Chapter 6
Und zu Benno gewendet: »So sin die Kinner! Waaß Gott, merr hat sei Last mit dem Gezeppel! Ach, wann mei guder Mann noch lewe dhät, mei Schorsch-selig, der mißt'r alsemal 's Fell versohle -- awwer wisse Se, ich selbst breng's net iwwer's Herz! Also hier wär' des Zimmerche! Vom Balkoo aus könne Se bis hinner in de Wald gucke, wann's net grad regne dhut! Der vorigt' Mieter -- wisse Se, der Brofessor Langeberjer vom Senkeberjische Inschdidut, e hochaastänniger Mann, vielleicht kenne Se'n? -- der hat oft schdunnelang dagesesse unn hat ää Sigarr nach der annern geraacht -- es wunnert mich nor, daß'r net aach noch die _Schachtel_ mitgeraacht hat! Ich habb's em hunnertmal gesacht: 'Se verraache Ihne noch des ganze bissi Verstand!' awwer gradsogut hätt' ich's der Kommod' do preddige könne -- unn er hat vergniegt zugeheert unn hat gesacht: 'Frau Petterich,' hat er gesacht, 'net for e Milljoo geww ich des Zimmerche her!' 'Ich gebb's for de zehnte Teil,' haww ich erwiddert. Ich verzähl's Ihne aach nor, Herr Umlegkrage', damit Se wisse, wie schee der Balkoo is! Mei Schorsch-selig -- ach, des war e Mann! So aan gibbt's net widder! Da könne Se ganz Sachsehause in e Sieb schitte unn dorchschittele, so aaner fällt net eraus -- der hat als uff dem Balkoo gesesse unn hat gesacht: 'Josephinche,' hat'r gesacht, 'des hier is mei Keenigreich. Ich bin der Keenig, bloß haww ich nix zu sage!' Des war sei Lieblingsplätzche, bis'r emal erunner geschderzt is iwwer's Gelänner, weil er ze viel gesoffe gehadt hat. Ach Gott, er hat so'n gude Abbedit gehabt, mei Schorsch! Besonnersch Weckklöß mit gekochte Quetsche, da hat'r finf Stick fresse kenne! Unn hat _doch_ nor hunnertdreißig Pund gewoge! Es war e Rätsel, wo des Fresse bei dem Mann hie' komme is! Ja, vier Jahr hat der Brofessor Langeberjer bei merr gewohnt, bis er bletzlich de Rappel krieht hat, unn hat geheierat'. Mit finfunfuffzig Jahrn, e Mädche von einunzwanzig. E ganz arm Mädche. Unn hibsch war se aach net. Awwer ich sag's ja alleweil: Je schdudierter e Mensch is, desto meschuggener is er! Also, wie gefällt Ihne des Zimmerche?«
Benno Stehkragen hatte den Eindruck, als sei Frau Petterich etwas gesprächig.
Er vermutete, daß der selige Schorsch wohl nicht sehr oft zu Worte gekommen sein mochte. Aber die Frau gefiel ihm trotz ihrer Redseligkeit.
Und noch mehr gefiel dem Kindernarr Benno das Mariechen, mit dem er in der Folgezeit gar gut Freund wurde.
Nach zweistündiger Unterredung, in der er sowohl Frau Petterichs als auch Professor Langenbergers vollständige Lebensgeschichte erfuhr, hatte er das Zimmerchen an der Nordfront gemietet.
»Ich dhu noch e besser' Dischdeck' her unn annern Vorhäng an die Fenster! Unn gell, gewwe Se merr ja uff de Deppich acht, es is e Familje-Erbschdick, da hat schonn mei Großmudder de Großvadder geschimbft, wann er mit dreckige Schdiwwel in die Schdub gedappt is.«
Benno zog ein und genoß wieder bei geöffnetem Fenster den Gesang der Käsbergerin.
Er hörte ihn herzlich gerne, aber die ehemalige Verzückung stellte sich nicht mehr ein.
War die neue Umgebung daran schuld?
Oder hatte die lieblose Enthüllung der Käsbergerschen Privatverhältnisse durch die Delikatessen-Pythia doch einen Stachel in Bennos Gemüt hinterlassen?
Rita von Veldern war von der Nachtigall zur Amsel degradiert.
Gewiß, auch die Amsel ist ein recht respektabler Singvogel, aber ihr schwarzes Köpfchen trägt nicht das Diadem der Poesie, mit dem die Dichter einstimmig die Nachtigall gekrönt haben.
Als Katharine an einem theaterfreien Abend mit dem kleinen Lebrecht einen Spaziergang von ihrer Wohnung nach dem Waldrand machte, begegnete ihr Benno.
Sie stutzte, dann brach sie in Lachen aus. Wer war dieser merkwürdige Mensch? Schon auf dem Oederweg hatte er sie immer so feierlich gegrüßt, und jetzt tauchte er plötzlich auch in dieser Gegend auf.
War diese Begegnung Zufall, oder handelte es sich um einen schüchternen Liebhaber?
Mit einer raschen Entschlossenheit, deren Benno nie fähig gewesen wäre, trat sie auf ihn, der vor Staunen den Hut ratlos in der Hand behielt, zu und frug geradewegs:
»Wer sind Sie eigentlich? Ich habe Sie schon öfters gesehen.«
Ehe Benno eine Antwort stammeln konnte, erhob der kleine Lebrecht, der sich vor jedem Fremden fürchtete, ein erschreckliches Geheul und klammerte sich an seine Mutter.
»Ein sehr liebes Kind!« stotterte Benno und legte seine Hand auf Lebrechtchens Kopf -- ein Beruhigungsversuch, den dieser angenehme Knabe mit verdreifachtem Gebrüll beantwortete.
Hatte er dieses kräftige Organ von seinem Vater oder von seiner Mutter geerbt?
Rita und Benno starrten sich verdutzt an.
»Er ist etwas nervös,« bemerkte Rita entschuldigend.
»Aber er scheint ein guter Junge zu sein,« sagte Benno verbindlich und zog eiligst seine Hand zurück, denn der gute Junge hatte nach ihr gebissen.
»Ist das Ihr Brüderchen? Er sieht Ihnen so ähnlich.«
»Es ist mein Sohn,« antwortete Rita ruhig und gelassen.
Es gab Benno einen Stich.
»Sie sind verheiratet?« frug er enttäuscht.
»Ich wäre es beinahe einmal gewesen,« belehrte sie ihn freundlich. »Das Lebrechtchen hier ist die Verlobungskarte. Aber die Verlobung ging zurück. Lebrecht, gib dem Herrn die Hand!«
Lebrecht streckte Benno die Zunge heraus.
»Er kennt Sie noch nicht,« erklärte Rita das eigentümliche Verhalten ihres Sprößlings. Und fügte lächelnd hinzu: »Auch ich kenne Sie noch nicht. Wer sind Sie eigentlich?«
»Wer ich bin?« sagte Benno, als Lebrechts Mund endlich mit einem mütterlichen Konfektstück gestopft war, im Weitergehen. »Wer ich bin? In der Hauptsach' bin ich e Buckel. Ich bin -- hm, wie soll ich das ausdrücken? -- ein Etwas, das so lange Zahlen geschrieben hat, bis es selbst ein Null geworden is. Sie finden meine Verdienste in keiner Literaturgeschichte, in keinem Geschichtsbuch und in keinem Konversations-Lexikon. Und zu allem Unglück heiß' ich auch noch Benno Stehkragen. Aber ich glaub', ich hab' kein schlechtes Herz -- nur, wie mitunter die delikateste Leberwurst in schofles Zeitungspapier eingewickelt is, so is mein Herz eingewickelt in meine schofle Gestalt. Und ich frag' mich manchmal selbst, wenn ich morgens beim Aufstehen im Nachthemd vor dem Spiegel steh': bin ich wirklich ein menschliches Hauptwort in dem großen Buch der Schöpfung oder bloß en Druckfehler? Ich bin emal auf dem Rhein gefahren, und wie die Lorelei mich geguckt hat, hat sich vor Schreck ihr goldenes Haar entfärbt, und se hat ihren Frisierkamm ins Wasser fallen lassen, und ihr Lied is ihr im Hälschen steckengeblieben -- und da steckt's heut' noch drin! Seit der Zeit singt se nicht mehr. So, jetzt wissen Se, wer ich bin!«
Solch krauses Zeug redete Benno der erstaunten Katharine vor, die nicht wußte, sollte sie lachen oder ernst bleiben.
»Und weshalb grüßen Sie mich immer?« frug sie. »Ich kenne Sie doch gar nicht.«
»Kennt mich der Mond?« gab Benno zurück. »Und doch grüßt er mich jeden Abend! Außer es is grad Neumond.«
Und nun erzählte er ihr, wie viele schöne Augenblicke er ihr schon verdankte, und daß es ihm ein Bedürfnis gewesen sei, sie zu grüßen, ohne daß er sie deshalb mit dem Mond oder sonst etwas Astronomischem vergleichen wolle.
Und jedesmal, wenn in ihrem Gesang der Himmel still die Erde geküßt hätte, hätte er, Benno, in Gedanken ihr kleines Händchen geküßt. Und er bitte nachträglich tausendmal um Entschuldigung.
Katharine fühlte sich durch diese Huldigung geschmeichelt und erfreut. Und auch in Benno keimte eine frohe Gehobenheit.
War er nicht ein Mordskerl? Schritt er nicht elastisch als Kavalier neben einer leibhaftigen Sängerin?
Wenn ihn einer seiner Bankkollegen so sähe, würde er nicht anerkennend schmunzeln: »Sieh mal an, was Bennochen Stehkragen für Sachen macht! Wer hätte das von ihm gedacht?«
Ja, es schlummern männliche Talente in einem, die man selbst nicht ahnt!
Ein Gespräch über Gesang kam in Fluß. Benno lauschte Katharines Weisheiten nur mit halbem Ohr. Er warf von Zeit zu Zeit einen scheuen Blick auf die neben ihm schreitende Choristin, sein Gang ward unbewußt zu einem leicht verwegenen Tänzeln, so daß er ein wenig einem Dromedar, das sich verschluckt hat, glich.
Je öfters er zu ihr hinüberblickte, desto günstiger wurde sein Urteil über ihre äußere Erscheinung.
Im Grunde genommen besaß doch die Menschheit keinerlei authentische Mitteilungen über das Aussehen der Feenkönigin. Wo steht geschrieben, daß sie _keine_ spitze Nase hat und _keine_ verwaschene blaue Seidenbluse trägt?
Und er dachte: _Wenn_ ich jetzt so frech wär' wie der Casanova oder der Herr Wittmann -- und ich tät' plötzlich meinen Arm um ihre Taille legen -- und tät' mich auf die Zehenspitzen stellen -- und ihr einen Kuß aufpappen -- oder zwei -- und se tät' merr eine Ohrfeige geben -- oder zwei -- und es tät' ihr im selben Augenblick leid -- und se tät' flüstern: »Ich hab' Ihnen doch nicht weh getan, Herr Stehkragen?« -- und ich tät' antworten: »Unberufen, _und wie_!« -- und ihr kämen die Tränen in die Augen -- und se -- --
Rita richtete eine direkte Frage an Benno, er mußte seinen schönen Traum abbrechen und antwortete: »Wie haben Se soeben bemerkt, gnädiges Fräulein?«
Nun entwickelte auch Benno seine musikalischen Ansichten und sprach lang und gut.
Rita gewann den Eindruck, daß er ein ungeheuer gescheiter Mensch sein müsse, von dem sie etwas profitieren könne, und so lud sie ihn ein, sie doch gelegentlich zu besuchen und ihr beim Üben mit Ratschlägen behilflich zu sein.
Das war mehr als Benno erwarten konnte.
Er war auf dem besten Wege, ernstlich Feuer zu fangen -- die Obstbäume dufteten so süß, die Spatzen zwitscherten so lustig, und hinter einer Weißdornhecke legte der kleine Amor mit einem spöttischen Lächeln bereits einen Pfeil auf den Bogen -- da brach im kritischen Moment der kleine Lebrecht wieder in ein markerschütterndes Geheul aus.
Der schreckliche Lebrecht hatte versäumt, ein kleines Bedürfnis anzumelden, und bejammerte nun herzzerbrechend seine Hosen.
Gott Amor flog hellauf lachend hinter der Hecke hervor und wälzte sich, vor Vergnügen quietschend, in den Brennesseln.
Statt zärtlich-geheimnisvoll Liebesworte auszutauschen, gerieten die beiden nun in ein höchst prosaisches Familiengespräch. Statt Arm in Arm zu wandeln, führten sie auf dem Heimweg den heulenden Lebrecht rechts und links an der Hand.
O, wie schnöde endete, was so schön begonnen hatte!
Der Bengel war nicht zu beruhigen, so daß eine vorbeigehende Sachsenhäuserin dem schuldlosen Benno erbost zurief:
»Verhaage Se doch den Lausbub emal or'nlich! Sie sin merr e scheener Waschlappe von eme Vadder!«
Bald darauf fand der erste Besuch Bennos bei den Käsbergers statt, und das riesige Blumenbukett, mit dem er sich bewaffnet hatte, erweckte das helle Entzücken Katharines und der Großmama Käsberger.
Herr Lebrecht Breivogel hatte sich nie in solche Unkosten gestürzt. Im Gegenteil, er war noch die Kosten für die Hebamme schuldig.
»Merr guckt doch gleich uff de ehrschte Blick, was e vornehmer Mensch is!« belehrte Großmama Käsberger ihre Tochter, als Benno sich verabschiedet hatte.
Sie fand, daß sein Buckel eigentlich gar nicht so groß sei, als er von außen aussehe. Und er habe so viel Seele in den Augen.
Was schadete ein Buckel? Pah, so viele Buckels konnte ein Mann gar nicht haben, daß sie ihn deshalb als Schwiegersohn verschmäht hätte.
Die gute Großmama Käsberger schwamm bereits in standesamtlichen Träumen. Wenn die Töchter einmal in die dreißiger Jahre gekommen sind, sitzt bei den Müttern der Segen sehr lose.
Jeder ledige junge Mann gilt ihnen als Schmetterling, sie haben beständig das Schmetterlingsnetz bei sich, sie verstehen das Fangen virtuos, und ehe der arme Junggeselle Böses geahnt hat, haben sie ihn auf dem Spannbrett der Ehe aufgespießt.
Der harmlose Benno ahnte nicht, welche Gefahr ihn bedrohte.
Um so schärfere Augen hatte die erfahrene Frau Petterich, die die Besuche ihres Mieters bei »dere Komödiantegesellschaft da driwwe« mit Mißfallen sah.
»Genau so hat's beim Brofessor Langeberjer aagefange!« warnte sie ihren Schützling. »Uff de Kopp genau so! Zuehrscht harmlose Besuchercher, dann so e merkwerdige Zerstreutheit, unn uff aamol hat'r vor'm Traualtar geschdanne, de Zylinner verkehrt in der Hand, unn hat 'Ja' gesacht -- unn des Unglick war ferdig! Herr Stehkrage', ich warn' Ihne!«
Benno stutzte und wurde vorsichtig.
Er wiederholte in angemessenen Abständen seine Besuche, ließ sich von Katharine etwas vorsingen, half dem kleinen Lebrecht gelegentlich bei den Schulaufgaben, mit dem Erfolg, daß er nach einem Vierteljahr bereits nur noch der zweitschlechteste in der Klasse war.
In hohe Gunst geriet er bei Papa Käsberger. Dieser erwies ihm die höchste Ehre, die er zu vergeben hatte: er nahm ihn mit in den Schornsteinfegerverein.
Benno fühlte sich sehr geschmeichelt. Da sich aber das Gespräch im Verein fast ausschließlich um die Qualität des Äpfelweins und des Magistrats drehte, wobei der Äpfelwein besser wegkam als der Magistrat, so ging Benno vorsichtig einer Wiederholung seines Gastspiels bei den »Lustigen Rauchfängern« aus dem Wege.
Etwas gespannter wurden mit der Zeit seine Beziehungen zu der gnädigen Frau Großmama.
Sie konnte noch so oft betonen, daß das Junggesellenleben doch unmöglich einen Mann auf die Dauer befriedigen könne, und daß ein kluger Mann niemals eine junge Schneegans, sondern nur ein gereiftes, erfahrenes Mädchen -- »Rita, wie alt bist du eigentlich?« -- heiraten würde. Benno gab ihr vollständig recht, aber er zog nicht die gewünschten Konsequenzen.
Großmama Käsberger fand infolgedessen, daß der Buckel Bennos in der letzten Zeit bedeutend gewachsen sei. Eigentlich sei der Buckel noch viel größer, als er von außen aussehe.
Und sie gewöhnte sich an, gar lieblos von Benno zu reden, und nannte ihn ihrer Tochter gegenüber mit Vorliebe: »Dein buckliger Judd.«
Katharine nahm alsdann Benno kräftig in Schutz. Sie hatte längst herausgefühlt, daß Benno ein guter Kerl war, und seine wohlwollende Bewunderung tat ihr wohl. Kam doch durch ihn wieder ein bißchen Wärme in ihr liebeleeres, verblühtes Dasein.
Und ähnlich ging es Benno selbst.
Er hegte für sie eine väterliche Freundschaft, er machte ihr kleine Geschenke, ja, er nahm sie sogar einmal mit in das koschere Restaurant.
»Derf merr gratuliere?« hatte am nächsten Tag der stoppelbärtige Joseph gefragt. »Wieviel krieht se dann mit?«
»Sie gehören ja auf den Affe'stein[1]!« hatte Benno ihn barsch zurechtgewiesen. »Ich heirat' überhaupt nicht. Mit mir stirbt mei Geschlecht aus. Bloß meine Seitenlinie, der Apollo von Belvedere, pflanzt sich noch fort.«
[1] Frankfurter Irrenanstalt.
Benno und Katharine, zwei vom Schicksal vernachlässigte, an Enttäuschungen gewöhnte Menschenkinder, freuten sich ihrer wunschlosen Sympathie.
So standen die Dinge, als plötzlich Martha in Bennos Gesichtskreis trat.
Neben dem Sonnenglanze dieses neuen Erlebnisses mußte der freundliche Schimmer jener harmlosen, allmählich zu einer angenehmen Gewohnheit herabsinkenden Freundschaft verblassen.
Als erste bemerkte die gute Frau Petterich die Veränderung, die mit ihrem Mieter vorging. Aber da ihr Marthas Existenz unbekannt war, führte sie sein seltsames Verhalten auf die Beziehungen zu Katharine Käsberger zurück, die sie schon lange auf die ziemlich umfangreiche Liste jener Mitmenschen gesetzt hatte, die sie »net rieche« konnte.
»Haww ich's net gesacht?!« jammerte sie. »Jetz is es bald werklich so weid! Awwer des sag' ich Ihne: _Ich_ geh' net zu Ihrer Trauung, ich net! Wann' s dem Esel zu wohl is, geht er uff's Standesamt! En Ring sollt' merr Ihne dorch de Nas' ziehe unn Sie im Zoologische Garte ausschdelle! Ich sag's ja: Seit mei Schorsch-selig dod is, gibbt's kaa vernümfdige Mannsbilder mehr. Mei Schorsch-selig -- ach, so aan find ich meiner Lebdag net mehr! Der war noch von der gude ahle Rass'! Danze hat er könne, Schottisch, Galobb, Walzer rechts erum, Walzer links erum, uff eigne Zehespitze unn uff fremde Zehespitze -- der geborene Balletöserich! Dorch's Danze hawwe merr uns ja aach seinerzeit kenne unn liewe gelernt. An eme Sonntag war's, in Nidderrad, beim Bamberger. Finf Glas Bier haww ich'm bezählt, unn nach'm sechste hat er merr ewige Treu' geschworn. Unn er hat se aach gehalte, wenigstens haww ich nix bemerkt! Des war e Mann, mei Schorsch-selig, e Herz wie Gold hat er gehabbt, unn so schee war er: wie e Feldwewel in Zifil hat er ausgesehe. Se misse awwer net glaawe, daß ich net vielleicht aach noch annerne Partiee hätt' mache könne. Minnestens Sticker zehe Verehrer haww ich gehabbt, ich war aach emal jung unn schee -- so schee werd' Ihne Ihr hochgeborenes Fräulein Käsberger ihrer Lebdag net, unn wann se hunnert Jahrn alt werd! Da is zum Beischbiel der zwette Gehilf vom Metzger Westheimer gewese, der wär beinah wege mir in de Mää gehippt, glicklicherweis' war er damals grad zugefrorn! Unn der Ausläufer Philipp vom Schepeler, der hat sogar Gedichtcher uff mich gemacht, so unzurechnungsfähig war er. Godd, wann ich draa denk, wie ich emal mit'm Philipp beim Bamberger gedanzt habb unn der Schorsch is dazukomme, unn eh' ich die Herrn habb mitenanner bekannt mache könne, hat der Philipp schonn verbunde wer'n misse. Dann mei Schorsch-selig, der hat Kraft gehabt wie e Eisbär, Muskele, sag' ich Ihne, so dick wie Ihr Buckel! Unn hat doch schderwe misse. Es is e Kreuz!« -- --
Wir haben Benno auf seinem abendlichen Heimweg ganz allein den Sachsenhäuser Berg hinaufkraxeln lassen, ihn diskret seinen Träumen nachhängen lassen, nun aber wollen wir uns ihm wieder anschließen und ihm in sein Zimmerchen folgen, um einmal nachzuschauen, wie es dort aussieht.
»Guten Abend, Herr Stehkragen!« begrüßte ihn Mariechens frohlockende Stimme im Hof.
Das Mariechen hatte in dem Schuppen, der dem seligen Herrn Petterich als Sommerwerkstätte gedient hatte, gespielt und war, sobald sie Benno erblickt hatte, ihm freudig entgegengesprungen.
»Guten Abend, Mariechen,« erwiderte Benno den Gruß und zupfte ihr das Haarband, das sich beim Spielen verschoben hatte, zurecht. »Die Schulaufgaben schon gemacht?«
»Natürlich, Herr Stehkragen!« beteuerte das Kind. »Soll ich sie Ihnen zeigen?«
»Später, später!« sagte Benno freundlich. Sein Kopf war noch mit Gedanken an Martha gefüllt, und er überhörte beim Betreten des Hausflurs ganz den Gruß der Frau Petterich.
Kopfschüttelnd sah ihm seine Wirtin nach.
»Jetzt glaaw ich's bald selwer,« seufzte die brave Frau, »daß es Zeit werd, daß er unner'n Bandoffel kimmt! Dem Riese Goliath sei' Bandoffel, des wär' so die richtige Größ' for en. Er werd schonn ganz daub vor Zerstreutheit, die Lieb' hat sich bei em uffs Ohr gelegt, nächstens schnappt er iwwer!«
Beim Betreten seines Zimmers fand Benno auf dem Tisch einen Strauß frischer Wiesenblumen.
Den hatte ihm Mariechen gepflückt, die mit kindlich-überschwenglicher Verehrung an ihrem Hauslehrer Benno hing.
Wie gut konnte er ihr alles erklären! Viel besser als die Lehrerin in der Schule. Und nie schimpfte er. Immer war er gleichmäßig freundlich, verlor nie die Geduld, so viel man ihn auch fragte. Und merkwürdig: Bei der Lehrerin in der Schule verspürte man immer, sobald sie sich umdrehte, den unwiderstehlichen Drang, ihr die Zunge herauszustrecken, eine Nase zu schneiden oder wenigstens ein Gesicht zu ziehen -- bei Benno kam ihr nie dieser Gedanke.
Benno war ihr guter Freund, ihr Vertrauter. Nur wo die Kinder herkommen, sagte er ihr nicht. Wahrscheinlich wußte er's selber nicht.
Und noch eines war dem Mariechen aufgefallen: daß er ihren Namen nicht behalten konnte. Er redete sie oft mit »Martha« an.
Sie hatte es einmal lachend ihrer Mutter erzählt, und diese hatte die rätselhafte Antwort gegeben: »Wann er dich widder mit Martha aaredt, dann reddst _du_ en mit 'Herr Käsberger' an!«
Benno nahm den Blumenstrauß in die Hand, seine aufgestülpte, bebrillte Nase verschwand in den Blüten.
Er zog eine Marguerite aus dem Strauß und zupfte die Blätter ab und flüsterte dabei: »Sie liebt den Wittmann -- se liebt ihn nicht -- se liebt ihn -- se liebt ihn nicht -- se liebt ... der Schlag soll ihn treffen!«
Er seufzte tief auf, hängte Hut und Mantel an den Türhaken und legte sich auf das Sofa.
»Wolle Se gleich die Fieß vom Sofa erunner dhun!« erklang auch schon Frau Petterichs vorwurfsvolle Stimme.
Frau Petterich war ins Zimmer getreten, um seinen Mantel zum Ausbürsten zu holen.
Oder, ehrlicher gesprochen, sie kam unter diesem Vorwand, um sich zu überzeugen, ob ihr Mieter wieder seufzend auf dem Sofa lag und »seine Zuständ'« hatte.
Den Hauptschmuck des Zimmerchens bildete der große Bücherschrank. Da standen unsere Klassiker in Reih und Glied, arg zerlesen, fleckig und vergilbt, so daß man sie beim ersten flüchtigen Anblick für wertvolle alte Ausgaben hätte halten können. Aber dem war nicht so. Stuart Webbs hätte mit Leichtigkeit festgestellt, daß diese Flecken Bennosche Fingerabdrücke und Butterbrotspuren waren.
Über dem Sofa hing ein Brautbild von Bennos verstorbener Mutter.
Zweifelsohne hatte diese Photographie einst in dem Brautbild des Vaters ein Gegenstück besessen. Aber dieses Bild fehlte.
Hatte der kurzsichtige Benno es einmal fallen lassen, oder war es beim Umzug verlorengegangen?
Nein, die Geschichte verhielt sich ganz anders, und sie war wieder einmal eine echt Bennosche Geschichte.
Der alte Stehkragen und sein Sohn hatten sich zeitlebens schlecht verstanden. Der Vater, ein Kleinkaufmann, hatte den kleinen Benno unter schweren Opfern das Gymnasium besuchen lassen und hoffte, in ihm dereinst eine Leuchte der medizinischen Wissenschaft zu sehen.
Benno sträubte sich hartnäckig gegen diesen Plan. Gewiß, es mußte Befriedigung verleihen, körperliche Leiden zu heilen, Wunden zu schließen -- aber sein ganzes Leben mit dem Anblick von Krankheiten, von häßlichen Zerstörungen zubringen, all das Elend unserer Hinfälligkeit tagein, tagaus von neuem zu studieren, dazu fühlte sich Benno nicht stark genug. Ein prophetisches Gefühl ängstigte ihn, er werde als Arzt keine frohe Stunde mehr genießen können, er werde die Welt durch eine blutige Brille ansehen.
Der Literatur- und Kunstgeschichte wollte er sich einstens widmen -- ein Studium, zu dem der Vater schon aus materiellen Gründen nie seine Zustimmung geben konnte.
So oft die Berufsfrage besprochen wurde, kam es zu hitzigen Auseinandersetzungen, bei denen die Mutter bittere Tränen vergoß.
»Wein' nicht, Mutter,« tröstete Benno die alte Frau, wenn der Vater den Hut aufgesetzt hatte, die Tür wütend zugeworfen und das Haus verlassen hatte, um durch erregtes Spazierenlaufen in den Promenaden seinen Kummer zu ersticken. »Flenn' nicht, Mama! Wenn ich erst emal e berühmter Mann bin, wird sich der Vater schon beruhigen! Ich _kann_ nun emal kein Bauchaufschneider werden, es interessiert mich nicht, wie die Leut' inwendig aussehen! Mir is e gutes Gedicht lieber wie der schönste Blinddarm -- hab' Vertrauen in mich und putz' derr die Tränen ab!«
Und die alte Frau trocknete ihre Tränen, sie hatte ja so gern Vertrauen zu ihrem einzigen Kind.
Man konnte es unter diesen Umständen beinahe ein Glück nennen, daß Stehkragen #senior# starb, ehe die Berufsfrage zur Entscheidung drängte.
Benno ging damals in die Untersekunda und machte statt der Schulaufgaben Gedichte an den Mond, an die Lotosblume und andere aus Heinrich Heine entlehnte Requisiten der Verliebtheit.
Die Mutter, die schon früher dem Vater bei der Arbeit geholfen hatte, führte opfermutig das kleine Geschäft weiter, aber trotz verzweifelter Anstrengungen ließ sich kaum so viel herauswirtschaften, daß Benno das Gymnasium weiter besuchen konnte.
Nur wenige Jahre überlebte seine Mutter den Vater.
Benno fand sich kurz vor dem Abiturientenexamen allein auf der Welt, als Erbe eines Geschäftes, von dem er nichts verstand und zu dem er keine Neigung hatte.
Wo sollte das Geld zum Studieren herkommen? Alle seine Hoffnungen brachen zusammen. Es blieb keine Wahl: Ein Brotberuf mußte ergriffen werden.