Part 3
Einmal war ich in besagter Eigenschaft auf einer Gesellschaft unter lauter homosexuellen Prinzen, Grafen und Baronen. Außer der Dienerschaft, die nicht nur in Bezug auf die Zahl, sondern auch in Hinsicht auf ihr Äußeres besonders sorgfältig ausgewählt schien, unterschied sich die Gesellschaft in ihrem Eindruck wohl kaum von Herrengesellschaften derselben Schicht. Während man an kleinen Tischen sehr opulent speiste, unterhielt man sich anfangs lebhaft über die letzten Aufführungen Wagnerscher Werke, für welche fast alle gebildeten Urninge eine auffallend starke Sympathie hegen. Dann sprach man von Reisen und Literatur, fast gar nicht über Politik, um allmählich zum Hofklatsch überzugehen. Sehr eingehend verweilte man beim letzten Hofball, auf dem das Erscheinen des jungen Herzogs von X. viele Urningherzen hatte höher schlagen lassen, man schwärmte von seiner blauen Uniform, von seiner bestrickenden Liebenswürdigkeit und berichtete, wie man es erreicht hätte, seiner königlichen Hoheit vorgestellt zu werden. Dann erzählte man sich Anekdoten über abwesende Urninge der Hofgesellschaft, von denen mir eine, die besonders herzhaft belacht wurde, im Gedächtnis geblieben ist. Ein Fürst war kurz zuvor bei einem homosexuellen Magnaten, von dessen urnischer Natur er so wenig eine Ahnung hatte, wie von der anderer Herren seiner Umgebung, zur Jagd geladen. Der hohe Gast war des Morgens unerwartet früh aufgestanden, um sich im Schloßgarten zu ergehen. Als er den Korridor kreuzte, erblickte er seinen Gastgeber, der zu so zeitiger Stunde nicht auf diese Begegnung vorbereitet war, in einem höchst sonderbaren Anzuge oder besser Aufzuge; der allseitig sehr abgerundete Gutsherr trug eine rotsammtene, mit Blumen und Spitzen reichbesetzte Matinée. Der Anblick dieser Gewandung war so komisch, daß der fürstliche Besucher in einen förmlichen Lachkrampf verfiel.
Eine andere Gesellschaft, der ich beiwohnte, fand in den Sälen eines der vornehmsten Berliner Hotels statt. Ein wohlhabender Uranier feierte sein Namensfest. Es waren mit geringer Ausnahme nur Freundespaare zugegen, von denen die meisten schon seit Jahren zusammenlebten; jeder führte sein „Verhältnis“ zu Tisch. Dem Festmahl ging im Nebensaal auf einer aufgeschlagenen Bühne eine Theatervorstellung voraus, bei der ausschließlich Homosexuelle mitwirkten. Nach einigen Soloscherzen trug der Gastgeber vortrefflich in Maske und Spiel eine Szene als Falstaff aus den Lustigen Weibern von Windsor vor, dann gab man Nestroys Wiener Posse: „Eine Vorlesung bei der Hausmeisterin“. Alle weiblichen Rollen, an denen es in diesem Stücke nicht fehlt, lagen in den Händen femininer Urninge, namentlich erregte ein bekannter Baron in der Titelrolle durch seine natürliche Darstellungsweise stürmische Heiterkeit. Nach dem Diner folgte Tanz, und trotzdem die Weine reichlich flossen, geschah nichts Indezentes. Da einige Gäste in Damentoilette waren, machte man sich den harmlosen Spaß, Urningen, die sich besonders männlich vorkamen, weibliche Kleidungsstücke, wie Hüte und Shawls anzulegen; manche machten gute Miene zum bösen Spiel, andere aber wurden recht verdrießlich, denn man findet Urninge, denen alles, was zum Weibe gehört, so wenig zusagt, daß ihnen der Gedanke, selbst Weibliches an sich zu haben, unerträglich ist.
Auch in minder bemittelten Urningskreisen sind Gesellschaften in Berlin sehr beliebt und verbreitet. Ich greife auch hier ein Beispiel ans der Erinnerung heraus. Ein mit Glücksgütern nicht sehr gesegneter Homosexueller beging seinen Geburtstag. In einer kleinen Vorortskneipe hatten sich die Geladenen, darunter seine zwei normalsexuellen Brüder, eingefunden. Man tat sich an Bockwürsten, Kartoffelsalat und Schweizerkäse gütlich, während der Sohn des Wirtes die Gassenhauer des Tages auf dem Klaviere zum besten gab. Dann trat „Schwanhilde“, auch „Herr Schwan geborene Hilde“ genannt, ein bekannter Berliner Urning, auf. Er stellte eine Berliner Köchin, welche zum Theater gehen wollte, dar und wirkte besonders belustigend, als er zum Schluß die Barfußtänzerin Isadora Duncan parodierte. Ein Damenimitator niedrigster Gattung, der zufällig im Vorraum der Wirtschaft saß, wurde gebeten, sein Repertoire vorzutragen. Dazwischen trat ein echter Mann auf, ein Kohlenträger vom Landwehrkanal, ein „schwerer Junge“, mit tätowierten Armen, glattangelegtem Scheitel, gestricketem Sweater und jener eigentümlichen Mischung von Plumpheit und Grazie, wie sie den Arbeitern dieser Gattung eigen zu sein pflegt. Er sang eine große Reihe nicht eben dezenter Lieder im Berliner Volkston, ohne eine Spur von Stimme, mit vielen Sprachfehlern, jeden Satz unterstützt von grotesken Bewegungen, denen zwischen den Versen Drehungen des Körpers folgten, alles in seiner Ungeschicklichkeit so zusammenpassend, daß es nicht ohne Wirksamkeit war. Allmählich rückte man Tische und Stühle bei Seite und ging zum Tanze über, bei dem sich eine Episode von schwer wiederzugebender Situationskomik ereignete. Als man mitten im Tanzen war, trat plötzlich -- die Polizeistunde war längst überschritten -- ein Schutzmann mit strenger Amtsmiene ein. Nur einen Augenblick stockte die fröhliche Stimmung, dann faßte einer der Anwesenden -- ein urnischer Musiker -- den Schutzmann rasch entschlossen um die Taille und walzte mit ihm los. Dieser war so verblüfft, daß er kaum Widerstand entgegensetzte, eifrig mittanzte und sich bald mit dem Wirtssohn und dem Kohlenträger in die Rolle des begehrtesten und aufgefordertsten Tänzers teilte.
Es gibt natürlich auch viele urnische Gesellschaften, die einen ungleich ernsteren Charakter tragen. So sammelte ein alter Berliner Privatgelehrter jeden Winter mehrere Male einen kleinen Kreis um sich in seinem künstlerisch ausgestatteten Heim. Es waren meist zehn bis zwölf Herren aus akademischen Ständen zugegen, von denen nur zwei bis drei nicht homosexuell waren. Der Alte, welcher seine Gäste mit schweren Südweinen, Austern, Hummern und ähnlichen Leckerbissen bewirtete, hatte noch Alexander v. Humboldt und Iffland gekannt, war mit Hermann Hendrichs und Karl Ulrichs befreundet gewesen und schien unerschöpflich in der Wiedergabe seiner Erinnerungen. Die Gespräche berührten fast ausschließlich das homosexuelle Problem. Da debattierte ein jüngerer katholischer Geistlicher mit einem schon ergrauten evangelischen Pfarrer über Uranismus und Christentum; mehrere Philologen stritten sich über Shakespeares Sonette, während die Juristen und Mediziner die Frage erörterten, inwieweit sich der § 51 des R.-St.-G.-B., welcher von dem Ausschluß der freien Willensbestimmung handelt, schon jetzt zu Gunsten der Homosexuellen verwenden ließe.
Den ernstesten Charakter unter den Gesellschaften der Berliner Urninge tragen die am Weihnachtsheiligabend veranstalteten Zusammenkünfte. Mehr als an jedem anderen Tage fühlt an diesem Feste des Familienglücks der urnische Junggeselle sein einsames Los. Viele würden den Abend noch trauriger verleben, wenn unter den wohlhabenden Homosexuellen nicht stets einer oder der andere wäre, der die Heim- und Heimatlosen um sich sammelte.
Ich greife auch hier ein Bild aus der Großstadt heraus.
Schon am Tage vor dem Fest hatte der Hausherr den Weihnachtsbaum, eine große Silbertanne, selbst geschmückt; alles Bunte wurde vermieden, zwischen den weißen Wachskerzen sind Silberguirlanden, Eiszapfen, Schneeflocken, Glaskugeln und Engelhaar, das sich wie Spinngewebe von Ast zu Ast zieht, geschmackvoll angebracht, und hoch am Wipfel ist ein großer Silberstern befestigt, auf dem ein Posaunenengel im lichten Tüllgewand „Friede den Menschen auf Erden“ verkündigt. Dann wurden die kleinen Geschenke fein säuberlich in Seidenpapier geschlagen und um den Baum herumgelegt, für jeden etwas: ein Kalender, ein Buch, ein kleiner Schmuckgegenstand, wohl gar ein Kettenring, ein Taschenspiegel, eine Schnurrbartbinde. In der Frühe des Vierundzwanzigsten hat der Hausherr das große Tischtuch von feinstem Leinen aus dem Schranke hervorgeholt, mit dem Diener die Tafel gedeckt, das Silber verteilt, die Servietten gefaltet, mächtige Obstschalen gefüllt, jeden Teller mit einem Blumensträußchen versehen und vor den Kristallgläsern zierliche Tischkarten gelegt. Dabei kommt man manchmal bei diesem ober jenem der Eingeladenen in nicht geringe Verlegenheit, wenn man sich seines wirklichen Namens nicht entsinnen kann. Man hat ihn das ganze Jahr mit einem weiblichen Spitznamen angeredet, von dem man aber an diesem Abend gern Abstand nehmen möchte.
Noch eine zweite Tafel wird im Korridor gedeckt, dort sollen die Kinder und das Dienstpersonal ihr Weihnachtsmahl einnehmen -- jawohl die Kinder -- ein seltener Anblick im Urningsheim. Man hat nämlich zur Bescheerung die zwei Kleinen der Waschfrau und die drei Enkel des Portiers geladen. Es wird Wert darauf gelegt, daß am Nebentisch dieselben Gerichte wie an der Haupttafel genossen werden und daß auch hier alles recht feierlich aussieht.
Der Beginn ist erst auf 8 Uhr festgesetzt, da einige vorher in einem verwandten oder befreundeten Hause der Bescheerung angewohnt haben, ehe sie in den Kreis ihrer Freunde kommen. Endlich, als alle eingetroffen, verschwindet der Hausherr in den bis dahin verschlossenen Salon, zündet die Kerzen an, wirft noch einen Blick auf die Geschenke und ruft zunächst die Kinder und jenen Gast herein, der ihre Weihnachtslieder am Klavier begleiten soll. Nun werden die Doppeltüren geöffnet, und hell tönen die Kindergesänge von der stillen, heiligen Nacht und der seligen, fröhlichen Weihnachtszeit.
Tiefer Ernst liegt auch auf allen Zügen, in manchem Auge blinkt eine Träne, selbst die „lange Emilie“, der sonst immer lustige Damenkonfektionär, kann seine Rührung nicht bemeistern. Weit, weit zurück ziehen die Gedanken der Uranier in jene Zeiten, in denen ihnen dieser Tag auch ein Familienfest war, als noch nichts gemahnte, daß ihr Geschick sich so ganz anders gestalten würde, wie das der längst verheirateten Geschwister; erst ganz allmählich öffnete sich die Kluft, die sie von den Ihren trennte, dann kamen die langen Jahre, wo sie diesen Abend friedlos und freudlos im Restaurant oder bei „einem guten Buch“ im „möblierten Zimmer“ verbrachten. Manche gedenken ihrer zerstörten Hoffnungen, was hätten sie leisten können, wenn sich nicht alte Vorurteile ihrer Laufbahn hindernd in den Weg gestellt hätten, und andere in angesehenen Stellungen gedenken der schwer auf ihnen lastenden Lebenslüge! Viele gedenken der Eltern, die tot oder für die sie tot sind, und alle in inniger Wehmut des Weibes, das sie über alles liebte und das sie über alles liebten -- ihrer Mutter.
Jetzt sind die Kinderstimmen verklungen, man reicht sich die kleinen Gaben, beschenkt besonders reichlich die Kinder und die Dienstboten und setzt sich zu Tisch. Die Tafelgespräche sind nicht so fröhlich wie sonst; man spricht von dem guten X., der letztes Jahr noch am heiligen Abend teilnahm, und den nun auch schon die Erde deckt.
Langsam läßt die Spannung nach, der Ton wird etwas heiterer, aber der ernste Unterton bleibt, und über dem ganzen Abend ruht ein Hauch weltschmerzlicher Sentimentalität.
„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden! Wann endlich“ -- so schrieb mir vor einigen Jahren ein Homosexueller am Weihnachtsheiligabend -- „Wann endlich wird man erkennen, daß auch zu uns der Erlöser kam, daß auch wir nicht ausgeschlossen sein sollten von seiner gütigen, edlen, barmherzigen, allumfassenden Liebe?“
Es war in der Frühe des letzten Weihnachtsmorgens, als ich zu einem urnischen Studenten im Westen Berlins gerufen wurde, von dem es hieß, daß er in der Nacht einen Tobsuchtsanfall gehabt hätte.
Als ich zu ihm kam, bot sich mir ein furchtbarer Anblick; das ganze Zimmer war erfüllt von Scherben und Möbelstücken, zerrissenen Tüchern, Büchern und Papieren, alles mit Blut, Tinte und Petroleum vermischt. Vor dem Bette befand sich eine große Blutlache, und auf der Bettstatt lag ein junger Mann mit wachsbleichem Gesicht, aus dem seltsam tiefe, flammende Augen hervorleuchteten, schwarze Strähnen umgaben die feingeschnittenen, regelmäßigen Züge. Um Stirn und Arme waren blutdurchtränkte Lappen geschlungen.
Er hatte sich wegen seines Uranismus mit seinem strengen Vater, einem angesehenen Bürger Berlins, überworfen, keiner gewann es über sich, dem andern gute Worte zu geben, und nun war er am Heiligabend, dem ersten, den er fern von der Familie verlebte, herumgeirrt durch die menschenleeren Straßen der Millionenstadt. Von der Gegenseite der Straße hatte er, in einem dunklen Gange sich herumdrückend, die glänzenden Lichter in der Wohnung der Eltern gesehen, das Lachen der jüngeren Geschwister war an sein Ohr gedrungen, und für einige Augenblicke schaute er die Umrisse der Mutter, die während des Kinderjubels sinnend ihre Stirn an die Fensterscheiben lehnte.
Als sie oben die Lichter löschten, war er in die nächste Budike gegangen, hatte an einem abgelegenen Ecktisch ein Schnapsglas nach dem andern geleert, in einer zweiten und dritten Destille das Gleiche getan und in verödeten Kaffeehäusern für schwarzen Kaffee mit Kirsch sein letztes Geld verausgabt.
Nachdem er dann in der kalten Winternacht heimgekehrt und die vier Treppen im Hofe heraufgewankt war, hatte sich seiner ein ungeheurer Erregungszustand bemächtigt. Er hatte alles zertrümmert und die brennende Lampe zerschlagen in der Erwartung, daß er sich an geöffneten Pulsadern verbluten würde. Ein von den Wirtsleuten eilends herbeigerufener Arzt hatte durch die Türspalte gelugt und rasch ein Attest zur Überführung in die Irrenabteilung der Charité geschrieben.
Ein Freund des Kranken holte mich zu ihm; ich wusch und verband ihm an jenem Weihnachtsvormittag eine Wunde nach der andern; er klagte nicht und sprach kein Wort, aber die flammenden Augen sprachen und die blassen Lippen sprachen und jede einzelne Wunde sprach von seinem tiefen Leide und der hohen, heiligen Aufgabe derer, die an dem Befreiungswerke der Uranier arbeiten. --
Neben den Privatgesellschaften, Diners, Soupers, Kaffees, 5 Uhr Thees, Picknicks, Hausbällen und Sommerfesten, die die Berliner Homosexuellen in nicht geringer Menge veranstalten, sind die Jours fixes zu erwähnen, von denen jeden Winter einige von Urningen und Uranierinnen für ihre Freunde und Freundinnen eingerichtet werden.
Sehr bekannt war jahrelang der Sonntag-Nachmittags-Empfang bei einem urnischen Kammerherrn, auf dem viele Personen von Rang und Stand erschienen. Die leibliche Bewirtung besteht hier meist in Tee und Gebäck, die geistige in musikalischen Darbietungen. Letzten Winter war es besonders der _Jour_ fixe eines urnischen Künstlers, der sich großer Beliebtheit erfreute. Der überaus gastfreundliche Wirt empfing seine Gäste, unter denen sich viele homosexuelle Ausländer, namentlich aus den russischen Ostseeprovinzen und den skandinavischen Ländern, sowie auch oft homosexuelle Damen befanden, in einer Art Zwischenstufengewand, einem Mittelding zwischen Prinzeßrobe und Amtsrobe. Die Musikvorträge, zumal die Gesänge des Hausherrn in Baryton und Alt und das Klavierspiel eines dänischen Pianisten standen künstlerisch auf der Höhe. Man sah dort regelmäßig einen österreichischen Studenten der Chemie, der stets schweigsam und ernst dasaß, sich aber sichtlich unter Seinesgleichen wohl fühlte, da er immer wiederkam. Im Frühjahr, als die Zusammenkünfte zu Ende waren und der Russe Berlin verließ, ging jener Student eines Abends in eine Urningskneipe und ließ sich vom Klavierspieler Koschats „Verlassen“ spielen; als die melancholische Weise erklang, nahm er unbemerkt ein Stückchen Cyankali, das ihn in wenigen Sekunden leblos zu Boden streckte. „Selbstmord aus unbekannten Gründen“ verzeichnete der Polizeibericht, in Wirklichkeit der Selbstmord eines Homosexuellen, wie er sich in Berlin nur allzu oft ereignet.
Nicht immer ist die Homosexualität die direkte Ursache, aber fast stets ist der indirekte Zusammenhang zwischen der Homosexualität und dem gewaltsamen Ende leicht nachweisbar. Da ist ein urnischer Offizier, im Kadettenkorps erzogen, mit Leib und Seele Soldat, er hatte sich außerdienstlich eine homosexuelle Handlung zu Schulden kommen lasten, sie wurde lautbar, und ein schlichter Abschied war die Folge. Er hat nichts anderes gelernt, als sein Kriegshandwerk, nun sucht er kaufmännische Stellungen, sucht, findet und verliert eine nach der andern, die Familie will nichts mehr von ihm wissen, er steht allein, verliert jeden Halt, sinkt immer tiefer, greift zum Alkohol, zum Morphium und endlich zur erlösenden Waffe. So kenne ich viele Tragödien; erst vor wenigen Wochen endete ein früherer Leutnant auf diese Weise. „Ursache: Schulden“, schrieben die Zeitungen; jawohl, Schulden, aber die Grundursache lag tiefer, es war der Verlauf, wie ich ihn soeben schilderte; -- an der Homosexualität war er zu Grunde gegangen.
Vor einigen Tagen nahm ich einem homosexuellen Lehrer, der mich aufsuchte, ein Fläschchen Blausäure fort. Er hatte keine strafbare Handlung begangen, sich nie gleichgeschlechtlich betätigt; er war eben erst in den Schuldienst getreten, als dem Direktor ein anonymes Schreiben zugegangen war, der neue Lehrer sei ein Päderast; der Chef ließ ihn kommen, und auf Befragen gab er zu, homosexuell veranlagt zu sein. Man gab ihm den wohlmeinenden Rat, auf seine Entlassung anzutragen, er tat es, fand aber nicht den Mut, es seiner alten Mutter zu sagen, die gedarbt hatte, damit er Lehrer werden könne. Nun irrte auch er nach Stellung umher in dem großen Berlin, in dem es so viele Stellen, aber so viel mehr Stellenlose gibt.
Es sind gewiß mehr als zwanzig Homosexuelle, die ich im Laufe der letzten acht Jahre vor dem Selbstmord bewahren konnte; ob ich ihnen einen guten Dienst erwies, ich weiß es nicht, und doch erfüllt es mich mit stiller Freude, daß ich ihnen das Leben und sie dem Leben erhalten konnte. --
Einen den geschilderten Jourfixen ähnlichen, wenn auch schon mehr vereinsartigen Charakter tragen die regelmäßigen Zusammenkünfte, wie sie von Homosexuellen an bestimmten Abenden in bestimmten Lokalen veranstaltet werden; auch hier ist es gewöhnlich eine Person, um die sich die anderen gruppieren, nur bewirtet sich jeder aus eigenen Mitteln. Vielbesucht war lange Jahre der Klub „Lohengrin“, welcher sich um einen unter dem Namen „Die Königin“ bekannten Weinhändler zusammenfand. Während hier die Unterhaltung in musikalischen und deklamatorischen Darbietungen bestand, tragen manche dieser Vereinigungen, wie die „Gemeinschaft der Eigenen“, die „Platen-Gemeinschaft“, einen mehr literarischen Charakter. Auch ein Kabaret, das von Urningen geleitet und hauptsächlich von diesen besucht wird, gibt es in Berlin.
Auf allen diesen Veranstaltungen tritt die eigentliche Sexualität genau so zurück wie in den entsprechenden normalsexuellen Kreisen. Das Bindemittel ist lediglich das aus der Gemeinsamkeit der Lebensschicksale sich ergebende Gefühl der Zusammengehörigkeit.
Haben alle die genannten Gesellschaften einen mehr geschlossenen Charakter, so ist die Zahl derer, die allgemein zugänglich sind, noch viel bedeutender. Daß manche Restaurationen, Hotels, Pensionate, Badeanstalten, Vergnügungslokale, trotzdem sie jedermann offen stehen, fast ausschließlich von Urningen besucht werden, wird weniger merkwürdig erscheinen, wenn man bedenkt, daß viel weniger scharf gekennzeichnete Gruppen in Berlin ihre Lokale haben, die fast ganz von ihnen existieren; so gibt es Restaurationen, in denen nur Studenten, nur Schauspieler, nur Artisten verkehren, andere, die nur von Beamten, nur von Kaufleuten bestimmter Waren, von Liebhabern bestimmter Spiele und Sports leben, wieder andere, die nur von Buchmachern, Falschspielern oder irgend einer Verbrecherkategorie besucht werden.
Man kann Lokalitäten unterscheiden, die von Urningen bevorzugt, aber auch von anderen Personen aufgesucht werden, und solche, die lediglich von jenen frequentiert sind. Zu ersteren gehört ein sehr großes Münchener Bierrestaurant der Friedrichstadt, in dem seit Jahren zu bestimmten Stunden stets an hundert Homosexuelle und mehr zu finden sind. Auch in bestimmte Kaffeehäuser ziehen sich die Urninge mit Vorliebe hin, wobei alle paar Jahre ein Wechsel zu beobachten ist; oft sind es Lokale, wo der Wirt oder ein Kellner selbst urnisch sind, meist werden bestimmte Abteilungen der Wirtschaften besonders bevorzugt. Die urnischen Damen treffen sich vielfach in Konditoreien; so befindet sich im Norden der Stadt eine, die täglich zwischen 4 und 6 Uhr nachmittags von urnischen Israelitinnen zahlreich besucht wird, welche hier Kaffee trinken, plaudern, Zeitungen lesen, Skat und mit Vorliebe Schach spielen.
Im Sommer sind es stets gewisse Gartenlokale, in denen sich die Urninge in großer Zahl einfinden, während sie andere, wenigstens in Gruppen, meiden. In einigen dieser Konzertgärten macht sich neben der weiblichen auch die männliche Prostitution bemerkbar.
In einem der vornehmsten Berliner Konzertlokale war vor einigen Sommern das Treiben der Homosexuellen so arg geworden, daß Kriminalbeamte hinbeordert wurden, um dem rücksichtslosen Gebahren, das nicht schwer genug gerügt werden kann, ein Ende zu bereiten.
Es muß der Berliner Polizei zu ihrem Lobe nachgesagt werden, daß _agents provocateurs_ bei ihr außerordentlich selten sind. Es wäre den Beamten gewiß leicht, Homosexuelle herauszufinden, indem sie sich selbst als homosexuell gerierten; es soll dies in früheren Zeiten auch vorgekommen sein; mir ist nur ein Fall bekannt, und zwar spielte sich dieser in dem erwähnten Konzertlokal ab, in dem ein Urning den ihn beobachtenden Kriminalbeamten für Seinesgleichen hielt, glaubte, daß ihm Avancen gemacht würden, und keinen kleinen Schreck bekam, als er auf seine zärtliche Berührung hin arretiert, zur Wache gebracht und später dann auch wegen „tätlicher Beleidigung“ verurteilt wurde.
Neben diesen Lokalen gibt es in Berlin eine ganze Anzahl, die ganz ausschließlich von Urningen besucht werden. Ihre Zahl genau anzugeben, ist sehr schwierig. Medizinalrat =Näcke=[1] dürfte wohl recht haben, wenn er annimmt, daß in Berlin mehr als zwanzig Urningskneipen vorhanden sind. Immer wieder höre ich gelegentlich in meiner Praxis urnische Restaurationen erwähnen, die mir bis dahin unbekannt waren. Jede dieser Wirtschaften hat noch ein besonderes Gepräge; in der einen halten sich mehr ältere, in einer anderen mehr jüngere, wieder in einer anderen ältere und jüngere Leute auf. Fast alle sind gut besucht, an Sonnabenden und Sonntagen meist überfüllt. Wirte, Kellner, Klavierspieler, Coupletsänger sind fast ausnahmslos selbst homosexuell.
Man hat Homosexuelle aus der Provinz, die sich zum ersten Male in solchen Lokalen aufhielten, in tiefer seelischer Erschütterung weinen sehen.
In allen diesen Kneipen geht es durchaus anständig zu; hie und da werden sie von der Kriminalpolizei oder deren Geheimagenten kontrolliert, doch hat sich fast nie eine Veranlassung zum polizeilichen Einschreiten ergeben.
Rudolf Presber hat kürzlich in einem Feuilletonartikel unter dem Titel: „Weltstadttypen“ eine anschauliche Schilderung einer solchen Urningskneipe entworfen. Er schreibt: