Berlins Drittes Geschlecht

Part 1

Chapter 13,405 wordsPublic domain

Berlins Drittes Geschlecht

von

Dr. Magnus Hirschfeld

7. Auflage

Motto: »Die grosse Überwinderin aller Vorurteile ist nicht die Humanität, sondern die Wissenschaft.«

Berlin und Leipzig Verlag von Hermann Seemann Nachfolger G. m. b. H.

Großstadt-Dokumente Band 3. Herausgegeben von Hans Ostwald

Vorwort.

Als ich von =Hans Ostwald= aufgefordert wurde, für die von ihm herausgegebenen Großstadtdokumente den Band zu bearbeiten, welcher das Leben der Homosexuellen in Berlin behandeln sollte, glaubte ich mich diesem Wunsche nicht entziehen zu dürfen.

Wenn ich auch das Ergebnis meiner Untersuchungen auf dem Gebiete der Homosexualität bisher nur in wissenschaftlichen Fachorganen, besonders in den Jahrbüchern für sexuelle Zwischenstufen, publiziert hatte, so war ich mir doch lange darüber klar, daß die Kenntnis eines Gegenstandes, der mit den Interessen so vieler Familien aller Stände verknüpft ist, nicht dauernd auf den engen Bezirk der Fachkollegen oder auch nur der akademischen Kreise beschränkt bleiben würde und könnte.

Dies zugegeben, leuchtet es gewiß ein, daß die populär-wissenschaftliche Darstellung in einer so diffizilen Frage am geeignetsten von Seiten derjenigen erfolgen sollte, die sich vermöge ausgedehnter wissenschaftlicher Forschungen und Erfahrungen und auf Grund unmittelbarer Anschauung die erforderliche Qualifikation und Kompetenz erworben haben.

Ich war in der folgenden Arbeit bemüht, ein recht naturgetreues und möglichst vollständiges Spiegelbild von Berlins „drittem Geschlecht“, wie man es vielfach, wenn auch nicht gerade sehr treffend bezeichnet hat, zu geben. Ich war bestrebt, -- ohne Schönfärberei, aber auch ohne Schwarzmalerei -- alles streng wahrheitsgemäß unter Vermeidung näherer Ortsbezeichnungen so zu schildern, wie ich es zum größten Teil selbst wahrgenommen, zum kleinen Teil von zuverlässigen Gewährsmännern erfahren habe, denen an dieser Stelle für das mir erwiesene Vertrauen zu danken, ich als angenehme Pflicht empfinde.

Manchem wird sich hier innerhalb der ihm bekannten Welt eine neue Welt auftun, deren Ausdehnung und deren Gebräuche ihn mit Erstaunen erfüllen werden.

Man hat gelegentlich die Befürchtung ausgesprochen, es könnte durch populäre Schriften für die Homosexualität selbst „Propaganda“ gemacht werden. So sehr eine gerechte Beurteilung der Homosexuellen angestrebt werden muß, so wenig wäre dieses zu billigen. Die Gefahr liegt aber nicht vor. Die Vorzüge der normalsexuellen Liebe, wie sie -- um nur von vielen einen zu nennen -- vor allem im Glücke der Familie zum Ausdruck gelangen, sind denn doch so gewaltige, die Nachteile, die aus der homosexuellen Anlage erwachsen, so außerordentliche, daß, wenn ein Wechsel der Triebrichtung möglich wäre, er gewiß für die Homosexuellen, nicht aber für die Normalsexuellen in Betracht kommen würde.

Tatsächlich hat aber die wissenschaftliche Beobachtung in Übereinstimmung mit der Selbsterfahrung sehr zahlreicher Personen gelehrt, daß ein derartiger Umschwung nicht möglich ist, da nichts dem Charakter und Wesen eines Menschen so adäquat und fest angepaßt ist, wie die nach Ergänzung der eigenen Individualität zielende Richtung des Liebes- und Geschlechtstriebes.

Ob und inwieweit die Handlungen der Homosexuellen unter den Begriff von Schuld und Verbrechen fallen, ob und inwieweit ihre Strafverfolgung zweckmäßig oder notwendig erscheint, inwieweit diese überhaupt möglich ist -- diesen Schluß möge am Ende meines Berichtes der Leser seinerseits ziehen.

=Charlottenburg=, den 1. Dezember 1904.

_Dr._ =Magnus Hirschfeld=.

Berlins Drittes Geschlecht

Wer das Riesengemälde einer Weltstadt, wie Berlin nicht an der Oberfläche haftend, sondern in die Tiefe dringend erfassen will, darf nicht den homosexuellen Einschlag übersehen, welcher die Färbung des Bildes im einzelnen und den Charakter des Ganzen wesentlich beeinflußt.

Es ist zwar nicht sehr wahrscheinlich, daß in Berlin mehr Homosexuelle geboren werden, wie in der Kleinstadt oder auf dem Lande, doch liegt die Vermutung nahe, daß bewußt ober unbewußt diejenigen, welche von der Mehrzahl in nicht erwünschter Form abweichen, dorthin streben, wo sie in der Fülle und dem Wechsel der Gestalten unauffälliger und daher unbehelligter leben können. Das ist ja gerade das Anziehende und Merkwürdige einer Millionenstadt, daß das Individuum nicht der Kontrolle der Nachbarschaften unterliegt, wie in den kleinen Orten, in denen sich im engen Kreise die Sinne und der Sinn verengern. Während dort leicht verfolgt werden kann und eifrig verfolgt wird, wann, wo und mit wem der Nächste gegessen und getrunken hat, spazieren und zu Bett gegangen ist, wissen in Berlin die Leute oft im Vorderhause nicht, wer im Hinterhause wohnt, geschweige denn, was die Insassen treiben. Gibt es hier doch Häuser, die an hundert Parteien, an tausend Menschen beherbergen.

Was sich in der Großstadt dem Nichtkenner verbirgt, tritt, weil es sich ungezwungener gibt, dem Kenner um so leichter entgegen.

Wer gut unterrichtet ist, bemerkt auf den Straßen, in den Lokalen Berlins bald nicht nur Männer und Frauen im landläufigen Sinn, sondern vielfach auch Personen, die von diesen in ihrem Benehmen, oft sogar in ihrem Äußeren verschieden sind, so daß man geradezu neben dem männlichen und weiblichen von einem dritten Geschlecht gesprochen hat.

Ich finde diesen Ausdruck, der schon im alten Rom gebräuchlich war, nicht gerade glücklich, aber immerhin besser, als das jetzt so viel angewandte Wort homosexuell (gleichgeschlechtlich), weil dieses der weit verbreiteten Anschauung Nahrung gibt, es müßten, wenn irgendwo mehrere Homosexuelle zusammen sind, sexuelle Akte vorgenommen oder doch wenigstens beabsichtigt werden, was den Tatsachen in keiner Weise entspricht.

Man möge, wenn in den folgenden Schilderungen von Homosexuellen die Rede ist, nicht an geschlechtliche Handlungen irgend welcher Art denken. Kommen diese vor, so entziehen sie sich nicht nur wegen ihrer Strafbarkeit, sondern vor allem wegen des natürlichen Scham- und Sittlichkeitsgefühls, welches bei den Homosexuellen ebenso ausgeprägt ist wie bei den Normalsexuellen, der Beobachtung, keineswegs sind sie das Hauptsächliche, sie fehlen sogar häufig. Das Wesentliche ist das Wesen des Uraniers -- so wollen wir in dieser Schrift den homosexuell Empfindenden mit Ulrichs nennen -- sein Verhalten gegenüber dem männlichen und weiblichen Geschlecht sind die aus seiner Naturbeschaffenheit sich ergebenden Sympathieen und Antipathieen.

Aber selbst für den, der viele typische Eigenschaften urnischer Menschen kennt, bleiben doch sehr viele verborgen, sei es, weil ihnen, was nicht selten vorkommt, tatsächlich bemerkbare Anzeichen fehlen, sei es, weil sie ihre Lebenskomödie, die oft mehr eine Lebenstragödie ist, mit großem Geschick spielen, indem sie sich den Normalen in allen Gewohnheiten anpassen und ihre Neigungen wohlweislich zu verheimlichen wissen. Die meisten legen viel Wert darauf, daß „man ihnen nichts anmerkt“. Ich kenne in Berlin Homosexuelle, auch solche, die durchaus nicht enthaltsam sind, welche Jahre, Jahrzehnte, ja ihr ganzes Leben lang ihre Umgebung über ihre Natur täuschten; besonders verbreitet ist es auch, wenn den Kameraden über Liebesabenteuer berichtet wird, ähnlich manchen Übersetzern antiker Schriftsteller, die männliche Person in eine weibliche umzuwandeln.

Die örtlichen Verhältnisse Berlins erleichtern diese Umwandlung ungemein. Wer im Osten wohnt, dort seine geschäftlichen und verwandtschaftlichen Beziehungen hat, kann sich mit seinem Freunde jahrelang im Süden treffen, ohne daß man in seiner Gegend etwas davon weiß. Es gibt viele Berliner im Westen, die nie den Wedding sahen, viele am Kreuzberg, die nie das Scheunenviertel betraten. Ich behandelte lange eine alte Berlinerin, die die Witwe eines Musikers war; sie hatten ein einziges Kind gehabt, einen Sohn, der nicht gut tun wollte, früh hinter die Schule ging, Tage lang fortblieb und vagabondierte. Die Eltern suchten ihn immer wieder, schließlich als er 21 Jahre alt war, verloren sie die Geduld und ließen ihn laufen. 26 Jahre lang hatte die Mutter nichts mehr von ihrem Jungen gehört und gesehen; sie hatte die Siebzig überschritten, ihr Mann war längst gestorben, da tauchte er eines Tages wieder bei ihr auf, ein vorzeitig gealterter 47jähriger Mann mit struppigem Vollbart, ein Pennbruder, dessen „Organismus durch Alkohol vergiftet“ war; er wollte fragen, ob sie nicht noch „von Vatern ein paar alte Kleider hätte“. Das Eigenartige war, daß Mutter und Sohn in den 26 Jahren Berlin nie verlassen hatten. In einer Kleinstadt würde ein solcher Fall nicht möglich sein.

Man sollte es kaum glauben, wie viele Personen in der preußischen Hauptstadt, die als ein Muster der Ordnung gilt und es auch im Vergleich mit anderen Weltstädten ist, leben, ohne daß die Behörden von ihnen wissen. Ich habe mit Erstaunen wahrgenommen, wie lange sich oft ausgewiesene Ausländer unbeanstandet in Berlin aufhalten, noch mehr, wie Personen, die polizeilich gesucht werden, Monate und Jahre unangemeldet hier verweilen, nicht etwa in entlegenen Stadtvierteln, sondern häufig auf den Sammelplätzen des Verkehrs, wo man sie am wenigsten vermutet.

Wart Ihr schon einmal im Zimmer 361 auf dem Polizeipräsidium am Alexanderplatz? Es ist eine der merkwürdigsten Stätten in dieser an eindrucksvollen Örtlichkeiten gewiß nicht armen Stadt. Hoch über den Dächern der Großstadt gelegen, befindet sich dieser Raum inmitten einer Flucht von Zimmern, in denen alphabetisch geordnet zehn Millionen Blätter aufgestapelt sind. Jedes Blatt bedeutet ein Menschenleben. Die noch leben, liegen in blauen, die Verstorbenen ruhen in weißen Pappkartons. Jedes Blatt enthält Namen, Geburtsort und Geburtstag von jeder Person, die seit dem Jahre 1836 in einem Berliner Hause eine Wohnung oder ein Zimmer inne hatte. Alle An- und Abmeldungen, jeder Wechsel der Wohnungen wird sorgsam verzeichnet. Es gibt Bogen, die dreißig Wohnungen und mehr enthalten, andere, auf denen nur eine steht; es sind Personen darunter, die ihre Berliner Laufbahn in einem Keller des Ostens begannen und im Tiergartenviertel endeten, und andere, die anfangs vorn im ersten Stock wohnten und im Hof vier Treppen ihre Tage beschlossen. Nach Zimmer 361 werden alle diejenigen verwiesen, die in Berlin jemanden suchen. Von morgens 8 bis abends 7 Uhr wandern Hunderte und Hunderte, im Jahre viele Tausende die hohen steinernen Treppen empor. Jede Auskunft kostet 25 Pfennig. Es kommen nicht nur solche, die Geld zu fordern haben, Leute, für die ein Mensch erst dann Wert bekommt, wenn er ihnen etwas schuldet, nein, so mancher klimmt hinauf, der aus fernen Landen heimgekehrt ist und nun nachforscht, ob und wo noch einer seiner Verwandten und Jugendgefährten lebt. Die ersten Jahre schrieben sie einander noch, dann schlief der Briefwechsel ein, und nun hat der Fremdling noch einmal die alte Heimat aufgesucht. Bangen Herzens schreibt er den Namen und die letzte ihm bekannte Wohnung seiner Mutter auf den Auskunftszettel -- sie ist lange verstorben; er fragt nach Brüdern, Schwestern und Freunden, alle, alles dahin, und tief bekümmert wandert der Vereinsamte die schmalen Treppen wieder hinunter. Wie viele erkundigen sich da oben vergebens, Eltern, die verlorene Söhne suchen, Schwestern, die nach ihren Brüdern fragen, und Mädchen, die nach dem Vater des Kindes forschen, dessen Zukunft in ihrem Schoße ruht. „Ist nicht gemeldet“, „unbekannt verzogen,“ „ausgewandert“, „verstorben,“ meldet der stets gleichmütige Beamte, wenn er nach einer halben Stunde wiederkehrt und die Wartenden aufruft, welche still, ernst und verzagt, nur selten frohen Mutes herabsteigen, um wieder unterzutauchen in das Häuser- und Menschenmeer des gewaltigen Berlin.

Die Leichtigkeit, in einer Stadt von 2½ Millionen Einwohnern unsichtbar zu versinken, unterstützt sehr jene Spaltung der Persönlichkeit, wie sie auf sexuellem Gebiete so häufig vorkommt. Der Berufsmensch und der Geschlechtsmensch, der Tag- und Nachtmensch sind oft zwei grundverschiedene Persönlichkeiten in einem Körper, der eine stolz und ehrbar, sehr vornehm und gewissenhaft, der andere von allem das Gegenteil. Das gilt für Homosexuelle ebenso wie für Normalsexuelle. Ich kannte einen urnischen Rechtsanwalt, der, wenn er abends sein Bureau im Potsdamer Viertel oder eine Gesellschaft seiner Kreise verlassen hatte, seine Stammkneipe im südlichen Teil der Friedrichstadt aufsuchte, eine Kaschemme, in der er mit dem Revolverheini, dem Schlächterherrmann, dem Amerikafranzl, dem tollen Hunde und anderen Berliner Apachen die halben Nächte spielend, trinkend und lärmend verbrachte. Die rohe Natur dieser Verbrecher schien auf ihn eine unwiderstehliche Anziehungskraft auszuüben. Noch weiter ging ein anderer, ein früherer Offizier, der einer der ersten Familien des Landes angehört. Dieser vertauschte zwei- bis dreimal die Woche abends den Frack mit einer alten Joppe, den Zylinder mit einer Schiebermütze, den hohen Kragen mit einem bunten Halstuch, zog sich den Sweater, Schiffer- oder Manchesterhosen und Kommißstiefel an und trieb sich etliche Stunden in den Destillen des Scheunenviertels umher, deren Insassen ihn für Ihresgleichen hielten. Um vier Uhr früh fand er sich im Hammelstall, einer vielbesuchten Arbeitslosenkneipe unweit des Bahnhofs Friedrichstraße, zum „Kaffeestamm“ ein, nahm sein Frühstück für zehn Pfennig mit den ärmsten Vagabonden, um nach einigen Stunden Schlaf wieder zum Leben eines untadeligen Kavaliers zu erwachen.

Auch eine homosexuelle Dame ist mir erinnerlich, die in einem ganz ähnlichen Doppelleben oft als Köchin die Tanzlokale von Dienstboten besuchte, in deren Mitte sie sich außerordentlich wohl fühlte.

Besonders merkwürdig ist diese Halbierung oder -- wenn man will -- Verdoppelung der Persönlichkeit in denjenigen Fällen, wo sie zugleich mit einer Spaltung in zwei Geschlechter verbunden ist.

Ich besitze die Photographie eines Mannes in eleganter Damentoilette, der jahrelang unter den Weibern der Pariser Halbwelt eine Rolle spielte, bis durch einen Zufall ans Licht kam, daß „sie“ in Wirklichkeit ein Mann und zwar nicht einmal ein homosexueller Mann war. Auch in Berlin sind wiederholt Männer aufgegriffen, die der weiblichen Prostitution oblagen. Mehr als eine Frau ist mir in Berlin bekannt, die zu Hause vollkommen als Mann lebt. Eine der ersten, die ich sah, war mir während einer Feier in der Philharmonie durch ihre tiefe Stimme und ihre männlichen Bewegungen aufgefallen. Ich machte ihre Bekanntschaft und bat, sie besuchen zu dürfen. Als ich am folgenden Sonntagnachmittag in der Dämmerstunde an ihrer Tür klingelte, öffnete mir ein junger Mann, der von einem Hunde umsprungen wurde, die dampfende Zigarre in der Hand hielt und nach meinem Begehr fragte. „Ich wünsche, Fräulein X. zu sprechen, bringen Sie ihr, bitte, meine Karte.“ „Treten Sie nur näher,“ erwiderte lachend der junge Bursche, „ich bin es ja selbst.“ Ich erfuhr, daß das Mädchen in ihrer Häuslichkeit vollkommen als Mann lebte; es war eine wackere Person, die den Kampf mit dem Leben tapfer aufgenommen, manche Heirat, durch die sie „gut versorgt“ worden wäre, abgelehnt hatte, weil sie „keinen Mann betrügen“ wollte.

Die Spaltung der Persönlichkeit kann so weit gehen, daß der Tagesmensch sich über die Lebensführung seines nächtlichen Ichs sittlich entrüstet und heftig dagegen eifert. Es ist nicht immer bloße Heuchelei gewesen, wenn jemand, der sich in den schärfsten Ausdrücken gegen die Homosexualität wandte, eines Tages mit dem § 175 R.-Str.-G.-B. in Konflikt geriet.

Wenn übrigens auch in Berlin trotz der verhältnismäßigen Bequemlichkeit und Sicherheit sexuellen Verkehrs eine große Anzahl Uranier enthaltsam leben -- was zweifellos der Fall ist --, so geschieht dies weniger aus Angst, als weil ihre sonstige Charakterveranlagung sie zur Enthaltsamkeit führt und ihnen dieselbe ermöglicht. Viele dieser Homosexuellen leben als Junggesellen völlig einsam; manche bringen durch intensive geistige Beschäftigung ihren Sexualtrieb zum Schweigen, einige gelten als Sonderlinge, haben auch in der Tat häufig etwas Schrullenhaftes, Altjüngferliches, andere entwickeln einen großen Sammeleifer, der sich nicht selten auf Gegenstände erstreckt, die mit ihrer Neigung in einem gewissen Zusammenhang stehen; so weiß ich von einem urnischen Prinzen in Berlin, welcher mit einer wahren Leidenschaft Soldaten-Darstellungen aller Zeiten und Länder sammelte. Wieder andere suchen und finden eine Ablenkung und Befriedigung ihres sexuellen Triebes darin, daß sie Stätten aufsuchen, Schwimmbäder, Turnhallen, Sportplätze, wo sie Gelegenheit haben, sich am Anblick ihnen sympathischer Gestalten zu erfreuen, oder aber sie schließen sich aus denselben Grunde Vereinen an. Namentlich in den eingeschlechtlichen Vereinen Berlins, wie den Turnvereinen und den Vereinen christlicher junger Männer, ebenso auch in den Frauenklubs und Frauenvereinen -- vom Dienstboten- bis zum Stimmrechtsverein -- sind urnische Mitglieder nichts Seltenes, oft ist sogar das urnische Element die treibende Kraft des Vereins. Vielfach sind sich die Betreffenden ihrer Urningsnatur gar nicht oder nur wenig bewußt und werden erst aufmerksam, wenn ein dritter, meist mehr im Scherz als im Ernst, Bemerkungen macht, wie. „Du benimmst Dich ja wie ein warmer Bruder.“

Vor einiger Zeit suchte mich einmal ein Mitglied eines spiritistischen Vereins auf, um sich zu vergewissern, ob er homosexuell sei; ein Vereinsbruder habe ihm bei einem Streite zugerufen: „Schweig, Du Zwitter.“ Dieser stark feminine und offenbar recht nervöse Jüngling berichtete mir, daß er im gewöhnlichen Leben weder zum Weibe, noch zum Manne sinnliche Regungen verspüre, nur wenn er in den Trance-Zustand verfiele, was leicht der Fall sei, fühle er sich als eine Indierin und empfände als solche eine starke Liebe zu einem seiner Vereinsbrüder.

Trotzdem sich die Urninge in ihren Vereinen meist gut zu beherrschen wissen, kommt es doch hie und da zum „Skandal“, namentlich wenn sich unter der Wirkung leichter Alkoholmengen die Zügel lockern, welche sie ihrer wahren Natur sonst anzulegen wissen. Ich will ein in mehr als einer Hinsicht lehrreiches Beispiel anführen.

Vor etwa zehn Jahren veranstaltete ein Missionar in einem religiösen Zwecken dienenden Hause große Versammlungen und Feiern, die sich eines ungewöhnlich regen Zuspruches erfreuten. „Das gewinnende, liebenswürdige Wesen dieses Mannes zog wie ein Magnet.“ Er war eine Persönlichkeit von angenehmstem Äußern, Mitte der Dreißig, sehr begabt und ein trefflicher Redner. „Er brauchte nur zu bitten, und die Gaben flossen in Massen; überall war er maßgebend, geliebt und verehrt, besonders bei den Frauen.“ Man fand nicht Worte genug über seine Herzensgüte; er selber berichtete in den Versammlungen häufig, wie er in den Gefängnissen so oft und gern Trost spendete, wie er nachts junge Menschen in den Anlagen ohne alle Mittel gefunden, sie mit nach Hause genommen und bei sich beherbergt habe. Er hatte dabei ein im Grunde fröhliches Gemüt. Wer ihn auf den sommerlichen Ausflügen des Vereins beobachtete, wie er mit seinen Schülern Kampfspiele veranstaltete, mit ihnen rang und ausgelassen tollte, freute sich ohne Argwohn der anscheinend so harmlosen Freudigkeit des unermüdlichen Gottesstreiters. Eines Tages aber bemächtigte sich tiefe Betrübnis und große Entrüstung des frommen Vereins. Herr W. war wegen unsittlicher Handlungen mit jungen Männern verhaftet worden. Bei der Gerichtsverhandlung bekundeten zwölf Jünglinge, daß W. sie unzüchtig berührt habe, sogar hinter der Kanzel, an der Orgel und in der Sakristei habe er solches getan und jedesmal hinterher mit ihnen gebetet. Er wurde zu einer schweren Freiheitsstrafe verurteilt.

Ich verdanke diesen Bericht einem sehr ehrenwerten Uranier, der demselben christlichen Verein angehörte. „Nie hätte ich,“ so schreibt er mir, „geglaubt, daß dieser geehrte Herr so jäh aus seiner Höhe stürzen könnte, daß meine inneren Empfindungen, die ich in harten Kämpfen unterdrückte, um deren Überwältigung willen ich jene fromme Gesellschaft aufgesucht hatte, so denen ihres Leiters glichen. Als sich das geschilderte Trauerspiel zutrug, dachte ich in Demut: „Herr, sei mir Sünder gnädig“, und bin mit vielen anderen aus dem schwer geschädigten Verein geschieden.“

Vielfach widmet sich der homosexuelle Platoniker nicht sowohl einer Vereinigung, als vielmehr einer einzigen Person, an der er Gefallen gefunden hat. Wie viele dieser Männer lassen nicht ihre Schützlinge ausbilden, studieren, nehmen sie auf Reisen mit, setzen ihnen Renten aus, adoptieren sie, bedenken sie in ihrem Testament, bemühen sich um sie in intensivster Weise, ohne daß es je zu einem Kusse kommt, ja, ohne daß sich die Betreffenden der sexuellen Grundlage ihrer Neigung bewußt werden, wiewohl sie die Briefe ihrer Freunde nicht weniger sehnsüchtig erwarten, nicht minder begierig lesen, wie ein Bräutigam die seiner Braut. Und noch seltener ist sich der Empfangende in solchen Verhältnissen über die wahre Natur seines „väterlichen“ Freundes klar. Wohl ist er und seine Familie über „das gute Herz“ ihres besten Freundes des Lobes voll, das hindert aber den jungen Mann nicht, gelegentlich recht weidlich über die Homosexuellen zu schelten, ohne zu ahnen, wie schwer er jenen trifft, den er gewiß am wenigsten verletzen möchte.

Ich will hier ein Gedicht eines Berliner Urnings an seinen Freund zur Kenntnis bringen, das recht anschaulich zeigt, wie schwer die unmerklich in einander übergehenden Grenzen zwischen den geistigen, seelischen und körperlichen Äußerungen des in Form und Stärke, nicht aber in seinem Wesen verschiedenartigen Gefühls zu ziehen sind. Es lautet:

„Ihm in die tiefen, treuen Augen sehen, Mit ihm vereint an meinem Fenster stehen, Zu lehnen mein Gesicht an seine Wange, Ganz still, recht fest und lange, lange, Ist das nicht Glück genug --

Ihm sanft die Hände zu berühren, Den Atem seiner Brust zu spüren, Mit meinem Haupt an seinem Herzen liegen Und meinen Mund an seine Lippen schmiegen, Das ist doch Glück genug --

Zu schauen, wenn er lacht und froh sich regt, Zu merken, wenn er ernst und tief bewegt, Zu sehen, wie in allem, was er treibt, Er stets sich gleich an Kraft und Schönheit bleibt, Ist das nicht Glück genug --

Die Ansicht mit ihm auszutauschen, Dem Wohllaut seiner Stimme lauschen, Sein Leben schöner zu gestalten, Wenn Leid ihn quält, treu zu ihm halten, Das ist doch Glück genug --

Ihm sagen können, daß er mir das Höchste, Von ihm vernehmen, daß ich ihm der Nächste, Ihm schildern dürfen, wie sehr ich ihn liebe, Den Wunsch zu hören, daß sein Freund ich bliebe, Das ist doch Glück genug --

O, wenn ich es doch nie erlebte, Daß ich noch mehr an Glück erstrebte, Als mir so reichlich ist beschieden, Dann hätten er und ich den Frieden Und beide Glück genug.“

Auch der folgende ausführliche Bericht eines keuschen Uraniers über das erste Erwachen seiner Liebe -- er rührt von einem mir bekannten Studenten her, der sich noch nie sexuell betätigt hat -- bestätigt den Satz, daß sich der homosexuelle Trieb wohl in seiner Richtung und Bedeutung, nicht aber in seiner Naturwüchsigkeit von der normalsexuellen Liebe unterscheidet.