Berlins Drittes Geschlecht

Part 4

Chapter 43,337 wordsPublic domain

„Die letzte Station dieser interessanten Nachtfahrt machten wir in einem feineren Restaurant. Hier führen keine ausgetretenen klitschigen Stufen hinunter, sondern sauber gescheuerte Treppen hinauf. Bessere Gegend und ein besseres Haus. Die Ausstattung der Räume behaglich, nicht ohne Wärme. Bilder an den Wänden in goldenen Rahmen. Statt des gräflichen Orchestrions, das kaum in einer der früher gesehenen Kneipen fehlte, neben riesigem Notenpack ein anständiges Klavier. Und davor ein ganz erträglicher Spieler und daneben ein hagerer Jüngling mit sprossendem Bart, mit weibischen Bewegungen und einem gequält süßen Lächeln, einen breitrandigen Frauenhut mit wehendem Schleier auf dem pomadisierten Kopf. Der Jüngling singt -- Sopran.... Die beiden Stuben gut mit Gästen gefüllt. Kein schlechtes Publikum, so scheint's. Keiner spuckt auf die Dielen, keiner hat einen Zahnstocher zwischen den Zähnen, keiner säubert sich die Ohren oder kratzt sich die Beine, wie wir's den ganzen Abend über schaudernd genossen. Ein paar würdige alte Herren, ein paar ausrasierte Sportstypen, ein paar Künstler mit gebrannten und gelegten Locken. Dem Harmlosen mag hier zunächst wenig auffallen. Vielleicht nimmt's ihn nur Wunder, daß auch der zweite Sänger -- Sopran singt. Vielleicht erstaunt er, daß in keiner der gutgefüllten Stuben ein weibliches Wesen zu sehen ist ... Man trinkt mäßig an sauber gedeckten Tischen. Kein unanständiges Wort wird gesprochen, und die Lieder, die gesungen werden, haben keine zotigen Pointen. Eher scheint das Sentimentale dieser andächtig lauschenden Versammlung zuzusagen. Und als einer der Sopransänger, sich in den Hüften wiegend, als schlenkere er niederfließende rauschende Frauenröcke, ein gar schmelzendes Liedchen beendigt, wendet sich ein an unserem Tisch sitzender, vornehm aussehender Greis an einen von uns, tippt ihn mit ganz leichter Vertraulichkeit auf den Arm und fragt bescheiden, aber mit seltsam leuchtenden Augen: „Gefällt's Ihnen bei uns?“

„Keine Übeltäter hier, keine Verbrecher an der Person, keine Verbrecher am Eigentum. Unglückliche, Entrechtete, die den Fluch eines geheimnisvollen Rätsels der Natur durch ihr einsames Leben schleppen. Menschen, die sich im Kampf des Tages ihre geachtete Stellung erobert haben. Redlich arbeitende, deren Ehrenhaftigkeit niemand anzweifelt, deren Wort und Name seine gute Geltung hat; und die sich doch unter dem Druck eines mittelalterlich grausamen Gesetzesparagraphen scheu und heimlich zusammenfinden müssen, fern von den normalen Glücklichen ihre stets vom Gesetz, von der Verachtung, von der Erpressertücke gefährdeten unbesiegbaren Triebe den Gleichfühlenden einzugestehen.

Im gefunden Herzen ehrliches Mitleid mit diesen Kranken, die eine letzte mittelalterliche Unvernunft den Verbrechern gleichstellt, treten wir hinaus auf die stille Straße. Wolkenlos spannt sich der Sternenhimmel der Julinacht über den mondbeglänzten Dächern. Mit dem riesigen Schlüsselbund rasselnd, schleicht ein Nachtwächter an den lichtlosen Häusern entlang. In einem Torbogen drückt sich ein Liebespaar inbrünstig die Hände. Fern und ferner klingt der Sopran....“

So Presber. -- Eine andere Urningskneipe, die wir betreten, besteht aus vier ziemlich großen Zimmern. Es ist schwer Platz zu finden. Im zweiten und vierten Raum stehen Klaviere, in dem einen trägt „die Engeln“ die neuesten Lieder vor, in dem andern wird getanzt, nicht Mann und Weib, sondern Mann und Mann. Sie tanzen mit sichtlicher Hingebung; der weibliche Teil schmiegt sich schmachtend dem männlichen Partner an; die schlechte Musik materialisiert sich förmlich in ihnen; wenn der Klavierspieler abbricht, scheint es, als ob sie aus melodientrunkener Tonseligkeit zu rauher Wirklichkeit erwachen.

Besonders eigenartig sind die Kaffeegesellschaften, wie sie nicht selten in diesen Lokalen stattfinden. Der Wirt, der Coupletsänger oder irgend ein Stammgast feiern ihren Geburtstag und haben diesem Fest zu Ehren ihre „Freundinnen“ zu sich gebeten. Zur festgesetzten Nachmittagsstunde erscheinen die Gäste, meist Urninge des Handwerker- und Arbeiterstandes. Jeder überreicht dem Geburtstagskinde ein Angebinde, eine selbstgefertigte Handarbeit, eine Probe eigener Kochkunst, ein paar künstliche oder natürliche Blumen. Die Begrüßungen sind sehr lebhaft, zierliche Knixe und Verbeugungen, denen sittsame Freundschaftsküsse auf die Wange folgen. Wie sie sich dann drehen und zieren, sich Schmeicheleien sagen, das Herausziehen der Hutnadel, das Aufraffen des Rockes, das Zurechtziehen der Taille, das Hinlegen der nicht vorhandenen Schleppe markieren, sich dann endlich mit den Worten: „Haben Sie schon gehört, meine Teure“ niederlassen, alles das ist von schwer zu schildernder Drolligkeit. Einzelne „Honoratioren“, wie die „Baronin“, die „Direktorin“, die „_Chambre separée_'sche“ werden besonders freudig und respektvoll begrüßt, die Zuspätkommenden mit launigen Scheltworten empfangen. Eine Stunde später, als man „geladen“, sitzt alles bei Tisch und während sich nun ein Schnattern und Plappern, ein Lachen, Juchzen und Kreischen in so verwirrendem Durcheinander erhebt, daß einem männlichen Gaste angst und bange werden kann, verschwinden mit erstaunlicher Geschwindigkeit Berge von Kuchen und Ströme von Kaffee. Nachdem den Sprech- und Kauwerkzeugen einigermaßen genüge geschehen, werden die mitgebrachten Handarbeiten hervorgeholt, man häkelt, strickt, stickt und näht, zugleich aber tragen die künstlerischen Kräfte, welche in Urningsgesellschaften selten fehlen, mit Gesängen, Deklamationen und Vorträgen zur Unterhaltung bei. Ihren Höhepunkt aber erreicht die Stimmung, wenn das Geburtstagskind unter lautem Beifall aller von einem der Gäste graziös zum Flügel geleitet wird und in wohllautendem Alt mit ebenso viel Sehnsucht, als Unwahrscheinlichkeit sein Lieblingslied: „Ach, wenn ich doch ein Räuber wär'“ zum Besten gibt. Kein Mißklang trübt das harmlose Treiben weniger flüchtiger Stunden, bis die Abendbrotzeit die muntere Schar wieder in alle Winde verscheucht.

Wer zum erstenmale den Gesprächen in diesen Kneipen lauscht, wird erstaunt sein über die große Zahl weiblicher, oft sehr absonderlicher Namen, die an sein Ohr dringen. Bald wird er gewahr, daß es sich um Spitznamen handelt, welche die Gäste sich untereinander beilegen. Die Gründe dieser verbreiteten Sitte sind verschiedene; einmal verschweigen die meisten Personen, die sich hier einfinden, begreiflicherweise ihre wahren Namen, so daß die anderen, im Bedürfnis, sich über sie zu unterhalten, zu selbstgewählten Bezeichnungen greifen, außerdem fühlt man instinktiv, daß die Anrede „Herr so und so“ bei vielen, =keineswegs bei allen=, in so starkem Gegensatz zu ihrem femininen Wesen steht, und endlich bietet sich in der Wahl dieser Necknamen eine gute Gelegenheit, den ja auch gerade im Berliner tief wurzelnden Drang nach Scherz und Humor zu befriedigen. In vielen, namentlich virileren Urningskreisen ist der Gebrauch derartiger weiblicher Spitznamen übrigens verpönt.

Viele dieser Namen sind lediglich weibliche Umgestaltungen der entsprechenden männlichen Vornamen; so wird aus Paul Paula, aus Fritz Frieda, aus Erich Erika, aus Georg Georgette, aus Theodor Dorchen oder Thea, aus Otto Ottilie oder auch Otéro. In einem Berliner Urningsliede, in welchem geschildert wird, wie eine Mutter auf die Nachricht, ihr Sohn sei „pervers“, in großer Besorgnis zu ihm eilt, und dieser sie beruhigt, indem er ihr als Zeugnis seiner Normalität die an ihn gerichteten Liebesbriefe vorzeigt, welche die Unterschrift „Luise“ tragen, heißt es am Schlusse:

„Beim Abschiedskuß an meiner Tür, Da dachte ich dann still bei mir: Wie gut, liebe Mutter, daß Du nicht weißt, Daß meine Luise -- Ludwig heißt.“

Oft sind diese weiblichen Namen noch mit Unterscheidungszusätzen verbunden; so gibt es eine Näsenjuste, eine Schmalzjuste, eine Klammerjuste, Klamottenjuste, Handschuhjuste und Blumenjuste, eine Lange-Anna, Ballhausanna und Blaueplüschanna, eine Hundelotte und eine Quietschlotte, eine Spitzenkaroline und eine Umsturzkaroline (weil er durch seine lebhaften Armbewegungen jeden Abend mindestens ein Glas Bier „umstürzen“ soll), eine Butterriecke, eine Käseklara, eine Lausepaula, eine Harfenjule und eine Totenkopfmarie.

Viele Urninge erhalten altdeutsche Beinamen, wie Hildegarde, Kunigunde, Thusnelda, Schwanhilde und Adelheid, oder klangvolle Adelsnamen, wie Wally von Trauten, Berta von Brunneck, Asta von Schönermark oder noch hochtönendere; so findet man in diesen Kneipen neben der Markgräfin, der Landgräfin, der Burggräfin und der Kurfürstin (weil sie in der Markgrafen-, Landgrafen-, Burggrafen- und Kurfürstenstraße wohnen) die Marquise de la place d'Alexandre (wohnt am Alexanderplatz), die Herzogin von Aschaffenburg, die Herzogin d'Angoulème, die Großfürstin Olga, die Königin Natalie, die Carmen Sylva, die Kaffeekönigin, die Polenkönigin, die Oberstallmeisterin, die Excellenzfrau, die Kaiserin Messalina und die Kaiserin Katharina.

Manche führen ihre Namen von ihrem Beruf; so wird ein urnischer Ballettänzer „Jettchen Hebezeh“, ein Damenschneider „Jenny Fischbein“ und ein Damenkomiker „Pokahuntas, die hinterindische Nachtigall“ genannt.

Ich bemerke, daß sämtliche hier angeführten Spitznamen von zwei Gewährsmännern innerhalb kurzer Zeit in einem einzigen Berliner Urningslokal gesammelt wurden. Von Beinamen, die der Zoologie entstammten, fanden sie unter anderen: die „Schweizerkuh“, das „Meerschweinchen“, „die Gipskatze“ (weil er sich stark pudert), „die Krückente“, „die Ententrittsche“ (weil er beim Gehen „watschelt“), „die schwarze Henne“, „die Nebelkrähe“, „die Spitzmaus“, „die Brillenschlange“ und „die Kreuzspinne“; von botanischen Bezeichnungen: „das Blauveilchen“, „das Apfelröschen“, „das Resedaköpfchen“, „Paprika“ (auch „Papp-Rieka“ genannt), „die Rosine“ und „die Weintraube“ (weil er so leicht gerührt ist).

Mit großer Vorliebe wird den Titeln oder hervorstechenden Eigenschaften ein „in“ oder „sche“ oft in sehr origineller Weise angehängt; der Direktor wird zur „Direktorin“, der Geheimrat zur „Geheimrätin“, ein Rechtsanwalt heißt „die Anwaltsche“, ein vornehmer Urning, der mit seinen Freunden häufig im Chambre separée speisen soll, heißt „die Chambreseparéesche“, ein anderer, der viel das Sonnenbad besucht, „die Lichtluftbadsche“, während ein Klavierspieler „die Klaviersche“, einer der sich stark schminkt „die Zinnobersche“ und ein Elektrotechniker kurzweg „die Elektrische“ genannt wird.

Eine Gruppe für sich bilden die „Soldatentanten“, welche vielfach ihre Spitznamen nach denjenigen Truppenteilen bekommen, für die sie sich besonders interessieren; so gibt es eine „Ulanenjuste“, eine „Dragonerbraut“, eine „Kürassieranna“, eine „Kanoniersche“, ja sogar eine „Schießschulsche“, der seinen Namen davon führt, weil er mit Vorliebe die Wirtschaften in der Umgegend der Schießschule aufsucht.

Von anderen Berliner Spitznamen, die weniger leicht zu rubrizieren sind, erwähne ich noch: „Minehaha, das lächelnde Wasser“, „Rebekka, die Mutter der Kompagnie“, „Anita mit dem Giftzahn“, „Cleo die Marode“, „Traudchen Hundgeburt“, „Die heilige Beryllis“, „Die Genossin meiner Schmach“, „die freie Schweizerin“, die „gute Partie“, „die hohe Frau“, „die Rollmopstante“, „Susanne in der Wanne“, „die weiße Wand“ (pudert sich stark), „Rotundelein“, „Locusblume“, (Namen zweier Urninge, denen man nachsagt, daß sie öfter, als notwendig, die Bedürfnisanstalten aufsuchen), „das Waldmensch“, „die Mutter Wolffen“, „Violetta“, „Aurora“, „Melitta“, „Rosaura“, „Kassandra“, „Goulasch“, „die Ahnfrau“, „die Grabesbraut“, „der Abendstern“ und „die Morgenstunde“, weil er Gold im Munde, nämlich mit Goldplomben versehene Zähne hat.

Auch die Uranierinnen führen in ihren Kreisen, besonders auch in ihren Lokalen, deren es ebenfalls eine Reihe gibt, analoge Namen. Nur findet man bei ihnen im Gegensatz zu den Männern meist einfache Vornamen, selten Beinamen, die sich auf irgend eine besondere Eigenschaft ihrer Trägerin beziehen; bevorzugt werden einsilbige Namen, wie Fritz, Heinz, Max, Franz, namentlich Hans; doch findet man auch solche, die Arthur, Edmund, Theo, Oskar, Roderich, Rudolf genannt werden.

Merkwürdig viele Namen von Uranierinnen sind der Geschichte und Litteratur entnommen; ich nenne von Berlinerinnen: Napoleon, Nero, Cäsar, Heliogabal, Caligula, Antinous, Gregor, Carlos, Posa, Mortimer, Götz, Tasso, Egmont, Armin, Teja, Blücher, Ofterdingen, Karl Moor, Franz Lerse, Jörn Uhl, Don Juan, Puck und Hiddigeigei.

Weniger schöne Spitznamen weiblicher Urninge sind Bubi, Rollmops, Kümmelfritze und Schinkenemil.

Besondere Berücksichtigung verdienen unter den Berliner Urningslokalen die „Soldatenkneipen“, welche, meist in der Nähe der Kasernen gelegen, in den Stunden vom Feierabend bis zum Zapfenstreich am besuchtesten sind. Um diese Zeit sieht man in diesen Wirtschaften meist gegen 50 Soldaten, darunter auch Unteroffiziere, die hingekommen sind, um sich einen Homosexuellen zu suchen, der sie freihält, und selten kehrt jemand in die Kaserne zurück, ohne das Gewünschte gefunden zu haben. Diese Lokale sind meist von kurzem Bestand. Fast immer werden sie dem Militär nach kurzer Zeit durch Regimentsbefehl verboten, nachdem irgend ein Unbekannter, gewöhnlich aus Brotneid oder Rachsucht, „gepfiffen“ hat. Es tun sich dann stets bald wieder ein oder zwei, auch mehrere ähnliche Lokale in derselben Gegend auf. Erst vor kurzem flog wieder im Südwesten der Stadt eine typische Soldatenkneipe auf, die „zur Katzenmutter“ genannt wurde; ich weiß nicht, ob der sonderbare Name von der alten Wirtin herrührte, in deren schleichendem Gang und rundem, schnurrbartgeziertem Gesicht etwas unverkennbar Katzenartiges lag, oder von den Katern und Katzen, die zwischen Tischen und Stühlen herumsprangen und deren Bildnisse die Wände des seltsamen Lokals schmückten.

Würde ein Normalsexueller derartige Lokale betreten, er würde sich vielleicht wundern, daß dort so viele fein gekleidete Herren mit Soldaten sitzen, im übrigen aber wohl kaum jemals etwas Anstößiges finden. Die hier bei Bockwurst mit Salat und Bier geschlossenen Freundschaften zwischen Homosexuellen und Soldaten halten oft über die ganze Dienstzeit, nicht selten darüber hinaus vor. So mancher Urning erhält, wenn der Soldat schon längst als verheirateter Bauer fern von seiner geliebten Garnison Berlin in heimatlichen Gauen das Land bestellt, „Frischgeschlachtetes“ als Zeichen freundlichen Gedenkens. Es kommt sogar vor, daß sich diese Verhältnisse auf die nachfolgenden Brüder übertragen; so kenne ich einen Fall, wo ein Homosexueller nach einander mit drei Brüdern verkehrte, die bei den Kürassieren standen.

Gewöhnlich kommt der Soldat, wenn der Dienst zu Ende, in die Wohnung seines Freundes, der ihm bereits sein Lieblingsessen eigenhändig gekocht hat, dessen gewaltige Mengen hastig verschlungen werden. Dann nimmt der junge Krieger in gesundheitsstrotzender Breite auf dem Sofa Platz, während der Urning, bescheiden auf einem Stuhle sitzend, ihm die mitgebrachte zerrissene Wäsche flickt oder die Weihnachtspantoffeln stickt, mit denen jener eigentlich überrascht werden sollte, die aber zu verheimlichen, die Beherrschungskraft des glücklichen Liebhabers um ein Beträchtliches übersteigt.

Währenddem werden alle die kleinen Einzelheiten des königlichen Dienstes besprochen; was der „Alte“ (Hauptmann) beim Apell gesagt hat, was morgen für Dienst ist, wann man auf Wache muß und ob man ihn nicht am nächsten Tage irgendwo vorbeimarschieren sehen könnte. Schließlich geleitet man ihn bis in die Nähe der Kaserne, nicht ohne vorher die Feldflasche mit Rotspohn gefüllt und die Butterstullen eingepackt zu haben.

Am Parademorgen aber steht der Urning in der Belle-Alliancestraße an der verabredeten Stelle schon ganz früh, um ja noch in der ersten Reihe Platz zu bekommen. Hoffentlich ist sein Soldat Flügelmann, daß man ihn auch ganz genau sieht. Und nachher wird ausgeharrt, bis er zurückkommt, und abends hat er dann Urlaub, dann geht es zu „Buschen“ in den Cirkus, nachdem er zuvor die 50 Pfennige, die er an diesem Tage als Extrasold erhielt, in die bei seinem Freunde stationierte Sparbüchse versenkt hat.

Ein noch größerer Feiertag aber ist das „Kaisersgeburtstagskompagnievergnügen“. Da geht der Homosexuelle als „Cousin“ mit seinem Freunde hin. In rührender Glückseligkeit tanzt er mit dem Mädchen, mit welchem gerade zuvor sein Soldat getanzt hat, er hat keine Ahnung, wie sie aussieht, denn er hat nur auf ihn gesehen und während er das Mädchen umfaßt hielt, nur an ihn gedacht. Womöglich spricht auch der Hauptmann mit ihm als Cousin seines Gefreiten oder Unteroffiziers. Es kann sich aber auch ereignen, daß der Homosexuelle zu seinem Leidwesen diesem Festtage fern bleiben muß, wenn er nämlich einige Tage zuvor mit einem der anwesenden Offiziere irgendwo an demselben Diner teilgenommen hat.

Die Gründe, welche den Soldaten zum Verkehr mit Homosexuellen veranlassen, liegen nahe; es ist einmal der Wunsch, sich das Leben in der Großstadt etwas komfortabler zu gestalten, besseres Essen, mehr Getränke, Zigarren und Vergnügungen (Tanzboden, Theater &c.) zu haben; dazu kommt, daß er -- der oft sehr bildungsbedürftige Landwirt, Handwerker oder Arbeiter -- im Verkehr mit dem Homosexuellen geistig zu profitieren hofft, dieser gibt ihm gute Bücher, spricht mit ihm über die Zeitereignisse, geht mit ihm ins Museum, zeigt ihm, was sich schickt und was er nicht tun soll; das oft drollige, komische Wesen des Urnings trägt auch zu seiner Erheiterung bei; wenn sein Freund ihm abends Couplets vorsingt oder ihm gar, mit dem Lampenschirm als Kapotte und einer Schürze weiblich zurecht gestutzt, etwas vortanzt, amüsiert er sich in seiner Naivität über alle Maßen. Weitere Momente sind der Mangel an Geld oder an Mädchen, die dem Soldaten nichts kosten, die Furcht vor den beim Militär sehr übel accreditierten Geschlechtskrankheiten und die gute Absicht, der daheim bleibenden Braut treu zu bleiben, der man beim Abschied die Treue geschworen und die in jedem „Schreibebrief“ ängstlich an diesen Schwur gemahnt.

In der Nähe der geschilderten Kneipen befindet sich vielfach auch der „militärische Strich“, auf dem die Soldaten einzeln oder in Paaren gehend Annäherung an Homosexuelle suchen. Ich will hier auf eine wichtige Erscheinung hinweisen, auf die mich ein weit gereister Homosexueller aufmerksam machte, und deren Richtigkeit mir auf Befragen seitdem von zuverlässigen Gewährsmännern übereinstimmend bestätigt wurde. Die „Soldatenprostitution“ ist in einem Lande um so stärker, je mehr die Gesetze die Homosexualität verfolgen. Offenbar hängt diese Tatsache damit zusammen, daß man in Ländern mit Urningsparagraphen von den Soldaten am wenigsten Erpressungen und andere Unannehmlichkeiten zu fürchten hat.

Außer in London, wo sich in den belebtesten Parks und Straßen vom Spätnachmittag bis nach Mitternacht zahlreiche Soldaten in unverkennbarer Weise feilbieten, fand unser Gewährsmann in keiner Weltstadt jeden Abend solche Auswahl an Soldaten verschiedener Waffengattungen, wie in Berlin. Es gibt etwa ein halbes Dutzend Stellen, auf denen die Soldaten nach Einbruch der Dämmerung in bestimmter Absicht auf- und abgehen. Wie die Lokale, wechseln auch die „Striche“ ziemlich häufig, so ist erst neuerdings ein vielbegangener Weg, das Planufer, den Soldaten verboten worden.

Sehr verbreitet ist die Soldatenprostitution namentlich in den skandinavischen Hauptstädten; in Stockholm läßt man seit einigen Jahren sogar eigene Militärpatrouillen auf Soldaten fahnden, die zu dem erwähnten Zwecke „herumstreichen“, doch hat dies, wie unser Gewährsmann, der lange in der schwedischen Hauptstadt lebte, versichert, nichts geholfen.

In Helsingfors, der Hauptstadt Finlands, einem Orte von etwa 80.000 Einwohnern, ist die militärische Prostitution ganz besonders stark hervortretend. Etwas geringer ist sie in Petersburg, wo auf einem vom Centrum der Stadt weit entfernten Platz besonders Matrosen Bekanntschaften mit Homosexuellen suchen.

Unser Gewährsmann vergleicht mit diesen Städten Paris, wo er „in 18 Monaten nur Rudimente eines militärischen Strichs“ nachweisen konnte, sowie die einschlägigen Verhältnisse in Amsterdam, Brüssel, Rom, Mailand, Neapel und Florenz (Städte ohne Urningsparagraphen) und gelangt zu dem Schlusse, „daß in allen europäischen Ländern mit strengen Strafbestimmungen gegen den homosexuellen Verkehr die Hingabe von Soldaten in einer Weise auftritt, die man nicht für möglich halten sollte, wenn man es nicht mit eigenen Augen beobachtet hat, während man in Ländern ohne Urningsparagraphen fast nichts von dieser Erscheinung bemerkt“.

Die gebräuchliche Bezeichnung „Soldatenprostitution“ entspricht übrigens dem sonstigen Begriff der Prostitution nicht, da es sich ja bei den Soldaten keineswegs „um eine berufs- oder gewerbsmäßige Hingabe des Körpers“ handelt. Ich möchte hier der weitverbreiteten Ansicht entgegentreten, als ob dem Verkehr zwischen Soldaten und Homosexuellen gewöhnlich Akte zu Grunde liegen, die an und für sich strafbar sind. Kommt es zu geschlechtlichen Handlungen, was durchaus nicht immer der Fall ist, so bestehen diese fast stets in Erregungen durch Umarmen, Aneinanderpressen und Berühren der Körperteile, wie dies überhaupt bei homosexueller Betätigung die Regel ist. Die Vorstellung, der homosexuelle, namentlich auch der weiblicher geartete, sei Päderast in des Wortes üblichem Sinn, ist eine vollkommen irrtümliche. In meiner Praxis ereignete sich kürzlich eine Episode, die mir zeigte, wie stark auch noch in Berlin diese Meinung vorherrscht. Bald nachdem in den Zeitungen infolge der von mir unternommenen statistischen Umfrage über die Zahl der Urninge viel von Homosexualität die Rede war, suchte mich ein biederer Schlächtermeister aus dem Osten auf, ein völlig normaler Familienvater, welcher sich allen Ernstes mit folgenden Worten einführte: „Ich habe seit einigen Wochen ein so starkes Jucken in der Nähe des Afters und wollte Sie daher bitten, einmal nachzusehen, ob ich homosexuell veranlagt bin.“

Die Seltenheit eigentlich päderastischer Akte ändert aber nichts an der Grausamkeit und Ungerechtigkeit der betreffenden Strafbestimmung, da das gesellschaftlich Vernichtende bereits die Voruntersuchung ist und das Gericht -- wenn bestraft wird, auch ganz mit Recht -- sich nicht so streng an die bestimmte Art der Betätigung hält. Im übrigen wiederhole ich, daß das rein sexuelle Moment im Leben und der Liebe des Homosexuellen keine größere Rolle spielt, wie im nichturnischen Leben; ich würde diese Frage ihres intimen und privaten Charakters wegen überhaupt nicht in den Kreis meiner Betrachtungen gezogen haben, wenn sie nicht von den Verfechtern einer falschen Moral immer wieder als Hauptsache in den Vordergrund gezerrt würde. --

Es gibt noch einen zweiten Stand, der in Berlin seit langer Zeit mit den Urningen vielfache Beziehungen unterhält; das sind die Athleten. Die zahlreichen Athleten-Vereine der Hauptstadt setzen sich zumeist aus unverheirateten Arbeitern zwischen dem 18. und 25. Lebensjahr zusammen; größtenteils sind es Schlosser, Schmiede oder sonstige Eisenarbeiter. Bei diesen Leuten gilt Kraft, Gefahr und Kühnheit alles. In ihren Augen ist „der Kampf zwischen Rußland und Japan überhaupt kein Kampf, weil so viel geschossen und so wenig gerungen, gestochen und geboxt wird“.

Wir betreten einen Athletenklub, welcher mit Homosexuellen im Zusammenhange steht. Im Nebenzimmer einer kleinen Gastwirtschaft wird „gearbeitet“. Der kleine Raum ist von Öl-, Metall- und Schweißgeruch erfüllt, jener eigentümlichen Ausdünstung, wie sie den Körpern der Eisenarbeiter zu entströmen pflegt. Auf dem Boden liegen Eisenstangen, Hanteln, Gewichte von 100 und mehr Pfund, daneben eine Matratze, auf der gerungen wird. Acht bis zehn kraftstrotzende Athleten sind zugegen, teils in schwarzem Tricot, teils mit entblößtem Oberkörper, Brust und Arme tätowiert.