Berels Berta: Eine Bauerngeschichte aus dem Luxemburgischen

Part 2

Chapter 23,777 wordsPublic domain

~Lisa~ konnte ihn auch recht leiden, und ~Jäng~ kam oft auf Besuch. Die Freierei war flott im Gange. Und die Eltern sahen das gerne.

Da kam eines Tages ein junger ~Fonktionär~ ins Dorf. Der war tüchtig herausgefiezt. Er konnte so schön tun, erzählte allerhand Faxen und hatte bald dem Mädchen den Kopf verdreht. So berichtete die alte Frau.

Die Sache interessierte mich sehr.

„~A wé aß et dû gângen?~“

„~Wé et gângen aß! Krâch a Streit hu mir an t’Haus krit. D’Lisa konnt de Jäng net mé leiden. An hat hoût him Frechhèten gemâcht, wo et nömme konnt, an~....“

„~Jô, an~....“, warf ich ein, um die alte Frau, die sich in einen förmlichen Eifer hineingeredet hatte, etwas ausschnaufen zu lassen.

„.... ~an dât dommt Steck hoût hién missen hun.~“

„~An dû?~“

„~An dû hu mir dem Här Fonktionär seng Scholden misse bezoûlen.~“

Ich nickte mißfällig.

Es entstand eine Pause. Die alte, energische Frau atmete schwer. Sie hatte sicherlich noch etwas auf dem Herzen, was sie drückte und das sie nicht sagen wollte.

„~Wé an engem Prisong sötzt et do~,“ spann sie den Faden weiter. „~A wann et kê Kand hät, dann dét et sech zu Doûd lângweilen.~“

„~Kanner brengen Frid an de Stod~,“ bemerkte ich, um das Gespräch abzuschließen.

Mein Ausspruch gefiel der Alten. Ihre Augen leuchteten.

„~Ganz richteg, jongen Här. Wann dât Kand net wär, dann géng ech och nach haut net no hinnen kucken.~“

„.... ~Dir hud e gut Hiérz, Madam!~“

„~Dat könnt hinnen elo gut~,“ betonte kräftig die alte Frau. „~Et get ên hinnen jo och giér, wât ên huôt, Botter, Solperflêsch, a frösch Èer; awer d’Henger léen elo esoû wéneg, an~....“

„~Letzeburg! Alles aussteigen!~“

Da war unser Gespräch abgerissen. Ich reichte der Frau den Korb hinunter. Er war ordentlich schwer -- -- -- -- -- -- --

~Lisa!~

Ich saß allein im Coupé mit meinen Gedanken. Und immer wieder kam mir die alte, energische Frau in den Sinn. Und die ~Lisa~.

Wie diese ~Lisa~ gibt es viele, sehr viele. Die hat das Leben der Stadt geblendet. Anmutig und sorgenlos und genußreich scheint ihnen das Leben.

Aber sie kennen es nicht, weil sie oberflächlich urteilen. Weil sie alles nach Aeußerlichkeiten bewerten.

Arme ~Lisa~! Denk doch etwas weiter!

Was ist Glück?

Das Glück hängt nicht an einem schönen Kleide, an einem neumodischen Hute, an gelben Schuhen, an durchbrochenen Strümpfen.

Warum hatte die ~Lisa~ den ~Jäng~ nicht gewollt? Weil der zu schwerfällig war, zu ernst und zu alltäglich. Weil er nicht begriff, daß das Weib auch Sonnentage begehrt, an denen es nichts hören will von der rauhen Sprache der Arbeit.

~Jäng~ kannte nur diese Sprache der Arbeit.

Darum schnappte ihm der ~Fonktionär~ die ~Lisa~ weg.

So darf man nicht ums Weib anhalten. So will ich nicht um ~Berta~ freien.

Mit den rauhen Händen der Arbeit und einem Herzen voll Sonne wirbt man um die Braut.

Die rauhen Hände sind für die Alten, das junge, sprudelnde Herz ist für die Braut.

So muß man auftreten können. Nicht immer wie ein sorgender Großvater. Und auch nicht immer streng und grießgrämig wie ein barmherziger Bruder.

Mut, Lebensfreude, Humor, das suchen die Mädchen.

Ein freundliches, lustiges Wort, das dringt zum Herzen. Mit Freundlichkeit kann man die Welt erobern.

So rüstet man sich für die Werbung. So ging auch ich auf Brautschau.

Auf dem Bahnhof erwartete mich der Eidam.

In ~Heinrich Holmer~ hatte ich ein unbegrenztes Vertrauen.

Merkwürdig. Es gibt Menschen, die wirken stets abstoßend, entfremdend. Andere wieder ziehen uns an und öffnen uns das Herz und sind unsere Freunde.

Das sind Sonntagskinder. Die dürfen niemals unglücklich werden.

~Heinrich Holmer~ gehörte zu denen.

Wir plauderten zusammen, wie zwei, die sich schon lange, sehr lange kennen und sich gut verstehen.

Wir sprachen vom Wetter, vom ersten Schnee, von den jungen Saaten und von ~Berta~.

~Holmer~ erzählte mir von ~Berta~.

Ich hätte gute Aussichten, viele Chancen, meinte er. Wenn er es sagt, kann ich es glauben.

„~D’Mamm aß ganz derfir. An d’Berta natirlech och. Nömmen~....“

Ich blickte ihn etwas erschrocken an. Ein kalter Schauer fuhr mir durch die Glieder.

„.... ~nömmen de Papp wöllt nach e böschen zereckhâlen.~“

Stürmisch trieb der Wind den Schnee vor mir her.

„~Esoû. A woûfir?~“

„~Woûfir! Well hién en âle Man aß. E Man vun der âler Èrd.~“

Dann schwieg er.

So schritten wir eine Weile weiter.

Vor uns auf der Anhöhe lag das Dorf. Im Schneegestöber erkannte ich schon den hohen Kirchturm.

In der Stille klangen die Mittagsglocken. Manchmal laut, feierlich; dann wieder leise, gebrochen, wimmernd.

„~Mä, dât hoût neischt ze bestellen~,“ griff ~Holmer~ das Gespräch wieder auf. „~D’Sâch wärd schon an d’Rei go’n.~“

In den Pappeln stöhnte der Wind.

„~Hei, do kommen se jo!~“ rief er auf einmal und zeigte mit dem Arm auf die Beiden, die unten aus dem Dorfe herkamen.

„~Sie kommen aus der Möß~,“ fügte er erklärend bei.

Nun erkannte auch ich ~Berta~ und ihren Vater. Wir gingen rascher.

Vor dem Berelshause trafen wir uns.

„~Der brengt Schné a Kèlt mat. Kommt, loß mer an t’Haus go’en~,“ sagte der Berelsvater.

Ich drückte ~Berta~ fest die Hand. Sie blickte mir offen in die Augen und ich verspürte ihren noch kräftigeren Händedruck.

Der Empfang war wieder sehr freundlich.

~Berta~ servierte das Essen, wie bei meinem ersten Besuche. Und als sie die Torte aufgetragen hatte, machte die Mutter ihren Platz frei. Dahin setzte sich ~Berta~. Dicht neben mich.

Dann sprachen wir von meiner Heimat.

„~D’aß nach ewell e groûßt Duôref~,“ meinte der Berelsvater.

~Berta~ brachte die Ansichtskarte. Und nun mußte ich erklären. Dort unten die Kirche. Links der Bahnhof eine halbe Stunde vom Dorfe; hier unser Haus mit den Ställen zur rechten Seite.

Der Berelsvater hatte seine alte Hornbrille aufgesetzt und war etwas näher gerückt.

„~An hei aß eise Bongert hannert dem Haus.~“

Mit Interesse folgte er meinen Worten.

„~Aß dé groûß?~“ warf er dazwischen.

„~Anerhalve Moûrgen.~“

„~Soû!~“

„Und daneben haben wir noch ein großes Feld, das jetzt als Weide für Jungvieh und Schweine eingezäunt ist. Die Tiere können direkt aus dem Stall hineingelangen.“

Der Berelsvater war auf seinen Stuhl zurückgesunken und horchte gespannt.

„~Ei, dât aß kamoûd~,“ rief ~Berta~ mit heller Stimme dazwischen.

„Ja, sehr bequem. Uebrigens haben wir fast all unser Land in der nächsten Nähe des Hauses. Etwas weiter am Berg haben wir noch vier Hektar, die auch aneinander liegen; das war früher Ackerland. Aber seitdem ich am Ruder bin, haben wir es uns bequemer gemacht und...“

Der Berelsvater machte große Augen.

„.... und haben es zu Viehweiden angelegt.“

„Ist das rentabel?“

„Und ob? Es bringt viel mehr Gewinn als früher, wo wir es ganz unter dem Pfluge hatten. Und wo man sich zu Tode schinden konnte. Nur einen Nachteil hat diese Weide noch.“

„So! Und welchen?“ Der Berelsvater zeigte großes Interesse für diese neue Ausnutzung des Landes.

„Es fehlt noch an Wasser. Wir haben uns lange den Kopf zerbrochen, was da wohl zu machen wäre. Die Wasserleitung können wir nicht hinführen. Und Wasser ist oben im Berg nicht zu finden, da....“

„Da wird wohl nicht viel zu machen sein,“ meinte wegwerfend der Berelsvater.

„Ja doch. Es ist schon zu machen. Und im nächsten Jahr wird’s gemacht. Dann setzen wir einen Windmotor hin, der uns das Wasser aus der Tiefe heraufpumpt. Wasser ist da. Wir haben gebohrt und in 6 Meter Tiefe Wasser gefunden. Aber es muß mit einem Windmotor heraufgepumpt werden.“

„Ein Windmoootooor?....“ Der alte Berelsvater war ganz erstaunt.

„Und was kostet der?“ fügte er gleich hinzu.

„Was der kostet? Ich schätze die Einrichtung mit der Pumpe auf etwa sechshundert Mark.“

„Sechshundert Mark!“ klang seine Stimme gedehnt zurück.

„Ja, so viel wird es wohl kosten. Aber es macht sich sicherlich gut bezahlt. Denn eine Viehweide ohne Wasser ist und bleibt immer nur eine halbe Weide.“

Einen Augenblick war es ruhig im Zimmer. Hastig tickte die alte Uhr die Sekunden herunter.

„So ist es mit vielen Ausgaben in der Landwirtschaft,“ griff der Eidam ins Gespräch ein. „Wenn man immer davor zurückschreckt, bleibt man im alten Geleise stecken und kommt überhaupt nicht voran.“

Das freute mich.

Auch ~Berta~ nickte bejahend zu.

„Ja, so ist es,“ spann die alte Berelsmutter das Gespräch weiter, „man muß einmal mit den veralteten Einrichtungen aufräumen. So ist es auch mit unserm Schweinestall, der muß für’s Frühjahr neu gemacht werden.“

Der alte Berelsvater warf ihr einen finstern Blick zu.

Ich erzählte von unsern Schweineställen, die erst vor einem Jahr umgebaut worden waren und jetzt ganz praktisch sind.

Auch von dem Trockenfütterungsapparat und der automatischen Selbsttränke erzählte ich.

Damit hatte ich die Neugier aller geweckt. ~Berta~ und die junge Frau und die Mutter bestürmten mich mit Fragen. Wie das eingerichtet wäre. Und ob es sehr bequem sei. Und ob es sich gut rentiere.

Auf die Rentabilität ging ich näher ein, wegen des alten Berelsvaters. Einnahmen und Gewinn, damit muß man die Alten ködern. Von Ausgaben sind die kein Freund.

Darum erzählte ich, wie das Körnerfutter in geschrotenem Zustande viel besser verwertet wird. Und wie vorteilhaft es ist, das Schroten selbst zu besorgen.

„Von allen Maschinen scheint die Schrotmühle sich am besten bezahlt zu machen, hat man mir schon oft gesagt,“ ergänzte der Eidam.

„Schro-o-otmühle.“ Es lag so ein sonderbarer Klang in der Stimme des Berelsvaters. „Und womit treibt man diese Schrotmühle?“

„Wir haben schon seit vier Jahren einen fünfpferdigen Benzinmotor, der treibt die Schrotmühle, die Dreschmaschine, die Häckselmaschine und eine Kreissäge.“

„Und eine Kreissäge,“ wiederholte der Berelsvater. „Dann müßt ihr ja bei den vielen Maschinen beständig einen ‚~Mécanicien~‘ zum Reparieren haben.“

Ich mußte lachen. „Nein, der ~Mécanicien~ bin ich selbst.“

„So-o-o!“

„Ja! Vor vier Jahren habe ich im Winter in ~Mons~ einen Maschinenkursus, den die Regierung organisiert hatte, mitgemacht. Mein Vater hielt darauf und ich auch. Um diese Zeit ist ja doch nur sehr wenig zu Hause zu tun. Ich lernte den Motor und das Montieren genau kennen. Und zugleich habe ich mich wieder etwas mehr im Französischen geübt.“

~Berta~ blickte mich erstaunt von der Seite an. Es gefiel ihr, daß ich all die Sachen kannte.

Einen Augenblick stockte das Gespräch.

„~A woû hut dir èrt Franzéscht geléert?~“ forschte der Berelsvater weiter.

Da erzählte ich von der Ackerbauschule und von dem Hofe bei ~Nancy~, wo ich ein Jahr lang gearbeitet hatte. Es ist gut, wenn man auf einem Musterbetriebe andere Leute wirtschaften sieht. Sonst ererbt man die alte Wirtschaftsweise und bleibt ganz im alten Geleise.

Der Eidam nickte mir zu. „~D’get ên en ânere Kiérel~,“ meinte er.

Der Berelsvater schaute wieder einmal groß auf.

„~Dât aß ganz rîchteg~,“ ergänzte die Berelsfrau. „~An doûfir hun ech drop gehâlen, dat ons zwé Méderchen d’Pensioûn matgemâcht hun.~“

Dann erzählte die Berelsfrau viel über die Pensionszeit der ~Berta~, und was sie alles da gelernt hatte -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

~Berta~ hatte unterdessen den Tisch gedeckt. Denn die Uhr zeigte schon auf halbfünf. Und um sechs ging mein Zug.

Natürlich wollte das ganze Haus mich wieder überreden, zu bleiben. Aber das ging nicht.

Wir aßen von der saftigen ~Hâm~, vom frischen Braten und tranken von dem guten ~Grächen~.

Der Abschied kam. Wir wurden ernster und besprachen das Weitere. Wann die Berelsleute zu uns kommen würden, fragte ich.

„~An enger Woch komme mer~,“ bekräftigte die Berelsmutter. ~Berta~ war etwas befangen. Ein leichtes Rot huschte über ihr Gesicht. Aber in ihren Augen leuchtete eine selige Freude.

„~Jô, da komme mer, wann d’Wiéder net ze schlecht get~,“ meinte der Berelsvater. Seine Stimme klang tiefer, tiefer als gewöhnlich.

„~Papa, d’Wiéder get net esoû schlecht!~“ ~Berta~ war ungeduldig.

Ich blickte ihr tief in die Augen. Sie lächelte.

„~E schéne Groûß fir èr Mamm an ère Papp~,“ flüsterte sie. Und sie lehnte sich dicht an mich, daß ich die Wärme ihres Atems spürte.

„~Eddé dann, bis iwer âcht Dèch!~“

„~Jô, oder iwer véerzeng Dèch. Mir schreiwen iéch!~“ rief der alte Berelsvater mit seiner harten, unfreundlichen Stimme.

Wir schritten durch den Hof die Straße hinunter, der Eidam und ich.

Einmal noch schaute ich zurück. Berta stand auf der Türe und winkte. Da winkte auch ich.

Im ~Hîrzel~ des Scheunentores lag wieder jemand.

Das war der Knecht....

Der reckte noch lange den Hals heraus und witterte -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Der Eidam gab mir eine gute Strecke das Geleite.

„.... ~Dajé! Loß mer hoffen, daß mer bâl Familjen gin! Eddi!~“..........

Vom Berge her klangen die Abendglocken. Hell und silbern zitterten sie durch die stille, kalte Winterluft.

Nun wird ~Berta~ zur Andacht gehen und beten, damit wir uns finden.

~Mei léft, gut, bravt Kand!~

Mir war so wohl, so leicht ums Herz. Und goldiger Laune schritt ich hinunter durch das frostige Halbdunkel.

Liebeslieder, Heimatslieder zogen mir leise durch die Seele..............

Der Zug war vollgepfropft mit langweiligen Menschen. Die rochen nach Bier und Schnaps und protzten mit ihrer Kraft.

„~Hackernondikaß! Ech hun haut véerzeng Humpen gepackt!~“ brüllte ein kleiner, dickgesetzter Bursche aus der Ecke.

Jeder wollte mehr vertragen können als der andere.

Und sie stritten sich um diese Ehre. Ein sonderbares Vergnügen, diese Sauferei.

Blutjunge Kerls waren darunter. Von sechzehn, siebzehn Jahren. Das waren die wildesten.

~Aarem Médercher, dé d’Ongléck hun, esoû ên opzetrommen.~

Bis Luxemburg mußte ich in dieser Gesellschaft ausharren.

Da suchte ich mir ein ruhiges Plätzchen in dem Merscher Zuge. Ich wollte allein sein mit meinen Gedanken, mit meinen Erlebnissen, mit meinen Erinnerungen....

„~Endlech!~“ Das war das erste Wort der Mutter, als ich eintrat. „~Wât aß mir haut Zeit lang gin!~“

Wir gingen in die warme Stube. Nun mußte ich erzählen und Antwort stehen.

Das tat ich gern und leicht und lachenden Mundes.

Es war schon halb elf. Wir plauderten immer noch von den kommenden Zeiten.

„~Da mâch an deser Woch alles gut an d’Reih~,“ sagte der Vater noch beim Schlafengehen. „~Vun der éschter Impressioûn hängt vill of. An dû wês, elo am Enn vom Johr gin Kniécht mé lidderèg. Kuk hinnen doûfir mé op d’Fangeren!~“

In den folgenden Tagen war ich sehr geschäftig. Ueberall war noch zu säubern und zu ordnen.

Vom ersten Augenblick an muß es den Berelsleuten bei uns gefallen. So wollte ich es.

In der Scheune lag noch ein Haufen Weizen vom Samstag. Der sollte in diesen Tagen gereinigt und abgeliefert werden. Ich ließ ihn liegen. Wegen des Berelsvaters. Damit der sehe, was wir alles zu verkaufen haben. Alte Leute muß man zu ködern wissen.

Mit den Knechten war ich strenger als sonst. In Ställen, Scheune und Schuppen mußte alles in bester Ordnung sein.

Wenn der Berelsvater das sieht, wird er staunen.

Eine Drillmaschine hat er ja auch noch nicht. Da werde ich ihm die unserige zeigen.

Und dann erst die Motor-Einrichtung. Schade, daß der Besuch an einem Sonntag stattfindet. Sonst könnte ich ihm alles in Betrieb setzen.

Na, vielleicht lasse ich den Motor nur mit der Schrotmühle laufen. Das macht nicht so viel Spektakel.

Die Schrotmühle möchte ich ihm jedenfalls zeigen. Wegen des Eidams und des Futterautomaten.

Der wird ~Berta~ gefallen, dieser Futterautomat mit der Selbsttränkanlage.

Da ist wenig Arbeit, viel weniger als früher. Und rentabel ist es auch. Natürlich muß es richtig gemacht werden. Und richtig gemacht wird es schon. Dafür sorge ich.

Und wenn das Wetter gut ist, gehen wir noch in den Jungviehpark und hinauf in die neue, große Weide, wo wir nächstes Jahr den Windmotor aufstellen. Von da aus kann ich ihm einen Ueberblick über unsere Flur geben. Auch werde ich ihm dort zeigen, wo wir das meiste Land haben. Dann sieht er, wie bequem unser Betrieb ist.

Das alles muß ihm gefallen.

Jeden Tag wartete ich auf einen Brief der Berelsleute.

Es kam nichts.

Ich wurde verdrießlich. Die Tage lasteten schwer auf mir und nahmen mir alle Freude.

Mein Vater ging mißgestimmt aus und ein.

Die Mutter suchte mich zu beruhigen.

„~Sie wêrde woûl mâr schreiwen~,“ sagte sie jeden Abend.

So hoffte ich auf den kommenden Tag.

So verbrachte ich unruhige Nächte.

Ob der Brief wohl morgen kommt?

Erst Samstags schrieben sie.

Ich riß den Brief erregt auf und las.... Der Brief zitterte in meiner Hand. Und ein Zittern ging mir durch den Körper.

„~Nondikaß! A woûfir schreiwt dén esoû e Bréf?~“ Kalt lief es mir den Rücken herunter. „~Woûfir schreiwt dén esoû e Bréf?~“

Ich spürte ein Stechen in der Brust.

Und Lebenslust und Freude fielen von mir ab wie Blüten vom sturmgeschüttelten Aste. Ich knitterte an dem Brief und wollte ihn in Stücke zerreißen.

„~Hun se geschriewen?~“ rief die Mutter herüber von der Haustüre.

Aerger stieg mir im Halse herauf und würgte mich an der Kehle. Mein Atem stockte. Die Lunge keuchte.

„~Kommen se net?~“ rief sie wieder.

Da reichte ich ihr den Brief. „~Do liést, Mamm.~“.................

Wir schritten langsam ins Haus.

Der Vater kam uns entgegen.

„~Hun se geschriewen?~“

„~Jô, Papp!~“

Die Mutter las. Ihre Hand zitterte.

„~D’aß gefèhlt, Piér! D’aß gefèhlt!~“ Sie schüttelte den Kopf.

„~Mä, wât schreiwen se dann?~“ Der Vater war ärgerlich. „~Liéß emol hârt, wat se schreiwen!~“

Da las ich mit zitternder Stimme in abgerissenen Sätzen:

Geehrter Herr ~Welsch~!

Ich tue Ihnen zu wissen, daß wir die Sache einstweilen wegen des schlechten Wetters ausgesetzt haben, und daß ich mir mit der ~Berta~ die Sache anders überlegt habe. Sie ist übrigens noch jung und kann noch ganz gut ein Jahr warten.

Grüßt bestens

~Johann Baptist Berels~.

Stürmisch peitschte der Wind nassen Schnee gegen die Fenster.

Im Zimmer war es einen Augenblick still.

Schwermütig tickte die alte Wanduhr.

„~Wèrd woûl ên eppes gént eis geschriewen hun!~“ sagte der Vater mit ziemlicher Ruhe. Er verstand es sich zu beherrschen.

Die Mutter sah mich groß, fragend an.

„~Wât mengst du, Jämpé?~“

Was sollte ich meinen?... Mir war es elend und erbärmlich... Die ganze Welt hätte ich in Stücke schlagen können...

Ich ging hinaus in den Stall zu den Knechten. Die waren mit Ausmisten beschäftigt. Ich musterte die Arbeit und schimpfte. Ich fand den Dünger schlecht ausgebreitet. Und die Türe der Ställe stand zu groß auf. Das gäbe Zugluft, schimpfte ich. Darüber wetterte ich aus voller Lunge.

Die Knechte sagten nichts, stießen die Türe zu und arbeiteten weiter wie Tiere.

Nachmittags gingen wir in den Wald. Dort fällten wir Bäume, bis der Abend kam.

Wald, Einsamkeit, Kälte, harte Arbeit, das alles brauchte ich.

So starb der unselige Tag dahin.

So kam der Abend.

Ich haßte diesen Abend. Weil wieder von dem Briefe gesprochen wurde. Weil ich nichts für das Herzeleid meiner Eltern hatte, keinen Trost, keine Aussicht.

Eltern denken mehr an unsere Zukunft als wir.

Dieser verfluchte Brief!

Warum hat der Berelsvater den geschrieben? Warum?

Die Mutter saß am Tisch über dem Nähzeug gebückt. Schweigend reihte sie einen Stich an den andern. Und mit jedem Stich reihte sie einen schmerzlichen Gedanken zum andern.

Der Vater sog mißgestimmt an der Pfeife.

Schwermütig schleppte sich das Gespräch durch die Abendstunden.

Schwermütig tickte die Uhr.

Schwermütig rasselte der Wind.

Ich trug in die Buchführung ein, um eine Beschäftigung zu haben. Und ich blätterte rückwärts, vorwärts, stellte Konten auf, erdrosselte den Abend.

Ich ging bald schlafen, früher als sonst.

Lange stand ich noch am Fenster und schaute hinunter in das winterliche Alzettetal.

Warum schrieben sie diesen Brief? Warum?

Es kam eine stürmische Nacht, ohne Sterne, ohne Mond.

Dunkel war es draußen und dunkel in meinem Herzen.

Ich schlief schlecht.

Wirre Träume jagten mir durch den Kopf. Träume von Liebe und Glück. Ich wachte auf. Die Bilder zerbrachen. Andere folgten. Zerbrochene....

„~Berta! Berta!~“ Wir haben uns doch so lieb!

Warum dieser Brief? Warum?....

Sonst freute ich mich immer auf den Sonntag.

Heute haßte ich ihn. Weil er mir zu viel Zeit zum Nachgrübeln brachte. Lange Stunden, die ich nicht in Arbeit ersticken konnte.

Ich war aufgeregt, streitsüchtig. Das machte die schlechte Laune. Die mußten die Knechte austrinken. Bei der Morgenfütterung blieb ich in den Ställen, bis sie mit der Arbeit fertig waren.

Als ich zur Kirche ging, hatte es schon abgeläutet. Ich kam später als sonst. Keinen Kameraden wollte ich treffen. Keinen Menschen wollte ich lachen sehen.

Neben mir, in der zweiten Reihe, saßen ~Mäsch Sisi~ und ~Wônesch Henriette~.

Als ich nach ihnen umschaute, gingen meine Gedanken weit fort, über den Grünewald, hinüber ins Syrtal.

Nein, wie ~Berta~, gab es kein zweites Mädchen. Wie ein blankes Goldstück unter altem Kupfergeld, so stach ~Berta~ unter allen hervor....

Der Pfarrer stieg auf die Kanzel.

Der Gesang verstummte.

Die Männer murmelten mit tiefer Stimme:

„Unser tägliches Brot gib uns heute!“

„Unser tägliches Brot....“

Ich stand da, murmelte mit und grämte mich....

Nicht vom Brote allein lebt der Mensch....

„Vergib uns unsere Schuld!“

War es meine Schuld?....

War ich schuldig?....

Ich sann, sann....

Der Pfarrer verlas das Evangelium.

Ich schenkte ihm wenig Beachtung, ich grübelte weiter, sann, suchte...., bis auf einmal das Geräusch mich aufrüttelte....

Wir setzten uns....

In den Stühlen ward es ruhig. Das Husten ließ nach, schwieg. Man fühlte, wie die Leute aufmerksam wurden.

Der Pfarrer sprach mit schöner, voller Stimme, mit heiligem Feuer, mit himmlischer Begeisterung.

Es ging eine Kraft von ihm aus, die alle erfaßte. Und sie saßen da, gespannt, hingerissen.

In mir war Trauer....

Ich war ohne Trost, ohne Hoffnung seit diesem verfluchten Brief.

Was konnten die schönen Verheißungen des Pfarrers nutzen? All die großen Seligkeiten, die er versprach, was konnten die mir helfen?

Verlorene Liebe ist doch immer verlorener Glaube....

Seine Stimme wuchs. Und sie beherrschte die ganze Kirche. „Arbeiten und hoffen und nie verzweifeln!“ In seinen Worten lag Klang, metallischer, alles überwältigender Klang.

In mir blieb Trauer....

„Wirken müssen wir, so lange es Tag ist. Wirken und hoffen und nie verzweifeln.“

Er liebte es, seine Predigt an Naturbilder des Tages anzuknüpfen. In feierlichem Tone sprach er von der winterlichen Erde, die unter Schnee und Eis erstorben ist und von der trauernden, kränkelnden Sonne, die über uns steht, matt und altersschwach, wie eine Sterbende.

„Sollen wir verzweifeln! Sollen wir nicht mehr auf einen neuen Frühling hoffen!“

Dann redete er von Job und seinem Elende und seiner Ergebung. Und er feierte Job’s Vertrauen und Job’s Belohnung.

„Darum glaubet, darum hoffet, darum liebet wie Job!“ Seine Stimme klang prophetisch, versprechend, gnadenspendend.

Wie Weihwasser, wie segnendes Weihwasser flutete sein Schlußsatz:

„Des Glaubens Stärke ist die Hoffnung! Des Glaubens Krone ist die Liebe! Und keine Seele, die liebet, verzweifelt an göttlicher Liebe! Amen....“

Der Chor stimmte ein Adventslied an....

Es liegt eine unendliche Sehnsucht in den Adventsliedern, eine Sehnsucht nach einem fernen Glück....

Dieser Sehnsucht gingen meine Gedanken nach.... Sie suchten nach freudiger Erfüllung. Aber sie fanden keinen Weg.

Die Kerzen brannten, schimmerten. Der Weihrauch stieg empor, erfüllte die Kirche mit weihevollem Duft. Ein Sonnenstrahl drang durch die hohen Fenster und malte rote, grüne und blaue Flecken an die Wand....

Meine Gedanken hingen sich an dieses Durcheinander, flogen hinaus durch die bunten Fenster und suchten nach Licht und Wärme....

Eine quälende Sehnsucht trieb mich immer wieder zu der, auf die ich meine Zukunft aufgebaut hatte.

„Dem Job gab der Herr alles wieder. All seine Kamele und Esel und Rinder gab er ihm wieder. In doppelter Zahl schenkte ihm der Herr alles, weil Job geglaubt und gehofft hatte.“ So hatte der Pfarrer gepredigt.

Warum sollte ich nicht hoffen? Warum?