Berels Berta: Eine Bauerngeschichte aus dem Luxemburgischen

Part 5

Chapter 53,799 wordsPublic domain

„~Wât praktesch aß, aß och ömmer schéin~,“ sagte das Mädchen mit freundlicher, heller Stimme.

„~Mèngt der, Joffer!~“ Ich lächelte und wollte mich verabschieden.

Ob ich noch einen Augenblick Zeit hätte, bat der Fremde. Er möchte mich noch einiges fragen.

„~Wann ech éch en Déngst lêschte kann, dann huôlen ech mer Zeit.~“

„~Dât aß schién vun éch.~“

Er erkundigte sich über die Anlage unserer Viehweide, über die Grasmischung, die Wasserversorgung, die Kosten....

Das blonde Mädchen interessierte sich sehr für alles, was ich sagte.

„~Ketty, dât häst du misse gesinn~,“ unterbrach er meine Erklärungen.

Also ~Ketty~ hieß sie. Und sie war etwas hellblonder als ~Mäsch Sisi~.

Wir sprachen weiter über die Viehweiden.

Ich zeichnete die Einteilung der Weideflächen und die Anlage der Wasserzufuhr mit dem Stocke in den Schnee. Ganz gespannt folgte die ~Joffer Ketty~ meinen Worten.

„~A wât der Deiwel mâcht der do?~“ Hinter uns stand der Oheim.

Er trat heran. „~Da sed dir och op de Mârt kommt, Här Hallesch?~.... ~An hei aß secher èr Joffer~?“

Herr ~Hallesch~ nickte: „~Meija~“.

„~Ei, wé groûß an dichteg! Wann der esoû daks an Stâd kémt, Joffer, wé ère Papp, dann hätt ech éch well mé lâng kannt.~“

Ein bescheidenes Lächeln huschte über ihr rosiges Gesicht.

„~Ère Papp an ech, mir kennen eis schon lâng. Mir gesinn eis daks op der Bourse. Mir hun schon oft e klenge Fruchthandel mat enên gemâcht~.... ~Den Här Hallesch~,“ dabei wandte er sich an mich, „~dén hoût éng gutt Millen un der Syr. An och nach en dichtegt Bauerewésen derbei. Jämp~,“ er klopfte mir auf die Schulter, „~bei dém kannst du nach eppes léeren~.“

Der Halleschmüller winkte ab..... „~Mä~..... ~dé jongen Här~....“

„~D’aß mei Növi~,“ fiel der Oheim ins Gespräch.

„.... ~Mä ére Növi hoût séng Sâch séer fein âgerîcht. Ech sin elo bei him an der Schoûl.~“

„~Nên, Här Hallesch. Ech biéden éch!~“....

Wieder blickte das Mädchen mich treuherzig an.

Der Oheim begann zu trippeln. „~Hei gin et kâl Féß. Loß e mer bis bei de Brosius go’en.~“

Herr ~Hallesch~ ging mit meinem Oheim voraus.

~Ketty~ war etwas befangen. Sie hustete verlegen, begann gleich ein ernstes Gespräch, und erkundigte sich nach unserer Jungviehweide. Mit welchem Alter wir die Tiere hinausließen? Was wir neben der Weide fütterten? Das alles fragte sie mit dem Interesse der sorgsamen Hausmutter.

Die beiden Alten blieben bisweilen einen Augenblick stehen, streckten die Köpfe zusammen und schienen wichtige Sachen zu besprechen.

Im ~Hôtel Brosius~ bestellte der Oheim drei ~Mißerchen~ Wein und für die ~Joffer Ketty~ ein Gläschen ~Porto~.

Die Stimmung war gemütlich. Der Halleschmüller fragte noch nach der Windmotoreinrichtung, fand die Anlage sehr zweckmäßig und lobte mein neuzeitliches Bestreben.

Als wir uns trennten, schüttelte er mir treuherzig die Hand. „~Dajé, eddé, mir gesinn eis vleicht nach derno!~“

„~Eddé, Här Welsch!~“ Mehr sagte die ~Joffer Ketty~ nicht. In ihren blauen Augen stand Güte und Milde.

Wir gingen die Philippstraße hinauf.

„~A wé aß et dann mat der Freierei?~“ leitete der Oheim unvermittelt das Gespräch ein.

Er blickte mich prüfend an.

„~Wé soll et da sin? Ech hun d’Berta net gesinn. D’aß net hei.~“

„~Soû!~“

Der Oheim beobachtete mich eine Weile von der Seite.

„~Muß et da grad d’Berta sin? D’get jo nach vill Médercher.~“

Ich schüttelte den Kopf. „~Wé d’Berta? Nên!~.... ~Dé se râr.~“

„~Dât méngst dû. Ech wês en ânert gutt Médchen fir dech.~“

Der Oheim hatte die Pfeife ausgeraucht und schob sie vorsichtig in die Tasche.

„~A propos! Éh ech dir vun dém schwätzen, wât méngst dû vun dem âle Halleschmöller?~“

Er zeigte mit dem Arm hinüber nach der Maria-Theresienstraße, wo die Beiden sich von uns getrennt hatten.

„~Po! En dichtege Bauer~.... ~En helle Kapp~....“

Er blickte mich lächelnd an.

„~An d’Médchen?~“....

„~Net iwel. D’schéngt dem Alen nogeschl’n ze sin.~“

Der Oheim schmunzelte. „~Gêlt, dât gefällt dir!~“ Er winkte gewichtig mit dem Kopfe.

„~Wofir soll et mir net gefâlen? Wât héscht gefâlen? D’aß en dichtegt Médchen; dât aß alles.~“

Er schaute mich groß, fragend an. „~Dât wär alles, méngst dû?~“ Er sprach die einzelnen Worte in lang gezogenem Tone. „~Nên, dât aß nach lang net alles. An ech hoffen, dat dé Joffer ê guden Dâch d’Madam Welsch get.~“ Er bog dabei den Kopf weit zurück.

„~Madam Welsch!~“

„~Jô, jô, d’gêht an d’Rei.~“

„~Mononk!~....“

„~Jô, Jämpi. Den Hallesch hoût mat mir iwer dech geschwât.~“

„~Iwer mech geschwât?~“

„~Jô. An doûfir wor hièn och firun zwoû Wochen bei dech kucken komm.~“

Ich starrte ihn sprachlos an.

Also darum! Also darum war der alte Halleschmüller als Pferdehändler zu mir gekommen.... Darum hatte er alles so lang gemustert.... Darum hatte er sich mit meinem Vater so vertraulich ins Gespräch eingelassen.... Also darum....

Das war eine Ueberrumplung, dieser Heiratsantrag. Ich fühlte mich beklommen, wie nach einem bösen Traume.

„~Dajé, wât sèst du derzoû?~“

„~Net vill, Mononk~.... ~Ech méngen~...“

„~Wât méngs du?~“

„~Ech méngen, den âlen Hallesch hät mech am Berelshaus ugeschwärzt.... oder hién hät dé dreckeg Arbecht durch en ânere mâche lôssen.~“

„~Jämp, sef net esoû éfälleg. D’aß ê ganz dichtegt Médchen. An d’aß och éng gutt Partie. Nach vill besser wé a Berels, loß der dât gesot sin. An d’aß och éng gesond Familgen.~“

Langsam schritten wir die Philippstraße hinauf. Ein schwerer Bierwagen kam rasselnd in vollem Galopp herunter.

„~Zwê guder Pèrd~,“ bemerkte der Oheim.

Ich nickte und schaute zerstreut dem rollenden Wagen nach.

„~A nach eppes. D’aß en Haus, dât dir gefällt. E neimoûdeschen, dichtege Betrieb. A wé de Papp, esoû sin d’Kanner. An d’sin der nömmen drei, zwê Médercher an e Jong. De Jong aß âbestuôd. An d’Ketty aß dât zwêt. D’huôt 23 Johr. An d’kret och vill mat~....“

Ich war verstimmt. Und ich blieb dabei, daß dieser Mann mich bei den Berelsleuten hereingelegt hatte.

Einer hatte mich dort aus dem Sattel geworfen. Das war klar. Sonst hätte der Berelsvater nicht so plötzlich abgebrochen. Wer konnte es gewesen sein? Jedenfalls einer, der Nutzen daran hatte. Das konnte nur der Hallesch sein. Darum wollte ich nichts von dieser Heiratsgeschichte wissen....

Der Oheim suchte mich zu beruhigen.

„~Dajé, bis de Mötteg beim „Wintersdorf“, daß ewell élef Auer. Ech hun nach eppes Geschäften.~“

Er reichte mir die Hand. „~Bis éng Auer, da schwetze mer weider.~“

„~Eddi!~“

Langsam ging ich die Neutorstraße hinauf.

Handelsleute kamen in eiligem, geschäftigem Schritte vorbei. Ich achtete nicht auf sie.

Wie doch die Zeiten ändern! Vor einem Monate erst war ich hier mit ~Berta~ gegangen. Nichts in der Welt würde uns trennen. So hatten wir uns damals versprochen. Und schon heute kommt eine andere und will ~Berta~ verdrängen, will sie ausschalten, will sich an ihre Stelle setzen. Ich stieß den Stock fest, unwillig auf das Pflaster. Nein, das darf nicht sein. Ich kann ~Berta~ nicht lassen, kann nicht. Und wenn ich auch ein ganzes Jahr warten müßte.

Endlich jemand, mit dem ich mich aussprechen konnte.

Auf dem Glacis traf ich den Eidam. Auch er freute sich über das Wiedersehen.

„~Kommt, loße mer go’n, woû mir e Wûrt elèng schwätze können.~“ Wir drängten uns an den vielen Leuten, Karren und Teimern vorbei und gingen hinüber in den Park.

„~Wé aß et? Wât mecht d’Berta?~“

Er blickte mich traurig an. „~Wât soll et machen? D’kreischt sech hallef blann.~“

Ich hustete kurz, erregt.

Langsam gingen wir über den einsamen, stillen Weg. Alles, was der Eidam sagte, drückte schwer auf meine leidende Seele.

„~Dann aß d’Berta esoû onglécklech!~“ Ich atmete beklommen.

Er nickte. „~A seng Mamm leid och vill.~“

Drüben auf der Neutorstraße spielte wieder die Drehorgel wie damals:

„Jeder Druck der Hände deutlich mir’s beschrieb, Und der sagt, s’ist wahr, s’ist wahr, ich hab Dich lieb!“

Verwirrt schaute ich an ~Holmers~ Schulter vorbei hinüber nach der Straße. Und meine Gedanken flogen mit den Tönen fort, weit fort....

„~Zönter dèr Zeit aß eist Haus wé op d’Kopp gekéert~,“ unterbrach ~Holmer~ meine Träumerei.

Ich fuhr mit der Hand übers Gesicht, als wollte ich traurige Gedanken wegwischen, und blickte ihn zerstreut an.

„~Soll dann neischt mé ze mâchen sinn?~“

~Holmer~ schüttelte den Kopf. In seinen Augen las ich Trauer und Teilnahme an meinem Kummer.

„~Schwéerlech!~“

Langsam gingen wir zwischen den kahlen Bäumen weiter.

~Holmer~ fuchtelte nachlässig mit dem Stocke durch den Schnee. „~D’wor alles esoû fein. Dir hât dem Berta gleich esoû gutt gefall. An der Mamm och~.... ~Awer~....“

Er vollendete den Satz nicht. Und er fuchtelte zerstreut mit dem Stock weiter, als wollte er den halbausgesprochenen Gedanken abhauen.

„~Jo, awer?~“ fragte ich erregt.

„.... ~awer d’aß neischt ze mâchen. Mei Schwéerpapp aß ganz dergént. Dém aß neischt auszechwätzen.~“

Fröstelnd lief es mir über den Rücken. Ich fühlte mich bedrückt, beklommen. Und eine plötzliche Erregung, die vom Herzen, von der Brust ausging, trieb mir den Schweiß auf die Stirne.

„~Neischt?~“ Eine unendliche Trauer lag in meiner Frage.

~Holmer~ schüttelte wieder den Kopf. „~Nê, Frönd, neischt!~“ Und er erzählte mir, wie sich der Schwiegervater in der letzten Zeit geändert hatte. Sonst hätte er nie ein Glas zu viel getrunken. Aber seit dem letzten Markttage wäre er schon öfters betrunken und schlechter Laune nach Hause gekommen. Dann hätte er in einem fort wegen dieser Freierei geschimpft. Und über alle wäre er hergefallen, und ~Berta~ hätte es kaum im Hause aushalten können. Meistens wäre sie fortgeschlichen und hätte sich dann heimlich ausgeweint.

„~Dât âremt Kand!~“ Mir war das Herz wie zugeschnürt.

Eine Weile gingen wir schweigsam neben einander.

„~Soll vleicht ê mech ugeschwärtzt hun?~“

~Holmer~ runzelte die Stirne: „~D’aß méglech!~“

Eine lange Pause folgte. Ich strich mit der Hand über die feuchte Stirne.

„~Soll den Halleschmöller mech vleicht ugeschwärzt hun?~“

~Holmer~ verneinte dies.

Dann erzählte ich von meiner Begegnung mit dem Halleschmüller und seiner Tochter.

~Holmer~ lauschte ruhig. „~Nên~,“ fügte er hinzu, „~dât sen gutt Leit. An Hallesch Ketty aß och e séer gutt Médchen~....“

Wieder stockte das Gespräch.

„~Nên, d’Halleschleit sin éerlech a brav. Dé hun net gestöppelt. Awer t’könt an de lèschte Wochen e jonge Borscht aus der Stâd. Dén hoût mei Schwéerpapp gestöppelt. Hé wèrd schons um Hypothékenamt an nach soss nogefrot hun, wé et bei eis mam Mommes stêt. Dé wöllt ech d’Berta wegschwätzen, an~....“

„~Dén niderträchtegen Kérel!~“

„.... ~an dén wöllt sech nach iwert èrt Bauerewésen an èr Wandmillen löschteg mâchen.~“

„~Dén niderträchtegen Hond! Mä dé kritt et awer sénger Léwen net!~“ Ich fuhr mit dem Arm durch die Luft, als wollte ich zwischen dem und mir eine große Scheidewand aufrichten.

„~Nên, hién kritt et net. Duôfir suôrgt séng Mamm. An d’Berta wöllt dé Wandjang och nie!~“

Ich atmete etwas erleichtert auf.

~Hollmer~ wollte sich verabschieden.

„~Hoûlt dem Berta a sénger Mamm e schéne Bonjour mat. A sot hinnen, ech bléf him trei. An ech géf nach e ganzt Johr wârden, wann et mißt sin.~“

Der Eidam drückte mir die Hand. „~Frönd, wann d’Berta nach e Johr esoû eng Hell wé elo bei séngem Papp aushâlen muß, dann drôen mer et op de Kîrféch.~“

Drüben in der Straße spielte der Orgelmann eine kummervolle Weise.

Ich war müde. Und ich spürte ein Stechen in den Hüften, wie nach einem langen, arbeitsschweren Tage.

Ein starker Wind wehte herüber, riß die Töne mit sich fort und trug sie in die leeren Baumkronen. Und die Bäume wiegten sich traurig hin und her und klagten leise.

Ein Schneeschauer ging über den Park. Wie kleine, weiße Schmetterlinge tanzten die Flocken um die stillen Bäume und sanken tot zur Erde.

Langsam ging ich hinunter zum „~Wintersdorf~“. Allerlei Gedanken stürmten auf mich ein, gingen wirr durcheinander wie die Schneeflocken, blieben unklar und erstarben.

Ich fand den Oheim allein an einem Tische über eine Zeitung gebückt.

Er legte das Blatt bei Seite und rückte mir einen Stuhl zurecht.

„~Komm, setz dech!~... ~Hoûs du der d’Sâch iwerluôgt?~“

Und gleich redete er von der ausgezeichneten Partie, von den tüchtigen Halleschleuten und dem guten Mädchen. Dabei blieb er ganz ruhig und sprach nur halblaut, wie zu sich selbst, ohne die Pfeife aus dem Munde zu nehmen.

Ich zuckte die Achseln. „~Ech kann dem Berta dât net undin!~“

Er schüttelte den Kopf und blickte mich aus den dunkeln Augen scharf an.

„~Jämp, sef dach kê Kand!~“

Eine Weile saßen wir still da.

Ich spürte in mir den Groll sich häufen. Der wuchs, drückte auf mich, schnürte mir die Brust zu. Das alles mußte heraus, mußte gesagt sein, mußte sich Luft machen.

„~Dir hât mir net alles gesot. An d’Berta aß ganz froû mat mir. An dé verfluchte Wandjang soll et net onglécklech mâchen!~....“

Ich sprach erregt, in hastigen Worten. Und ich hämmerte dabei mit dem Bierfilz auf den Tisch.

Der Oheim sammelte die Reste, schob sie in die Ecke, legte mir sanft die Hand auf den Arm und fragte mit dünner, ruhiger Stimme: „~Hâs du den Édem haut begént?~“

Ich erzählte weiter.

Er ließ mich ruhig ausreden. Gleichgültig zog er an der Pfeife. Wenn er antwortete, sprach er langsam, mit schleppender, kaum verständlicher Stimme. Er zeigte gar kein Verständnis für meine Aufregung.

Das ärgerte mich. Das Blut stieg mir immer mehr zu Kopfe. Die Schläfen hämmerten.

Ich wurde verbissener, trotziger: „~Ech hun dem Édem versprach, dem Berta trei ze bleiwen. An duôrfir wöll ech neischt vun der âner Geschicht wössen! Verstit der, Mononk~ .... ~Duôrfir!~....“

Er drehte ein paar Mal verlegen an seinem Glase: „~Prost, komm loße mer Mötteg mâchen!~“ Wir tranken aus und gingen hinüber in den Speisesaal.

Im Eßzimmer war es ungemütlich. Zu viele Leute saßen da. Wir konnten unser Gespräch nicht recht fortsetzen.

Am liebsten wäre ich wieder allein durch den Park gegangen und hätte über all das nachgedacht, was der Eidam mir gesagt hatte.

Ich war froh, als wir die drei Gänge hinter uns hatten. Ich wollte zahlen und mich sofort verabschieden.

Das ließ der Oheim nicht zu.

„~Jé, jé!~“ Dabei klopfte er mir väterlich auf die Schulter, „~elo gin mer do iwer de Caffé drénken!~“ Und vertraulich setzte er hinzu: „~Mir hun nach eppes ze bespréchen.~“ Er lächelte und blinzelte mit dem einen Auge: „~Eppes ganz Wichtiges.~“

Ich ließ mich bereden. Wir setzten uns in die untere Ecke des Saales.

„~Du râchs jo och en Zigar?~“ Er winkte dem Serviermädchen.

Ich suchte eine Zigarre aus, schnitt sie ab und legte sie neben mich auf den Tisch.

„~Hei, fänk un!~“ Er zündete ein Streichholz an und reichte mir es herüber.

Ich ließ die Zigarre anbrennen und prüfte das Aroma.

„~Gelt, daß e guden Zigar?~“

Ich nickte. „~Jô, Mononk, net ze stârk a gutt dréchen~.“

„~Mäja. Desen Dâg verdrét eppes Besseres~!“ Er machte eine kleine Pause, rührte mit dem Löffel im Kaffee und nippte ein wenig an der Tasse: „~D’aß méglech, dat den Halleschmöller mat der Joffer nach bis erân kommen. Setz déng Sondeskuk op. A sef e bößchen fröndlech!~“

Ich war ganz erstaunt. Die Zigarre zitterte ein wenig in meiner Hand. Eine Blutwelle schoß mir ins Gesicht. „~Dât aß en ofgemâcht Spîll!~“ sagte ich hastig, gereizt.

Der Oheim schüttelte verneinend den Kopf, lächelte sein gewohntes Lächeln und ging langsam hinaus.

Also darum war er so freundlich! Darum suchte er mich zurückzuhalten.

Ich legte die Zigarre auf den Aschenbecher und rückte unwillig an meinem Stuhl. Sollte ich bleiben? Nein, das wäre rücksichtslos gegen ~Berta~. Einen Augenblick trommelte ich aufgeregt auf dem Tische, rief das Serviermädchen und verlangte meine Rechnung.

Da kamen sie.

Der Halleschmüller schritt gleich auf mich zu: „~Bonjour, Här Welsch! Hud der èr Geschäfte gemâcht?~“ Ganz freundlich klang seine Frage, und er drückte mir die Hand.

Ich stammelte etwas von Einkäufen, die ich noch zu besorgen hätte....

„~Jé, jé, setz dech nach e Moment~,“ fiel der Oheim gleich dazwischen, „~mer gin jo geschwön mat~.“

Das blonde Mädchen schaute mich etwas unglücklich an. Auch ihre hellen, blonden Augen baten darum.

Es ward mir ungemütlich. Ein Unbehagen ergriff mich, eine nervöse Erregtheit. Laufende Ameisen, kleine, beißende Ameisen, so glitt es mir über den Körper....

Nein, das war nicht recht vom Oheim, daß er mich so hintergangen, so überrumpelt hatte.

Ich warf ihm einen finsteren Blick zu. Er ließ sich nicht beirren. Und unbekümmert um meine schlechte Laune schob er mir einen Stuhl hin und überließ mir die Unterhaltung mit der ~Joffer Ketty~.

„~Dann aß d’Frûcht e bößchen gestiegen?~“ wandte er sich mit erheucheltem Interesse an den Halleschmüller.

„~Jô, fofzéng Sou om Mâler~,“ sagte derselbe in ruhigem, geschäftlichem Tone.

So sind sie, diese Leute. Schwindeln von Geschäftsinteressen. Und kommen mit ganz anderen Absichten....

Nein, so läßt er sich nicht fangen. So nicht.

Das Gespräch stockte.

„~Hud dir vleicht nach Frûcht?~“ fragte der Müller. „~Ech géf éch e schéne Preîs.~“

Jawohl, ich hatte noch Getreide, noch etwa 13 Malter zu verkaufen. Aber nicht für den Halleschmüller.

„~Nên~,“ log ich, „~eis aß all verkâft~.“

„~Dât aß schuôd!~“

„~Dêd mer léd~,“ fügte ich gleich hinzu, um nicht unhöflich zu sein, „~ech hätt éch se soß gär verkâft~.“

Wieder suchte mich der Blick des Mädchens; über ihr weiches Gesicht huschte ein sanftes Lächeln. Das war Dankbarkeit.

„~Zillt der mé Wês bei éch?~“ fragte sie leise. Eine starke Erregung bedrückte ihre Stimme.

„~Jô, Joffer. An e bößchen Möschler.~“

„~Kê Kâr?~“

„~Ganz sélen, Joffer.~“

Ein stärkeres Rot stieg ihr in die blühenden Wangen. Und ihre Hand tastete etwas erregt über den Rand des Tisches.

„~Prost!~“ rief der Oheim und warf mir einen schiefen Blick zu. Wir stießen an.

Ein paar Mal blinzelte er noch herüber, dann spann er das Gespräch mit dem Halleschmüller weiter.

Ich drehte verlegen an meinem Glase, ganz so, wie der Oheim es vorher getan hatte.

„~Dir hud och schons Drechefiderong fir d’Schwein?~“ fragte das Mädchen weiter.

Ich schaute auf.

„~Gewöß, Joffer. Schon zönter zwê Jôr.~“

„~Gelt, d’aß eppes Guddes?~“ Ihre Stimme klang sicherer, heller, lebenslustiger.

Erst jetzt musterte ich die ~Joffer Ketty~ genauer. Sie war wirklich schön, groß, schlank und nett gekleidet. Um den Hals trug sie ein goldenes Kettchen mit einem kleinen Medaillon. Ganz wie die andern.

Das Gespräch ging weiter. Sie erzählte von ihren Erfahrungen. Und sie blieb immer die ruhige, ungekünstelte, gleiche Freundlichkeit.

Ich griff bisweilen mit einer Frage ein, weil ich freundlich bleiben wollte.

Der Oheim bestellte noch eine ~Lanter Grächen. „Dé mecht wârem~,“ bemerkte er schmunzelnd, als er mir eingoß.

Die ~Joffer Ketty~ hielt die Hand über ihr Glas und wollte abwehren.

„~Jé, jé~,“ bat der Oheim, schob ihre Hand bei Seite und füllte das Glas. „~Wein brecht d’Eis, Joffer.~“

Sie schmunzelte. Ihre blauen Augen durchsonnten sich.

Wir tranken.

Der Wein goß Feuer in unsere jungen Seelen. Wir wurden immer redseliger....

„~Dir hud nach evell en dichtigen Diskur~,“ griff ihr Vater in unser Gespräch ein. Er zog seine Uhr heraus und schaute. Auf seinem Gesichte lag Befriedigung.

„~Mir musse go’n, Ketty! D’göt Zeit.~“

Der Oheim winkte dem Serviermädchen. Ich wollte zahlen. Auch der Halleschmüller.

Der Oheim winkte ab. „~Nên, haut aß mein Tour!~“ Er fuhr mit der Hand über den Tisch: „~Heit, Joffer, mâcht eise Kont. D’aß alles fir mech!~“

Unter freiem Himmel haben wir Landleute ein freieres Auftreten.

Wir plauderten gemütlicher, ungezwungener.

Ein scharfer Ostwind hatte die Wolken weggefegt. Klar und blau war der Himmel. Wie ihre Augen.

Der Oheim ging mit dem Halleschmüller voraus. ~Ketty~ und ich kamen hinterher. So schritten wir langsam die Großstraße hinauf am Palais vorbei.

Ein Wachtposten Soldaten kam vorüber. Drei stramme Kerle in langen, schwarzen Mänteln. Auch sie lugten herüber nach der ~Joffer Ketty~ und schmunzelten.

Auf dem Wilhelmsplatz trennten wir uns.

„~Eddé, Här Welsch!~“ sagte sie mit sanfter Stimme. In ihren Augen lag wieder der aufleuchtende, milde Glanz.

Ich war freundlich zu ihr. Mehr aber auch nicht. Und mehr wollte ich auch nicht sein.

~Berta~ kann mir keinen Vorwurf machen.

„~Wât sést du nun?~“ meinte der Oheim. „~Gefällt et dir ewell besser?~“

Ich zog die Schulter. „~Wôufir soll et mir net gefâlen? D’aß en dichtegt Médchen. D’get eng dichteg Hausfra. Awer d’aß ké Berta!~“

Er wurde ärgerlich.

„~Dû mat déngem Berta!.... Dest aß d’Médchen fir èrt Haus.... An t’muß an d’Rei go’n.... So dohém, ech kém e Sonndeg. Da schwätze mer iwert d’Sâch~....“

Er ging und ließ mich allein mit meinen Gedanken.

Zu Hause fand ich wenig Gehör. Ich hätte Unrecht. So meinte der Vater. So auch sagte die Mutter.

So urteilen alte Leute. Die verstehen nichts mehr von dem Feuer der ersten Liebe. Das soll man einfach abschütteln, wie man ein Kleid ablegt.

Wer das kann!

Ich kann das nicht. Und ich will das nicht.

Und ich lasse mich auch nicht verhandeln wie so viele....

Viele werden unglücklich in der Ehe. Ich bedaure die nicht. Sie haben sich selbst in ihr Unglück treiben lassen.

Es ist ein Fehler der heutigen Welt, daß die jungen Leute nicht mehr heiraten.

Die meisten werden verheiratet, verhandelt, verkauft.

Sie heiraten einen Hof mit Land und Pferden und Kühen. Die Person ist Nebensache.

Ich lasse mich nicht verheiraten, nie, nie!

Ich werde heiraten.

Das verstanden meine Eltern nicht.

Weil sie zu alt waren.

So stand ich allein im Kampfe um die Liebe, allein gegen alle.

Am folgenden Sonntag kam etwas ganz Unerwartetes. Ein unglückseliger Brief.

Erregt öffne ich ihn. Ich schaue, schlage um. Vier lange Seiten in kleiner, dünner Schrift.

Ich lese... Meine Augen leuchten... Ich lese weiter... Aerger überläuft mich... Ich fluche... stampfe mit dem Fuß auf den Boden... und atme schwer...

Ich lege den Brief zusammen, gehe in den Garten, lese noch einmal Wort für Wort, langsam, bis ich alles gut verstanden habe, bis ich klar in ihr Herz sehe....

~Berta~, auch mich drückt dein Kummer. Auch ich spüre den Groll, den dein Vater auf dich häuft....

Aber ich spüre auch deine Liebe.

Diese Liebe willst du opfern; mußt du opfern, schreibst du. Dem Hause mußt du sie opfern, dem Hausfrieden, deinem Vater....

Diesem Elenden....

~Berta~, verzeihe mir, wenn ich deinem Vater zürne. Verzeihe mir, wenn ich den hasse, der unser Glück vernichtet....

Verfluchen möchte ich auch den Stadtjunker, diesen gemeinen Menschen.

Der hat gestöbert, geschnüffelt, gehetzt, schreibst du.

Der hat mich angeschwärzt bei deinem Vater, hat sich über mich, über meine Wirtschaftsweise lustig gemacht, hat mich als einen überspannten Bauer hingestellt....

Der Elende....

~Berta~, ich teile deinen tiefen Haß. Ich verstehe deine bitteren Worte, und ich leide mit dir....

Also der hat deinen Vater umgarnt, im Wirtshaus geködert mit Wein und Kognak, mit hohlen Redensarten....

Der hat uns von einander gerissen, hat alles zertrümmert, was wir in reiner Liebe so schön aufgebaut hatten. Dieser....!

Und den will dein Vater dir aufbürden gegen deinen Willen, gegen den Willen deiner Mutter....

Unglückliches Kind!

Ich lese zwischen deinen Zeilen. Und ich sehe deinen Kummer und ich spüre dein Elend und ich empfinde deine Trostlosigkeit.

Eine Märtyrin bist du, ~Berta~. Und du hast Willensstärke genug, um den abzuweisen, den dein Vater dir aufbürden will.

Es ist mir eine Genugtuung und eine innere Freude, daß du diesen abweisest, daß du dein Leben nicht vertrauern willst an der Seite dieses in öder Schreiberfron und ohne alle Selbständigkeit dienernden Menschen, der kein Verständnis hat für deinen Wirkungskreis, der dich nur heiraten will wegen .... wegen deines Geldes....

~Berta~, ich leide mit dir.

Ich leide mit dir, weil ich dich aus tiefstem Herzen liebe und weil ich dich nicht aus dem Unglücke reißen kann.

Ich leide mit dir, weil ich deine edle Gesinnung sehe.