Berels Berta: Eine Bauerngeschichte aus dem Luxemburgischen

Part 4

Chapter 43,794 wordsPublic domain

Er räusperte sich und schob die ausgebrannte Pfeife in die Tasche.

„~Mä, du baß dach net bei den âle Berelspapp gângen, fir dèn ze beléeren.~“

„~Nên, Mononk.~“

Er legte mir die Hand auf die Schulter.

„~Du kenns jo dât âlt Sprechwoûrt: Um Klank erkennt ên d’Klack.~“

Ich nickte.

„~D’Muß ên fir d’éscht lauschteren, dat ên de Klank erkennt. Awer dir jong Leit, dir lauschtert net genug. Dir zéht ömmer nömmen un èrer Klack. An dir git gleich un dé groûß Klack zéhen.~“

Langsam schritten wir zwischen den hohen Pappeln durch die kalte Einsamkeit.

„~Verstehst de, wât ech wöll so’n?~“

„~Jô, Mononk!~“

„~Jämp! Jidder Mönsch mengt, hié méch et am beschten. Ech wöll dem Berelspapp sei Bauerewiésen net loûwen. D’aß net zeitgeméß. Mä, de Berelspapp mengt, wât et wär. A wann nun e jonge Borscht kömt, an dé sèt him: „Päterchen, èr Sâch aß Brach“, mengst du, dé kréch d’Médchen?~“

Ich wurde ärgerlich. „~Mononk, esoû hun ech awer net gebroßelt.~“

Der Oheim reckte sich vor mir in seiner ganzen Länge. „~Dât gléwen ech. Mä du hoûs him net genug an sei Krom geschwât.~“

„~Dât ka sin.~“

Wir waren bei den ersten Häusern angelangt. Da lenkte der Oheim das Gespräch ab.

Ich lauschte hinüber nach dem ~Mäsch~-Hause, etwas verdrießlich, gedrückt.

Hatte ich mich geirrt? Mir war, als hätte ich ihre Stimme gehört.... Nein, es war nichts....

Wir kamen näher. Leise, feierlich klang es herüber:

„Stille Nacht, heilige Nacht, Alles schläft, einsam wacht Nur das traute hochheilige Paar holder Knabe im lockigen Haar....“

* * * * *

„~Eng schén Stömm~,“ bemerkte der Oheim.

„~Jô, Mononk.~“

Das war nicht mehr das schwermütige Lied von der unglücklichen Liebe.... nicht mehr, wie gestern Abend.

Also hat ~Sisi~ sich doch gefügt.... also doch....

Als der Oheim die beiden Briefe gelesen hatte, war er beruhigt.

„~Um Neimârt wèrde mer jo héeren, wé et stêt~,“ meinte er. Natürlich käme er auch hin. Und wenn alles gut stände, würde er einige Tage später zu den Berelsleuten gehen. Dann würde er auch wohl das „Jawort“ erhalten.

So war das Weihnachtsfest doch noch ein Hoffnungsfest geworden.

Und so erwartete ich vom neuen Jahr, was das alte nicht eingelöst hatte.

Aus blauem Himmel lächelte die Sonne dem neuen Jahre. Das hatte seinen schönsten Winterschmuck angelegt. Im Rauhreif glitzerten die Bäume.

So kam das neue Jahr zu uns ins Merschertal, festlich, feierlich.

Auch in meiner Seele war es festlich, hoffnungsfreudig.

Was ~Berta~ wohl schreiben wird?... .....................

Der Briefträger kam sehr spät; erst nach Mittag.

„~Prosit neit Jährchen, Här Welsch!~“ Er reichte mir die Postsachen.

Ich musterte schnell die Adressen, suchte. Wirklich, da war ihr Brief. Ich riß hastig den Umschlag auf und las....

Herrje, wie ~Berta~ das so schön sagen konnte von den herzlichen Neujahrsgrüßen, der treuen Liebe und dem Wiedersehen in Luxemburg.

Ich sprang ins Haus.

„~Hei aß de Bréf!~“

Die Mutter las. Der Vater setzte die Brille auf. „~A wât aß nach kommt?~“

Ach ja, die andern Briefe. Ich schaute. Die interessierten mich wenig. Einige Neujahrskarten von Kameraden, einige Prospekte....

„~A wât aß dât elei dann?~“ Aus einem großen Umschlage zog mein Vater eine bunte, farbige Karte. Er drückte ein wenig daran und blätterte. Die Karte öffnete sich und wurde zu einem schönen, mit rotem und grünem Seidenpapier gefüllten Blumenstrauß.

„~D’aß nach ewell eng deier Neijorschkart~,“ meinte er. „~A vu wêm aß dé?~“

Ich schaute. Vom ~Sisi~ war sie, vom ~Mäsch Sisi~.... „~Bonne et heureuse année, Sisi.~“ so stand unter der bunten Karte.

Mein Vater schüttelte den Kopf und lachte.

„~An hei, kuck hei, elo könt dei Wandmôtor jo och!~“

Ich las. In den nächsten Tagen würde die Sendung eintreffen, meldete die Firma.

„~Mä, d’schreift schén~,“ bemerkte die Mutter, die noch immer ganz vertieft in ~Bertas~ Brief war und nun erst aufschaute.

Sie reichte meinem Vater den Brief. „~Hei, liés! D’mengt ên, d’Sâch mîßt gutt stôn!~“

Dann sah sie nach den übrigen Briefschaften. „~Aß dât dem Sisi seng Kârt?~“ Sie musterte die bunte Karte. Ein Lächeln spielte um ihren Mund....

So blickte ich voller Hoffnung in das neue Jahr. Es lag nicht mehr verschlossen vor mir. Nein, ich sah hell und klar in die Zukunft. Die hatte ihr Tor geöffnet, ein ganz klein wenig, an dem Tage, wo ich ~Bertas~ Brief erhielt. Heute war dieser Spalt größer geworden. Durch die Oeffnung schaute ich hinüber in die kommenden Monate. Die schienen mir voll Sonne und Seligkeit.

Diese Zuversicht erwärmte meine Seele und färbte nachts meine Träume mit dem Glanze des jungen Frühlings.

So ging die Zeit, in der ich arbeitete und wirkte und wartete auf mein Glück.

So gingen die Nächte, in denen ich träumte und mich sehnte nach meinem Glück.

Und so kam der Tag des Luxemburger Neumarktes.

Vor dem Bahnhof trafen wir uns.

~Berta~ trug den grauen Mantel und das kleidsame Pelzkäppchen, wie damals bei meinem Besuche.

Wie eine Prinzessin war sie in dieser einfachen, schönen Kleidung.

Schon von weitem erkannte ich sie in dem Strom der fremden Menschen.

~Berta~ sprach schweren Herzens von den Briefen, von dem aufgeschobenen Besuche und dem Grolle ihres Vaters.

Der Vater ist also wirklich gegen uns.

Er ist gegen mich, weil ich ihm für seine ~Berta~ nicht ganz passe. Weil ich zu neuzeitlich, zu modern bin. Und weil unser Betrieb zu fein eingerichet ist.

„~Esoû aß mei Papp~,“ sagte ~Berta~ besorgt. Eine Träne leuchtete in ihren schönen schwarzen Augen.

„~Da kann ère Papp mech net recht leiden?~“

Berta antwortete nicht auf meine Frage, sondern blickte mich flehentlich an.

„~Wa mir mat enên bestoûd wären, da wöllt mei Schwor och alles esoû fein angerìcht hun, mengt mei Papp. An dât kascht ze vill Geld.~“ Sie atmete tief, schwer. Und sie drückte sich an mich, als würde sie fürchten, mich zu verlieren.

„~Esoû, aß dât d’Ursach?~“

Wir schritten still durch die belebte Straße hinüber in den ruhigen, fast menschenleeren Park.

„~Aß dât d’Ursâch eleng?~“ Ich blickte sie fragend an. „~Aß neischt gént mech geschriwen gin?~“

Sie nickte ab. „~Nên, neischt.~“

Eine Weile herrschte Stille.

„~A wât séd èr Mamm dann?~“

Da schaute sie mich glücklich an. Ihre tiefschwarzen Augen leuchteten.

„~Menger Mamm gefâlt dir ganz gut~....“

~Berta~ ging ganz nahe neben mir. Unsere Hände faßten sich.

„~An ech hun éch ganz gér esoû. An ech wöll kên aneren, kên aneren~.... ~Do kann mei Papp so’en, wât e wöllt~....“

Das sagte sie ganz langsam. Jedem Wort gab sie eine bedächtige Betonung. Wie ein Schwur klang ihr Bekenntnis.

Ich zog das liebe gute Mädchen in meine Arme.

„~Berta, ech loßen dech och nie, nie!~“...

Sie lehnte zärtlich den Kopf an meine Schulter. Ihre leuchtenden Augen schauten sehnsüchtig in die meinen.

„~Ech dech och nie~,“ lispelte sie leise.

Ich hielt sie fest umschlungen. „~Berta, vun haut un so’e mir ömmer „Du“ zu enâner. Wölls du?~“....

„~Ganz gêr, Jämp.~“ Sie drückte meinen Arm fest an ihre Seite.

Ein Sonnenstrahl huschte durch die kahlen Bäume und streute Gold in den winterlichen Park.

Wir vergaßen für einen Augenblick unsere Sorgen und schritten glücklich über den stillen Weg.

Drüben auf der Straße spielte der Orgelmann die alte Weise von der jungen Liebe:

„Jeder Druck der Hände deutlich mirs beschrieb, Und der sagt, s’ist wahr, s’ist klar: ich hab dich lieb!“....

„~Aß et esoû, Berta?~“

„~Jô, Jämp!~“

Ihre Augen strahlten. Ihre Wangen glühten. Und ich zog sie an mich und küßte sie heiß, leidenschaftlich....

Langsam schritten wir am Amaliendenkmal vorbei, hinüber in die Neutorstraße.

Bauernjungen kamen vom Jahrmarkt, kräftige, kerngesunde Gestalten. Sie stießen sich in die Hüfte und sahen sehnsüchtig nach meinem schönen Mädchen.

Studenten gingen vorüber. Dünne, schmächtige Kerls.

„~Hei, kuck sie zwé!~“ So hörte ich den einen zu seinem Kameraden sagen. „~D’aß e flott Médchen!~“

Die Studenten blieben stehen, drehten sich um, blickten uns nach und zogen den Mund spitz zusammen.

„~Jô, esoû hu mîr der wéneg an der Stâd.~“ Das sagte einer laut, daß Berta es hören mußte. Ein tiefes Rot huschte über ihre Wangen.

Eine freche Bande, diese Studenten. Aber Recht hatten sie.... Wie die ~Berta~, gibt es nicht viele in der Stadt.

~Berta~ wollte schon mit dem Mittagszuge nach Hause fahren. So würde der Vater nichts von der Zusammenkunft merken.

Das gefiel mir nicht. Nein, sie durfte so früh nicht fort dieses erste Mal. Das konnte nicht sein an diesem schönen heiligen Tage.

Sie blickte mich groß, angstvoll in die Augen. „~Da get mei Papp granzég~,“ meinte sie schüchtern.

„~Da loß dé granzen. Hé wöllt jo dach net onst Gleck. Dât musse mir ons selver sichen.~“

Endlich willigte sie ein.

Wir gingen hinunter in die Stadt, durch die Großstraße, über den Wilhelmsplatz, zum „Goldenen Anker.“

Das Haus war voll lärmender Menschen. Wir setzten uns gleich an den Tisch. Wir aßen, ohne viel zu plaudern. Bisweilen suchten sich unsere Blicke.

„~Hei bleiwe mer net lâng~,“ meinte ~Berta, „d’sen ze vill Leit hei. D’Könnt e Könnigen eis gesinn, an dohém mengem Papp eppes so’en. An da wär d’Feier am Stréi.~“

Ich nickte.

„~Jô, Berta, Du huôs Recht. Mä, mir mussen nach e bösche wârden, mei Mononk sollt mech nach hei fannen.~“

„~Dei Mononk?~“

„~Jô, Berta!~“

Da sah sie mich voll Vertrauen an.

„~Da bleiwe mer.~“ Sie war gleich einverstanden.

Der Oheim kam bald, ließ sich einen Kirsch geben und bestellte eine Flasche Bordeaux. Es wurde recht gemütlich in unserer kleinen Gesellschaft. Der Oheim hatte das richtige Zeug zum ~Hellechsman~. Und er hatte auch bald gemerkt, wie der Wind wehte.

„~Joffer Berta, ech kommen nach an deser Woch bei ère Papp, da kucken ech, dat d’Sâch an d’Rei gêt.~“

Sie lächelte. „~Jô kommt. Vun éch hölt hién éschter eppes un.~“

Als wir hinausgingen, verabschiedete er sich „~Dajè, eddé Kanner~.“ Er drückte ~Berta~ und mir die Hand, nickte mit dem Kopfe und blinzelte mit dem rechten Auge, wie er immer tat, wenn er guter Laune war. „~Eddé, ech loßen éch jong Leit nach e beschen elèng. Dir hutt jo och neischt dergént.~“ Er schmunzelte. „~An ech hun wirklech och nach eppes Geschäften.~“

Wir gingen über den Wilhelmsplatz, sahen uns die vielen schönen Geschäfte an, fanden manches, das wir uns später für unsern Haushalt anschaffen würden und plauderten von der Zukunft.

~Berta~ hatte noch einige Einkäufe zu besorgen. Die erledigten wir zusammen. Und ich kaufte ihr noch ein Dutzend Blutorangen für die Mutter und ein Päckchen Gebäck für ihre Schwester und die kleine Nichte. Für ~Berta~ suchte ich eine schöne ~Bonbonnière~ aus mit einem Vergißmeinnicht auf dem Deckel. Darunter stand in großen goldenen Buchstaben: „~Elle te dira que je ne t’oublie pas!~“

~Berta~ lächelte und dankte mit einem treuen, lieben Blick.

So vergingen die paar kurzen Stunden. Als der Zug hinauseilte ins Syrtal, hatte sich der Entschluß in zwei Herzen festgesetzt: wir werden uns finden, wir müssen uns finden.

Sanft entschlief der Tag. Und mit silbernem Monde und goldenen Sternen kam die Nacht.

Nie in meinem Leben werde ich diesen schönen Tag vergessen....

„~Da wärd de Mononk d’Sâch an d’Rei kréen.~“ Die Augen meiner Mutter glänzten. Zufriedenheit lag auf ihrem welken Gesichte.

Ich erzählte weiter. Meine Worte brachten Freude in unser Haus. Und auch meine Mutter gewann ihre Zuversicht wieder.

„~Los mer eis awer net zevill an de Kapp setzen~,“ meinte mein Vater. „~Ech trauen dem Aalen nömmen hallef.~“

Ich war nicht so kleingläubig.

Nein, der Berelsvater muß einwilligen, muß, muß.... Wie sollte der gegen sein ganzes Haus ankämpfen.... Gegen seine Frau und seine Kinder.... Nein, er muß einwilligen. Das wird ihm der Oheim schon beibringen....

Ich blieb voller Hoffnung; und ungeduldig wartete ich auf die Nachricht vom Oheim.

„~Hén wärd woûl den nächste Sondég mat der Norîcht kommen~,“ meinte die Mutter.

Dann kam etwas ganz Unerwartetes.

Vom Berelsvater erhielt ich Donnerstags folgenden Brief:

Herr ~Welsch~!

Ich tue Ihnen zu wissen, daß Sie sich nicht mehr um meine Tochter ~Berta~ zu bemühen brauchen, und wenn ich vorher etwas von der Zusammenkunft in Luxemburg gewußt hätte, so wäre meine Tochter nicht hingekommen. Das können Sie mir glauben, und Sie können sich anderswo eine moderne Frau suchen, da mit meinem Willen niemals etwas aus der Sache wird. Ich hoffe nun hiermit mit Ihnen abgerechnet zu haben.

~Jean Baptist Berels.~

Eiskalt kroch es mir über den Rücken. Eine Weile starrte ich auf den Unglücksbrief.

„~Jesses, Jesses! Wât aß dîr?~“

Die Mutter stand auf der Haustür und blickte mich besorgt an.

„~Wât aß dîr?~“

Ich suchte mich zu beherrschen.

„~Neîscht, Mamm! Neîscht!~“ Ich atmete schwer.

„~Neischt! Kommt.~“ Wir gingen hinein ins Haus.

Langsam entfaltete ich den Brief und las mit zitternder Stimme.

Die Mutter sank auf einen Stuhl und stützte den Kopf schwer in die Hand.

„~D’aß gefélt, Piér! D’aß neischt mé ze wöllen~,“ sagte sie traurig, niedergeschlagen.

Es folgte eine lange Pause.

Die alte Wanduhr tickte trostlos, gleichgültig. Und müde fuhr der Nordwind durch die kahlen Bäume des Hausgartens.

Der Vater blickte starr vor sich hin, ging schweren Schrittes durch die Stube, trat ans Fenster, trommelte an den Scheiben.

„~Den âle Berelspapp schengt mir e groûßt Rendvéh ze sin~... ~E richtegt âlt Pèrd~...“ Aerger und Verachtung klangen aus seinen Worten.

„~D’wèrd woûl ên eppes gént eis geschriewen hun~,“ meinte die Mutter und sah mich unglücklich an.

Ich verspürte eine große Leere im Herzen. Und ich sah alles zusammenfallen, was ich in den letzten Wochen mit so viel Liebe aufgebaut hatte.

Das Mittagessen schmeckte schlecht. Aufgeregt löffelte ich die Suppe hinunter. Unachtsam und müde zerschnitt ich das Fleisch.

Mein Vater sank wieder in den Lehnstuhl hinter dem Ofen, stützte die Stirne in die flache Hand, sog an der Pfeife und sprach kein Wort.

Eine tote Ruhe lag über unserm Hause und machte mich elend und verlassen.

Den ganzen Nachmittag arbeitete ich in der Scheune mit den Knechten. Wir reinigten Getreide. Und ich ging erst zurück ins Haus, als die Mutter zum Essen rief.

Traurige Wintertage. Dicker Nebel liegt über dem Merschertal. Schmutziges Schneewasser sickert durch die Straße, dringt in das Leder der Schuhe und trägt den Husten in die Häuser.

Solche Tage sind drückend, abspannend, zehrend.

Ich fühlte mich vereinsamt, verlassen, verstoßen.

Erst jetzt spürte ich, wie sehr ich an ~Berta~ hing, wie sehr ich sie liebte.

Seit diesem Luxemburger Markttag war ihr Bild nicht mehr aus meinem Herzen gewichen.

Ich konnte es kaum fassen, daß ich sie nun verloren hätte.... Für immer verloren....

Alle Hoffnung hatte dieser Brief vernichtet, grausam vernichtet.

Langsam krochen die Tage dahin. Draußen im Hofe, in den Ställen oder in der Scheune war es noch erträglich. Aber im leeren Hause packte mich immer das Grauen.

Ich fühlte den Kummer der Mutter. Ich merkte den verbissenen Groll des Vaters.

Den ganzen Tag kamen dieselben traurigen Gedanken. Und abends fühlte ich mich noch verlassener.

Dann suchte ich mir Arbeit, eine geräuschvolle Beschäftigung, womit ich die beklemmende Einsamkeit verscheuchen konnte.

Ich brachte einzelne Teile des Windmotors in die Stube, studierte deren Arbeitsweise, nahm die Stücke auseinander, setzte sie wieder zusammen, hämmerte, schraubte, ölte. Und ich ließ die Reguliervorrichtung der Windscheibe funktionieren.

Am Samstag Abend hielt ich es im Hause nicht mehr aus. Da ging ich hinunter ins Wirtshaus. Dort saßen die Amerikaner und sangen traurige Abschiedslieder.

Mir war die Heimat zum Ekel geworden. Sie erdrückte mich. Und ich beneidete meine Kameraden, die bald in fernem Lande eine neue Heimat finden sollten.

Ich blieb lange bei den Amerikanern.

Spät kam ich nach Hause.

Es folgte eine schlaflose Nacht. In wildem Traum sah ich unsere Familie altern, aussterben -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Müde, gebrochen stand ich auf. Dumpf hämmerte der Kopf. Und müde kam ich zum Morgentisch.

Die Mutter sah mich besorgt an.

„~Haut wèrd woûl dei Mononk kommen, da gin mer eppes mé gewoûr~,“ sagte sie tröstlich. Sie brachte mir eine Tasse Fleischbrühe mit einem Ei. „~Do, drénk dât, da get et der besser.~“

Ein trauriger Sonntagmorgen.

Dumpf läuteten die Glocken. Wie Totenglocken. In gedrückter Stimmung ging ich zur Kirche. Die Gesänge klagten wie im Leichendienste. Ich setzte mich in einen der letzten Stühle und stützte den Kopf schwer in die Hand. Und immer wieder kamen trübe Gedanken, die mich noch unglücklicher machten.

Was ist das Leben? Nichts. Nichts als Kummer und Trauer und Verfallen.

Was habe ich davon, daß ich fleißig war? Was haben meine Eltern davon, daß sie sich abgerackert haben? Was nützt es mir nun, daß ich ein strebsamer, neuzeitlicher Bauer geworden bin? Nichts. Gar nichts. Weil ich bei tüchtigen Landwirten gelernt habe, weil ich unsern Betrieb modern eingerichtet habe, weil ich nicht bin, wie andere rückständige Landwirte, darum, gerade darum soll ich das Mädchen nicht bekommen. Gerade darum. Das ärgerte mich.

Ich wurde unzufrieden mit meinem Leben, unzufrieden mit den Menschen, unzufrieden mit meinem Berufe -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Als ich das Haus erreicht hatte, war der Oheim schon angekommen. Er brachte keinen Trost. Alles was er sagte, machte mich noch elender. Langsam, mit gedämpfter Stimme erzählte er. Als ob wir einen Schwerkranken im Hause hätten, so war das Gespräch.

Noch nie habe ich mich so unglücklich gefühlt wie bei diesem Berichte des Oheims.

Unruhig ging mein Vater auf und ab. Ungeduldig rückte er an den Stühlen.

„~Aß dén âle Kérel wirklech esoû e Rendvéh?~“ rief er aufgeregt, mit heftiger Stimme.

Der Oheim nickte.

„~Jämp, dann aß dén neischt fir an eis Familgen. Dann aß et och gutt, dat d’Sâch an d’Brech gêt.~“

Er richtete sich in seiner ganzen Länge auf. „~Wann den âle Berels esoû en Ochs aß, da soll hé sei Médchen behâlen.~“

Dabei fuchtelte er mit der Hand, als mache er über dem Berelshause einen Totensarg zu.

Langsam erstarb der Tag.

Immer wieder kam das Gespräch auf die verfehlte Heiratsgeschichte und auf meine Zukunft.

„~Et wär dach gutt, wann sech bâl eppes Passendes fir eise Jämp fanne gév~,“ meinte die Mutter beim Abschiede des Oheims.

Ein klarer Morgen war auf eine stürmische Nacht gefolgt. Die Sonne stand am blauen Himmel über dem Grünewalde. Kleine Wolken trieben nach Westen dem großen Meere zu.

Nachlässig schritt ich durch den Hof, gleichgültig besorgte ich die Pferdefütterung.

„Amerika, du Edelmann, Euro-opa, du Bettelmann....“

Verschwommen klangen die Töne herauf aus dem Dorfe. Drunten sangen die Amerikaner. Sie machten heute den großen Abschiedsgang von Haus zu Haus.

Ich stieß die obere Türe des Pferdestalles auf und blickte hinunter zum Kirchplatz. Dort kamen sie. Viele Leute standen vor den Häusern, drückten ihnen die Hand und trugen schwer an der Trennung. Ein solcher Auswandertag ist ein großer Sterbetag für das ganze Dorf.

„Euro-opa, du Bettelmann....“

Leiernd klagte die Harmonika die alte Weise.

Am liebsten würde ich mit ihnen ziehen in die weite Ferne, über das große Meer.

~Schmitts Mischi, Theis Jäng an Kirchens Piér~, die haben es jetzt gut. Die können die alte Heimat abschütteln und sich eine neue gründen auf neuer Erde.

„In Amerika, da ist gut sein, Da findet ein jeder sein Schätzelein!“

So ist es auch. Da würde ich auch bald mein Glück finden. Und ich könnte all den Kummer abschütteln, vergessen.

Was ist die Heimat? Heimat ist doch nicht Hof, nicht Feld. Nein, Heimat ist Glück, Heimat ist Frieden.

In meinem Dorfe habe ich meine Heimat verloren. Ein Fremder bin ich auf heimatlicher Scholle....

„In Amerika, da ist gut sein, Da trinken wir Bier und Champagnerwein....“

Kräftiger klang das Lied herauf.

Ich summte leise mit, schloß die Türe des Stalles und ging hinüber durch den Hof auf die Straße....

Lauter wurde das Singen, das Lachen. Es war eine traurige Freude. Wie Blumen auf den Allerseelengräbern....

„~Bonjour, jongen Här!~“

Hinter mir stand ein großer, älterer Mann in Ledergamaschen, mit einem Händlerstock.

„~Bonjour!~“ Er nickte freundlich.

„~Ech hun héeren, der hät esoû e schéne Foûl~!“

„~Jô, mä dén aß net fêl.~“

„~Dât aß schoûd. Kann ech en awer vleicht gesinn?~“

„~Jô, kommt.~“

Ich schritt voran. Der Fremde musterte das schöne Tier, ging hinüber zu den Arbeitspferden, lobte die praktische Anordnung der Fohlenställe, der Deckenanlage, der Ventilation....

Ich vergaß meine griesgrämige Laune und führte den Händler in den Kuhstall und in die Jungviehställe.

Mein Vater hatte uns vom Stubenfenster aus beobachtet; er kam herüber und schloß sich uns an.

„In Amerika, da ist gut sein, Da schießen wir Has’n und wilde Schwein.“

Lauter klangen die Töne im Hofe.

Wir traten an die Stalltüre. Drüben kamen die Kameraden. Sie sangen, johlten wirr durcheinander, drückten meinem Vater die Hand, sprachen von Glück und Gesundheit und Wiedersehen.

Und die Harmonika leierte das alte Wanderlied.

Ich nahm Abschied vom Fremden und schloß mich den Amerikanern an.

Seit gestern waren die Amerikaner fort. Eine Messe hatte der Pfarrer noch für sie gelesen. Viele Leute hatten diesem Gottesdienst beigewohnt.

Und doch stand den Kameraden eine schlechte Fahrt bevor. Das Barometer zeigte Sturm. Von Luxemburg her brauste ein wilder Wind durchs Merschertal, schüttelte an den kahlen Bäumen und riß die Schiefer von den Dächern.

So haben auch die Kameraden noch Kämpfe zu bestehen, ehe sie die neue Heimat finden....

Auch ich muß noch kämpfen. Auch ich muß noch leiden. Aber ich will siegen.

Schwermütige Einsamkeit in dem Dorfe. Das feuchte, nasse Wetter hatte die Influenza in viele Häuser getragen. Die Kinder hockten beim Ofen und husteten. Die alten Leute wärmten sich den fröstelnden Rücken und die schlotterigen Kniee und suchten die böse Krankheit mit Kamillentee und der ~Quetschendröpp~ zu heilen....

Auch ich war krank.

Kamillentee und Zimmerwärme brachten mir keine Heilung.

Die stille Winterruhe drückte schwer auf meine leidende Seele.

Könnte ich nur einmal mit ~Berta~ sprechen! Könnte ich nur wissen, wie es dem guten Mädchen geht! Ob sie auch so viel leidet?

Könnte ich nur das wissen, nur das! Es wäre mir schon Trost.

Ich suchte Arbeit, anstrengende Arbeit. Wenn nichts mehr in der Scheune oder den Ställen zu tun war, ging ich mit den Knechten in den Wald. Dort fällten wir Bäume, schichteten Korden.

So war es mir recht. Nur keine Mußestunden. Durch Arbeit den Schmerz betäuben, das war das beste -- -- -- -- -- -- --

Langsam starb eine Woche dahin.

Noch einige Tage, dann kam der Februarmarkt in Luxemburg. Vielleicht könnte ich ~Berta~ dort wiedersehen....

Ich fuhr hin.

Unruhig ging ich vor dem Bahnhof auf und ab. Aus der großen Halle kamen immer wieder Leute.

Aber ~Berta~ war nicht zu finden. Traurig schritt ich über die neue Brücke zur Stadt. Und meine Gedanken verloren sich in weiter Ferne, wanderten, flogen über das große Meer zu den Kameraden. Die waren nun seit einigen Tagen in dem reichen Lande.... Wo schon so viele das Glück gefunden....

„~Bonjour, Här Welsch!~“

Ein Fremder reichte mir die Hand. Es war ein bekanntes Gesicht. Im ersten Augenblick wußte ich nicht recht, wo ich es schon gesehen hatte.

„~A, dir set den Här, dén eis firun drei Wochen de Foûl wollt ofkafen.~“

„~Maija. Scheckt hién sech gut?~“

„~Ausgezéchend.~“

Neben dem Manne ging ein großes, blondes Mädchen. Ich schaute hinüber und grüßte. Zwei tiefblaue Augen erwiderten meinen Blick. Das tat mir wohl. Es lag etwas Ruhiges, Stilles darin.

Traurige Menschen brauchen Sonnenschein. Ihr Blick war Sonne und Wärme.

„~D’aß méng Duôchter~,“ bemerkte der Fremde.

„~An dât aß den Här, dên dé schéin Ställ an dé schéin Véhwêden huôt.~“

Ich drückte ihr die Hand. „~Esoû schéin aß et net bei eis, mä d’aß praktesch~,“ fügte ich hinzu, um seine Worte etwas abzuschwächen.