Chapter 7
Freunde der Familie nahmen sich des jungen Menschen an, der eine fatalistische Gleichgültigkeit zur Schau trug, liquidierten das heruntergekommene Geschäft, retteten dem Erben eine unbedeutende Summe und verschafften ihm mit Mühe durch die Protektion von Leuten, die Benno kaum dem Namen nach kannte, eine Stelle als Lehrling in der Industriebank.
So sehr dieser Beruf Benno bald zuwider ward, er fand zeit seines Lebens nicht mehr die Energie, sich loszureißen und einen anderen Lebensweg einzuschlagen.
Mit ein paar Möbelstücken aus dem Nachlaß der Mutter, mit ein paar Bildern richtete sich Benno ein bescheidenes Heim ein. Dem Bild der Mutter gab er den Ehrenplatz über dem Sofa, das Bild des Vaters aber, das er nicht ohne Groll betrachten konnte, verkaufte er mit allerlei Gerümpel. Seine Schulbücher warf er an einer unbeobachteten Stelle in den Main.
Den voreiligen Verkauf des väterlichen Bildes bereute er freilich später.
Denn als er älter und reifer geworden war, erschien ihm sein Vater mitunter doch in einem ganz anderen Lichte, als ihn seine jungenhafte Unduldsamkeit gesehen hatte.
Der alte, abgearbeitete Mann hatte es in seiner Einfalt sicherlich sehr gut mit ihm gemeint, vielleicht am besten von allen Menschen.
Jetzt hätte Benno gern ein Bild seines Vaters besessen. Aber nun war es zu spät. Aus der Verwandtschaft lebte nur noch eine sagenhaft alte Tante, der Benno niemals geschrieben hatte, und von der er lediglich die Erinnerung besaß, daß seine Mutter gelegentlich von ihr als von der »geizigen Amalie« gesprochen hatte.
Nach langem Zögern frug er brieflich bei ihr an, ob sie ein Bild seines Vaters hätte. Der Brief kam zurück mit dem Vermerk:
»Adressatin seit Jahren verstorben.«
Wenn nun Benno auch keine Photographie seines Vaters besaß, so war das Brautbild über dem Sofa doch nicht ohne Gegenstück. Dieses Pendant freilich war abermals ein echt Bennosches Kuriosum.
Da hing nämlich in breitem Goldrahmen, säuberlich unter Glas, eine Landkarte von Deutschland.
Ursprünglich hatte ein Plan der Stadt Frankfurt diesen Platz eingenommen. Aber als der einmal von der Wand gefallen war, hatte Benno diesen Zufall für einen Wink von oben erklärt, sagte: »Dein Vaterland muß größer sein« und ersetzte den Stadtplan durch die Karte von Deutschland.
Statt des väterlichen Bildes prangte also ein Bild des Vater_landes_ über dem Sofa, neben dem Bilde seiner leiblichen Mutter das Bild der geistigen Mutter.
Oft stand Benno vor dieser Landkarte, fuhr mit dem Zeigefinger die Grenzlinien entlang, gleichsam die Karte liebkosend, und flüsterte: »Dies ist das Herz der Welt!«
Ja, dieser kleine bucklige Mensch war ein glühender Patriot, und seine Überzeugung lautete: »Es ist eine Streitfrage, ob es ein Glück ist, überhaupt geboren zu sein. _Wenn_ man aber schon einmal geboren wird, dann ist es das größte Glück, in Deutschland geboren zu werden.«
Deutschland, das war ihm nicht ein Land, in dem man zufällig zur Welt kommt, Deutschland war ihm das Land der Länder, der Tempel der Menschheit.
In deutscher Sprache hatte er reden, denken und fühlen gelernt, in deutschen Schulen war er erzogen; alles, was er an Bildung und Kultur genoß, war für ihn unmittelbar und unlösbar mit dem Deutschtum verknüpft.
Er ging so weit, zu behaupten, Shakespeare sei in deutscher Sprache tausendmal schöner als in englischer.
Und alle seine liebende Freude an Naturschönheit wurzelte in der Anschauung deutscher Natur. Oder war es nicht ein deutscher Wald gewesen, der ihn zuerst seine Geheimnisse hatte ahnen lassen, war es nicht ein deutscher Strom, dessen Rauschen ihm zum erstenmal Unendlichkeit gesungen hatte? Waren es nicht deutsche Wiesen, in denen er sich als Kind getummelt, in denen er als Jüngling den Wolken nachgeschaut und den Gesang der Vögel enträtselt hatte?
Mochte Italien immerhin das Land sein, wo die Zitronen blühen, in Deutschland wuchs der Blüten edelste: die blaue Blume der Romantik.
Mochten immerhin kalte Wissenschaftler die Internationalität der Gestirne nachweisen, seinem liebenden Überschwang waren es deutsche Sterne, die ihm des Nachts zu Häupten leuchteten.
Ja, er zweifelte in seinem tiefsten Innern nicht daran: Der alte Jehova hatte sicherlich längst das Hebräische als himmlische Hofsprache abgeschafft, und wenn er jemals wieder den Menschen Gesetzestafeln aufschreiben würde, so würde er's im reinsten Hochdeutsch tun, in der neuesten Orthographie.
Wohl eine Stunde mochte Benno in Gedanken auf dem Sofa gelegen haben, als es plötzlich klopfte.
Er hatte während dieser Stunde nur ein einziges Mal seine Siesta für einen Augenblick unterbrochen gehabt, als es durch das offene Fenster herübergetönt hatte:
»Du meine Seele, du mein Herz, Du meine Wonne, du mein Schmerz ...«
Da hatte er schnell das Fenster geschlossen.
Nein, er konnte jetzt die Käsbergerin nicht singen hören.
Und hatte sich wieder auf das Sofa gelegt und weitergeträumt.
Frau Petterich brachte den ausgebürsteten Mantel.
»Lieche Se schonn im Bett?« fragte sie an der Türe. »Warum mache Se dann kaa Licht an? Sie sin wohl lang net mehr vom Sofa erunnergeplumpst? Odder wolle Se sich gern de Kopp am Bicherschrank ei'renne? Herr Stehkrage, Se gefalle merr net mehr! Was hocke Se jetz schonn widder e Ewigkeit im Dunkle unn fange Grille? Ich kann Ihne nor sage: Sein Se froh, daß Se net mei Mann sin, mit Ihne dhät' ich emal deutsch redde! Awwer mit Musikbegleidung von mei'm Deppichklopfer!«
»Sie brauchen kein Licht anzuzünden,« rief ihr Benno zu, indem er sich melancholisch vom Sofa erhob. »Halten Sie mir bitte den Mantel! Ich geh' noch aus.«
»Wie kann ich Ihne de Mantel halte, wann ich nix guck?!« beklagte sich Frau Petterich. »Komme Se wenigstens eraus uff de Gang, da brennt e Petroleumfunsel!«
Und während sie ihm den Mantel hielt, ließ sie ihre Blicke mütterlich bekümmert über Benno gleiten, und ein tiefer Seufzer entstieg ihrem molligen Busen.
»Sein Sie nicht böse, liebe Frau!« entschuldigte sich Benno. »Sein Sie nicht böse, wenn ich manchmal etwas sonderlich bin. Ich kann nichts dafür.«
»Kann etwa _ich_ ebbes dafor?« empörte sich seine Hauswirtin. »Awwer ich waaß schonn, was Ihne fehlt! Ich bin e ahl Fraa, mir mache Se nix vor! Sollt merrsch for meglich halte: So e ahler Esel muß sich noch e Eselin suche! No ja, mir kann's recht sei'! Maantswege fahrn Se in die Terkei unn heierate Se gleich e ganz Ahljungfernstift! Vielleicht dhun Se dann widder zor Vernumft komme!«
Und sie zog dem kleinen Benno in ihrer Erregung den Mantel so energisch über die Schultern, daß er beinahe vornüber gestolpert wäre.
Benno ging im Dunkeln dem Walde zu. Er biß sich auf die Lippen, das Weinen war ihm nahe.
Sie hatte ja so recht, die gute Frau Petterich, wenn sie auch auf einer falschen Fährte war.
Ja, ich bin ein alter Esel, sagte er sich, aber hat nicht auch Titania einen Esel in den Armen gehalten? Ich bin ein alter Esel, und ich verdiene Prügel. Mit einem weit härteren Instrument als mit einem Teppichklopfer.
Aber während er sich so bittere Vorwürfe machte, schwoll sein Herz von Süßigkeit. Und alle Versuche, Martha aus seinem Gedächtnis zu reißen, gruben ihr Bild nur noch tiefer darein.
Er wandte sich um und blickte auf das nächtliche Frankfurt hinab.
Da lag die Stadt, ein glitzerndes Lichtmeer, beherrscht von der edlen Silhouette des Domes. Dort drüben, das war die Kuppel der Hauptpost, dort spielte der zackige Giebel des Römers, und jene Lichtquelle, von der sich Lichtschlangen weithin ins Land zogen, das war der Hauptbahnhof, von dem aus man nach der Türkei fahren konnte, um einen Harem zu gründen.
Benno kannte alle Kuppeln und Türme seiner Vaterstadt, und sie schienen ihm inmitten der Häuser aufgestellt wie die Figuren eines Schachbretts.
Etwas wie Ahnenstolz regte sich in ihm, als er es so vor sich sah, das unermüdliche Frankfurt, die Hochburg des Bürgerfleißes, in seiner siegreichen Selbstsicherheit.
Er liebte diese Stadt und grollte ihr zugleich.
Er liebte sie um ihrer kaufmännischen Großzügigkeit, ihres imponierenden Zielbewußtseins willen -- er grollte ihr ob ihres Materialismus, der auch die Kunst für ein Rechenexempel hält.
Und ihm war, die edle Francofurtia, die freie Patriziertochter, trüge jetzt einen Federhalter hinter dem Ohr und habe Bureaustunden und verzeichne die Taten ihrer Schutzbefohlenen nicht mehr auf goldener Tafel, sondern in einem wohlliniierten Hauptbuch, und wenn man sie früge, wer ihr bedeutendster Sohn sei, so antworte sie: Rothschild.
Er malte sich, während er in den Abend schritt, das Bild einer solchen Francofurtia aus, er sah sie vor sich, hochgewachsen, mit goldenem Haar -- und erkannte plötzlich, daß es Marthas Bild war, das ihm vor Augen schwebte.
Er blickte empor und war überrascht von dem reichen Sternenhimmel. Und da er sich erinnerte, daß der Aberglaube die Geschicke der Menschen von den Gestirnen regieren läßt, so begann er spielerisch nach dem Stern zu suchen, unter dem wohl er, Benno Stehkragen, geboren sein mochte.
War es der flackernde Sirius, der so kokett am Himmel tanzte und glitzerte wie ein Brillantring?
War es der stolze Jupiter? Der Mars? Die Venus?
Ach nein, sagte sich Benno wehmütig. Wie käm' ich zu solch vornehmen Geburtshelfern? Mein Gestirn ist der Mond, und er war, wie ich geboren wurde, sicher im abnehmenden Viertel. Der Mond, der kein eigenes Licht hat, das ist für mich der einzig mögliche Planet. Und einen Buckel hat er auch! Die Gelehrten behaupten zwar, das sei das Mondgebirge -- aber was verstehen die Gelehrten von der Wissenschaft?
Durch die Stille brach das Rattern eines nahen Eisenbahnzuges und lenkte Bennos Gedanken wieder vom Himmel auf die Erde.
Er hatte nun den Wald betreten, und Dunkel umfing ihn. Die Baumkronen standen so dicht, als schmiegten sie sich furchtsam aneinander, die Büsche und Sträucher verschwammen zu einer Nebelmauer.
Benno ging, wohin ihn der Weg führte; er hatte kein bestimmtes Ziel. Die Stille, die Finsternis taten ihm so wohl, es ließ sich dabei so schmerzlich-süß träumen.
Tönte da nicht Musik? Nein, das Rauschen eines Bächleins war es, und er wußte sogleich: Das war das Königsbrünnchen.
Er sah es in Gedanken vor sich, wie er es so oft bei Tage gesehen hatte, er sah die Quelle über die vom Eisengehalt des Wassers geröteten Felsbrocken sprudeln, und er bedachte:
_Wenn_ ich jetzt an dem Königsbrünnchen säß' -- mit einer großen Angel -- und einem Regenwürmchen vorn dran -- weil die Fische auf einen leeren Angelhaken nicht anbeißen -- (so dumm sind nur die Menschen) -- und ich tät' nix fangen -- weil's in dem Königsbrünnchen überhaupt keine Fische gibt -- sondern es ging' mir wie dem Fischer von Goethe -- und die Flut tät' sich plötzlich teilen, und es käm' eine von den Wassernixen hervor -- die's in dem Königsbrünnchen _auch_ nicht gibt -- und die Wassernix' tät' sagen: »Schöner Jüngling,« tät' se sagen -- »legen Se ab und kommen Se herein« -- und dabei tät' se schmeichelnd ihren weichen Nixenarm um meinen Hals legen -- und küßt' mich -- und ich wehr' mich nicht, denn warum auch? -- und plötzlich fällt der Mondstrahl gerad auf ihr Gesicht -- und es ist die Martha Böhle -- und ...
Und plötzlich schlug Benno Stehkragen die Hände vors Gesicht und weinte bitterlich.
Es war spät in der Nacht, als er heimkehrte, und ein starker Entschluß war in ihm gereift: Er wollte sich Martha offenbaren, er wollte ihr sagen, daß er ihr Sklave sei für alle Zeit, und daß sie ihn erhöhen oder vernichten müsse.
Er hatte den Hausschlüssel vergessen und mußte deshalb seine Wirtin aus dem Schlaf schellen.
In einem flanellenen Unterrock kam Frau Petterich, einen Fünfminutenbrenner in der Hand, gewichtigen Schrittes die Treppe herunter.
»Schonn dahaam?« frug sie bösgelaunt über die Störung. »Sie war'n wohl beim Ebbelwei?«
»Ja, ich war beim Äpfelwein,« log Benno.
»So? Des nächstemal iwwernachte Se nor aach gleich im Wertshaus! Odder maane Se, ich habb Lust unn bild' mich wege Ihne zum Nachtwächter aus?«
Schuldbewußt stieg Benno hinter ihr die Treppe empor.
Auf der fünfzehnten Stufe versagte der Fünfminutenbrenner, und Frau Petterich schrie, indem sie einen neuen in Brand setzte: »Jetz verbrenn' ich merr aach noch wege Ihne die Pfote!«
Unheilvoll schweigend legte sie den Rest der Treppe zurück, unheilvoll schweigend zündete sie ihm seine Petroleumlampe an. Sie hatte noch einige kräftige Worte auf der Zunge -- ach, es war ja so lange her, daß sie keine Gardinenpredigt mehr hatte halten können -- aber als sie Bennos klägliche Miene sah, überkam sie wieder das Mitleid.
»Sie wer'n immer reifer zum Heierate: sogar unbünktlich haamkomme dhun Se schonn! No, die Käsbergerin werd Ihne schonn ziehe!« sagte sie und verabschiedete sich mit einem energischen »Gu'n Nacht, Herr Nachtschwärmer!«
Benno hörte sie in ihrem Zimmer noch eine kurze Weile rumoren, vernahm noch ihre Worte: »Schlaf nor, Marieche, es war nor der Herr Käsberger« -- dann ward es stille.
Wenige Minuten später lag er selbst im Bett. Aber er konnte nicht einschlafen.
Er wälzte sich auf die rechte Seite, starrte in das Licht der Petroleumlampe und stöhnte: »Ich lieb' se, ich lieb' se, ich bin verrückt, es hat noch nie einen so meschuggenen Menschen gegeben wie mich -- aber ich lieb' se!
Und ich muß es ihr sagen.
Aber wie? Ich kann ihr doch nicht im Bureau eine Liebeserklärung machen? Ich kann doch nicht mitten auf der Kaiserstraß' vor sie hinknien und einen Volksauflauf verursachen?
Soll ich vielleicht einmal mit ihr ins Kino gehen? Und wenn's dunkel wird, und auf der Leinwand küßt sich gerade ein Liebespaar -- es wird nirgends auf der Welt so viel geküßt wie auf einer Kinoleinwand --, dann nehm' ich sacht ihr Händchen und streichel's und flüstre -- ja, wenn ich nur wüßt', was man bei solchen Gelegenheiten flüstert!«
Er wälzte sich auf die linke Seite.
»Ist die Menschheit nicht närrisch? Weshalb nimmt man nicht einfach das Mädchen, das man liebt, beim Arm und packt se in eine Droschke und fährt se nach dem Standesamt und zieht dort seinen Füllfederhalter heraus, unterschreibt, fährt heim und is verheiratet? Weshalb muß man vorher erst eine Liebeserklärung loslassen und Sonne, Mond und Sterne beschwören und sich die Zunge aus dem Hals und die Vernunft aus dem Kopf stammeln? Weshalb genügt es nicht, daß man _fühlt_? Weshalb muß man die Gefühle auch noch in überschwengliches Deutsch bringen?«
Benno wälzte sich auf die rechte Seite.
»Überhaupt, will ich sie denn _heiraten_? So weit sind wir doch noch gar nicht. Weiß ich denn, ob sie mich wiederliebt? Vielleicht sagt se: 'Herr Stehkragen, Sie sind noch zu jung zum Heiraten! Und Sie essen gern Apfelschalet, den ich nicht ausstehen kann, und ich ess' gern Grünekernsupp', vor der's Ihnen graust -- Herr Stehkragen, das wird keine glückliche Ehe!'
Nein, vom Heiraten will ich ihr noch nicht sprechen. Nur meine Liebe will ich ihr mitteilen. Aber wie, aber wie?«
Benno wälzte sich auf die linke Seite.
»Wenn mir's nur einer vormachen wollte! Natürlich nicht bei der Martha. Es gibt doch Tanzstunden und Sprachstunden und Unterricht in der doppelten Buchführung, warum gibt es keinen Unterricht in einfacher Liebeserklärung?«
Und plötzlich kam ihm eine Erleuchtung.
Er sprang im Nachthemd aus dem Bett, eilte an seinen Bücherschrank und nahm einen Band Shakespeare heraus.
Er wollte in »Romeo und Julia« nachsehen, wie's der Romeo gemacht hatte.
Den Band im Arm kroch er ins Bett zurück und blätterte krampfhaft.
Da, am Schluß des ersten Aktes, war eine passende Stelle:
»Entweihet meine Hand verwegen dich, O Heil'genbild, so will ich's lieblich büßen, Zwei Pilger, neigen meine Lippen sich, Den herben Druck im Kusse zu versüßen.«
Hm, ob Martha das verstehen würde? Es war ein bißchen hoch für ihre Verhältnisse. »Den herben Druck im Kusse zu versüßen.« Und gleich mit Küssen anfangen, nein, es ging nicht, es ging unmöglich. In Verona war man in solchen Dingen offenbar liberaler als in Frankfurt am Main.
Benno legte sich auf den Rücken und blätterte emsig weiter.
»Ich bin kein Steuermann, doch wärst du fern Wie Ufer, die das fernste Meer bespült, Ich wagte mich nach solchem Kleinod hin.«
Benno ließ aufstöhnend das Buch auf die Bettdecke sinken.
Alles sehr schön, wunderschön sogar, aber für seine Zwecke ganz unbrauchbar.
Vielleicht gab's im Schiller ein besseres Rezept?
Er wollte abermals aus dem Bett springen, da machte die Lampe knacks.
Der Zylinder war geplatzt, nachdem die Lampe schon die ganze Zeit geblakt hatte.
Benno fuhr entsetzt auf, hob den Kopf nach dem Nachttisch und blies das Licht aus.
»Frau Petterich wird toben, wenn sie die kaputtene Lampe sieht,« ächzte er. Womöglich war der Zylinder _auch_ ein Erbstück von ihrem Großvater? Und die ganze Bettdecke voll Ruß!
Seine Gedanken nahmen eine andere Richtung, er wälzte sich noch eine Weile fiebernd im Finstern, bis ihn die Müdigkeit überwältigte.
Morgens beim Erwachen fiel ihm ein, daß er heute abend ins Theater mußte. Er hatte es Katharine versprochen, die zum erstenmal eine kleine Solorolle singen durfte, die erste Brautjungfer im »Freischütz«.
Seit vierzehn Tagen übte sie nichts anderes mehr als »Wir winden dir den Jungfernkranz«.
Benno stand noch in Unterhosen, da brachte Frau Petterich den Kaffee. Er hatte wieder einmal das Klopfen überhört.
Schweigend stellte sie das Frühstück auf den Tisch, würdigte weder Benno noch die demolierte Petroleumlampe eines Blicks, schweigend entfernte sie sich.
Und als Benno fortging, ließ sie sich nicht sehen, sondern blieb, eine gekränkte Juno, in der Küche.
Mit gesenktem Kopf schlürfte Benno seinen Weg zur Industriebank. Und vergrämt sagte er sich: Du verlierst noch wegen deiner aussichtslosen Liebe die wenigen Freunde, die dich gern haben ...
»Was gucken Sie mich denn so an?« frug Martha gereizt, als sie eines Vormittags an dem gemeinsamen Arbeitspult im Couponbureau Platz nahm.
»Ich guck' Sie nicht an, ich guck' _in_ Sie!« gab Benno in ungewöhnlich scharfem Ton zurück.
Martha Böhle zupfte verärgert an der Perlenhalskette, die sie neuerdings trug, warf ihrem Gegenüber einen bösen Blick zu, den dieser mit mißachtendem Achselzucken aufnahm.
Die Kollegen im Couponbureau stießen sich heimlich an, die Beamtinnen kicherten.
Benno grollte. Er hatte noch keine Gelegenheit gefunden, ihr seine Verliebtheit zu offenbaren, und selbst wenn sich eine Gelegenheit geboten hätte, würde er sie jetzt ungenutzt vorübergehen lassen. Seine Liebe hatte das goldfarbene Gewand der Sehnsucht abgeworfen und sich in den strohgelben Mantel des Hasses gehüllt.
Ja, er haßte Martha in diesem Augenblick.
Der Theaterabend hatte ihm ein bitteres Erlebnis gebracht, einen Argwohn geweckt, der nicht mehr zur Ruhe kommen wollte.
Bis zur großen Pause war der Abend so schön verlaufen.
Schon nach der Ouvertüre hatte sich Benno, befeuert von der herrlichen Musik, gesagt: Du solltest doch öfter ins Theater gehen! Vielleicht ist es doch nicht recht von dir, daß du dich von der Welt abschließest, vielleicht birgt die Welt reichere Schönheiten, als du, ein trotzköpfiger Eigenbrödler, zugeben willst. Du verstaubst, Benno! Du bist ein altmodisch gewordener Überzieher, der in einem Schrankwinkel verkommt und sich beleidigt fühlt, daß freudigere Farben modern geworden sind. Und der in schmollender Eingebildetheit deklamiert: Auch _meine_ Zeit wird wiederkommen, auch _ich_ werd' wieder modern! Und seine Farbe _wird_ auch wieder modern -- aber bis dahin haben ihn längst die Motten gefressen!
Eine stille Seligkeit zog bei den Arien Max' und Agathes in sein Herz ein.
Waren diese melodischen Liebesergüsse nicht noch werbender, umstrickender, lodernder als die kühnsten Beschwörungen eines Romeo?
Einen Tenor sollt' ich haben, dachte er, und damit singen können sollt' ich -- dann wüßt' ich's, wie ich der Martha meine Liebe erklären müßte! Ich wollt' mich in ihre Seele hineintrillern und wollt' se bekantilenen, daß se gar nicht mehr anders könnt', als mir um den Hals fallen und seufzen: »Mein Benno, mein süßer Benno!«
Und ich tät' vor ihr hinsinken und tät' meinen Wuschelkopf in ihrem Schoß bergen, und hauchen tät' ich: »Ich bin dein! Alles ist dein: mein Herz, und mein Buckel, und mein hohes #C# -- alles, alles dein!«
Beifallsklatschen störte seine Träumerei.
Er sah sich erstaunt von seinem Galerieplatz um: Das Dämmerlicht des Zuschauerraums war von voller Beleuchtung abgelöst worden, ringsum saßen applaudierende Leute, und tief unten hob sich der Vorhang, und winzig aussehende Menschen in bunten Kostümen verbeugten sich an der Rampe.
Benno nahm das geliehene Opernglas zur Hand und ließ seine Blicke umherwandern.
Dort, auf einem Seitenplatz des zweiten Ranges, saß der dicke Rehle vom Wechselbureau und schmauste ein kräftig belegtes Butterbrot, das ihm seine fürsorgliche Alte mitgegeben hatte. Kauend unterhielt er sich mit einem bezwickerten Mädchen, das neben ihm saß und von Zeit zu Zeit vergnügt zu seinen Reden auflachte.
Benno lenkte das Opernglas nach der anderen Seite des Hauses und entdeckte in einer Loge das üppige Fräulein Antonie Hochberg, im Schmucke übergroßer Brillanten.
Ob die auch etwas empfand bei der Musik?
Sie saß steif auf dem Logenvorderplatz, mit einer Miene, als gehöre ihr das ganze Opernhaus, und als dulde sie nur aus Gnade die Anwesenheit minderbemittelter Staatsbürger und Staatsbürgerinnen.
Vor ihr auf der Brüstung lagen ihre Glacéhandschuhe, und Benno phantasierte:
_Wenn_ ihr jetzt ein Handschuh hinunterfiele -- wie im Schiller -- mitten zwischen die Salonlöwen und die Parkettigerinnen -- und sie tät' zu mir heraufrufen: »Herr Delorges Stehkragen -- ei, so hebt mir den Handschuh auf!« -- ich tät' herunterrufen: »Edles Fräulein Kunigunde Hochberg,« tät' ich rufen, »wie kommen Se merr vor? -- Heut abend bin ich nicht der Stehkragen vom zweiten Pult im Couponbureau der Industriebank, der vor jeder Kundin seinen Knicks machen muß -- heut abend bin ich der Kunstgenießer und Kunstmäzen Ritter Benno -- und ich sitz' so stolz auf meinem numerierten Galerieplatz wie der König auf seinem unnumerierten Thron -- und von mir aus kann auch noch Ihr _zweiter_ Handschuh hinunterfallen -- und Ihre Brillantenausstellung -- und Sie selbst dazu -- ich seh' gar nicht einmal hin nach Ihnen -- denn ich schwärm' für ein junges Mädchen -- das mir gegenüberwohnt am Kontorpult -- und goldene Haare hat -- und ...«
Das Haus verfinsterte sich wieder, und die Wolfsschluchtszene begann. Wie ein Kind freute sich Benno über die Regiewunder dieses Gespensteraktes. Er war ja so lange nicht mehr im Theater gewesen und hatte keine Ahnung davon, welche Illusionen ein geschickter Regisseur vermittelst Leinwand, Pappdeckel und bengalischer Beleuchtung hervorzaubern kann.
Er amüsierte sich herzlich über die tanzenden Skelette, über die Totenschädel, die mit den leeren Augen so schaurig glitzern konnten, und wahrhaftig, ihn gruselte dabei ein wenig.
Und als gar der Höllenfürst Samiel erschien, da schmunzelte er in dem stolzen Bewußtsein seiner eigenen Bravheit vor sich hin: Wie viel besser es doch sei, als ordentlicher Mensch tagsüber Coupons nachzuzählen und Fakturen zu schreiben und des Nachts in einem soliden Federbett zu schlafen, an den lieben Gott zu glauben und am Samstag in die Synagoge zu gehen, als sich mit dem wilden Jäger in Duzbrüderschaft einzulassen, seine einzige Seele gegen irdischen Profit zu verramschen und um Mitternacht in einer Gegend, in der sogar eine Wildsau ohne Leine herumläuft, zwischen allerhand unangenehmen Knochenfragmenten Freikugeln zu gießen.
Benno fühlte sich erleichtert, als der höllische Spuk vorüber war und die Leute aus dem Zuschauerraum strömten, um sich während der großen Pause zu ergehen.
Als er die Treppe nach dem Foyer hinunterstieg, klopfte ihm jemand von hinten auf die Schulter. Er wandte sich um und sah in Papa Käsbergers strahlendes Gesicht.