schwache Kraft in den Dienst seiner Sache zu stellen. Um Ihretwillen Anne-Dore. Wie herrlich ist das für mich. -- Ich kann keine großen Worte machen, aber er, Anne-Dore, unser Heiland, hat sie für mich gemacht und ihrer Kraft wollen wir uns vertrauen. O, er wird helfen. Er, der gesagt hat: Der Vater, der sie mir gegeben hat, ist größer denn alles, und niemand kann sie aus meines Vaters Hand reißen.«

Das Mädchen sprang auf, als habe der Mann vor ihr sie mit Feuer bespien. Sie floh an die Tür, wie von einem Sturm erfaßt, mit einem Schreckensangesicht, in dem auch die Lippen bleich waren, wie im Tode. Beschwörend riß sie die Arme gegen ihn empor und ihr Mund stieß keuchende Laute aus, die Worte bedeuten sollten.

In einem Taumel von Siegesbewußtsein und Todesangst wußte Friedberg im ersten Augenblick nur eins: eine Welt von Kämpfen und Schmerz in der Seele des Mädchens lag zwischen jenem ersten Tag im Garten und dieser Nacht. Und im Mittelpunkt aller Not stand der verhaßte Spötter mit seiner geschmeidigen Würde und seiner ruchlosen Sicherheit. Der Kandidat preßte die Fäuste gegen die Augen und fühlte den Namen, wie er sich einbrannte in das flimmernde Dunkel vor ihm. »Teufel,« stöhnte er, »Teufel! Wer hat dich ausgerüstet?« Dann riß ihm ein wütender Mut die Hände vom Gesicht. Er sah Anne-Dores Arme hinter ihr an der Tür Halt suchen, sprang herzu und stützte sie.

»Ruhe, Ruhe,« bat er, »beruhigen Sie sich. Es ist nichts verloren. Es wird alles gut. Ich habe es nicht so gemeint, wie konnte ich auch wissen ...«

Er führte sie an das Bett, sie ließ sich schwer nieder und schien nun erst zu empfinden, daß er sie berührt und geleitet hatte. Ihre Schultern schüttelten die Erinnerung an seine plumpen Hände ab, sie gewann Sicherheit, weil sie seine Hilflosigkeit sah, besann sich mit einem Lächeln, das ausgleichen sollte, aber schmerzlich war, wie vom ewigen Heimweh erschaffen.

»Lassen Sie gut sein«, sagte sie und winkte ihm die begonnenen Worte von den Lippen. Er brach ab und starrte sie an. »Ich wollte nicht das, hören Sie mich«, fuhr sie fort. »Glauben Sie, ich sei gekommen, um mir einen Rat bei Ihnen zu holen? Ich wollte Ihnen nur den Rat geben zu schweigen. Und Sie werden es tun. Greifen Sie nicht in Dinge ein, die ihren Gang haben wollen. Wenn ich durch meine Eltern gehindert würde, meinen Weg zu gehen, gäbe es ein größeres Unglück, als sonst geschehen kann. Sprechen Sie jetzt nicht, seien Sie still. Meine Eltern werden mich nicht hindern können. Es würde ein furchtbarer Schmerz in ihr armes Leben kommen. Begreifen Sie doch, nicht meinetwegen komme ich, auch nicht seinetwegen, am wenigsten Ihretwegen, Herr Friedberg. Ich komme meiner Eltern wegen. Ich bin gekommen, um für ihre Ruhe zu sorgen, denn was leistete mir Gewähr, daß Sie nicht eine Dummheit machen würden, ich meine, daß eine unüberlegte Güte von Ihnen, eine voreilige Hilfsbereitschaft alles zerstörte. -- Es wäre nachher nichts mehr gutzumachen.«

Er hatte sie niemals so anhaltend, so sicher und bewußt sprechen hören. Während sie redete, konnte er keinen Gedanken fassen und nun, da sie schwieg, mit einem Ausdruck drohender Entschlossenheit, erst recht nicht.

»Anne-Dore,« sagte er und bedeckte sein Gesicht mit den Händen.

Sie schwieg, gequält durch diesen Flehenden, der eben noch so streitbar vor ihr gestanden, gequält durch den Gedanken an ihre Niederlage und daß sie sich ihm hatte verraten müssen unter jenem Wort, das in ihre geheimen Kämpfe geleuchtet hatte. Nein, ihr waren keine Gaben verliehen, den Brutalitäten des Daseins geschmeidig zu begegnen. Kein Sieg ihrer Jugend verlieh ihrem Gefühl Festigkeit und ihrem Innenleben Stete, das erst um seinen Namen rang, und ihr waren keine Kräfte geblieben, um sich nach außen hin Rettung zu schaffen. Wachten nicht Engel über dem blutigen Streit eines hilflosen Herzens, es wäre traurig um jenen Ruhm bestellt, den der Himmel denen verheißt, die überwinden.

Anne-Dore wußte, daß etwas geschehen mußte, um ihre Stellung zu Friedberg auch für die künftige Zeit zu sichern. Wie leicht wäre es ihr geworden, wenn sie hätte lügen können, jene feinen, liebevollen und barmherzigen Lügen, die oft so viel schöner scheinen als die Wahrheit, und jedes Schicksal um sein Recht betrügen möchten. Sie konnte es nicht. So sagte sie nur:

»Ich muß allein sein, Friedberg, sehen Sie, mit allem, muß mich abfinden. Ich glaube Ihnen, daß Sie mir helfen möchten. Wollen wir nicht Freunde sein? Bin ich Ihnen um so viel Glück voraus, daß Sie nicht können?«

Seine Angst um sie und sein Haß gegen Enzheim siegten über seine Verwirrung. Er raffte sich zusammen und ballte die Fäuste ...

»Leise, leise,« flüsterte das Mädchen, als sie sein Gesicht sah.

»Freunde?« keuchte er, »haben Sie Freunde gesagt? O, wie wäre ich wert, Ihr Freund zu sein, wenn ich schwiege! Ich habe Sie reden lassen, jetzt will ich reden. Wissen Sie, wer dieser Mann ist, dem Sie vertrauen, dessen Einfluß Sie zu erliegen drohen? Ihr unschuldiger Sinn, der in der argen Welt nicht erfahren hat, irrt und fehlt, ist verwirrt worden. Glauben Sie, ich wüßte das nicht? Ich kenne Mark Enz. Wieviel Unschuld seiner bösen Verstellungskunst schon erlag, ahnen Sie nicht. Ich weiß es. Ich habe mit ihm gelebt, habe gesehen, wie er Tränen verlachte, Schmerzen verspottete und gewissenlos auch das Heiligste betastete. Er, der alles bejahen und verneinen kann, der keinen Gott kennt, und dem kein Gewissen in der Brust schlägt, lebt schamlos und ruchlos nur seinem Genuß. O, er kann alle Register ziehen und geht zu Werk im Kleid jeder Tugend. Unschuldig kann er tun wie ein Knabe, gefühlvoll wie ein schüchternes junges Mädchen, männlich wie der Charaktervollste, der je für hohe Sitte und edlen Kampf verantwortlich war. Nichts an ihm ist arglos oder rein, er ist berechnend und kalt in jeder Bewegung. In jeder! Er kann sogar rot werden, wenn er will ...«

Was war das? -- Anne-Dore lachte.

Nichts hätte ihm seine ganze Ohnmacht deutlicher vor Augen führen können. Zwar besann sie sich gleich, glich aus mit einem freundlichen Zugeständnis. Es wäre ihr verständlich, daß Enzheim manchen so erscheinen müßte, die ihn nicht kennten, aber er dürfe darüber nicht vergessen, daß es Menschen geben könnte, die sich hinter mancherlei Gebärden versteckten, weil sie sich den Tag hindurch ihrer Umgebung nicht preisgeben wollten ...

Ach, sie glaubte ihren seichten Worten selber nicht. Aber ihre Verachtung für diese plumpe Erkenntnis des erbosten jungen Mannes vor ihr war zu groß, als daß sie ihm auch nur noch einen Schatten ihrer eigenen Angst hätte verraten können. Und ohne daß sie recht wußte, wie es geschah, gelang es ihr, ihn zu beruhigen. Ihr Herz brannte ihr unter den eigenen Worten, die lau und flach alles auf ein träges Mittelmaß stellen mußten, um diesen Einfältigen zu beschwichtigen. Was sollte sie tun? Das Unheil war einmal geschehen. Sie sah in seiner Entdeckung beides, eine Warnung und eine Gefahr. O, es war kein Zufall gewesen, daß dieser Verschonte, der für sein Tun nicht zur Verantwortung gezogen werden konnte, ihr mit jenem Bibelwort entgegentreten mußte.

Gepeinigt durch die schale und unsinnige Lage, in der sie sich befand, stand sie auf und reichte ihm widerstrebend ihre Hand hin.

»Morgen,« winkte sie ab, als er reden wollte.

»Ich bin auch nur ein Mensch,« stotterte er. »Fühle ... leide -- ach, entschuldigen Sie.«

Sie nickte ihm zu, hilfloser als er.

»Der liebe Gott behüte Sie,« sagte er traurig.

Siebentes Kapitel

Mit ihnen schritt ein Dritter durch die Nacht. --

»Hast du mich lieb?« fragte Mark Enz.

Anne-Dore schwieg, weiß wie das Tuch, das ihre Hände preßten. Seine Worte sanken in die blutige Dämmerung ihrer Seelenqual, in ihrer Kühnheit erlösend wie Licht und schmerzhafter als der bittere Tod. Nun war ihr, als habe sie all ihre Zweifel und all ihre Not geliebt, grausamer und allgewaltiger als sie, erschien ihr, was nun kommen sollte. Und als er seine Frage wiederholte, traurig, wie nur er fragen konnte, eindringlich, als hinge sein ganzes Heil von ihrer Antwort ab, stöhnte sie auf, wie ein gemartertes Kind und flüsterte klanglos:

»Hilf mir.«

Wen bat sie? Sie wußte es nicht mehr.

Sie waren des Nachts miteinander im Wald. Nachdem sie in der Laube entdeckt worden waren, hatte Anne-Dore gebeten, er möchte dorthin nicht mehr kommen, und er hatte ihr gesagt, er würde am Waldrand auf sie warten, spät, wenn das Haus schlief. Nun schritten sie miteinander im Mondlicht dahin. Hellgraues Silber legte, geheimnisvoll bewegt, die schmalen Waldwege in lichte Nebel. Wenn sie hinaustraten in die Lichtungen der Waldwiesen, wurden ihre Stiefel naß, es war dort kühler und das Gras duftete, feucht und ein wenig nach verwehtem Rauch. Unter den Bäumen war es noch warm vom Tage, sie schliefen tief in ihren grünen Kleidern, die der Sommer noch nicht gedunkelt hatte.

Er blieb stehen, legte seinen Arm um ihren Hals und um ihre schweren Zöpfe, die kühl und schwarz waren wie Erde; so blieb auch sie stehen, suchte Halt in ihrer heißen Bedrängnis, bis ihre Stirn seine Schulter fand.

Er wußte viel mehr als sie ahnen konnte, sie, die nie zu ihm gesprochen hatte. Wie oft hatte sie erschrocken gelauscht und selig gezweifelt: Woher kannte er sie und den scheuen Weg ihres geteilten Herzens? War ihre Welt ihm nicht fremd?

Er hörte ihren Hilferuf und wußte wohl, was sie verschwieg und um was sie bat.

»Anne-Dore,« sagte er langsam, »ich liebe dich. Mich verlangt nach dir. Du bist Ruhe, Heimkehr, Halt für mich. Du bittest mich um Hilfe und hast gefühlt, wie sehr ich ihrer bedarf. Wenn du deine Liebe nicht schenken kannst, sei gütig. Mein Herz ist zerrissen und meine Hoffnung bei dir, Anne-Dore.«

Er wußte wohl, welcher Worte sie bedurfte, er empfand, wie viel zu schwer sie litt, als daß sie Leiden ungestillt lassen konnte. Und als er sich nun niederbeugte über ihr regloses Gesicht, empfingen ihre Lippen, bleich und kalt, seinen heißen Mund.

»Vertraue mir,« bat er. »Sieh deinen Trost in meiner Heilung. Was soll ich tun, daß du nur einmal lächelst? Kind, sprich, glaubst du, ich wäre nicht bei dir? Die Welt, in der du glücklich warst, kann niemals meine werden. Nie. Aber ich kann uns einen neuen Himmel schenken für den, den ich dir geraubt habe.«

Sie zitterte und machte sich los.

»Nichts hast du mir geraubt,« flüsterte sie angstvoll. »Sprich nicht so. Ich kann nicht dein eigen sein, wenn ich ... ach, versteh mich, Mark. Bin ich ein Kind, sag, bin ich? Ich weiß, wofür ich einstehe, und meine Liebe zu Ihm ist stark durch Seine Kraft. Du bist ihm fremd und feind. Du hast es mir oft gesagt. O, es ist schön, daß du wahr bist, wie lieb hab ich dich darum ...«

Wieder fühlte er, wie oft zuvor, seinen Fehler, sie in diesen Dingen zu ernst genommen zu haben. Aber sein empfindsames Wesen erlag ihrer unschuldigen Wahrhaftigkeit und der Schönheit ihres kindlichen Ernstes. Leicht tat er jedem Hindernis Gewalt an, aber jede Schönheit, die ihm begegnete, war stärker als er. Er hatte im Leben zu viel empfangen, als daß die schale Lust einer blinden Gabe ihm begehrenswert erschien. Was ihm die Seele in Gluten hob, war der Kampf mit jener fernen, lichten Kraft, die es für ihn erst wahrhaftig gab, seit dieses Kinderherz ihrer bedurfte und sie empfing. Ihm war, als gelte es einen Zweifel der eigenen Brust zu überwinden.

So war ihm in heimlichem Grauen und wie in einer Liebe zu unbekannter, neuer Gefahr, als schritte ein Dritter mit ihnen durch den nächtlichen Wald. Ein Spiel mit Schuld und unsichtbaren Waffen glitt wie ein heißes, schmerzendes Feuer durch sein drängendes Blut.

Und wieder wußte Anne-Dore, erbebend, was der geliebte Mann sie gefragt hatte. Wie aufgescheucht floh ihre Seele vor der Antwort, die ihr Blut ahnte und die ihr Mund verschwieg. Sie hätte ihre beiden Hände auf seine Lippen pressen mögen, um seine Worte zu hindern, die sie ersehnte und fürchtete. Und was sie fürchtete und ersehnte, sagte er.

»Anne-Dore, wie klein ist der Himmel deiner Liebe, wenn er meine große Sehnsucht nach dir zurückstößt. Ich weiß, was mich zu dir drängt und ist dein Reichtum so gering, daß du Angst vor dem hast, was du meine Armut nennst?«

»Schweig,« stieß sie hervor. »Du lügst.«

Wie ruhig er blieb.

»Ich kenne mein Herz,« sagte er fest. »Ich lüge nicht, wenn ich seiner Glut die Tore öffne mit jedem Mittel. Aber du -- du schwankst und bist nicht kalt noch warm. Dir ist die Gefahr verhaßt, weil du fühlst, wie schwach die Herrlichkeit deiner Heiligtümer ist, die dem Zorn meiner Liebe in dir erliegen. Du hast auf meine Frage nicht geantwortet. Willst du, daß ich dir die Antwort erlaß für alle Zeit und dir deine selbstsüchtige Seligkeit lasse, die über meiner Not triumphiert? Keine Sünde ist größer in der Welt, als der Ungehorsam gegen ein starkes Gefühl. Und dein Gefühl, Anne-Dore, an dem du dich versündigst, gehört mir.«

»Du bist kalt«, sagte sie schwach von Zweifeln.

»Ich verstehe dich nicht«, antwortete er ihr hart und heftig. »Heißt das, ich teilte deine himmlische Liebe nicht, heißt es, ich sei nicht fromm, nicht gläubig wie du? Nein, ich bin es nicht wie du, und werde es nie sein. Sei stolz auf deine lieblose Liebe, wenn du es kannst. Mein Herz ist vielleicht schwächer wie dein's, aber größer und reicher.«

Er trat von ihr zurück und mit veränderter Stimme sagte er aus dem Schatten:

»So geh. Der Friede, den dir dein Gott verschafft, wird dich trösten. Meinen nimmst du für immer mit.«

»Was willst du von mir?« stöhnte sie in Todesangst.

»Dich«, sagte er. Ihre Schultern schmerzten, so fest griff er zu. Aber sie fühlte, daß seine Hände zitterten.

Plötzlich durchfuhr sie, wie ein rotes Licht, grell die Erkenntnis dessen, was seine Ansprüche sein möchten. Wie geblendet, mit blinden Händen, die ihr Ziel verfehlten, suchte sie ihn zurückzustoßen. Die ganze dunkle und drohende Macht der Sünde erschien ihr verkörpert in ihm. Aber gleichzeitig, und wunderbar verschmolzen mit ihrer Todesangst, weckte die Kraft seiner kühnen Hände ein neues Leben in ihrem Blute auf, schwermütig, süß und brennend begann sein singendes Licht. Sie schloß die Augen und stöhnte. Gebrochen hing sie in seinem Arm.

Aber es war ein Dritter mit ihnen im Wald, gleich nah beiden, als liebte er keinen geringer. Mark Enz hob sie auf, zärtlich, liebevoll und fest. Er küßte ihre bleiche Stirn, die schon der Mond vor ihm geküßt, zurückhaltend in jeder Bewegung, stützte er sie auf eine Art, in der sie seine Arme als gut und brüderlich empfand und führte sie zurück zum Haus ihrer Eltern. Wunschlos und wie befreit empfand er nichts als seine Pflicht sie zu schützen, auch vor sich selbst. Kein Zug seines Herzens verwünschte die schöne Schwäche, in der er nicht zu nehmen vermochte, was nicht bewußt gegeben wurde.

Es schoß ihm heiß in die Augen, als sie an der Gartentür bebend fragte:

»Du kommst doch wieder?«

Er nickte nur.

Der Mond tauchte nieder in den Dunst der Heide, versank in ihrem Atem und gab sein Reich den letzten Sternen hin, in deren blassem Glanz der schlafende Wald den neuen Tag erwartete.

* * * * *

Herr Missionar Wendel kränkelte in diesem Frühjahr ein wenig. Auch seine Gattin lebte schweigsamer und zurückgezogener als je. Oft schritt er langsam und in Gedanken versunken gebeugt und müde die Wege seines Gartens entlang, den er angelegt, unter den Bäumen hin, die er gepflanzt hatte, und der Ausdruck seines Gesichts stimmte zu seinem grauen Haupt. Gegen Anne-Dore war er zärtlicher als je und so nachsichtig, wie sie ihn noch nie gekannt hatte. Er zeigte sich besorgt um kleine Einzelheiten, die ihr fehlen mochten, einmal fragte er sie sogar, ob es ihr wohl gefallen würde, eine kleine Reise zu machen, das Nötige ließe sich erübrigen, und er lächelte sein gutmütiges Lächeln, etwas herablassend, bedeutungsvoll und doch ein wenig unsicher. Sie lehnte es ab. Er dankte ihr innerlich für ihren bescheidenen Sinn, ohne zu ahnen, welch schwere Bedeutung sein Kind diesem harmlosen Vorschlage beilegte, in dem ihr geängstigtes Herz einen Ausweg zu sehen glaubte, den ihr barmherzig der Himmel erschloß.

Oft sah sie in kleinen Zeichen einen Wink der Vorsehung, in nichtigen Dingen eine verhaltene Drohung. Es kam dazu, daß Friedberg, der trübsinnig und schweigsam seine Tage lebte, die Abendandachten mit ihren Bibeltexten zu offenkundigen Anspielungen mißbrauchte. Als sie nach jener Nacht mit Mark Enz spät aus dem Walde heimkehrte, sah sie Licht in seinem Zimmer; er mußte die Treppe unter ihren zaghaften Füßen gehört haben, es war kein Zweifel, so laut wie sie knackte, in diesen unsagbar stillen Nächten. Am andern Morgen las er mit wehmütiger Überwindung seines Stolzes den Spruch ihrer gemeinsamen Nacht und Anne-Dore hörte es den ganzen Tag: »Niemand wird sie aus meiner Hand reißen.«

Ruhiger Hoheit und fester Güte voll strömte es mit der Feier dieser göttlichen Zuversicht in ihre Seele. Sie konnte sich der überwindenden Gewalt dieses Heilandwortes nicht entziehen, wie in ein Licht sah ihre Seele in den reinen Trost dieser starken Worte empor. --