Part 10
Wie schön das war: gefaßt und ruhig stellte der junge Prediger den Kelch auf den Altar, raffte mit beherrschter Hand den langen schwarzen Talar, schritt die niedrige Steinstufe nieder und hob Anne-Dore in seine Arme. Schwer und mühsam trug er sie ohne ein Wort langsam in das kleine Kämmerchen hinter dem Altar.
Das Entsetzen der Abendmahlsgäste hatte sich in eine sinnlose Verwirrung aufgelöst. Der alte Pastor Bunsen rang ratlos die Hände und hob sie zum Kruzifix empor. Die Kirchendiener waren herangestolpert, aus den Gruppen der versprengten Andächtigen klang hier und da ein krampfhaftes bitterliches Schluchzen. Friedberg stützte mühsam den völlig fassungslosen alten Herrn Wendel, der kläglich entstellt und mit tastenden Armen hinter den Altar wankte.
Pastor Jacoby schickte den Kandidaten nach einem Wagen, er selber schritt nach kurzen Worten der Beruhigung an den Vater zurück zu der wartenden Schar. Er bat sie leise und traurig gefaßt, mit ihm zu beten. Die meisten knieten nieder, mehr aus Ergriffenheit und Schwäche als aus Andacht. Er entließ sie mit dem apostolischen Segen. Und während die Worte seines flehenden und doch zuversichtlichen Gebets die Herzen notdürftig beschwichtigten, kniete Missionar Wendel mit tränenlosem Schluchzen neben seinem Kind, völlig verstört, ohne einen einzigen Gedanken fassen zu können, nur immer wieder stammelnd:
»Stirb nicht, mein Kind! Gott, Gott im Himmel, hilf meinem Kind ...«
Anne-Dore lag bleich und gerade auf den Steinfliesen der kleinen Kammer, in der unsicher eine schaukelnde Gasflamme, durch leisen Zugwind bewegt, lautlose Schatten warf. Das Mädchen sah aus, als ruhte sie im Tode. Um ihren leicht geöffneten Mund war ein Lächeln von einer grauenhaften Seligkeit, süß und traurig, wie aus einem Bereich des Glücks und der Pein, das die Erde nicht kennt.
Unter ihren Kopf hatten sie ein Bündel silbergestickter Altarbezüge geschoben, über deren matten Glanz ihr schwarzes Haar halb gelöst dahinfloß, ein dunkler, ruhender Strom.
Als Pastor Jacoby zurückkam, richtete er den zitternden alten Mann fest und liebevoll auf, schob ihm einen Stuhl unter die bebenden Knie und tröstete ihn. Es sei nichts Ungewöhnliches, nur eine Ohnmacht, von der sie bald genesen würde.
»Aber man schreit doch nicht, wenn man in eine Ohnmacht sinkt«, sagte Missionar Wendel stotternd und rauh, häßlich im Gesicht vor Angst. »Helfen Sie doch, beten Sie ... ich bitte Sie so sehr ich kann, Sie haben doch gewiß Einfluß droben beim Herrn ...«
Er wußte nicht mehr, was er sagte. Er rutschte wieder von seinem Stuhl, kroch auf den Knien bis zu Anne-Dore heran und stöhnte in seine Hände:
»Ich trage alle Schuld, ich, allein ich.«
Friedbergs derbe Schritte klangen. Als er Anne-Dore sah, prallte er zurück.
»Tot?« keuchte er schaukelnd.
Pastor Jacoby beruhigte ihn. Die Kirchendiener brachten Tücher und einen Mantel, aus zwei langen Fußbänken hatten sie eine Tragbahre hergestellt. Draußen wartete der Wagen.
Dreizehntes Kapitel.
Am andern Morgen in aller Frühe eilte der Kandidat Friedberg ruhlos und immer noch verstört und mit völlig ungeordneten Gedanken über den Berg in die Stadt, um Sanitätsrat Claußen aufzusuchen. Die steile vornehme Villenstraße, die von der Berghöhe in die städtischen Anlagen niederführte, legte er laufend zurück. War es auch sicher nicht so über alles eilig, so betäubte diese Anstrengung doch die bohrenden Gedanken, in die kein klärendes Licht fallen wollte. Er rannte an den Gittern der kleinen wohlgepflegten Vorgärten vorbei, sah die Rosen im Morgentau stehn, in diesem halben Frühsonnenschein und in dieser wartenden Stille. Unten wurde die Straße gesprengt, es roch nach Staub und schwüler Feuchtigkeit und es erschien ihm, als würden vergessene Dinge des alten Tages neu aufgestört.
Alle Beklemmung nach einer schlaflosen Nacht, die frostige Öde hinter der Stirn und die ruckweise Fahrlässigkeit seiner Schlüsse beherrschten ihn wie ein schales Fieber.
Was war das für eine böse Nacht, die zurücklag, er entsann sich kaum einer schlimmeren in seinem Leben. Gerade schienen alle ein wenig ruhiger geworden zu sein, man war still zu Bett gegangen, wie auch Anne-Dore, die wohl noch blaß und seltsam abwesend gewesen war, aber man hatte doch wieder ein Lächeln gewagt, mit ein wenig Trost im Herzen. Da hatte es gegen zwei Uhr begonnen. Türen schlugen, Lotte lief treppauf, treppab, und die Stimme Missionar Wendels klang gedämpft und erregt. Friedberg hatte sich geängstigt und sich langsam angekleidet, aber doch keine Einmischung gewagt. Erst gegen Morgen wurde an seine Tür geklopft. Er möchte doch gleich aufstehn und zum Arzt eilen. Anne-Dore läge im Fieber.
Es war Herr Wendel, der ihn bat. Er schien kaum überrascht, den Kandidaten schon in den Kleidern zu finden.
»Lotte hat Kaffee gemacht, trinken Sie bitte erst einen Schluck, ehe Sie gehn«, sagte er zu dem jungen Mann. Draußen wurde es hell.
Er schritt hinter ihm her die Treppe hinunter, und unten hatte er sein Angebot schon vergessen. Er hakte dem Kandidaten den Mantel vom Ständer, den jener ablehnte und wieder forthing, gab ihm seinen Hut und schloß mit zitternden Händen die Haustür auf. Aber dann hielt er ihn noch einmal fest und beschrieb ihm umständlich die Lage des ärztlichen Hauses. Übrigens könne er ja auch fragen, es seien sicher schon Leute auf, Straßenkehrer oder Bäckerjungen. Claußen hieße er, Sanitätsrat Claußen.
Friedberg fragte:
»Ist das Fieber arg?«
»Ich habe plötzlich nachts ihre Stimme gehört, dann hab ich an der Tür gelauscht und endlich bin ich hineingegangen. Sie gab mir keine klaren Antworten. Wäre nur die Mutter da ...«
Er schwieg einen Augenblick und schien mit sich zu kämpfen:
»Herr Friedberg, wer ist denn Mark Enz?«
»Mein Gott ...« sagte der Kandidat.
»Erschrecken Sie? Warum erschrecken Sie? Bitte, unterrichten Sie mich doch. Ist es nicht der junge Mann, von dem einmal bei Tisch die Rede war?«
»Ja, ich glaube,« stotterte Friedberg und eh eine neue Frage kam, fügte er rasch hinzu:
»Sie kann ihn doch nur flüchtig kennen, glaube ich, hoffe ich ... ein Tennisball flog in unsern Garten ...«
Missionar Wendel schien beschwichtigt.
»Gleichgültige Dinge gewinnen oft im Fieber ein merkwürdiges Gewicht,« meinte er erklärend und zur eigenen Beruhigung. Er schien seine Frage zu bereun und doch um Mut zu einer neuen zu ringen. Aber dann sagte er nur noch abbrechend:
»Nun gehn Sie, bitte, gehn Sie gleich.« --
Am Eingang zu den städtischen Anlagen, die er nun durchqueren mußte, hielt Friedberg einen Augenblick inne und schöpfte Atem. Die bestaubten Blätter der Büsche am Straßenrand hingen ermüdet und mattfarbig nieder. Die bunten Zierbeete auf den wohlgepflegten Rasenplätzen sahen unecht und albern aus in diesem einsamen Morgenwind. Auf einer Bank unter Fliederbüschen schlief ein Arbeiter, seine Stiefel waren zerrissen und sein Hut lag am Boden. Friedberg entdeckte darüber plötzlich, daß er wieder seinen guten Anzug angezogen hatte, den langen schwarzen Rock von der gestrigen Feier und die Manschetten und den schwarzen Bindeschlips ... Es war Sommer. Eventuell konnte man draußen schlafen. Es war nachts nur kurze Zeit dunkel. Wie schön war es im Sommer ... Man wird denken, ich käme erst jetzt von einer Festlichkeit heim, ging ihm durch den Kopf. Ein Gefühl der Scham ließ ihn sich umschauen, aber dann verwarf er seine Befürchtungen unwirsch.
»Daran denke ich nun, wo so wichtige Dinge vorgehen sollten,« schalt er sich.
Wäre nur jener Name nicht gefallen, eben, als er fortgeeilt war. Dieser Name, den er angstvoll in den schlaflosen Stunden dieser Nacht mit den schaurigen Vorfällen in Zusammenhang gebracht hatte, die gestern geschehn waren.
»O dich kenn ich!« rief er grimmig und ballte die Fäuste. »Aber auch meine Stunde kommt. Wehe dir! Wehe dir!« Er glaubte seiner Drohung alle Macht, verschärfte sie böse und vergaß Anne-Dore fast völlig im Rausch seines Zorns. Aber alle heimlichen Schmähungen, die er aneinanderreihte, verwarf er, lenkte ein, verdoppelte sie wieder hämisch und suchte alle seine Erlebnisse mit Mark Enz herbei, um sie zu belegen. Aber schließlich stand er im heißen Widerstreit seiner Erkenntnisse vor einem bösen Nichts. Er blieb stehn und sagte laut:
»Das ist es alles nicht. Anne-Dore hat dich lieb. Wer bist du?«
Und unter dieser heißen Gewißheit, die wie eine unerkennbare, schleppende Krankheit schmerzte, sah er plötzlich das verhaßte Angesicht in einen Schein von Hoheit gelegt, in einer heldenhaften Feier über sein eigenes, armes Vermögen erhoben, und aller Liebe würdig. -- Sein Haß schien ihn zu necken, aber er erlag dieser neuen Regung, sah sich selber traurig und arm, weit abgestellt, ein verschmähter Diener.
Doch, doch, das mußte jeder Neid dem andern lassen, er war stark, selbständig und eigenwillig. Was er wollte, erreichte er. Aber unwürdig war er doch, ein schlechter Sachwalter seiner Gaben, deren Reichtum er nicht verdiente, ein lässiger Verweser der Geschenke, mit denen ein unvernünftiges Schicksal ihn betraut hatte. Er hielt nichts auf sich, das war es. Und Friedberg wußte, beinahe beruhigt, eine Reihe von Ereignissen, die ihm seine Erkenntnis bekräftigten. Und keinen Stolz hat er, das soll man nicht vergessen. Wer etwas auf sich hält, kann sich nicht so rasch herbeilassen, folgt nicht so unbedacht jeder Regung des Herzens.
Und Friedberg langte eigen erhoben und neu gefestigt am Hause des Arztes an: er hält nichts auf sich. Er ist keiner Liebe wert. Ein reiches und großes Herz beugt sich dankbar unter die Gunst des Lebens und kann Empfangenes bewahren und achten.
Stärker als je wuchs der Wille in ihm empor, all seine Kräfte einzig in den Dienst nur einer Sache zu stellen: Anne-Dore aus diesen unwürdigen Händen zu reißen. Noch erschien es ihm nicht zu spät, und ein neues Geschick schien sich ihm grausam und doch liebevoll zu verbinden. -- Aber seltsam gelassen schaute es ihn aus den Drohungen heraus an, die die bösen Begebenheiten enthielten, mit kalten, hellen Augen, die hart lächelten und verschwiegen triumphierten. Es kommt alles anders, wußte er plötzlich in einem Gefühl widerwärtiger und ruchloser Begierde, die die Zähne aufeinanderpressen ließ und das Blut peinvoll fühlbar machte, giftig und süß. --
* * * * *
Herr Sanitätsrat Claußen folgte dem Ruf erst gegen zehn Uhr am Vormittag. Das Vorfahren seines Wagens wirkte wie eine Lösung auf alle Wartenden. Lotte war inzwischen noch einmal geschickt worden, kehrte aber unverrichteter Sache heim, da der Arzt seine Wohnung schon verlassen hatte. Nun mußte man sich gedulden. Herr Missionar Wendel hatte still und eifrig mit kalten Umschlägen die heiße Stirn seiner Tochter gekühlt, ihre Hände gehalten, die sich nicht wehrten, und flehende Gebete vor den Thron seines Gottes geschickt, dessen Walten ihm in diesen unverständlichen Vorfällen unergründbar erschien.
Als der Wagen vor dem Garten hielt, eilte Herr Wendel selbst an die Haustür, um zu öffnen. Und nun, da der Arzt ohne viel Fragen, in einschüchternder Sachlichkeit und scheinbar grausam anteillos sich in Anne-Dores Zimmer hatte führen lassen, schritt er stumm, mit geneigtem Kopf und ruhlos besorgt in seinem kleinen Garten auf und ab.
Die Luft wartete auf Regen, es war nicht warm und nicht kalt und kein Wind bewegte die Zweige der Bäume, an denen die Früchte zu reifen begannen und die mit dem Land auf Regen zu hoffen schienen, geduldig und gut. Die Rosen neigten sich an ihren hohen, wohlgepflegten Stöcken, senkten die vollen Kelche und trugen Tautropfen, die kühl vom Wind der hellen Nacht waren.
Wie quälte die stille Geduld der Pflanzen und das graue Zögern des Himmels. Es überredete die Seele, aber vergeblich erhoben die großen Mahnungen der heilenden Natur sich vor der Qual dieses zitternden Herzens. Der alte Mann starrte mit schmerzvollem Gesicht in den Morgen hinaus. -- Ein großäugiger Engel schien zögernd in den Frieden seines Heimes eingekehrt, herrschsüchtig und still. Er verriet der fragenden Seele nicht, ob sein Wesen Huld oder Strenge, Licht oder Finsternis barg, wie ein schweigender Bote eines nahenden Schicksals, der wider Willen verkündete, wer ihn gesandt hatte. Seine lautlose Gegenwart erinnerte das schwache Herz jählings daran, daß die Welt keine Zuflucht bietet, wenn ein Leid hereinbricht, und daß keine Macht im Himmel und auf der Erde den dunklen Zug der Schmerzen hindern kann, die die Seele eines Menschen erwählt haben.
Lange nach allen Ereignissen, spät und im Schatten seines Lebensabends, gedachte Herr Wendel dieser Stunden und alles Kommenden, in jener bösen und beinahe unversöhnbaren Deutlichkeit, die die einzigen und schwersten Ereignisse des ganzen Lebens behalten können. Und immer blieb in der Erinnerung etwas von jenem Schwindel, in die grausame und harte Schicksale ein Herz bringen können. Alle wilde Klarheit, die diese Geschehnisse aus der Welt seiner Vorstellungen und Erlebnisse rückte, ließ doch die seltsam bedrückende Angst im Herzen zurück, als wären seine Augen verbunden gewesen und als hätten die Sinne in einem schrecklichen, wachen Schlaf gelegen. Wie demütigte diese Huld einer fremden Güte tief, die mit den Menschen umging, als seien sie törichte Kinder, und die sie zugleich bewahrte, als seien sie törichte Kinder. --
»Mach mein Herz demütig«, betete er im stillen, als er ins Wohnzimmer eintrat, in das der Arzt ihn nun hatte bitten lassen, und in dem er erfahren sollte, wie es um sein Glück stand und um alle Freude seines Lebens.
Das Gesicht, in das er forschend schaute, verriet ihm nichts. Der Herr Sanitätsrat rückte ihm einen Stuhl hin. Es war ganz augenscheinlich, er kokettierte ein wenig mit der Macht, die ihm für kurz die Umstände einräumten, dieser Herr, der sich in seiner Gelassenheit wichtig fühlte und gefiel, und dem die bangende Hoffnung schmeichelte, die jetzt von seinem Ausspruch ihr Heil oder ihren Untergang erwartete.
Er wies Herrn Wendel mit sehr beherrschter und höflicher Gebärde auf den Stuhl, auf den jener sich sinken ließ, ohne recht zu wissen, daß er es tat, und immer die Blicke im Gesicht des andern. Seine hastige Frage schien jener zu überhören, er ordnete irgendein blinkendes, fremdartiges Instrument in ein Taschenetui ein und sagte:
»Sprechen wir mit viel Ruhe miteinander, lieber Herr Missionar, das ist in jedem ernsten Fall das erste Gebot Einsichtiger, die helfen möchten.«
Herr Wendel stand auf:
»Sagen Sie mir, ob meine Tochter in Gefahr ist oder nicht.«
»Bitte, beruhigen Sie sich. Ich müßte Ihnen die bedeutsamsten Einzelheiten vorenthalten, wenn ich Ihrer Gelassenheit kein Vertrauen schenken dürfte. Und in diesem Fall hängt viel von einer sachkundigen und besonnenen Behandlung ab. Zunächst bedarf es der Pflege einer geschulten Kraft, ich lasse Ihnen noch heute mittag eine barmherzige Schwester aus dem Ursula-Spital senden, unter den protestantischen Schwestern wird kaum eine abkömmlich sein. Es wird Ihnen nichts ausmachen, denke ich ...«
Er kritzelte, kurzsichtig vorgeneigt, auf seinem Rezeptblock. Eigentlich war genug gesagt. Herr Wendel zitterte so heftig, daß er nicht sprechen konnte, seine Hände flogen. Er preßte sie auf die Knie und wartete in heißer Angst.
»Der junge Herr, den Sie im Hause haben, hat mich über die Geschehnisse in Kenntnis gesetzt, die zurückliegen, und denen wir diesen bösen Fall verdanken. Es liegt eine so schwere Gehirnerschütterung zugrunde, daß beim Stand des heutigen Fiebers wohl kaum so bald auf eine Wiederkehr des Bewußtseins gerechnet werden kann.«
»Lieber, lieber Gott«, stöhnte Herr Wendel auf.
»Es liegt kein Grund vor, alle Hoffnung fahren zu lassen, aber ich halte es für meine Pflicht, Sie zu unterrichten. Wir Ärzte machen in der Regel die übelsten Erfahrungen mit jedem falschen Trost, den wir gewähren ...«
Herr Wendel war aufgesprungen und taumelte im Zimmer umher, so daß der Arzt ihn stützen mußte, beinah erstaunt über soviel Mangel an Selbstbeherrschung, wo es doch galt, die Kräfte für ernste Hilfsbereitschaft zu sparen.
»Es ist nicht dies allein«, sagte er nachdenklich und scheinbar unentschlossen, während er, die Hände auf dem Rücken und die Stirn in strenge Falten gelegt, im Zimmer auf und ab schritt, immer an Herrn Wendel vorbei, der schwer und wie gebrochen, wortlos auf seinen Stuhl gesunken war. Nun war er auf dem Fußboden und man hörte seine wichtig knarrenden Stiefel, nun dämpfte der Teppich seinen Schritt. Nun war es umgekehrt.
»Sie peinigen mich«, sagte Herr Wendel leise. »Bitte, sprechen Sie ausführlich, sagen Sie mir alles, ich muß es ja tragen, wie es nun kommen soll.«
Er fuhr mit den Händen durch seinen grauen Bart, rang mühsam um Fassung und suchte sich den Anschein zu geben, als sei er wohl beherrscht und stark. Aber seine Gebärden waren beinahe drollig in ihrer Hilflosigkeit. Niemand führte sie und niemand verstand, was sie bekundeten.
»Es kommt noch etwas hinzu,« fuhr der Arzt in einem Tone fort, der nicht an die Bitte des andern anschloß, sondern nur seine Nachdenklichkeit verriet und sein Bewußtsein für den Ernst seines Berufs, »es kommt zu ungeeigneter Zeit und ist ein böses Zusammentreffen. Aber darüber spreche ich wohl besser mit der Mutter.«
Herr Wendel hob den Kopf.
»Meine Frau ist verreist .. sagen Sie es zu mir.«
»Sie wollen, daß ich es Ihnen sage? -- Nun, es ist wohl auch meine Schuldigkeit: Ihre Tochter ist im dritten Monat schwanger.«
Er bereute es sofort, der Sanitätsrat, eigentlich schon, bevor er ausgeredet hatte. Man hätte, so gefahrvoll die Dinge nun einmal lagen, auch warten können. Aber nun war es mitgeteilt, nun mußte es ertragen werden.
»Was?« fragte der Mann vor ihm mit einem so trostlosen Ausdruck von Schreck und Angst in den Augen, daß der Arzt um seinen Verstand zu fürchten begann. Und noch einmal: »Was?« Aber er hatte verstanden.
Er erhob sich schaukelnd mit einem beinahe kindischen Lachen, winkte mit der Hand hoch in die Luft, als gäbe er jemanden den Rat, sich fern zu halten, und stotterte:
»Sie irren sich, mein Herr! Ärzte irren zuweilen ... es ist vorgekommen, daß Ärzte Irrtümer begangen haben. Was Sie sagen, ist ganz unmöglich, merken Sie es sich ...«
Aber er wußte schon selber, daß hier eine Wahrheit ausgesprochen worden war. Er wußte es plötzlich mit dem klaren Instinkt eines Liebenden, der lange in qualvollen Zweifeln gelitten hat, und der nun die furchtbare Wahrheit glauben muß, weil er mit allem Schmerz zugleich auch ihr Erlösendes fühlt, ihre befreiende Kraft von der schweren Finsternis einsamer Zweifel. Aber dann übermannte ihn doch jählings die ganze Bitternis dieser schrecklichen Wirklichkeit; mit trockenem, ruckweisem Schluchzen trat er vor, seine schwachen, zitternden Fäuste geballt, und blieb so vor dem Arzt stehn und mit bebenden Lippen schrie er lallend:
»Warum -- haben Sie mir -- das gesagt? -- Nein, nein, nein, das durften Sie mir nicht sagen, das nicht. O später -- wenn wir einmal vor Gott stehn, vor dem Thron Gottes, wir beide, dann sollen Sie mir Rede stehn, warum Sie mir das gesagt haben ...«
Die Ergriffenheit und die Verlegenheit des Arztes schlugen in Zorn um, weil er merkte, daß er nicht mehr gutmachen konnte, was er voreilig angerichtet hatte. Wie kam man ihm hier aber auch entgegen, ihm, dem Sanitätsrat Claußen! Ich bin ein Opfer meines schweren Berufs, dachte er und schritt aufgeregt im Zimmer umher. Hatte er etwa seine Pflicht vernachlässigt?
Erst als er sah, daß Herr Wendel still und gebrochen in seine Hände weinte, ohne den alten, drohenden Zorn und ohne Anklage, gewann er seine gelassene Ruhe wieder, versuchte zu trösten und zu erklären. Es wäre nun einmal so in der argen Welt und die Jungen machten es nicht besser, als früher die Alten es gemacht hätten. Aber alles sei menschlich und sähe sich nur anfangs so schlimm an. Ach, er glaube ja gar nicht, an wie vielerlei die Menschen sich gewöhnen könnten.
Nein, gegen dies ratlose Weinen kam niemand an. So gab denn der Arzt Herrn Friedberg und dem Dienstmädchen die nötigsten Anweisungen, versprach, die barmherzige Schwester selbst sofort zu bestellen und zu unterweisen, und sagte seinen erneuten Besuch für den Abend zu.
Vierzehntes Kapitel.
Dann kam jener klare kühle Sommermorgen, der strahlend und hell über Hildenrot heraufzog, den Mark Enz wie einen Blitz erkannte, als er jählings erwachte. Farbenreich, grün, rot und hoch und jubelnd vor Frische, eingetaucht in die blausilberne Seide der sinkenden Dämmerung, lag vor seinen weit offenen Fenstern die Welt.
Aber was war es, das ihn so wild emporgerissen hatte? Nun wieder: ein dumpfes Poltern, dann rief eine Stimme rauh, häßlich und heiser seinen Namen. Es wurde roh und stürmisch an seine Tür geschlagen, und als er emporsprang und sie aufriß, schaukelte derb und schwarz der Kandidat Friedberg ins Zimmer, rang mit lautem Keuchen nach Atem, fuchtelte mit den Armen durch die Luft und wies hinter sich:
»Anne-Dore stirbt!« schrie er.
Und nun half er Mark Enz beim Ankleiden, überhastig und völlig verstört, eher hinderlich als fördernd. Er trug ihm die Stiefel herbei und suchte seinen Rock, gab ihm den Hut und zog ihn förmlich mit sich heraus.
»Du mußt kommen, rasch, rasch! Sie will es«, keuchte er, als sie über die Waldwege liefen. »Sie hat mich gebeten, mich hat sie gebeten, dich zu holen. Ich habe es getan, nun .. das siehst du ja --. Aber bitte, versteh mich .... nur rasch, rasch!«
Er war völlig erschöpft und wie von Sinnen.
»Warum bist du nicht eher gekommen?« fragte Enzheim.
Da brach Friedberg mitten auf dem Wege zusammen und stöhnte wild. Er umklammerte die Knie des andern, der ihn aufrichten wollte, und wand sich wie ein Besessener.
»Vergib mir!« schrie er, »vergib! Auch dir wird man vergeben müssen, auch dir. Sei barmherzig, ich habe nicht gekonnt. Ich habe geglaubt, es meinem Gott schuldig zu sein, daß ich dich fernhielt. Ich weiß alles ... man hat mich beschuldigt, daher weiß ich, daß du ..., daß Anne-Dore Mutter wird. Höre mich zu Ende: Ich habe geschwiegen -- sie -- hat mich -- schon vor -- drei Tagen gebeten, auch nachts, dich zu holen, aber ich habe -- sie belogen.«
Mark Enz wurde totenblaß. Er riß die Hände des Wimmernden von seinem Körper und sprang zurück, als fürchte er, sich an ihm zu vergreifen.
»Dein Gott mag dein Richter sein,« stotterte er in einem Grauen, das ihn schmerzte. Dann wandte er sich ab, kurz, hart, die Schultern flogen, und stürmte den Waldweg hinunter, wie auf der Jagd um sein Leben. --
Der unschuldige Wald ward wieder morgendlich still und voll heimlicher Feier, als habe er alles wohl vergessen, was Menschen in ihn hineingetragen. Helle Vogelstimmen in kurzen jubilierenden Lauten, die kein Lied mehr wurden, tönten aus dem niedrigen Buschwerk und hoch aus den feinbewegten Kronen. Langsam stieg die goldene Sonne höher, ihr Licht wurde weißer und alles verhieß einen langen, heißen Tag. -- Quer über den schmalen, grauen Fußweg, das Gesicht und die Hände im Laub, lag dunkel und schwer ein großer junger Mensch, schwarz und still, als sei er tot. Nur die stoßende Brust verriet sein Leben, und ein wenig weiter, auf Missionar Wendels Landhaus zu, lag am Wegrand ein Hut im Gras.