Beitrage Zur Entdeckung Und Erforschung Africa S Berichte Aus D
Chapter 5
Aber trotzdem und trotz vieler glänzenden Beispiele, die eben beweisen, daß selbst in kürzester Zeit der Neger bei sorgfältiger Erziehung sich vollkommen mit dem Weißen gleichzustellen weiß (ich erinnere nur an Bischof Crowther, an Senator Revels, welcher Letztere jüngst im Senate der Vereinigten Staaten seine erste Rede, die als oratorisches Meisterwerk dasteht, gehalten hat), wage ich nicht zu behaupten, daß die Neger eine Zukunft vor sich haben; sie werden am Ende von den Weißen absorbirt werden.
Wir sehen in Centralafrika, daß die Pullo, welche sich als herrschendes Volk große Negerreiche unterworfen haben, heute, nach noch nicht 100 Jahren, vollkommen von den Negern assimilirt worden sind. Obschon die Pullo noch die herrschenden sind, auch ihre Pullo-Sprache noch reden, sind sie fast ganz schwarz geworden und alle reden heute neben ihrem Pullo die Sprache der Stämme, über welche sie herrschen. Ebenso haben die Araber in Centralafrika, z.B. die Schoa, fast nur noch ihre Sprache erhalten. Und so wird es den Negern ergehen den Weißen gegenüber, wenn sie nicht durch eine zu rasch mit ihnen vorgenommene Civilisationsmethode (namentlich durch unpassende Bekehrungsversuche) vorher ausgerottet werden. Ist dies nicht der Fall, so werden sie langsam verdrängt werden von den Weißen, wenn sich einmal für diese das Bedürfniß herausstellen sollte, Afrika so ernstlich in Angriff zu nehmen, wie man es mit Amerika und jüngst mit Australien gethan hat.
FOOTNOTES:
[Footnote 2: Hunderttheilig.]
[Footnote 3: Rheinwein wird von den Engländern meist als Schaumwein getrunken.]
[Footnote 4: Fast Alles zahlt 4 Proc. nur einige Artikel 6 Proc.]
[Footnote 5: Als ich 1867 von Lagos nach Europa zurückkehrte, gelang es mir, Goro-Nüsse ganz frisch heimzubringen. Unser nun verewigter Liebig, dem ich dieselben zur Untersuchung einschickte, fand die Nüsse sehr reichhaltig an Coffein; außerdem gelang es ihm, im botanischen Garten zu München aus einer der Nüsse einen Baum heranzuziehen, der im vorigen Sommer schon eine Höhe von 5 Fuß erreicht hatte und laut eines Briefes vom 9.d.M. von Liebig fortfährt, sehr gut zu gedeihen.]
4. Das Gora-Gebirge in Central-Afrika.
Einer der wichtigsten Gebirgsstöcke im bekannten Centralafrika ist das Gora-Gebirge, denn hier ist die Wasserscheide zwischen dem Tschad-See einerseits und dem mächtigen Niger andererseits. Zudem entspringt hier der Gongolafluß, einer der bedeutendsten Nebenflüsse des Bénue, sowie eine Menge kleinere Flüsse, die direct in den Bénue (dieser ist der bedeutendste Nebenfluß des Niger, und vielleicht ebenso bedeutend als dieser) sich werfen.
Das Gora-Gebirge erreicht eine absolute Höhe von mehr als 7000 Fuß und besteht seiner Hauptmasse nach aus Granit, doch sind an den unteren Abhängen auch alle anderen Gesteinsarten vertreten. Das Gebirge scheint sehr mineralisch zu sein, die Bewohner haben Antimon-, Zinn- und Eisenminen; über das Vorkommen von Gold ist den Eingebornen indeß nichts bekannt, noch weniger läßt sich sagen, ob Silber vorhanden sei, welches überhaupt in Centralafrika noch nicht gefunden worden ist. Der Boden besteht fast durchweg aus einem festen röthlichen Lehm und Thon, doch sieht man mitunter auch ausgedehnte Strecken mit schwarzem Humus bedeckt. Die hervorragendsten Berggipfel sind der Saranda, westlich von Bautschi (Jacoba) gelegen, der Goa- und der Gora-Knotenpunkt, von dem das ganze ausgedehnte Gebirge seinen Namen hat, und von dem die Wasser hauptsächlich entspringen, welche dem Niger, Bénue und dem Tschad zueilen.
Was Naturschönheiten anbelangt, so wird es kaum ein Gebirge geben, welches hierin die Goraberge übertrifft. Ueberall bewaldete Höhen, oft steil emporragende Felsen, rieselnde Bäche, spritzende Wasserfälle, herrliche Steilschluchten. Hie und da wieder ein Stück Ackerland um kleine Ortschaften herumliegend, üppige Gärten mit Bananen, Gundabäumen, Erdnüssen und einigen Gemüsen--dies das Gesammtbild, wie sich das Gora-Gebirge dem Wanderer zeigt. Ja, wenn nicht die eigenthümlichen konischen Dächer der Hütten, welche jene Negerdörfer zusammensetzen, wenn nicht bei näherer Betrachtung die einzelnen Bäume der dichten Wälder, wenn nicht hie und da die schwarze Gestalt eines mit Bogen und Pfeil bewaffneten Eingeborenen einen daran erinnerten, daß man sich zwischen dem 9. und 11. Grade N. Br. befände, so würde man eher glauben, in einer üppigen europäischen Gebirgslandschaft zu sein, als in einer afrikanischen Tropengegend.
Bis auf den Kamm des Gebirges hat man es meist mit denselben Bäumen zu thun, wie sie in Bornu vorkommen, aber darunter befinden sich manche fruchttragende, die in den Tschadebenen nicht vorkommen. Auf der westlichen Seite treten hingegen die Baumarten in den Vordergrund, wie sie das Nilthal vorzugsweise aufweist, und namentlich sind es ausgedehnte Wälder des Butterbaumes, _Bassia Parki_, die nun vorherrschen. In den niederen Theilen zeigen sich Bananen und der herrliche Gunda-Baum überall wild. Indigo, zum Theil wild, Baumwolle und Tabak gezüchtet, kommen allerwärts vor. Der Wald liefert die Yams-Wurzeln, die auch gebaut werden, ebenso pflanzen die Eingeborenen in ihrem Garten Ingwer, verschiedene Zwiebeln, Erdnüsse und Kohlsorten.
In einer so üppigen Gegend ist natürlich die Thierwelt sehr reich vertreten: die niedere sowohl wie die geflügelte zeigt dem Europäer auf Schritt und Tritt Neues. Reißende Thiere, namentlich Panther und Leoparden, sind in den Schluchten der Berge nichts Seltenes, doch sind sie keineswegs so häufig, daß dadurch irgendwie die Sicherheit der Reisenden gefährdet würde.
Sehr zahlreich sind allerdings die Hyänen und Büffel vertreten; Giraffen kommen hier im Gebirge nirgends vor; Elephanten, Nashörner und Flußpferde treten erst am Bénue und Niger auf; ebenso fehlt hier der Gorilla-Affe, nur Paviane und Hundsaffen sind in erstaunlicher Menge vertreten. Wie überall, wo das Land von Ameisen beherrscht wird, ist auch der Ameisenbär anzutreffen, und jene ungeheueren Thonpyramiden, welche man über das ganze Land zerstreut sieht, sind oft von der Kralle des Ameisenbärs angebohrt. Diese Pyramiden, von denen auch schon durch Photographie fixirte Ansichten existiren, verleihen der Landschaft einen eigenthümlichen Reiz. Man beobachtet welche von einer Höhe von über 20 Fuß.
Die Bewohner des Gora-Gebirges sind echte Neger und gehörten ehedem zum großen Reiche der Haussa-Neger. Bei der Invasion der Pullo wurden sie unterjocht, und jetzt bildet das Gora-Gebirge einen Theil des Kaiserreichs Sokoto. Zum Theil gehört es zu den Königreichen Bautschi und Kano, zum Theil zu denen von Saria und Keffi-abd-es-Senga, welche alle dem Kaiser von Sokoto unterthan sind.
Mit Ausnahme der Städtebewohner gehen alle Eingeborenen vollkommen nackt und sind Heiden. Die Frauen tragen Ringe und Spangen um Arme und Fußknöchel, jedoch durchbohren sie die Ohrlappen nicht wie die europäischen Frauen, ihr Haar tragen sie ohne Schmuck und kurz abgeschnitten, während die Männer es nach Art der Bornu-Frauen helmartig zu einem Wulst zusammenwachsen lassen. Um den Leib tragen die Frauen einen Ledergurt der vorn und hinten mit Blättern behangen wird, um damit die Blößen zu bedecken; die Männer tragen ein Schurzfell, oft kunstvoll gestickt und mit vielen kleinen Muscheln geschmückt. Die Männer sind immer bewaffnet: ein Bogen, ein Köcher mit vergifteten Pfeilen und oft ein gerades, in Hagen oder Solingen verfertigtes Schwert macht ihre Rüstung aus.
Ihre Religion ist Fetischdienst, obschon die über sie herrschenden Pullo den Islam angenommen haben. Aber obgleich sie Heiden sind, stehen sie keineswegs auf einer ganz niederen Stufe der Cultur; ihre Hütten sind so regelmäßig und gut angelegt, daß man ihnen gewissermaßen Sinn für Architektur und Geschmack nachsagen muß; der Boden ist eine Art Mosaik, welcher von den Frauen eingegossen und festgeklopft wird. Ihre Hauseinrichtungen, was Töpfe, Holzschnitzereien und andere Gegenstände anbetrifft, sind kunstvoll und mit Eleganz gearbeitet, ihre Werkzeuge verfertigen sie selbst aus Eisen. Um im Winter auf den höher gelegenen Bergtheilen sich besser gegen die Kälte schützen zu können, haben sie in ihren Hütten eigene thönerne Feuerbetten angebracht. Dieselben bestehen aus thönernen Bänken, die inwendig hohl sind; hierin wird Feuer gemacht und so gewähren sie dem darauf liegenden, der die schroffe Hitze durch Felle und Matten dämpft, eine angenehme Wärme.
Einer der Hauptstämme ist der der Bolo-Neger, aber je mehr man nach dem Süden kommt, desto verschiedener werden die Bewohner, was Sprache anbetrifft, und fast täglich hat man einen anderen Stamm vor sich. Schon der Umstand, daß sie mich als ersten Weißen unbehelligt ihr Gebirge durchziehen ließen, spricht zu ihren Gunsten. Allerdings machte auf sie das Erscheinen eines Weißen den größten Eindruck, und sie bekundeten das dadurch, daß häufig Männer und Frauen herbeikamen, um mich zu befühlen, ob ich auch wirklich aus Fleisch und Blut sei, oder daß die ganze Jugend eines Ortes hinter uns drein zog und "=Thoraua, Thoraua=" (Weißer, Weißer) rief; aber nirgends war irgend von einem feindseligen Worte, geschweige einer beleidigenden Handlung gegen mich die Rede. Im Gegentheil, oft gab man mir zu verstehen, ich möchte doch bald nach ihren Gegenden zurückkommen.
5. Höflichkeitsformen und Umgangsgebräuche bei den Marokkanern.
"Es ssalamu alikum" ist die allgemeine Begrüßung der Gläubigen, der Araber, und folglich aller Marokkaner, die der allein seligmachenden Kirche Mohammeds anhängen. "Alikum ssalam" ist die Antwort. Beiderseits muß der Gruß immer mit sichtbarem Ernste, mit einer gewissen Feierlichkeit ausgesprochen werden; ein freundlich lächelndes Gesicht würde man für ganz unpassend halten.
Wie die mohammedanische Religion am Ende weiter nichts will, als die ganze Menschheit unter _einen_ religiösen Hut bringen, und dies dadurch zu erreichen hofft, daß sie jeden anderen glauben als absolut falsch verwirft, so hat dieselbe auf alle Völker, die den Islam bekennen, einen merkwürdig nivellirenden Einfluß ausgeübt. Und wie hauptsächlich Gewicht auf das _wörtliche Glaubensbekenntniß_ gelegt wird und eine fortschreitende _Entwickelung_ in der Religion auf's Strengste verpönt ist, so sehen wir, daß alle den Islam bekennenden Völker dahin gekommen sind, wohin der Buchstabenglaube führt: zur offenen Heuchelei, Scheinheiligkeit und zu einer entsetzlichen Verdummung und Verthierung des Volkes.
Durch Alles, was die mohammedanischen Völker thun und reden, zieht sich immer ein heuchlerischer, muckerhafter und pharisäischer Hauch, auch in Höflichkeiten. Der durch den Gebrauch Mohammed's geheiligte Gruß: "Der Gruß (Gottes) sei mit Euch" wird daher auch nie an Ungläubige verschwendet. Ein ächter Mohammedaner würde glauben, ewig verdammt zu werden, wenn er hierin nicht einen strengen Unterschied machte. Tritt er in eine Versammlung, wo Juden und Christen zugegen sind, so unterläßt er nie zu sagen: "=Ssalam-ala-hali=," Gruß meinen Leuten, oder will er den Unterschied noch mehr hervortreten lassen, so sagt er: "=Ssalam-ala-hal-es-ssalam=," Gruß den Leuten des Grußes, d.h. den Mohammedanern, da selbstverständlich den ungläubigen Hunden kein Gruß zukommt. Oder auch man sagt. "Gruß Denen, welche die Religion befolgen," womit selbstverständlich die allein seligmachende Religion des Islam gemeint ist, alle anderen Religionen, die christliche, die jüdische &c., führen den Menschen direct vom Diesseits in die Hölle.
Will ein Marokkaner recht höflich gegen einen Christen oder Juden sein, d.h. ihn beim Begegnen zuerst anreden, so sagt er wohl: "=Allah-iaunek=," Gott helfe dir, oder auch: Gott gebe dir zu essen. Nie aber würde er einen Glaubensgenossen so anreden, denn Alles, auch die Höflichkeitsbezeigungen, sind streng vorgeschriebene Redensarten und Handlungen.
Und es ist eigenthümlich: während äußerlich eine gewisse Gleichheit der Menschen zu existiren scheint,--denn der ärmste Mann im Lande ist nicht sicher, eines Tages zum ersten Minister oder gar zum Sultan, zum Chalif (des gnädigen Herrn Mohammed) gemacht zu werden,--herrscht dennoch ein strenger Unterschied in den Förmlichkeiten und Gebräuchen des Umgangs zwischen Hohen und Niedern, zwischen Armen und Reichen, zwischen Schriftgelehrten und Laien, zwischen Schürfa[6] und anderen gewöhnlichen Sterblichen. Ist es nicht ähnlich so in der päpstlichen Kirche? Der Sultan von Marokko betrachtet sich als den rechtmäßigen Nachfolger Mohammeds, als seinen Verweser auf Erden. Seiner Idee nach gehört von Rechtswegen die ganze Erde ihm: "Jeder kann Sultan oder Beherrscher der Gläubigen werden, vornehmlich aber die vom Blute Mohammeds"[7]. Der Papst andererseits betrachtet sich als rechtmäßigen Nachfolger Petri (oder als Stellvertreter Jesu Christi, d.h. eigentlich Gottes), seiner Meinung nach gehört von Rechtswegen die Herrschaft über die ganze Erde ihm, jeder kann Papst werden, der den Laienstand mit dem schwarzen Gewande vertauscht; wie der Sultan von Marokko, behauptet er, nicht fehlen zu können. Wo ist da der Unterschied vor dem _unparteiischen_ Menschen? Aber eben so groß, wie er in der päpstlichen Kirche zwischen dem mit dreifach goldener Krone bedeckten Papste und dem einfachsten Priester der Kirche oder gar dem Bettler ist, so groß ist auch der Abstand zwischen dem von seinen tausend Weibern umgebenen Sultan und dem ärmsten Faki des mohammedanischen Reiches.
Wie es bei uns verschiedene Anreden giebt, so auch bei den Marokkanern. Der Sultan hat den Titel _Sidina_, unser "gnädiger Herr"; der Scherif, d.h. ein Nachkomme Mohammeds, den Titel _Sidi_ oder _Mulei_, d.h. mein Herr; eine Scheriffrau den Titel _Lella_; einen andern Menschen redet man mit _Si_, _Herr_, an, welches Si dem Namen vorgesetzt wird, _aber nur, wenn er lesen und schreiben kann_. Andere ganz gewöhnliche Menschen nennt man einfach bei Namen, sowohl Männer und Frauen, wie Kinder. Will man solche rufen, so kann man ohne zu verstoßen, falls der Mann unbekannt ist, sagen: =ia radjel=, o Mann; =ia marra=, o Frau; =ia uld=, o Sohn; =ia bent= oder =ia bekra=, o Tochter, o Jungfrau.
Man muß sich wohl hüten, in Marokko den Titel _Sidi_, mein Herr, gewöhnlichen Menschen zu geben, nur die Juden müssen alle Gläubigen so anreden. Auch die Minister, Agha, Kaid, Mufti, Kadi, Imam u.s.w. haben, falls sie nicht Schürfa sind, kein Recht auf den Titel Sidi.
Beim _Begrüßen_ sagt man bis Mittag: Dein Tag sei gut; von Mittag bis Abend: Dein Abend sei gut. Zu jeder Stunde kann man sagen: Sei willkommen.
Wenn auch vollkommen Unbekannte beim ersten Anreden sich duzen, so ist das Duzen doch nicht ausschließlich im Gebrauch. Es würde unschicklich sein, den Sultan anders anzureden, als in der zweiten Person Pluralis, ebenso lieben es auch vornehme Personen, namentlich Religionsmänner, sich in der zweiten Person Pluralis anreden zu lassen. Auch Kinder pflegen ihre Eltern mit "Ihr" anzureden. Der gebräuchlichste Gruß, =es ssalamu alikum=, ist ebenfalls in der zweiten Person Pluralis.
Da eine Begrüßung zwischen Leuten, die sich seit Langem nicht gesehen, immer unendlich lange dauert, manchmal eine halbe Stunde, so hat man die verschiedensten Redensarten, um sich nach dem wechselseitigen Befinden zu erkundigen., "Wie ist dein Zustand?" "Wie ist deine Zeit?" "Wie bist du?" "Wie ist dein Wie?" "Wie bist du gemacht?" u.s.w. Alle diese Redensarten werden mit monotoner Stimme wiederholt und man hat wohl Acht, dieselben mit häufigen "Gott sei gelobt", "o gnädiger Herr Mohammed" zu untermischen. Je öfterer man Letzteres thut, desto besser und frommer glaubt man zu sein und für desto heiliger wird man gehalten.
Es würde ein großes Verbrechen sein, bei den Leuten arabischen Blutes sich nach dem Befinden der Frau des Anderen zu erkundigen. Und wenn sie am Rande des Grabes stände, dürfte man das nicht direct thun. Selbst der Vater, der Bruder würde es nicht für decent halten, seinen Schwiegersohn, seinen Schwager ohne Umschweife nach der Gesundheit seiner Tochter, seiner Schwester zu fragen.
Da aber der Marokkaner ebenso gut den Trieb der Neugier besitzt, wie wir, so braucht er dann allerlei Umwege, um sich nach dem Befinden einer Frau zu erkundigen: "Wie befinden sich Adams Kinder?" d.h. alle Menschen, die Frauen also auch; oder: "Wie geht es dem Zelte?" d.h. mit Allem was darin ist; oder: "Wie geht es der Familie?"--"Wie befinden sich deine Leute?" u.s.w.
Der _Kuß_ ist allgemein verbreitet. Dennoch kennt man nicht den Kuß der Liebe: den auf den Mund. Man begegnet einander, ergreift die Rechte, ohne sie zu drücken, und küßt sodann seinen _eigenen_ Zeigefinger. Will man über die Begegnung recht seine Freude ausdrücken, so wird diese Procedur sechs- bis achtmal wiederholt. Ein Untergebener küßt einem Vornehmen den Saum seines Kleides oder ist dieser zu Pferde, das Knie, die Füße; ist der zu Begrüßende ein großer Heiliger, so kann man auch dessen Pferd oder irgend einen beliebigen ihm gehörigen Gegenstand küssen.
Weiß der Vornehme oder der Heilige, daß der Begrüßer Geld hat oder Geld schenken will, so giebt er wohl seine Hand zum Küssen, legt dieselbe segnend auf den Kopf oder wehrt die demüthige Geberde des Begrüßers mit Worten ab. Ist ein Untergebener zu Pferde, so steigt er schon von Weitem ab, um einen höher Stehenden zu begrüßen. Zwei Gleiche küssen sich wohl die Wangen, und will ein Vornehmer oder ein Heiliger Jemand besonders auszeichnen, so küßt er diesem die Stirn. Kommt ein Vornehmer, so erheben sich alle Anwesenden und verbeugen sich mit vor der Brust gekreuzten Armen. Vor dem Sultan, vor dem Großscherif kann man sich auch auf die Erde werfen, wie beim Gebet, und die Stirn auf den Boden drücken: "=Allah-itohl-amreck=!" Gott verlängere die Existenz deiner Seele, ruft man.
Der Marokkaner verläßt eine Versammlung ohne Gruß; nur wenn er auf längere Zeit verreisen wollte, würde er es für nöthig halten, sich förmlich und durch Worte zu verabschieden. Ist aber ein sehr vornehmer Mann, ein Heiliger in der Versammlung, so geht man zu ihm, küßt seine Knie, seine Hand oder den Saum seines Kleides und verabschiedet sich dann, ohne ein Wort zu sagen.
Schon an anderen Orten ist darauf hingewiesen worden, wie die marokkanische Geistlichkeit, wenn von einer solchen die Rede sein kann, ebensoviel auf äußere Ehrenbezeigungen hält, wie die der europäischen Christenheit. Wenn es auch dort nicht Sitte ist, daß sie sich kenntlich macht von den Laien durch besondere Tracht (schwarzer Anzug, weiße Cravate), so liebt es doch Jeder, der sich vorzugsweise dem Studium der Religion hingiebt, daß man ihn zuerst grüßt, daß er den Ehrenplatz erhält und daß man auf ihn die meiste Rücksicht nehme. In einem so durch die Religion fanatisirten Lande ist es daher jedem Reisenden dringend anzurathen, sich mit dieser Klasse von Menschen gut zu stellen, und da die mohammedanische Geistlichkeit ebenso wie die christliche besondere Vorliebe für Geld hat, weil dieses als die erste Bedingung zur Herrschaft erscheint, so ist es wohl gerathen, den frommen Leuten davon soviel wie möglich zukommen zu lassen. Wie richtig handelte z.B. Ali Bey in dieser Beziehung bei seinen Reisen durch Marokko.
Alle Höflichkeitsbezeigungen in Marokko müssen in fromme Redensarten gekleidet sein. =Allah-iatik-ssaha, Allah-iaunik=, Gott gebe dir Kraft, Gott helfe dir, ruft man einem Arbeitenden zu, und wenn einer niest, so rufe ihm ein =Nedjak-Allah=, Gott rette dich, zu; der Niesende dankt mit "=R'hamek-Allah=", Gott sei dir gnädig.
Eine Sitte oder vielmehr Unsitte existirt, die man in Europa auf's Höchste anstößig finden würde: das laute Aufstoßen während des Essens und gleich hernach. Der Aufstoßende ruft dann selbstgefällig "=Stafhr-Allah=", Gott verzeih' es, oder "=Hamd-Allah=". Gott sei gelobt. Er betrachtet das als Zeichen, daß der Appetit jetzt gestillt sei, und ebenso fassen die Mitessenden es auf, die ihn vielleicht heimlicherweise um dies seh- und hörbare Zeichen seines gesunden Magens beneiden. Jedes Essen, jeder Trunk wird begonnen, wie überhaupt Alles was man unternimmt, mit =Bsm-Allah=, im Namen Gottes. Und es würde vollkommen gegen alle Sitte sein, _aufrecht stehend_ zu essen oder zu trinken. Dem Trinkenden wird ein: "=Ssaha=", Gesundheit, zugerufen.
Es würde nicht nur ein Verstoß gegen den guten Anstand sein, wollte man mit der linken Hand essen, sondern auch den Religionsvorschriften entgegen sein. Die linke Hand, welche zu gewissen Ablutionen benutzt wird, gilt für unrein, nur der _Teufel_, der sich aus religiösen Vorschriften nichts macht, bedient sich seiner Linken. Man darf sich bei dem _Essen_ nie des _Messers_ bedienen, namentlich das Brod darf _nicht geschnitten_, sondern muß _gebrochen_ werden. Vor und nach dem Essen muß man sich die Hände und nach dem Essen die Hände und den Mund ausspülen, aber sorgfältig darauf achten, daß das zum Mundausspülen benutzte _Wasser nur aus der hohlen Hand_, nicht aus einem Gefäße genommen wird. Zum Reinigen des Mundes bedient der wohlerzogene Mann sich nur des Daumens und Zeigefingers seiner Rechten. Man soll nicht zu schnell essen, und Derjenige, der einen Vornehmen oder höher im Range Stehenden bei sich empfängt, darf sich nicht mit an die Schüssel setzen, sondern muß durch Aufwarten seine Sorgfalt für den Besuch bekunden. Der Besuchende selbst würde sehr gegen die Lebensart verstoßen, wollte er sich um seine Bagage oder um seine Diener bekümmern. Daß diese in Obhut genommen, daß die Dienerschaft mit Speise und Trank versehen, daß die Thiere abgefüttert werden, darf ihn nicht kümmern, es ist das Sache des Wirthes. Präsentirt man dir eine Tasse Thee oder Kaffee, so trinke sie nicht rasch aus, sondern nimm das Getränk _schlürfend_ zu dir; wenn du beim Speisen bist, so unterlasse es nie, die Hinzukommenden zum Mitessen einzuladen, und diese, falls sie gleiches Ranges sind, erzeigen sich als wohlerzogene Leute, wenn sie wenigstens einen _Bissen_ mitessen, selbst wenn sie satt sind. Sind sie aber niederer Herkunft, so dürfen sie das Anerbieten nicht annehmen; sind sie hungrig, so erfordert es der Anstand, sich zu setzen und zu _warten_, bis man ihnen die Ueberreste reicht.
Gewisse Gebräuche, als von den unseren abweichend, sind noch besonders hervorzuheben:
Man darf keinen brennenden Spahn mit dem Hauche auslöschen, sondern nur durch Hin- und Herfahren durch die Luft. Wenn man Feuer verlangt zu einer Pfeife oder um Etwas anzuzünden, so sage man nicht: "gieb mir Feuer," "=attininar=", denn "=nar=" bedeutet auch das höllische Feuer, sondern man sagt: "=attini-l'afiah=". Das Wort "=l'afia=" bedeutet Leben, Gesundheit und Feuer, oder "=attini-djemra=", gieb mir eine Kohle.
Höchst unanständig würde es sein, _aufrechtstehend_ ein Bedürfniß zu verrichten, man muß das in hockender Stellung thun und hernach die Ablution nicht verabsäumen, oder wo Wasser fehlt, die Ablution durch Sand vollziehen.
Man vermeide, mit Schuhen ein Zimmer oder gar eine Moschee zu betreten; an der Schwelle der Thür müssen sie zurückgelassen werden. Sobald man Jemand auf der Straße anreden will und hat ihm etwas Ausführliches zu sagen, dann bleibe man nicht stehen, sondern hocke nieder, _denn im Stehen lange zu sprechen ist unanständig_.
Einen Bittenden muß man nie durch eine _abschlägige_ Antwort beleidigen; "=in-schah-Allah=," so Gott will, sagt man, oder ist der Bittende zudringlich: "=Rbi-atik=", Gott wird _dir_ geben; ein guter Mohammedaner darf keinen Zweifel an der Großmuth Gottes hegen.