Chapter 9
Beim Verlassen des Gotteshauses redete ihn im Gedränge der Herr Seligmann an, bei dem er so viele Jahre im Oederweg gewohnt hatte.
»Wie geht's, wie steht's?« erkundigte er sich jovial bei Benno, der das Mariechen behutsam an der Hand führte. »Leben Se noch? Warum lassen Se sich denn gar nicht mehr bei uns sehen? Kommen Se doch emal zum Abendessen! Ich kann Ihnen im Vertrauen sagen, meine Frau kocht noch immer sehr gut polnischen Karpfen. Und ich hätt' auch gern emal wieder mit Ihnen die soziale Frag' gelöst.«
Benno antwortete ausweichend.
Mit dem Verlassen der Synagoge und dem Betreten der trüben Straße war der Friede seines Herzens wieder zerstört.
Seine Gedanken kreisten schon wieder um Martha, und während er mit Seligmann die Zeil entlangwanderte, argwöhnte er bei jedem Kino, an dem sie vorüberkamen: »Vielleicht sitzt se da drin! Vielleicht hat se sich schon wieder mit Herrn Wittmann ausgesöhnt, und er hält im Dunkeln ihre schöne Hand, und sie entzieht se ihm nicht mehr, sondern sitzt unbeweglich und wirft die Perlen ihres Lächelns vor den Herrn Wittmann!...«
»Sie sehen schlecht aus, Herr Stehkragen! Ganz mager sind Se geworden!« fuhr Seligmann besorgt fort. »Ich kann Ihnen nur raten, kommen Se wieder zu uns, polnischen Karpfen essen! Das ist ein guter jüdischer Fisch, der schon manche seelische Verstimmung beseitigt hat! Also kommen Se nächsten Sonntag!«
Benno versprach alles, sagte zu allem Ja und Amen und dachte dabei: Vielleicht is se auch im Theater, und der Direktor Hermann füttert se mit Eis und macht seine Faunfratze dazu, und es is niemand da, der ihm dafür ins Gesicht schlägt, sondern die Leut', die ihn kennen, machen eine Verbeugung und lispeln andächtig: »Das is der Direktor Hermann von der Industriebank, ein Mann mit vierzigtausend Mark Einkommen ...«
Indessen Benno so seinen Gedanken nachhing und das kleine Mariechen auf ihn achtgeben mußte, daß er unter kein Auto geriet, redete Herr Seligmann ununterbrochen weiter.
Er war nun auf das beliebte Thema von der Not der Zeit gekommen und klagte: »Ich sag' Ihnen nix als: Sein Se froh, Herr Stehkragen, daß Se keinen militärpflichtigen Sohn haben! Die Zeitungen gefallen merr gar nicht mehr, es liegt was in der Luft, aber nix Gutes. Was spricht man denn an der Börs'? Die Börs' hat doch eine Witterung wie ein Jagdhund und riecht an jedem Eckstein der Politik. Und die Kurse sind die besten politischen Laubfrösch', bei gutem Wetter klettern se in die Höh', und bei schlechtem Wetter hupfen se 'erunter. Ich hab' Russen, ich mein' nicht die Küchenkäfer, sondern russische Staatspapiere -- soll ich se verkaufen oder soll ich se behalten oder soll ich noch welche dazu kaufen -- nu, so reden Se doch _auch_ einmal einen Ton!«
Und Benno dachte: Vielleicht is se auch im Zirkus und sieht dressierte Affen und denkt _doch_ ein bißchen an mich. Oder sie is im Tingeltangel und sieht einen Jongleur, der Gläser in die Luft wirft, und eins fällt hin und is kaputt, und wie se genau hinsieht, is es mein kaputtenes Herz, und se hebt's auf und läßt sich's vom Kellner einwickeln und nimmt's mit nach Haus zum Andenken an den schönen Abend ...
Er überließ Herrn Seligmann seinen russischen Besorgnissen und verabschiedete sich.
Erst als ihm Seligmann längst aus den Augen war, fiel ihm ein, daß er ganz vergessen hatte, sich nach dem Befinden der Frau und der Kinder zu erkundigen und ihm Grüße aufzutragen.
Der Kopf schmerzte ihn, seine Beine waren so müde, und ihm war in diesem Augenblick alles so gleichgültig, daß er trotz des Verbotes, am Schabbes zu fahren, mit dem Mariechen in die Elektrische stieg.
Und als der Schaffner ihn frug »Wohin?«, da antwortete er zerstreut: »Zweimal Wolfsschlucht!«, so daß das kleine Mariechen ihn ganz entrüstet korrigieren mußte: »Nach'm Sachsehäuser Berg, Herr Schaffner! Ein Erwachsenes und ein Kind unter sechs Jahren!«
Ein Trompetenstoß zerriß die Luft, gellend wie die Posaune des Jüngsten Gerichts.
Die Gräber öffneten sich -- aber nicht um die Toten freizugeben, sondern um Millionen junger, blühender Leben zu nehmen.
Der Weltkrieg war ausgebrochen.
Ein heiliger Taumel ergriff unser Volk, mit seinem Blute dem Vaterland zu danken für alles Große, was es von ihm empfangen.
Auch Benno dachte enthusiastisch daran, sich unter die Scharen der Freiwilligen zu gesellen: Endlich war eine Gelegenheit da, dem geliebten Heimatland Treue mit Treue zu zahlen, durch die Tat sich des Ehrennamens Deutsch würdig zu zeigen.
Aber als er sich im Spiegel besah, da verzerrte sich sein leuchtendes Antlitz zu einer schmerzlichen Fratze. Er war ja ein Krüppel, ein lächerliches Spottbild, verglichen mit den sehnigen Gestalten, die von allen Seiten zu den Fahnen eilten.
Sie würden ihn auslachen. Und wenn er gewiß auch auf dem Schlachtfeld sich von keinem würde an Opfermut überbieten lassen -- auf dem Exerzierplatz würde er eine komische Figur spielen, und sie würden seinen heiligen Eifer mit höhnischem Witzeln entweihen.
Er besaß nur eine einzige militärische Erinnerung, und die war beschämend genug. Vor vielen Jahren war er einmal gemustert worden, als er sein Einjähriges abdienen wollte, und da hatte der Stabsarzt mit einem lächelnden Blick auf seinen Buckel gesagt: »Sie brauchen sich erst gar nicht auszuziehen!« Und alle Anwesenden waren in schallendes Gelächter ausgebrochen.
Nein, er taugte nicht zum Soldaten. Die Natur, die ihn zum Krüppel geschaffen hatte, verwehrte ihm auch diesen Eingang zum Reiche der Unsterblichkeit.
Bitter empfand er es: Wieder einmal war er ausgeschlossen, wo es galt, Schönes, Großes, Ewiges zu vollbringen.
Auf der Bank rief der Ausbruch des Krieges zunächst ein großes Durcheinander hervor. Da waren ausländische Coupons, von denen man nicht wußte: sollte man sie noch einlösen oder nicht; da waren Stöße ausländischer Wechsel, auf die Kredite eröffnet waren, und deren Wert jetzt höchst zweifelhaft geworden war; alle Auslandspost blieb plötzlich aus; da belagerten überängstliche Kunden die Direktion, wollten ihre Depositen und Guthaben zurückziehen, baten um Ratschläge, die sie hinterher doch nicht befolgten; da schwirrten Alarmgerüchte abenteuerlichster Art über angebliche Schwierigkeiten bedeutender Unternehmungen, an denen die Bank beteiligt war.
Auch etliche Herren, die die Hilfe der Bank zu Kriegsspekulationen gewinnen wollten, stellten sich ein. Das Öl würde bestimmt in absehbarer Zeit knapp werden, sie hätten es aus bester Quelle; wenn man es aufkaufe, könne man ein Vermögen verdienen.
Diese ehrenwerten Mitbürger kamen freilich schneller die Treppe hinunter, als sie heraufgekommen waren.
Direktor Hermann erwies sich in diesen stürmischen Tagen als ein wahres Genie. Mit unerschütterlicher Ruhe und Sicherheit leitete er das Unternehmen, und fast alle seine Maßnahmen erwiesen sich späterhin als richtig.
Auch Antonie Hochberg erschien auf der Bank, um sich Rat zu erholen.
Sie bestürmte erregt den wehrlosen Hermann mit tausend Fragen, die ihr nicht einmal der Reichskanzler hätte beantworten können, wollte wissen, wie lang der Krieg dauern werde, und wie sich Hermann, der doch ein gescheiter Mann sei, die Friedensbedingungen denke.
Sie erinnerte sich noch deutlich des Deutsch-Französischen Krieges, sie konnte ihrem Alter nach auch noch das Jahr Achtzehnhundertsechsundsechzig miterlebt haben, und sie jammerte bei diesen Reminiszenzen anhaltend: »O Gott, o Gott, die armen Menschen, die armen Menschen!« Dabei trug sie aber beängstigend große Brillanten in den Ohren, und an ihren Fingern glitzerte eine ganze Juwelengeschäftsauslage.
Von den Schrecken des Krieges schweifte sie dann zu einer eingehenden Kritik des letzten Museumkonzerts ab, um mit der entrüsteten Schilderung des vorvorletzten Frankfurter Ehescheidungsprozesses zu schließen.
Eine Stunde lang hielt sie den armen Hermann auf, der die verzweifeltsten Anstrengungen gemacht hatte, sie schon früher mit höflicher Gewalt zum Gehen zu zwingen.
Unter den Beamten riefen die Einberufungen große Erregung hervor.
Da konnte man Charakterstudien machen.
Leute, die man allgemein für trockene, verschlafene Philister gehalten hatte, überraschten mit der Meldung, sie hätten sich freiwillig zum Heeresdienst gestellt; andere wieder, die im Schwadronieren stets Meister gewesen waren, liefen ob ihrer Einberufung mit Trauermienen umher und beschworen die Direktion, sie als unabkömmlich zu reklamieren.
Einer der ersten, die diesen beschämenden Gang in die Direktion antraten, war Herr Wittmann.
Er hatte gelegentlich einmal betont, Leutnant der Reserve zu sein -- nun stellte es sich heraus, daß er niemals Soldat gewesen, sondern seiner Plattfüße wegen »Landsturm ohne Waffe« war.
Eifrig diskutiert wurde die Frage, wie sich die Bank ihren einberufenen Beamten gegenüber verhalten werde. Würde sie ihnen die Stellen bis zum Friedensschluß offenhalten? Würde sie den Familienangehörigen die Gehälter voll oder wenigstens teilweise auszahlen?
Die Beamten beschlossen, eine Deputation in die Direktion zu schicken, zu deren Sprecher der dicke Rehle gewählt wurde, der allseitiges Vertrauen genoß, und dem man vor allem das nötige Mundwerk zutraute.
Diese Maßregel erwies sich freilich als überflüssig, denn noch ehe die Deputation in Tätigkeit zu treten brauchte, gab die Direktion einen Ukas heraus, der den Wünschen der Beamten auf das weiteste entgegenkam.
Direktor Hermann hatte die Angelegenheit mit Direktor Birron besprochen, das heißt: _er_ hatte gesprochen, und Birron hatte gesagt: »Es wird schon recht sein, Herr Kollege! Ganz wie Sie meinen!«
Amtliche Bekanntmachungen erschienen und wurden in den Bureaus angeheftet. Darunter auch eine Anweisung, wie sich die Bevölkerung im Falle eines möglichen Fliegerangriffes zu verhalten habe: die Straßen seien zu leeren, die Lichter zu löschen und Schutz in den Kellern zu suchen.
Seit diese Bekanntmachung im Wechselbureau prangte, war der zittrige Rittershaus nicht mehr zu beruhigen.
»Ach Gott, ach Gott!« stöhnte er den lieben, langen Tag vor sich hin. »Und der Hauptbahnhof, auf den's die Hunde doch in erster Linie absehen werden, liegt uns gerade gegenüber!«
Jeden dritten Tag ließ er sich von neuem vom alten Binder das Kellergewölbe zeigen und verbrachte dort zur Freude seines Bureaus ganze Stunden mit angeblich notwendigen Revisionen.
Er wollte vom Krieg nichts hören, und so oft Truppen die Kaiserstraße hinauf zum Bahnhof zogen und das Personal an die Fenster stürzte, um Abschiedsgrüße zu winken, geriet er außer sich und krähte verzweifelt: »Ruhe!! Während der Arbeitsstunden wird nicht hinausgesehen!«
Rittershaus war jetzt Alleinherrscher im Wechselbureau, denn der dicke Rehle trug des Königs Rock. Nie hatte er davon gesprochen, daß er Vizewachtmeister der Reserve war. Man wollte es ihm anfangs gar nicht glauben, daß er, in seinen Jahren, sich als Freiwilliger gemeldet habe.
»Mei Alte flennt wie e Schloßhund,« sagte er, »awwer ich kann'r net helfe! Ich kann doch als ahler Soldat bei dem Krieg net _zugucke_! Ich müßt mich ja vor merr selwer schäme!«
Und beim Abschied hatte er gescherzt: »Gell, Fräulein Scheckel, du schreibst merr alsemal unn schickst merr Socke ins Feld, awwer um Gottes wille kaa selbstgestrickte! Sonnern, wo merr aach drin laafe kann! Unn poussiert merr net zu viel, Kinner! Daß ich kaa Sache hör', wann ich widderkomm! Unn du, Madamm Ungnädig, gewöhn derrsch ab, ahle Leut ze haache -- en junge kriehst de jetzt sowieso kaan mehr!«
Und dabei standen ihm die Tränen in den Augen, und die Damen trockneten sich die Wimpern ab und konnten vor Trennungsweh kaum ihr »Auf glückliches Wiedersehen!« hervorbringen.
Übrigens wurde der dicke Rehle nicht ins Feld abgestellt, sondern zur Rekrutenausbildung dabehalten, und er war bald der beliebteste Vizewachtmeister des ganzen Ersatzbataillons.
Auch der Junge des alten Binder wurde eingezogen, und der Vater war stolzer darauf als der Sohn. Auf der Livree des alten Binder tauchte jetzt plötzlich eine Medaille auf, die ihn als Teilnehmer am Siebziger Kriege auswies. Mit Vorliebe erzählte er Erlebnisse aus seiner Kriegszeit, die man nicht allzu genau auf ihre Wahrheit prüfen durfte -- es war schon ein bißchen lange her.
Was seinen Sohn anging, so beseelte ihn ein unerschütterlicher Optimismus: »Mei' Sohn kimmt widder, da haww ich gar kaa Angst net! Es is ja aach der Vadder widderkomme! Des Heule unn Zähneklappern iwwerlasse merr de Weiwer! Dene dhut's wohl, wann se als e bissi flenne könne!«
Um so pessimistischer sah der kranke Bittenberger, der Aufsichtsführer der Expedition, in die Zukunft. Auch seinen ältesten, mißratenen Sohn hatten sie geholt, und nun schwebte der arme Vater beständig in Todesängsten, sein Sohn könne beim Militär böse Streiche machen.
Ein erschütterndes Bild des Jammers war der alte Mann, wenn er des Abends als letzter, auf seinen Stock gestützt, die Treppe hinunter gewankt kam, und im ganzen Hause sagte man sich:
»So geht's nicht mehr weiter mit dem Bittenberger! Wir sind doch kein Altersversorgungsheim! Er _muß_ sich einfach pensionieren lassen! Mit solchen Leuten kann man nicht zusammen arbeiten!«
Benno Stehkragen glich in den ersten Kriegstagen einem Narren.
Er schämte sich vor jedem Soldaten, der an ihm vorüberging. Wozu bin ich überhaupt auf der Welt? grämte er sich. Wozu bin ich überhaupt zu gebrauchen? Wie kann ein Mensch vor mir Respekt haben? Wie kann ich mir einbilden, ein Mädchen könnt' mich lieben?
Das häßliche Wort »Drückeberger« gellte ihm in den Ohren.
Wenn er noch wenigstens sich hätte in einem der Wohlfahrtsausschüsse nützlich machen können! Aber dazu ließ ihm sein Beruf keine Zeit.
»Ich sitz' erum und fress' andern Leuten 's Brot weg,« klagte er sich an. »Ein Schmarotzer, ein überflüssiger Mensch! Draußen sterben Väter und Söhne, und ich sitz' hinter'm warmen Ofen und les' Leitartikel! Und was für welche!«
Zu den Käsbergers ging er jetzt fast gar nicht mehr, und der kleine Lebrecht bekam in der Schule einen Strafzettel nach dem andern. Seit Benno einmal angefangen hatte, dort die Rolle des bewundernden Verehrers zu spielen, erwarteten Katharine und insbesonders Großmama Käsberger von ihm deutlichere Erklärungen, und die brachte er nicht übers Herz.
Selbst Marthas Bild schien ihm in diesen Tagen in weite Ferne gerückt.
Er bekam sie nur noch selten zu sehen, denn Martha war nach dem Zusammenprall mit Wittmann aus dem Couponbureau versetzt worden.
Sie hatte dem Direktor Hermann die Affäre erzählt, und Hermann hatte kurz entschlossen angeordnet: »Von morgen ab sind Sie als meine Privatsekretärin in der Direktion beschäftigt! Sie sind doch damit einverstanden, liebes Fräulein?«
Höchst betriebsam ging es im Hause Petterich zu. Die gute, mollige Frau Josephine war völlig von allerlei Fürsorge für die Feldgrauen in Anspruch genommen. Sie, die sonst so sparsam mit Petroleum und Gas umgegangen war, saß jetzt bis spät in die Nacht hinein in der Küche und strickte Socken, nähte Leibbinden, wobei ihr das entzückte Mariechen bis neun Uhr abends helfen durfte.
In jedes Paar Socken webte sie die ehrlichsten Segenswünsche hinein, aber auch urkräftige Flüche gegen unsere Feinde:
»Verhaacht die miserawele Franzose, daß die Lappe flie'e!! Nix wie druff uff die schleechte Engelänner!! Kabutt misse se wer'n, die ganze Lumpegesellschaft!! Mir soll nor noch emal e Engelänner ins Haus komme!! De ganze Kücheschrank krieht'r uff de Kopp!! Wann ich nor en Russ' da hätt' -- ich dhät' dem Oos de Buckel mobilisiere, daß er genug hätt' for die nächste hunnert Jahrn!!«
So schimpfte die gute Frau Petterich, während die Stricknadeln klapperten, in ihrer ehrlichen Entrüstung.
Für ihren Mieter hatte sie nur mehr wenig Zeit übrig, und das war Benno lieb, denn er hätte jetzt die Lobreden auf den seligen Schorsch nicht ertragen können.
Weshalb läßt du mich nicht sterben, lieber Gott! flehte er. Du führst doch Buch über die Taten aller Menschen, über die guten und die schlechten, vielleicht is bei dir ein Stellchen frei als Buchhalter? Ich will ja aufs genaueste Buch führen, und ich will ohne Murren Überstunden machen und nix sagen, wenn du merr die ekligste Seele im ganzen Himmel zum Bureauchef gibst! Nur nimm mich weg aus dieser Welt!
Oder er dachte in seiner närrischen Art: Wenn ich nur emal den Kaiser persönlich sprechen könnt'! »Majestät,« tät' ich sagen, »Majestät, vielleicht is irgendwo ein verlorener Posten, auf den man einen opferwilligen Menschen braucht, vielleicht is irgendwo was in die Luft zu sprengen und man weiß bestimmt, der Mann fliegt mit in die Luft -- nehmen Se _mich_ dazu, Majestät! Ich bitt' Se um alles: nehmen Se _mich_! Sie werden Ihre Freud' an mir erleben!«
Als die ersten beglückenden Siegesnachrichten eintrafen, da gab es unter den Jubelnden einen, der tiefunglücklich war, tiefunglücklich, daß er den großen Ereignissen müßig zuschauen mußte.
Wenn ich wenigstens als Sanitätshund auf die Welt gekommen wär'! dachte er. Oder als Schrapnell. Aber ausgerechnet als Benno Stehkragen mußt' ich geboren werden!
Eines Tages wurde Benno in die Direktion gerufen.
Sein erster Blick beim Betreten des Raumes fiel auf Martha, die dicht beim Fenster vor einer Schreibmaschine saß und Stenogramme übertrug.
Sie senkte den Kopf tiefer und tippte doppelt eifrig, als sie Benno bemerkte.
»Fräulein,« sagte Direktor Hermann, »gehen Sie, bitte, hinaus, solange ich mit Herrn Stehkragen rede! Man versteht ja bei der Tipperei sein eigenes Wort nicht!«
Martha erhob sich und ging.
Es war Benno, als habe sie ihn mit einem fragenden Blick gestreift.
»Mein lieber Stehkragen,« wandte sich Direktor Hermann ungewöhnlich freundlich an ihn, »ich weiß nicht, ob es Ihnen bereits bekannt ist, daß unser Gesuch betreffs Unabkömmlichkeit des Herrn Wittmann abschlägig beschieden wurde? Herr Wittmann wird also in absehbarer Zeit unsere Bank verlassen. Und es scheint mir fraglich, ob er wieder auf seinen Posten zurückkehren wird. Wir brauchen daher einen neuen Bureauchef. Dabei dachten wir in erster Linie an Sie. Nicht wahr, Kollege Birron?«
Birron murmelte zerstreut: »Es wird schon recht sein, lieber Herr Kollege! Ganz wie Sie meinen!«
»Sie sind nicht nur der älteste Beamte im Couponbureau, mein lieber Stehkragen, sondern wir haben zu Ihnen auch besonderes Vertrauen. Und außerdem haben wir auch bei Ihnen die bestimmte Gewißheit, daß Sie dauernd militäruntauglich sind und uns nicht eines Tages weggeholt werden!«
Benno zuckte schmerzlich zusammen.
Die Aussicht, Bureauchef zu werden, bedeutete ihm eine freudige Überraschung, allein die Begründung demütigte ihn aufs empfindlichste.
»Und außerdem«, fuhr Direktor Hermann fort, während ein Lächeln sein Gesicht überzog, »hat mir Fräulein Böhle, die ja längere Zeit mit Ihnen im selben Bureau gearbeitet hat, so viel Gutes von Ihnen erzählt, daß ich mich freue, Sie in eine höhere Stelle aufrücken lassen zu können.«
»Nein!« schrie Benno auf. »Nein, nein! Ich will die Stelle nicht! Ich bin zu dumm dazu! Ich will nichts befehlen! Ich will nicht!«
Hermann sah ihn befremdet an.
»Hm!« meinte er nach einer Weile. »Hm! Sie scheinen mir doch andere Gründe zu haben, als Sie angeben, aber das ist _Ihre_ Sache! Im übrigen scheint es mir jetzt beinahe selbst, als wären Sie viel zu nervös für so einen Posten! Sie können gehen!«
Zitternd vor Erregung kam Benno im Couponbureau an.
So tief schätzte sie ihn also ein, daß sie ihm hatte ein Gnadengeschenk zuschanzen wollen. O, wie erbärmlich tief war er gesunken, daß man ihm so etwas antun durfte!
Am Abend begegnete Martha ihm auf der Treppe.
Er wollte ihr ausweichen, aber sie kam munter auf ihn zu und frug in herzlichem Ton: »Was haben Sie eigentlich gegen mich? Was habe ich Ihnen denn getan?«
Benno sah sie eine Weile stumm an. Seine Kinderaugen weiteten sich, seine Hände falteten sich unwillkürlich.
»Wissen Sie das wirklich nicht?« sprach er langsam und gab sich die größte Mühe, das Beben seiner Stimme zu verbergen.
Martha lächelte. »Aber, bester Herr Stehkragen, wenn ich es wüßte, würde ich doch nicht erst fragen. Zürnen Sie mir denn immer noch, weil ich damals sagte, Sie sollten einen Anstandskursus nehmen?« Nun lachte sie herzlich. »Das war doch nicht so bös gemeint! Herrjeh, man legt doch nicht jedes Wort auf die Goldwage! Sagen Sie, tragen Sie mir wirklich immer noch dieses dumme Wort nach?«
Benno schüttelte traurig den Kopf.
»Nun tun Sie mir aber den einzigen Gefallen und machen Sie keine solche Leichenbittermiene!« rief Martha und schnitt ein lustiges, parodistisch-tragisches Gesicht. »Ich bin heute so famos gelaunt und mag keine traurigen Menschen sehen! Hopp, ziehen Sie Ihren Mantel an und begleiten Sie mich! Ich verzichte heute Ihretwegen auf den Kientopp -- mehr können Sie doch wahrhaftig nicht verlangen!«
Wenige Minuten später wandelte Benno an ihrer Seite die Kaiserstraße hinab.
Martha plapperte und plapperte, und ihr heiteres, unbekümmertes Geplauder schien ihm köstliche Musik.
Das geträumte Feenreich tauchte wieder vor ihm auf, und an seinem Eingang stand ein lachendes Elfchen und winkte und zwitscherte: »Worauf wartest du noch? Was zögerst du noch?«
Alle die großen elektrischen Bogenlampen leuchteten: »Los, Benno, sei tapfer! Weshalb besinnst du dich noch?«
Und in allen Telephondrähten wisperte es: »Verbinden Sie mich mit Fräulein Martha Böhle! Schnell, schnell! Es eilt!«
Als sie an das Uhrtürmchen kamen, raffte sich Benno auf und frug: »Fürchten Sie sich, mit mir durch die dunklen Anlagen zu gehen?«
»Fürchten?« lachte Martha. »Vor wem soll ich mich denn fürchten? Aber Sie müssen mir den Arm geben, daß ich über keinen Zaun fall'!«
Benno fühlte ihren weichen Arm sich in den seinen schmiegen, er wußte, jetzt kam der Augenblick, in dem er reden mußte, und brachte doch kein Wort hervor.
»Weshalb zittern Sie denn so?« frug Martha. »Wissen Sie, wir haben zu Hause bei meinen Eltern einen Dackel gehabt, der hat auch immer so gezittert. Peter hat er geheißen. Ein Spitzbub' ersten Ranges.«
Und nun fing sie an von dem Dackel zu erzählen und sprudelte von Laune und Übermut.
»Und geradeso haben _Sie_ vorhin gezittert, Herr Stehkragen!« schloß sie ihren Bericht.
Benno zog sanft seinen Arm aus dem ihren, blieb stehen und sagte schmerzlich: »Haben Sie noch nie einen Menschen so von ganzem Herzen lieb gehabt, Fräulein Böhle?«
Es durchzuckte Martha heiß. Sie hatte ihn sofort verstanden, und in maßlosem Erstaunen stammelte sie: »Ja lieben Sie mich denn?...«
Und nun, da er Martha so ernst sah, löste sich Bennos Zunge, und er fand glühende Worte der Leidenschaft, er redete sich alles vom Herzen, was er so lange unter Folterqualen mit sich herumgetragen hatte, und er bemerkte es gar nicht, daß Martha beharrlich schwieg und sich nur von Zeit zu Zeit wie zufällig mit dem Handrücken über die Augen fuhr.
Wohl eine Stunde war verflossen, als sie vor Marthas Wohnung anlangten.
Sie standen im grellen Licht einer Laterne, Benno hielt ihre Hand umschlossen und flüsterte: »Ich will heut' noch keine Antwort, heut' noch nicht. Aber lassen Sie mich nicht zu lange auf Ihre Entscheidung warten, Martha! Sie wissen nicht, wie ich leide, und wie bitter ich schon durch Sie gelitten hab'!«
Martha drückte ihm die Hand und eilte, wie flüchtend, in das Haus.
Beseligt schaute Benno ihr nach.
Er war von einem schweren Bann erlöst, er hatte den Mut gefunden, ihr von seiner Liebe zu sprechen, er fühlte sich so stark, er hatte den Kampf um sein Glück aufgenommen, und er würde ihn durchfechten und sein Glück zu verteidigen wissen.
Oben in ihrem Zimmer aber lag Martha auf der Chaiselongue, drehte die Daumen und überlegte, überlegte ...
Seit diesem Abend wurde sie nicht mehr auf der Bank gesehen.
Niemand wußte, wohin sie gekommen war.