Berels Berta: Eine Bauerngeschichte aus dem Luxemburgischen

Part 3

Chapter 33,818 wordsPublic domain

Meine Gedanken sammelten sich. Ich wurde ruhiger.

Warum sollte ich nicht hoffen? Wer ist gegen mich? -- Nur der Berelsvater. Nur der.

Und wer ist für mich? -- ~Berta~. Und die Mutter. Und die Schwester. Und der Eidam. Die alle, alle Vier. Nur einer nicht.

Also brauchte ich nicht zu verzagen.

Dieser lumpige Brief kann doch nicht mein Glück zerstören, kann doch nicht die Entscheidung bringen.

So grübelte ich, als ich heimging.

Ich schloß mich keinem an. Ich wollte allein bleiben mit meinen Gedanken.

~Henriette~ schielte nach mir herüber. Ich sah nicht nach ihr.

Die konnte mich nicht glücklich machen, die nicht.

Nur die eine! Nur die eine!....

Im Schnee pipste ein Distelfink. Zwei Schritte vor mir hüpfte er, streckte das Köpfchen zutraulich zur Seite und suchte nach Nahrung. Dann flog er zu dem alten, kahlen Birnbaum. Dort stand noch sein Nest vom letzten Jahr.

Das war verschneit, zerfallen.

Auch er hofft auf den Frühling, auf Sonne und Glück....

„~Hé, Här Welsch!~“

Ich wandte mich rasch um. Wer rief?

Unten kam der Briefträger.

„~Houd der eppes?~“

„~Ei, natirlech!~“

Er lachte. „~E Bréf mat enger feiner Schröft. D’Freiesch werd éch woûl geschriewen hun.~“

„~Merci!~“

Von ~Berta~. Ich erkannte sofort die Schrift. Ein plötzliches Rot überflog mein Gesicht. Als wäre ich auf einer bösen Tat ertappt worden, so wurde mir.

Ich riß den Brief auf.... Mein Herz klopfte....

Ich las:

Mein lieber Herr ~Welsch~!

Ich schreibe Ihnen heimlich, um Ihnen zu sagen, daß ich Sie immer herzlich liebe und ich sehr bedaure, daß mein Vater gegen unsern Willen gestern den Brief an Sie....

Warm sandte die Sonne ihre Strahlen auf die kalte Erde. Oben im Baum trillerte der Fink wie im Frühjahr.

Mir war, als hätte ich eine schwere Last abgeworfen.

Ich las den Brief noch einmal....

Und ich faßte ihn fester, aus Furcht, ich könnte ihn verlieren....

Der Pfarrer hatte Recht.

Hoffen! Hoffen! Und nie verzweifeln!

~Berta~, ich hoffe auf dich! ~Berta~, ich liebe dich. Dich allein, einzig und immer und ewig....

Dieser Tag mußte kommen, mußte kommen .....................

~Berta!~ Könnten wir uns jetzt sehen!

Dann würde ich einen Kuß auf deinen rosigen Mund drücken und wir würden „Du“ zu einander sagen. Denn wir gehören zusammen. Und wir müssen uns finden, müssen, müssen.

Heimlich hast du mir geschrieben, heimlich, aus Sehnsucht, aus Liebe.

Dein Vater weiß nichts von deinem Brief, darf auch nichts davon wissen.

Du hast mir das Herz erleichtert und du hast mir Hoffnung und Zuversicht gegeben. Weil du mir schreibst, daß deine Mutter und deine Schwester von deinem Briefe wissen. Und weil sie auf unserer Seite stehen, gegen den Vater.

Wir siegen, schreibst du; der Vater muß in einigen Monaten einwilligen, muß.

Wie schön ist deine Zuversicht, ~Berta~, wie schön und tröstlich!

Gerade so groß ist meine Liebe.

Einen Besuch soll ich einstweilen nicht machen. Weil ich hierdurch deinen Vater nicht besser stimmen würde. Und weil du meinen letzten Besuch bis jetzt nicht erwidern konntest.

Meine liebe ~Berta~! Ich füge mich deinem Rate, weil ich Vertrauen in dich habe.

Aber, wenn es sein müßte, würde ich tausendmal zu dir kommen. Tausendmal würde ich den Weg zu Fuß machen, wenn ich dich damit erobern könnte.

~Berta~, ich füge mich, weil dein Vorschlag in mir neue Hoffnung weckt. Denn du schreibst, daß du mich auf dem Neumarkt[A] in Luxemburg wiedersehen willst, um mir noch vieles zu sagen, um mir dein Herz auszuschütten.

Bis dahin sind es noch dreiundzwanzig Tage. Aber ich warte. Weil du es willst...

Etwas hast du mir nicht geschrieben. Warum ist dein Vater gegen mich, gegen uns? Warum?....

[A] „Neumarkt“ ist der erste Jahrmarkt im Monat Januar.

Eine Erlösung brachte der Brief in unser Haus. Und eine erlösende Freude legte sich auf die alternden, still leidenden Herzen meiner Eltern, wie heilendes Oel auf eine schmerzende Brandwunde.

Einen Korb hatte ich nicht bekommen. Das war ihnen ein Trost.

Als die Mutter den Brief las, traten ihr Tränen in die Augen. Es war ihr eine große Genugtuung, daß dieser Brief auf den des alten Berelsvaters gefolgt war.

Der Vater verstand es, sich zu beherrschen.

„~D’aß e sonderbare Bréf~,“ meinte er, „~d’Médchen schéngt ganz an dech verschossen ze sin~.“

Er schüttelte den Kopf und lachte.

„~An d’Mamm schéngt jo och ganz derfir ze sin~,“ ergänzte die Mutter. „~Ower wofir aß de Papp dergént? Wofir?~“

Die Sonne lächelte durchs Fenster und streute Gold über den Tisch und auf den Brief.

Bisweilen schleppte sich eine Schneewolke über die Sonne und stahl das Gold.

Ja, warum ist der Berelsvater dagegen? Ich wußte es nicht. Ich konnte mir es nicht erklären.

„Alte Leute sind oft eigensinnig,“ meinte der Vater.

„... und kneckig,“ ergänzte die Mutter.

Ja, kneckig ist der Berelsvater. Das hatte ich bei meinen Besuchen überall gemerkt. Das hatte auch der Eidam gesagt.

Die Schatten huschten vorüber. Hell schimmerte die Sonne.

Der Vater erzählte von den alten, kneckigen Bauern.... Die möchten oft gern die Kinder verheiraten, wenn sie ihnen nichts mitzugeben brauchten.

Sie bretzen sich mit dem ~Helligsgut~. Und wenn sie damit herausrücken sollen, winden sie sich wie ein Wurm, auf den man tritt.

Zu der Sorte gehörte vielleicht auch der Berelsvater.

Ich schüttelte den Kopf. „~Wât aß do ze mâchen?~“

„~Wât do ze mâchen aß~,“ griff meine Mutter schnell ins Gespräch ein, „~mä, dât aß einfach. Dei Mononk muß emol mat dène Leiden iwer dé Sâch schwetzen~.“

Das war das Richtigste. Ich schrieb gleich dem Oheim und lud ihn zu Weihnachten auf ein Stück „~Gesolpertes~“ ein. Er müsse bestimmt kommen. Wir hätten Wichtiges zu besprechen.

Den Berelsleuten bedauerte ich, daß das schlechte Wetter den Besuch unmöglich gemacht habe, und drückte den Wunsch aus, sie an einem der kommenden Sonntage erwarten zu können.

So gefiel der Brief meinem Vater. Es war nichts zu viel darin. Darunter setzte ich freundliche Grüße von uns allen an die Berelsleute und ganz besonders an ~Berta~ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Dann trug ich die beiden Briefe hinunter in den Kasten an der Schule.

~A Mäsch~, neben der Kirche, stand ~d’Sisi~ auf der Haustüre, die Hände unter die Schürze vergraben.

Ich grüßte.

„~Jämp, héerst du se sangen?~“

Ich lauschte.

„~Jô, Sisi!~“

„~D’sin d’Amerikaner. Sie hun haut d’Karte krit, fir ze foûren. Den éschte Februar gêht d’Schöff zu Antwerpen fort~,“ sagte sie mit trauriger Stimme.

„~Soû! Schon den éschte Februar?~“

Wir lauschten.

Traurig, schwermütig klangen die Abschiedslieder in den stillen Abend.

Einen Augenblick verstummte der Gesang. Die Harmonika stimmte eine neue Weise an, ein neues Lied von unglücklicher Liebe, von unerfüllter Sehnsucht, von trauriger Verlassenheit.

~Sisi~ stand dicht neben mir. Wir sprachen kein Wort und horchten. ~Sisi~ atmete schwer.

Traurig klang die Weise:

„Hab geliebt dich ohne Ende, Hab dir nichts zu Leid getan, Und du drückst mir stumm die Hände Und du fängst zu weinen an. Ach weine nicht.... Und geh nicht fort....“

~Sisi~ hatte meine Hand ergriffen und schluchzte.

„~Jämpé, solle mer mat sangen?~“ Sie lehnte sich an mich und weinte....

„~Sisi! Wât aß dir?~“ Ich drückte ihr fest die Hand und ging hinunter zu den Kameraden. Was hat heute eigentlich die ~Sisi~? Was hat sie? -- -- -- -- -- -- -- --

Lange saß ich bei den Kameraden.

Bisweilen blickte ich hinüber nach dem ~Mäsch~-Hause. ~Sisi~ stand noch immer auf der Türe. Was die ~Sisi~ heute hatte....

Am nächsten Tage fuhr ich den Weizen zum Bahnhof.

Ich ließ gleich nach Mittag anspannen, um mit der Nacht wieder zu Hause zu sein.

Fast geräuschlos rollte der Wagen über den verschneiten Weg.

Als ich bei ~Mäsch~ vorbeifuhr, stand ~Sisi~ auf der Haustüre, die Schürze zu einer Schoßtasche zusammengeschlagen. Sie streute Brotkrümchen und Tischreste in den Hof. Spatzen, Goldammern und Finken flogen heran und flatterten herum bis dicht an ~Sisi~, ohne Furcht.

Ich blickte hinüber.

„~Moûrgen Sisi! Wé gêt et?~“

Sie schüttelte den Kopf und kam herüber durch den Hof bis an die Straße.

„~Bast de bés, Sisi?~“

„~Jo--o! Iwer dech!~“

„~Oho--o!~“ Ich schaute ihr forschend in die Augen.

„~Du brauchs net esoû ze kuken. Zönter der Kirmes wölls du mech jo net mé gesinn.~“

„~Zönter der Kirmes!~“ Ich war ganz verwundert.

„~Jô, zönter der Kirmes!~“ Ich hörte ihren tiefen Atem. Sie sprach schnell, aufgeregt, mit hoher Stimme. „~De lèschte Sonndég, no der Maß, baß du lanscht mech gedauscht. An e Méndeg den Owend hâst du knapps Zeit mat mir ze schwetzen.~“

Ein Zucken ging um ihren Mund.

Ich rieb mir die kalten Hände, in leichter Befangenheit.

„~Sisi, sef dach kê Kand!~“

Ich ließ die Peitsche knallen. Die Pferde zogen kräftig an. Der Wagen rollte weiter, über die Schneestraße am ~Mäsch~-Hause vorbei, hinunter in das weite, tote Tal.

Auf den hohen Pappeln saßen ein paar Krähen. Sie schielten hinauf nach dem grauen Winterhimmel, hinunter auf die schneebedeckten Wiesen, hinüber in den öden, toten Wald.

Als ich näher kam, flogen sie krächzend fort. Und sie riefen einander heisere Worte zu von Elend und Kummer....

Der Abend kam früher als sonst.

Als ich das Dorf erreichte, lag schon mattes, rotes Licht hinter den halbverhüllten Fenstern. Dort sah man die gekochten Kartoffeln dampfen. Es roch angenehm nach ~Grévefett~.

Was die ~Sisi~ wohl jetzt machte?

Ich blickte hinüber. Im Hof war kein Mensch. In der Küche war Licht. Und aus den Ställen klang dünn, klagend ein Lied:

„Der Mensch soll nicht lieben, wenn’s Ernst ihm nicht ist, Denn schwer ist zu heilen, was Liebesgram frißt....“

Wie die ~Sisi~ das so traurig sang.

Traurig wirkt ein solches Lied aus einem jungen Munde.

Ich knallte mit der Peitsche; der Wagen rollte geräuschvoll weiter. Aber immer noch klagte das Lied:

„Gar mancher hat gebrochen ein Herz lieb und wert, Das endlich erst Ruhe fand, tief unter der Erd. Das endlich erst Ruhe fand....“

* * * * *

Der Wagen rollte weiter. Das Lied verstummte....

Nach dem Essen trug ich in die Buchführungshefte ein. Ich stellte die Konten für die Knechte, Tagelöhner und die Handwerker auf.

Immer wieder klang mir die Melodie von ~Sisi’s~ Lied im Kopf. Und immer wieder dachte ich an die ernsten Worte der schwermütigen Weise.

Eine Ermüdung kam über mich, wie nach einer langen Anstrengung.

Ja, die ~Sisi~ hatte ich früher geliebt, in reiner, ernster Absicht, mit treuer Liebe.

Ich hing diesen Gedanken nach. Die flogen rückwärts, acht Jahre, zu meiner ersten Liebe.

An einem schönen Sonntagabend war es, Ende Mai. Wir kamen vom letzten Abendzuge. Die Bäume standen in der Blüte. Die Feldgrillen zirpten. Und die Luft war durchsetzt vom süßen Hauch der Frühlingsblumen....

~Sisi~ und ich kamen zuletzt. Einen Steinwurf vor uns gingen die andern, ~Sisi’s~ Eltern und mein Vater. Sie diskutierten über landwirtschaftliche Fragen, über den Stand der Saaten und die Geldaussichten des Jahres.

Wir blickten weiter, viel weiter in die Zukunft. Die schien uns schön, wie der Abend, wie unsere Jugend.

Ich nahm ~Sisi~ leise bei der Hand und schritt mit ihr glücklich durch die schöne Frühlingsnacht.

Beim alten Birnbaum vor dem Dorfe zog ich sie fest an mich und gab ihr einen Kuß, einen langen Kuß....

Es war unser erster Kuß.

Die Bäume dufteten. Ein frischer Wind strich leise durch die Kronen und schüttelte Blüten auf uns. Weiße Blüten.

Damals hatte ich ~Sisi~ ein silbernes Herzchen versprochen.

Am folgenden Sonntag war ich nach Mersch gefahren. Irgend einen Grund hatte ich meinen Eltern angegeben. Und ich kaufte ein silbernes Herzchen mit einer silbernen Kette. Fünf Franken und acht Sous hatte es mich gekostet, fast den ganzen Bestand meiner Barschaft.

Um Abend, vor der Andacht, suchte ich ~Sisi~ auf. Ich traf sie im Stalle, ganz allein. Schüchtern legte ich ihr das dünne Kettchen mit dem silbernen Herzchen um den Hals. Hastig, aufgeregt, fürchtend, es könnte jemand uns sehen.

Und am folgenden Tage, als ich das Vieh zur Weide trieb, schnitt ich ein Herz mit einem ~S~ und einem ~J~ in die Rinde der Grenzbuche.

So war unser Bündnis besiegelt....

„~Drêmst de?~“ Meine Mutter blickte von der Handarbeit herüber.

„~Nê, Mamm! Ech iwerléen, wé mer eis Buchführung am nächste Johr nach besser mâche können~.“

„~Esoû!~“ Sie ließ mich weiter träumen.

.... So war unser Bündnis besiegelt.

Seit dem Tage traf ich die ~Sisi~ oft. Fast täglich.

Unsere Eltern sahen es gern und waren ganz damit einverstanden.

Dann kam der Tod im vorletzten Winter. Der riß ~Sisi’s~ einzigen Bruder hinweg, im Alter von 25 Jahren.

Nun war ~Sisi~ einzige Tochter.... Sie mußte in ihr Elternhaus einheiraten.

Ich aber konnte nicht fort von Hause, weil meine beiden Schwestern ausverheiratet waren.

So wurden meine Pläne vernichtet. Ich trug meine Hoffnungen zu Grabe. Aber ich fügte mich in das Schicksal. Wir sahen uns trotzdem noch oft; denn ~Sisi~ war ein gutes Mädchen.

Ich hatte sie wirklich vernachlässigt, seit unserer letzten Kirmes. Das merkte ich jetzt.

Aber daß ~Sisi~ meinte, wir könnten uns heiraten, war mir ganz unverständlich.

Das war doch unmöglich, ganz unmöglich, seit dem Tode ihres Bruders.

Wie konnte ~Sisi~ dieser Hoffnung immer noch nachhängen?....

„~Wé aß et mat der Schloßrechnong vum Jôr?~“ Der Vater blickte über die Zeitung. „~Bast de bâl ferdig mat denger Buchführung?~“

„~Nach net, Papp!~“

Jahresabschlußrechnung....

Auch mit ~Sisi~ muß ich jetzt abschließen....

Sie muß doch wissen, daß wir uns nicht heiraten können.

Ich kann doch nicht von unserm Hof fortgehen....

Und ~Sisi~ will ja auch ihr Elternhaus nicht verlassen.

Ich muß mit ihr sprechen, muß ihr die Sache klar machen. Dann ziehen wir einen Strich durch die ganze Rechnung. Und damit Punktum....

Die ~Sisi~ kann mir doch keinen Vorwurf machen....

In meinem Kopfe klang immer wieder das traurige Lied von der unglücklichen Liebe.

Nein, die ~Sisi~ kann mir keinen Vorwurf machen, kann nicht.

„Man liebt auch Mädchen bei frohen Zeiten“.... das soll sie auch mal singen. So hatten wir ja noch auf der letzten Kirmes gesungen....

An den folgenden Tagen hatten wir in der Scheune zu tun.

Nachmittags schroteten wir auf Vorrat für die Christtage, bis es Zeit zur Abendfütterung wurde.

Das war die Stunde, wo ~Sisi~ gestern so traurig gesungen hatte. Ich wurde unruhig.

Es hielt mich nicht mehr länger in unserm Hause....

Ich will mit dem Mädchen sprechen. ~Sisi~ muß sich den dummen Gedanken aus dem Kopfe schlagen.

Wenn ich jetzt hinuntergehe, treffe ich ~Sisi~ vielleicht allein. Ihr Vater wird wohl noch nicht von seiner Reise zurück sein.

Ich gehe jetzt, jetzt gleich. Eine gute Ursache habe ich, um in ihr Haus zu kommen. Ich frage nach der Arnikaflasche, die ich dem Mäschvater vor acht Tagen geliehen hatte, um der ~Bleß~ die eiternde Wunde am Fuße zu heilen.

Ich ging hinunter....

Aus dem Stalle klagte wieder das schwermütige Lied. Ich trat in die Küche. Kein Mensch. Die Lampe wachte allein bei der Kochmaschine. Dort brodelten die Kartoffeln. Ich schritt leise durch den Gang in den Stall.

„~Jesses, baß dû dât!~“ Sisi war erschrocken.

„~Jô, Sisi! A wé gêt et mat der Koû?~“

„~Gut, Jêmp!~“

„~Dât frèt mech. Dann hoût d’Möttel awer geholef?~“

„~Jô, Jêmp! d’aß e séer gut Möttel!~“

Ich trat heran an die schöne, schwarzweiße Kuh, streichelte über den glatten, geraden Rücken und besah den Fuß. „~D’aß ganz hêl.~“ Dann erzählte ich von unserm alten ~Fox~, der sich am ~Kéler~ wund gerieben hatte, und bei dem ich jetzt die Flasche brauchte.

~Sisi~ war vom Stuhl aufgestanden und hatte den Milcheimer in die Mitte des Ganges gestellt.

Ich hustete ein paarmal. Einen Augenblick war es ruhig. Man hörte das Reiben der kauenden Kühe.

Dann kam ich auf die eigentliche Ursache meines Besuches.

~Sisi~ stand dicht neben mir und schaute mich groß an. Sie ließ mich aussprechen.

Noch nie war sie mir so tüchtig vorgekommen, wie an diesem Abend.

Sie schien gefaßt, sehr ruhig. Nur ihr Atem ging schwerer und stärker als sonst.

„~Nê, Jämp, kên âneren! A wann ech och eng âl Joffer mîßt gin. An t’brauch kên mir en âneren ze bréngen. Meî Papp net, a kê Mensch!~“

Das Weinen war ihr nahe. Müde lehnte sie sich an den eisernen Träger. Ein tiefer Seufzer straffte die flanellene Bluse.

„~Sisi, sef dach verstäneg! Dû muß dach âgesinn, dat et net ka sinn!~“

Sie schwieg und schaute mich groß, sehnsüchtig an.

Dann griff sie an den Hals und zog unter der Wolljacke ein dünnes Kettchen hervor: „~Kennst et nach?~“

Am Kettchen hing das silberne Herzchen.

„~Zönter dêr Zeit hun ech et nach ömmer gedrô’en.~“

In ihren Augen lag ein feuchter Glanz. Eine lange Pause folgte. Eine große, andächtige Stille. Wir atmeten tief in dieser wehen und doch so schönen Erinnerung...

~Sisi~ lehnte den Kopf an meine Schulter, schloß halb die Augen und erzählte mit flüsternder, schluchzender Stimme, wie das Herzchen ihr stets ein Unterpfand unserer Liebe gewesen. Und wie treu und aufrichtig und ergeben sie mich liebte. Nur mich, mich allein. Und daß sie alles für mich täte, alles....

Ihre Stimme klang klagend, flehend. Die Aufregung machte ihr das Atmen schwer und hatte ihre jugendlichen Wangen rot gefärbt.

Ich ergriff ihre Hand. ~Sisi~ ließ es ruhig geschehen. Ich hielt die warme Mädchenhand in der meinen wie etwas Liebes, das man nur gezwungen fortgibt.

„~Sisi, mer gin dach net bés ausenâner?~“

Eine Träne leuchtete in den blauen Augen, perlte über die roten Wangen und fiel brennend auf meine Hand.

Ganz leise weinte sie vor sich hin -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Aus der Küche kamen Tritte.

„~Meng Mamm!~“ ~Sisi~ fuhr erschrocken auf und hielt erregt den Atem an.

„~Meng Mamm!~“

Hastig fuhr sie mit der Schürze über das Gesicht, trocknete die Tränen, ergriff den Eimer und den Melkstuhl und setzte sich zu einer Kuh, das Gesicht nach der Wand gekehrt.

In schnellem Takte folgte das Zischen der Milchstriche. Bisweilen rasselte eine Kuh an der Kette. Sonst war es ruhig.

Die Tritte kamen näher....

Es war ihre Mutter.

Ich stand bei der kranken Kuh, strich ihr über den Rücken und besah den Fuß.

Die alte Frau trat freundlich zu mir und bedankte sich für das gute Mittel. Sie wolle sich auch mal erkenntlich weisen. „~É Gefâlen aß enges ânere wèrt~,“ sagte sie in treumütterlichem Tone.

~Sisi~ sah nicht um, drückte den Kopf fest an die Flanke der Kuh und melkte weiter....

Wir gingen in die Küche. Die alte Frau gab mir die Arnikaflasche und begleitete mich hinaus bis auf die Haustüre.

Der Himmel stand voll funkelnder Sterne. Drüben im Walde klagte ein Käuzchen.

Schaurig drang sein wimmernder Schrei in die große, kalte Einsamkeit.

„~Den Doûdevull~,“ sagte kurz die alte Frau. „~Erem ên, dé stiérven muß~....“

„Stille Nacht, heilige Nacht, Alles schläft....“

Anheimelnd klang die liebe Weise aus der Schule herüber. Dort übten die Kinder ihr Weihnachtslied für das morgige Fest.

Es war schon lange über die Schulzeit hinaus, bereits halb fünf, als die kleinen Sänger entlassen wurden. Geräuschvoll ergoß sich der Schwarm ins Freie. Es kam Leben, jugendliches, rasch pulsierendes Leben auf die neubeschneite, stille Straße. Die Knaben tummelten sich herum, machten Schneebälle, johlten, warfen nach den Mädchen. Die standen noch ganz unter dem Einfluß des heiligen Liedes. Sittsam, ruhig, in kleinen Gruppen, gingen sie nach Hause. Nur wenn die Jungen ihnen zu arg mit den Schneeballen zusetzten, liefen sie schreiend fort.

„~Ob d’Kreschtköndchen och mûr könnt?~“ meinte traurig eine der Kleinen.

Die andern blickten besorgt auf.

„~A woûfir soll d’Kreschtköndchen dan net kommen?~“ Fast gleichzeitig kam die Frage von allen Seiten.

„~Well ze vill Schné fällt. Wan et net dran stéchen bleiwt.~“

„~Nên, et dârf net dran stéchen bleîwen~,“ sagte flehend ein kleines, blondes Ding. „~Mîr béden, dat den Hergott deß Nûcht ké Schné mé herofschitt, da könt d’Kreschtköndchen secher.~“

„~A mîr sin och ömmer brav gewescht, da werd et dach bei eis kommen~,“ ergänzte schüchtern ein kleines Schwarzhaariges.

„~Hähähä!~“ fiel lachend ein Junge, der sich herangeschlichen hatte, ins Gespräch. „~Kreschtköndchen! Hähähä!~.... ~D’könt gewéß e Kreschtköndchen!~.... ~D’Mamm aß d’Kreschtköndchen! An d’Sâche kèft se bei Gudekâfs Nékel oder beim Schoûlklos~....“

Die Mädchen blickten den frechen Jungen erstaunt, bös an, stießen ihn von sich und liefen weg, so rasch sie konnten.

Nein, mit dem wollten sie keine Gemeinschaft halten....

Ich ging gerade vorüber, hinunter zur Station.

Das war doch etwas ganz Eigentümliches, dieser kindliche Glaubensstreit.

Kaum zehn Jahre hatten die Mädels. Und der Junge war auch nicht älter.

Wie die Mädchen sich gegen die Lästerung wehrten! Ihren heiligen Glauben wollten sie sich nicht rauben lassen, nicht von diesem dummen, naseweisen Jungen, dem sie in der Schule weit überlegen waren.

So sind die Mädels. Den Puppen geben sie eine Seele. Und das Christkindchen lassen sie in kalter Winternacht durch den Schnee kommen....

So bleiben sie auch später. Und so ist ~Mäsch Sisi~ noch heute....

Vor mir reckte der alte Birnbaum seine dürren Aeste breit in den nebligen Abend.

Damals stand er in weißer Blüte, als ich ~Sisi~ das kleine Herzchen geschenkt hatte. An diesem Herzchen hängt ~Sisi~ noch heute mit ganzer Seele.

Kinder waren wir damals. Große Kinder mit kindlichem Glauben an eine gemeinsame, glückliche Zukunft. Die hatte der Tod geraubt, als er ~Sisi’s~ Bruder mit fortriß. Das war hart. Ich fügte mich in das Schicksal. Aber ~Sisi~ hängt noch immer an dem erstorbenen Glauben.

So sind die Mädchen. Sie können die rauhe Wirklichkeit nicht leicht fassen. Und sie wollen sich nie von den goldigen Jugendträumen trennen....

Drunten durchs Tal rasselte der Zug. Ich griff erschrocken nach der Uhr.... Nein, es war noch Zeit, noch eine halbe Stunde....

Der Zug eilte vorüber. Ein fahler Lichtstreifen jagte dahin, verlor sich im Nebel....

Diesem Lichtstreifen gingen meine Gedanken nach, von Station zu Station, über die hohen Brücken, nach Luxemburg.

Dort mußte jetzt der Oheim abfahren.... Dort sollte ich in drei Wochen mein Liebchen sehen....

Vielleicht weiß der Oheim etwas Neues über die Freierei. Vielleicht hat der alte Berelsvater ihm etwas geschrieben....

Der Zug hatte über eine Viertelstunde Verspätung. „~Wè’nt dé ville Leiten, dé elo résen~,“ meinte der Oheim. Er war der Einzige, der mit mir ins Dorf ging. So war es ganz recht. Da konnten wir ungestört mit einander plaudern.

„~A wé stömmt et dann?~“ Er blickte mich fragend, neugierig an.

Ich erzählte meine Erlebnisse.

Der Oheim lauschte, stellte Fragen, lauschte.

„~D’aß dach koriés~,“ meinte er. Dabei schüttelte er den Kopf.

Eine Weile schritten wir still durch den Schnee. Er zog seine kurze Holzpfeife aus der Tasche, stopfte auf, blieb stehen, zündete an.

„~Da wären sî jo all derfir, bis op den âlen Berels?~“ Er blinzelte durch die Rauchwolke und schaute mich fragend an.

„~Jô, all~!“

„~A wofir soll dén dergént sin?~“ Er faßte mich am Arm.

„~Mononk, ech hun keng Ahnong. Aß et fleicht aus Knéckigkét?~“....

„~Mengst de?~.... ~Dan erziél mer emol gené, wé et op dengem leschte Besuch gângen aß~.“

Ich erzählte.

„~Soû, vun èrem Doûref hut der geschwât~.... ~A vun denge Pîrchen~.... ~A vun dengem Motor~.... ~An denger Schroûtmillen~....“

Der Oheim nickte gewichtig bei jedem Wort.

„~A wât sot du den âle Berelspapp?~“

„~Pô! En âle Mann. Hé kennt ze wéneg derfun. An hién aß~....“

Der Oheim ließ mich nicht aussprechen. Er faßte mich am Arm.

„~Kuck, Jämp, hoûl mer et net iwel. Ech mengen, du häß dech fleicht ze vill gebrätzt.~“

Ich machte ein saures Gesicht. „~Mä Mononk, ech~....“

„~Los mech emol ausschwetzen. Dir jong Leit wöllt den ânere Leit èr Sâch ze vill opdrängen.~“

Wieder blieben wir einen Augenblick stehen.

„~Kuck, Jämp, ech kennen dech jo wé kên zwêten. Du baß e ganz dichtege, fleißege Jong. All Respekt derfir. Awer du baß nach e böschen jonk.~“

„~Wé meng der dât, Mononk?~“