Bingo und andere Tiergeschichten

Part 8

Chapter 83,741 wordsPublic domain

»Das wollen wir einmal gleich feststellen,« erwiderte ich und wendete mich zur Seite. Aber sobald ich einen Schritt vom Wege gemacht, sprang richtig der alte Schlauberger auf und rannte davon. Ein Präriefeuer hatte das Gras in der Mitte der Weide verbrannt und einen breiten, schwarzen Gürtel zurückgelassen; darauf lief er entlang, bis er an frisches Grün kam, duckte sich und verschwand. Die ganze Zeit hatte er uns beobachtet und würde sich nicht geregt haben, hätten wir uns auf dem Wege gehalten. Das Wunderbarste bei der Sache war nicht, daß er genau so aussah, wie einer der runden Feldsteine und wie das trockene Gras, sondern _daß er es wußte_ und es sich zunutze machte.

Bald kam es zutage, daß es mein alter Bekannter, der Fuchs mit der weißen Narbe, und seine Gattin Vixen waren, die sich in unseren Wäldern heimisch niedergelassen hatten und unseren Hühnerhof als Verpflegungskammer betrachteten.

Am nächsten Morgen nahmen wir eine sorgfältige Untersuchung der Stelle unter den Fichten vor und fanden einen großen Erdhügel, den die Füchse innerhalb weniger Monate aufgeworfen hatten. Bei dieser Arbeit mußten sie ein Loch nötig gehabt haben, jedoch war nichts davon zu entdecken. Nun ist es allgemein bekannt, daß ein wirklich geriebener Fuchs, sobald er eine neue Höhle gräbt, die Erde aus dem ersten Loch herauswirft, aber dabei einen Tunnel nach irgendeinem entfernten Dickicht führt. Dann schließt er das erste wieder, da es zu leicht entdeckt werden könnte, und benutzt nur den verborgenen zweiten Eingang unter dem Buschwerk.

So fand ich denn auch auf der anderen Seite unter einer Baumwurzel den wirklichen Eingang und sichere Beweise, daß drinnen ein Volk junger Füchse hauste.

Über die Büsche auf der abfallenden Hügelseite erhob sich ein hohler Lindenbaum. Er lehnte etwas über und hatte ein großes Loch dicht am Erdboden ein kleineres etwas höher.

Dieser Baum war in meinen Knabenjahren oft der Mittelpunkt unserer Robinsonspiele gewesen. In die weichen, morschen Wände hatten wir Stufen geschnitten und so ein Auf- und Absteigen in der Höhlung ermöglicht. Dies kam mir jetzt zustatten. Am nächsten Tage, als die Sonne höher stieg, begab ich mich dorthin und konnte von dem erhöhten Aussichtspunkt die interessante Familie unter mir gemütlich beobachten. Vier junge Füchschen konnte ich zählen. Sie sahen aus wie etwas mißratene kleine Schafe, mit ihren wolligen Pelzen, ihren langen, dicken Beinchen und ihrem unschuldigen Gesichtsausdruck. Jedoch bei näherer Betrachtung konnten die breiten, scharfnasigen und scharfäugigen Gesichter ihre Abstammung von einem schlauen Fuchs nicht verleugnen.

Sie spielten umher, wärmten sich in der Sonne oder balgten sich miteinander, bis ein leises Geräusch sie entsetzt in der Höhle verschwinden ließ. Jedoch die Aufregung war unnötig gewesen; denn die Urheberin war die Mutter; sie kam langsam aus den Büschen hervorgeschlichen und trug in ihrem Maul ein Huhn – Nummer siebzehn, wie ich mich entsinne. Ein leiser Ruf, und die Kleinen kamen hervorgepurzelt, und nun begann ein Schauspiel, das ich reizend fand, über das jedoch mein Onkel in helle Wut geraten wäre.

Die Jungen stürzten sich auf die Henne, rissen und balgten sich darum und knurrten vor Behagen, während die Alte Wache hielt. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht war bezeichnend. Es war ein vergnügtes Grinsen, aber weder der gewöhnliche wilde und schlaue Blick fehlte, noch Grausamkeit und Nervosität, doch mehr als alles andere war es der Mutter Stolz und Liebe, die sich in ihrem Gesicht aussprachen.

Der Fuß meines Baumes war in den Büschen verborgen und lag bedeutend tiefer als der Erdhügel, in dem die Füchse hausten. Infolgedessen konnte ich kommen und gehen, ohne sie aufzustören.

Immer und immer wieder kehrte ich nach dem Baume zurück, um die Erziehung der jungen Füchse zu beobachten. Schon zeitig lernten sie, bei irgendeinem Geräusch mäuschenstill zu sitzen, und wenn sie es dann zum zweitenmal vernahmen, nach einer sicheren Deckung zu suchen.

Einige Tiere besitzen so viel Mutterliebe, daß sie, davon überwältigt, sie auch auf Fernerstehende ausdehnen. Mutter Vixen schien nicht so geartet. Ihre Liebe zu den Jungen verleitete sie zu übertriebenster Grausamkeit. Oft brachte sie Mäuse oder Vögel lebend nach Haus und vermied mit teuflischer Vorsicht, sie ernstlich zu verletzen, damit die Füchschen sich länger daran belustigen könnten, die armen Opfer zu Tode zu quälen.

Oben auf dem Hügel in einer Obstpflanzung lebte ein Murmeltier. Es war weder hübsch von Aussehen, noch interessant, aber es wußte ein bequemes Dasein zu führen. Zwischen den zähen Wurzeln eines alten Fichtenstumpfes hatte es sich eine Höhle gewühlt, damit die Füchse ihm nicht durch Graben folgen könnten; denn anstrengende Arbeit ist nicht nach Reinekes Geschmack, und er erreicht seine Ziele lieber durch Witz und Schlauheit. Dieses Murmeltier nun pflegte sich jeden Morgen auf dem Stumpf zu sonnen, und sobald es einen Fuchs erblickte, schlüpfte es hinunter in die Tür seiner Höhle, oder wenn der Feind in zu gefährlicher Nähe schien, kroch es tiefer hinein und wartete so lange, bis die Gefahr vorüber war.

Eines Morgens beschlossen Vixen und ihr Gemahl, die Kenntnisse ihrer Kinder durch eine Lehrstunde über das Murmeltier zu bereichern, und als Versuchsgegenstand hatten sie sich das Murmeltier in der Obstpflanzung als besonders passend ausgewählt. So zogen sie denn zusammen bis an den Zaun, der die Pflanzung einschloß, ohne vom alten Einsiedler auf seinem Fichtenstumpf bemerkt zu werden. Vater Fuchs schlenderte dann in einiger Entfernung an dem Stumpf vorüber, mitten durch den Obstgarten, ohne dabei den Kopf zur Seite zu wenden, um das stets wachsame Murmeltier mißtrauisch zu machen. Als der Fuchs auf der Bildfläche erschien, verschwand das Murmeltier im Eingang seiner Höhle und blieb dort ruhig sitzen, wohl wissend, daß Vorsicht die Mutter aller Weisheit sei.

Das war es, was die Füchse gewollt. Vixen hatte sich bis dahin versteckt gehalten, jetzt aber lief sie schnell nach dem Stumpf hinüber und versteckte sich dahinter. Der Alte hatte inzwischen langsam seinen Weg verfolgt. Da das Murmeltier durch das Erscheinen des Fuchses keineswegs in große Angst versetzt worden war, steckte es bald seinen Kopf zwischen den Wurzeln heraus und sah sich neugierig um. Weit in der Ferne gewahrte es den Fuchs, seine alte Richtung immer noch einhaltend. Je weiter der Feind sich entfernte, desto dreister wurde das Murmeltier, kam weiter heraus, und als die Luft vollkommen rein schien, kletterte es wieder auf den Stumpf. Mit einem Sprunge saß ihm Vixen im Genick und schüttelte es, bis es besinnungslos dalag. Der alte Fuchs hatte mit einem Auge das ganze Manöver beobachtet und kam schnell herbeigelaufen. Aber Vixen nahm das Murmeltier zwischen die Zähne, lief nach der Behausung, und der Alte wußte nun, daß man seiner nicht mehr benötigte.

Als Vixen vor der Höhle anlangte, war das Murmeltier wieder so weit bei Sinnen, daß es etwas zappelte. Ein unterdrücktes »Wuf« der Alten brachte die Kleinen aus der Höhle heraus, wie Schuljungen zum Spielen. Sie warf ihnen das verwundete Tier vor, und wie vier kleine Teufel stürzten sie sich darauf, schwache Freudenschreie ausstoßend und mit aller Kraft ihrer kleinen Kinderzähne zubeißend. Jedoch das Murmeltier kämpfte für sein Leben, und die Quälgeister abschüttelnd, hinkte es langsam nach dem schützenden Dickicht davon. Die Füchschen verfolgten es wie eine Meute Hunde und zogen es am Schwanz und Fell, konnten es aber nicht zurückhalten. Da kam die Mutter zu Hilfe, mit einigen Sätzen hatte sie es überholt und zog es wieder ins freie Feld zurück, zur Belustigung der Kinder. Dieses grausame Schauspiel wiederholte sich einigemal, bis einer der Kleinen jämmerlich zerbissen war und sein Schmerzensgeschrei die Mutter bewog, dem jammervollen Dasein des Murmeltieres ein schnelles Ende zu bereiten. –

Nicht weit vom Neste entfernt war eine mit hohem Gras überwucherte Talsenkung, der Spielplatz einer ganzen Ansiedlung von Feldmäusen. Die erste Unterweisung in der edlen Weidmannskunst, die die Kleinen, entfernt von ihrer Behausung, erhielten, war in dieser Niederung. Hier hatten sie ihre erste Übungsstunde in der Mäusejagd, der leichtesten Jagd von allen. Bei der Belehrung war die Hauptsache das Beispiel der Mutter und der angeborene Instinkt. Die Alte bediente sich einiger Zeichen und Winke, die z. B. bedeuteten »Liegt still und paßt auf« oder »Kommt und macht mir alles genau nach« usw.

An einem stillen Abend zog die ganze Familie vergnügt nach der Niederung, und Mutter Fuchs hieß die Jungen im Gras stilliegen. Ein leises Quieken bewies die Anwesenheit des gesuchten Wildes. Vixen erhob sich und lief auf den Zehenspitzen in das hohe Gras; sie kroch nicht, sondern machte sich so hoch, als sie konnte, und stand zuweilen auf den Hinterfüßen, um besser Umschau halten zu können. Die Pfade, welche die Mäuse zu nehmen pflegen, sind unter dem Gewirr des Grases verborgen, und das einzige, wodurch sich der Aufenthaltsort der Mäuse feststellen läßt, ist das leichte Bewegen der Halme; das ist der Grund dafür, daß man dieser Jagd nur an windstillen Tagen obliegen kann.

Die Kunst dabei ist nun, den Ort zu bestimmen, an dem die Maus krabbelt, und sie mit einem Satze zu packen, ohne sie vorher gesehen zu haben. Nach einigen Sekunden Wartens tat Vixen einen Sprung, und mitten in dem Büschel vertrockneten Grases, das sie packte, quiekte eine Feldmaus zum letztenmal.

Sofort war sie verschlungen, und die vier häßlichen kleinen Füchse versuchten nun, es ihrer Mutter nachzutun. Als der Älteste zum erstenmal in seinem Leben solch ein zappelndes Wesen erwischte, zitterte er vor Erregung und grub seine perlenweißen, kleinen Milchzähne in die arme Maus mit einer angeborenen Wildheit, die ihn selbst zu überraschen schien.

Eine weitere Lehrstunde wurde an einem Eichhorn erteilt. Eines von diesen lärmenden, sehr nervösen Geschöpfen wohnte dicht neben der Behausung der Füchse und pflegte den halben Tag damit zuzubringen, die ehrenwerte Familie von irgendeinem sicheren Zweige aus zu beschimpfen. Die Jungen machten viele vergebliche Versuche, es zu erwischen, wenn es von einem Baum zum anderen über die Lichtung rannte oder sie aus nächster Nähe mit den gemeinsten Schimpfreden überschüttete. Alt-Vixen war sachverständig in der Naturgeschichte; genau kannte sie die Gepflogenheiten eines Eichkätzchens und nahm die Sache in die Hand, sobald es ihr angemessen erschien. Sie versteckte die Kinder und legte sich flach mitten in der Lichtung nieder. Das freche, niedrig denkende Eichhorn kam und begann wie gewöhnlich zu schimpfen. Jedoch die Füchsin zuckte mit keiner Wimper. Das Eichkätzchen kam näher und schrie schließlich von einem Zweig über ihr herunter: »Du Lump du, du Lump du.« Aber Vixen lag da wie tot. Das schien dem Eichhorn höchst merkwürdig. Sich ängstlich umschauend, kam es den Baumstamm herab und lief mit einem kräftigen Anlauf über den Rasen hinüber nach einem anderen Baum, um dort seine Schimpferei von neuem zu beginnen.

»Du Lump du, du trauriger Lump du, Skrrr – skrrr.«

Aber unbeweglich und leblos lag Vixen im Grase. Das war dem Eichhorn denn doch zu viel. Es war von Natur aus neugierig und abenteuersüchtig. Wieder kam es von seinem Baum herunter und eilte über die Lichtung, diesmal näher als zuvor.

Wie tot lag Vixen, »sicherlich, sie war tot«. Die kleinen Füchse fingen an zu glauben, ihre Mutter sei eingeschlafen.

Das Eichhorn arbeitete sich mehr und mehr in einen Anfall von närrischer Neugier hinein. Ein Stück Baumrinde hatte es gerade auf Vixens Kopf geworfen, seine Liste von gemeinen Schimpfworten hatte es aufgebraucht und sie bereits wiederholt, aber auf nichts eine Antwort erhalten. Nachdem es noch einige Male die Lichtung gekreuzt hatte, wagte es sich in die nächste Nähe der in Wirklichkeit lauernden Füchsin, die sofort aufsprang und das dumme Eichhorn im Nu beim Genick packte.

Und die Kleinen knabberten die Knochen, oh!

So wurden nach und nach die Anfangsgründe zur Erziehung der Jungen gelegt, und als sie stärker wurden, nahm man sie weiter hinaus und begann die höhere Unterweisung im Fährtensuchen und Fährtenfinden.

Jedes Wesen hat eine besondere Art zu jagen; denn ein jedes Tier hat irgendeine große Stärke, sonst könnte es nicht leben, und irgendeine große Schwäche, sonst könnten die anderen nicht leben. Des Eichhorns Schwäche ist alberne Neugier, die des Fuchses, daß er keinen Baum ersteigen kann. Die Erziehung der kleinen Füchse war auf dem Grundsatze aufgebaut, sich die Schwächen anderer Tiere zunutze zu machen oder ihre Stärke durch Schlauheit zu überbieten.

Von ihren Eltern lernten sie die Hauptlehrsätze der Fuchsweisheit. Das Wie ist nicht so leicht zu erklären, aber daß sie diese unter der Leitung der Alten lernten, bewiesen sie bald. Folgendes sind einige Regeln, die sie den Füchsen beibrachten und die ich ihnen ablauschte:

»Schlafe niemals auf deiner Fährte!

Deine Nase sitzt vor den Augen, darum traue ihr zuerst!

Nur ein Narr läuft mit dem Wind!

Ein laufender Bach heilt manch Ungemach!

Gehe niemals den geraden Weg, wenn du einen krummen findest!

Ist dir etwas fremd, so ist’s dir auch feindlich!

Staub und Wasser verderben den Geruch!

Jage niemals Mäuse in einem Walde, wo Hasen sind, oder Hasen im Hühnerhof!

Lauf’ nicht im Gras!«

Eine Ahnung von der Bedeutung dieser Regeln begann bereits in den Köpfen der Kleinen zu dämmern. So z. B. »Folge niemals einem Dinge, das du nicht riechen kannst!« Das war ihnen klar, denn wenn sie es nicht riechen konnten, stand der Wind so, daß es sie riechen mußte.

Nach und nach lernten sie alles kennen, was da in ihrem heimatlichen Forste kroch und flog, und als sie groß genug waren, um mit ihren Eltern weitere Ausflüge unternehmen zu können, kamen ihnen noch viele neue Tiere zu Gesicht. Bald bildeten sich die Kleinen ein, sie wüßten alles; jedoch eines Nachts nahm sie die Mutter mit hinaus ins Feld und zeigte ihnen einen fremdartigen, flachen Gegenstand, der auf der Erde lag. Die Alte brachte ihre Jungen dorthin, damit sie an diesem unbekannten Ding riechen sollten, und beim ersten Schnüffeln standen ihnen alle Haare zu Berge, sie zitterten an allen Gliedern und wußten nicht warum – es schien in ihrem Blut zu kitzeln und sie mit Haß und Furcht zu erfüllen. Als die Alte die Wirkung sah, flüsterte sie ihnen zu: »Das ist Menschengeruch.«

III.

Inzwischen verschwanden unsere Hühner, eins nach dem andern. Noch hatte ich das Nest mit den Jungen nicht verraten; denn ich hielt von diesen kleinen Räubern mehr als von unseren langweiligen Hühnern. Mein Onkel war natürlich höchst aufgebracht und machte die verächtlichsten Bemerkungen über meine Tüchtigkeit als Jäger. Um ihm gefällig zu sein, nahm ich eines Tages den Hund mit auf einem Wege durch den Wald, und während ich mich auf einem Baumstumpf an der unbewachsenen Hügelseite niederließ, lief der Hund suchend umher. In weniger als drei Minuten gab er den allen Jägern so wohlbekannten Laut: »Fuchs! Fuchs! Fuchs!« und hinab ging die Hetze ins Tal.

Nach einer Weile hörte ich sie zurückkommen. Voran mein alter Bekannter, der Fuchs, der in leichten Sprüngen die Uferböschung hinab auf den Fluß zulief. Dann trottete er in dem seichten Wasser einige hundert Meter am Ufer entlang und kam gerade mir gegenüber heraus. Obwohl ich ohne Deckung saß, sah er mich nicht, sondern kam den Hügel hinauf, über die Schulter hinweg den Hund beobachtend. Ungefähr vier Schritte vor mir drehte er um, ließ sich nieder, verdrehte den Hals, mit gespannter Aufmerksamkeit dem vergeblichen Suchen des Hundes zusehend. Ranger kam bellend die Fährte entlang, bis er am laufenden Wasser anlangte. Dort verlor er die Spur und suchte ratlos hin und her. Da gab es nur einen Ausweg, er mußte den Fluß an beiden Ufern so lange auf und nieder laufen, bis er die Stelle gefunden hatte, wo der Fuchs das Land betreten.

Der alte Schlaumeier vor mir änderte seine Stellung etwas, um besser Umschau halten zu können, und beobachtete mit einem geradezu menschlichen Interesse das Hin- und Hersuchen des Hundes. Er saß so nahe bei mir, daß ich sehen konnte, wie sich die Haare auf seiner Schulter sträubten, als der Hund näherkam. Das vor Erregung klopfende Herz konnte ich an die Rippen schlagen sehen, ebenso das Aufleuchten seiner gelben Augen. Als der Hund die Fährte am Wasser verloren hatte und vollkommen verwirrt umherlief, war es einfach komisch zu beobachten, wie Meister Reineke nicht mehr stillsitzen konnte, sondern vor Freude hin und her sprang und sich auf den Hinterfüßen erhob, um eine bessere Aussicht auf seinen langsam sich zurechtfindenden Verfolger zu bekommen. Mit beinahe bis an die Ohren aufgerissenem Maule atmete er geräuschvoll einige Male oder, besser, lachte er belustigt, wie es Hunde zuweilen zu tun pflegen.

Als Ranger dann langsam den Hügel hinaufkam, drückte sich der alte Fuchs gemächlich in den Wald. – Nur vier Schritte vor mir war er gesessen, aber ich hatte den Wind gegen mich und war mäuschenstill sitzen geblieben, und er hatte nicht bemerkt, daß sein Leben zehn Minuten lang in der Hand seines bestgehaßten Feindes lag. Auch Ranger würde an mir vorbeigelaufen sein, hätte ich ihn nicht angerufen. Mit einem kleinen, aufgeregten Schreck verließ er die Fährte und warf sich schnaufend und außer Atem zu meinen Füßen nieder.

Diese Komödie wiederholte sich mit einigen kleinen Veränderungen mehrere Tage hintereinander. Mein Onkel verlor endlich bei dem täglichen Verlust seiner Hühner die Geduld und begab sich in höchsteigener Person hinaus, ließ sich auf dem Hügel nieder, und als der alte Reineke nach seinem Beobachtungsposten getrottet kam, schoß er ihn erbarmungslos nieder, gerade als sich das schlaue Füchslein über eine neue Nasführung des Hundes gebührend belustigte.

IV.

Die Hühner verschwanden jedoch wie zuvor. Mein Onkel schäumte vor Wut und beschloß, den Vernichtungskrieg nun selbst zu leiten. Er besäte die Wälder förmlich mit vergifteten Ködern, dabei auf sein gutes Glück vertrauend, daß unsere Hunde sich nicht daran machten. Sooft er mich sah, erging er sich in wenig liebenswürdigen Bemerkungen über seinen Glauben an meine Weidmannskunst, und Abend für Abend trieb es ihn hinaus mit seiner Büchse und zwei Hunden, in der Hoffnung, den Räuber zu erwischen.

Vixen war nicht so dumm, sie wußte ganz genau, was ein vergifteter Köder war, sie lief an ihnen vorüber und behandelte sie mit Verachtung. Nur einmal nahm sie einen auf, warf ihn in die Höhle eines alten Feindes, eines Skunks, und vom selbigen Tage an ward dieser nicht mehr gesehen. Früher hatte der alte Reineke die Hunde auf sich genommen und sie von der Behausung ferngehalten. Jetzt lag auf Vixen die ganze Last der Erziehung und Ernährung der Jungen allein, sie konnte nicht viel Zeit damit verschwenden, jede Fährte, die nach der Höhle führte, zu verwischen, und war auch nicht immer zur Hand, um Feinde irrezuführen.

Das Ende war leicht vorauszusehen. Ranger folgte eines Tages einer frischen Fährte nach der Höhle, und kurz darauf verkündete Flick, der englische Jagdhund, ein Foxterrier, daß die ganze Familie zu Hause sei.

Das Geheimnis war nun heraus und die Stunden der Füchse gezählt; Arbeiter wurden herbeigerufen und begannen sie herauszuschaufeln, während wir mit den Hunden dabeistanden. Noch ehe das Werk vollendet war, zeigte sich Vixen am nahen Waldsaum und führte die Hunde davon, hinab nach dem Flusse. Dort schüttelte sie ihre Verfolger durch einen schlauen Kunstgriff ab, indem sie einfach auf den Rücken eines friedlich weidenden Schafes sprang. Das geängstigte Tier raste mit seiner Reiterin davon, die – sicher, daß die Hunde ihrer Spur nicht mehr folgen konnten – nach einigen hundert Metern herabsprang und nach der Höhle zurückkehrte. Aber die Verfolger, stutzig gemacht durch das Verschwinden der Fährte, taten dasselbe und fanden Vixen, sich vergeblich abmühend, auch uns von ihren Schätzen hinwegzulocken.

Inzwischen hatte mein Onkel Hacke und Schaufel mit Kraft und Erfolg gebraucht. Der gelbe, grobe Sand häufte sich zu beiden Seiten, und der rüstige Schatzgräber verschwand bald in der Tiefe. Nach einer Stunde harter Arbeit rief der Alte:

»Da haben wir das Gesindel!«

Die Höhle am Ende des Tunnels war bloßgelegt, und in einer Ecke zusammengeduckt saßen die vier Jungen.

Ehe ich Einspruch erheben konnte, hatte ein mörderischer Schlag mit der Schaufel und ein plötzliches Zufahren des Foxterriers das Leben von dreien beendet. Das vierte und kleinste wurde am Schwanze herausgezogen und den Hunden nur mit Mühe entrissen.

Es gab einen kurzen, quiekenden Schrei von sich; und die arme Mutter, dadurch herbeigelockt, kreiste so nahe um uns herum, daß sie sicher niedergeschossen worden wäre, hätten die Hunde sie nicht in ihrem Übereifer beschützt; denn sie liefen immer in die Schußlinie. Zuletzt führte sie sie zu einer erfolglosen Jagd davon.

Der kleine lebende Fuchs wurde in einen Sack gesteckt, wo er ganz ruhig lag, und seine unglücklichen Geschwister wurden in ihre Kinderstube zurückgeworfen und unter einigen Schaufeln voll Erde begraben.

Wir Mörder begaben uns nach dieser Hinrichtung nach Hause, und der Kleine wurde im Hofe angekettet. Niemand wußte recht, warum man ihn am Leben gelassen, aber bei uns allen machte sich eine Gefühlsänderung bemerkbar, und keiner kam auf den Gedanken, auch ihn zu töten.

Es war ein hübscher, kleiner Kerl, der aussah wie eine Kreuzung zwischen Fuchs und Lamm. Seine wollige Gestalt und sein Gesicht ähnelten merkwürdig einem Schaf, und sein Ausdruck war unschuldig, wie der eines Lammes. Bei scharfem Beobachten jedoch konnte man in seinen Augen ein Aufleuchten von Schlauheit und Wildheit erkennen, das ihn einem Lamm so unähnlich wie möglich machte.

Solange jemand in seiner Nähe war, verkroch er sich furchtsam in der Hütte, und es dauerte eine volle Stunde, bis er es wagte, wieder herauszuschauen.

Mein Fenster mußte jetzt die Stelle des hohlen Weidenstammes vertreten. Eine Anzahl Hühner von der Rasse, die dem Füchschen nur zu gut bekannt war, trieben sich in der Nähe auf dem Hofe herum. Am späten Nachmittag, als sie sich zu nahe an den Gefangenen herangewagt hatten, wurde ich durch das plötzliche Rasseln der Kette ans Fenster gelockt und erblickte den kleinen Burschen, der auf das nächste Huhn zusprang und nur von einem heftigen Ruck der Kette zurückgehalten wurde, es zu packen. Reineke junior krabbelte wieder auf die Füße und kroch zurück in seine Hütte. Er versuchte dasselbe Manöver noch verschiedene Male, wurde aber immer wieder von der grausamen Kette zu Boden geschleudert.

Als die Dämmerung hereinbrach, begann er unruhig zu werden. Er schlüpfte aus seiner Hütte heraus, verkroch sich aber beim leisesten Geräusch wieder, nagte an seiner Kette oder biß wütend darauf herum. Plötzlich hielt er inne, als ob er lauschte, erhob dann seine kleine schwarze Nase in die Luft und gab einen kurzen zitternden Schrei von sich.

Dies wiederholte er einige Male, die Pause durch Knabbern an der Kette und ruheloses Umherlaufen ausfüllend. Da plötzlich ertönte eine Antwort, das ferne »Japp-Jurr« der alten Füchsin, und einige Minuten später erschien eine schattenhafte Form auf einem Holzhaufen in der Ecke des Hofes. Der Kleine kroch in seine Hütte, kam aber sofort wieder heraus und sprang der Alten entgegen, mit all der Freude, die nur ein Kind seiner Mutter zu zeigen imstande ist. Schnell wie der Blitz packte sie ihn, um ihn auf demselben Wege davonzutragen, den sie gekommen. Jedoch in dem Augenblick, als das Ende der Kette erreicht war, wurde der Kleine der Mutter mit einem Ruck entrissen, und erschreckt durch das Öffnen eines Fensters, entfloh sie über den Holzhaufen.