Blicke in das Leben der Zigeuner Von einem Zigeuner

Chapter 4

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Aber auch sonst sind sie ihrer Art gottesfürchtig (!) so machen sie gern Wallfahrten nach berühmten Wallfahrtsorten und wenn auch das letzte Geld daraufgeht, aber immer zu einem gewissen Zweck, z. B. wenn sie größeres Vorhaben (ein zigeunerisches »Geschäft«) ausführen wollen. Dann beten sie da, geloben auch ein Gelübde, im Falle eines guten Gelingens des beabsichtigten Geschäftes. So wurde schon manches »Geschäft« ausgeführt, mit der größten Zuversicht, daß sie nicht erwischt und eingesperrt werden, haben sie doch zu Gott oder zur Muttergottes gebetet, ein Gelübde getan, damit sie ihnen zu ihrem »Geschäft« beistehen und das Geschäft auf ihre Art nicht unglücklich ausgehe. Was wissen sie davon (wer hätte es ihnen schon gesagt?), daß eben dieser Gott in seinen Geboten als Sünde verboten hat, -- was sie tun wollen und um dessen gutes Gelingen sie zu ihm beten! Merkwürdig ist aber auch, daß die Zigeuner sich mehr zur katholischen als zur evangelischen Religion hingezogen fühlen. Jedenfalls nur darum, weil die Zermonien der katholischen Kirche mehr auf seine Sinne und Phantasien einwirken, mehr seiner Natur entsprechen, als die Einfachheit der evangelischen Kirche. Früher ließ der Zigeuner seine Kinder gern und auch öfters als nur einmal taufen, -- aber nur wegen den regelmäßigen, üblichen Patengeschenken. In welcher Konfession ist ihm egal -- ob katholisch oder evangelisch. So bin ich katholisch getauft, eine Schwester und mein Bruder evangelisch. Kirchlich und weltlich wurde früher eine Zigeunerehe nur selten geschlossen. Heutzutage läßt er die Kinder aber taufen, damit sie in seine Legitimation eingeführt werden, ebenso verhält es sich, wenn er sich heute ausnahmslos kirchlich trauen läßt und die Ehe standesamtlich eingeht.

Bewiesen wird es jetzt wohl sein, daß die Zigeuner für die Religion nicht unempfänglich sind, wenn man sie am rechten Platz packt, d. h. in ihrer Sprache die Heilsbotschaft verkündet und im übrigen etwas Rücksicht nimmt auf ihre zigeunerischen Eigenarten. Kein Baum fällt auf den ersten Hieb. Die Erfahrungen würden diese Worte bestätigen. Nicht der angeblichen Unverbesserlichkeit der Zigeuner gebe man die Schuld, sondern der geringen Arbeit der Christenheit, die in dieser Beziehung so viel versäumt hat. Aber mit der Seelenrettung muß Hand in Hand gehen -- die Besserung der äußeren Umstände der Zigeuner. Der Erfolg würde ein überraschender sein. Daher weg mit der oberflächlichen Redensart: die Zigeuner sind nicht für Religion zu haben! Könnt ihr, die ihr dies so leichtherzig sagt, es ernstlich beweisen? Nein; nun so ist es jetzt höchste Zeit, deutsche Christen, dies Versäumnis endlich nachzuholen, damit eure Verantwortung nicht noch größer werde, als sie schon ist! #Tschatschopaha.#

* * * * *

Vor nun schon langen Jahren überwinterte eine Familie dieser »fahrenden« Leute in einem Schwarzwalddorf. Die Kinder mußten in die Schule gehen diesen Winter. Der älteste Knabe sollte im Frühjahr »aus der Schule kommen«, (_In die er doch so wenig »hineinkam«_.) Der Ort war evangelisch, der Schüler aber doch katholisch getauft. Dies war der Anlaß, daß, als er ¼ Jahr die evangelische Dorfschule besucht hatte, der katholische Pfarrer aus dem nahen Oberamtsstädtchen ihm das Billet für ¼ Jahr bezahlte zum katholischen Schulbesuch und zwar so lange, bis er »aus der Schule war« im Frühjahr. So war der Knabe auf doppelte Art ein »Fahrender«. Vom »fahrenden Volk« war er jetzt auch noch ein »fahrender Schüler«, indem er morgens in die katholische Schule in der Oberamtsstadt mit der Bahn fuhr und abends wieder zurück nachhause. Hier lernte er wirklich gute Menschen kennen und die Anteilnahme und Liebe für den verachteten Zigeuner tat ihm so wohl, daß er wünschte, immer so glücklich sein zu können. Die Eindrücke, die er hier durch den Umgang mit diesen braven Leuten empfing, blieben ihm in steter Erinnerung. Dies Glück war leider nicht von langer Dauer. Der Tag der Schulentlassung kam. Die Eltern des Knaben wollten schon lange -- kaum daß der Schnee schmolz und die liebe Sonne zu lächeln begann -- »weiterziehen«, um die durch den Winter unterbrochene Wanderung fortzusetzen. Ungeduldig wurde von ihnen der Schulentlassungstag erwartet -- der einzige Grund, der sie von der Reise zurückhielt. Der Knabe dagegen wünschte ihn noch weit, weit zurück. Vergebens -- nur zu schnell war er da! Wie der Knabe von edlen Wohltätern die Leibesnahrung in dieser Zeit erhielt, (da die Eltern, weil zu arm, ihm nichts mitgeben konnten), so erhielt er auch von ihnen alles, was zur Feier dieses Tages gehörte, Kleidung, Schuhe usw. Das Herz des Knaben war übervoll vor Glück, nicht allein wegen dem, daß er vielleicht zum erstenmal in seinem Leben so schmuck und proper dastand, sondern hauptsächlich der liebevollen Worte wegen, die von allen Seiten an ihn gerichtet wurden. So selten wie ein neuer »ganzer« Anzug, so selten war eine solche Anteilnahme von Menschen, die ihn sonst nur mit Verachtung behandelten, im Leben dieses Knaben! Seine große Freude konnte man ihm vom Gesicht ablesen, vollends als er mit den anderen »Konfirmanden« zu einem gemeinschaftlichen Mahl in das Pfarrhaus, mit dem Herrn Pfarrer und dessen Angehörigen, eingeladen wurde. Doch wollte ihn ein Gefühl der Traurigkeit beschleichen, als er die anderen Knaben betrachtete und hörte, wie sie sich gegenseitig mit Stolz und Freude erzählten, was sie werden wollten oder durften. Jeder hob die Vorzüge seines erwählten Berufes hervor und jeder glaubte, den besten erwählt zu haben. Hier saß der »fahrende« Knabe still! Hier konnte er nicht mitreden. Was er wohl wird? Niemand dachte daran, ihn auch einen Beruf wählen, lernen zu lassen! Hätte sich doch hier der Engel gefunden, den jeder Mensch haben muß, um etwas zu werden, etwas zu erreichen! Hätte sich hier eine rettende Hand gezeigt, und es wäre aus dem Knaben damals etwas ganz anderes geworden, als er jetzt ist!

Doch die beginnende Traurigkeit verschwand, als ein Spaziergang in den nahen Wald gemacht wurde, welcher die Feier und den schönen Tag beschloß. Es war ein wunderschöner Frühlingstag. Auf den grünen Wiesen blühten die Blumen. Auf den Bäumen keimten schon die Blüten, aus ihnen und von überall ertönte der Vögelschall. Alles war Freude, Lust und Leben! Nur zu schnell vergingen die fröhlichen Stunden dieses -- letzten Tages, den der Knabe unter diesen guten Menschen zubrachte. In seinem höchsten Glück -- wurde er jäh wieder von der rauhen Faust des unerbittlichen Schicksals zurückgerissen in sein -- altes Leben. Die Scheidestunde schlug. Man begleitete den Knaben an die Bahn. Die muntere Schar merkte in ihrer Fröhlichkeit nicht, wie traurig und leer es in seinem Herzen aussah. Ein letzter Händedruck, noch einige liebevolle, tröstende Abschiedsworte des guten, wahrhaft edlen Pfarrers, ein Tücherschwenken, ein Pfiff -- davon brauste der Zug. Der Abschied war schwer, der Knabe meinte, er ließe alles zurück, Liebe, Freude und Glück. Das Herz wollte ihm brechen vor Heimweh und Schmerz. Dunkel, grau lag die Zukunft vor ihm, -- ohne einem Strahl von Glück! Und er wäre doch so gerne glücklich gewesen! Bei seinen Leuten angekommen, war der Wagen schon längst gepackt. Eine letzte Nacht noch in einer Stube. Leer und öde grinste ihm die Zukunft aus allen Ecken des kahlen Zimmers entgegen. Leer und öde sah es in seinem jungen Herzen aus. Am Morgen, früh, nach einer durchweinten Nacht, ging es fort. Wohin?

Aber niemals konnte der Knabe diese glücklichste Zeit seines ganzen Lebens vergessen. Sein nachheriges bewegtes Leben konnte nie die Erinnerung daran auslöschen! Ebensowenig das Andenken an den wahrhaft guten und edlen Pfarrer, dessen Lehren, Worte und ehrwürdige Gestalt ihm immer und jetzt noch nach langen, langen Jahren, vor Augen steht. Besonders unvergeßlich bleibt ihm der Tag seiner Schulentlassung. Er war und ist der schönste und glücklichste seines Lebens. Oft und gern denkt er heute noch -- oder vielleicht gerade jetzt -- an diese frohe und glückliche Kindheits- und Jugendzeit zurück. Dieser Tag wird für die ganze Lebenszeit ein Lichtblick sein und bleiben für _Engelbert Wittich_!

#Tschatschopaha!#

»Hefte für Zigeunerkunde.«

Heft 1. =Urban, R.=, Die Sprache der Zigeuner in Deutschland. 30 Pfg.

" 2. =Wittich, E.=, Blicke in das Leben der Zigeuner. 40 Pfg.

" 3. =Bourgeois, Dr. H.=, Kurze Grammatik der mitteleuropäischen Zigeunersprache. 30 Pfg.

Über die Zigeuner ist schon viel geschrieben worden; aber diese Literatur hat bis jetzt nur kleine Kreise von Liebhabern und Fachinteressenten erreicht; dazu leidet sie unter dem Mißgeschick, daß sie schwer zu finden ist, meist nur durch Vermittelung von Antiquariatsangeboten. Ein großer Fortschritt ist zwar das seit 1907 neue Erscheinen des #Journal# der #Gypsy Lore Society#, in dem alles Wissenswerte über die Zigeuner sorgfältig gesammelt wird; aber dieses Unternehmen scheint sich in Deutschland nicht einzubürgern, und es herrscht bei uns nach wie vor eine bedauerliche Unkenntnis alles dessen, was die Zigeuner betrifft. Diese Unkenntnis ist mit schuld daran, daß unsere Gesetze und Behörden, die heute schon alle möglichen Volks- und Berufsklassen, ja selbst Tier- und Pflanzenwelt mit Recht und Schutz versehen, den Zigeunern gegenüber nur als rücksichtslose Feinde und Unterdrücker auftreten, -- daß die Kirchen und Vereine, die heute schon auf den entlegensten Gebieten alle denkbaren Liebeswerke ausüben, an den Zigeunern kühl vorübergehen, -- daß das Volk und auch die christlichen Kreise, die die Zigeuner mit einer Mischung aus Neugierde, Furcht und Teilnahme betrachten, doch noch nicht zum rechten christlichen Benehmen gegenüber den Zigeunern gekommen sind.

Die »Hefte für Zigeunerkunde« sollen diesen bedauerlichen Zuständen abhelfen. Sie wenden sich an alle offiziellen und privaten Kreise des deutschen Volkes in der festen Überzeugung, daß es nur ein wenig der Beschäftigung mit dem Zigeunertum bedarf, um diesem armen, heimatlosen Volk eine gerechtere Beurteilung und ernstliches Wohlwollen bei allen edel denkenden Deutschen zu erwirken. Die Folgen dieses Umschwunges würden den Zigeunern gewiß zum Segen und unserer in diesem Punkte bisher so hartherzigen Christenheit nicht zur Schande gereichen.

Ph. Tschoerner, Striegau

[Anmerkungen zur Transkription: Die Umlaute Ae, Oe und Ue wurden vereinheitlichend durch Ä, Ö, Ü ersetzt. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

S. 10: [Komma eingefügt] Löffeln), Haarschmuck S. 11: als halblinder -> als halbblinder S. 13: Feuerwerker prozudieren, wählen zur -> produzieren, wählen zu S. 22: [Vereinheitlicht] von ihm aus das »Todtenhemd« anhatte -> Totenhemd S. 22: [Komma eingefügt] heraus, #»praßte«# und schoß S. 24: [Komma eingefügt] »Gesundheittrinken«, »Prosit« S. 36: [Komma eingefügt] , daß eben dieser Gott

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen wurden folgendermaßen ersetzt:

Sperrung: _gesperrter Text_ Antiquaschrift: #Antiquatext# Fettschrift: =fett gedruckter Text= ]

[Transcriber's Note: The Umlauts Ae, Oe and Ue have been replaced by Ä, Ö, Ü. The table below lists all corrections applied to the original text.

p. 10: [added comma] Löffeln), Haarschmuck p. 11: als halblinder -> als halbblinder p. 13: Feuerwerker prozudieren, wählen zur -> produzieren, wählen zu p. 22: [normalized] von ihm aus das »Todtenhemd« anhatte -> Totenhemd p. 22: [added comma] heraus, #»praßte«# und schoß p. 24: [added comma] »Gesundheittrinken«, »Prosit« p. 36: [added comma] , daß eben dieser Gott

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Spaced-out: _spaced out text_ Antiqua: #text in Antiqua font# Bold face: =bold face text= ]