Chapter 8
Herr Käsberger hatte sich alle Spuren seines Berufes aus dem Gesicht gewaschen, er steckte in einem schwarzen Gehrock, den er sonst nur bei Stiftungsfesten trug, seine riesigen Hände quälten sich in schwarzen Stoffhandschuhen von unwahrscheinlicher Größe.
»Des is nett von Ihne, Herr Stehkrage, daß Se zu dem Erfolg von meiner Tochter gekomme sin!« sprach er so laut, als ob er sich an seinem Stammtisch befände. »Ich habb Se schonn die ganz' Zeit mit de Aage gesucht, awwer ich habb' Ihne net gefunne! Dann wisse Se, ich habb' kaan Operngucker, als Schornstaafeger braacht mer so was net, unn ich wer' doch an der Garderob' kaa fuffzig Fennich for so e Ding zahle!«
Benno war diese Begegnung nicht eben angenehm, aber es gelang ihm nicht, den alten Käsberger abzuschütteln.
So drängten sie sich nebeneinander durch das Foyer.
Papa Käsberger ging ans Büfett, nahm eines der belegten Brötchen in die Hand und fragte: »Was kost' des?«
Als er hörte, es koste dreißig Pfennig, legte er das Brötchen wieder zurück und begann seinem Unmut über diese »Räuwerei« so erregt Luft zu machen, daß es Benno angst und bange wurde.
Benno Stehkragen wandte den Kopf weg, als gehöre er nicht zu diesem polternden Menschen -- da fiel sein Blick auf einen blonden, lächelnden Frauenkopf.
Das war Martha.
Und dicht vor ihr stand im Frack Direktor Hermann und hielt ihr mit verbindlicher Geste eine Schale Eis, aus der sie geziert aß.
Benno war zumut, als hielte ihn der schwarze Jäger beim Kragen. Er stand mit offenem Mund da, er wollte aufschreien -- da wandte auch Martha den Kopf, und ihre Blicke begegneten sich.
Er fühlte sofort, daß sie ihn erkannt hatte, ihn aber nicht kennen wollte.
Sie sah ihn ruhig an, während Direktor Hermann lachend in sie hineinplauderte.
Benno überlegte einen Augenblick, ob er sie trotzig ansprechen sollte, aber die Gegenwart des allmächtigen Direktors erstickte diesen Gedanken im Keim. Martha hatte den Kopf ein wenig gehoben und blickte nun abweisend über ihn hinweg.
Tief verstimmt und gekränkt suchte er wieder seinen Galerieplatz. Der Zuschauerraum verdunkelte sich, die Musik setzte ein, aber er hörte nur noch mit halbem Ohr hin. Das Stück interessierte ihn nicht mehr.
Er saß mit geballten Händen, und wäre jetzt der schwarze Jäger neben ihm aufgetaucht, so wäre er gar nicht abgeneigt gewesen, mit ihm einen Vertrag abzuschließen.
Was war das mit Direktor Hermann? Seit wann war er, der Unnahbare, so liebenswürdig? War dies die erste Begegnung gewesen, oder hatten sich die beiden schon öfter im Theater getroffen? Und mit welcher Selbstverständlichkeit hatte Martha seine Galanterie angenommen! Lachend, wie sie sich von Wittmann den Hof machen ließ, hatte sie sich die Huldigungen Hermanns gefallen lassen!
Zu allen Menschen war sie freundlich, alle Menschen wurden fröhlicher in ihrer Nähe, nur ihn, Benno Stehkragen, trat sie mit Füßen.
Im Orchester setzte das Lied vom Jungfernkranz ein, und Benno kam wieder zu sich. Auf der Bühne knickste Katharine und sang ihr Liedchen, aber Benno hielt es nicht einmal der Mühe wert, das Opernglas auf sie zu richten.
Ihre Stimme kam ihm in dem großen Haus erschreckend dünn und metallos vor.
Nein, es war nichts mit ihrer Künstlerschaft. Er empfand es in diesem Augenblick mit einer gewissen Schadenfreude.
Dennoch regte sich, als Katharine geendet hatte, unerwarteter Applaus. Die Mitglieder des Schornsteinfegervereins »Die lustigen Rauchfänger« waren vollzählig im Hause vertreten, und sie ließen es sich nicht nehmen, der Tochter ihres zweiten Vorstandes den Weg in die Unsterblichkeit mit den Rosen des Beifalls zu bestreuen.
Auf der Stehgalerie stand enggeklemmt Papa Käsberger und lachte über das ganze Gesicht. Wildfremde Menschen hatten geklatscht, er hatte es deutlich gesehen -- vielleicht hatte der Lebrecht Breivogel, der Lump, doch recht gehabt, und in seiner Rita steckte eine Großfürstin im Reiche der Kunst.
Als der wohlwollende Beifall schon längst verstummt war, klatschte Papa Käsberger noch immer, bis ein ärgerliches Pssst!! seine Riesenhände zur Ruhe zwang. Aber das dämpfte sein jubelndes Triumphgefühl nicht.
Er vertiefte sich in den Theaterzettel und las ihn zum hundertstenmal, den köstlichen Zettel, auf dem ganz unten stand: Erste Brautjungfer ... Fräulein Rita Veldern.
Das Adelsprädikat »von« hatte der Zettel rücksichtsvoll unterdrückt.
Der Zwischenaktvorhang fiel, Benno erhob sich und ging nach Hause.
Seine Freude am Theater war zerstoben, die rohe Faust der Wirklichkeit hatte den Traumschleier zerrissen.
Er mied die hellen Hauptstraßen und schlich sich durch Seitengassen heimwärts.
Er übersann das Erlebte, er versuchte, sich die Szene im Foyer nochmals Zug für Zug zu vergegenwärtigen, und gab sich die größte Mühe, objektiv zu sein.
Ich will gerecht sein, ich will nicht nach dem Schein urteilen, mich nicht von einer Gefühlswallung bestechen lassen. Was hat sie eigentlich so Schlimmes verbrochen? Sie hat ihrem Chef zugelächelt, sich seine Höflichkeit gefallen lassen. Hätte das nicht auch jede andere Beamtin getan? _Konnte_ sie überhaupt anders handeln? Durfte sie eine Gefälligkeit, auf die jede Dame Anspruch hat, mit einer Ungezogenheit erwidern?
Sein Verstand verteidigte Martha gegen die Anklagen seines Herzens. Aber seinen Verteidigungsreden wohnte keine Beweiskraft inne.
Er hatte das Faunlächeln Hermanns gesehen, dieses Lächeln lüsterner Eroberersicherheit, das ihm an Wittmann so zuwider war.
Sein Mißtrauen blieb wach, mochte er es noch so eifrig mit dem Schlafpulver der Objektivität einzuschläfern versuchen.
Zwar begleitete er noch immer Martha des Mittags von der Bank bis zum Uhrtürmchen, lief neben ihr her wie ein Hündchen, jedoch er war kein folgsames, willenloses Schoßhündchen mehr, er war ein kleiner lauernder Pinscher, der tückisch nach rechts und links schielte, jeden Augenblick bereit zu geifern und zu beißen.
Die Verstellung tat Benno weh. Das war etwas Unaufrichtiges, Unreines, was ihm bisher fremd gewesen.
Ich fühle, daß ich schlecht werde! sagte er sich. Ich fange an zu hassen. Der Haß des Ohnmächtigen bäumt sich in mir und macht mich rachsüchtig, wie er einst die Seele des alten Shylock vergiftet hat. Aber man will mir mein Liebstes beschmutzen, wie man es einst ihm befleckt hat. Wer weiß, vielleicht hätte der alte Shylock seinen Feinden und Unterdrückern allen Hohn, jeden Speicheltropfen, jeden Fußtritt verziehen, vielleicht hätte er vor dem Gericht des Dogen erklärt: »Ich habe euch nur ängstigen wollen, ich wollte nur einmal euch Stolze, Übermütige in der Rolle der Bittenden sehen, ich verzichte auf das Pfund Fleisch aus dem Busen meines Feindes« -- hätten sie ihm nicht seine Tochter, seine Jessika, geraubt. Mochten sie ihn knechten, ihm seine Geschäfte stören, ihn und sein Volk durch Ausnahmegesetze peinigen -- der alte Ghettojude durfte sie innerlich verlachen: Sein Volk war ja dennoch das Lieblingsvolk Gottes, der ihm den Messias verheißen hatte und der sein Wort halten würde, so gewiß er einst die Vorfahren aus der ägyptischen Knechtschaft geführt hatte.
Aber sie haben ihm seine Tochter geraubt -- da gab es kein Erbarmen. »Der Fluch ist erst jetzt gefallen auf mein Volk, ich hab' ihn niemals gefühlt bis jetzt,« sagt er zu seinem Glaubensgenossen Tubal. Seiner Tochter gilt seine erste Frage, als Tubal ihm Neuigkeiten von auswärts bringt, seiner Tochter gelten seine Gedanken, während er im Gerichtssaal das Messer zur Rache wetzt. Und indes er sich anschickt, in unstillbarem Haß den Busen seines Feindes zu zerfleischen, vergibt er gleichzeitig halb und halb dieser undankbarsten aller Töchter und flüstert:
»Ich hab' ne Tochter, Wär' irgendwer vom Stamm des Barrabas Ihr Mann geworden, lieber als ein Christ!«
Benno stachelte sich selbst zum Haß auf, redete in sich hinein: Hätte ich einen solchen Schuldschein gegen Wittmann oder Hermann, auch ich würd' keine Gnade kennen!
Aber er glaubte seinen eigenen Racheschwüren nicht. Der großartige Haß des venezianischen Ghettojuden hatte keinen Platz in seinem gutmütigen Phantastenherzen, und während er sich in die Rolle des steinharten Gläubigers hineinzuschauspielern versuchte, liebte er Martha mehr als je.
Über ein folterndes Mißtrauen wuchs seine Enttäuschung nicht hinaus.
Unwillkürlich schweiften jetzt seine Gedanken häufiger zu Katharine Käsberger hinüber. Er verglich sie mit Martha, und der Vergleich fiel nicht mehr so kraß zu ihren Ungunsten aus.
Obwohl Katharine ein uneheliches Kind hatte, obwohl sie in der Scheinwelt der Bühne heimisch war, erschien sie ihm jetzt reiner und unschuldiger als Martha. Dieses verblühte, unbedeutende Mädchen hätte es sicherlich niemals übers Herz gebracht, so tyrannisch mit seinen heiligsten Empfindungen zu spielen, wie Martha es tat. Und in einer plötzlichen Eingebung kaufte er einen großen Strauß weißer Rosen und brachte ihn Katharine.
»Ich will mich in sie verlieben,« sprach er sich auf dem Wege zu ihr vor, wie ein Schulkind, das einen Satz auswendig zu lernen hat. »Ich will mich in sie verlieben, damit ich die Martha vergess' und wieder zurechnungsfähig werd'.«
Katharine war entzückt von den Blumen. Und ihr Entzücken wuchs noch, als er ihr die plumpesten Komplimente über ihr Auftreten als Brautjungfer machte.
Papa Käsberger wies mit Stolz auf den Freischütz-Theaterzettel, der eingerahmt über dem Klavier hing. Die Worte »Erste Brautjungfer ... Rita Veldern« waren mit roter Tinte unterstrichen.
»Ja, es war e Bombe'erfolg, mei liewer Stehkrage,« lachte der glückselige Schornsteinfegermeister. »Ich habb' vor lauter Uffregung gar net haamgehe könne. Ich habb' merr ehrscht noch mei sechs Schöppcher Ebbelwei kaafe misse. Ja, merr kann sage, was merr will: Kunst is Kunst.«
Und Benno überbot diese Lobpreisung noch und erzählte begeisterte Äußerungen aus dem Publikum, die er angeblich gehört hatte.
Und dabei peitschte ihn sein Gewissen: Benno, wie tief bist du gesunken, wie lügst du, und wie beschämend leicht fällt dir das Lügen!
Katharine nahm die Huldigungen mit der verlegenen Verschämtheit einer alten Jungfer entgegen. Sie bemühte sich, möglichst bescheiden auszusehen, während doch das Glück ihr Herz schwellte, und sie machte ein Gesicht, das jeder unbefangene Zuschauer als strohdumm hätte bezeichnen müssen.
Mama Käsberger hatte das Sofa mit Beschlag belegt und konnte beim besten Willen nicht stillsitzen. Sie rutschte aufgeregt hin und her, entschuldigte sich ein dutzendmal, daß sie so eine alte Nachtjacke anhabe, aber sie hätte doch nicht auf so angenehmen Besuch gefaßt sein können, nachdem sich Herr Stehkragen leider in den letzten Tagen so selten gemacht habe, man hoffe aber, jetzt wieder öfter das Vergnügen zu haben.
Und ihr tränendes Mutterauge fand, daß Bennos Buckel, wenn man genau hinsehe und das eine Auge zukneife, tatsächlich im Abnehmen begriffen sei.
Während dieser Familienszene bewahrte nur Lebrecht, der angenehme Knabe, seine Gemütsruhe. Er saß auf einem Schemel in der Zimmerecke, zerpflückte Bennos Rosenstrauß und stopfte die weißen Rosenblätter in das Tintenfaß. Seine Absicht war, dieses Tintenfaß, sobald es bis zum Rand voll wäre, auf den Teppich umzugießen und dann ins Bett zu gehen.
Benno machte tiefen Eindruck auf alle Käsbergers.
Dennoch gestand er sich auf dem Heimweg: Es is unmöglich, ich kann mich nicht in se verlieben, ich lieb' die Martha, ich komm' nicht von ihr los!
Und so war es.
Da traf ihn ein zweiter harter Schlag.
Martha erhielt, außerhalb der Reihe und ohne jede äußere Veranlassung, eine beträchtliche Gehaltsaufbesserung.
In der Industriebank gärte Empörung. Der Neid zischelte: »Nun ja, kein Wunder! Wenn man mit seinem Bureauchef ins Kino geht ...«
Die Beamtinnen konstatierten giftig: »Und eine Perlenkette trägt die Person auch noch! Aber so ist die Welt! Unsereins, der anständig ist, bringt's natürlich zu nichts.«
Selbst der alte Binder mußte sich kopfschüttelnd sagen: »Merkwürdige Zuständ' herrsche uff unserer Bank! No ja, es is halt e Affestall!«
Benno hörte die gehässigen Reden, die sich Martha zur Zielscheibe nahmen, aber er verteidigte sie nicht mehr in seinen Gedanken.
Diese plötzliche Gehaltsaufbesserung war ihm ein neues Glied in der Beweiskette ihrer Leichtfertigkeit, ihrer frivolen Genußsucht.
Und deshalb sah er sie beim Morgengruß so sonderbar an und erwiderte ihre erstaunte Frage mit so ungewohnter Schärfe. Den ganzen Vormittag über vergrub er sich tapfer in seine Arbeit und vermied es ängstlich Marthas Blick zu begegnen.
Heut' muß ich ernstlich mit ihr reden, nahm er sich vor. Heut' auf dem Nachhausweg sag' ich ihr alles, daß ich se lieb', und daß der Wittmann kein Verkehr für sie is, und daß der Direktor Hermann ein alter Mädchenjäger sei, der schon viele Jungfrauen ins Unglück gestürzt habe.
Das letztere wußte er nicht so genau, aber er wollte es jedenfalls einmal behaupten. Jetzt kam's auf eine Lüge mehr nicht mehr an.
Ich muß hart sein, beredete er sich, indes er die dreißig Coupons vierprozentige Bayerische Vereinsbank-Pfandbriefe der Antonie Hochburg nachzählte. Da sagt man immer -- dreizehn, vierzehn -- die Liebe veredle den Menschen -- siebzehn, achtzehn -- aber es ist nicht wahr -- einundzwanzig, zweiundzwanzig -- rachsüchtig und unaufrichtig macht die Liebe -- sechsundzwanzig, siebenundzwanzig -- und selbstsüchtig und boshaft -- neunundzwanzig, zweiunddreißig.
Und dann mußte er die Coupons von neuem durch die Hand gleiten lassen, denn er hatte sich verzählt.
Benno legte sich die Rede zurecht, die er über Martha ergießen wollte. Aber er kam wieder einmal nicht dazu, seine Rede zu halten.
Denn als er mittags, wie gewöhnlich, am Portal der Bank wartete, ging Martha rasch an ihm vorbei, ohne ihn anzusehen.
Er hüpfte ein paar große Schritte, um sie einzuholen. Da drehte sie sich schroff um und sagte: »Ich verbitte mir Ihre Begleitung! Nehmen Sie erst einen Anstandskursus, damit Sie sich Damen gegenüber einen anständigen Ton angewöhnen!«
Zum erstenmal seit langer Zeit mußte Benno mittags allein bis zum Uhrtürmchen traben. Und der Prophet Elias kam sich in der Wüste nicht halb so verlassen vor wie der arme Benno in der belebten Kaiserstraße.
Trübselig guckte er an den Häusern empor und ihm war, sie erwiderten seinen Blick und starrten ihn mit ihren kalten Fensteraugen feindselig an.
Nicht einmal die mogelnde Kartenspielerin in dem Porzellangeschäft vermochte ihn aufzuheitern.
Und vor dem Trompetenbaum gedachte er nicht seines geliebten Naturgeschichtslehrers, sondern er malte sich aus:
_Wenn_ ich doch an dem Baum hängen tät' -- einen soliden Strick um den Hals -- und es tät' mir nichts mehr weh, kein Hühnerauge, kein Backenzahn und kein Herz -- sondern ich wär' tot -- und die Martha Böhle käm' vorbei -- mit dem Herrn Wittmann neben sich -- und se täten mich gucken, und der Wittmann tät' fragen: »Was is denn das an dem Baum? Hängt dort nicht ein Stehkragen?« -- und die Martha tät' einen Schrei ausstoßen, und das Pralinee blieb ihr im Hals stecken, wo se grad' dran lutscht -- und se tät' ohnmächtig hinfallen, mitten in die Stiefmütterchen -- wo angeschrieben steht »Betreten verboten« -- weil se mich _doch_ heimlich geliebt hat und es mir bloß nicht sagen wollt' -- und auf einmal wär' ich _doch_ noch nicht ganz tot, sondern ich tät' noch e bißchen mit den Augen zwinkern und tät' sagen: »Siehst du, das kommt davon, ich verzeih' dir alles, und jetzt hast de den Salat!« -- und ich ...
Benno zog das Taschentuch hervor und wischte sich die Augen.
Das Essen im koscheren Restaurant schmeckte ihm heute gar nicht. Die Klößchen in der Suppe waren lauter Totenschädel aus der Wolfsschlucht, und der stoppelbärtige Joseph schlich umher wie der schwarze Samiel, und sein Frack verriet deutlich, daß in der Hölle mit Gänsefett geschmort wird.
»Herr Stehkrage,« wandte sich Joseph beim Kompott an ihn, »Sie sin doch e gescheiter Mann, Se gehen auf die Börs' und haben auch sonst eine Bildung, sagen Se merr im Vertrauen: Was geht in der Politik vor? Se wissen, ich hör' nie zu, was die Gäst' miteinander reden, aber sie sprechen jetzt fortwährend vom Krieg. Ich sag' Ihnen, ich bin jetzt so nervös, gestern abend hab' ich'n Teller fallen lassen mit Rindsgulasch, für eine Mark zwanzig Rindsgulasch, auf dem Herrn Jakob Rosenthal seine gestreifte Hos' -- ich hab' geglaubt, die Welt geht unter, so hat der Herr Rosenthal angestellt! Unn Ihne Ihr Abonnementskaart is aach abgelaafe!«
Benno gab ihm keine Antwort, zahlte die neue Karte und ging.
Er gab aus Versehen eine Mark fünfzig Trinkgeld, und damit war der Moment eingetreten, den der stoppelbärtige Joseph schon lange prophezeit hatte: Benno war in Josephs Augen meschugge geworden.
Zu Hause empfing ihn Frau Petterich mit lautem Weinen. Sie stand vor dem Schuppen des Hofes, vergoß Tränenströme und jammerte: »Heut is mei'm Schorsch-selig sei' Gebortsdag ... Siwweunverzig Jahr wär' er heut geworn, wann er's noch erlebt hätt'! Ach, so e scheener Mann unn hat so frieh schderwe misse. An sei'm letzte Gebortsdag hawwe merr noch en Mordskrach mitenanner gehabbt, da hat'r den Leimtopp nach merr geschmisse unn de Pinsel hinnerdrei'! Ja, des war'n selige Zeite! Unn nachts im Bett hat'r mich so sieß um Verzeihung gebete, unn seit dere Zeit muß ich immer heule, wann ich den Schuppe seh'. Ach, wenn er nor noch lewe dhät, er derft merr ja jedden Tag sei' ganz Handwerkszeug an de Kopp werfe, ich dhät' gewiß nix sage, ich bin ja so e schweigsam' Fraa!«
Benno ließ sie stehen und ging auf sein Zimmer.
Das kleine Mariechen kam herein und rief triumphierend: »Null Fehler hab' ich im Diktat. Und das Fräulein hat gefragt, ob mir jemand bei den Rechenaufgaben geholfen hätt'? Aber ich hab' nix verraten, sondern ich hab' gesagt: Fräulein, wo denken Se hin!«
Sie erwartete ein Lächeln Bennos.
Aber Benno lächelte nicht.
Es war heute ein schlimmer Tag für ihn, und während er nun mit dem Mariechen Schulaufgaben machte, geschah ihm neues, unerwartetes Leid.
Die Kleine hatte das Chamissosche Gedicht »Die Sonne bringt es an den Tag« auswendig zu lernen, und als sie an die Stelle kamen: »Da kam mir just ein Jud in die Quer«, frug er sie in Gedanken: »Was ist denn das, ein Jud?«
»E Judd?« antwortete das Mariechen. »Das is ein böser Mensch.«
Benno wurde kreidebleich und biß sich auf die Lippen.
Wer hatte dem Kind diese Gehässigkeit beigebracht? Oder redete es nur eine gewissenlose Dummheit nach, die es von Erwachsenen gehört hatte?
Er hätte dem Kind eine lange Rede halten können, er hätte ihm sagen können, daß Gott nicht nach Konfessionen richtet, sondern daß es vor ihm nur gute und schlechte Menschen gibt, er hätte ihr erhabene Beispiele aus der Leidensgeschichte seines Volkes erzählen können, ihm schwebte die Frage vor: »Mariechen, du kennst mich doch? Auch ich bin ein Jud. Bin ich ein schlechter Mensch?« Doch eine unsichtbare Macht hielt ihm die Lippen zu.
Nur kam ihm ein echt Benno Stehkragenscher Gedanke: er nahm sich vor, am nächsten Abend Mariechen mit in den Tempel zu nehmen.
Der Nachmittag in der Bank ließ sich noch trübseliger an als der Vormittag.
Was dem gewissenhaften Benno seit Jahren nicht passiert war, er kam zu spät ins Bureau.
Aber man soll den Tag nicht vor dem Abend tadeln. Eine unerhoffte Freude harrte seiner: In der Vesperpause gab es eine beglückende Sensation.
Wittmann war wie stets an das Pult getreten, um mit Martha zu plaudern. Er schien heute besonders galant gestimmt und ergriff wie in Gedanken Marthas Hand, um sie zu streicheln.
Jäh entzog Martha sie ihm, und in demselben Ton, in dem sie vormittags am Portal den wartenden Benno abgefertigt hatte, fuhr sie auf: »Ich möchte Sie bitten, Ihr Frühstück künftig an einem anderen Platz zu verzehren!«
Die Beamten beugten sich geschäftig über ihre Arbeiten, als hätten sie nichts gehört. Innerlich jubelten sie.
So etwas war noch nicht dagewesen.
Blutrot vor Wut schrie Wittmann: »Ich bin hier der Bureauchef, und ich kann mich hinstellen, wo _mir_'s paßt! Verstanden!?«
Von oben herab erwiderte Martha: »Ich werde Herrn Direktor Hermann fragen, ob er derselben Ansicht ist!«
Benno war entzückt. Also war sein Verdacht gegen Wittmann doch ungerechtfertigt. Also waren die faden Komplimente ihr doch im Grunde des Herzens zuwider, und sie hatte es nur nicht gewagt, gegen den mächtigen Bureauchef Front zu machen.
Er lachte über das ganze Gesicht, aber seine Miene erstarrte sogleich wieder, da Wittmann ihn andonnerte: »Unterlassen Sie dieses freche Grinsen, Herr Stehkragen! Mit Ihnen habe ich sowieso noch ein Hühnchen zu pflücken, Sie werden mit jedem Tag nachlässiger!«
Die Kunde von dem unerhörten Vorfall machte rasch die Runde durch das Haus.
Die Meinungen waren geteilt. Die Damen fanden, Martha sei ein ganz hochmütiges Geschöpf, und solche Zustände dürften unmöglich einreißen!
Die Herren schmunzelten: Endlich einmal eine, die kein Blatt vor den Mund nimmt und den hohen Herrschaften, die sich Halbgötter dünken, gehörig die Meinung sagt!
Der verknöcherte Rittershaus im Wechselbureau rieb sich die Hände und kicherte schadenfroh:
»Diesmal bricht sie sich den Hals. Diesmal fliegt sie!«
Und in einer Aufwallung seines Selbstgefühls krähte er in das Bureau: »Ruhe! Während der Arbeitsstunden wird nicht geschwätzt!«
Das war der zweite Zusammenstoß Marthas mit einem Bureauchef. Erst Rittershaus, dann Wittmann. Aber der Streber Wittmann war viel zu schlau, um beschwerdeführend in die Direktion zu laufen; er durchschaute, wie die Dinge standen. Und so verlief die Angelegenheit im Sand.
Am nächsten Abend nahm Benno das Mariechen mit in die Synagoge.
Er setzte sich nicht auf seinen Stammplatz in der dritten Reihe, sondern er suchte einen Platz ganz weit hinten und stellte das Mariechen neben sich auf die Bank, so daß es den ganzen Tempel überschauen konnte.
Eigentlich gehörte das Kind ja in die Frauenabteilung auf die Empore, aber dem so pünktlichen Synagogenbesucher Benno übersah der Gemeindediener diese kleine Abweichung von der Regel.
Das Mariechen machte große Augen, als es den feierlichen Lichterglanz sah, die bunten Arabesken an den Säulen, den goldbestickten Thoraschrein, vor dem der seltsam gekleidete Rabbiner den Gottesdienst leitete. In der Synagoge gab es keine Bilder zu beschauen und doch so viel Glanz zu bewundern.
Sie hörte die volltönende Stimme des Vorbeters, dem die Gemeinde mit Murmeln und Verneigungen antwortete, und der fremdartige, uralte Wechselgesang machte einen tiefen Eindruck auf das Kinderherz. Das Mariechen verstand kein Wort von den hebräischen Gesängen und Anrufungen, aber es fühlte, hier handelte es sich um etwas Heiliges, Tiefehrwürdiges.
Und als nun unter jubelndem Chorgesang der Schrein geöffnet wurde und der Rabbiner die Gesetzesrolle zärtlich, als wiege er ein Kindchen, nach dem Lesetisch trug, da war ihr zumute wie bei einer Weihnachtsbescherung.
Und nun wies ihr väterlicher Freund Benno Stehkragen auf die andächtige Menge und flüsterte: »Siehst du, Mariechen, die Menschen da sind lauter Juden. Glaubst du wirklich, daß sie alle schlechte Menschen sind?«
Da schüttelte das Mariechen mit Überzeugung und ein wenig beschämt den Kopf. Und da sie ringsum alles beten sah, faltete auch sie ihre Händchen, und mitten aus der jüdischen Gemeinde stieg ein stummes Gebet zur Jungfrau Maria empor.
»Mein liebes Kind,« sagte Benno gerührt, »merke es dir fürs ganze Leben: Wenn man dir Schlechtes von einem Menschen erzählt, ob von einem Juden oder Christen, so glaube es nicht, ehe du dir nicht die untrüglichsten Beweise verschafft hast! Wenn man dir aber Gutes erzählt, so glaube es ohne weiteres! Der Mensch ist edel von Natur aus, und die Menschheit ist weit besser als ihr Ruf.«
Eine erhabene Feierlichkeit war über ihn gekommen, er vergaß bei den alten Gesängen und Zeremonien, die schon seinen Urvätern in den bittersten Leidenszeiten Trost gewährt hatten, seine Schmerzen, und eine süße Stille erfüllte sein Herz.