Bingo und andere Tiergeschichten
Part 3
~Caw Caw cacacaca~]
»Höchste Gefahr, ein Gewehr, ein Gewehr, zerstreut euch, es gilt euer Leben!« ließ sie hoch auf- und weit auseinander fliegen, bis sie außer Schußweite waren. Bei längerer Bekanntschaft lernte ich nach und nach viele andere dieser Kommandorufe kennen und verstehen und fand, daß zuweilen eine ganz unbedeutende Veränderung der Laute eine ungemein wichtige Änderung der Bedeutung zur Folge hatte. So z. B. bedeutet Nr. 5 Habicht, Häher oder irgendeinen großen gefährlichen Raubvogel, während Nr. 7 »Kehrt« bedeutet, augenscheinlich eine Verbindung von Nr. 5, dessen Grundidee Gefahr, und Nr. 4, dessen Sinn Rückzug ist. Das nächste wieder ist ein einfaches
»Guten Tag«, während
gewöhnlich an die gemeinen Soldaten gerichtet wird und »Achtung« bedeutet.
Frühzeitig im April schien etwas Großes unter den Krähen vorzugehen. Irgend etwas höchst Aufregendes und Wichtiges mußte sie betroffen haben. Den halben Tag trieben sie sich zwischen den Fichten umher, anstatt wie sonst von Sonnenaufgang bis -niedergang auf die Nahrungssuche auszugehen. Zu zweien und dreien konnte man sie herumjagen und -huschen und von Zeit zu Zeit die verwegensten Flugkunststückchen ausführen sehen. Es war ein besonderer Lieblingssport einiger, aus der blauen Höhe plötzlich auf irgendeine friedlich ruhende Krähe herabzuschießen und gerade, ehe sie sich berührten, zu wenden und den Flug zurück in die Luft zu nehmen, wobei die Flügel des Künstlers ein Geräusch verursachten, das wie entfernter Donner klang. Oft neigte auch eine Krähe den Kopf, blies die Federn auf, daß sie wie ein Igel aussah, näherte sich einer anderen und gurgelte ihr einen langgezogenen Ton entgegen, der klang wie
Was dies alles zu bedeuten hatte, sollte ich bald erfahren. Die Krähen machten sich Liebeserklärungen und begannen sich zu paaren. Die Männchen bewiesen den Damen ihrer Wahl ihre Flügelkräfte und ihre Geschicklichkeit und ließen ihre Stimmen gar lieblich und berückend erschallen. Und der Erfolg dieser Bemühungen konnte nicht ausgeblieben sein; denn Mitte April zogen sie alle auf die Hochzeitsreise, zerstreuten sich über die ganze Gegend, und die düsteren, alten Fichten von Castle Frank standen verlassen und einsam.
II.
Der Zuckerhut-Hügel steht allein im Dontal, bedeckt mit Waldungen, die sich mit denen von Castle Frank vereinigen. Mitten in diesen Forsten steht ein Fichtenbaum, in dessen Gipfel ein verlassener Habichtshorst hängt. Jeder Schuljunge von Toronto kennt dieses Nest; aber weder ich noch irgend jemand sonst hatte je ein lebendes Wesen darin gesehen, ausgenommen das einemal, als ich ein schwarzes Eichhorn vom Rande herunterschoß. Hoch oben hing das Nest, jahraus, jahrein, alt und struppig, und schien nur auf einen tüchtigen Sturm zu warten, der es vollkommen herunterreißen sollte. Jedoch, so wunderbar es auch klingen mag, es zerfiel nicht ganz in Stücke.
Eines Morgens im Mai ging ich früh beim Morgengrauen aus und schlüpfte geräuschlos durch den Wald, dessen welke Blätter noch zu feucht waren, um zu rascheln. Zufällig kam ich an dem alten Nest vorüber und war höchst erstaunt, einen schwarzen Schwanz über den Rand hinausgucken zu sehen. Ich gab dem Baum einen tüchtigen Schlag, und eine Krähe flog auf. Das Rätsel war gelöst. Lange hatte ich schon den Verdacht gehegt, daß ein Krähenpaar jedes Jahr zwischen den Fichten nistet, und nun entdeckte ich, daß es Silberfleck mit seiner Gattin war. Das alte Nest war ihre Hochburg, und sie waren zu klug, ihr durch Frühjahrsreinemachen und unnötige Reparaturen ein freundliches Aussehen zu verleihen. Hier hatten sie schon lange Jahre gehaust, obwohl Jäger und Jungen, die leidenschaftlich der Krähenjagd oblagen, tagtäglich mit gefährlichen Feuerwaffen unter ihrer Wohnung vorüberkamen. Nach dieser Entdeckung störte ich den alten Gesellen nicht zum zweitenmal, aber ich beobachtete ihn oft durch mein Fernrohr.
Eines Tages bekam ich eine Krähe zu Gesicht, die mit etwas Weißem im Schnabel das Tal kreuzte. Sie flog in der Richtung nach dem Rosedale-Bache und landete bei einer hohen Ulme. Dort ließ sie einen blanken Gegenstand fallen, und als sie sich darauf schnell und vorsichtig umsah, erkannte ich sie als meinen alten Freund Silberfleck wieder. Nach einer Weile nahm er das weiße Ding – eine Muschelschale – wieder auf und lief gravitätisch zur Quelle hinüber, die mit Sauerampfer und großblätterigen Sumpfgewächsen überwuchert war. Dort machte er sich eifrig an die Arbeit, einen Haufen von Muscheln und anderen glänzenden Gegenständen aus der Erde hervorzuwühlen. Er breitete sie in der Sonne aus, drehte sie von einer Seite auf die andere, hob sie der Reihe nach auf, ließ sie wieder fallen, behandelte sie aber dabei wie rohe Eier und wühlte mit gierigen Augen darin, wie ein alter Geizhals in seinen Schätzen. Das war sein Steckenpferd, seine einzige Schwäche. Hätte man ihn gefragt, er hätte kaum eine Erklärung geben können, _warum_ er es tat, ebensowenig wie ein Schuljunge weiß, warum er Briefmarken sammelt, oder ein Mädchen erklären kann, warum sie Perlen Rubinen vorzieht. Nach einer halben Stunde harmlosen Spielens mit seinem Schatze bedeckte er alles, auch den neuen Zuwachs der Sammlung, sorgfältig mit Blättern und Erde und flog davon. Sofort ging ich nach dem Fleck und machte Ausgrabungen. Da fand ich denn einen ganzen Haufen weißer Kieselsteine, glänzender Muscheln, Zinkstückchen und mitten darunter den Henkel einer kostbaren Porzellantasse, der gewiß das Glanzstück der Sammlung war. An diesem Tage sah ich den Schatz zum ersten- und letztenmal; Silberfleck wußte, daß jemand seine Kostbarkeiten gefunden hatte, und entfernte sie sofort; wohin er sie brachte, weiß ich bis heute nicht.
In den Monaten, während deren ich ihn so genau beobachten konnte, hatte er viele kleine Abenteuer, und gar oft entschlüpfte er dem Verderben nur mit knapper Not. Einmal wurde er von einem Sperber böse zugerichtet und oft von Königsvögeln geängstigt und verfolgt. Sie konnten ihm zwar nichts zuleide tun, aber sie vollführten einen derartigen Lärm um ihn herum, daß er sie soviel als möglich mied, gerade wie ein erwachsener, verständiger Mann einem Zusammenstoß mit lärmenden, unverschämten Gassenjungen aus dem Wege geht. Aber auch Silberfleck hatte leider einige grausame Liebhabereien. An jedem Morgen pflegte er die Runde durch die Nester der kleinen Vögel in der Nachbarschaft zu machen und den ängstlich flatternden und piepsenden Müttern die frischgelegten Eier vor der Nase wegzufressen. Dieser höchst verwerflichen Gewohnheit lag er mit der Pflichttreue und Regelmäßigkeit eines Doktors ob, der seine Patienten besucht. Aber wir dürfen ihn deshalb nicht richten; denn wir selbst machen es ja mit den Hennen im Hühnerhof nicht anders.
Gar oft bewies er eine geradezu verblüffende Geistesgegenwart und Schlauheit. So beobachtete ich ihn einmal, als er mit einem großen Stück Brot im Schnabel das Tal entlang flog. Der Bach auf der Talsohle wurde damals gerade wie eine Schleuse übermauert, und es waren ungefähr siebenhundert Meter vollendet. Als Silberfleck über das noch offene Wasser vor dem Eingang in den Tunnel hinwegflog, verlor er das Brot aus dem Schnabel, das von der Strömung mitgerissen wurde und sofort in der Höhlung verschwand. Er ließ sich herab und lugte vergebens in das tiefe Dunkel hinein. Dann flog er, von einem plötzlichen Gedanken erfaßt, stromabwärts nach dem Ende des Tunnels und erwartete das Auftauchen des treibenden Brotes. Als es die Strömung denn auch richtig ans Tageslicht brachte, packte er es und trug es im Triumph davon.
Silberfleck war eine Krähe von Welt. Sein Leben war an Erfolgen reich, und er lebte in einer Gegend, die, obwohl voll von Gefahren, Nahrungsmittel die Fülle bot. Jedes Jahr wuchs in seinem alten, verwitterten Nest eine junge, kräftige Brut heran, und dort verlebte er glückliche Zeiten mit seiner Gattin, die ich leider von den anderen Krähen nicht zu unterscheiden vermochte. Wenn dann die Krähen sich wieder versammelten, wurde er stets einstimmig zum unbeschränkten Führer und Herrscher erwählt. Die große Versammlung findet ungefähr Ende Juni statt. Die jungen Krähen mit ihren kurzen Schwingen, ihren flaumigen Flügeln und ihren Falsettstimmen werden dann mit Stolz von den Eltern herbeigebracht, denen sie fast an Größe gleichen, und im alten Fichtenholz, ihrer Festung und Bildungsstätte zugleich, der Gesellschaft vorgestellt. Hier finden sie luftige, sichere Schlupfwinkel ohne Zahl, hier beginnt ihre Erziehung, und alle die wichtigen Geheimnisse und Regeln des Krähenlebens werden ihnen beigebracht. Und diese sind von größter Wichtigkeit; denn ein einziger Mißerfolg im Krähenleben bedeutet – Tod.
Die ersten zwei Wochen nach der Ankunft werden die Jungen sich selbst überlassen, um miteinander bekannt zu werden; denn jede Krähe muß alle anderen, die zum Heere gehören, persönlich kennen. Ihre Eltern ruhen sich inzwischen etwas aus von der Arbeit, die ihnen das Aufziehen und Großfüttern ihrer Kinder gemacht; denn sie können jetzt ihrer Nahrung selbst nachgehen und unbehütet in einer Linie aufgereiht auf einem Aste sitzen wie die Alten.
Nach einer Woche oder zwei beginnt dann die Zeit der Mauserung. Die Alten sind während dieser Periode meistens recht unberechenbar und nervös, aber das hält sie nicht ab, die Erziehung der Jungen zu beginnen, die natürlich nicht besonders entzückt von den Strafpredigten und Maßregelungen sind, die sie über sich ergehen lassen müssen, da sie bis dahin noch Mamas Lieblinge waren. Aber es geschieht alles nur zu ihrem Besten, wie die alte Dame sagte, als sie einen Aal abzog, und Meister Silberfleck ist ein ausgezeichneter Lehrer. Zuweilen scheint er einen ausführlichen Vortrag an sie zu richten. Was er sagt, kann ich leider nicht verstehen, aber nach dem durchschlagenden Erfolg und dem Eindruck, den er auf seine Zuhörer macht, zu schließen, muß er äußerst witzig sein. Jeden Morgen ist Kompagnie-Exerzieren, und die Jungen üben in zwei oder drei Abteilungen, die nach Alter und Stärke geordnet sind. Den Rest des Tages tummeln sie sich mit den Eltern auf der Futtersuche herum.
Wenn später der September anbricht, geht eine große Veränderung mit ihnen vor. Der Schwarm der albernen kleinen Krähen fängt an, verständig zu werden, und das zarte Blau der Iris ihrer Kinderaugen macht dem Dunkelbraun des Auges eines alten, gewiegten Praktikers Platz. Sie sind jetzt tadellos einexerziert und können Vorpostendienste tun, sie wissen, was ein Gewehr ist, und haben einen erfolgreichen Spezialkurs in Insektenkunde und Botanik hinter sich. Sie wissen ganz genau, daß eine dicke, alte Bauersfrau, wenn auch massiger und größer, bei weitem harmloser ist, als ihr 15 Jahre alter Tunichtgut von Sohn, und sie können einen Knaben von einem Mädchen unterscheiden. Auch ist es ihnen bekannt, daß ein Regenschirm keine Feuerwaffe ist, und sie können schon bis sechs zählen, gewiß nicht übel für junge Krähen, obwohl Silberfleck die Zahlen fast bis dreißig meistert. Sie kennen den Geruch von Schießpulver und die Tollkirsche und fangen bereits an, sich auf ihre Weltweisheit etwas zugute zu tun. Auch legen sie ihre Flügel nach dem Niedersetzen stets dreimal zusammen, um sicher zu sein, daß es sorgfältig geschehen ist. Sie wissen, wie man einen Fuchs ängstigt, damit er die Hälfte seiner Beute aufgibt, und daß es das beste ist, sich in den nächsten Busch zu stürzen, wenn eine Schar von Königsvögeln oder anderen lärmenden Sängern des Waldes sie angreift; denn es ist ebenso unmöglich für sie, diese kleinen Quälgeister zu bekämpfen, wie für die dicke Äpfelhökerin, die kleinen, unnützen Jungen einzufangen, die ihre Körbe plündern. In allen diesen Dingen sind die jungen Krähen schon bewandert; nur fehlt ihnen noch die Unterweisung im Eiersammeln; denn dafür ist jetzt nicht die Jahreszeit. Auch sind sie noch nicht mit Muscheln bekannt und haben weder Pferdeaugen gegessen, noch das Getreide wachsen sehen, und der bedeutendste Erziehungsfaktor, das Reisen, ist ihnen bis dahin unbekannt geblieben. Vor zwei Monaten haben sie noch gar nicht an die Möglichkeit des Vorhandenseins einer anderen Gegend als der lieben Heimat gedacht, aber seitdem ist ihnen zuweilen der Gedanke daran gekommen. Aber sie haben warten gelernt, bis ihre Führer reisefertig sind.
Auch mit den alten Krähen ist im September eine wichtige Veränderung vorgegangen – sie haben sich gemausert. Doch jetzt prangen sie wieder in voller Federnpracht und sind stolz auf ihre neuen, kleidsamen Röcke. Ihre Gesundheit ist vorzüglich und damit auch ihre Laune gebessert. Selbst Alt-Silberfleck, der eiserne Lehrmeister, wird beinahe lustig, und seine Schüler, die ihn schon seit langem achteten, fangen an, ihn wirklich zu lieben und zu verehren.
Alle die langen Wochen hat er sie in harter Schule gehabt, sie alle gebräuchlichen Signale und Kommandoworte gelehrt, und jetzt ist es geradezu eine Lust, sie am frühen Morgen bei ihren Übungen zu beobachten.
»_Erste Kompagnie_,« ruft der alte General auf Krähisch, und die Kompagnie antwortet mit lautem Geschrei.
»_Fliegt_,« und mit dem Führer an der Spitze fliegen sie in gerader Linie davon.
»_Steigt_,« und im Augenblick wenden sie sich kerzengerade aufwärts.
»_Zusammen_,« und alle bilden eine undurchdringliche, schwarze Masse.
»_Schwärmt_,« und sie zerstreuen sich wie welke Blätter vor dem Wind.
»_Formiert Linie_,« und sie dehnen sich wieder aus zur langen Linie ihrer gewöhnlichen Flugordnung.
»_Nieder_,« und alle lassen sich herab fast bis zum Erdboden.
»_Furagieren_,« und sie verteilen sich zum Futtersuchen, während zwei Sicherheitsposten, der eine auf einem Baum zur Rechten, der andere auf einer Vogelscheuche zur äußersten Linken, ausgestellt bleiben.
Ein oder zwei Minuten später ruft Silberfleck: »_Ein Mann mit einem Gewehr!_« Die Wachtposten wiederholen den Ruf, und die ganze Kompagnie fliegt so schnell wie möglich nach den Bäumen. Einmal dort in Sicherheit, formieren sie sich in Flugordnung und kehren in die heimatlichen Fichten zurück.
Der Vorpostendienst wird nicht der Reihe nach von allen Krähen bezogen, sondern eine gewisse Anzahl, deren Wachsamkeit oft erprobt ist, bilden regelmäßig die Sicherheitsposten, und man sieht es als selbstverständlich an, daß sie zu gleicher Zeit wachen und furagieren. Dies erscheint uns etwas hart, aber es macht sich ganz gut, und die Organisation der Krähen ist die anerkannt beste unter allen Vögeln.
Endlich im November kann man die Krähen südwärts ziehen sehen, um neue Lebenseinrichtungen, unbekannte Gegenden und fremde Sorten von Futter kennenzulernen, und alles dies unter der umsichtigen Leitung des weltweisen Silberflecks.
III.
Nur zu einer Zeit benimmt sich die Krähe dumm und albern, das ist während der Nacht. Und nur ein Vogel vermag sie in lähmende Todesangst zu versetzen, das ist die Eule. Deshalb hat, wenn diese zwei Dinge zusammentreffen, die Eule leichtes Spiel. Ertönt nach Eintreten der Dunkelheit ihr fernes Geschrei, so ziehen die geängstigten Krähen die Köpfe unter den Flügeln hervor und sitzen zitternd und elend bis zum Morgengrauen. Oft hat dies bei sehr kaltem Wetter zur Folge, daß einer Krähe ein oder beide Augen erfrieren, und Blindheit und Tod sind dann das Ende; denn Hospitäler für kranke Krähen gibt es noch nicht.
Doch mit dem dämmernden Morgen kehrt auch ihre Tapferkeit zurück, und sich aufraffend durchstöbern sie die Waldungen wenigstens eine Meile im Umkreis, bis der nächtliche Ruhestörer gefunden ist, und wenn sie ihm nicht den Garaus machen, ängstigen sie ihn halb zu Tode und jagen ihn mindestens zwanzig Meilen davon.
Im Jahre 1893 waren die Krähen wie gewöhnlich in Castle Frank erschienen. Einige Tage nach ihrer Ankunft machte ich einen Spaziergang durch den Wald und stieß zufällig auf die Spur eines Hasen, der in vollem Lauf durch den Schnee gerannt war und dessen verzweifelte Seitensprünge bewiesen, daß er verfolgt worden war. Doch höchst sonderbar, die Spur des Verfolgers war nicht zu finden. Ich ging der Fährte nach und traf bald auf einen Tropfen Blut im Schnee, und einige Schritte weiter fand ich die halbaufgezehrten Überreste eines armen kleinen Häschens. Wer der Mörder war, blieb mir ein Rätsel, bis ich bei sorgfältiger Untersuchung einen großen, doppelzehigen Eindruck im Schnee und eine wunderbar gezeichnete braune Feder fand. Nun war mir alles klar – es war _eine Steineule_.
Eine halbe Stunde später kam ich wieder am gleichen Fleck vorüber und entdeckte auf einem Baume, kaum zehn Schritte von den Knochen ihres Opfers entfernt, die augenrollende Eule. Die Mörderin konnte sich vom Schauplatz ihres Verbrechens nicht trennen, und die unbedeutenden Beweisstücke, die Feder und der Eindruck im Schnee, hatten nicht gelogen. Bei meiner Annäherung ließ sie ein krächzendes »_Grrr – ooh_« hören und flog mit langsamen, fauchenden Flügelschlägen den fernen, düsteren Forsten zu.
Zwei Tage später beim Morgengrauen war eine ungewöhnliche Aufregung unter den Krähen bemerkbar, und als ich ausging, um die Ursache zu ergründen, sah ich einige schwarze Federn über den Schnee flattern. Ich ging dem Wind entgegen in der Richtung, aus der die Federn kamen, und stand bald vor den blutigen Überresten einer Krähe. Daneben verriet wieder die große Doppelspur die Mörderin – die Eule. Im Umkreise konnte man alle Anzeichen eines hitzigen Kampfes erkennen, aber die Hasenverfolgerin war die stärkere gewesen, und die arme Krähe war von ihrem sicheren Zweig herabgerissen worden, als das Dunkel der Nacht ihr keine Möglichkeit zur Flucht oder Verteidigung bot.
Ich wendete den Leichnam auf die andere Seite und brachte dabei zufällig den Kopf zum Vorschein – ein Ausruf tiefsten Mitleids entfuhr mir. Es war Silberflecks kluges Köpfchen. Sein langes, arbeitsreiches Dasein, das seinem Volke zu unschätzbarem Nutzen geworden, war beendet – er war dahingemordet von der gleichen Eule, gegen die er seinen Schülern Hunderte von Schutzmaßregeln beigebracht hatte.
Das alte Nest am Zuckerhut-Hügel ist nun vollkommen verlassen und zerfallen. Die Krähen kommen im Frühjahr zwar noch nach Castle Frank, aber ohne ihren berühmten General. Ihre Zahl schwindet, und bald wird man sie zwischen den alten Fichten vergebens suchen, wo sie und ihre Voreltern seit Jahrzehnten gelebt, geliebt und gelernt haben.
Zottelohr.
Die Geschichte eines Hasen.
Zottelohr oder Zottel war der Name eines jungen Häschens. Es verdankte diesen Zunamen einem aufgerissenen Löffel, den es aus seinem ersten Abenteuer davontrug. Zottelohr lebte mit seiner Mutter in Olifants Moor, wo auch ich die Ehre ihrer Bekanntschaft gemacht hatte und hundert kleine Abenteuer und interessante Begebenheiten aus ihrem Leben zusammentrug, die ich schließlich in diesen Blättern niederlegte.
Menschen, die mit dem freien, ungebundenen Leben der Tiere nicht eingehend vertraut sind, werden mir vorwerfen, ich hätte ihnen zu viel Menschliches angedichtet; andere jedoch, die mitten in der Tierwelt leben und infolgedessen mit den Gewohnheiten und dem oft verblüffenden Instinkt vertraut sind, werden mir gewiß Glauben schenken.
Die Hasen besitzen natürlich keine Sprache, die wir Menschen verstehen, aber sie haben eine bestimmte Weise, ihre Gedanken durch ein System von Lauten, Zeichen, Bewegungen der Schnurrhaare und Gebärden kundzugeben und damit das Reden vollkommen zu ersetzen. Obwohl ich diese Geschichte frei aus der Hasensprache ins Menschliche übertrage, wiederhole ich nichts, was ich nicht Gliedern der großen Sippe Hase wirklich abgelauscht hätte.
I.
Das rauschende Schilf am Teichesrand neigte sich und verbarg das warme, trauliche Nest, wo Zottelohrs Mutter ihren Einzigen versteckt hielt. Sie deckte ihn mit zarten Grashalmen warm zu, und ihr letzter mütterlicher Rat war wie immer: »Bleib stilliegen und halte den Mund, mag kommen, was da will!« Zottelohr, obwohl im warmen Bettchen, dachte natürlich nicht ans schlafen und musterte mit seinen klugen Äuglein das Stück seiner kleinen, grünen Welt, das sich über ihm auftat. Dort oben schimpften sich eine Elster und ein Eichkätzchen, zwei gar berüchtigte Mausehaken, gegenseitig Diebe, und einmal war Zottelohrs Heimatsbusch sogar der Mittelpunkt eines hitzigen Kampfes. Eine Goldammer erwischte einen blauen Schmetterling kaum sechs Zoll vor seiner Nase, und ein purpurrot und schwarz getüpfelter Marienkäfer, der mit seinen kulpigen Fühlern winkte, machte gravitätisch einen langen Spaziergang einen Grashalm hinauf, einen anderen hinab, quer durch das Nest und gerade über Zottels Nase. Jedoch Zottelohr rührte sich nicht und überwand es sogar, zu blinzeln oder zu niesen.
Nach einer Weile hörte er ein fremdartiges Rascheln im Laub des nahen Dickichts, ein eintöniges, ununterbrochenes Rauschen, und obwohl er es bald hier, bald dort vernahm, kam es näher und näher, aber Tritte waren es nicht. Zottel hatte sein ganzes Leben (er war dazumal drei Wochen alt) im Moore zugebracht, und dennoch hatte er niemals etwas Derartiges gehört. Seine Neugierde war natürlich aufs höchste gespannt. Die Mutter hatte ihm zwar befohlen, stilliegen zu bleiben, aber nur im Falle einer Gefahr, und dieses fremdartige Geräusch ohne vernehmbare Tritte konnte gewiß nichts Gefährliches bedeuten.
Das leise Rascheln ging dicht an ihm vorüber, dann zur Rechten, dann wieder zurück und schien sich schließlich zu entfernen. Zottel wußte sofort, was zu tun sei; denn er war ja kein Baby. Es war seine Pflicht als Hase, zu erfahren, was es da gab. Er erhob langsam seinen weichen, rundlichen Körper auf den flaumbedeckten, kurzen Beinchen, schob den dicken Kopf über die schützende Wand des Nestes und lugte neugierig hinaus in den Wald. Da er nichts Besonderes entdecken konnte, machte er einen Schritt vorwärts und – befand sich Auge in Auge mit einer ungeheueren, schwarzen Schlange.
»Mama,« kreischte Zottelohr in tödlichem Entsetzen, als das Ungeheuer auf ihn zuschoß. Mit aller aufwendbaren Kraft seiner schwachen Beinchen versuchte er zu laufen. Aber wie der Blitz hatte ihn die Schlange am Ohr und wickelte sich voll gieriger Lust um das hilflose kleine Häschen, das sie sich zum Mittagsmahl auserkoren.
»Mama, Mama,« keuchte der arme Kleine, als das grausame Ungetüm begann, ihn langsam zu Tode zu würgen. Bald, gar bald würde des Kleinen Schrei verstummt sein, aber da kam Hilfe in der Not; mit langen, atemlosen Sätzen kam durch den Wald – die Mutter. Nicht länger mehr eine scheue, furchtsame Häsin, stets bereit, auch vor einem Schatten davonzulaufen – die Mutterliebe war in ihr erwacht. Der Hilfeschrei ihres Einzigen hatte sie mit der Tapferkeit einer Heldin erfüllt, und – hopp, setzte sie über den ekelhaften Wurm. Beim Sprunge schlug sie mit ihren starken, scharfbewaffneten Hinterläufen kräftig aus und versetzte der Schlange einen solchen Schlag, daß sie sich vor Schmerzen krümmte und vor Wut zischte.
»Mama,« wimmerte ganz schwach ihr Kleinod. Und die Mutter wiederholte ihre Sprünge wieder und wieder und schlug heftiger und ungestümer bei jedem Satz, bis das abscheuliche Gewürm Zottels Ohr fahren ließ und nach Atem schnappte, aber alles, was es erwischen konnte, war ein Flöckchen Wolle. Der Häsin sausende Hiebe fingen an, ihre Wirkung zu zeigen; denn lange, blutige Striemen waren in den Schuppenpanzer des schwarzen Ungetüms gerissen.
Die Sache begann der Schlange ungemütlich zu werden, und indem sie sich für den nächsten Angriff vorbereitete, lockerte sich der eiserne Griff, mit dem sie das kleine Häschen umklammerte, das sofort aus der furchtbaren Umschlingung herauskroch und im Niederholz verschwand, außer Atem und zu Tode entsetzt, aber unversehrt bis auf sein linkes Ohr, das vom scharfen Zahn arg zerfetzt war.