Chapter 4
Aber ein Weib mit Schwert, Helm und Brünne, gepanzert bis über die Nasenspitze?
Nein, das war keine Partie für Siegfried. Er hätte dem Siegfried ein wunderzartes, treues, hingebendes Mägdelein zum Weibe gewünscht, aber nicht eine rabiate Athletin, die im Freien übernachtete und eine ganze Waffenkammer mit sich herumtrug.
Und wenn sie von selbst erwacht wäre, so hätte er, Benno Stehkragen, an Siegfrieds Stelle gesagt: »Entschuldigen Se, falsch verbunden!« und hätte die Brünhilde Brünhilde sein lassen.
Nein, dieser Siegfried war kein reiner Held für seine Begriffe.
Und so erging es ihm mit den meisten Helden der Oper und des Musikdramas: sie sangen wohl recht schön, wenn auch ein bißchen viel und lang, aber _lieben_ konnte man sie nicht, noch sich für ihre Taten begeistern.
Schade, daß Martha eine solche Vorliebe für das Theater besaß.
Es war Benno ein Rätsel.
Und dennoch war dieses Rätsel so einfach zu lösen:
Er, Benno Stehkragen, besaß eine ungestüme, krause Phantasie, die freien Flug brauchte. Die sinnfällige Darstellung von Kunstwerken auf der Bühne legte seiner Phantasie Ketten an. Im Theater befand sich nicht nur seine kleine, buckelige Körperlichkeit in einem geschlossenen Raum, auch sein Empfinden, sein Denkvermögen waren in eine große Schachtel eingesperrt, wie ein Maikäfer in eine Botanisierbüchse, und stießen auf allen Seiten schmerzhaft an, sobald sie sich zum Fliegen anschickten.
So war es ihm schon als Kind gegangen.
Als kleiner Bub hatte er einmal zum Geburtstag einen großen Baukasten erhalten. Damit baute er die wunderschönsten Häuser, Brücken und Paläste.
Aber es lag diesem Baukasten auch ein Heftchen mit Vorbildern und Anleitungen bei -- und nach diesen Vorbildern brachte er beim besten Willen nichts zustande.
Der Vater, zornig über den dummen, ungeschickten Jungen, zankte, und Benno zog sich verschüchtert mit seinem Baukasten in die dunkle Speisenkammer zurück, kauerte auf den kalten Boden nieder und errichtete dort in der Finsternis die herrlichsten Schlösser.
Hatte er eines beendet, so öffnete er die Türe, ließ das Licht hereinfallen, bewunderte sein Werk und belohnte sich freigebig mit den Rosinen, die so nahe standen.
Bis seine Mutter fand, daß diese eigenmächtigen Belohnungen zu tief in ihr Haushaltungsbudget eingriffen, und der Baukasten in einem wohlverschlossenen Schrank verschwand.
In Gedanken aber baute Benno noch lange die prächtigsten Gebäude.
Im Gegensatz zu Benno besaß Martha, dieses kluge, lustige Mädel, nur wenig Phantasie.
Wollte _sie_ sich über das Ackerland des Alltags erheben, so bedurfte sie dazu der groben Vermittlung all des Plunders von Schminke, Puder und Flitter.
Eine Flugmaschine, ja, das war etwas, was sie begriff -- sie selbst hatte keine Flügel. Ein Drama zu _lesen_ wäre für sie etwas maßlos Langweiliges gewesen.
Sie lebte in angeborener, unverwüstlicher Daseinsfreudigkeit dahin, ein praktisches, vergnügtes, gesundes Menschenkind.
Für Martha gab es keine Märchen, nur eine höchst lebenswerte Wirklichkeit. Für Benno war alle Wirklichkeit ein Märchen.
Ein närrisches Märchen, in dem er selbst mitagierte, nur wußte er nicht: Hatte er aus dem Zauberquell getrunken, der ewiges Glück verleiht, oder hatte er von den Feigen des Zwergs Nase gegessen, von deren Genuß man lange Schlappohren und eine ungeheure Nase bekam?
Und in dieses Märchen war mit dem Erscheinen Marthas die Feenkönigin eingetreten, und unter jedem ihrer Schritte blühten Vergißmeinnicht, Veilchen und Nelken und all die Blumen, mit deren Namen er sie alltäglich begrüßte.
Auch einen bösen, mächtigen Hexenmeister gab es in dem Märchen, der der Feenkönigin nachstellte, und das war der Herr Wittmann.
Die alten Griechen, dachte Benno, haben für alle Gewerbe ihre Spezialgötter gehabt; der Ackerbau hatte seine Göttin, die Viehzucht hatte ihre Göttin -- vielleicht ist Fräulein Böhle die Göttin des Bankgeschäfts, und die dummen Menschen merken's nur nicht.
Benno Stehkragen war verliebt, rettungslos verliebt.
Freilich, hätte ihm jemand auf den Kopf zugesagt: »Herr Stehkragen, Sie haben sich in Fräulein Böhle vergafft,« er hätte es nicht geglaubt.
Verliebt? Er? -- Wieso?
Wenn man ein Weib liebt, so _begehrt_ man es doch. Man will sie küssen, sie in seine Arme schließen, sie ganz für sich allein besitzen, mit ihr, für sie und durch sie glücklich sein.
An so etwas aber dachte Benno Stehkragen mit keinem Gedanken.
Nicht ihr üppiges blondes Haar, nicht ihre weichen Arme, nicht ihre Schlankheit oder ihr hübsches Gesicht wollte er sich zu eigen machen -- es war der Duft von Jugend, von lachender Frische, der ihn unterjochte.
Er spiegelte sich in diesem Quell, der sein Bild tausendfach verklärt zurückwarf -- aber sollte er mit plumpen Füßen hineintappen und den Quell schlammaufwühlend trüben?
Martha war für ihn ein Heiligtum, das man nicht berühren durfte.
Er konnte sich kaum vorstellen, daß er den Saum ihres Kleides küssen würde, und gar ihre roten Lippen? -- Niemals.
Ich und Martha vereint, dachte er bitter, das wär', als wollt' man ein Reh mit einem Pavian kreuzen!
Seine Liebe war ein wortloses Anhimmeln, und wenn Benno Stehkragen nicht ein so ausgereiftes Männlein gewesen wäre, hätte man es pennälerhaft nennen dürfen.
Vor dem Bilde Marthas verschwand ihm das Bild eines anderen Mädchens, das ihn bisher manches Mal beschäftigt hatte: das Bild des Fräuleins Rita von Veldern.
Wer war das?
Begleiten wir den kleinen, buckeligen Benno ein wenig auf dem Nachhausewege, sehen wir uns ein bißchen sein Junggesellenheim droben auf dem Sachsenhäuser Berg an; so wird auch in diese bis jetzt noch dunkle Angelegenheit Licht kommen.
Benno ging die Kaiserstraße hinunter.
Er hatte am Vormittag in Marthas Begleitung keine Zeit gehabt, sich die Schaufenster zu betrachten, und er holte das jetzt mit Behagen nach.
Besonders die Auslagen eines Porzellan-Geschäfts fesselten seine Aufmerksamkeit.
Da war seit etlichen Wochen eine zierliche Rokokopuppe ausgestellt: zwei Edelleute und zwei Hofdämchen, die gemeinsam Karten spielten. Benno hatte den Gesichtsausdruck der vier spielenden Figürchen genau studiert, und er war sich darüber klar geworden: die eine Dame mogelte.
Jawohl, die eine Dame, die gerade das Herz-As ausspielte, und zu deren Füßen ein Windhund kauerte, mogelte ungeniert.
Jeden Tag betrachtete er sich die Gruppe von neuem und dachte sich: Merken die's denn immer noch nicht, daß das Luder mogelt?
Wenn die Kaiserstraße nicht eine so belebte Straße gewesen wäre, wahrhaftig, er hätte leise an die Fensterscheibe geklopft: #»Attention, mesdames et messieurs, c'est votre amie, qui# mogelt!«
Auch Benno hatte in jüngeren Jahren gelegentlich im Kaffeehaus Karten gespielt. Skat. Er hatte das Spiel schnell begriffen, aber er verlor immer.
Denn seine Gedanken waren ganz woanders.
_Wenn_ ich der Eichelkönig wär', dachte er -- da täten in meinem Reich lauter Eicheln wachsen -- und meine Untertanen täten nur von Eichelkaffee leben -- und ich tät' sagen: »Ich guck' schon: Eichelkönig, das is nix für mich! Ich will lieber der _Grünkönig_ sein!« -- Und plötzlich bin ich der Grünkönig -- und überall wächst nur Spinat -- und ich sag': »Was nutzt mich der Spinat ohne Spiegelei? -- Is das e Menü für en König? -- Ich wollt', ich wär' der _Herzkönig_!« -- Gesagt, getan, Hokuspokus, bin ich der Herzkönig! -- Und mein ganzes Land is voll Liebespärchen -- und jeden Tag muß ich von fünf Uhr morgens bis elf Uhr nachts Scheidungsklagen entscheiden -- und es wächst merr zum Hals 'eraus, -- und ...
Und: »Mit Ihne kann merr iwwerhaapts net spiele, Herr Stehkragen!« schrie sein Partner wütend. »Sie dhun ja net emal Farb' bekenne'!«
Das hatte Benno auch eingesehen und hatte das Kartenspielen leichten Herzens aufgegeben.
Die nächste Station auf seinem Nachhausewege war das Schaufenster einer Schreibwarenhandlung.
Die Spezialität dieses Geschäftes waren zärtliche Ansichtspostkarten, mit denen das ganze Schaufenster übersät war. Und diese Dokumente menschlicher und unmenschlicher Geschmacklosigkeit bereiteten Benno täglich von neuem ein ungeheures Vergnügen.
Wie man nur solches Zeug zeichnen, drucken, kaufen und gar verschicken konnte?
Also diese weiblichen Puppengesichter waren der Idealtyp der Frauenschönheit! Diese fettsüchtigen Busen und Elefantenwaden sollten einen Mann entzünden! Und diese faden geschniegelten Mannspersonen mit dem schneidigen Schnurrbart und Pomadescheitel waren das Höchste, was Allmutter Natur an männlicher Schönheit hervorbringen konnte!
Die Menschen sin meschugge, dachte Benno. Da is mitten in der Stadt ein Lachkabinett, wie's auf keinem Jahrmarkt köstlicher zu finden is -- unn die Leut' stehn mit todernsten Gesichtern davor!
Er selbst hätte sich vor Lachen schütteln können.
Das Herrlichste waren entschieden die blondzöpfigen Mädchen, die an einem Tisch saßen und mit verklärten Kalbsaugen irgendwohin nach der Decke sahen, als ob sie sich in den Gaslüster verliebt hätten. In der Ecke stand etwa:
Weilst du auch ferne in der Ferne, Ich schwebe bei dir überall, Ich hab' dich ja so lieb und gerne Und lausch' dem Lied der Nachtigall.
Also die Nachtigall war an den Kalbsaugen schuld -- nicht der Gaslüster.
In vergnügtester Stimmung kam Benno am Uhrtürmchen an, wo er wieder durch die Promenade nach der Großen Gallusgasse abbog.
Das war eigentlich ein kleiner Umweg, aber er machte ihn täglich, um das Stückchen Promenade, inmitten des Häusermeeres, zu genießen.
Und dann stand in diesem Abschnitt der Frankfurter Anlagen, die den beneidenswertesten Schmuck der Stadt bilden, der Trompetenbaum.
Vor vielen, vielen Jahren, als Benno noch in die Schule ging, hatte der Naturgeschichtslehrer die Klasse auf diesen Baum aufmerksam gemacht und empfohlen, sich die eigenartig geformten Blätter zu betrachten.
Der Lehrer war nun schon lange tot, aber noch immer stand alltäglich Benno vor dem Trompetenbaum still und beschaute ihn ein Weilchen. Und dachte dabei hie und da des ehemaligen Naturgeschichtslehrers, des Professors Noll, der der Abgott aller seiner Schüler gewesen war.
Noch aus einem anderen Grunde bog Benno Stehkragen am Uhrtürmchen links in die Promenade ab: rechts vom Uhrtürmchen stand in den Anlagen das Riesendenkmal Bismarcks, das er nicht leiden konnte.
Nicht als ob Benno ein schlechter Patriot gewesen wäre, oder ein »Gegner« Bismarcks. Benno liebte sein Vaterland inbrünstig, und vor Bismarck besaß er einen tiefen, beinahe ängstlichen Respekt.
Aber an dieser Stelle hatte ehemals ein anderes Denkmal gestanden: das Denkmal eines Stadtgärtners, der sich um die Anlagen besonders verdient gemacht hatte. Das schlichte Monument des Stadtgärtners hatte dem Reichsgärtner Platz machen müssen und war an eine weniger verkehrsreiche Stelle der Anlagen versetzt worden.
Und das verzieh Benno der Stadt nicht.
Damals hatte er in Gedanken eine große Rede zugunsten des alten Stadtgärtners gehalten, der in Erz gegossen so freundlich dasaß, als wollte er jedem Vorübergehenden einen guten Tag wünschen, eine große Rede über das bittere Thema: »Immer müssen die Kleinen den Großen den Platz warm halten, bis sie beiseite geschoben werden.«
Es war eine fulminante Rede gewesen, viel zu pathetisch für den geringfügigen Anlaß, und man konnte Benno nur dazu gratulieren, daß er diese Rede, wie alle seine Volksreden, lediglich in Gedanken gehalten hatte.
Der Trompetenbaum war besichtigt -- »Trompetenblüte«, das wäre eigentlich eine ganz schöne Morgentitulation für Fräulein Böhle gewesen; die Blumennamen gingen ihm sowieso aus -- und Benno kam auf dem Roßmarkt an.
Diesen Platz liebte er.
Sah man doch von ihm aus zwei Denkmäler von Männern, denen er die heiligsten Stunden seines Daseins verdankte: Gutenberg und Goethe.
Und er dachte: _Wenn_ ich da droben der Gutenberg wär' -- und ich tät' die vielen Menschen mir zu Füßen 'erumwimmeln sehen -- die vielen, miesen Menschen -- und könnt' nicht davonlaufen -- weil mich der Fust am Rockzipfel festhalten tät' -- und könnt' merr nicht die Haar' ausraufen -- weil mir der Bildhauer so e mittelalterliche Kapp' aufgesetzt hat -- ich tät' sagen: »Ihr Menschen,« tät' ich sagen -- »is es e Wunder -- daß euer Gemüt beständig friert -- und euer Herz den Schüttelfrost hat -- und eure Seele den Schnupfen? -- An dem heiligen Feuer der Kunst geht ihr vorüber -- und wollt euch wärmen an dem Streichhölzchen des Amüsements! -- Was gründet ihr ewig Kinos -- und Tingeltangels -- und Kabaretts -- und neue Weinkneipen mit alter Damenbedienung? -- Für das Veilchensträußchen, das ihr einer Chansonette zuwerft -- die ihr'n Rock hochgehoben hat -- weil se mit Recht findet, daß sie im Schmutz watet -- könntet ihr euch fünf Reclam-Bändchen kaufen -- und könntet für zwanzig Pfennig mit der Jungfrau von Orleans -- oder der Iphigenie -- oder dem Klärchen -- das Wasser des Lebens trinken, -- statt mit einer baufälligen Schickse für zehn Mark gepanschten Sekt! -- Seid ihr überhaupt wert, daß die Buchdruckerkunst erfunden worden is?« -- Und während ich, der Johannes Gutenberg, so red', seh' ich plötzlich aus der Junghofstraß' e Licht näherkommen -- und das is ein Blondkopf -- und es is der Fräulein Böhle ihr Kopf, der da kommt -- und ihr Leib kommt natürlich _auch_ -- und ich spring' herunter von dem Sockel -- und der Fust kann mich nicht mehr festhalten, sondern er behält meinen Rockzipfel in der Hand -- wie die selige Potiphar dem Joseph seinen Paletot -- und er tät' verdutzt ausrufen -- ganz wie damals die Potiphar: »No, was is?« -- und ich tät' schreien: »Fräulein Böhle, für _dich_ hab' ich die Buchdruckerkunst erfunden -- ich, Benno Stehkragen -- und alles, was die Dichter an Frauenlob gesungen haben, gilt _dir_« -- und dann ...
Und dann war er in seinem Traum wieder bei Martha angelangt, er, der entschieden bestritten hätte, verliebt zu sein.
Während des langen Wachtraumes waren seine krummen Beinchen in das Salzhaus getrippelt und wandelten jetzt durch die Altstadt, in die die Bautätigkeit der Neuzeit klaffende Breschen gelegt hatte -- mehr zur Freude der Kriminalpolizei als zur Freude der Geschichtsfreunde -- und schritten über die alte Mainbrücke, deren Schicksal gleichfalls bereits besiegelt war.
Er blickte in den Main hinab, wo in flinken Ruderbooten zur nächsten Regatta geübt wurde, sah die schweren Lastkähne und hörte den Schlepper prusten.
Und malte sich im Weiterschlürfen aus, wie es wäre, _wenn_ ...
_Wenn_ er jetzt auch den Main hinunterschwämme, der auf altfrankforterisch »Mää« geschrieben wird und auf neufrankforterisch »Moi« gesprochen wird -- und ein Haifisch wär' -- und hätt' den Jonas im Bauch -- und es käm' der Wildschütz, der aus der Sage und einem schönen Stoltzeschen Gedicht bekannt is -- und tät' ihm einen Neuner in den Bauch schießen -- wie seinerzeit in die Wetterfahne des Eschersheimer Turms -- und wie dann ...
Und er kletterte bereits den Sachsenhäuser Berg hinauf und schwitzte, denn es war ein warmer Vorfrühlingstag.
Dort oben wohnte Benno Stehkragen im letzten Hause, als solider Zimmerherr der Tapeziererswitwe Josephine Petterich.
War Benno menschenscheu, daß er sich in das letzte Haus der Stadt zurückzog?
Flüchtete er vor der Großstadt in die Natur?
Nein. Denn sonst hätte er gewiß das rückwärtige Balkonzimmerchen bewohnt, das ihm Frau Petterich zuerst angeboten hatte, dieses Zimmerchen, das den Vorzug eines separaten Eingangs von der Treppe aus besaß, und das eine liebliche Aussicht in die Gemüsegärten und Obstpflanzungen des gesegneten Sachsenhäuser Berges bot, bis hinter an den Rand des Waldes.
Auch von den Vorderzimmern, die auf einen kleinen Hof hinaussahen, hatte er keines genommen, obwohl ihn dort sicherlich kein Straßenlärm gestört hätte.
Ein Zimmer an der Nordfront hatte er gewählt, durch dessen Fenster er nichts erblickte als die Rückwände der Nachbarhäuser, Fenster mit verblichenen Vorhängen, Küchenbalkone, die oft genug als Reserve-Rumpelkammern dienten.
Und an dieser unbegreiflichen Wahl war eben Fräulein Rita von Veldern schuld -- jenes Fräulein Rita, dessen Bild Martha in Bennos Gedächtnis beinahe ausgelöscht hatte.
Die Sache war so:
Lange Jahre hatte Benno im Zentrum der Stadt gewohnt, nicht unweit der Industriebank, die sich damals noch im Oederweg befand.
Er wohnte bei der streng rituell jüdischen Familie Seligmann, die ihn wie einen Sohn des Hauses behandelte und alle seine Eigenarten willig in Kauf nahm. Dort hatte er mit dem Oberhaupt der Familie nach Herzenslust der Neigung zu talmudistisch-spitzfindigen Erörterungen frönen können, und wenn die soziale Frage, das Rätsel des Fortlebens nach dem Tode und das Problem der Abstammung des Menschen immer noch nicht endgültig gelöst sind, so kommt das einfach daher, daß niemand die Abendgespräche dieser beiden kreuzbraven, aber recht skeptischen Juden mitstenographierte.
Diese Diskussionsabende ohne Ende und mit Allerweltstagesordnung begannen in der Regel erst nach dem Abendessen, wenn die Kinder, an denen Benno innig hing, zu Bette gebracht waren und die Frau des Hauses sich mit einer Handarbeit in eine Zimmerecke zurückgezogen hatte.
Dort saß sie schweigend, stolz auf das Wissen ihres Mannes, und »freute sich, wenn kluge Männer reden, daß sie verstehen konnt', wie sie es meinen«.
Die Stunden zwischen Geschäftsschluß und Abendessen verbrachte Benno in der Regel in seinem Zimmer.
Und da hatte er zum ersten Male durch das offene Fenster eine Frauenstimme singen hören:
Es war, als hätt' der Himmel Die Erde still geküßt ...
Der belesene Benno glaubte sich zu erinnern, daß dieses Gedicht von Eichendorff ist; von wem die Komposition stammte, wußte er nicht. Und noch weniger wußte er, wer die Sängerin war.
Aber so viel Musikempfinden besaß er, daß er merkte: Diese nicht sehr große Stimme hatte einen ungewöhnlich lieben, weichen Klang, und das begleitende Klavier war ein unmöglicher Kasten.
Er legte das Buch aufgeschlagen auf den Tisch und hielt am Fenster Umschau nach der Sängerin.
Da war das Lied plötzlich abgebrochen, und so aufmerksam er lauschte, der Gesang ließ sich an diesem Abend nicht mehr hören.
»Wohnt hier in der Näh' eine Sängerin?« frug Benno Stehkragen beim Abendessen die Frau des Hauses.
»Es is merr nix bekannt,« erwiderte Frau Emilie. »Soll ich emal das Dienstmädche' frage?«
»Nein, nein!« dankte Benno. »Ich hab' nur gemeint!«
Aber Frau Emilie frug _doch_ das Dienstmädchen, als dieses das Bier brachte, und das Mädchen antwortete achselzuckend: »E Sängerin? Ich waaß net! Es kreischt als so aane!«
Mehr wußte sie nicht.
Und die Sängerin »krisch« noch öfters.
Am nächsten Abend ertönten freilich nur Vokalisen und leichte Gesangsetüden. Das war wenig genußreich für Benno, aber er war vernünftig genug, einzusehen, daß dieses Übel notwendig war.
Dafür wurde er zwei Abende später reichlich entschädigt: er bekam nicht nur das schöne Schumannsche Lied mehrfach zu hören, sondern auch den dankbaren »Lenz« von Hildach und das flott-triviale »Noch sind die Tage der Rosen«.
Lauter Frühlingslieder! sagte er sich. Es muß ein junges, frisches Geschöpf sein, das aus Lust am Singen ihre Lieder in den Abend jauchzt.
Er konnte ja nicht wissen, daß die unbekannte Sängerin diese drei Lieder für das Stiftungsfest des Schornsteinfegervereins »Die lustigen Rauchfänger« einstudierte.
Der Abendgesang wurde ihm bald etwas Vertrautes, etwas, worauf er wartete und sich freute.
Und an den Abenden, da der Gesang ausblieb, empfand er eine Enttäuschung und gab bei den Diskussionen mit seinem Hausherrn über die Seele des Menschen auffallend pessimistische Ansichten zum besten.
Bald hatte er auch herausgebracht, aus welchem Fenster der Gesang ertönte: aus dem vierten Stock einer benachbarten Mietskaserne.
Viertes Stockwerk -- also gehörte die Sängerin der weniger bemittelten Volksschichte an, und das war ihm, aus einem unklaren Gefühl heraus, angenehm.
Auch das entsetzliche Klavier, das Benno Stehkragen ein gelindes Grauen einflößte, ließ darauf schließen, daß die Besitzerin keineswegs an Geldüberfluß litt.
So is die Welt, meditierte Benno Stehkragen. Könnte die Antonie Hochberg von der Bockenheimer Landstraß' nicht einmal eine halbe Handvoll Coupons dazu verwenden, einem armen talentierten Mädchen ein anständiges Klavier zu bescheren? Nur zwei, drei Perlen aus ihrem Halsband hätte sie zu opfern brauchen, um ein erstklassiges Instrument zu erstehen!
Mit diesen Gedanken tat Benno Stehkragen übrigens der dicken Antonie Hochberg unrecht. Er konnte ja gar nicht wissen, ob diese Frau nicht in der Tat sehr wohltätig war.
Bennos Interesse an der Sängerin wuchs von Tag zu Tag.
Sie begann bereits, in seinen Phantasien eine Rolle zu spielen:
_Wenn_ ich das alte Klavier wär' -- und ich wär' seit drei Jahren nicht gestimmt -- und nicht gereinigt -- sondern meine Tasten täten aussehen wie schlecht geputzte Zähn' -- und es kämen zehn rosige Mädchenfinger -- und täten auf merr 'erumtippen -- bimbimbim in die hohen Tön' -- und bumbumbum in die tiefen Tön' -- und so schnell, als wär' ich e Schreibmaschin' -- ich tät' alle Kraft zusammennehmen, die Lust und auch den Schmerz -- und tät' klingen wie e Konzertflügel für monatlich hundertfünfzig Mark Abzahlung -- oder dreitausend Mark bei Barzahlung! -- Und alle Leut' müßten sagen, die auf dem Klavier spielen täten: »Gott, was hat der Benno Stehkragen for en schönen Ton!« -- und wenn die schöne Sängerin auf die Pedale treten tät' -- dann tät' ich nicht etwa stöhnen: »Au, meine Hühneraugen!« -- sondern ich tät' nur denken: »Was se für reizende, kleine Füßchen hat! -- Ihr ganzer rechter Fuß is kaum so breit wie bei mir die linke große Zeh'« -- und ich wär' das glücklichste Klavier auf der Welt -- und ich ...
Benno versuchte, sich ein Bild der unbekannten Sängerin zu machen.
Das war freilich nicht so einfach, denn die einzige Dame, mit der Benno nähere Beziehungen angeknüpft hatte, war die Göttin Phantasie, ein heidnisches Fräulein, das mit dem lieben Gott die gemeinsamen Eigenschaften hat, unsichtbar und gestaltlos zu sein.
Benno begann, die weiblichen Köpfe in den Schaukästen der Photographen zu studieren, aber keiner entsprach dem Bild, das seine dunkle Ahnung von der Sängerin entworfen hatte.
Die einen waren ihm zu selbstbewußt, die anderen zu schmächtig, jene zu walkürenhaft, diese zu unbedeutend.
Blond, jung, mit großen, träumerischen Augen stellte er sich das Mädchen vor, dessen Stimme ihn behext hatte.
Eines Abends, als er sie wieder singen hörte, trat er vor den Spiegel und beschwor ihn:
Spieglein, Spieglein an der Wand, Wer ist die Schönste im ganzen Land?
Aber der Spiegel warf nur sein eigenes Bild zurück, von dem sich schwerlich behaupten ließ, es sei das schönste Bild im ganzen Land.
Die Neugier nach dem Aussehen der großen Unbekannten ließ ihm keine Ruhe, und schließlich faßte er den für seine Begriffe ungeheuerlichen Entschluß, ihre Bekanntschaft zu suchen.
Wäre er ein Stuart Webbs gewesen, von dessen Spitzfindigkeit die Kinos sämtlicher Weltteile Wunder berichten, oder ein Nick Carter, dessen Detektivtaten in unzähligen Zehnpfennigheften mit furchtbar farbigem Umschlag gefeiert werden, so hätte er wohl gewußt, wie er sich hätte anstellen müssen.
Stuart Webbs wäre in einem solchen Fall einfach in das Hinterhaus gestiegen, in das vierte Stockwerk, hätte die Fußspuren auf dem Boden nachgemessen und die Füße sämtlicher Frankfurterinnen so lange mit diesen Spuren verglichen, bis er die Sängerin herausgefunden hätte.
Leider aber pflegte Benno kein Kino zu besuchen, und er kam deshalb nicht auf einen so genialen Einfall.
Er ging vielmehr geradewegs auf das Haus zu, aus dessen viertem Stockwerk der Gesang zu tönen pflegte, schlich sich wie ein Einbrecher die vier Treppen empor, um an der Türe den Namen der Bewohner zu erforschen.
Ach, es war das erstemal, daß Benno Stehkragen auf Liebespfaden wandelte, und er stellte sich dabei keineswegs kühn wie ein Kinoheld an. Jeder Quartaner hätte mitleidig über den Anfänger gelächelt.