Part 1
Alfred Döblin
Blaubart und Miß Ilsebill
Mit Steinzeichnungen von Carl Rabus
Berlin 1923 Hans Heinrich Tillgner Verlag
Copyright 1923 by Hans Heinrich Tillgner Verlag in Berlin.
Inhalt
Das verwerfliche Schwein Die Nachtwandlerin Der Ritter Blaubart Die Segelfahrt
Das verwerfliche Schwein
Das verwerfliche Schwein
Hubert Feuchtedengel, -- Neuromanist und die zweiundvierzigtausend Mark seiner Erbschaft verfressend, aussaufend, drauf vier Jahre verheiratet, bis ihn seine Frau verstößt, weil er nur wöchentlich einmal anschwimmt zum Verschnarchen, Verschnaufen und zu einem Reinigungsbad, dann Mediziner auf Pump und Stipendien sechzehn lange Semester, bis das goldene Staatsexamen reift, achtunddreißig Jahr und nicht wenige Monate alt, -- bringt es so weit, daß er Medizinalpraktikant in einem lothringischen Bezirkskrankenhäuschen wird. Inzwischen hat sich bei ihm ein exquisiter Fimmel etabliert.
Er sieht am grauen Morgen einen Bandwurm klar vor seinen geistigen Augen, mit unzähligen regsamen, windenden Gliedern, eierlegend, eierstreuend, eierregnend; in einem Bad kleiner tropfenartiger Eier bewegt sich das Vieh stolz, zieht hin. Dann erhebt sich der Beobachter vom Bett, steigt gedankenvoll zu einem Romanisten aufs Zimmer; sprechen braucht er nicht; der andere weiß schon: der Bandwurm ist da. Als keiner gefunden wird von einem älteren Zechgenossen, verschwindet Hubert nach Greifswald, erscheint nach Jahren wieder in Süddeutschland als selbstdenkender Mediziner. Jetzt weiß er: er hat keinen Bandwurm; was man vor Augen sieht am frühen Morgen, ist kein Bandwurm sondern Blutandrang. Und im lothringischen Hospital gelangt er zu der abschließenden wissenschaftlichen Überzeugung, daß es sich bei ihm um Sepsis, um Blutvergiftung handelt, beschränkt auf den Kopf; zweifellos um einen Fimmel, aber auf Sepsis beruhend.
Sein Assistenzarzt heißt Werner Strick. Das ist ein Gewaltmensch. Feuchtedengel imponiert ihm nicht, aber sie sind Duzbrüder. Neben dem rotgesichtigen hochwüchsigen Strick, der bei der Visite mit Sporen steigt, die zutrauliche gutmütige beleibte Gestalt seines Medizinalpraktikanten, Krankenjournale vor der kurzen Stülpnase, drüber her auf die Betten glotzend, dampfend vor Eifer.
Nach zwei Monaten konsultiert im schwarzen Gehrock nachmittags ein halb fünf Uhr vor der Stationsvisite Feuchtedengel seinen Chef wegen Hirnsepsis. Erklärt sofort, zahlen zu wollen, will wie ein gewöhnlicher Patient behandelt werden. Strick zieht sich die Stiefel an, wobei ihm sein Patient hilft, nimmt den erregten Besucher unter den Arm, setzt ihn im weißgestrichenen Untersuchungszimmer auf einen Eisenstuhl. »Zunge heraus!« »Aufstehen, Fußspitzen zusammen, Augen zu!« »Augen zu!« »Romberg negativ.« Zieht die schweren braunen Vorhänge zu, steckt hinter Feuchtedengels Rücken die Küchenlampe an, spiegelt seine Augen. Nichts zu finden. »Schlaf dich aus, Kerl. Geh nach Hause, Kerl!«
Nach drei Wochen schwimmt Hubert wieder an im schwarzen bauchumspannenden Gehrock. Sein Chef schmeißt ihm zwei Sporenstiefel vor die Beine. Hubert knaut, ist gedrückt, stellt die Stiefel auf, bleibt demütig an der Tür. Die Krücke des Spazierstockes fliegt gegen ihn. Drei Tage ist er Luft für seinen Herrn.
Schneevoller Winter. Silvesternacht. Sie versöhnen sich im jubelnden Bahnhofslokal. Frühmorgens fünf ziehen sie aufrecht aus der Wirtschaft die Neubrückenstraße herunter durch die Kapellenstraße. Feuchtedengel kann seine Überzeugung nicht zurückhalten. Also die Medizin, sagt er, entwickelt sich, aber schwach; es gibt eine umschriebene lokalisierte Sepsis; man kann sie haben, man kann sie lange Zeit haben. Werner Strick hat seinen Paletot im Bahnhof liegen lassen, geht in einer Flauschjacke, trägt die Reitpeitsche. Er schickt den Schwaben nach der Bahn; als er den Paletot hat, der Dicke ihn wieder demütig angafft, gerät er in Stinkwut über Hubert Feuchtedengel, seinen Medizinalpraktikanten. Haut ihm den steifen Hut ein, spuckt auf das schwarze Brückengeländer, schimpft vor sich. Wie sie weiter marschieren, flucht Strick. Er habe genug von der Sache. Beißt auf seine Zigarre: »Du Schwein. Du verwerfliches Schwein. Du bist ja ein ganz verwerfliches Schwein. Jetzt aber, jetzt sollst du was sehen. Jetzt kommst du mit. Jetzt hast du deine Sepsis und wirst behandelt. Verstehst du, Kerl?«
Feuchtedengel ist einverstanden, seine Augen tränen vor Entzücken, er ist vor Rührung nicht imstande, den Hut auszubeulen. »Kerl,« flucht Strick weiter, kaut an seinem kalten Stengel, »Kerl, Kerl, dich werden wir kriegen.« Klirrt mit den Sporen, stubbst am Kino den Plakatständer um.
Im Doktorzimmer, mit der Linken Licht knipsend, schubbst der Assistenzarzt den Barhäuptigen gegen die Chaiselongue, streift sich die Ärmel auf. Der Dicke unsicher: »Ziehst du nicht den Mantel aus? Wollen wir die Schwester wecken?«
»Nun legst dich hin und hälst die Goschen, Luder damisches.« Strick raucht krampfhaft, schluckt, sucht im Arzneischrank.
»Kriegst eins reingefuhrwerkt,« giftet er seinen Schüler an, »daß du platzst. Kollargol, für deine kreuzdämliche Sepsis. Wieviel willst du denn?«
»Fünf Gramm,« lächelte der glückliche Hubert; beschaut schmunzelnd seine geschwollenen Armvenen.
»Nimm den Arm runter, ist noch nicht so weit. Fünf Gramm kannst ins Gesicht kriegen von mir. Fünfzehn krieste. Zwanzig, wenn du nicht 's Maul gleich zumachst. Spuck dir rein, du verwerfliches Subjekt.«
Werner Strick vom Schrank weg, bürstet, wäscht sich im Paletot in den mächtigen Operationsschüsseln. Sein schwarzer Hut schwankt bei der wuchtigen Tätigkeit. Geheimnisvoll von hinten Feuchtedengel, aus himmelnden Äuglein zu seinem Chef: »Fünfundzwanzig Gramm. Ich vertrag es. Ehrenwort. Viel muß man bei mir geben. Über die Maximaldose.«
Verächtlich schweigt der Chef. Das Sublimat spritzt, über die Schüssel hinweg springt der Hut. Der Schwabe rückt an, will gebückt unten den Hut fassen, kriegt von der Seite einen Tritt in die Weiche.
Massig steht mit der großen Zwanziggrammspritze aus Glas der qualmende Mensch vor dem rotbäckigen Medizinalpraktikanten, der auf dem Untersuchungsstuhl sitzt, den linken bloßen Arm, mit Gummi abgeschnürt, triumphierend hinstreckend. Hubert bebt vor Freude, läßt sich nichts merken. Dreht den Kopf von Strick ab gegen die Wand. »Das schöne Bild«, schwabbelt er schämig, »in der Klosterküche. _The monastery kitchen_, _cuisine de monastère_. Soviel Mönche und bloß ein Kalb.«
Von oben faucht Werner: »Schwein, wieviel willste haben?«
»Fünfundzwanzig,« stöhnt Hubert, kann es sich nicht versagen, bettelnd den Arm des andern zu berühren.
Spießt sich die Kanüle in die strotzende Vene, der Stempel der Spritze sinkt, die dicke schwärzlichbraune Flüssigkeit vermindert sich.
Hubert, eisern den Unterarm auf die Lehne drückend, knurrt, brüllt, schreit von innen heraus, gräbt seine Stimme aus der Tiefe der Brust, windet Gesäß, Rumpf, Schultern auf dem Stuhl, zieht das Gesicht lang, reißt die Lider hoch, die Stirn voller Querfalten. Der Arm ist ein Tier, das sich in ihn verbissen hat; er will weg davon. Keucht: »Mehr, mehr, Werner, gib nicht nach, laß nicht nach.« Seine Füße treten mit den Spitzen den Boden.
»Fünfzehn, du hältst das Maul, achtzehn, neunzehn, kommst nicht weg, Junge, zwanzig, noch lange nicht, zweiundzwanzig; jawohl, vierundzwanzig. Da wären wir.«
Dreht ihm den Rücken; bläst, geht an die Wasserleitung. Ein Trampeln hinter ihm beginnt.
Hohes, tönendes Luftziehen, Sekunden Stille, dumpfes Krachen, Hinklatschen, Poltern, Bersten, Splittern, Stille. Stille.
Über den weißen Steinfliesen schwarz und ungefüg das quadratisch geschwollene, baumlange Untier, der Dickwanst, bäuchlings hingestreckt, die Stuhllehne zerquetscht unter der Brust, ein Stuhlbein von unten aufragend zwischen den Knien wie ein schräger Fahnenmast.
»Der Lump!« triumphierend Strick am Wasser, schlägt sich den Schenkel mit der nassen Handfläche, »fünfundzwanzig Gramm! Hab' ich gesagt! Dreißig! Warum nicht vierzig! -- Häh, verruchtes Subjekt. Hähä.« Stampft näher: »Häh, die Zunge! Streck' die Zunge raus, Kerl!«
Der bewegt sich nicht.
Brüllend schüttelt Strick mit Lachsalven den Körper: »Die Zunge raus. Biste tot, dann biste tot.« Zieht sich den Paletot aus. Der Körper bewegt die Finger; die Knie krümmen sich, das Stuhlbein wackelt leicht. Strick zieht sich wieder den Paletot an, schüttet die Sublimatschüssel aus, schleudert Wassermassen aus zwei vollen Schüsseln gegen den Hinterkopf des Körpers quer durch den Raum.
Das Stuhlbein bleibt stehen.
Der Wasserstrahl braust in den Behälter. Schüssel auf Schüssel wirft immer zorniger Strick über den Körper. Wutglühend schmeißt er Schüssel samt überschwappendem Wasser gegen die schwarze ungerührte Masse: »Da hast du den ganzen Salat. Das halbe Meer! Am besten, man buddelt dich gleich ein.«
Leitung abgestellt, Licht ausgedreht, Strick trampst türeschmetternd auf sein Zimmer.
Wie er sich das Nachthemd überziehen will, kommt es die Treppe schwer und langsam gegangen, stellt sich an seine Tür, klopft dumpf. Strick schnarcht im Halbschlaf: »Herein,« legt sich zurück.
Über die Schwelle schlurrt aus dem dunklen Vorraum in das morgenlich graue Zimmer eine schräg nach hinten türmende, kopfsenkende, wassertriefende Gestalt; hinter ihr, sie am Rockkragen stützend, eine andere.
Stehen auf dem Bettvorleger, stumm.
»Werner,« murmelt nach einer Weile die schiefe schwankende Masse.
»Herein,« schnarcht der; reißt die Augen auf, weil ihn etwas Kaltes, Nasses anfaßt. Dann richtet er sich langsam in die Höhe.
»Wer ist denn das?«
»Werner,« murmelt der vordere, »ich bin in den Fluß gefallen von der Brücke, ich konnte nicht gleich mitkommen. Du hast nicht gehört, wie ich dich rief.«
»Was bist du, Mensch?«
»Ich bin in den Fluß gefallen, wie ich deinen Paletot holte. Ich habe immer gerufen.«
»Dann gib mir meinen Paletot her, du Kerl; wo hast du ihn?«
»Ich hab' ihn nicht.«
Strick ringt verzweifelt die Hände: »Na siehste! Bist du nicht versoffen, du elendes Geschöpf, hat dich das Kollargol nicht umgebracht, was soll ich mit dir machen?« Überwältigt schreit er: »Raus, raus, septisches Vieh. Ich schlafe.«
»Werner, du sollst mir den Arm verbinden.«
»Wer ist denn das hinter dir?«
Traurig flüstert der Schwabe: »Das ist der Teufel!«
Entsetzt hält sich Strick den Kopf: »Was soll ich denn mit dem noch machen! Mitten in der Nacht!«
»Er hat mich rausgeholt aus dem Wasser, wie ich schon fast tot war. Du sollst mir den Arm verbinden.«
»Du bist ja schon tot. Hast du so wenig medizinische Kenntnisse?«
Hartnäckig flüstert Hubert -- der Teufel stemmt ihn rückwärts --: »Du sollst mir den Arm verbinden; ein Fisch hat mich gebissen.«
Strick wühlt sich hilflos aus dem Bett, zieht sich Strümpfe und Hosen über, seufzt: »Komm.«
Verbindet ihn unten; kopfschüttelnd sieht er die beiden abziehen, droht hinter ihnen.
Bevor er zur Visite geht, am nächsten Nachmittag, schlurrt Feuchtedengel mit dem andern auf sein Zimmer, am hellen Tage.
»Wo kommst du her; du bist doch längst tot.«
»Ich bin wahrscheinlich tot; der Arm heilt aber nicht.«
Strick geht um die beiden herum; der Schwabe ist ganz trocken, seine Hosen, sein Mantel verschrumpfelt, erdig.
»Deine Sachen sind ja schon trocken; wo hältst du dich bei Tag auf, Mensch?«
»Im Freien. Wenn der andere keine Zeit hat, hängt er mich an einen Baum. Davon bin ich so rasch trocken geworden.«
»Das ist sehr praktisch. Aber warum holt er dich denn immer runter?«
»Mein Arm tut mir so weh. Du hast mir zuviel Kollargol eingespritzt, es ist mir eingefallen; nachher hast du mich in den Fluß geschmissen. Das gnade dir Gott. Aber ich bin schon wieder trocken.«
Breitbeinig stellt sich Strick vor den andern, schlägt sich mit der Reitpeitsche gegen die blanken Stiefelschäfte: »Jetzt rede ich gar nicht mit dir Sumpfhuhn. Jetzt rede ich mit dem andern. Mit dem da. Sagen Sie mal: Warum bringen Sie mir immer den Kerl her, was soll denn die ganze Trocknerei, warum verschwinden Sie nicht mit ihm von der Bildfläche?«
»Ich kann nich, Herr. Ich kann nich. Tut mir sehr, sehr leid. Wir haben kein Holz und haben keine Kohlen, mit die Hitze ist es aus bei uns. Ich kann jetzt keinen mehr so anbringen. Sie müssen alle erst getrocknet werden.«
»Was bringen Sie ihn aber immer zu mir, wo Sie doch sehen, was mit ihm los ist?«
»Ja, er will immer, Herr.«
»Herr Doktor heiße ich. Aber wenn er will, was ist dann?«
»Er läßt mir keine Ruhe, er hält soviel von Sie, Sie hätten seinen Bandwurm wegkuriert. Von morgens bis abends jault er immer nach Sie, von wegen dem Arm, jault und jault.«
»Ja, soll ich denn den Kerl noch behandeln, wenn er stinkt?«
»Das sag ick doch auch, Herr, Herr Doktor. Das predige ich ihm doch den janzen lieben Dag, Herr, Herr Doktor.«
»Zum Himmeldonnerwetter, dann reden Sie doch mal Fraktur mit ihm. Vergraben Sie ihn, schmeißen Sie ihn ins Feuer. Glauben Sie denn, ich habe meine Zeit gestohlen.«
»Ich will's ihm noch mal sagen; er ist so tücksch, so störrisch, er läßt nicht ab.«
»Ich will; ich will. Das hätten Sie schon gestern tun sollen. Was sollen die Leute von mir denken, wenn ich mit so einem ungebügelten Subjekt umgehe; und dann immer zwei auf einmal. Wer wird sich von mir behandeln lassen bei dem Gestank.«
»Sag' ich doch auch, verdirbt Ihnen das Geschäft. Ist mir peinlich, Herr. -- Jetzt gehst du also deiner Wege, sonst setzt es was! Verstande wu? Vorwärts, hüh!«
Schüttelt den Feuchtedengel am Hals, daß dem in seinem pendelnden Schädel die Kiefern klappen.
»Mein Arm, mein Arm.«
»Hier gibt's nüscht mit Arm. Nichts zu machen. Abfahrt. Volldampf.« Strick hebt die Peitsche in der Faust hinter ihnen.
Auf der Treppe wimmert der Schwabe; oben donnert es durch die Tür: »Raus, sofort raus samt dem Deibel!«
Der beeilt sich, daß sie nur so davonpoltern.
Strick vom Mittagessen auf sein Zimmer, will Briefe schreiben. Vierfüßiges Getrapp auf der Treppe fängt an, an die Tür klopft es, einmal, zweimal. Strick denkt, ich antworte nicht. Sie klopfen weiter, stoßen mit den Füßen. Einer flüstert: »Er ist nicht zu Hause.« Der andere wimmert: »Doch, er schläft. Klopfen Sie noch mal, ich kann nicht mehr.«
Die Tür wackelt von den Tritten, ein Likörglas fällt vom Vertikow. Einer winselt: »Sehen Sie, der trinkt Likör.« Vorsichtig wird die Tür geöffnet. Strick liegt über dem Papier, tut als ob er schläft. Der Teufel läßt den rechten Arm sinken. Feuchtedengel nach vorn gestürzt, muß auf allen Vieren kriechen, die Brust hängt dicht über dem Boden, seine Arme baumeln, schleifen nach, die Handrücken wischen den Teppich; der Kopf geht hoch, um etwas zu sehen, schlägt mit der Stirn wieder auf.
Der andere tippt den Schlafenden leise ans Ohr. Dem ist die Galle ins Blut gestiegen.
Er richtet sich vor den beiden auf, puterrot, gequollenen Gesichts, mit funkelnden Augen: »Nu hab' ich's dick.«
Der Teufel läßt den Feuchtedengel auf den Boden plumpsen, stemmt sich die Fäuste in die Weichen: »Fangen Se ooch noch an mit mir?«
»Sie haben sich mit dem verstunkenen Kerl Ihrer Wege zu scheren. Sie haben --«
»Ich kann mit dem Kerl nicht fertig werden. Er läßt das Jaulen nicht sein und er läßt es nicht sein, es ist nicht anzuhören. Dann verbinden Sie ihn eben, und die Sache ist fertig.«
Strick rast im Zimmer: »Er stinkt ja schon, Menschenskind; er fault ja, wie Sie ihn da sehen, in seinen Kleidern.«
»Dafür kann ich nichts. Dafür bin ich nicht da. Dann gehen wir zu einem andern Doktor.«
Unten wühlt der mit dem Kopf: »Ich will nicht; ich geh zu keinem anderen Doktor.«
Strick brüllt: »Raus, raus mit euch Gesellschaft.«
Packt den Schwaben, der aufschreit, ihn bettelnd anblickt, unter dem Kinn, zerrt ihn in die Höhe. Der Teufel fällt ihm in den Arm: »Sie haben mir den Mann nicht anzurühren. Ich laß Ihnen den hier liegen und hol ihn nicht ab, bis Sie ihn verbinden. Und wehe, wenn Sie ihn mir kujonieren.«
Trottet zur Tür.
»Was soll ich mit dem Kerl hier?«
»Ich kann nicht den ganzen Tag mit dem verplempern. Will überhaupt nichts mehr von dem wissen. Er ist mir zuviel und ist mir zuviel. Der hat ja einen Fimmel. Sehen Sie, wie Sie mit ihm fertig werden.«
Greift nach der Türklinke. Strick zieht ihm die Hand von der Klinke.
»Was soll ich mit dem Kerl hier, Sie. Jetzt ist er doch tot, mehr kann ich doch mit ihm nicht machen.«
»Lieber Herr, ick jeh was essen.«
»Sie sind faul. Faul sind Sie.«
»Ist mir jleich, Herr. Ick jeh was essen.«
»Ich bin nicht Ihr Herr.«
»Ick bin nich Ihr Hans Fipps. Ich bin ein biederer Deibel, der seine Arbeit tut wie jeder andere. Hab auch nur zwee Arme und zwee Beene. Sie haben mir meinen Dienst nicht zu erschweren.«
»Sie wollen mir Vorschriften machen. Lernen Sie erst Benehmen.«
Da nimmt der andere die Hand von der Klinke: »Benehmen? Det laß ich mir nich gefallen. Det kann ich mir nich gefallen lassen. Det wär jelacht. Feuchtedengel, hilfste mit?«
»Ich kann nicht. Er soll mich verbinden.«
»Nun komm mal. Den kriegen wir.«
Packt den schlappen Schwaben am Mantel zwischen den Schulterblättern mit der linken Hand, rafft ihn hoch, zieht ihn vor sich wie ein Schild, fängt an auf Strick loszugehen. Der in tobender Wut schlägt ohne Waffen drauf los, dem keifenden, bettelnden, schluchzenden Feuchtedengel gegen die Stirn, zwischen die auseinanderklaffenden Zahnreihen, am Hals vorbei. Der andere versteckt sich. Der Medizinalpraktikant plärrt: »Du willst mein Beschützer sein?« »Sei nicht feige,« keucht der hinter ihm, »wir kriegen ihn schon.«
»Ich will ja nicht.«
»Wir kriegen ihn schon.«
Schwapp, hat der Medizinalpraktikant einen wuchtigen Stoß gegen die Schultern. Und wie sich der Teufel vorbeugt, um zu sehen, was da los ist, wettert ihm selbst ein Schlag gegen die Schläfe, daß ihm Nacht vor den Augen wird, der Rumpf zusammenklappt, die Knie einknicken und er im Umsinken nur noch die Kraft hat, Feuchtedengel über sich zu ziehen.
Strick steht lachend über den beiden. Er ist atemlos, öffnet alle Fenster, gießt sich Kognak ein. Als er sich auf das Sofa gesetzt hat, fragt er höhnisch herüber: »Es wird Frühling im Januar. Na, wie weit sind wir?«
Neben dem Dicken rappelt es sich hoch, der dicke Körper schwankt, schaukelt. Mühsam steht der Teufel hinter seinem Schild, stöhnt: »Wir -- wir -- wir sind so weit, meine Herren.«
Vom Sofa lacht es.
Der Teufel prustet: »Wir sind so weit, meine Herren.«
Stramm nähert sich Strick. Der Teufel flüstert dem Dicken ins Ohr: »Ick boxe jetzt mit dem linken Arm. Und paß mal auf, was ich dann mache.«
»Mit wem?« winselt der mißtrauisch.
»Paß mal auf,« zischt der andere verlogen.
Wieder schmettern die Hiebe auf Feuchtedengel, jetzt springt aber der Teufel mit ihm von Ecke zu Ecke.
Es kommt ihm vor, als ob er Kraft in den Beinen habe.
Plötzlich fühlt er sich aufgehoben; über einen Schemel fünf Schritt weit fliegt er auf den anstürmenden Feind. Der, angeprallt an Brust und Hals, zu Boden gewuchtet, taumelt rückwärts auf die Knie, tippt seitlich auf die Hände. Mit doppeltem Gekrach fallen sie hin. Im Nu hockt der Teufel über ihm, eins, zwei, drei, schlägt ihm die Faust gegen Schläfe und Augen.
Dann würgt er ihn ab, sitzt aufgeblasen wie ein Frosch über dem blauen Mann, wichtig beschäftigt, freut sich, wirft verliebte Blicke auf ihn, wie er immer weniger mit dem Mund schnappt, mit den Füßen zappelt, ganz ruhig ist. Immer wieder probiert er, ob der andere noch blauer werden kann.
Streichelt ihm herzlich vergnügt die Backen: »Nun bist du fertig.« Sich selber streichelt er: »Ei, ei, das ist schön.«
Er geht gemächlich blasend im Zimmer herum, sieht sich die Bücher an, setzt sich, nachdem er sich geschnäuzt hat, an den Tisch, trinkt Kognak.
Die blanken Schaftstiefel Stricks glänzen herüber.
»Zu meinen Lebzeiten war ich Pferdeknecht. Ist lange her. Will auch mal Reitstiefel mit Sporen haben wie ein Herr, und eine Reitpeitsche dazu.«
Setzt sein Gläschen hin, zieht dem Assistenzarzt die Stiefel rechts ab, links ab, steigt selber ein. Die Peitsche mit dem Elfenbeingriff nimmt er vom Spind, stolziert vor dem Spiegel. »Ei, Widuwio, wie siehste nu aus. Jetzt gehört sich für dich ein Pelz, eine warme Mütze, dann bist du der Herr Baron.« Aus dem Spind holt er den Pelz, vom Rechen die gefütterte Mütze. Hat den Pelz am Leib, die Mütze auf dem Kopf. Sagt nachdenklich in der frischen Luft am Fenster: »Wir gehen etwas aus. Wir haben genug gearbeitet. Es ist Frühling im Januar.«
Feuchtedengel sieht ihn gravitätisch zur Türe stelzen: »Was soll aus mir werden?«
Verächtlich schweigt der Teufel, schließt hinter sich ab.
Die beiden liegen allein.
Ruft der Dicke nach einer Zeit: »Strick.« Der dreht den Kopf, glotzt seinen Nachbar an.
»Strick, was machst du?«
Kläglich stottert der: »Nun bin ich auch tot.« Weint: »Meine Stiefel haben sie mir ausgezogen.«
Es schlägt fünf. Jammert Strick: »Wie lange sollen wir hier noch liegen.«
»Ich weiß nicht. Der amüsiert sich jetzt in deinen Sachen, spielt den Herrn Baron. Den mußt du sehen, wie der sich benimmt. Und uns läßt er liegen, als wenn's nichts wäre. Wer soll denn jetzt Visite machen: es ist fünf.«
Da hebt der Doktor den Arm: »Schon fünf und noch keine Visite. Einer muß gehen, du oder ich.«
»Ich kann nicht, Werner. Ich kann wirklich nicht. Mir pellt sich schon die ganze Haut ab. Was sollen sich die Patienten von unserem Krankenhaus denken, wenn ich Visite mache.«
»Zeig' mal,« sagt Strick. Der dreht sich ihm zu. »Pfui, siehst du aus. Da muß ich gehen. O je, bin ich geschunden.«
Strick hinkt zur Tür: die ist abgeschlossen, die Nebentür steht auf. Auf der Station sehen ihn die Schwestern an. Die eine jammert: »Sind Sie schon tot? Ach Gott, erst der Medizinalpraktikant und dann Sie.«
Eine andere weint: »Es ist aber schnell gegangen. Wie blau Sie sind. Jetzt haben wir keinen Doktor mehr.« Die Dritte blickt mitleidig auf seine Füße: »Sie gehen schon auf Strümpfen.«
Herzlich spricht ihm die Oberschwester ihr Beileid aus, zugleich für die verreiste Oberschwester der Nachbarstation. Sie begleiten ihn zum Ausgang, geben ihm zwei Kränze mit, die sie für einen anderen gekauft haben: winken mit den Taschentüchern hinter ihm her. Vor seiner Wohnung macht er Halt: ihm ist sein Zimmer, der Teufel samt Feuchtedengel zuwider. Er will sich zu den Kränzen nur noch einen anständigen Sarg kaufen. Der Portier leiht ihm einen Schafpelz und Filzpantoffeln. »Gehen Sie rasch, Herr Doktor,« sagt er, »dann reicht's zwei Stunden. Lassen Sie die Kränze hier, ich leg' sie Ihnen oben rauf.« Strick hetzt durch die Läden, in der Kapellenstraße wird er matt, läuft, um sich zwei silberne Reitpeitschen zu kaufen. Oben im verschneiten Stadtpark sinkt er auf eine Bank, fällt ganz auf die Seite, herunter vom Sitz, freut sich: »Jetzt wird man mich ehrlich begraben.« Liegt im Schnee, im Finstern.