Blut: Eine Erzählung

Part 3

Chapter 33,561 wordsPublic domain

Neben ihr sprach Friedberg, und über sie hin, mit ihrem Vater. »Ich versuche mir in diesen Fragen einen offenen Sinn zu bewahren«, meinte er, »Prüfet alles und behaltet das Beste. Solange man wie ich in einer Zeit des Lernens und Werdens steht, ist einem jede Abart der Auffassung willkommen, und ich bin unbesorgt, es wird alles zu meiner Erziehung dienen.« Er betrachtete Dore, während er sprach, besorgt, daß sie ihm zuhörte.

Missionar Wendel schien durch diese Worte beruhigt. Er sprach lauter und scheinbar fröhlicher. Nur hin und wieder glitten seine Augen über die Züge seines Kindes, und er wußte nicht, daß etwas wie eine ganz feine, leise Eifersucht in seinem alten Gesicht stand, das immer gütig und fast ein wenig traurig erschien, wenn Anne-Dores Angelegenheiten ihn besorgt machten.

Die häuslichen Pflichten ernüchterten das junge Mädchen seltsam. Am liebsten hätte sie sich in ihr Zimmer zurückgezogen, wäre jedem ausgewichen, um sich ganz, rasch und auf einmal mit allem abzufinden, das ihr Innerstes bestürmte. In ihr war von je ein seltsam bestimmtes Bedürfnis, im Haushalte ihrer Seele Ordnung zu wahren, Unsicherheit und ein halbes Bewußtsein waren ihr qualvoll. Sie konnte sich krank fühlen bis zu einem Hang ins Schwermütige, wenn ihrem Suchen eine Klarheit versagt blieb. Sie war den Tag hindurch wie auf der Flucht. Die Fragen ihrer Mutter machten sie zornig. Ihr Wunsch, freien Herzens das Empfangene weiterzugeben, selbstlos, froh und schwesterlich, rang heiß mit ihrem Stolz und ihrem Bedürfnis, Empfundenes im Herzen zu bewahren. Sie weinte sich abends in Schlaf. --

Im Traum stand Friedberg vor ihr, suchte mit den dicken, weißen Fingern am Goldschnitt der Bibel und las endlich mit seiner geruhsamen Stimme, die immer etwas mit Heiserkeit kämpfte:

»Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme.« --

Es war kein Zweifel, durch wen die Pfarrstelle der Nikolaikirche besetzt wurde.

Viertes Kapitel.

Mit dem Einzug Pastor Jacobys in die Stadt brach eine neue Ära im Geistesleben ihrer Bewohner an. Soweit die beiden alten, schlichten Türme der Nikolaikirche Ort und Land überwachten, vollzog sich in den Herzen aller Beteiligten eine seltsame Wandlung. Aber nicht nur die Gemeinde der Gläubigen wurde von ihr betroffen, sondern die neuen Regungen griffen weit um sich und zogen auch Außenstehende und Unkirchliche in ihr umstrittenes Interessengebiet. Eine ganz neue Bewegung erhob sich, trennte entschieden und schroff die Gemeinde in zwei Parteien, und es schien, als sollten die neuen Glaubensgewißheiten in ihrer Wirkung bis in das intimste Familienleben die Worte Christi seltsam bewahrheiten: »Ihr sollt nicht wähnen, daß ich kommen sei, Frieden zu senden auf die Erde. Ich bin nicht kommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert.« Und als einmal gar nach einer Predigt von einschneidendem Ernste das Bibelwort: »Wer Vater und Mutter mehr liebt, denn mich, der ist mein nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt denn mich, der ist mein nicht wert«, die Herzen entzündete, schien der Verwirrung kein Ende mehr. -- Die ersten Wochen hindurch wurde die Kirche gestürmt, die Geistlichen der anderen Gemeinden sprachen vor leeren Bänken, nur alte Leute behaupteten dort noch im Halbschlummer die gewohnten Plätze. Dann räumte eine verständliche Reaktion, die in Haß ausartete, die Nikolaikirche aus. Aber langsam begann sie sich wieder zu füllen, und eine gefestigte und scheinbar unerschütterliche Glaubensgemeinschaft verband die Andächtigen unter dieser Kanzel. Man nannte sie die »Gemeinde der Heiligen«, aber sie ertrugen Spott und Geringachtung mit dem glücklich ergebenen Lächeln Geborgener und Erlöster. Ihr innig und aufrichtig geschlungener Bund und seine Schicksale erinnerte in vielen Erscheinungen an die ersten Gemeinden der Apostel in Rom und Griechenland. Man empfand Grauen und Ehrfurcht, ihre geduldige Heilandsliebe peinigte und forderte rohen Widerspruch heraus. Ja, es kam zu Tätlichkeiten und die Polizei mußte einschreiten. Pastor Jacobys Ruf drang weit über die Grenzen der Provinz ins Land hinein. Es schien, als sei das Bibelwort seiner ersten Predigt zum Wahlspruch und Kampfruf erhoben: »O daß du kalt oder warm wärest. Weil du aber lau bist, und weder kalt noch warm, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.«

* * * * *

Wenig Herzen durchlitten alle tiefinnerlichen Wandlungen so inbrünstig, so ganz der neuen Wahrheit ergeben und so aufrichtig wie Anne-Dores. Ihre neue Frömmigkeit hatte nichts mehr gemein mit jener kleinlichen Beschränktheit von Menschen, die ihren Glauben als eine Schranke vor ihrer Dürftigkeit, ihrer Armut und ihrer engherzigen Selbstsucht aufrichten. Das ruhige und feste Glück ihrer reinen Augen wich jedem falschen Schein und aller Knechtschaft einer niedrigen Demut aus. Es ging ein Glanz von großer und freier Liebe mit ihren Schritten aus, ohne Dünkel und kleine Maße, warm, aus Freude und wie aus lauter Licht. Ihr Wesen schien völlig verändert und wollte es weder wissen noch verkünden, es war, als erkämpfte für sie ein neuer Streiter Klarheit und Erkennen in alle Finsternis ihrer suchenden Seele, deren Flügel auftauchten in die verborgenen Seligkeiten und Geheimnisse einer zukünftigen Welt. Ja, es war im Laufe der kommenden Zeit so, als teilte sich ein Schein dieses neuen Glücks, in dem ihr Wesen ruhte, auch ihrem Äußern mit. Ihr Gesicht wurde schmaler und bleicher, ihre Bewegungen von jener leichten Scheu weltfremder Hoheit und von einer Anmut, für die es keinen irdischen Namen gibt.

Handlungen und Lebensgewohnheiten, die sonst allein durch den tiefbegründeten und eingeborenen Geschmack eines reichen Herzens ihren Adel gewinnen, stellten sich bei ihr ein, als schlüge ein neues Herz in ihrer Brust. Als habe eine neue Kraft, voll unergründlicher Schönheit, sie eng und wie an Kindes Statt in den edlen Gang ihres Waltens gezogen, sie ganz für sich genommen und herrlich bereitet für eine glückselige Zukunft.

Herr und Frau Wendel sahen die Veränderung nur in ihrer Wirkung, die bis in die kleinsten Einzelheiten der nüchternen Tage reichte. Ihre anfängliche Besorgnis wich einer frohen Bewunderung. Die neue und stille Freude, die das Wesen ihres Kindes verklärte, warf ihren Schein auch über ihre Stunden, beglückt und zuversichtlich dankten sie ihrem Gott. Da Anne-Dore niemals über ihre inneren Erlebnisse und über die Seelenvorgänge sprach, die sie bewegten, niemals einen Versuch machte, jemanden anders als durch ihr Tun von der Schönheit dessen zu überzeugen, dem sie diente, blieb ihre Welt unangetastet wie ein Heiligtum.

Einen tiefen Eindruck hinterließen diese Erscheinungen, die sich durch Wochen hindurch vollzogen, auch bei Helferich Friedberg. Anfänglich gab er dem unklaren Drang seiner geteilten Gefühle Anne-Dore gegenüber Ausdruck. Er meinte einmal, als sie miteinander von einem Kirchgang heimkehrten, es wäre eigentlich Christenpflicht, sich nicht so einseitig beeinflussen zu lassen, ob sie nicht einmal zu einem anderen Prediger gehen wollten und nicht immer zu Pastor Jacoby, der übrigens auch anfinge sich zu wiederholen.

Dore schüttelte den Kopf. Sie ginge zu Pastor Jacoby, solange sich ihr Gelegenheit böte. Er würde wohl kaum lange bei dieser Gemeinde bleiben. Aber er, Friedberg, tue sicher recht daran, diesem Gefühl zu folgen, wenn er es ehrlich glaube.

Er sprach wieder, dachte aber nicht an seine Sätze, sondern an ihre letzte Bemerkung, und darüber ertappte er sich bei der Erkenntnis, daß sein Vorschlag nicht ganz selbstlos und ehrlich gewesen war. Er schwieg dann, um ungehindert seinen Gedanken folgen zu können. War es wirklich so, daß ihn davor bangte, Anne-Dore möchte allzu tief und allzu menschlich im Bann dieses Mannes stehn, den er bewunderte mit heimlichem Neid? Ja, er hatte wahrhaftig den Wunsch, Anne-Dore möchte auch ihn ein wenig anders beachten, als nur auf jene freundlich gelassene Art, in der sie ihm hin und wieder flüchtig gehörte. Meistens nur dann, wenn er über Pastor Jacoby und dessen Auslegungen sprach, wenn er sie mit anderen Auffassungen verglich und dem Mädchen bestätigen konnte, daß keine feinsinniger und tiefer erfaßt waren als die seinen. Und unbewußt war ihm Pastor Jacoby beinahe um dieses einen Umstandes willen lieb geworden.

Nun, da er so neben ihr hinschritt, schämte er sich plötzlich dieser Wahrheit, und tief in seinem Herzen tauchte ein neues Bewußtsein auf, das ihn eigen und wehmütig erregte. Wie nun, wenn er die Führung seines Gottes darin erkennen durfte, daß er gerade in dieses Haus und an die Seite dieses Mädchens gekommen war? Daß ihm der Herr in seiner unergründlichen Freundlichkeit hier einen Fingerzeig für sein künftiges Leben gab und eine Bestimmung sie zusammengeführt hatte und einst ganz vereinen wollte?

Er erschrak und wies den Gedanken von sich. Er lag ihm anfänglich doch zu nah bei seiner Bewunderung für ihre Frömmigkeit. Ihm war, als betaste er mit solchen Wünschen ein Eigentum des Erlösers, als versündige er sich gegen ein erwähltes Kind des Himmels. Aber der Gedanke kehrte wieder und immer wieder und überwand ihn. Er war neben einen Schatz von viel Schönheit und Tugend gestellt worden, und gewiß nicht ohne eine Fügung des Himmels. Und unter Gebeten und wohlverborgen allen Menschen, beschloß er diesen Schatz zu heben.

Alle Ideale eines vollkommenen Christentums und alle Vorstellungen von einer untadeligen Gattin vereinigten sich ihm mehr und mehr in der Person Anne-Dores, und machten ihm bald das Herz warm in Form von langen inbrünstigen Gebeten und bald in einer sehnsüchtigen Schwärmerei. Und beide Formen flossen wehmütig ineinander über, und ihn verlangte bald nicht mehr sonderlich heiß nach ihrer klaren Trennung.

* * * * *

Es war in diesen Wochen gewesen, als eines Mittags ein kleiner hoher, zweirädriger Wagen von bestechender Eleganz und fast zerbrechlicher Leichtigkeit in der Nähe des Wendelschen Wohnhauses auf dem schmalen Fahrweg hielt. Anne-Dore stellte ihre Arbeit im Garten ein, wo es am Weinstaket der Veranda zu tun gab, und schaute neugierig hinüber, angezogen durch helle, feste Stimmen und frohes Lachen. Sie sah zwei junge Herren in englischen Anzügen, fein und knapp gekleidet, wie sie vom Wagen sprangen, der eigentlich in federnder Schwebe zwischen den hohen Rädern nur ein einziges Sitzbrett hatte. Der Jüngere von ihnen warf die Zügel um eine kleine Kiefer am Wegrand, wobei er das Bäumchen nicht gerade sonderlich schonte, und dann schritten die beiden über das unbebaute Stückchen Heideland, das schmal und verwildert Wendels Garten vom Wald trennte. Dieser Landstrich gehörte der Stadt, soviel Anne-Dore wußte, sie pflegte dort ihre Wäsche zu trocknen und zu bleichen. Die Herren schienen etwas zu vermessen, sie gingen auf und ab, zählten die Schritte, schauten nach dem Stand der Sonne und prüften den Boden. Hin und wieder verstand das Mädchen ein lauteres Wort, konnte aber die Absichten der beiden nicht erraten. Der Ältere zeichnete in sein Notizbuch, steckte Stöckchen in den Boden und schien mit seinen Erfahrungen zufrieden. Der andere langweilte sich scheinbar bald dabei, er hieb nachlässig mit seinem Stock in die jungen Huflattichblätter am Wegrand, klopfte dem Pferd den schlanken glänzenden Hals und sah hin und wieder zu ihr in den Garten hinüber. Er konnte sie nicht erblicken, nur das Haus schien ihm zu gefallen, er ging ein paar Schritte am Garten entlang und schaute zu den umgrünten Fenstern hinauf.

»Mark,« rief da der andere von oben, »schreibe auf: zehn Schritte vom Waldrand und zwanzig vom Weg. Es geht ausgezeichnet!«

Der Angeredete winkte ab.

»Kind,« gab er zurück, »wozu hast du dein Notizbuch!« Und er fing an, am Zaun des Wendelschen Gartens Heckenrosen abzuschneiden. »Verflucht«, hörte sie dann plötzlich und gleich darauf das zwitschernde Geräusch von saugenden Lippen an seinem Finger.

Anne-Dore hatte schon darüber lachen müssen, daß er diesen großen Menschen da oben mit »Kind« anredete, aber das hätte wahrhaftig auch auf Friedberg gepaßt. Nun, da er sich auch noch gestochen hatte, wurde ihr ordentlich lustig zu Sinn. Das schadete ihm nichts, so frech wie er war. Daß er geflucht hatte, war ihr gar nicht recht ins Bewußtsein gedrungen, sie hätte es sicher nicht verziehen, aber er hatte es mit einer Stimme gesagt, bei deren Klang es so seltsam wie ein natürlicher Schmerzenslaut wirkte, daß es jedenfalls auch ihrem Vater nicht aufgefallen wäre.

Jetzt sah sie sein Gesicht. Er hörte gar nicht auf, ihre Blumen zu stehlen, hatte schon einen ganzen Strauß und schnitt unbesorgt weiter, bog Äste nieder und knickte sie ab, rücksichtslos und erfreut. Dore fand es nett, daß er Blumen mochte, darüber verzieh sie ihm seinen Raub. Und auch, weil sein Gesicht ihr gefiel. Sie gestand es sich nicht zu, aber es zog sie an, schmal und leicht gebräunt wie es war, mit Augen, die ihr grau erschienen, und braunem Haar, das unter der englischen Kappe hervordrängte, weich und voll.

Das Pferd riß sich los. Es warf den Kopf unruhig, scheinbar gequält durch ein Insekt. Dann hob es sich rasch und schmerzvoll mit erregtem Schnauben, schlug und bäumte.

Mit zwei, drei Sprüngen war der Blumendieb beim Wagen.

»Verdammte Canaille!«, rief er hell und fing die flatternden Zügel mit sicherer Hand. »Schmeiß mir die Karre noch kaput, dummes Luder!«

Aber dann sprach er beruhigend und gütig auf das zitternde Tier ein, suchte nach der Ursache seiner Angst, ohne sie zu finden. Wieder stieg es schnaubend empor. Wie fest die schmale, weiße Hand den Zügel hielt. Jetzt wurde es ernst. Der Rosenstrauß flog auf und zerflatterte wild in der Luft und am Boden. Es gab ein zorniges Ringen. Von oben lief der Freund in langen Sprüngen herbei.

Sie bändigten das scheue Tier. Eine Pferdebremse mußte die Ursache gewesen sein. Dann saßen sie rasch und sicher von zwei Seiten wieder nebeneinander oben und das Tier zog mit kräftigem Ruck an, befreit und in weitausholendem Trab.

Da lagen die schönen Rosen im Staub der Straße. Anne-Dore schickte Lotte und ließ sie holen. Es wäre schade um die Blumen gewesen, wenigstens sollten sie nun den Mittagstisch schmücken, rasch verwelkt, wie sie sein würden.

Beim Essen erzählte sie den kleinen Vorfall, der sie seltsam erregt hatte. Sie war ihrem pochenden Herzen mit der Hand zu Hilfe geeilt, als der junge Mensch sich so kühn und mit der Gefahr vertraut um das bäumende Tier bemühte. Und doch war sein Erfolg ihm leicht und selbstverständlich gewesen. Sie schaute freundlich auf die Blumen, die Lotte ins Wasser getaucht hatte, um sie vom Staub zu säubern. Sie strömten nun im Schatten schwach und fein ihren zärtlichen süßen Geruch von Honig und Sonne aus.

Friedberg wußte Bescheid. Es würde wohl gebaut werden. Natürlich. Was denn sonst? Und die beiden Herren waren der Baumeister und der Besitzer gewesen.

Anne-Dore widersprach. So sähe kein Baumeister aus. Sie wußte nicht recht, weshalb, aber einen solchen Mann stellte sie sich viel älter vor, mit einem Vollbart und einer leichten Neigung zu Kopfschmerzen.

Herr Wendel mußte lachen.

»Aber ich glaube auch nicht, daß dort gebaut wird«, meinte er. »Es gibt schönere Orte in der Nähe, auch ist ja hier kaum Platz für einen Garten, den will man doch für gewöhnlich.«

Man einigte sich nicht, obgleich man fast unermüdlich bei diesem Thema blieb, Friedberg, um Anne-Dore zu ehren, die es begonnen hatte, und Herr Wendel, weil ihm ehrlich der Wunsch am Herzen lag, man möchte ihm dort kein Haus zwischen seinen hübschen Besitz und den Wald bauen.

Noch am Abend mußte Anne-Dore immer an den Vorfall denken und an seinen Helden, der Mark hieß. Sie konnte nicht einschlafen, wollte sich zwingen und verlor darüber den Rest ihrer Müdigkeit. Es war schon spät und eine warme Nacht. Der Mond stand in wandernden Wolken, aber man hörte keinen Wind. Sie hatte ihr Licht gelöscht, und im Bann einer ganz fremden Traurigkeit schaute sie ruhig von ihren Kissen aus, wie am Boden bald klar und weiß der helle Schein vom Himmel lag, wie es bald grau und still über ihn hinzog und wie darüber lautlos ihr Zimmer versank. Wenn es dunkel wurde, wünschte sie sich, er käme wieder, der weiße Schein, sie sah dann die Gegenstände im Zimmer, die schliefen, die Sprüche an der Wand, ihren Schreibtisch und die bunten Rücken ihrer Bücher auf dem kleinen Wandbrett. Sie konnte sie alle erkennen, am Tischrand lag aufgeschlagen ein Predigtbuch des Engländers Spurgeon, das Friedberg ihr in einer neuen Übersetzung geschenkt hatte. Was er dazu sagte, hatte ihn verraten. Es war ihm daran gelegen, ein Gegengewicht gegen den Einfluß Pastor Jacobys zu bieten, dessen Wirkungen ihm zu nachhaltig wurden. Sie mußte lächeln. Er war wirklich allzu besorgt, der Brave. Wieder senkte sie Müdigkeit lau in halbe Träume, in Träume, die Gedanken waren, und in Gedanken, die von Träumen überwunden wurden.

Warum erschien es ihr, als betaste die unbedachte, von keinerlei Harm und Milde geschwächte Kraft, die ihr heute so neu und frisch entgegengelacht hatte, die feierliche Schönheit ihrer Seelenwelt? Es lagen vage Sehnsüchte in ihr miteinander im Streit. Irgendwie wurde ihr Glück verhöhnt, nicht frech und mit bewußter Anmaßung, auch nicht mit Groll und Haß, nein, wie mit dem Achselzucken einer jugendlichen Erdensicherheit. Konnte denn solche Kraft bestehen, eine Gewalt, so aller Freude gewiß, so gesund und froh, neben den blutigen Siegen des Erwählten, der die Welt überwunden und der auch ihren Frieden hüten wollte?

Sie ertappte sich darüber bei der seltsamen Vorstellung, die sie bisher von gottlosen Weltmenschen gehabt hatte. Von Weltmenschen, wie ihr guter Vater sie sah und wie ihre Mutter sie fürchtete. Nur durch den Trotz der Sünde waren diese Gestalten erhoben, an ihren Stirnen brannte das Mal der Verfluchten, und sie eilten in einem Rausch falscher Freuden über die Erde, wie von der Unrast eines bösen Gewissens gehetzt und ohne einen Schein wahren Glücks.

Ein Gefühl von tiefer Beschämung beschlich sie. Nein, so hatte sie sich diese Menschen doch nicht ganz gedacht, aber sie merkte nun, daß sie keine klaren Bilder von ihnen und ihrem Wesen kannte. War das nicht ein böser Fehler im Haushalte ihrer Weltbetrachtung? Ihr war, als sei sie plötzlich nur deshalb von einem Feinde überrascht worden, weil sie es nie für gut befunden hatte, seine Art und seine Macht unbefangenen Sinns zu prüfen.

Es wurde wieder hell im Zimmer, ein klarer Glanz siegte, weiß, rasch und doch feierlich. -- Nun schritt sie im Mondlicht am Garten entlang, brach mit eigensinnigen Fingern die Knospen der Heckenrosen, die Zweige raschelten, wenn sie zurückschnellten, und die verblühten Rosen entblätterten sich ins Laub. Mit einem Schmerzensruf zog sie die Hand zurück und sah aus ihrem Finger rote Tropfen steigen, einen nach dem andern. Sie legten einen kleinen blutigen Weg um ihren Finger zurück und zersprangen im Staub der Straße. Ratlos schützte sie mit der anderen Hand ihr langes weißes Kleid, das im Mond glänzte, und erschrak furchtbar, als sie erkannte, daß es ihr Hemd war. Da kam über den Weg mit raschen festen Schritten der Fremde vom Mittag, er ergriff ihren Arm, neigte sich über ihre Hand und sie fühlte, wie er die Wunde an ihrem Finger zupreßte.

Mit einem Schauer erwachte sie und mit einem lauten Schrei.

Das Zimmer war tief in Finsternis gehüllt, sie erkannte kaum das Fenster. Man hörte den Wind sausen, die Bäume schüttelten sich, jählings erwacht, und ihr war es, als schlügen Tropfen auf das Verandadach.

»Ich bin traurig«, sagte sie leise und wunderte sich über ihre Worte, die sie nicht hatte sagen wollen.

Was wollte dieser seltsame Traum, der ihre Gedanken überholt hatte, als fände er sie gestaltlos und krank? Hilflos und von einer fremdartigen Angst gequält, die sie nicht kannte, die etwas von den Nächten ihrer ersten einsamen Erfahrungen hatte, stand sie auf und tastete nach dem Licht. Da sie es nicht fand, ließ sie sich im Dunkeln vor ihrem Bett auf die Knie nieder und über ihrem Gebet schlief sie ein, die Schläfe auf den gefalteten Händen und schwer auf den alten Sessel gestützt, auf dem ihre Kleider lagen.

Nun kam wieder der Mond, zögernd, als schiene er durch feine Schleier, dann blendend und klar wie in einem ehrlosen Triumph ohne Neid und Güte.

Fünftes Kapitel.

Sie hatten nun erfahren, Herr Missionar Wendel und Kandidat Friedberg, daß ihre Schlüsse falsch und ihre Besorgnis unnötig gewesen waren, denn die Arbeiten, die drüben am Waldrand nach wenigen Tagen begonnen wurden, unterrichteten sie darüber, daß ein Tennisplatz angelegt wurde. Die Vorbereitungen gingen rasch und sicher vonstatten, bald erhoben sich hohe dünne Drahtstakete vor dem Grün des Waldes, der Boden wurde prächtig geglättet und mit Lehm überstampft, durch schmale eingesenkte Holzleisten in große und kleine Rechtecke eingeteilt, und ein hübscher kleiner Zaun aus gekreuzten Weidenstämmchen und Zweiggeflecht trennte dies Heiligtum irdischer Lust von der schmalen Fahrstraße, die schon ein paar hundert Schritte weiter in einen Feldweg überging. Vierzehn Tage hindurch schnarchten kleine Sägen schon früh bei Sonnenaufgang, Handbeile zersplitterten frisches Gebälk, und Hämmern und Klopfen weckte die Bewohner des ruhigen und verschonten Hauses. Frau Wendel war nicht sehr erbaut durch diese Erscheinungen, aber da der Vater sie mit gutem Humor ertrug und sogar einmal den beiden jungen Leuten die Hoffnung machte, auch für sie möchte sich nun wohl Gelegenheit bieten, einmal mitzuspielen, ließ auch die Mutter beruhigter diesen Dingen ihren Lauf, die in der genußsüchtigen Welt nun einmal nicht zu ändern waren.

Eines Tages klingelte es gegen Mittag unfreundlich und eindringlich. Anne-Dore sah im Wohnzimmer den Freund ihres Blumendiebes im Gespräch mit ihrem Vater, und erfuhr später, daß um die Erlaubnis nachgesucht worden war, das Tennisnetz und die Bälle über Nacht im Hause unterbringen zu dürfen. Herr Missionar Wendel hatte es gern erlaubt, Lotte würde es ihnen stets auf Wunsch aushändigen, und für den Fall einmal alle ausgeflogen wären, würden die Herren ihre Geräte im Gartenhaus verwahrt finden, wohin sie leicht durch das Hinterpförtchen gelangen könnten.

»Es war wirklich ein höflicher und liebenswürdiger junger Mann, der aus gutem Hause sein muß«, erzählte er den andern. »Es ist ja verständlich, daß sie uns bitten, wie umständlich wäre es, das schwere Netz jedesmal hin und her zu schleppen.«

Das wäre nun freilich keine allzu große Mühe gewesen, denn sie kamen bald darauf für gewöhnlich in ihrem kleinen Wagen, bald auch zu Rad, und manchmal fuhren sogar mehrere Droschken vor, ein Luxus, der Herrn Wendel ungebührend und bedauerlich erschien. »So junge Leute ... «, sagte er mit Kopfschütteln.