Part 5
An der Fensterseite des Zimmers steht ein langer, schmaler Tisch, von Bänken umgeben, auf denen eine Anzahl Herren sitzen, deren vornehme Züge und Anzüge mit denen der starken Männer seltsam kontrastieren. Oben am Tisch sitzt die Präsidentin oder Protektorin des Athletenklubs, ein Damenschneider, auf den das Wort Martials zutrifft, „daß er mit einer kleinen Ausnahme alles von seiner Mutter hat“. Kein Uneingeweihter würde in ihm ein Mitglied des Athletenklubs -- geschweige denn dessen Präsidentin vermuten.
Auf dem Tisch befindet sich eine Sparbüchse, in welche die Gäste ihr Scherflein zur Deckung der Unkosten, Anschaffung von Gewichten und Matratzen tun. Außerdem berichtigen sie die Zechen ihrer Athleten, die vor und während der Arbeit in Selter, Limonade und Zigaretten, nach dem Gewichteheben und Ringen in Bier und Abendbrot bestehen.
Die urnischen Freunde sorgen, daß fleißig geübt wird, die plastische Schönheit der Bewegungen, das Spiel der Muskeln wird von den sachverständigen Gönnern eifrig verfolgt, jeder „Gang“ auf das lebhafteste kritisiert.
Manche Homosexuelle verbinden sich mit den Athleten besonders auch deshalb, um, wenn sie irgendwie belästigt oder infolge des unglücklichen § 175 erpreßt werden, handfeste, unerschrockene Männer zur Verfügung zu haben, auf deren Schutz und „tatkräftige“ Freundschaft sie sicher bauen können.
Von einigen Wirten urnischer Lokale, aber durchaus nicht von diesen allein, werden namentlich im Winterhalbjahr große Urningsbälle veranstaltet, die in ihrer Art und Ausdehnung eine Spezialität von Berlin sind. Hervorragenden Fremden, namentlich Ausländern, die in der jüngsten der europäischen Weltstädte etwas ganz Besonderes zu sehen wünschen, werden sie von höheren Beamten als eine der interessantesten Sehenswürdigkeiten gezeigt. Sie sind auch bereits wiederholt beschrieben, so neuerdings von Oskar Méténier in „_Vertus et Vices allemands, les Berlinois chez eux_“.[2] In der Hochsaison von Oktober bis Ostern finden diese Bälle in der Woche mehrmals, oft sogar mehrere an einem Abend statt. Trotzdem das Eintrittsgeld selten weniger als 1,50 M. beträgt, sind diese Veranstaltungen meist gut besucht. Fast stets sind mehrere Geheimpolizisten zugegen, die acht geben, daß nichts Ungeziemendes vorkommt; soweit ich unterrichtet bin, lag aber noch nie ein Anlaß vor, einzuschreiten. Die Veranstalter haben Ordre, möglichst nur Personen einzulassen, die ihnen als homosexuell bekannt sind.
Einige der Bälle erfreuen sich eines besonderen Renommées, vor allem der kurz nach Neujahr veranstaltete, auf dem die neuen, vielfach selbst gefertigten Toiletten vorgeführt werden. Als ich diesen Ball im letzten Jahr mit einigen ärztlichen Kollegen besuchte, waren gegen 800 Personen zugegen. Gegen 10 Uhr abends sind die großen Säle noch fast menschenleer. Erst nach 11 Uhr beginnen sich die Räume zu füllen. Viele Besucher sind im Gesellschafts- oder Straßen-Anzug, sehr viele aber auch kostümiert. Einige erscheinen dicht maskiert in undurchdringlichen Dominos, sie kommen und gehen, ohne daß jemand ahnt, wer sie gewesen sind; andere lüften die Larve um Mitternacht, ein Teil kommt in Phantasiegewändern, ein großer Teil in Damenkleidern, manche in einfachen, andere in sehr kostbaren Toiletten. Ich sah einen Südamerikaner in einer Pariser Robe, deren Preis über 2000 Frcs. betragen sollte.
Nicht wenige wirken in ihrem Aussehen und ihren Bewegungen so weiblich, daß es selbst Kennern schwer fällt, den Mann zu erkennen. Ich erinnere mich, daß ich auf einem dieser Bälle mit einem auf diesem Gebiet sehr erfahrenen Kriminalwachtmeister ein Dienstmädchen beobachtete, von dem der Beamte fest überzeugt war, daß sie ein richtiges Weib sein müsse, auch ich hatte nur geringe Zweifel, um in der Unterhaltung mit ihr aber doch wahrzunehmen, daß sie „ein Mann“ war. Wirkliche Weiber sind auf diesen Bällen nur ganz spärlich vorhanden, nur dann und wann bringt ein Uranier seine Wirtin, eine Freundin oder -- seine Ehefrau mit. Man verfährt im allgemeinen bei den Urningen nicht so streng wie auf den analogen Urnindenbällen, auf denen jedem „echten Mann“ strengstens der Zutritt versagt ist. Am geschmacklosesten und abstoßendsten wirken auf den Bällen der Homosexuellen die ebenfalls nicht vereinzelten Herren, die trotz eines stattlichen Schnurrbartes oder gar Vollbartes „als Weib“ kommen. Die schönsten Kostüme werden auf ein Zeichen, des Einberufers mit donnerndem Tusch empfangen und von diesem selbst durch den Saal geleitet. Zwischen 12 und 1 Uhr erreicht der Besuch gewöhnlich seinen Höhepunkt. Gegen 2 Uhr findet die Kaffeepause -- die Haupteinnahmequelle des Saalinhabers -- statt. In wenigen Minuten sind lange Tafeln aufgeschlagen und gedeckt, an denen mehrere hundert Personen Platz nehmen; einige humoristische Gesangsvorträge und Tänze anwesender „Damenimitatoren“ würzen die Unterhaltung, dann setzt sich das fröhliche Treiben bis zum frühen Morgen fort.
In einem der großen Säle, in welchem die Urninge ihre Bälle veranstalten, findet auch fast jede Woche ein analoger Ballabend für Uranierinnen statt, von denen sich ein großer Teil in Herrenkostüm einfindet. Die meisten homosexuellen Frauen auf einem Fleck kann man alljährlich auf einem von einer Berliner Dame arrangierten Kostümfest sehen. Das Fest ist nicht öffentlich, sondern gewöhnlich nur denjenigen zugänglich, die einer der Komiteedamen bekannt sind. Eine Teilnehmerin entwirft mir folgende anschauliche Schilderung: „An einem schönen Winterabend fahren von 8 Uhr ab vor einem der ersten Berliner Hotels Wagen auf Wagen vor, denen Damen und Herren in Kostümen aller Länder und Zeiten entsteigen. Hier sieht man einen flotten Couleurstudenten mit mächtigen Renommierschmissen ankommen, dort hilft ein schlanker Rokokoherr seiner Dame galant aus der Equipage. Immer dichter füllen sich die strahlend erleuchteten weiten Räume; jetzt tritt ein dicker Kapuziner ein, vor dem sich ehrfurchtsvoll Zigeuner, Pierrots, Matrosen, Klowns, Bäcker, Landsknechte, schmucke Offiziere, Herren und Damen im Reitanzug, Buren, Japaner und zierliche Geishas neigen. Eine glutäugige Carmen setzt einen Jockey in Brand, ein feuriger Italiener schließt mit einem Schneemann innige Freundschaft. Die in buntesten Farben schillernde fröhliche Schar bietet ein höchst eigenartiges anziehendes Bild. Zuerst stärken sich die Festteilnehmerinnen an blumengeschmückten Tafeln. Die Leiterin in flotter Sammetjoppe heißt in kurzer kerniger Rede die Gäste willkommen. Dann werden die Tische fortgeräumt. Die „Donauwellen“ erklingen, und begleitet von fröhlichen Tanzweisen, schwingen sich die Paare die Nacht hindurch im Kreise. Aus den Nebensälen hört man helles Lachen, Klingen der Gläser und munteres Singen, nirgends aber -- wohin man sieht -- werden die Grenzen eines Kostümfestes vornehmer Art überschritten. Kein Mißton trübt die allgemeine Freude, bis die letzten Teilnehmerinnen beim matten Dämmerlicht des kalten Februarmorgens den Ort verlassen, an dem sie sich unter Mitempfindenden wenige Stunden als das träumen durften, was sie innerlich sind. Wem es je vergönnt war, schließt Frl. R. ihren Bericht, ein derartiges Fest mitzumachen, wird aus ehrlicher Überzeugung sein Leben lang für die ungerecht verleumdeten Uranierinnen eintreten, denn er wird sich darüber klar geworden sein, daß es überall gute und schlechte Menschen gibt, daß die homosexuelle Naturveranlagung aber ebensowenig wie die heterosexuelle von vornherein einen Menschen zum Guten oder Bösen stempelt.“
Nicht weniger wie die Bälle, sind auch die „Herrenabende“ besucht, theaterartige Veranstaltungen, welche von Zeit zu Zeit von Urningen für Urninge gegeben werden. Gewöhnlich sind sämtliche auftretenden Künstler „Zwischenstufen“; besonders beliebt ist es, berühmte Literaturwerke homosexuell zu parodieren, und es erregt nicht geringe Heiterkeit, wenn die Engeln als Marthe Schwertlein, die Harfenjule als Salome oder gar Schwanhilde, als Maria Stuart, Königin Elisabeth und Amme in einer Person auftritt.
Außer den Restaurants gibt es in Berlin auch Hotels, Pensionate und Badeanstalten, die fast ausschließlich von Homosexuellen besucht werden; dagegen habe ich ein von Pastor Philipps neuerdings, wie bereits früher, erwähntes Berliner Gemeinschaftshaus der Homosexuellen bisher nicht ermitteln können.
Die Homosexualität in Badeanstalten ist in Berlin bei weitem nicht so verbreitet, wie in anderen Großstädten, namentlich in St. Petersburg und Wien. In der österreichischen Hauptstadt befindet sich ein Bad, das durch den ganz außerordentlich starken Zusammenfluß von Homosexuellen an bestimmten Tagen, zu gewissen Stunden einzig dastehen dürfte. In Berlin weiß ich von vier mittelgroßen Badeanstalten, die nur von homosexueller Kundschaft leben. Auch einige Schwimmbassins sind zu bestimmten Tageszeiten Treffpunkte der Homosexuellen.
Vielfach sind in diesen Anstalten, ebenso wie in den Restaurationen und Hotels, der Besitzer oder ein Angestellter homosexuell. Dieselben sind ursprünglich meist nicht in der Absicht gegründet, urnische Bekanntschaften zu vermitteln oder gar der Unzucht Vorschub zu leisten (im Sinne des § 180 R.-St.-G.-B.), vielmehr hat es sich allmählich herumgesprochen, daß der Eigentümer oder der Oberkellner oder ein Masseur „so“ ist, worauf sich dann viele Urninge dorthin ziehen, weil sie sich dort ungenierter fühlen.
Die Besitzer sind sich oft gewiß nicht darüber klar, daß sie dabei Gefahr laufen, mit dem Kuppeleiparagraphen des Strafgesetzbuches in Konflikt zu geraten. Vor kurzem erregte ein Prozeß wegen homosexueller Kuppelei ziemliches Aufsehen, der gegen einen alten Uranier angestrengt wurde, welcher mit einem Freunde im Westen der Stadt ein Pensions-Hotel führte, das überwiegend von homosexuellen Damen und Herren aufgesucht wurde. Trotzdem die Angeklagten -- meines Erachtens nicht mit Unrecht -- darauf hinwiesen, daß sie keine höheren Preise forderten und erhielten, wie sie in ähnlichen Etablissements üblich sind, ferner, daß sie sich nicht befugt hielten, zu kontrollieren, was ihre Gäste, zu denen ein vielgenannter Reichstagsabgeordneter gehörte, auf ihren Zimmern mit ihren Besuchern täten, wurden beide zu einer Gefängnisstrafe von einem Monat verurteilt.
Einer wieviel größeren Gefahr setzen sich die Hotelwirte aus, bei denen sich für wenige Stunden die männlichen Prostituierten mit ihren Herren einfinden, sowie die urnischen Absteigequartiere, deren es in Berlin eine ganze Anzahl geben soll. Diese Quartiere sind eine unmittelbare Folge der durch den § 175 geschaffenen Verhältnisse. Sie werden besonders von Uraniern vornehmer Gesellschaftskreise, auch viel von uranischen Offizieren auswärtiger Garnisonen benutzt, die sich aus wohlbegründeter Furcht, Erpressern, Verbrechern oder Verrätern in die Hände zu fallen, an diese Vertrauenspersonen wenden, die ihnen etwas „ganz Sicheres“ besorgen sollen.
In Brüssel wurde in diesem Sommer ein Schuhmacher mit seiner Frau verhaftet, bei dem man zahlreiche Albums mit Photographieen vorfand, die den Nachfragenden zur Auswahl vorgelegt wurden. Ähnliches kommt auch in Berlin vor. Wie mir verbürgt mitgeteilt wurde, gibt es Vermittler, bei denen sich Herren mündlich und schriftlich, ja sogar telegraphisch Personen unter Angabe aller möglichen fetischistischen Liebhabereien bestellen, einen Kürassier mit weißen Hosen und hohen Stiefeln, Männer in Frauen- und Frauen in Männerkleidern, einen Bierkutscher, einen Steinträger in Arbeitsanzug, ja sogar einen Schornsteinfeger. Fast alle finden dann zu der bestimmten Stunde das Erbetene vor. Auch für urnische Damen existieren ähnliche Vermittelungslokale.
Unbewußt leistet auch die Berliner Tagespresse den Urningen umfangreiche Mittlerdienste. In manchen Blättern findet man fast täglich mehrere Inserate, die homosexuellen Zwecken dienen, wie „junge Frau sucht Freundin“, „junger Mann sucht Freund“. Ich gebe hier einige Beispiele derartiger Annoncen wieder, die innerhalb kurzer Zeit Berliner Zeitungen verschiedenster Parteirichtung entnommen wurden.
Wie mir mehrfach versichert wurde, werden diese Inserate von denen, für die sie berechnet sind, sehr wohl verstanden.
=Älterer Herr=, kein Damenfreund, sucht Bekanntschaft mit Gleichgesinnten. Zuschr. erb. unt. _=S.O.=_ 2099 an die Exped. d. Bl.
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=Älterer= Junggeselle wünscht gleichgesinnten „Anschluß“, Morgenpost Bülowstraße.
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=Herr=, 23, sucht Freund. Zuschriften unter „Sokrates“ an Hauptexpedition Kochstraße erbeten.
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Junggeselle, gut. Ges., sucht freundschaftl. Verkehr m. led. gleichges. Herrn in ält. Jahr. Off. =_A. B._= 11 Postamt 76.
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=Jung. geb. Mann, 29 Jahr, sucht freundschaftl. Verkehr m. energisch herrischem, gut situiertem Herrn. Briefe erb. unt. _T. L. W._ Expedit. d. Blattes.=
Wir haben bereits wiederholt die männliche Prostitution erwähnen müssen und dürfen diese gewiß beklagenswerte Erscheinung nicht übergehen, wenn wir eine einigermaßen vollständige Schilderung der vielseitigen Gestaltungsformen geben wollen, in denen uns das urnische Leben Berlins entgegentritt.
=Fräulein=, anständ., 24 Jahre, sucht hübsches Fräulein als Freundin. Offerten unt. Nr. 3654 an die Exped. erbeten.
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=Dame=, 36, wünscht freundschaftlichen Verkehr. Postamt 16, „Plato“.
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=Herzensfreundin=, nette, sucht geistvolle, lebenslustige Dame, 23. Psyche, Postamt 69.
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=Suche gebild. Freundin, Anfang 30, am liebsten Blondine. Off. u. _H. R._ 1622 Exp. d. Bl.=
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=Schneiderin=, 22, wünscht „Freundin“, Postamt 33.
Wie jede Großstadt, hat auch Berlin neben der weiblichen eine männliche Prostitution. Beide sind eng verwandt durch Abstammung, Wesen, Ursachen und Folgen. Hier wie dort kommen stets zwei Gründe zusammen, von denen bald der eine, bald der andere den Ausschlag gibt: innere Anlagen und äußere Verhältnisse. In denjenigen, die der Prostitution anheimfallen, ruhen von Jugend an bestimmte Eigentümlichkeiten, unter welchen ein mit dem Hang zur Bequemlichkeit verbundener Drang zum Wohlleben am deutlichsten hervortritt. Sind bei diesen Eigenschaften die äußeren Verhältnisse günstig, sind namentlich die Eltern vermögend, so verfallen die jungen Leute nicht der Prostitution; tritt aber häusliches Elend hinzu, kümmerlicher Lebensunterhalt, Arbeits- und Stellungslosigkeit, Mangel an Unterkommen und womöglich die größte aller Sorgen, der Hunger, dann halten wohl von Natur aus stabile, in sich gefestigte Charaktere stand, die labilen aber suchen die nie fehlende Versuchung, sie erliegen und verkaufen sich, trotz der Tränen der Mutter.
Es gibt Menschenfreunde, die die Besserung von der Freiheit des Willens und andere, die sie vom Zwang der Verhältnisse erwarten; nach Erziehung und Religion verlangen die einen, nach dem Zukunftsstaat die anderen. Beide sind zu optimistisch. Wer helfen will, muß innen und außen ansetzen, die Verhältnisse zu bessern trachten, daß kein Mädchen und kein Jüngling es nötig hat sich zu verkaufen, und die Personen bessern unter besonderer Rücksicht der Vererbungsgesetze, daß niemand die Neigung verspürt, sich als Ware feilzubieten.
Ihr sagt, das ist nicht zu erreichen, ich aber meine, nur was man aufgibt, ist verloren.
Das Arbeitsfeld der Prostitution ist die Straße; bestimmte Gegenden und Plätze, die sogenannten „Striche“. Ein Homosexueller zeigte mir einmal einen Plan von Berlin, auf dem er diese mit blauen „Strichen“ versehen hatte; die Zahl der so bezeichneten Stellen war keine geringe.
Seit alters spielt auf diesem Gebiete der Tiergarten in einigen seiner Partieen eine besondere Rolle. Es gibt wohl keinen zweiten Wald, der so mit Menschenschicksalen verwoben ist, wie dieser über 1000 Morgen große Park.
Nicht seine landschaftlichen Schönheiten, nicht der künstlerische Schmuck, der Menschen Leben, Lieben und Leiden verleihen ihm seine Bedeutung. Vom frühen Morgen, wenn die Begüterten auf den Reitwegen ihr Herz entfetten, bis zum Mittag, wenn der Kaiser seine Spazierfahrt unternimmt, vom Frühnachmittag, wenn im Parke tausend Kinder spielen, bis zum Spätnachmittag, wenn sich das Bürgertum ergeht, hat jeder Weg zu jeder Jahreszeit und jeder Stunde sein eigenes Gepräge. Hätte Emile Zola in Berlin gelebt, ich zweifle nicht, daß er diesen Forst durchforscht und von dem, was er wahrgenommen, ein Werk von der Wucht Germinals geschaffen hätte.
Wenn es aber Abend wird und sich anderen Welten die Sonne neigt, mischt sich mit dem Hauch der Dämmerung ein Hauch, der suchend und sehnend aufsteigt aus Millionen irdischer Wesen, ein Teil des Welt=geistes=, den manche den Geist der Unzucht nennen, und der doch in Wahrheit nur ein Bruchstück der großen gewaltigen Triebkraft ist, die, so hoch wie Nichts und so niedrig wie Nichts, unablässig gestaltet, waltet, bildet und formt.
Überall treffen sich an den Kreuzwegen des Tiergartens verabredete Paare, man sieht, wie sie sich entgegeneilen, sich freudig begrüßen und aneinander geschmiegt im Gespräch der Zukunft entgegenschreiten, man steht sie sich auf noch freien Bänken niederlassen und schweigend sich umarmen und neben der hohen, der unveräußerlichen geht die niedere, käufliche Liebe einher.
Auf drei weit auseinander gelegenen Wegen halten sich Weiber, auf zweien Männer feil. Während in der Stadt die weibliche und männliche Prostitution durcheinander flutet, hat hier jede ihren „Strich“ für sich, von den männlichen ist der eine allabendlich fast nur von Kavalleristen erfüllt, deren Säbel in der Finsterniß seltsam aufblitzen, während der andere, eine ziemlich lange Strecke, größtenteils von den verwegenen Burschen eingenommen wird, die sich im Berliner Volkston mit Vorliebe selbst „keß und jemeene“ nennen. Hier ist eine jener alten halbrunden Tiergartenbänke, auf der in den Stunden vor Mitternacht an dreißig Prostituierte und Obdachlose dicht nebeneinander sitzen, manche sind fest eingeschlafen, andere johlen und kreischen. Sie nennen diese Bank die „Kunstausstellung.“ Dann und wann kommt ein Mann, steckt ein Wachsstreichholz an und leuchtet die Reihe ab.
Nicht selten tönt in das Juchzen der Jungen ein greller Schrei, der Hilferuf eines im Walde Beraubten oder Gemißhandelten, oder ein kurzer Knall schallt in die von den entfernten Zelten in vereinzelten Stößen herüberdringende Musik -- er kündet von einem, der sein Leben verneinte.
Und wer Originale sucht, von denen sehr zu Unrecht behauptet wird, sie seien in der Großstadt ausgestorben, im Tiergarten sind sie reichlich zu finden. Seht Ihr die Alte dort mit den vier Hunden am Neuen See? Seit vierzig Jahren macht sie mit kurzer Sommerunterbrechung zu derselben Stunde denselben Spaziergang, nie von Menschen begleitet, von jener Zeit ab, da ihr am Hochzeitstage zwischen der standesamtlichen und kirchlichen Trauung der Mann am Blutsturz verschied; seht Ihr dort die ausgedörrte, gekrümmte Gestalt im struppigen Graubart? Das ist ein russischer Baron, der erspäht sich abends eine einsame Bank, dort läßt er sich nieder und schreit „rab, rab, rab“, ähnlich wie ein Rabe krächzt; aus unsichtbaren Wegen tauchen auf diesen Lockruf einige „kesse Schieber“ hervor, es sind seine Freunde, unter denen er die „Platten“, gewöhnlich drei bis fünf Mark, verteilt, die ihm von seinem Tageszins geblieben sind.
Die männlichen Prostituierten zerfallen in zwei Gruppen, in solche, die normalgeschlechtlich und in solche, die „echt“, d. h. selbst homosexuell sind. Letztere sind zum Teil stark feminin, und einige gehen auch gelegentlich in Weiberkleidern aus, was jedoch in den Kreisen der weiblichen Prostituierten übel vermerkt wird. Es ist dies zwischen beiden fast der einzige _casus belli_, denn die Erfahrung hat sie gelehrt, daß sie ohne diese Vorspiegelung falscher Tatsachen einander nicht die Kundschaft fortnehmen. Eine ziemlich gebildete Prostituierte, die ich einmal nach einer Erklärung des guten Einvernehmens zwischen den weiblichen und männlichen Prostituierten fragte, antwortete mir: „Wir wissen doch, daß jeder „Freier“ nach seiner Façon selig werden will.“
Unter den Berliner Prostituierten kommen vielfach eigentümliche Paarungen vor. So tun sich normale männliche Prostituierte, die sogenannten Pupenluden, nicht selten mit normalen weiblichen Prostituierten zu gemeinsamer „Arbeit“ zusammen, auch von zwei Geschwisterpaaren ist mir berichtet, von denen sowohl die Schwester wie der Bruder diesem erniedrigenden Gewerbe obliegen; sehr häufig leben zwei weibliche und nicht selten auch zwei männliche Prostituierte zusammen, und endlich kommt es auch vor, daß sich homosexuelle weibliche Prostituierte mit homosexuellen männlichen Prostituierten als Zuhältern verbinden, die sie für weniger brutal halten, als ihre heterosexuellen Kollegen.
Bekannt ist es, daß es unter den weiblichen Prostituierten eine große Anzahl homosexueller gibt, man schätzt sie auf 20%. Mancher wundert sich über diesen scheinbaren Widerspruch in sich, da doch das käufliche Dirnentum vor allem der sexuellen Befriedigung des Mannes dient. Vielfach meint man, es liege hier eine Übersättigung vor, das ist aber in Wirklichkeit nicht der Fall, denn es läßt sich nachweisen, daß diese Mädchen gewöhnlich schon homosexuell empfanden, ehe sie sich der Prostitution ergaben, und es beweist die Tatsache ihrer Homosexualität eigentlich nur, daß sie den Verkauf ihres Körpers lediglich als ein Geschäft betrachten, dem sie mit kühler Berechnung gegenüberstehen.
Merkwürdig ist das Verhältnis der sich liebenden Prostituierten untereinander. Bis in diese Kreise ist das System der doppelten Moral gedrungen. Denn während der männliche, aktive Teil, der „Vater“ sich frei fühlt und sich auch außerhalb seines gemeinschaftlichen Schlafgemachs weiblichen Verkehr gestattet, verlangt er von der weiblich passiven Partnerin in Bezug auf homosexuellen Umgang die vollkommenste Treue. Bei entdecktem Treubruch setzt sich sein Verhältnis den schwersten Mißhandlungen aus, es kommt sogar vor, daß der männliche Teil dem weiblichen während der Zeit ihres Liebesbündnisses verbietet, ihrem Gewerbe nachzugehen.
Die weibliche Straßenprostitution Berlins unterhält auch vielfach Beziehungen mit urnischen Frauen besserer Gesellschaftskreise, ja sie scheut sich nicht, Frauen, die ihr homosexuell erscheinen, auf der Straße Anerbietungen zu machen. Dabei ist zu bemerken, daß die Preise für Frauen durchgängig geringere sind, ja, daß in vielen Fällen jede Bezahlung abgewiesen wird. Mir berichtete eine junge Dame, die allerdings einen sehr homosexuellen Eindruck macht, daß ihr auf der Straße Prostituierte Angebote von 20 Mark und mehr gemacht hätten.
Sowohl die weibliche, wie die männliche Prostitution bedrohen durch ihr böses Beispiel nicht nur die öffentliche Sittlichkeit, nicht nur die öffentliche Gesundheit -- denn es ist durchaus nicht selten, daß auch durch männliche Prostituierte ansteckende Krankheiten von der Skabies (Krätze) bis zur Syphilis übertragen werden -- sondern auch in hohem Maße die öffentliche Sicherheit.
Prostitution und Verbrechertum gehen Hand in Hand; Diebstähle und Einbrüche, Erpressungen und Nötigungen, Fälschungen und Unterschlagungen, Gewalttätigkeiten jeder Art, kurz alle möglichen Verbrechen wider die Person und das Eigentum sind bei dem größten Teile der männlichen Prostituierten an der Tagesordnung, und besonders gefährlich ist es, daß diese Delikte von den verängstigten Homosexuellen in den meisten Fällen nicht zur Anzeige gebracht werden.