Betrachtungen über die Grundlagen der Philosophie

Chapter 4

Chapter 43,474 wordsPublic domain

Nun wandte sich Descartes' Blick nach innen! Er suchte ja nur etwas Gewisses, Sicheres. Einerlei, wo dies sich auch finde. Nun kam ihm zum klaren Bewußtsein, daß bei all seinem Zweifeln ein solch Gewisses ihm längst gegeben sei, nur merkte er es nicht, solange sein Blick nach außen gerichtet gewesen. Dieses unumstößlich Gewisse war nämlich sein =Sehen=, =Hören=, Fühlen, auch sein Zweifeln, kurz, sein Denken und Vorstellen. Wenn er überhaupt nicht =sähe=, =hörte= u. s. w. so könnte er ja gar nicht zweifeln, ob das =Gesehene=, =Gehörte= wahr sei. Überhaupt würde dann uns alles entschwinden, in ein vollkommnes Nichts übergehen. Wir könnten auch nicht sagen: »Ich bin«, denn dies »Ich« ist erst dadurch uns überhaupt gegeben, daß wir =sehen=, =hören= u. s. w., kurz, daß wir =denken=. In Wahrheit wäre also =nicht= das »=Ich bin=« als das Erste zu bezeichnen, was sich uns als gewiß darstellt, sondern das »+Ich denke+«, dem sich dann das »=Ich bin=« anschlösse. So verfährt auch Descartes in anderen Schriften gewöhnlich, und sein erster gewisser Satz bekommt dann die Form: »Ich +denke+, =ich bin=« oder auch: »+Ich denke, also bin ich+« (»_Cogito, ergo sum_«). (Ausführlich habe ich mich über die Bedeutung des Descartes'schen Fundamentalsatzes ausgesprochen in meiner Abhandlung: »_Cogito, ergo sum_«. Wiesbaden 1890.)

[22] K. Fischer (und ganz ähnlich v. Kirchmann) übersetzt: »Hier finde ich: das Denken =ist=; das Denken allein kann von meinem Wesen nicht abgetrennt werden; ich bin, ich existiere: dieser Satz ist gewiß.« Dies trifft sehr schlecht den Sinn Descartes, der hier die Antwort findet auf die Frage: >Was ist es, das zu meinem Wesen gehört?< Unsere Übersetzung wird zudem auch durch die französische Ausgabe der »Betrachtungen« gerechtfertigt.

Das »Ich« ist an und für sich ganz inhaltslos. Seine Bedeutung erhält es erst durch das Denken, auf Grund dessen wir überhaupt erst zu dem Ich gelangen, wie wir bereits oben bemerkten. Weil Descartes von vornherein gleich das »Ich bin« als das erste Gewisse hinstellte, war er genötigt, das =Dazugehörige= wieder dazu zu suchen. Er sucht zu der an sich leeren Form »Ich bin« wieder den Inhalt, den er oben außer acht gelassen. Er that dies mit offenbarer Absicht. Die Korrektheit der Darstellung leidet nicht wesentlich darunter, der Leser aber wird tiefer in die Bedeutung des Fundamentalsatzes eingeführt, der nunmehr erst in seinem ganzen Umfange uns entgegentritt: »Ich denke -- ich bin!«

Unterziehen wir nun den Fundamentalsatz einer kurzen Prüfung!

Das erste Gewisse ist das »Ich denke« und damit zugleich das »Ich bin«. Der Begriff »denken« bedarf aber noch einer genaueren Bestimmung, um wirklich genau nur das unmittelbare und erste Gewisse zu bedeuten. Gewiß ist uns -- so sagten wir in Anm. zu S. 33 -- daß wir sehen, hören u. s. w. Nichts aber ist uns gewiß über das Wesen dieses Sehvorganges. Auch nichts ist gewiß über das Ding, welches wir zu sehen glauben. Gewiß ist nur, =daß= wir es sehen, oder daß es uns so =zu Mute= ist, =als= sehen wir, daß der gegenwärtige Zustand ein solcher ist, wie wir ihn als »Sehen« zu bezeichnen gewohnt sind. Gewisse Bestimmtheiten, die zusammen ein »Bild« (oder einen »Ton« u. s. w.) ausmachen, schweben uns vor, d. h. sie sind gegenwärtig, sie sind gegeben, und zwar so wie sie eben sind. Das =nennen= wir dann »Vorstellung« oder sonst wie. Was man aber weiter noch unter Vorstellung, Denken u. s. w. sich denken könnte, was über jenes bloße So- oder so-sein, jene ganz unmittelbaren gegenwärtigen Bestimmtheiten hinausgeht, alles das ist =nicht absolut= und in +erster+ Linie gewiß! =Unmittelbar= gewiß ist nicht einmal das »Ich bin«. Erst =wenn= jene Bestimmtheiten thatsächlich gegeben sind, gelangen wir zum »Ich«; an =sich= wäre das Ich gänzlich inhaltsleer und bedeutungslos! Ohne die Beziehung auf das »Ich«, würden aber jene Bestimmtheiten niemals »Sehen« oder »Vorstellen«, »Denken« heißen können. Denn nur dadurch, daß ich =mir= die Bestimmtheiten zuschreibe, sage ich, »ich =denke=«. Da aber das Ich nicht unmittelbar gewiß ist, kann sonach auch das =unmittelbar= Gewisse nicht als =Denken=, =Vorstellen= u. s. w. bezeichnet werden! In der That vollzieht es sich auch in unserem Bewußtsein stets vermöge einer =Vermittlung=, nie =unmittelbar=, wenn wir dessen inne werden, daß wir =vorstellen= u. s. w. Zuerst sind stets, als schlechthinige beziehungslose Thatsachen die =Bestimmtheiten gegeben=, die erst durch einen besonderen Akt der Beziehung (oder Reflexion) als »Vorstellungen« selbst aufgefaßt werden. Dies wiederum ist nur möglich vermöge einer =Gegensetzung= (»Nicht-Ich« und »Ich«), ohne die jene Bestimmtheiten ganz =indifferent= bleiben würden und nie irgendwie bezogen werden könnten (da keine Beziehungs=richtung= da wäre). Je nach der =Beziehung= der Bestimmtheiten aber (auf das Nicht-Ich oder das Ich) wird die Bestimmtheit als Bestimmtheit eines =Dinges= oder einer »=Vorstellung=« aufgefaßt. So sei z. B. die indifferente Bestimmtheit »weiß« gegenwärtig. Wird sie nach =außen= bezogen, so ist sie Eigenschaft eines Nicht-Ich; wir sagen »Ein =Ding= ist weiß«. Wird sie nach =innen= bezogen, so sagen wir: »=ich= habe die =Vorstellung= von weiß«. =Unmittelbar= gegeben ist aber lediglich die indifferente +Bestimmtheit+. Ich und Nicht-Ich, Ding und Vorstellung sind nur =Beziehungsformen=, die, um thatsächlich und gewiß werden zu können, eine Bestimmtheit =voraussetzen=. Nur indem eine Bestimmtheit nach innen =bezogen= wird, kann der Ich-Gedanke praktisch vollzogen werden. Das sogenannte »reine Ich« ist nur eine Abstraktion aus der konkreten, bestimmten Ichbeziehung. Darum ist auch das Erste die =Bestimmtheit=; durch Beziehung geht aus dieser das »Ich stelle vor« hervor oder das »Ich denke«, und hieraus, durch Abstraktion, das »Ich« (»Ich bin«). Man sieht leicht, eben in jenem =Beziehen= der Bestimmtheiten =besteht= überhaupt erst das eigentliche »=Vorstellen=«! Wenn sich nun auch stets sofort an das Bestimmtsein sogleich ein Beziehen =anknüpft=, sodaß wir nie eine ganz beziehungslose, indifferente (gegenstandslose) Bestimmung dauernd ins Auge fassen können, so ist doch leicht einzusehen, daß doch in Wahrheit =genau= genommen das +Erste+ und +Unmittelbarste+ und +Gewisseste+ die +Bestimmung+ ist.

Das ist nun keineswegs bedeutungslos! Heben wir an mit einer Untersuchung der Bestimmung, so ergiebt sich uns daraus bald das Wesen jener Beziehung und Gegensetzung, wir vermögen einen tiefen Blick in das Wesen des Bewußtseins, des »Ich« und der Dinge außer uns zu thun. Es gelingt die Lösung von Problemen, die bisher die Metaphysik nicht einmal bestimmt ins Auge zu fassen gewagt hatte. Auch das innerste Wesen und die Entstehung von =Raum und Zeit= enthüllt sich vor uns und die obersten Grundlagen der Mathematik und der Mechanik werden unserem Verständnis erschlossen. Die ganze Wissenschaft schließt sich zusammen zu einem festen einheitlichen System.

Ich habe versucht, von diesem System einen Überblick zu geben in der Schrift: »Grundriß der Philosophie als Bestimmungslehre« (Wiesbaden 1890).

[23] Daß ich wirklich nichts weiter bin als ein =bloß= denkendes Wesen, will natürlich Descartes nicht behaupten; dies beweist er erst später. Hier wird nur gezeigt, daß wir nichts weiter unzweifelhaft uns zuschreiben dürfen als das Denken, alles andre aber von uns weggedacht werden kann.

Daß wirklich =nur= das Denken zu unserem Wesen gehört, beweist er mit Hilfe des Satzes, daß alles, was von dem Wesen eines Dinges weggedacht werden kann, in Wahrheit nicht zum Wesen des Dinges gehört. Dieser Satz wird aus dem =Gottesbegriffe= hergeleitet, der selbst wieder aus dem =Denken= entwickelt wird.

[24] Der scheinbare Widerspruch, daß Descartes oben, S. 36, das Empfinden als ungewiß vom Denken trennt, während er es hier zu den unmittelbar gewissen Denkvorgängen zählt, löst sich dadurch, daß Descartes das Empfinden in doppeltem Sinne versteht. Als Thätigkeit der Sinnesorgane -- so ist es S. 36 zu verstehen -- ist es ungewiß, weil der Körper überhaupt uns noch ungewiß ist. Hier aber redet Descartes -- wie er sogleich weiter unten ausdrücklich betont -- lediglich von der Empfindung, inwiefern wir uns gewisser Bestimmtheiten =bewußt= werden. Insofern handelt es sich dabei um unmittelbar gewisse Thatsachen, um ein Denken.

[25] Kirchmann übersetzt -- wahrscheinlich durch ein Versehen (»_vera_« statt _cera_?) -- »was das Wahre ist«. Hiermit läßt sich indessen nur schwer ein passender Sinn verbinden.

Dritte Betrachtung.

Das Dasein Gottes.

Nun will ich meine Augen schließen, meine Ohren verstopfen, alle meine Sinne will ich abwenden, sogar die Bilder von körperlichen Gegenständen will ich alle aus meinem Denken vertilgen oder, da dies doch kaum möglich sein dürfte, will ich sie wenigstens als leere Trugbilder für nichts achten. Zu mir allein will ich reden und in mein Innerstes blicken, und mich so allmählich mit mir selbst bekannter und vertrauter zu machen suchen.

Ich bin ein Wesen, welches =denkt=, d. h. zweifelt, bejaht, verneint, einiges erkennt, vieles nicht weiß, will und nicht will, vorstellt und auch empfindet. Obwohl nämlich das, was ich denke oder vorstelle außer mir vielleicht nichts ist, so sind doch, wie ich bereits oben bemerkte, sicherlich jene =Denkweisen, die= ich Sinne und Vorstellungen =benenne=, insofern sie lediglich =+als+ Denkweisen= gefaßt werden, etwas =Wirkliches= in mir.

Mit diesen wenigen Worten nun habe ich alles angeführt, was ich wirklich weiß, soweit mir wenigstens bis jetzt klar geworden ist, daß ich es weiß.

Nun will ich sorgfältiger um mich schauen, ob sich vielleicht noch anderes bei mir findet, das ich bisher unbeachtet ließ.

Ich bin =sicher=, daß ich ein denkendes Wesen bin; müßte ich denn also nicht auch wissen, was dazu =gehört=, daß ich einer Sache sicher bin?

Es ist doch in jener ersten Erkenntnis nichts Anderes enthalten als eine klare und deutliche Auffassung dessen, was ich behaupte. Diese aber könnte offenbar nicht genügen, mich der Wahrheit eines Gegenstandes zu vergewissern, wenn es überhaupt möglich wäre, daß etwas, das ich so klar und deutlich einsehe, =nicht= wahr sei. Somit darf ich wohl als allgemeine Regel festhalten: »=+Wahr+ ist alles das, was ich ganz klar und deutlich einsehe=.«

Allein ich habe ja früher vieles als ganz gewiß und offenbar gelten lassen, und fand nachher doch, daß es ungewiß sei. Was war denn dies? Es war Erde und Himmel, die Sterne und alles andere, das ich mit den Sinnen erfaßte.

Was aber war mir denn dabei so klar? -- Offenbar nur, daß dergleichen Vorstellungen oder Gedanken meinem Geiste sich darstellten.

Daß jene Vorstellungen in mir stattfinden, das leugne ich ja auch jetzt nicht. Es war aber noch etwas Anderes, das ich behauptete und so zu glauben gewohnt war, daß ich es sogar deutlich wahrzunehmen meinte, während ich es in der That doch nicht wahrnahm: nämlich das Dasein von Dingen außer mir, von denen jene Vorstellungen ausgingen und denen dieselben ganz ähnlich wären. Hierin aber irrte ich entweder, oder, =falls ich recht hatte, ergab sich mir dies sicherlich nicht kraft meiner +Wahrnehmung+=.

Wie verhielt es sich aber, wenn ich in der Arithmetik oder Geometrie irgend etwas ganz Einfaches und Leichtfaßliches betrachtete, wie z. B. daß zwei und drei zusammen fünf giebt und dergleichen? Solche Sätze wenigstens sah ich doch wohl klar genug ein, um behaupten zu können, sie seien =wahr=? -- Allerdings erklärte ich sie später auch nur aus dem einzigen Grunde für zweifelhaft, weil mir in den Sinn kam, es hätte vielleicht ein Gott mich so schaffen können, daß ich selbst in den scheinbar handgreiflichsten Dingen mich meiner Natur nach in Irrtum befinde. So oft diese vorgefaßte Meinung von Gottes Allmacht mir aufstößt, muß ich allerdings gestehen, daß Gott, wenn er nur wolle, mich leicht könne irren lassen, selbst in Dingen, die ich mit meinen geistigen Augen aufs klarste zu sehen meine. Wende ich mich dann aber den Dingen selbst zu, die ich so ganz klar wahrzunehmen glaube, so werde ich jedesmal so ganz von der Wahrheit durchdrungen, daß ich unwillkürlich in die Worte ausbreche: »täusche mich einer, wenn er es vermag! =das wird er doch niemals zu Wege bringen, daß ich +nichts+ bin, während ich +denke+ ich sei etwas=! oder daß es je wahr wäre, daß ich =nie= gewesen, da ich doch nun =wirklich= bin; -- oder auch, daß zwei und drei zusammen mehr oder weniger als fünf sei u. dgl., denn darin erkenne ich einen offenbaren =Widerspruch=.«

Da ich nun aber sicherlich keine Veranlassung zu der Annahme habe, es sei ein Gott, der mich =täuscht=; ja, da ich nicht einmal sicher weiß, ob es überhaupt einen Gott giebt, so ist ein Zweifel, der sich lediglich auf diese Annahme stützt, sehr schwach und sozusagen metaphysisch begründet. Doch auch diesen letzten Zweifel will ich beseitigen und muß daher, sobald sich Gelegenheit dazu bietet, untersuchen, ob ein Gott ist, und, falls er ist: ob er ein Betrüger sein kann. So lange ich nämlich =dies= nicht weiß, kann ich wohl überhaupt über nichts jemals Gewißheit erlangen![26]

* * * * *

Doch um den Verlauf der Untersuchung nicht zu unterbrechen, dürfte es zunächst angemessen sein, alle Gedanken in gewisse Gattungen einzuteilen und festzustellen, worin Wahrheit und Irrtum eigentlich besteht.

Gewisse Gedanken nun sind gleichsam Bilder von Dingen, und diesen allein kommt eigentlich der Name »=Vorstellung=« zu; so z. B. wenn ich mir einen Menschen, eine Chimäre, den Himmel, einen Engel oder Gott denke.

Andere Gedanken haben außerdem noch eine andere Form. Wenn ich z. B. will, wenn ich fürchte, bejahe, verneine, so denke ich mir zwar stets ein Etwas, das diesem Denken zu Grunde liegt, aber ich denke mir noch etwas mehr dabei als ein bloßes Bild von jenem Etwas. Solche Gedanken sind einmal die sogenannten =Begehrungen= oder Affekte, dann die =Urteile=.

Was nun die Vorstellungen anbetrifft, so können sie eigentlich nicht falsch sein, wenn man sie nur an sich betrachtet und auf nichts anderes bezieht. Ob ich eine Ziege oder eine Chimäre mir vorstelle: daß ich es =vorstelle=, ist im einen Fall ebenso wahr wie im andern!

Auch beim Willen und den Affekten brauche ich keinen Irrtum zu fürchten, denn wenn ich auch Schlechtes oder ganz und gar Unmögliches wünschen kann, so bleibt es darum doch immer wahr, daß ich solches begehre.

So bleiben nur die =Urteile= allein, bei denen ich mich vor Irrtum hüten muß.[27] Der hauptsächlichste und häufigste Irrtum aber, den man in ihnen finden kann, besteht darin, daß ich meine, die Vorstellungen, die =in mir= sind, seien gewissen Dingen =außer mir= ähnlich und entsprechend. In der That, wenn ich die Vorstellungen nur als gewisse Arten meines Denkens betrachten und auf nichts Anderes beziehen würde, so könnten sie mir kaum irgend einen Stoff zum Irrtum geben.

Von diesen Vorstellungen nun sind die einen, dem Anscheine nach, mir =angeboren=, andere sind mir von =außen gekommen=, andere aber habe ich mir selbst gebildet. Wenn ich erkenne, was »Ding«, »Wahrheit«, »Denken« ist, so kann ich dies wohl lediglich aus meinem eigenen Wesen schöpfen. Höre ich dagegen ein Geräusch, sehe ich die Sonne, fühle das Feuer, so meinte ich bisher, dies käme von Dingen außer mir. Vorstellungen aber wie Sirenen, Hippogryphen u. dgl. bilde ich mir selbst. Doch ich könnte auch annehmen, =alle= Vorstellungen kämen von außen, oder alle seien mir angeboren, oder alle seien von mir gebildet; noch habe ich ja ihren wahren Ursprung nicht klar erkannt!

Doch hier handelt es sich vorzüglich um diejenigen, welche ich als entlehnt von Dingen außer mir ansehe, und es fragt sich: was veranlaßt mich, diese Vorstellungen für Abbilder von Dingen zu halten?

Die Natur scheint es mich eben so gelehrt zu haben. Zudem erwarte ich auch, daß diese Vorstellungen nicht von meiner Willkür, mithin nicht von =mir=, abhängen, denn oft habe ich sie selbst gegen meinen Willen. So empfinde ich Wärme, ob ich nun will oder nicht; darum glaube ich, die Wärme-Empfindung oder Vorstellung komme mir von etwas, das von mir ganz verschieden ist, von der Wärme des Feuers, bei dem ich sitze; was ist dann aber näherliegend als die Meinung, jenes Ding sende mir eher Seinesgleichen zu als etwas Anderes?

Wenn ich hier sage: »die =Natur= hat es mich so gelehrt,« so meine ich damit nur, ein unwillkürlicher =Trieb= bringe mich zu diesem Glauben, nicht aber ein natürliches =Erkenntnis=vermögen[28] stelle es mir als wahr hin. Das sind zwei sehr verschiedene Dinge! Was mir nämlich durch das natürliche Erkenntnisvermögen einleuchtet (wie z. B. der Satz, daß aus meinem Zweifeln mein =Sein= folgt und Ähnliches), das kann in keiner Weise zweifelhaft sein, weil es kein anderes Vermögen geben kann, dem ich so, wie jenem Lichte der Erkenntnis vertraue, oder das mir klar machen könnte, es sei nicht =wahr=, was ich vermöge jenes Lichtes erkenne.[29] -- Was aber die natürlichen =Triebe= anlangt, so habe ich schon früher oftmals gefunden, daß ich von ihnen zum Schlechten angetrieben wurde, wenn es sich darum handelte, das Gute zu erwählen; und ich sehe nicht ein, warum ich ihnen in anderen Dingen mehr Vertrauen schenken soll.

Wenn nun aber auch jene Vorstellungen unabhängig sind von meinem Wollen, so ist damit noch nicht gesagt, daß sie von außer mir liegenden Dingen herkommen. Gleich wie die oben erwähnten Triebe wohl =in mir= sind, aber gleichwohl von meinem Wollen verschieden zu sein scheinen, so könnte es wohl auch ein anderes mir nur noch nicht hinreichend bekanntes Vermögen in mir geben, das jene Vorstellungen hervorbringt. So habe ich es ja bisher auch schon immer beobachtet, daß im Schlafe ohne irgend welches Zuthun äußerer Dinge Vorstellungen in mir entstehen!

Selbst wenn aber schließlich auch die Vorstellungen von äußeren Dingen herrührten, so folgt daraus doch noch nicht, daß sie jenen Dingen auch =ähnlich= sein müßten; meine ich doch vielmehr häufig gerade hier einen großen Unterschied angetroffen zu haben. So finde ich in mir beispielsweise zwei verschiedene Vorstellungen von der Sonne. Die eine hat ihren Ursprung in den Sinnen und ist hauptsächlich zu jenen zu rechnen, die ich meiner Meinung nach von außen erhalte; nach dieser Vorstellung erscheint mir die Sonne =sehr klein=. Die andere Vorstellung habe ich aus astronomischen Beweisen gewonnen, d. h. ich habe sie aus gewissen mir angeborenen Begriffen heraus entwickelt oder in irgend einer anderen Weise gebildet; hiernach stellt sich die Sonne =vielmal größer als die Erde= dar. =Beide= Vorstellungen können aber der einen außer mir befindlichen Sonne nicht ähnlich sein, und die Vernunft sagt mir, daß gerade diejenige ihr am =un=ähnlichsten ist, die doch am allerunmittelbarsten von der Sonne selbst herzukommen schien!

Aus alledem geht zur Genüge hervor, daß nicht ein sicheres Urteil, sondern nur ein blinder Trieb mich zu der Meinung veranlaßte, es gebe Dinge, die von mir verschieden sind und mir Vorstellungen oder Bilder von sich durch Vermittlung der Sinnesorgane oder auf andere Weise zusenden.

Es zeigt sich mir aber noch ein anderer Weg, um festzustellen, ob einige von den Dingen, deren Vorstellungen ich in mir habe, auch außer mir existieren. Inwiefern nämlich jene Vorstellungen lediglich gewisse Arten des Denkens sind, finde ich zwischen ihnen keinen Unterschied und alle scheinen in gleicher Weise aus mir hervorzugehen. Insofern aber die eine dies, die andere das darstellt, sind sie offenbar sehr verschieden voneinander. Ohne Zweifel sind die, welche Substanzen darstellen, in gewisser Beziehung mehr; sie enthalten sozusagen mehr objektive Realität[30] in sich als die, welche nur Eigenschaften oder Accidenzen darstellen; und wenn ich einen höchsten Gott vorstelle, der ewig, unendlich, allweise, allmächtig und der Schöpfer aller Dinge ist, die außer ihm sind: so hat wiederum diese Vorstellung mehr objektive Realität in sich als die, welche endliche Substanzen darstellen.

Nun sagt uns aber unser natürliches Erkenntnisvermögen, daß in der ganzen wirkenden Ursache mindestens ebensoviel Realität enthalten sein muß, als in der Wirkung ebendieser Ursache. Woher könnte denn die Wirkung anders ihre Realität empfangen, als von der Ursache? und wie könnte die Ursache diese geben, wenn sie sie nicht selbst hätte?

Daraus aber ergiebt sich, daß weder etwas aus Nichts entstehen kann, noch ein Vollkommneres (d. h. mehr Realität Enthaltendes) aus einem Unvollkommneren. Und das gilt offenbar nicht nur für diejenigen Wirkungen, deren Realität eine aktuale oder formale ist, sondern auch für die =Vorstellungen=, bei denen nur eine objektive Realität in Betracht kommt.[31] Das heißt also, es ist ganz unmöglich, daß beispielsweise ein Stein, der bisher nicht da war, jetzt zu sein anfange, es sei denn, daß er von etwas Anderem ins Dasein gerufen wird, in dem das ganze Sein, das im Steine gesetzt wird, entweder im gleichen oder in höherem Grade[32] enthalten ist, ebenso wie es auch unter anderem unmöglich ist, daß einem Dinge, das bisher nicht warm war, Wärme zugeführt werde außer von einem anderen Dinge, das mindestens auf derselben Seinsstufe steht, wie die Wärme. Ich konnte aber auch nicht einmal die =Vorstellung= der Wärme oder des Steines haben, wenn sie nicht durch eine Ursache in mir hervorgerufen ist, die mindestens ebensoviel Realität enthält, als ich im Steine oder in der Wärme vorstelle.

Zwar geht nichts von der aktualen oder formalen Realität der Ursache in meine Vorstellung über, man darf aber darum doch nicht glauben, diese Vorstellung müsse darum weniger real sein, vielmehr bedarf die Vorstellung =an sich= ihrem Wesen nach keiner anderen =formalen= Realität außer der, die sie von meinem Denken entlehnt, dessen Modus sie ist. Damit aber diese Vorstellung gerade diese oder jene =objektive= Realität enthalte und nicht eine andere, dazu bedarf sie einer Ursache, die wenigstens ebensoviel formale Realität besitzt, als sie selbst an objektiver Realität enthält.

Denn gesetzt den Fall, in der Vorstellung finde sich etwas, das in ihrer Ursache nicht war, so hätte sie es folglich von =nichts=. So unvollkommen nun auch jene Seinsweise sein mag, durch die ein Ding im Geiste durch die Vorstellung vergegenständlicht ist, so ist sie sicherlich doch nicht völlig gleich Null und kann daher auch nicht aus Nichts hervorgehen.[33]