Chapter 3
Dann erst traf sie im Bureau ein, wie es denn überhaupt die Angestellten nachmittags mit der Pünktlichkeit nicht allzu genau nahmen.
Denn um zwei Uhr waren die meisten Bureauchefs und Prokuristen, die die Börse besuchten, noch beim Mittagessen. Die Junggesellen unter ihnen leisteten sich sogar noch ein Verdauungsviertelstündchen im Kaffeehaus.
Die Nachmittagsunpünktlichkeit und die darauffolgende halbe Stunde süßen Nichtstuns, das sich freilich unter dem Schein eifrigster Arbeit verbarg, war übrigens den Beamten wohl zu gönnen. Denn gegen dreiviertel drei Uhr trafen die Ausgeher mit den Auftragsbüchern, Notizheften, Telegrammen von der Börse ein und brachten eine Unmenge Arbeitsstoff, der unter allen Umständen bis sechs Uhr abends bewältigt sein mußte.
Von Bureau zu Bureau wanderten diese Auftragsbücher und Notizhefte -- jedes wollte sie zuerst haben -- jedes fand, daß man sie in den anderen Bureaus über Gebühr lang zurückhielt. Streit und Schimpfen begannen als würdige Einleitung zu der Arbeitshetze, die nun alltäglich einsetzte.
Da gab es Stöße von Fakturen auszuschreiben, zu berechnen, nachzurechnen, Wertpapiere aus den Schränken und Gewölben zu entnehmen, vielseitige Nummerverzeichnisse anzufertigen, Couponbogen und Coupons auf ihre Richtigkeit zu prüfen, Wechsel zu girieren, endlose Einträge in dicke Bücher vorzunehmen, Briefe, Briefe, Briefe zu schreiben.
Da gab es Dutzende von Unklarheiten, Mißverständnissen, Fehlern, ewig wiederkehrenden Dummheiten.
Telephone und Haustelephone läuteten ununterbrochen, gellende Klingelzeichen riefen Angestellte in die Direktion und zu den Prokuristen, Türen wurden heftig zugeschlagen.
Jedermann befand sich in gereizter, überhitzter, aggressiver Stimmung, die sich bei der geringsten Kleinigkeit in Grobheiten und Wutausbrüchen entlud.
»Zum Donnerwetter, was legen Sie da für einen Wisch auf meinen Platz?«
»Das ist nicht _meine_ Arbeit! Das geht mich gar nichts an!«
»Fragen Sie nicht so albern! Woher soll _ich_ das wissen?«
»Es gibt doch nichts Dümmeres auf der Welt als ein Weib! Wenn wir nur keine Weiber mehr im Geschäft hätten!«
»Sie sehen doch, daß ich jetzt keine Zeit hab'! Scheren Sie sich zum Kuckuck!«
»Ach was, beschweren Sie sich bei der Direktion, wenn's Ihnen nicht paßt!«
Mitunter wurden sogar Ohrfeigen angeboten, und manchmal kam es um ein Haar zu Tätlichkeiten.
Nur _ein_ Beamter ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, das war der dicke Rehle. Rauchend und schnupfend behauptete er seinen Schalterplatz im Wechselbureau, mit unerschütterlichem Humor gefeit gegen alle Anstürme.
»Fräulein Scheckel, komm emal 'ebei! Schleich dich emal zu merr, mei Herzche! Was hast de dann da widder for'n Stiwwel zesammegerechent?«
Und nachdem das Fräulein »Scheckel« zerknirscht seinen Fehler eingesehen hatte:
»Da hast de mei Radiermesser! Geh hin unn besser' dich! Sonst kriehst de dei Lebdag kaan Mann unn sterbst als ahl Jungfer, mit eme Mops unn zwaaundreißig falsche Zähn'!«
Es wäre freilich praktischer gewesen, das Fräulein hätte _gleich_ ein Loch in die falsche Nota radiert. Denn die Rasur entging nicht dem geschärften Auge Rittershausens, dem alle Schriftstücke, ehe sie das Bureau verließen, vorgelegt werden mußten.
Und alsbald krähte seine langweilige Stimme: »Radierte Notas dulde ich nicht! Fräulein Bär, schreiben Sie die Nota ab!«
Vorsichtshalber zerriß er sie gleich in zwei Hälften.
»Schreib' die Nota ab,« echote der dicke Rehle. »Merr hawwe ja Zeit! Es is noch lang bis Mitternacht!« -- --
»Guten Tag, Herr Stehkragen!« begrüßte Martha ihren Pultgenossen nachmittags.
»Guten Tag, Fräulein Nelke!« erwiderte Benno.
Sie quittierte die naive Huldigung wieder mit einem freundlichen Lächeln und reichte ihm gewohnheitsmäßig ihren Bleistift und Tintenstift zum Spitzen hin.
Benno war durch jahrelange Übung ein Künstler auf diesem Gebiete geworden.
So ein Bleistift is wie eine Zwiebel, dachte er. Da kommt auch immer eine Schal' nach der anderen, bis merr auf den Kern stößt. Oder man kann auch sagen: er is wie ein Verband, oder wie e Wickelgamasch'!
Für alle Dinge und kleinen Ereignisse seines Lebens fand er Vergleiche und Bilder. Und wenn auch diese Metaphern oft recht kindlich und töricht waren, sie bereiteten doch seinem talmudistisch geschulten Geist eine harmlose Freude und eine gewisse Genugtuung, die nicht ganz frei war von unschuldiger Eitelkeit.
»Danke schön!« empfing Martha ihre messerscharf gespitzten Stifte zurück, die ihr der kleine, bucklige Benno mit der Grandezza eines Mundschenks überreicht hatte.
Und dieses »Danke schön« klang noch tausendmal schöner als vormittags das »Adjö«.
Das »Adjö«, das war das silberhelle Klingen einer Tischglocke, dieses »Danke schön« aber, das war das bedeutungsvolle Dröhnen der Sturmglocke oben im Dom, die nur bei Großfeuer geläutet wurde.
Und es war ja ein Großfeuer entstanden: Schon brannte der kleine Benno Stehkragen lichterloh.
Gegen vier Uhr gab es in der Industriebank eine kleine Vesperpause.
Die meisten Beamten, bis über den Kopf in dringlichen Arbeiten steckend, begnügten sich damit, ihre Brote und Brötchen auszupacken, um unter der Arbeit hie und da einen Happen abzubeißen.
Die natürliche Folge war, daß es alle Tage einige Fettflecke auf Briefen und Fakturen gab, die nun neu geschrieben werden mußten, was ebenso natürlich die Ursache zu neuem Ärger, neuen Vorwürfen, Schimpfen und Gezänk abgab.
Im Couponbureau, dessen Tätigkeit weniger von der Börse abhing, so daß sich hier die Arbeit gleichmäßiger auf den ganzen Tag verteilte, gönnte man sich eine geruhigere Vesperpause.
Aber während dieser Vesperpause blickte Benno _nicht_ zu Martha hinüber.
Denn in dieser Vesperpause trat Herr Wittmann an das Pult, um kauend sich ein bißchen mit Martha zu unterhalten.
Benno steckte seine Nase tiefer in die Couponpäckchen, er wollte nicht hören, was die da drüben plauderten. Er wollte nicht.
Aber er konnte doch nicht hindern, daß Marthas helles Lachen zu ihm herüberdrang, und daß einzelne Sätze an sein Ohr schlugen wie Peitschenhiebe.
Meistens sprachen die beiden vom Theater.
Martha ging oft in die Oper, und auch Herr Wittmann schien über die Vorgänge vor und hinter den Kulissen gut unterrichtet zu sein.
Es fiel Benno auf, daß Wittmann seltener die Kunstwerke als die darstellenden Künstler kritisierte, die er offenbar für den wichtigeren Teil hielt, und daß er nach Altfrankfurter Tradition mit Vorliebe, auf Kosten der gegenwärtigen Bühnenkräfte, ehemalige, zum Teil längst verstorbene Theatergrößen Frankfurts himmelhoch pries.
Gar bittere Empfindungen flammten in Benno während dieser Vesperpause empor.
Der reine Himmel seines Kindergemüts überzog sich mit dicken, schwarzen Wolken, die Sonne war erloschen, und ihm war, sie würde nie, nie mehr scheinen.
Am liebsten hätte er sich die Ohren mit beiden Fäusten zugehalten.
Am liebsten hätte er den Kopf in ein großes Tintenfaß gesteckt, wie der Nikolaus im Struwwelpeter die bösen Buben. Um nichts zu sehen und zu hören.
_Wenn_ ich jetzt nicht der Benno Stehkragen wär', dachte er, sondern der Benno _Strauß_, -- dann tät' ich mein' Kopf in den Sand stecken -- und tät' nix hören -- und nix gucken, -- sondern ich tät' nur ganz hinten mit der Schwanzfeder abwinken: »Hört auf! Aufhören sollt ihr!!« -- und ich tät' ...
Am liebsten hätte er jetzt den Bleistift und den Tintenstift Marthas genommen, die Stifte, die er mit so viel Hingabe gespitzt hatte, und hätte wie ein unartiger Schuljunge absichtlich die Spitzen abgebrochen: »Da! Da! So! Das ist dafür, daß du mich so mißhandelst!«
Und Benno Stehkragen, der nie nach der Würde eines Bureauchefs gegeizt hatte, wünschte sich nun inbrünstig nur zwei Minuten Bureauchef zu sein, um gellend durch das Zimmer kreischen zu können: »Ruhe!! Während der Arbeitszeit wird nicht geschwätzt!«
Seine »Wenn«-Phantasien liefen in solchen Augenblicken keineswegs auf Menschheitsbeglückung hinaus; sie waren keine seligen Gefilde mehr, nein, es waren schluchtenverzerrte Abruzzengegenden, und mitten drin hauste er als wilder Räuber, Signor Benno Stehkragenino, der Schrecken der Berge, Fra Diavolo, Karl Moor, Schufterle, Spiegelberg, Kneißl und Rinaldo in einer Person.
Endlich begab sich Wittmann wieder an seinen Platz.
Kaum zehn Minuten hatte er mit Martha geplauscht -- Benno schätzte die Zeit eine Ewigkeit.
Auch die übrigen Arbeitskräfte beobachteten mit Interesse die Vorliebe Wittmanns für das hübsche Fräulein Böhle. Aber sie regten sich deshalb nicht auf, höchstens klatschten sie ein bißchen darüber und sorgten dafür, daß auch in den übrigen Bureaus dieser Flirt bekannt wurde.
Im ersten Stock hieß es noch: »Herr Wittmann sucht Familienanschluß,« im zweiten Stock hieß es bereits, Fräulein Böhle und »ihr« Bureauchef seien Arm in Arm im Foyer des Zirkus Schumann gesehen worden, und im Dachgeschoß galt es als feststehende Tatsache, daß der Vater des nächsten Dutzends Böhlescher lediger Kinder -- Wittmann heißen würde.
So blind ist der Klatsch, daß er gierig die ganz nichtigen Beziehungen Marthas zu Wittmann ergiebig ausbeutete, aber die verliebte Aufdringlichkeit Benno Stehkragens überhaupt nicht bemerkte.
Und welch dankbares Spottobjekt hätte der bucklige Benno als Liebhaber abgegeben!
Die Vesperpause war vorüber, und die Arbeitshetze in der Industriebank steigerte sich zur Tollwut. Und mit dieser Steigerung häuften sich natürlich auch die Fehler, Versehen, Mißverständnisse, und mit den Irrtümern der Verdruß und Skandal.
Man fand jetzt in sämtlichen Bureaus, daß viel zu wenig Arbeitskräfte vorhanden seien, und daß es eine Gemeinheit sei, an Personal zu sparen, nur damit die dickköpfigen Herren Aufsichtsräte und Direktoren fettere Tantiemen schlucken könnten.
Man sei doch kein Stück Vieh, daß man so schuften müsse. Und es sei überhaupt die höchste Zeit, daß sich einmal die Presse mit den unerhörten Zuständen in der Industriebank beschäftige.
Am lautesten schimpften natürlich diejenigen Herren, die am tiefsten vor den Direktoren zu knixen pflegten.
Je näher der Uhrzeiger auf Sechs vorrückte, desto geräuschvoller wurde es in den Bureaus. Keiner nahm mehr Rücksicht auf den anderen, jeder hatte genug mit sich selbst zu tun und arbeitete verzweifelt an dem Material, das vor und neben ihm hoch aufgeschichtet lag und nicht weniger werden wollte.
Über die Gänge hasteten Beamtinnen, die Stöße von Briefen und Wechseln zur Unterschrift in die Zimmer der Direktoren und Prokuristen schleppten, und die von einem Prokuristen abwehrend zum anderen geschickt wurden, denn keiner hatte jetzt Zeit. Es dauerte eine Ewigkeit, bis jeder Brief und jedes Dokument endlich die vorschriftsmäßigen zwei Unterschriften trugen.
Wer die erste Unterschrift gab, hatte die Pflicht, die Richtigkeit des Schriftstückes zu prüfen, und dabei gab es wieder Dutzende von Beanstandungen, Vorwürfen, Rüffeln.
»Herr Mayer soll 'rüberkommen!« schrie ein Prokurist durchs Haustelephon, und der unglückselige Mayer, der mitten aus seiner Arbeit geschreckt wurde, warf wütend die Feder hin: »Was paßt ihm denn schon wieder nicht, dem alten Schikaneur?!«
»Haben _Sie_ das geschrieben? Es ist wirklich nicht zu glauben: Jetzt sind Sie schon fünf Jahr im Geschäft und können nicht einmal einen so einfachen Brief schreiben! Jeden Schmarren muß man selbst diktieren! Es ist zum Haarausraufen!«
Der Prokurist diktierte, der wutschnaubende Mayer stenographierte und fand natürlich, daß er selbst den Brief zehnmal klarer und deutlicher geschrieben hatte, und daß dieser Schafskopf von einem Prokuristen ein Deutsch von sich gab, dessen sich jeder Hottentotte geschämt hätte.
Und dann sauste Mayer wieder in die Korrespondenz und schrieb den verfluchten Brief zum zweitenmal und verhaspelte sich natürlich in seiner Aufregung -- gerade im letzten Absatz des dreiseitigen Briefes -- und mußte ihn _noch einmal_ abschreiben! -- Und endlich war das schwierige Werk gelungen, die zwei Unterschriften prangten darunter, und dann verwischte ihn beim Kopieren so eine »Gans von einer Bankbeamtin, die auch gescheiter Waschfrau geworden wäre«, und der Brief mußte zum _viertenmal_ geschrieben werden.
Und Mayer bewunderte seinen eigenen Edelmut, daß er nicht den Nächstbesten umbrachte.
Wie hatte doch der alte Binder bei Marthas Eintritt in das Unternehmen gesagt?
»No, da sin Se ja gleich in de richtige Affe'stall komme!«
Etwas ruhiger ging es während dieses allgemeinen Tohuwabohus nur im Couponbureau zu.
Das war nicht zum wenigsten das Verdienst Wittmanns. Man konnte diesem Mann manches Böse nachsagen -- er war ein rücksichtsloser Streber, ein roher Gewaltmensch und Grobian -- aber niemand konnte ihm absprechen, daß er ein vorzüglicher Organisator, begabt mit einem Riesengedächtnis war, der unermüdlich arbeitete.
Was er in die Hand nahm, klappte. Mit Geschrei, Kränkungen, Ungerechtigkeiten -- aber es klappte.
Es kam übrigens seit Marthas Versetzung in das Couponbureau nur noch selten zu Zusammenstößen zwischen Benno Stehkragen und Wittmann.
Wittmann wollte sich vor Martha keine Blöße geben.
Und Benno fühlte instinktiv, wer an dieser Veränderung die Schuld trug, und war Martha dankbar dafür. Denn wenn ihn auch die ordinären Anrempeleien Wittmanns nie sonderlich erregt hatten, sie waren ihm doch peinlich gewesen, wie alles Geräuschvolle.
»Sind Sie so weit, Herr Stehkragen?« frug Martha gegen fünf Uhr.
Benno, dessen Seele noch von Weh und Zorn verdüstert war, nickte grollend Bejahung.
Nun kam Martha zu ihm hinüber, und es begann das »Kollationieren«.
Benno nahm die an die Kundschaft abgehenden Fakturen, las sie der Reihe nach vor, und Martha verglich mit dem Couponbuch, in das alle Posten eingetragen waren.
Aus Rücksicht auf die arbeitenden Kollegen fand dieses Ablesen im Flüsterton statt.
Und dieses Geflüster kam Benno wie etwas ungemein Geheimnisvolles vor, beinahe wie ein #tête-à-tête#.
Nach jedem Posten machte er beim Verlesen eine kleine Pause, um Marthas bestätigendes »Stimmt!« zu hören.
Und mit jedem »Stimmt!« schrumpfte sein Groll mehr zusammen, hellte sich sein Gemüt auf.
Bei den neunzehn Coupons 3% Portugiesen des Herrn Isidor Seligmann war der Himmel seiner Seele noch mit tiefschwarzen Gewitterwolken bedeckt -- bei den sieben Löwenbräu-Dividendenscheinen der Firma Gassner und Sohn hatten sich diese schwarzen Ungetüme bereits in schmutzig-graue Regenwölkchen verwandelt -- bei den dreißig Coupons 4% Rumänische amortisierbare Rente des Herrn Friedrich Rottler, Offenbach, guckte schon ein Sonnenstrählchen fürwitzig hinter einem Wölkchenrand hervor, als wollte es mit dem Kinde Benno »Kuckuck--Tata!« spielen.
Und bei den vierundzwanzig Zinsscheinen 3½% Deutsche Reichsanleihe der Henriette Bergmüller sel. Witwe, Hattersheim -- o Jubel, da lachte die liebe Sonne wieder riesengroß vom blauesten Himmel und machte dem kleinen Benno Stehkragen so warm, daß er den Schweiß von der Stirne tupfen mußte.
»'n Augenblick, Fräulein Heckenröschen, ich muß bloß emal Atem schnappen!«
Und endlich war es sechs Uhr abends, und die Beamten strömten aus dem Bankgebäude.
Nur die Korrespondenten saßen noch hinter ihren Tischen und kritzelten eifrig und ärgerten sich, daß sie nicht zeitig fertig geworden waren.
In den Tresors lagen die Wertpapiere, Coupons, Wechsel, Dokumente, ausländischen Geldsorten, Scheckbücher, das Bargeld der Kasse und die wichtigsten Geschäftsbücher wohlgeordnet verwahrt.
Die am nächsten Vormittag zu erledigenden Botengänge waren bis ins kleinste geregelt und das dazugehörige Material zurechtgelegt.
Das gesamte Personal der Bank hätte über Nacht sterben können, ohne daß die geringste Unordnung eingetreten wäre; das neue Personal hätte einfach dort weitergearbeitet, wo das alte aufgehört hatte.
Beinahe zwei Stunden länger wurde in der Expedition geschafft, die am Gangende des zweiten Stockwerkes lag und lediglich die Kuvertierung und Absendung der Briefe zu besorgen hatte. Alle weiteren Postangelegenheiten waren bereits von den einzelnen Bureaus erledigt worden.
Es war in der Industriebank der Modus eingeführt, daß jeder Korrespondent zu dem von ihm geschriebenen Briefe auch den Umschlag zu schreiben hatte. Der Briefumschlag wanderte sogleich in die Expedition und wurde dort in alphabetisch eingestellte Regale eingeordnet, während die Briefe, die beizulegenden Notas und Dokumente erst später in der Expedition eintreffen konnten.
Sechs Angestellte waren von fünf Uhr ab in der Expedition damit beschäftigt, die aus dem ganzen Hause dort zusammenströmenden Schriftstücke in die dazugehörigen Kuverts zu stecken und zuzukleben.
Abwechselnd hatten sämtliche Angestellte diese Tätigkeit auszuüben.
Natürlich gab es auch in der Expedition Ärger in Hülle und Fülle.
Da fehlten zuweilen die in den Briefen erwähnten Einlagen, die nach langem Suchen endlich in irgendeinem Bureau gefunden wurden; da war ein Brief, zu dem kein Umschlag geschrieben war, und dort war ein Umschlag, zu dem kein Brief heraufkam.
Dann wieder stimmte eine Umschlagadresse nicht mit der Briefadresse überein, auf dem Umschlag stand Gebrüder Lautenschläger in Pforzheim, und im Brief stand Gebrüder Lautenschläger in Bückeburg; es mußte konstatiert werden, _wo_ eigentlich die Gebrüder Lautenschläger residierten, und das verursachte wieder einen höchst unerwünschten Aufenthalt.
Ferner kam es vor, daß der Expedient eine Einlage in ein falsches Kuvert gesteckt hatte, so daß sie jetzt an der richtigen Stelle fehlte und nicht gefunden werden konnte und unter Umständen die sämtlichen Briefe wieder aufgerissen werden mußten.
Und zwischen den Expedienten liefen die Kassenboten herum und drängten zur Eile:
»Wir kommen zu spät zur Post! Die Briefe werden uns nicht mehr am Schalter abgenommen, wenn wir nach dreiviertel Acht kommen! Wir können uns nicht die Lunge aus dem Hals laufen!«
Waren die Briefumschläge geschlossen, so wanderten sie in die Hände des aufsichtführenden, greisen Herrn Bittenberger, der sie frankierte.
Dieser Posten galt halb und halb als Gnadenbrot.
Bittenberger, der an Schreibkrampf litt, und dessen Hände beständig zitterten, war seit Jahren pensionsberechtigt. Aber die Pension betrug nur drei Vierteile des Gehalts, und Bittenberger, der eine zahlreiche Familie und einen mißratenen ältesten Sohn hatte, konnte und wollte nicht auf das vierte Viertel seines Gehalts verzichten.
Was sollte die Direktion tun? Einem so greisen Beamten kündigen? Nein, das ging nicht. So hatte man ihn denn auf diesen stumpfsinnigen Posten gesetzt. Mochte er dort weiterwursteln, solange es sein kläglicher Gesundheitszustand zuließ!
Schließlich erlosch auch das Licht in der Expedition.
Es hatte wieder Verschiedenes nicht gestimmt, und Bittenberger wankte, auf seinen Spazierstock gestützt, bekümmert und hoffnungslos die Treppe hinunter, in der Gewißheit, daß ihn zu Hause noch weit härterer Kummer erwartete.
Für die letzten Briefe war es richtig wieder zu spät zur Postablieferung geworden. Und da sich ein wichtiges Schreiben nach Norddeutschland darunter befand, so mußte halt ein Kassenbote nachts nach zehn Uhr diesen Brief persönlich in den Berliner Schnellzug werfen.
Der betreffende Kassenbote hatte darob den schuldlosen Bittenberger mit einer Flut von Vorwürfen und massivsten Grobheiten übergossen, die der greise, kranke Mann zitternd und wehrlos über sich ergehen ließ.
»Gu'n Nacht, Vadder Bittenberger,« grüßte der alte Binder, als Bittenberger an der Portierloge vorbeikam.
Auch der alte Binder hatte schon lange ungeduldig darauf gewartet, daß »die oben in der Expedition« endlich fertig würden, aber er ließ den kranken Kollegen nichts von seiner Ungeduld merken. »Gu'n Nacht, Vadder Bittenberger! Alleweil fleißig! Alleweil morjens der ehrschte, awends der letzte!«
Bittenberger lächelte müde. Ja, der alte Binder war eine gute, ehrliche Haut, der sagte ihm gerne was Liebes -- aber was nützte das?
»Wie geht's dann alleweil, Vadder Bittenberger? Was macht des verflixte Asthma?«
»Schlecht geht's, Binder! Schlecht! Ich werd' wohl nicht mehr lang mitmachen.«
»Gell, mache Se kaan Stuß!« protestierte Binder, scheinbar tief entrüstet. In Wahrheit teilte er vollkommen Bittenbergers pessimistische Ansicht.
Und indem er die Sache ins Scherzhafte hinüberzuleiten suchte, fuhr er fort: »Leut' wie mir zwaa! In de beste Jahr'n! Basse Se nor uff: mir schdecke noch manche Neujahrsgradifikatio' ei', eh merr ans Abkratze denke!«
Bittenberger winkte traurig mit der zittrigen Hand ab. Er dachte daran, was aus seinem ältesten Sohn werden würde, wenn er selbst nicht mehr da wäre ...
»Also Gute Nacht, Binder!« seufzte er und humpelte durch das Portal.
Kopfschüttelnd sah ihm Binder nach. Auch er seufzte jetzt.
»Ja, des is e Lewe!« philosophierte er. »Da soll merr noch an e Gerechtigkeit glaawe! E Saustall is die ganz' Welt! E Saustall, unn nix weider!«
Er nahm die großen Schlüssel von der Wand und verschloß das schwere Eisentor vor dem Portal.
Dann machte er den allabendlichen Rundgang durch sämtliche Räume des Hauses, sah nach, ob überall die Rolläden geschlossen und die Lampen ausgedreht seien, zog die Kontrolluhren für die nächtliche Ronde auf, überzeugte sich noch einmal, ob die Panzertür, die zu den Kellergewölben führte, verschlossen war, und schaltete die elektrische Klingelleitung zum Schutze gegen Einbrecher ein.
So, jetzt war sein Tagewerk vollbracht.
Mit ruhigem Gewissen konnte er das Schlüsselbund dem Nachtportier übergeben und sich in seine kleine Wohnung, bestehend aus drei neben der Portierloge gelegenen Zimmerchen, zurückziehen, wo seine Frau und sein Sohn bereits bei Hering und Pellkartoffeln auf ihn warteten.
Martha hatte sich mit einem kurzen »Guten Abend« vom Couponbureau verabschiedet.
Flüchtig und zerstreut klang dieser Gruß. Denn ihre Gedanken weilten schon halb im Theater oder Kino, wo es den vortrefflichen Spieltenor Schramm als David, die süße Henny Porten als erstaunlich schicksalsreiches Findelkind zu bewundern gab.
Benno begriff Marthas Vorliebe fürs Theater nicht recht.
War es nicht viel genußreicher, die Werke unserer Klassiker daheim im stillen Stübchen mit Andacht zu lesen, als sie sich zwischen bemalten Pappdeckeln und Leinwand vorgestikulieren zu lassen?
Und von Musik, so sehr er sie liebte, verstand er nicht viel.
Ein Lied konnte ihn tief rühren, aber die stundenlange lärmende Opernmusik sagte ihm nichts.
Er war mit den meisten Opernhelden durchaus nicht einverstanden.
Da war zum Beispiel der Siegfried, ein Held, für den man sich wohl begeistern konnte, solange er sich in Mimes Schmiede befand und Ambosse entzweischlug. Auch daß er den Fafner tötete, war aller Achtung wert -- schon weil der Drache so dummes Zeug redete. Es gibt in der menschlichen Großstadt schon genug quasselnde Drachen -- braucht's auch noch im _Wald_ solche Viecher zu geben?
Also bis dahin war gegen den Siegfried nichts einzuwenden.
Aber weshalb kümmerte sich dieser unverdorbene, jugendstrotzende Naturbursche um den Nibelungenschatz und den Ring?
Für so etwas durfte ein Held, in Bennos Augen, keinen Sinn haben. Das war geradeso, als hätte man ihm seinen angebeteten Schiller beim Couponschneiden abgemalt!
Und was das Waldvöglein erzählte, das mußte dem Siegfried erst recht ganz schnuppe sein! Ein Held _durfte_ sich nicht von einem Piepmatz verführen lassen.
Wahrhaftig, der Siegfried hätte ihm _mehr_ imponiert, wenn er sich inmitten der redenden Tiere hoch aufgerichtet und mit Rittershausens Stimme dazwischengekräht hätte:
»Ruhe! Während der Arbeitszeit wird nicht geschwätzt!«
Aber das Unverzeihlichste war die Erweckung Brünhildes.
Wenn er, Benno Stehkragen, ein gepanzertes Weib in einem Feuer, das nicht versengte, im besten Schlaf gefunden hätte, er hätte sie nie und nimmer geweckt.
Ja, ein kleines Kind, das hätte er auf den Arm genommen und ihm das Köpfchen gestreichelt und ihm zugeredet: »Du brauchst dich nicht vor dem Feuer zu fürchten!« und hätte es mit nach Hause genommen und bei sich behalten, bis sich die Mutter meldete.