Blut: Eine Erzählung

Part 2

Chapter 23,815 wordsPublic domain

Es war in der Tat Helferich Friedberg, der junge Kandidat der Theologie aus Pommern, der auf der Veranda des Wendelschen Hauses Platz genommen hatte und dort auf die Mittagsmahlzeit wartete. Er war einen Tag zu früh erschienen und eigentlich ohne genaue Anmeldung; es lag daran, daß seine gute Mutter daheim das Zimmer, das er bewohnt hatte, einen Tag früher brauchte, und in Missionar Wendels Zusagebrief hatte auch gestanden: »Sie sind uns täglich willkommen, junger Freund.« Er hatte seine Handkoffer selbst gleich mitgebracht, eine Kiste mit Wäsche und Büchern war auf der Bahn unterwegs. Gegen zehn Uhr fand er sich ein und wurde vom Hausherrn in sein kleines Zimmer gebracht, das gottlob schon hergerichtet war. Von dort hatte er sich nach flüchtiger Toilette ins Wohnzimmer begeben und die beiden Herren waren einander in längerem Gespräch nähergetreten. Herr Wendel nahm die Familieneinzelheiten mit Interesse entgegen, in allen Berichten hatte er eine schlichte und rechte Gesinnung zu finden geglaubt, und auch über die innerliche Stellung des Jünglings zu seinem Gott war er schon unterrichtet. Es hatte sich bei einer Gelegenheit, als der Gast vom Tode seines Vaters sprach, so gemacht, daß man das Gespräch unaufdringlich auch auf diesen Gegenstand bringen konnte, und Herr Wendel war in allen Stücken beruhigt und befriedigt. Er teilte dies auch erfreuten Herzens seiner Frau mit. »Man will doch gern wissen, mit wem man unter einem Dache schläft«, meinte er, und sie nickte mit einem weinerlichen Geräusch ihrer belegten Stimme und bekundete damit ihre Übereinstimmung.

Als man sich am Mittagstisch zusammenfand, wurde Anne-Dore vom Vater Herrn Friedberg vorgestellt. Er machte eine tiefe Verbeugung, die über die ganze Länge zweier niederhängender Arme unterrichtete, und die Manschetten sanken ihm auf die Handknöchel. Während des Tischgebets versuchte er sie wieder in die Ärmel einzuschachteln, was Frau Wendel mißfiel. Als dann alle saßen, füllte die Hausfrau die Suppenteller, und mit einem freundlichen: »Nehmen Sie vorlieb«, reichte sie dem Gast zuerst. Er wollte ihn an Anne-Dore weitergeben, aber leider hatte sein Daumen sich zu tief in den Teller gewagt, und er zog ihn deshalb der jungen Dame wieder fort und sagte: »Pardon«. Herr Wendel hoffte mit einem gefälligen Räuspern über diese kleine Unannehmlichkeit fortzuhelfen, was ihm sicher auch gelungen wäre, wenn nur Herr Friedberg gewußt hätte, ob er seinen benetzten Daumen in den Mund oder in die Serviette schieben sollte. Er entschloß sich für den Mund, da das blendende Weiß des frischen Leinens ihn abschreckte, lächelte befangen und schaute Anne-Dore an. Sie erwiderte sein Lächeln, um ihm zu helfen, und weil er ihr leid tat in seinem Ungeschick.

Was für ein freundliches Mädchen, dachte Helferich Friedberg und schaute von nun ab nur noch in das Gesicht des Hausherrn, der ihn in ein Gespräch zog. Es handelte sich um einen für die Gemeinde der Neustadt sehr wichtigen Fall, um die Besetzung der vakanten Pfarrstelle in der Nikolaikirche. Wendels rechneten sich dieser Gemeinde zu, und Herr Friedberg erfuhr, daß schon zwei Herren ihre Probepredigt gehalten, beide eigentlich ohne daß sie ein rechtes Wohlwollen gefunden hatten. Morgen war nun der Sonntag des dritten Bewerbers, eines noch jungen Pfarrers Jacoby, der sich von einer Kreisstadt aus hierher wählen lassen wollte.

Als der Name fiel, kam ein unerwartetes Leben in den Kandidaten.

»Jacoby sagten Sie? Sagten Sie nicht Jacoby?«

Missionar Wendel bestätigte es.

»Ich kenne ihn«, rief Friedberg und schwenkte die Hand. »Ich kenne ihn bestimmt. Oder«, fügte er hinzu, »es müßte ein anderer Pfarrer Jacoby sein.«

Die nächsten Einzelheiten ergaben, daß es in der Tat ein Bekannter war, nicht ein persönlicher Freund, aber er hatte ihn predigen hören. Herr Friedberg begeisterte sich ganz über Gebühr für diesen Mann. »Sie müssen ihn hören«, rief er immer wieder. »Es wäre ein großer Segen für unsere Gemeinde, wenn er erwählt würde.« Sonst wußte er wenig bezeichnende Eigenarten zu nennen, aber es war klar, daß diese Bekanntschaft großen Eindruck auf sein Gemüt gemacht haben mußte. »Ich verdanke ihm viel -- alles sozusagen«, versicherte er zum Schluß.

Über der Abmachung, daß alle morgen zusammen den Gottesdienst besuchen wollten, ging man auf ein anderes Thema über. Anne-Dore sprach von den Schönheiten der Gegend, aber sie verriet keine besondere Liebe, sondern rühmte ihre rote Heide unbewußt nur soweit, als sie annahm, daß das gute Herz des neuen Hausfreundes sie würdigen könnte.

Sie ging an diesem Abend mißvergnügt und traurig in ihr Zimmer und wußte keine Erklärung für ihre tiefe Verstimmung. Nachmittags war sie mit dem Kandidaten im Wald gewesen, hatte ihr ruhiges Land und seine Wege preisgegeben, und während sie an dies und jenes dachte, hatte die etwas schnarchende, grobe Stimme des großen jungen Mannes sie ohne Aufhör in ihre matten Töne gehüllt. In der Abendsonne sangen Rotkehlchen und Finken, es glühte von rotem Gold hinter dem jungen Grün und auf den Zinnen ihrer lieben Berge. Ihr silberner Bach dämpfte im Wald die frische Stimme über der braunen Erde und den welken Blättern, frei und lieblich lud die Natur alle Herzen zu sich ein, aber Helferich Friedbergs derbe Schuhe benutzten ungefüge und breit die Wege, die durch sie hindurch führten, und er sprach immer nur von Pastor Jacoby und seiner Wirksamkeit. Ach, wie gern glaubte ihm das Mädchen alles, aber gab es nicht mehr, nicht tausend andere Dinge in der großen Welt, aus der er kam? Ihre Augen suchten in seinem ausdruckslosen und gutmütigen Gesicht, das immer »Pastor Jacoby« sagte. Nein, bei ihm gab es auch nur dies eine, das nun so lange schon ihre Welt bedrängte, und sie empfand etwas, das ihre jugendlichen Hoffnungen tötete, einen feinen Gram und die bitterliche Erkenntnis, daß noch für lange Zeit ihr nichts die stille und graue Welt verdrängen sollte, in der ihre Seele herangewachsen war.

Sie waren dann bald zur Ruhe gegangen, der Herr Kandidat nach manchem schlecht unterdrückten Gähnen, der Vater und die Mutter genau auf die Art, wie sie es schon seit vielen, vielen Jahren taten. Vorher wurde die Uhr aufgezogen, deren Stimme sich auch niemals änderte, und sogar der Schlüssel der Verandatür kreischte geduldig seinen alten Ton im etwas rostigen Schloß.

Nun war es Nacht. Anne-Dore hatte beide Flügel ihrer Fenster weit geöffnet und hörte auf den Wind. Unter den Sternen her kam er über die Heide, ließ ihrem klaren Glanz die ewige Stille und bewegte die Zweige der Bäume, so daß sie flüsterten und sich neigten. Hin und wieder fielen Blüten aus dem Kirschbaum lautlos und langsam auf den dunklen Rasen.

Drittes Kapitel.

Die Morgensonne weckte Anne-Dore und der goldene Gesang eines Waldhorns hoch im Buchenwald der grünen Berge. Sie erwachte jäh und ohne Besinnen, richtete sich fast erschrocken auf, geblendet vom Glanz des Sonnenlichts und wie im Jubel eines großen unverstandenen Glücks. Wie schön war die hohe, warme, goldene Welt, -- was gab es nur, was war geschehn? Langsam stiegen die Bilder des vergangenen Tages vor ihrer Seele empor. Nein, sie wollte sie nicht. Sie wollte allein dem angehören, was hier im Licht und im Gesang der Vögel in ihr Zimmer drängte. Sie hatte ein unendlich frohes Gefühl tiefer Zugehörigkeit an dies Neue und Frische, das der heraufsteigende Tag verkündete. Noch hatte keine Pflicht und kein Recht ihres nützlichen Tages die jugendliche Andacht dieses Herzens überredet. Sie warf die Haare heftig und in lachendem Zorn ihres Kraftbewußtseins in den Nacken zurück, sprang aus dem Bett und stellte sich in das Licht der Fenster. Sie sah die Sonnenstrahlen schräg auf das Dach der Veranda fallen, im Garten ruhten sie im Blühn, und unter den Bäumen auf den feuchten Wegen schritt schwarz und feierlich Helferich Friedberg, den Hut in der Hand und die Nase in einem kleinen, dicken Buch.

Wie das ernüchterte. Sie trat vorsichtig so weit zurück, daß nur sie ihn erblicken konnte, und erkannte mit leisem Schreck, daß er eine Brille trug. Ach Gott, dachte sie, auch das noch. Weniger froh kleidete sie sich langsam an, hatte aber doch das Gefühl, diesem guten Menschen etwas abbitten zu müssen. In diesen Dingen war ihr Vater groß. Er hatte für alles ein Einsehen, für jedes eine Entschuldigung, und nichts war seiner Güte zu gering. Immer bemühte er sich, bei den Menschen nur das Gute zu sehen und Schwächen in Liebe zu verdecken oder zu verzeihen.

Sie sah sich im Spiegel und zog langsam den Kamm durch die dunkle Fülle ihres schweren Haars. Sie lächelte sich im Spiegel an. Ihre Augen waren unnatürlich blau in diesem Reichtum von Licht.

Vielleicht hat er geringe Ansprüche, schloß sie zögernd weiter und sah in Gedanken das milde Lächeln ihres Vaters. Wie es quälte, solchen Gedanken folgen zu müssen, zu deren letztem Schluß sie weder den Mut noch die Erfahrung hatte. Ihr Herz drängte heiß nach Sicherheit und Erkenntnis, aber sie fühlte, schneidend und voll bittrer Angst, wie man Fesseln fühlt, daß ihr Blut in einen seltsamen Bann gesprochen war. Jedesmal nach solchen Stunden des Grübelns und Sehnens stieg eine Bitterkeit gegen ihre Eltern in ihr auf, die sie geflissentlich unterdrückte, und sie bemühte sich dann oft selbstquälerisch und voll Eifer in verdoppelter Liebe gegen sie gutzumachen, was ihr Herz an Schuld zu tragen glaubte.

Nun hörte sie die Glocken hinter den Hügeln, die ihr heimatliches Tal von der Stadt trennten. Ein undeutlicher, schwerer, summender Morgengesang. Die Dorfglocken von Hildenrot antworteten hell und harmlos. Sie dachte an das Forsthaus dort am Waldrand, sah aus dem Fenster über die Heide hin nach den Bergen und wünschte sich, dorthin zu dürfen, statt in die graue Stadtkirche mit ihren hundert fremden frommen Menschen.

Sie hörte dann die Stimme ihres Vaters im Garten, als sie die helle Bluse mühsam hinten zuknöpfte, sie zupfte sie über der Brust zurecht und wurde vor dem Spiegel ein wenig unsicher, als sie ihre Figur prüfte. Sie faltete die Hände an den Fingerspitzen, preßte sie auf ihre Brust und zog sie fest an den Körper, die weißen Zähne auf der Lippe. Es half nichts. Ich werde eine große Frau, dachte sie, gab ihrem Kopf eine gezierte und steife Würde der Haltung und blickte hochfahrend und ernst auf ihr Gesicht im Spiegel. Es ist wahr, dachte sie dann und senkte den Kopf nach hinten, die Zöpfe kann ich nicht mehr tragen. Sie wickelte sie leicht und prüfend um den Kopf, eine schwere dunkle Krone von mächtiger Fülle ruhten sie um ihre Schläfen, machten ihr Gesicht bleicher und kleiner und senkten feine blausilberne Schatten auf die bedächtigen Lider der reinen Augen.

Schnell ließ sie sie fallen und eilte zum Kaffee hinunter.

Sie hatten schon begonnen, als sie eintrat. Die Bibel für die Morgenandacht lag bereits neben dem Platz des Vaters. Helferich Friedberg erhob sich, als sie eintrat, kaute angestrengt und heimlich, während sie ihren Vater küßte, versuchte zu schlucken und mußte dann doch mit vollem Mund sein »Guten Morgen, gnädiges Fräulein« sagen.

»O o,« meinte der Vater, »wir lassen es besser bei einem einfachen Fräulein Wendel.« Und er schaute ein klein wenig strafend auf den Kandidaten, als wäre da mit ihm ein ganz falscher Ton in die Gemeinschaft ihres schlichten Familienlebens gedrungen.

Schade, dachte Dore, und wußte nicht recht, warum sie diese Änderung bedauerte. Er wird sonst am Ende zu weltmännisch, schloß sie ihren Gedanken, und ein ganz feines Lächeln, das niemand sah, huschte zu kurzer ungewohnter Rast über ihren kindlichen Mund. Sie mußte sich etwas beeilen und trank flüchtig ihren Kaffee, Herr Wendel schob dem Gast die Bibel in freundlichem Ernst neben den Teller und bat ihn, diese liebe Pflicht für heute zu erfüllen. Es lag wohl etwas Respekt vor dem studierten Manne in seiner Aufforderung und doch auch die Herablassung eines, der aus Brüderlichkeit und Bescheidenheit gern auf ein Vorrecht Verzicht leistet.

Herr Friedberg kämpfte in diesem besonderen Fall seine Befangenheit mit Erfolg nieder. Hier spielte etwas in seinen Beruf hinüber und streifte den Gang seiner heiligsten Pflichten. Er forschte bescheiden:

»Ich weiß nicht, wie Sie es in Ihrem Hause zu halten pflegen, Herr Missionar.«

»Folgen Sie ganz Ihrem Herzen«, sagte Herr Wendel und lächelte und nickte ermutigend. »In diesen Dingen gibt es kein Gesetz, und wir wollen dankbar sein, wenn Sie uns eine neue Art zeigen, in der wir vor den Herrn treten können.«

Anne-Dore wurde dunkelrot. Ihr Zorn, als sie es fühlte, änderte diese verräterische Erscheinung nicht zugunsten. Niemand sah es. Herrn Friedbergs breite Finger suchten am Goldschnitt, er besann sich, schlug dann kurz entschlossen im Neuen Testament eine beliebige Stelle auf und suchte seine Brille.

»Wollen Sie das Losungsbuch?« fragte Herr Wendel.

Friedberg schüttelte nur den Kopf, denn er war schon im Bann seiner Pflicht, deren Erfüllung ihn ganz erheischte. Er las ein Kapitel des Apostel Paulus an die Römer, in dem er einer langen Reihe von Gemeindemitgliedern Grüße bestellen ließ. Anne-Dore hörte all die fremdartigen und sonderbaren Namen, die sie wenig erbauten. Der junge Mann las mit tiefem Ernst und einer singenden Eindringlichkeit, als wäre jede Zeile von großer Wichtigkeit und voll tiefer Weisheit. Dann betete er das Vaterunser, und als er Amen gesagt hatte, schaute er Anne-Dore an. Er klappte die Bibel zu, ohne seine Erleichterung zu verraten, und der Brille wurden ihre beiden Nickelflügel über den gläsernen Leib gelegt, so daß sie in das Etui paßte, das nicht mehr ganz neu und innen mit hellblauem Papier beklebt war.

Es war spät geworden, und man mußte sich für den Kirchgang beeilen. Frau Wendel war nicht erschienen, und so zogen die drei anderen miteinander über den niedrigen Berg in die Stadt, durch den Morgensonnenschein und durch den Gesang der Vögel. Es war eine gute halbe Stunde Wegs, und man fürchtete, daß die Kirche sehr voll sein würde, bei einer so wichtigen Gelegenheit, wie es eine Probepredigt war. Anne-Dore ging zwischen den beiden Herren, hin und wieder trat der Kandidat zurück und ließ ihr auf dem schmalen Weg den Vortritt, aber für gewöhnlich sah sie neben sich diese dunklen, dicken, steigenden Beine und den melancholischen Fall der langen, schwarzen Sonntagsröcke. Man sprach wenig. Anne-Dores Empfindungen waren matt und geteilt, keine sonderliche Erwartung hielt sie im Bann, es würde sein wie immer. Vielleicht war die Predigt wirklich ein wenig unterhaltender, vielleicht blieb der Herr Pfarrer auch in seiner Rede stecken. Aber nein, das war wohl nicht anzunehmen, obgleich sie es oft gefürchtet hatte und manchmal sogar heimlich gewünscht, nur damit ein wenig Leben in die alten Wahrheiten der Kanzel käme, die so gar nichts Neues in ihr Dasein bringen konnten.

Sie hielt erschrocken in ihren Gedanken inne. Der Versucher geht dicht neben mir und raubt mir die Andacht und die rechte Stellung des Herzens, fürchtete sie. Dann stellte sie sich vor, der Satan habe die Gestalt des Herrn Helferich Friedberg angenommen, sie wußte, daß er in vielerlei Gestalt die Herzen versuchte, aber als die Füße ihres Nachbarn wieder neben ihr auftauchten, stellte sie heimlich fest, daß solche Stiefel, wie er sie trug, stets den rechten Weg gingen. --

Die Kirche war überfüllt, und es war kein Gedanke daran, einen Platz zu finden. Zwar forschte Herr Friedberg eifrig hier und dort, um wenigstens für Anne-Dore ein Plätzchen ausfindig zu machen. Er tat es mit der Sicherheit eines, der im eigenen Hause schaltet, aber seine selbstlosen Bemühungen erregten nur Unwillen und störten. So stellten sie sich denn nebeneinander an eine breite Säule dicht am Ausgang, das junge Mädchen mit dem Rücken gegen die getünchten Steine, die ihr ein wenig Halt boten. Gerade in den bunten Farbwegen standen sie, die das Sonnenlicht durch die hohen Fenster nahm, rote, blaue und goldene Kreise malten sich in Anne-Dores Kleid. Sie neigte den Kopf und schloß die Augen, bis ihr Friedberg die Nummer des Liedes zuraunte, das gesungen wurde. Herr Wendel flüsterte seinem Gast ins Ohr, sie hätten sonst hier eigene und feste Plätze, aber die Bänke seien heute für die Kirchenältesten reserviert, die über die Wahl des neuen Pfarrers entscheiden sollten. Dann setzte die Orgel ein, milde und als wollte sie die Bewegung und die dämmerigen Geräusche beschwichtigen, die stets von einer feierlich versammelten Menge ausgehen, wie der Odem einer gedämpften Erwartung.

Nun brauste das Lied voll befreiender Inbrunst durch das breite Schiff der alten Kirche:

Steil und dornig ist der Pfad, Der uns zur Vollendung leitet. Selig ist, wer ihn betrat Und im Namen Jesu streitet.

Die ernste Feierlichkeit nahm auch Anne-Dore in ihren Bann. Neben ihr behauptete sich Friedbergs Stimme. Er verschwand für sie in dieser bewegten Menge, wurde das unpersönliche Glied in einer Gemeinschaft Gläubiger und verlor für sie darüber seine armselige Körperlichkeit. Ihm dagegen, der heimlich auf sie hinschaute, erschien das Mädchen seltsam verschönt und verklärt. Er empfand eine Gemeinschaft und eine Übereinstimmung mit ihr, die sie einander geschwisterlich näherte. Das schöne farbige Licht auf ihrem geneigten Scheitel und ihrem weißen Kleid tat dazu das Seine, und er fühlte sich eigenartig beglückt und wundervoll geborgen unter den Menschen.

Es war das zweite Lied. Der Altardienst war schon beendet, die Predigt stand bevor, und vom dritten Vers ab wandte die Aufmerksamkeit der Andächtigen sich der kleinen Tür in der Sakristei zu, durch die Pastor Jacoby kommen sollte. Anne-Dore konnte dorthin nicht sehen, sie erblickte den Pfarrer erst, als er langsam und scheinbar tief in Gedanken die offene Treppe zur Kanzel emporstieg. Dort sah sie ihn nur kurz und undeutlich, denn er kniete sogleich nieder, um zu beten und sie sah nur seinen Scheitel, der dunkelblond und schlicht über dem schweren Samt der großen Bibeldecke lange still und unbeweglich im matten Licht der Kirche ruhte. Als er sich aufrichtete, sang die Gemeinde den letzten Vers, und Anne-Dore hatte Muße, das Gesicht des Geistlichen zu betrachten. Seine Augen lagen im Schatten der sehr bleichen Stirn, und ein dunkler Bart verdeckte klein und weich den Mund und das Kinn. Die gerade Nase war von vornehmem und fast zartem Schnitt. Seine Blicke glitten ruhig über die Versammlung hin, verweilten hier ein wenig, dort einen Augenblick, gelassen und klug, in einem Prüfen, das fast etwas Trauriges hatte. Anne-Dore fand dies Gesicht sehr schön.

»Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von des Leibe werden Ströme lebendigen Wassers fließen.«

Was war das für eine Stimme? Anne-Dores Herz erzitterte vor der Inbrunst und Eindringlichkeit, die diese Worte mit unendlich klarer Selbstverständlichkeit in die Halle der Kirche sandten. Der Pfarrer hatte sie ohne Ankündigung und ohne die Stelle zu nennen, in der sie in der Bibel standen, plötzlich in die große Stille der Wartenden hineingerufen. Mit heller, fast leidender Stimme und doch mit so ehernem Nachdruck, als hinge Leben und Tod von ihrer Wahrheit ab.

Alles war ungewöhnlich, das Niederknien auf der Kanzel, der unvermittelte Text und dies Warten nun. Dies Warten, das kein Ende nehmen wollte. Anne-Dore schlug in heißer Angst die Augen nieder. Er weiß den Anfang nicht, dachte sie und zitterte. Die Unruhe aller Herzen wuchs, wurde qualvoll, man hörte die Stille des gefüllten Gotteshauses wie ein Sausen. Anne-Dore schaute hinauf, und als sie nun sein Gesicht sah, wußte sie plötzlich, tief ergriffen, und still bis auf den Grund der Seele: Er weiß den Anfang.

Und nun begann er, fast zu leise und sagte nur die Worte: »Herr Jesus, sei mitten unter uns.« So begann er sein Gebet. Anne-Dore konnte keinen Blick von ihm wenden, während er sprach. Sie hatte nie ein Gesicht gesehen, so zermartert von Sehnsucht und Gram, so entstellt von Inbrunst. Seine Hände krampften sich so ineinander, daß sie weiß wurden, sie schaukelten hin und her und auf und nieder, als rängen sie miteinander, als wollten sie nicht ein Tröpflein Blut mehr in sich dulden. Es war, als schaute er voll hinein in das Angesicht des Heilands, als sähe er das Blut unter der Dornenkrone des Gekreuzigten niederrinnen, als habe er Macht, den Geist seines auferstandenen Gottes in dies Haus zu beschwören, als hoffe er auf eine Antwort, als er rief: »Herr, höre mich, wie ich dich zu uns rufe.« Nach dem Amen sank seine hochaufgereckte Gestalt mit einem tiefen Seufzer der schwachen Brust zusammen. Er legte beide Hände um die Bibel und begann seine erste Predigt an die Gemeinde der Nikolaikirche.

Die Menge war wie in einen Bann gesprochen. Anne-Dore zitterte und stützte sich an ihren Vater, der seinen grauen Kopf schüttelte in tiefem Erstaunen, in Abwehr und Zweifel, ja fast wie in Besorgnis. Niemand rührte sich. Es war, als wäre nach diesem Gebet die Person des Heilands gegenwärtig, jeder glaubte heimlich ihn neben sich zu wissen. Man wartete wie auf ein Wunder, auch die Gleichgültigsten harrten beklommen. Was waren das für neue allmächtige Worte? Wer war die Gemeinde der Heiligen, von der es dort oben hieß, sie würden mit Christus herrschen tausend Jahre? Seit wann war es notwendig, seinen Gott von Angesicht zu Angesicht zu kennen, zu wissen, ob man seiner Gnade teilhaftig war oder nicht? Wie Flammen sengten diese Worte sich in die erschrockenen Herzen, Anne-Dore hatte niemals geglaubt, daß eine so leuchtende Gewalt der Sprache auf der Menschenerde möglich sei. Die Worte Jesu Christi gewannen durch diese bleichen Lippen, durch die verzehrende Inbrunst dieser Glaubenszuversicht ein ganz neues Leben. Welch tiefen Sinn von zerschneidendem Ernst und edler Hoheit bekamen plötzlich die Worte der Apokalypse: »Ach, daß du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist, und weder kalt noch warm, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.« -- Wie ein Triumph ewiger Wahrheiten leuchtete es von dieser schmerzvollen Stirn.

Es wurde still. Dann klang das Amen leise und menschlich einfach, die Orgel setzte ein. Immer noch lag dort oben der Mann auf den Knien, als schon die ersten Verse zaghaft und bedrückt, in ganz neuer Scheu, und wie veränderten Sinnes erklangen. --

* * * * *

Auf dem Heimwege war Kandidat Friedberg in jeder seiner Bewegungen und im Gehabe all seiner gewaltsam bescheidenen Sätze nur die eine herausfordernde und rechtsfrohe Äußerung: Was habe ich gesagt? Habe ich es nicht gesagt?

Missionar Wendel hatte seine Brauen vorsichtig gelichtet, mit festgeschlossenem Mund und beruhigten Blicken, die nicht wanderten, meinte er nur: »Der Mann ist noch sehr jung. Ich kenne diesen Erweckungseifer und kann meine Sorgen nicht ganz von der Hand weisen. Aber Gott wird zulassen, daß alles nur zum Segen ausschlägt. Er wird wohl gewählt werden.«

Anne-Dore ging still und tief ergriffen zwischen beiden. Bei den Worten ihres Vaters hatte sie den bestimmten Eindruck, als redete er von einem ganz anderen Gott als jener Mann auf der Kanzel, der den Heiland der Menschen im eigenen Herzen erlitten, der ihn liebte und für ihn ein Streiter ohne Furcht und Zögern war. Ihr guter Vater sprach von seinem alten braven Hausgott, der ganz grau geworden war von lauter verbrauchter Güte, die man täglich soweit annahm, als man sie gerade nötig hatte; aber die Worte dessen, der ihr Herz in Feier hielt, kamen aus einer Seele, tief geneigt und geheiligt durch den Martertod des Herrn Jesu Christi. »O, daß du warm wärest oder kalt«, klang es in ihr nach, und ihr Herz glühte. Mit einem feinen schmerzlichen Lächeln voll geheimer Seligkeit verloren ihre Blicke sich im Sonnenschein und im warmen Wind. Sie fühlte sich zu neuen Kämpfen, zu neuem Wesen wunderbar bestimmt, bereit und allein. Ihr war zumut, als habe sie im Halbschlaf auf den Tag geharrt und auf ein neues Licht. »Ströme lebendigen Wassers«, sagte sie ganz leise nur mit den Lippen.