Berlin — Panorama einer Weltstadt

Chapter 8

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Der Vereinigte Landtag enthält Elemente, die uns sehr (lieb) und (wert) sind. Seid gewiß, die werden wir alle wiederfinden in den neuen Wahlen! Die alten Stadtverordneten aber, Gemeinderäte usw., die durch Vorrechte gewählt wurden und die lärmendste Agitation (für) den Landtag machen, die wohl nicht, und das ist gut. Eine Beleidigung des Vereinigten Landtags erblick' ich auch nicht. Kräftig gesprochen kann man sagen: Es fiel so vieles, warum nicht er? Milder gesprochen muß man sagen: Der Vereinigte Landtag ist nur ein aus Gnade eines (absoluten) Königs geschenktes (Rendezvous). Die Provinzia1stände sollen nicht sogleich vernichtet werden. Sie mögen in ihre Provinzen gehen, dort das allgemeine Wahlgesetz, das die konstituierende Versammlung gegeben hat, sich mitteilen lassen und sich dort, wo sie geboren sind, auch in der Stille auflösen oder, wäre es der Fall, daß das deutsche National-Parlament nur Provinzia1stände um sich sehen will, einer neuen Organisation entgegenharren. Das in (Berlin) Vereinigtsein dieser Stände ist etwas rein Arbiträres, Zufälliges gewesen, und keinen Landstand kann es beleidigen, wenn man gegen diese Vereinigung protestiert.

Also, laßt Euch nichts vorreden von Rechtsverletzung, Gewaltstreich, einseitiger Willkür. Das sind Gruben, die man Eurer guten, ehrlichen, freien Gesinnung gräbt. Wenn wir eine Konstitution haben und darauf gebaute wahre Stände des Volkes, dann erst sollen die einseitigen Befehle von oben aufhören. Jetzt aber, solange nichts rechtlich Bindendes da ist, wollen wir froh sein, wenn die stürmisch gewesenen Vorboten des angebrochenen Völker-Frühlings uns noch recht viel solcher Blüten vom Baume der Majestät schütteln, wie diejenigen waren, welche wir in den jüngst vergangenen Tagen als Gesetze und Verheissungen empfingen. Ein Wahlgesetz gibt jetzt nicht der König sondern das Volk, die Zeit, der Sieg des Augenblicks.

Dr. Karl Gutzkow

Preußen und die deutsche Krone (1848)

Man kann es vom höheren, vaterländischen Standpunkte aus nicht billigen, daß sich Süddeutschland aus den hiesigen Begebenheiten, die den gewaltigen Umschwung unserer Verhältnisse hervorriefen, nur die Ereignisse vom 18. und 19. März herausgreift und auf diese schmerzlichen Tatsachen hin bei der Wiedergeburt Deutschlands Preußen desavouiert. Denn was man gegen die Person des Königs sagt, trifft in diesem Falle das Land, trifft Preußen und viel empfindlicher Deutschland selbst.

Man berät eine Einigung Deutschlands auf den Grund eines zu wählenden kürzeren oder längeren Oberhauptes. Seit Pfizers "Briefwechsel zweier Deutscher" steht es fest, daß selbst die freisinnige, deutsche, hochherzige Bewegungspartei für die Idee einer preußischen Hegemonie ist. Die süddeutschen Deputierten, die mit einem Doppelplane der Organisation, einem monarchischen und einem republikanischen, hierher kamen, vertraten anfangs denselben Geist, dieselbe Meinung, und noch am 18. und 19. März soll Preußen plötzlich "unmöglich" geworden sein? Darin liegt eine politische Unklugheit und eine doppelte Ungerechtigkeit.

Um es ganz offen zu sagen, wonach streben wir? Wir möchten sämtliche deutsche Fürsten auf eine Art Standesherrenschaft zurückführen, ihnen in Frankfurt (einem nicht gut gewählten Orte; Leipzig, Gotha, Weimar, Nürnberg wären besser) eine ehrenvolle und würdige Vertretung ihrer Interessen und Erinnerungen geben und das ganze Reich durch ein temporäres oder dauerndes, erbliches oder nichterbliches Bundesoberhaupt regieren lassen. Ohne eine sehr bedeutende Nullifikation unserer Fürsten ginge es dabei nicht ab. Die kleineren scheinen nicht abgeneigt, solchen Wünschen sich zu fügen; ja sogar größere Fürsten, die Könige heißen, ob sie gleich wegen ihres Gebietes nur Herzöge oder Landgrafen heißen sollten, ich sage, selbst größere haben Wärme und Gefühl für das Gemeinsame genug, daß sie freiwillig ihre Souveränität angeboten und auf den Altar des Vaterlandes niederzulegen versprochen haben. Ein König sogar, der sich gegen diese Richtung anzustemmen nicht mehr kräftig genug fühlte, entsagte seinem Throne und trat ihn seinem Erben ab, der dieser idealen Richtung sich verwandter fühlt. Von Österreich würde man immer nur einzelne Teile seines Gebietes haben vertreten wissen wollen und wenn auch die Wiener Bewegung, der Sturz Metternichs eine augenblickliche Hingabe an das alte Kaiserhaus in uns erwachen ließ, sie kann nur vorübergehend sein. Warum nur vorübergehend? Weil einmal die Persönlichkeit des gegenwärtigen Kaisers keine ausreichende ist, zweitens der Wiener Aufschwung der rechten freiheitsgedüngten Grundlage im ganzen Reich ermangelt und drittens in Frankfurt nimmermehr gewünscht werden kann, daß Deutschland wieder in das Schlepptau der europäischen Politik des Hauses Habsburg genommen wird. Was man für [die] Reorganisation Deutschlands tut, muß ohne organische Aufnahme österreichischer Elemente geschehen. Österreich kann nur ehrenhalber dabei beteiligt sein.

So bliebe immer nur die preußische Anlehnung als die hauptsächlichste und entscheidendste übrig. Das schlechte Preußische ist ja im Innern zerstört und wird noch mehr zerstört werden durch Amalgamierung mit dem übrigen deutschen Stoff; das gute Preußische aber ist für Deutschland so wesentlich, daß es Torheit und Verblendung wäre, sollte sich auf ein einzelnes Faktum, über das wir noch später sprechen werden, auf eine einzige dem Königtume gegebene Lehre hin diese Idee der vol1sten Aufnahme Preußens in die deutsche Sache zerschlagen. Welchen Ersatz wollt Ihr in Heidelberg und Mannheim bieten? Es ist sehr leicht, in tausendfacher Anzahl Versammlungen ausschreiben, sich in Drohungen und Verwünschungen ergehen, Lieder singen usw., aber die nüchterne Erwägung der Tatsachen sollte Euch zwingen, Euren Unmut zu beherrschen und über die Personen nicht die Sache zu verlieren!

Isoliert man Preußen, isoliert man die Empfindung seines jetzt sich zwar konstitutionell bindenden Königs, dessen Persönlichkeit indessen nicht so nach Gefallen zu beseitigen ist, so könnte der deutschen Wiedergeburt eine große Gefahr erwachsen. Der Provinzialgeist reagiert jetzt gegen die Hauptstadt Preußens, pommersche und uckermärkische Bayards wiegeln die unzurechnungsfähige altfränkische Loyalität der Bauern und den Ärger des Adels auf, das Heer ist verstimmt, viele seiner Führer sind geradezu verdächtig, die ganze Maschine der Verwaltung läuft noch in den alten Wellen und Rädern, Polen hofft auf friedliche, unblutige Wiederherstellung und läßt im Adressenrauschen und Fraternitätspredigen vielleicht den Moment der Tat vorübergehen, Rußland, das gerüstete, einige, feste weiß, was es will, es trifft, ungehindert von Polen, Preußen unvorbereitet, uneins, zögernd, den König verstimmt, abgekühlt durch Eure Proteste, der Strom von Osten flutet heran ... und was dann? Süd- und Westdeutschland haben nur noch eine Einigkeit auf dem Papier und die Erinnerungen an die militärische Kraft des Reiches sind eben nicht erhebender und vertrauenerweckender Art.

Preußens historische Bestimmung ist die des Werdens, des Fließens, Wallens, sich Gestaltens und Ausdehnens. Deutschland, Preußen in sich aufnehmend, wird allein stark sein. Was weist Ihr Preußen zurück? Ist es nicht ein neues, das sich mit Euch verschmelzen will? Habt Ihr noch Mißtrauen in das von Euch bespöttelte Berlin, dem Ihr in diesem Augenblick allein den kräftigsten Beweis einer in Deutschland doch möglichen Auflehnung gegen Übergriffe und Anmaßungen der Gewalt verdankt? Berlin hat sich nicht nur durch seinen persönlichen Mut zur geistigen Hauptstadt Deutschlands gemacht, sondern auch durch die Fülle von Fragen, die sich in politischer und sozialer Rücksicht hier allein aufgeworfen haben. Man kam fast nirgends über die patriotischen und liberalen Abstraktionen hinaus, in Berlin lodert es radikal vom Herd des Volkes auf.

Nenn' ich die Isolierung Preußens in diesem Augenblicke unpolitisch, so ist sie auch ungerecht und zwar in doppelter Hinsicht. Ungerecht gegen das preußische Volk, ungerecht sogar gegen den Fürsten. Was am 18. März verbrochen wurde, ist das Verbrechen aller deutschen Fürsten. In Wien ist auf das Volk geschossen worden wie in Berlin, und das Blutbad würde ebenso groß geworden sein wie hier, wenn man dort nicht sogleich in der Absetzung Metternichs eine rasch ausführbare Konzession gehabt hätte. Metternich stand schon so schwankend, daß er durch eine Straßenbewegung fiel. In Berlin war der Kampf rein eine Schlacht, die man dem Militär als solchem lieferte, dem Militärstaat, dem Land der Polizeityrannei, kurz, es war ein fast persönlicher Vernichtungskampf. Jeder deutsche Fürst, umgeben von solchen Generälen, solchen militärisch gesinnten Prinzen, solchen militärischen jahrhundertalten Arroganzen, hätte ebenfalls feuern lassen. Der König braucht darum gar nicht persönlich der "Würger" und Schlächter zu sein, für den ihn die Heidelberger Adresse erklärt. Er ist ganz einfach der Ausdruck seiner Standesvorurteile, seiner militärischen Erziehung, das Echo seiner Ratgeber, das weiche Wachs seiner Brüder und sogenannten Jugendfreunde, der Frömmlinge, der Volksverächter jeden Grades. Rechnet man noch hinzu, wieviel Unruhe und Unselbständigkeit er in sich selbst besitzt in dem Gefühl seiner nunmehr achtjährigen widerspruchsvollen Regierung, wo ihn, den romantisch gestimmten Epigonen vergangener Zeitrichtungen, der Sturmwind des Tages ewig im Kreise umherwirbelte und er bei dem unleugbaren Willen, gut, gerecht, weise, edel sein zu wollen, und dem Bewußtsein, gut, gerecht, weise, edel sich selbst zu erscheinen, doch der Welt gegenüber immer als das Gegenteil davon hervortrat: so ist es im höchsten Grade ungerecht, die völlige Umkehr und neue Geburt, zu der er am 20. März die Lust bezeugte, das Emporhalten des Reichsbanners und den Enthusiasmus eines neuen ihn innerlichst ergreifenden Menschen abzuweisen und seine warme Hingabe an die deutsche Sache zu erkälten. Noch bedürfen wir, um das, was in Frankfurt bezweckt wird, auszuführen, der Persönlichkeit unserer Fürsten. Noch kann die Reue, das Bedürfnis nach Popularität, der geweckte Enthusiasmus des preußischen Königs in die Waagschale der Frankfurter Entschlüsse das Gewicht der Entscheidung legen; warum festhalten an dem, was am 19. in Berlin geschah und wie es in München, Kassel, Karlsruhe, Hannover geschehen sein würde, wenn nicht das Volk gleich anfangs eine kräftige Miene gezeigt hätte! Mit Worten ist in Städten, die ich nicht nennen will, von unseren Fürsten mehr gemordet worden, als hier in Berlin mit Waffen.

Deutschlands Wiedergeburt unter dem preußischen Banner ist, so lange wir in der konstitutionellen Monarchie uns bewegen wollen, die einzige kraftvolle und Zukunft versprechende Lösung des Augenblicks. Wollt Ihr die Einigung Deutschlands in wahrer Vollendung, so könnt Ihr nur den Mächtigsten an die Spitze stellen und das, was Ihr an seiner Person vermissen wollt, durch den Genius seines Volks ersetzen!

Dringen diese Ansichten nicht durch, scheitern sie an einer unüberwindlichen persönlichen Abneigung, so treten folgende Fälle ein: Erstens werden wir um die Rußland in Schach haltende polnische Insurrektion betrogen, da ein unter den Auspizien des Panslawismus friedlich geschaffenes Königreich Polen leicht mit dem Zaren friedlich sich abfinden dürfte. Zweitens hätten wir die russische Invasion, die ein innerlich zerworfenes, militärisch unorganisiertes Deutschland, ein für den Augenblick an sich selbst irrgewordenes Preußen vorfände. Drittens endlich, wer schützt uns--vor Verrat, vor einer tief angelegten, grauenerregenden.... Intrige? All' diese Lose schlummern im Schoß der nächsten Zukunft, wenn Süddeutschland in seinen Ablehnungen und Protesten so fortfährt, wie es begonnen, es sei denn, daß der König von Preußen, der großen Mission seines Volkes sich unterordnend, den Wink verstände, den ihm Gervinus im neuesten Bulletin der "Deutschen Zeitung" gegeben hat.

Abwehr einer Verleumdung (1850)

In N°. 43 dieser Zeitung sagt ein Anonymus, dem die Redaktion sogar die Ehre erweist, seine bösen Verdächtigungen in den Großdruck des politischen Textes aufzunehmen, der Unterzeichnete könnte schon deshalb als "technischer Direktor" des K. Hoftheaters nicht berufen werden, weil--ihm etwa die nötigen dramaturgischen Kenntnisse mangelten? Nein. Oder weil von ihm bekannt wäre, daß er zwar kein republikanischer, aber doch sonst ein gar schlimmer und bedenklicher Autor wäre? Auch das nicht! Nun, warum denn sonst nicht? Er hat etwas viel, viel Ärgeres begangen. Er wäre im Jahre 1848 von Dresden ganz besonders zu den "Märzereignissen" herübergekommen. Zwar setzt der wohlwollende "Zuschauer" schüchtern hinzu: "Wie es scheint." Verzwicktes "wie es scheint"! Warum nicht sogleich dreister? Warum nicht sogleich geradezu gesagt, ich hätte Barrikaden befehligt?

Im Mai 1849 hab' ich in Dresden, wohin ich nicht erst zu reisen brauchte, wirklich eine Barrikade bauen sollen. Fünf Männer in Sensen hielten mir Steine entgegen und wollten mich zwingen, Hand anzulegen. Laßt mich! Ich bin kein Baumeister! mußt' ich ihnen sagen. Es half nichts: "die Sense sollte michs schon lehren!" Erst als ich etwas unsanft sagte: Leute, ich habe für die deutsche Einheit mehr mit dem Wort getan, als ich hier mit Steinen tun kann! ließ mich die damals souveräne Insurrektion meines Weges ziehen. Freilich! Warum saß ich nicht, wird mein "Zuschauer" fragen, auch hier versteckt in irgendeinem Keller? Warum war ich an jenem Märzsonntage 1848 vor dem Schlosse in Berlin und sah mir dies Wogen und Wüten einer ungebundenen Menschenmasse an? Der schlimme "Zuschauer" sagt, Herr Polizeipräsident v. Minutoli müßte darüber auch noch erst Bericht erstatten. Niemand kann im geschichtlichen Interesse mehr wünschen als ich, daß der freundliche und um den milderen Verlauf jener Tage vielfach verdiente Herr v. Minutoli seine damaligen Erlebnisse erzählte. Aber ich wünschte doch, Felix Lichnowski lebte noch und bestätigte mir's, daß er mich aufforderte: "Freund, Sie müssen reden! Sie müssen! Ich lasse Sie nicht!" "Worüber?" "Über was Sie wollen! Ich bin heiser, ich kann nicht mehr! Nur reden, nur beruhigen!--Nun denn, sagt' ich, ich habe in jenem patriotischen, angeborenen, mark-brandenburgischen, vaterstädtischen Drange, von dem man damals noch nicht ahnte, daß man ihn später für revolutionären Fürwitz erklären könnte, das Wort des Königs: Kommt und ratet mir! so aufgefaßt, daß ich ihm einen Brief übergeben ließ, worin ich ihn bat, in die aufgelöste Ordnung irgendeinen, die Massen nur legal zusammenziehenden, die Gemüter zerstreuenden neuen Gedanken zu werfen, am liebsten den der Bürgerbewaffnung! "Sprechen Sie darüber! Sogleich! Hier! Heran! Ich lasse Sie nicht mehr fort!" Ich sprach, und die Massen, die zu allen Konzessionen, die sie kaum verstanden, noch etwas Neues, Handgreifliches, leicht Verständliches hinzuempfingen, zerstreuten sich. Es ist bekannt, daß der König denen gedankt hat, die an jenem Sonntagmorgen zum Schlosse hielten. Freilich, sehr exaltiert, sich ohne Portefeuille für einen Politiker zu halten! Sehr exaltiert, nicht wie jener Feigling im "reisenden Studenten" in den Mehlkasten zu springen und zu rufen: Brennt's noch? Wer damals in den Mehlkasten sprang, der kam freilich für immer sehr weiß heraus.

Einige Tage gärte das, alle ergreifend, noch so fort. Und wenn mein "Zuschauer" sagt: Vor dem 18. März schon hätt' ich "Tätigkeit entwickelt", so will ich ihm sagen, was ich vor und nach dem 18. März für "Tätigkeit entwickelte." Am 6. kam ich mit Weib und Kind nach Berlin, um meinen Urlaub dort zu verleben. Von da bis zum 18. schrieb ich im Hotel de Russie mein Schauspiel: Ottfried. Und vom 22. März bis 22. April, also während der vollen Blüte der Revolution, saß ich am Krankenbette eines Kindes, am Sterbebette einer Frau. O Du leidiger "Zuschauer"! Ich beantworte Deine böse Anklage so ausführlich nicht wegen des "technischen Direktors" (der nicht mir, nur jener Anstalt fehlt), sondern deshalb, weil diese in Berlin eingerissene Enthüllungssprache, dies mystische: Der war gestern in der und der Straße! Man hat ihn da und dort mit dem und dem verkehren sehen usw. eine wahre Schmach unserer Zeit ist und an die trübsten Tage römischer Delatorenwirtschaft erinnert.

Wenn man von mir sagt, daß ich bei dem mir mannigfach eingeräumten Berufe, für die deutsche Schaubühne theoretisch und praktisch zu wirken und an jedem Hoftheater die ästhetische Initiative ergreifen zu können, doch immer noch so "taktlos" bin, in politischen Dingen mehr links als rechts zu stehen, so kann ich mich dagegen nicht verteidigen und werd' es nicht. Aber den Vorwurf, daß ich in meinem Leben je gewühlt, agitiert oder konspiriert hätte, weis' ich mit Verachtung zurück.

Dresden, 23. Februar 1850.

Dr. Karl Gutzkow

Varnhagens Tagebücher (1861)

Wir mögen nicht das Schlimme wiederholen, das sich schon reichlich in manchen Blättern über Ludmilla Assings neue Mitteilungen aus dem Nachlaß ihres Oheims (zwei Bände, Leipzig, F. A. Brockhaus, 1861) gesagt findet. Die Ausdrücke der Anfeindung und Verachtung kommen meist aus der Region, wo man sich durch die guten Seiten dieser Tagebuchnotizen getroffen fühlt.

Wer die Zeit von 1835-43 (dies die Jahre, die die vorliegenden zwei ersten Bände treffen) mit all dem Unmut und dem Druck persönlichster Benachteiligung durchlebt hat, dem Varnhagen in seinen Aufzeichnungen Worte leiht, der entschuldigt das meiste von dem, was andere hier verurteilen wollen. Ihm bleibt es eine Erquickung, noch einmal bis in die kleinsten Details jenen traurigen Zeiten der Verfolgung und endlich zu Fall gekommenen Tyrannei nachzuleben. Ihm gewährt es einen hohen Genuß, sich sagen zu können: An alledem warst auch du mit den tiefsten Atemzügen deines Lebens beteiligt, fühltest dieselben Gewaltschläge der Schergen, hofftest auf dieselben Sonnenblicke der bessern Zeit! Bis ins einzelnste lebt sich ein älteres Geschlecht in diesen Varnhagenschen Mitteilungen noch einmal wieder sein eigenes Leben durch.

Und auch das ist eine der guten Seiten dieser Veröffentlichungen, sie lehren Hingebung an Zeit und Menschen, Verehrung und Pietät vor der gemessenen Stunde, auch vor fremder Bildung, fremdem Lebensschicksal und vollends vor dem eigenen, soweit wir nur zu oft geneigt sind, immer nur in hastiger Erwartung des Zukünftigen unsere Befriedigung zu finden. Je massenhafter die Zeit ihre Strebungen ansetzt, je verallgemeinerter die Wirkungen des Zeitgeistes sind, desto erhebender diese Beachtung des Einzellebens, diese sinnige Beobachtung des Individuellen und Persönlichen. Letztere Beobachtung ist bei Varnhagen nicht ganz von der Neugier, noch weniger lediglich vom Gefallen an dem medisanten Geflüster der Göttin Fama eingegeben; sie entspringt aus einem Persönlichkeitskultus, den wir nicht verwerfen oder um seiner etwaigen Abnormitäten willen verurteilen wollen.

Welche Fülle von interessanten Mitteilungen diese beiden Bände enthalten, ist in allen Zeitungen schon gesagt worden. Wir können allerdings den verstehen, der die Möglichkeit, solche Tagebücher zu führen, in mehr bedenklichen als guten Charaktereigentümlichkeiten finden will; das vor uns liegende Endergebnis solcher Art oder Unart ist jedoch lehrreich und nützlich. So viel läßt sich bei jedem einigermaßen Urteilsfähigen voraussetzen, daß ihm nicht jede dieser flüchtig hingeworfenen Äußerungen maßgebend sein wird--es kann in ihnen getadelt werden, was vielleicht alles Lobes wert ist--aber luftreinigend wirken diese Explosionen; Behutsamkeit werden sie nach allen Seiten hin verbreiten. Wie gut tut es nur allein schon den Hochgestellten und Mächtigen, daß sie überall sich eingestehen müssen: Hier ist zwar nicht durch Anschlag vor Fußangeln gewarnt, aber hüte dich bei jedem Schritt, unvorsichtig und unbedacht zu sein!

Auch darin müssen wir eine höchst interessante Wirkung dieser Veröffentlichungen sehen, daß wir die außerordentliche und fast unglaublich scheinende (Natürlichkeit) kennenlernen, die in gewissen höhern Regionen waltet. Möglich, daß zwei Dritteile dieser hier vom Hofe, den Prinzen, den Staatsmännern Preußens aus den oben genannten Jahren mitgeteilten Anekdoten unrichtig erzählt oder leere Erfindungen des Gerüchts sind; dennoch bleibt immer noch genug zurück, um uns ein Bild dieser steten Agitation zu geben, die um die hervorragenden Erscheinungen der Erdenmacht sich auf- und abbewegt. So stürmt der Zugwind am meisten um große, alleinstehende Kirchen und läßt schon in der Legende den Teufel da sein lustigstes Spiel treiben. Varnhagen hat Fürsten und Regierende genug selbst gesprochen, teilt Äußerungen von erlauchten Lippen genug selbst mit, die sein eigenes Ohr vernommen, um die Vorstellung zu erwecken: So also beängstigt euch Herrschende doch die Zeit und die tausendfache Verpflichtung, die gerade euch stets mahnend zur Seite steht! So jagen euch die unfertigen Gestaltungen dieser irdischen Welt hin und her; so bringt der Vorwitz und die Torheit und welche Leidenschaft der Menschen nicht--! unablässig Wirkungen hervor, deren Ursachen wir Fernstehenden kaum ahnten! In den Zeitungen stand das alles so kalt und so abgeschlossen fertig da, was sich hier hinter den Kulissen so heiß siedend und wallend erst formte, so unfertig, so nur wie vorläufig! Diese Hände konnten mächtige Fahrzeuge zimmern und doch nicht dem Sturm und den Wellen gebieten! Wir haben seit langem nicht so auf den Sieg des Wahren und Gerechten vertraut wie nach der Lektüre dieser Tagebuchmitteilungen, die uns die Gewalthaber der Erde als ebenso hilfsbedürftige Menschen schildern, wie wir selbst sind.

Vorläufiger Abschluß der Varnhagenschen Tagebücher (1862)

Es würde überflüssig sein, das Erstaunen und die mannigfachen Bedenken über die Existenz und die frühzeitige Herausgabe der Varnhagenschen Tagebücher zu wiederholen. Ihr öffentliches Vorhandensein ist nun einmal ein Begegnis wie ein Naturphänomen, das sich aller Berechnung entzieht. Selbst eine Anklage und vor allem die gerichtliche Verfolgung erscheint uns im vorliegenden Falle wenig angebracht, da man nur einfach zugeben sollte, daß es sich hier um ein literarhistorisches Ereignis, ein psychologisches Rätsel, um eine in dem Leben eines ausgezeichneten Mannes uns bis jetzt noch unvermittelt erscheinende Anomalie handelt. Die Entwaffnung dessen, der durchaus entrüstet sein und bleiben will, sollte in den Vorzügen des Schriftstellers selbst liegen, der uns so lange Jahre hindurch ein Muster der Mäßigung und des Strebens nach dem Kerngehalt der Zeit und Welt erschien. Ihn jetzt plötzlich so ganz abirren zu sehen von derjenigen Bahn, in welcher von ihm so viel Bedeutendes und Bleibendes geleistet worden ist, das ist eine Erscheinung von so fragwürdiger Seltsamkeit, daß sie uns nur psychologisch, biographisch, zeitgeschicht- lich beschäftigen, am wenigsten Anlaß geben sollte, die Herausgabe des Buches zu einem Vergehen zu stempeln. Selbst noch das Irrgewordensein eines bedeutenden Mannes kann ein Schauspiel bieten, das interessant und lehrreich ist.