Part 3
Am nächsten Tag kam sie nicht ins Kontor. Wochenlang blieb sie fort. Er schrieb an sie, bettelte um eine Antwort. Ihre Mutter hielt sie zu Hause. Sie war still geworden. Sie litt an Schlaflosigkeit. Noch als sie ins Bureau ging die letzten Tage, meinte sie zur Mutter, sie höre feines Glöckchenklingen, auch tiefe summende Saitentöne, die in Harmonien abwechselten. Es war gar nicht lästig, sie hörte es recht gern. Sie wollte nicht auf die Straße gehen, blieb lieber im Zimmer; keinen Menschen als die Mutter mochte sie sehen. Und als einmal Valentin sie besuchte, durfte er sich ihr gegenübersetzen; nur daß er sie berührte, duldete sie nicht. Hinter ihm öffnete sie das Fenster. Ein plötzlicher Trieb kam über sie, sich nicht zu bewegen. Sie ging wenige Schritte im Zimmer liebevoll um sich herum. Die Mutter fragte einmal, ob sie sich nicht langweile. Sie setzte ihr den breiten Federhut auf, kleidete sie völlig und warm an. Sie lächelte zur Mutter: »Geh du mit aus.« Die faßte sie bei den Ellbogen: »Hast du eine Liebschaft, Toni? Kriegst schon einen anderen.« Sie gingen die Treppe hinunter und wieder hinauf. »Ich freue mich allein viel mehr mit meinen schönen Sachen.« Und wirklich saß sie oben in den Stuhl gesunken der Mutter gegenüber, plauderte schön und strahlend; sie strich über ihr Kleid. Das Weiße ihres Auges war sichtbar. Sie war viel beschäftigt, ohne zu wissen, womit. Oft wanderte sie im Zimmer herum mit glücklichem Gesicht, auf lautlosen Pantoffeln. Sie gönnte sich feierlich keine Beschäftigung. Spielte gedankenlos, gedankenvoll mit bunten Zeuglappen. Band sich nach und nach eine Puppe zusammen, eine sehr farbige Flickpuppe, ein kleines Mädchen, groß wie eine Hand, zeigte sie der Mutter, schmiegte sich an sie, bettete sie ein.
Unter dem Spiel und dem Plaudern wurde sie offener. Antonie half der Mutter träumerisch im Haushalt, begleitete sie bei Besorgungen. Valentin wünschte zu ihr; er saß ihr gebrochen gegenüber. Sie beobachtete ihn leer. Eine Freundin riet Antonie, ihn doch wegzuschicken.
Und eines Spätnachmittags stand Antonie am Fenster ihrer Dachwohnung, sah auf das Nachbargebäude. Je länger sie hinsah, um so wilder fuhren ihre Arme zusammen. Krampfhaft wand sie sich; sie beschattete ihre hellen Augen: »Ich will ihn wieder lieben können. Ich kann es nicht ohne ihn ertragen. Ich will dich wieder lieben können.« Am Abend hatte er einen Zettel von ihr. Sie waren allein. Das gräßlich geöffnete Gesicht stand vor seinem. Sie hielt ihn, fordernd: »Küß mich, küß mich!« »Nein, ich darf nicht, ich darf nicht.« »Der Arzt geht mich nichts an, Valentin. Der Arzt kann mich nicht tot und nicht lebendig machen.« Die bibbernden zwei umarmten sich. Sie biß sich in seine Lippen fest. Und dann biß er nach ihrer, Valentin torkelte. Eine Schlange umwand sie in einer steinernen Spirale, rollte sie hin, ließ sie liegen.
Als die Mutter am nächsten Morgen den braunen Schal sich über den Kopf schlug, um waschen zu gehen, kam Antonie verschlafen aus dem Bett gekrochen, zog die Frau am Arm zu sich her und ließ sich von ihr streicheln: »Mir fehlt gar nichts mehr, Mutter; ich gehe ins Geschäft.« »Hast du dich mit Valentin vertragen?«
Nach einer langen Pause, während es schien, als ob sie wieder einschliefe, sagte Antonie: »Ich denke schon.«
Im Geschäft war sie träge, sinnierte herum, blieb schließlich weg. Sie mischte sich unter die kleinen Fabrikmädchen, die abends in der Brunnenstraße und Chausseestraße tanzen gingen, sagte nie Valentin davon. Sie stand neugierig und mit verschämter Miene um elf Uhr abends an dunklen Häuserecken mit zweifelhaften Damen, die ihr mit Witzeleien zuredeten. Antonie horchte sie aus, betrachtete sie, ließ sich in Cafés von Männern begleiten und lief dann weg. Stiller und stiller kam sie von solchen Spaziergängen nach Hause; ihre Schlaflosigkeit fing wieder an.
Damals begannen die ersten Erscheinungen eines sonderbaren Nachtwandelns bei ihr. Ihre kleine Puppe in der Hand, schlich sie im Hemd bei völliger Finsternis durch Stube und Küche, an der schnarchenden Mutter vorbei über den Korridor und wieder zurück. Keine Diele krachte, vorsichtig setzte sie die nackten Füße, keinen Stuhl stieß sie an. Sie flüsterte zu der Puppe, die sie an ihren Mund hochschwenkte: »Nimmst du mich mit? Du bist gut. Mit dir geh ich. Hupf auf meinen Arm und sei recht lieb zu mir. Mit dir geh ich aus. Ja, kannst dich ruhig auf die Hemdkrause setzen. Du bist so schön, so schön zu mir. Mit wem kann man so schön sein wie mit mir?«
Einmal erwachte die Mutter darunter, daß Antonie seufzend am Fenster rüttelte, das nicht gleich aufsprang. Sie brachte die Träumerin wortlos zu Bett, die nach einigem Stammeln unruhig einschlief.
Zu Valentin war Antonie in dieser Zeit gleichmäßig freundlich. Er kam heimlich oft zu ihr; als er sie einmal fragte, wann sie heiraten wollten, sagte sie, wozu das sei, wessen es noch zwischen ihnen bedürfe. Und immer ungeduldiger wartete sie, wenn er wegging, daß es ganz finster würde. Willenlos umarmte sie ihn und war gut zu ihm; wenn er fort war, stöhnte sie jammervoll, bestrich ihren kleinen runden Spiegel mit Seife, so daß sie sich nicht sah, steckte die Gardinen vor dem Fenster zusammen. Die Mutter tappte im Dunkeln durch die Küche herein: »Bist du da, Toni?« »Willst du die Toni sehen, Mutter?« Und während die Frau mit der Petroleumlampe herkam, hielt sie ihr den kleinen Zeuglappen, die Puppe, tränenübergossen hin: »Das ist die Toni. Das ist meine kleine, süße Toni. Nicht, Mutter, das soll unsere kleine süße Toni sein?« Sie lachte und schmeichelte dem Lumpen; die alte Frau lachte mit.
Und eines späten Abends brannte das elektrische Licht vor einem neueröffneten Tingeltangel in der Hussitenstraße. Es war strenger Frost; in ihrem schwarzen Tuchmantel, die Kappe auf dem Haar, lief die kleine Polin in eine Häusernische und sah mit zwei heftig kichernden und kreischenden Mädchen zu den grell plakatierten Schaufenstern herüber. Da drehte sich drüben die Tür; untergefaßt zogen drei bunte Damen mit zwei Herren über den schmutzigen Damm, in einer Reihe. Der eine Herr tänzelte graziös; er hatte ein gedunsenes glührotes Gesicht und verlor oft zum allgemeinen Vergnügen einen Gummischuh; ein rosa Taschentuch stand malerisch vor seinem zerknäulten Ulster. Es war Priebe. Antonie ging taumlig ein paar Schritte auf die Gruppe zu, drückte sich, die Muffe vor der Stirn, in einen dunklen Hauseingang. Der amüsierte Herr griff mit feuchter Hand über ihr Ohr, zerrte eine Haarsträhne; im Vorübergehen stotterte er: »Alle Kinder sollen mitkommen. Ihr braucht euch vor mir nicht zu fürchten.«
Drei Uhr mitten in der Nacht gröhlten sie im Hofe von Valentin zweistimmig Lieder; dann gedämpft zu Ehren seiner Braut, wie Herr Priebe sagte, den Schlager: »Nimm mich mit, nimm mich mit, in dein Kämmerlein.« Und während sie, Männchen und Weibchen, im Kreise flöteten, kam in dem grellen Mondschein oben aus der Dachluke ein Kopf mit schwarzem losen Haar hervor, bloßer Hals, rot durchwirkter Hemdrand, schob sich im weißen Unterrock ein Körper durch das Fenster auf die Dachrinne. Tappte mit unregelmäßigem Schritt die Regenrinne entlang; bloße Füße; an ihrer Hand, vor ihrem Rock zappelte etwas Schwarzes, Kleines.
Herr Priebe imitierte eben mit Damenstimme: »Ach, wenn das der Petrus wüßte.«
Da scharrte es vom Dach. Der Kassierer Lorenz, ein pickliges Biergesicht, blickte zuerst auf. Ein weißer Haufen, ausgestreckte Beine ohne Strümpfe, kam dicht vor der Front des Hinterhauses herunter, polterte gegen ein Blumenbrett auf einen Mülleimerdeckel, klatschte saftvoll dick und breit auf. Über die niedrige Feuermauer spritzte es klebrig, weiß; auf der Mauer blieb etwas Dunkles, Lappiges liegen.
»Es ist einer aus dem Fenster gefallen.« Die fünf bewegungslos. Herr Lorenz wischte sich die Lippen ab. »Wo war das?« gellte ein Fräulein; die rannte heulend über den Hof zum Tor, die beiden anderen nach. »Ich kann so was nicht sehen,« murmelte Herr Priebe, »mir wird ganz schlecht; ich leg' mich schlafen.« Im Hause klapperte es, wurden Fenster hell. Valentin bewegte die Lippen, was nun wirklich gewesen wäre, zitterte die Treppe hinauf in seine Wohnung, hüllte sich bis über die Ohren ein: »Ich will von dem ganzen Hause nichts wissen; ach, mir ist schlecht. Umziehen, umziehen.«
Morgens im Finsteren klopfte Antoniens Mutter bei Priebe an, schrie und schluchzte am ungeheizten Ofen, der Fensterriegel sei nicht zu gewesen in der Nacht, sie hätte es vergessen am Abend. Sie hielt auch einen alten Zettel von Antonie in der Faust; auf dem stand, Valentin solle ihre Puppe nicht bekommen, wenn sie wieder krank würde. »Da ist nun der Lumpen. Kommen Sie doch bloß mal rauf zu uns, Herr Priebe.« Valentin riß die kleine Ella bei der Schulter herum; sie solle ausspucken hinter der Frau; den Vater fuhr er an, wie er die Tür vor sowas aufmachen könne. Das Kind bockte: »Gerade machen wir die Tür auf.«
Nachdem man in der folgenden Woche Valentin nahegelegt hatte im Bureau, wegen seines maßlosen Brüllens mit dem Personal und wegen des unmotivierten Herumskandalierens in Urlaub zu gehen, zog er, ohne sich von Vater und Schwester zu verabschieden, nach der Woltersdorfer Schleuse und nahm ein möbliertes Zimmer. Der Wirtin erzählte er, man habe ihn beneidet in Berlin und ihn für einige Zeit kaltstellen wollen, natürlich Weibergeschichten, die unvermeidlichen Weibergeschichten; drei Wochen würde er bleiben. Er sprudelte in anklagender Rede von Gemeinheiten, Ruchlosigkeiten, die man gegen ihn begangen habe. In einer Sofaecke im dunklen Zimmer brummelte er, holte die Puppe zur Spielerei aus seinem Koffer. Der Wirtin erklärte er, man müsse sich mangels anderer Gesellschaft irgendwie unterhalten. Heiß schluchzend überfiel er den scheckigen Lumpen, pfiff: »Wir haben uns mit solchen Sachen aufzuhalten, Toni, wir könnten ganz anderes im Kopfe haben.« Trostlos und verzweifelt weinte er drin so laut, daß die Wirtin ein Kreuz vor der Tür schlug.
Als die Frau beim Richten ihrer Resedenstöcke sagte: »Sie werden die Sachen schon überwinden,« meinte er mit schiefem Grinsen: »Wir haben Kräfte, liebe Frau. Was glauben Sie von uns? Wir werden das den Leuten heimzahlen mit Zins und Zinseszins. Lassen Sie uns mal wieder zu Haus sein.« Und er sang so schön: »Wenn das der Petrus wüßte,« daß die Wirtin mit dem Kopf nickte: »Gott, haben Sie eine Stimme, Herr Priebe.«
Er dampfte schon nach zwei Wochen, Ende April, ab: »Der Landaufenthalt ist nichts für Berliner, wenigstens nicht für mich.«
Er packte zu Hause seine Sachen in den Schrank, kaufte sich einen grünen Schlips, einen Lavallier, der offen vor der Weste wehen konnte. Für elf Uhr abends verabredete er sich mit seinem Freund Lorenz, dem Kassierer. Er pomadisierte sich, als man drin schlief, zog neue graue Gamaschen über die Schuhe, schraubte die Hängelampe hoch, um sich vor dem Spiegel an seinen Bewegungen zu erfreuen.
Da sah er aus dem schweren Holzkoffer einen Puppenarm ragen. Er kehrte dem Koffer den Rücken, rümpfte die Nase, sprang nach kurzem Herumstehen auf den Koffer zu, stopfte den Arm zurück. Wie er die Bartbinde abnahm und schräg nach hinten sah, ragte der Arm wieder hervor. Valentin riß den Deckel hoch, schmiß die Puppe in die Mitte des Wäschebündels, schniefte gehässig: »Den Dreck werd' ich dir. Dich rausholen. Die Zeiten sind vorüber. Den Dreck. Rin in die Kommode.« Der Deckel schmetterte herunter. Im Spiegel sah er bewegungslos, wie der Deckel zitterte, sich langsam hob, die Puppe durch die Spalte auf ein Handtuch am Boden raschelte. Mit plumpen Schritten, die Arme in Boxerstellung, bewegte sich Valentin in Hemdsärmeln auf das Handtuch: »Zeitversäumnis! Gemeiner Ulk!« Wie ein Stehaufmännchen wippte die Puppe auf der Diele, fiel wieder hin. Valentin gegen sie her. Sie schnellte, zappelte, kam vorwärts. Als er wuchtig über sie stürzte, stand sie am Spind, schlüpfte in den weißen Mondschein, glitt leicht gegen die Tür. Knarrte die Schwelle; mit einmal war die Puppe nicht mehr im Zimmer.
Den Hut stülpte Valentin wutgeschwollen auf den glattgekämmten Schädel, schlug auf die Türklinke. Da schwang sich am Treppenabsatz das feine Geschöpf grade über das finstere Geländer.
Er stand im kalten Luftzug im Türrahmen, die Jacke unter dem linken Arm, der Riemen einer Gamasche hing. Er winselte, die Schultern senkend: »Heiliger Gott, was soll das? Soll ich Vatern wecken?« schlich schon die Stufen herunter, dem schleifenden Geräusch nach. Wie er durch den langen Hausflur stolperte, flüsterte er: »Du, du, halt, bleib doch stehen. Ich -- ich hab' nichts getan. Ich nehme dich mit zu Lorenz.«
Nach, nach.
Hagelwetter in der Brunnenstraße. An der Gaslaterne schlüpfte sie im Bogen herum. Große Schritte machte er schon, sie immer größere. Sie wuchs, war wie ein Junge, wie ein Mann. Stralsunderstraße. Er schwenkte seine Jacke in der Linken, schluckte Hagelkörner.
Sie bog in die Hussitenstraße ein, hielt an der Ecke an, war breit wie ein Pferd. Er lief auf sie auf, saß, wie sie sich duckte, schwankend auf ihren Schultern fest. Sie rannte mit ihm fort.
Er biß in ihren Kopf. An der Sebastiankirche hörte er die ersten grunzenden Laute von unten, schüttelte an ihrem Hals, wimmerte: »Ich will ja ehrlich sein.«
Höhnend kam es herauf: »Willst du das, willst du das?«
»Du kannst mich nach Hause lassen. Was hab' ich schon ausgehalten.«
»Noch nicht genug.«
Sie rasten vorbei an einem Schutzmann; der schnaubte sich die Nase. »Was hat der Mensch für einen Gang am Leibe! Hoppa, hoppa, Reiter.«
Valentin wollte den Schutzmann anrufen, es ging zu rasch. Er heulte in den Wind. »Ich verlier' meinen Hut.«
»Brauchst keinen Hut.«
»Meine Jacke, meinen Kragen.«
»Kannst nackt kommen.«
Greinend schlug Valentin die Hände vor die roten Augen: »Ich will nichts mehr wissen von diesen Sachen. Werd' ich doch mal den kleinen Lorenz fragen, was er dazu meint.«
Die Gleise der Maschinenfabrik tauchten auf, ganz in Finsternis gelagert. Valentin brüllte, warf sich: »Keiner hilft, keiner hilft.« Die Puppe hielt ihn fest wie Kautschuk. Und während er kratzte, mit Armen und Beinen in den weichen Massen wühlte und sich wand auf seinem Sitz, kam der schwarze Humboldthain heran, menschenleer, mit Eisengeländern, starren Bäumen.
»Hi, hi, hi!« würgte er. Dröhnend lachte die Puppe: »Nimmst mich mit zu Lorenz?«
Der leere Vorplatz. Der tintige Teich dehnte sich. Sie lockerte seine Beine; schnellte zusammen. Mit einem Ruck sauste er kopfüber in das Wasser.
Sie stürzte sich glucksend nach. Er schluckte hochsteigend. »Ich sterbe schon, laß mich los.« Wie ein Schlagbaum lang war ihr Arm, mit dem sie sich unter das Wasser drückte: »Es fängt erst an! Verlogener Hund!« Das Wasser spritzte nach allen Seiten; sprudelte, gurgelte minutenlang. »Verfaulen sollte ich dich lassen.«
Schräg über den Teich prasselte der Hagel in der Finsternis.
Der Ritter Blaubart
Der Ritter Blaubart
Hinter der dünnen Birkenreihe, welche die Stadt von Norden her umsäumte, zog eine wellige Ebene dem Meer zu, wenig mit niedrigen Kiefern und Strauchwerk besetzt. Kein Weg führte aus dem Durchbruch der Stadt gerade hindurch zum Strand, der kaum zwei Stunden entfernt war; eine Kleinbahn umfuhr die Einöde in weitem Bogen. In vielen Senkungen der Ebene stand der Sumpf, schwarz und steif wie Leim; Ratten und Kröten hausten hier; öfter stieß ein Häher durch die Luft, schlug ein Weichtier an.
Wo sich die Hügelreihe am stärksten erhob, ragten quadratische und unförmige Steinblöcke scharf auf, Reste verwitterter Klippen. Die See hatte sich früher über das Land gestreckt; jetzt lag die Ebene verstört da; Meer und Erde wandten sich von ihr ab.
Diese Fläche war vor Jahren auf eine sonderbare Weise in den Besitz eines Barons Paolo di Selvi gekommen. Er war von einer Weltreise durch den Sund in die See gesteuert, um in der Stadt den Vater seines ersten Bootsmanns zu besuchen, der unter dem Äquator dem Schwarzwasserfieber erlegen war. Er stieg ans Land, sprühend von Laune, träumerisch, eroberungssicher. Breitschultrig ging er mit den leicht gebogenen Beinen des Reiters über die Anlegebretter. Der Wind pfiff scharf an dem Morgen, warf ihm die schiefsitzende Mütze mit einem glatten Schlag ins Wasser, so daß er barhäuptig und lachend unter seinen Leuten stand, die das böse Omen entsetzte. Seine Augen waren schräg gestellt, standen dicht an der Nase, die klein und stumpf war und mit ihrer Wurzel tief einsetzte. Die klaren, hellgrauen Augen stimmten schlecht zu dem Mund von mädchenhafter Weiche, zu der Sanftheit seiner Stirne. Er ritt auf einem schwarzen Hengst hinter einem Maultiergespann den weiten Umweg nach der Stadt. Zwei Truhen schleppte man zu dem alten Mann, den er suchte, eine mit Andenken und allem Nachlaß des Toten, die andere mit japanischer Seide und sibirischem Pelzwerk. Kaum zwei Stunden blieb er in der Stadt. Dann trabte er pfeifend und lachend, seine Mütze schwenkend, allein zurück, unkundig der Gegend, den kurzen Weg durch die Ebene.
Es ist nichts bekannt über die Vorgänge in der Ebene an diesem Mittag. Der Baron muß schon beim Eintritt in die Einöde vom Pferd abgesessen sein und sich zu Fuß durch den Sand und Morast gemacht haben. Beim nächsten Morgengrauen fand man den Vermißten besinnungslos auf der weißen Klippe liegen, lang auf dem Rücken ausgestreckt, über und über mit Lehm bedeckt, als sei er gestürzt und hätte sich um sich gerollt auf einer Flucht, das Gesicht geschwollen wie verbrannt, unter Bläschen glühend. Auch der Ärmel über seiner rechten Hand und die rechte Schulter war versengt. Man lagerte den Ohnmächtigen auf eine Bahre, trug ihn schräg herüber zur Chaussee, wo man ihn auf einem Heuwagen in die Stadt fuhr. Die wunden Flächen heilten. Der Baron sprach nicht; er schien nicht sicher zu wissen, was ihm geschehen war. Nur sahen die Krankenschwestern, daß seine Augen gegen Abend einen entsetzten Ausdruck annahmen, daß er den rechten Arm, die rechte Schulter wie zur Abwehr in die Höhe hob, sich duckte, versteckte, hinsank und trostlos wimmerte.
Als er genesen war, schenkte er die Jacht seinem ersten Steuermann, entließ die Leute und zog in die Stadt.
Zuerst bewohnte er ein Haus im Süden, ganz im Freien. Er pflog mit keinem Menschen Verkehr, viele Singvögel umgaben ihn. Nach einigen Monaten zog er an die Stadtmauer in eine ganz alte Wohnung, die einen Blick auf die dunstige Heide gewährte. Auf der Stadtmauer spazierte nun und saß der unzugängliche völlig veränderte Mann oder ritt auf der Chaussee langsam zum Meer.
Bis er nach Jahresfrist einmal frühmorgens durch die Straßen der Stadt ging, auf dem Marktplatz nach dem Baumeister fragte und diesen dann beauftragte mit kurzen Worten, ihm in der Heide auf der höchsten Anhöhe um die Klippe herum ein Wohnhaus zu bauen. Der Baumeister brauche sich nicht beeilen, sagte er, indem er die Arme verschränkte. Es solle ein Schloß werden, heimlich, weitläufig, mit vielem festlichem Schmuck, denn er wolle in sechs Monaten seine Gemahlin heimführen.
So zogen die Wegebauer in die entsetzliche Heide, stampften von der Chaussee her einen sicheren Weg nach der Klippe. Maurer fuhren lärmend an, planten den Hügel ab, gruben Pfeiler ein. Sie umbauten den Felsen, der sich bis zum ersten Stock des Hauses erhob und frei in die Zimmer ragte. Ein weitgedehntes Gebäude aus grauem Kalkstein richteten sie auf, mit bunten Fenstern, zierlichen Türmen. Mitten in der Einöde erhob sich das Schloß, zum Gelächter der Bauleute, zum Kopfschütteln der Städter.
Knapp einen Monat, nachdem Zimmer und Wände mit Kostbarkeiten gefüllt waren, führte der Baron eine fremde junge Frau in sein Schloß. Sie erschien einmal im Theater der Stadt, die Portugiesin, ein braunes, kindliches Wesen, das nicht vom Arm des Mannes wich. Der lachte wie früher, bezauberte alle. Sie tanzten an dem Abend im Bürgersaal. Der Baron spitzte seinen Mund und pfiff im Tanz. Er strich den braunen Vollbart, zeigte spottend die Brandnarben seiner rechten Hand. Das zweite Mal, daß man von der Portugiesin hörte, war eine Woche später, als ein reitender Bote nachts vom Schloß her jagte, dem Arzt die Tür einschlug, ihn nach der Heide schleppte an die Leiche der jungen Frau. Sie lag mit blaurotem Gesicht im Nachtkleid auf dem dunklen Korridor vor ihrem Zimmer. Neben ihr lag zerbrochen Leuchter und Kerze, mit denen sie gegangen war.
Der Baron folgte der Untersuchung des Arztes mit starren Augen. Keine Miene verzog er, keine Frage beantwortete er. Aus den Worten einer schluchzenden Zofe hörte der Arzt von einem Herzleiden der fremden Frau. Er knöpfte seinen Pelz zu; sie war wohl einer Lungenembolie erlegen.
Nach drei Wochen erschien der Baron wieder in der Stadt. Man lud ihn zu Gesellschaften. Oft und öfter ritt er in die Stadt, er fuhr zur Jagd, beteiligte sich an Rennen, saß abends beim Wein, erzählte versunken von seinen Fahrten und Abenteuern. Lange Zeit sah man ihn schwärmend, träumerisch mit den Soldaten und Seeleuten der Stadt. Er fuhr eines Märztages mit einigen von ihnen wieder in See. Es kam nach einem halben Jahr ein Brief von ihm an bei dem Verwalter seines Schlosses, daß die Wohngemächer grün auszuschlagen und grüne Läufer zu legen seien. Im Damenzimmer sollten Orchideen gesetzt werden.
Er kehrte zurück. Wieder führte er eine junge, fremde Frau auf sein Schloß. Diese hat kein Städter gesehen. Eines Morgens lag sie im schwarzen Reitkleid, den Schleier vor dem stolzen, weißen Gesicht, eine Gerte in der Hand, tot auf dem Hofe des Schlosses.
Im Volk, bei den Schiffern und Vorstadtarbeitern, munkelte man, wenn der finstere Baron im schwarzen Ledermantel vorüberritt. Die Kinder schrien vor ihm auf, schossen mit dem Katapult auf seinen Hengst.
Die Tochter eines Ratsherrn, ein schmächtiges, hellblondes Mädchen, sah ihm vom Fenster nach. Ihr traten Tränen in die taubengrauen Augen, wenn die Männer grimmig von dem schwarzen Ritter sprachen. Sie weinte in ihrem Zimmer um ihn, war eines Tages auf seinem Schloß und wurde seine Frau. Alle angstvollen Beschwörungen der Verwandten konnten dies nicht verhindern.
Scharen von tobenden Menschen aber wälzten sich über den dunklen Weg nach dem Schloß, noch ehe ein Monat verstrichen war, als man die Leiche des süßen Geschöpfes eines Abends an dem Tor des Schlosses nahe dem Weg zur Chaussee fand. Die Polizei umringte das Schloß, nahm den Baron in Haft. Das Gericht verfügte die Ausgrabung der beiden ersten Frauen, die genaue chemische Untersuchung der drei Leichen auf Giftstoffe. Die Analyse war ohne Ergebnis. Der Baron wurde auf freien Fuß gesetzt. Das Volk streckte die Hände nach ihm aus, wollte ihn zerreißen, als er zusammengesunken, den Revolver in der rechten Hand; langsam nach der Heide hinausritt.
Von nun an mied er die Stadt völlig. Hauste allein in der Heide. Nur sein Reichtum hielt die Dienerschaft im Schloß zurück.
Da landete eines Tages eine kleine Jacht vor der Stadt. Ein silbernes Horn blies über die Heide; Miß Ilsebill kutschierte ein Schimmelgespann durch die glatte Chaussee nach der Stadt. In dem Gasthof am Markt logierte sie sich ein.
Fragte den Wirt nach dem Baron Paolo und seinem verrufenen Schloß. Fragte zum zweiten, ob jetzt noch eine Frau bei ihm wäre. Fragte zum dritten, wo sie ihn sehen könne.
Bei den Rennen, morgen in Stirming.
Frühmorgens rüstete man das Gespann. Der Groom stieg auf den Bock. Auf dem Polster schaukelte Miß Ilsebill.
Die schnurgraden Alleen herunter sausten die Automobile. Lenkten in weitem Bogen vor das Portal der Rennbahn. Der Himmel stahlblau. Es wehte sommerliche Luft. Die Menschen drängten auf die Rennbahn, füllten die Tribüne um den weiten, grünen Rasen. Lärm der Stimmen und Gefährte brauste, ein Riesenvogel über die leere Fläche.