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Chapter 4

Chapter 43,446 wordsPublic domain

Hier zu erwähnen sind auch noch jene kleinen Hütten für die Fetische. Manchmal sind dies nur auf Pfählen ruhende Strohdächer, unter welchen die Götter Schutz gegen die Sonne und den Regen finden, manchmal aber auch ordentlich eingerichtete Hütten. Aber jedesmal findet man sie in bedeutend verkleinertem Maßstabe. Eine Fetischhütte ist nie höher als 4 bis 5 Fuß und hat an der Basis gewöhnlich 3 bis 4 Fuß Durchmesser. Oft steht ein Fetisch oder eine ganze Fetischfamilie nur auf einem Thonteller, der circa 1 Fuß hoch, nach oben sich verjüngt und circa 3 bis 4 Fuß im Durchmesser hat. Außerdem hat jede Hütte in den Gegenden, wo Fetischismus betrieben wird, einen Fetisch in seiner Hütte, der oft aus Thon oder Holz geformt, oft aber nur ein Bild oder Relief an der Hüttenwand ist.

Je mehr man sich dem Niger nähert, desto andere Bauformen finden wir gäng und gäbe. Freilich bleibt auch hier die runde Hütte noch immer die eigentliche Nationalbehausung der Neger; aber wir finden nun bei den Wohnungen der Fürsten, der Großen und Reichen keineswegs mehr große, nach arabischer Art mit plattem Dache versehene Häuser, sondern Gebäude, die nach Art der europäischen ein Giebeldach haben. In Imaha, in Ogbomoscho und Ibadan haben die Fürsten die großartigsten Giebelbauten, bei denen europäischer Einfluß wohl kaum zu leugnen ist.

Die Fürstenwohnung in Illori ist der Art, daß sie ein längliches Viereck von 150 Fuß Länge auf 30 Fuß Breite bildet. Die Seitenmauern, circa 6 Fuß hoch und 2 Zoll dick, aus gestampftem Thon errichtet, tragen ein unverhältnißmäßiges hohes Strohdach à cheval, dessen überstehende Seitenwände über die Mauern hinausreichen, so daß sie fast den Erdboden berühren. Der Raum, der hierdurch entsteht, giebt einen schattigen Ruheplatz für die zahlreichen Sclaven ab. Im Innern läuft längs der einen Wand ein Corridor, und von diesem aus kommt man mittelst niedriger Thüren in die verschiedenen Zimmer, von denen einige einen aparten Bodenabschluß haben, andere aber frei bis unter das Dach hinaufreichen.

Höchst eigenthümlich fand Dr. Nachtigal die heidnischen Bewohner im südlichen Bagermi wohnen. Fortwährend den Ueberfällen der mohammedanischen Bevölkerung ausgesetzt, haben sie ihre Wohnungen gleich den Vögeln auf den Bäumen errichtet, und der gewaltige Baumwollenbaum (Bembax. cottontree) eignet sich vortrefflich dazu, derartige Behausungen zu empfangen: Der Baumwollenbaum gehört zu den Riesen der centralafrikanischen Vegetation. Ungefähr 50 Fuß hoch vom Boden, gehen von seinem colossalen Stamme starke horizontal verlaufende Aeste ab. Auf diese legen die Bagermi-Bewohner Balken und errichten darauf ihre Hütten; selbst der Viehstand wird in Zeiten der Gefahr mit nach oben gezogen. Mittelst einer aufziehbaren Strickleiter gelangen die Eigentümer hinauf. In der Nacht werden nach Nachtigal nie Feindseligkeiten unternommen, so daß während dieser Zeit die Inwohner eines solchen Baumdorfes ihre Vorräthe an Wasser und Lebensmitteln machen können. Und da in Bagermi der Gebrauch der Schießwaffe noch nicht eingeführt ist, so gewinnen die Besitzer in ihren hohen, luftigen Bauten eine ziemliche Sicherheit.

Je mehr man sich der Küste nähert, desto mehr schwindet die Hütte, und wenn in den Ortschaften des Konggebirges oder an den Abhängen desselben auch die Häuser der privaten nicht alle jene großen kasernenartigen Dimensionen haben, so läßt sich doch in der Anlage der europäische Einfluß auf den ersten Blick heraussehen. Gebrannte und behauene Steine findet man erst, wenn man die Küstenstädte Afrika's selbst, mithin das europäische Element erreicht hat.

FOOTNOTES:

[Footnote 1: Allerdings sind in Marokko in den sogenannten "maurischen Bädern" auch gewölbte Kuppeln, aber diese Gewölbe sind entweder durch horizontal eingeschobene Balken gebildet und getragen, oder durch Uebertragung horizontal gelegter Steine gebildet, ähnlich wie man es in den gewölbten Kammern der griechischen Thesauren beobachtet.]

3. Lagos an der Westküste von Afrika.

Keine Stadt an der Westküste von Afrika, vom Cap Spartel an gerechnet, bis zum Cap der guten Hoffnung, hat in den letzten Jahren einen so raschen Aufschwung genommen wie Lagos. Unter dem 6° 26' nördlicher Breite und dem 3° 22' östlicher L. v. Gr. gelegen (nach anderen 6° 28' n. Br. und 3° 26' östl. L. v. Gr.), war Lagos bis zum Jahre 1851 portugiesische Schutzstadt und Hauptexportstadt für den Sclavenhandel. In diesem Jahre vertrieb ein eingeborener Fürst, Namens Kosoko, den rechtmäßigen König Akitoye, weil dieser auf Betrieb Englands den Sclavenhandel unterdrückt hatte. Kosoko wurde von den Engländern wieder verjagt und der rechtmäßige König wieder eingesetzt. Aber trotzdem florirte die Negerausfuhr fort, die um so schwieriger hier zu überwachen und zu verhindern war, als der Küstenstrich wegen Lagunenbildung zahlreiche Verstecke und Schlupfwinkel bietet, wohin sich die Sclavenhändler bei drohender Gefahr zurückziehen konnten.

Am 6. August 1861 erschien deshalb das englische Kriegsschiff Prometheus, Com. Bedingfeld; Lagos wurde genommen und zur englischen Colonie erklärt. Zum Scheine ließ man jedoch den Sohn Akitoye's, Docemo, als König bestehen, er behielt jedoch nur den Titel.

Von den Eingeborenen Eko, auch Oni genannt, erhielt Lagos seinen Namen von den Portugiesen. Es liegt auf einer halbmondförmigen Insel, hat im Süden das Meer, im Norden die die Insel vom Festland trennende Lagune, und ist von den übrigen schmalen Küstenstrichen oder Inseln, welche im Osten und Westen sich fortziehen, durch enge Meeresarme getrennt. Das Festland ist circa 15 engl. Meilen entfernt. Von den schmalen Landstreifen, welche ursprünglich Festland gewesen sind, und die manchmal 3, manchmal bis 10 englische Meilen breit sind, gehört ein 60-70 englische Meilen langes Stück jetzt den Engländern. Alle diese Streifen sind mit dichtester Vegetation bedeckt, meistens mit Mangroven-Buschwerk bestanden, das von schlanken Cocosnußpalmen überragt wird, während gleich am Festlande jene undurchdringlichen Urwälder beginnen, in denen die Oelpalme und der Baumwollenbaum die hervorragendste Rolle spielen.

Hält man sich für kurze Zeit in diesem von der Natur so verschwenderisch ausgestatteten Lande auf, so sollte man glauben, es sei hier ein ewiges Paradies was das Klima anbetrifft: man glaubt in einer ewig frühlingsmäßigen Natur zu leben. Balsamische Düfte durchziehen die Luft, der tiefblaue Himmel, das saftige Grün der üppigen Pflanzenwelt, in der Ferne das tiefblaue wogende Meer, lassen den Gedanken nicht aufkommen, daß jeder Athemzug dem Körper giftige Substanzen zuführt; und doch ist dem so, wie die große Sterblichkeit der Eingeborenen sowohl wie die der Europäer ergiebt. Eben die lagunenartige Gegend, die Ausdünstungen der See, die vermodernden Pflanzentheile der nahen Sümpfe, die Vermischung von Salz- und Süßwasser nehmen alle Theil an jenen Krankheiten, die den Menschen so gefährlich sind, und meist rasch und tödtlich verlaufen.

Die mittlere Temperatur von Lagos ist unbekannt, dürfte aber zwischen 20° und 22°[2] sein. Der niedrigste beobachtete Thermometerstand war 15° C., der höchste 35°. Barometrische Aufzeichnungen von Lagos liegen gar nicht vor. Als hygrometrische Beobachtungen wurden mir 0,2 und 25° genannt, indeß nicht dabei gesagt, mit welchem Instrument und nach welchem Systeme dieselben gefunden worden sind. Die fallende Wassermenge wird wohl der von Gabun gleichkommen, wo man in einem Jahr 250" Regen beobachtet hat. Die nasse Jahreszeit währt von April und Mai bis August und September und in dieser Zeit sind fast täglich die heftigsten Tornados (Gewitterregen) bei herrschendem Ostwinde. Im November, December, Januar und Februar ist fast nie Regen beobachtet worden. Der herrschende Wind der trockenen Jahreszeit ist West und Nordwest. In dieser Periode herrscht Nachts vollkommene Windstille; erst gegen 9 Uhr Morgens springt der Wind auf, um bis nach Sonnenuntergang als starke Brise zu blasen. Im Januar wird hauptsächlich der Harmattan beobachtet, vom Innern her wehend, und von welchem die dort lebenden Europäer noch immer glauben, daß es Nebel sei, während es nichts Anderes ist, als ein zerflossener Rauch jener großen innerafrikanischen Wald- und Grasbrände, die sich manchmal über Strecken verbreiten, die Tausende von Quadratmeilen einnehmen. Zu dieser Zeit ist der Gesundheitszustand am besten, namentlich auf äußere Hautkrankheiten übt der Harmattan einen überaus wohlthätigen Einfluß aus.

Hauptsächlich dort beobachtete Krankheiten sind, was auf die Europäer sich bezieht, Malaria und bösartige Wechselfieber, Dyssenterien und Leberkrankheiten. Cholera und gelbes Fieber sind in Lagos nie aufgetreten. Es ist übrigens wohl in Betracht zu ziehen, daß die meisten Europäer durch ihr eignes unmäßiges Leben sich derartige Krankheiten zuziehen. Während das weiche, erschlaffende Leben eine mäßige Lebensweise, namentlich Enthaltsamkeit von trockenen Weinen und Liqueuren, empfiehlt, findet man hier, wie fast überall in den Colonien, vorzugsweise spanische Weine, Sparkling Hock[3] und Brandy im Gebrauch, und die schwelgerischen Tafeln, die dort stets dem Magen vorgestellt werden, rufen denn nur zu rasch jene Krankeiten hervor, denen die Europäer zum Opfer fallen, auf dem Sterbebette noch das mörderische Klima verfluchend. Bei den Negern beobachtet man außerdem noch den Guineawurm, Elephantiasis, Pocken, Lepra, Krakra (eine widerliche Krankheit) und Yaws, eine Art von böser Frambösie.

Die Bevölkerung der Schwarzen besteht aus Eingeborenen und dorthin eingewanderten und transportirten Negern. Erstere gehören alle zu den Stämmen der großen Yoruba-Familie. Ohne so schön und hell zu sein wie die Pullo, sind die Yoruba keineswegs vollkommen schwarz, sondern haben mehr bräunliche Hautfarbe. Sie haben sanfte, nicht stark prononcirte Gesichtszüge, und werden von den dortigen Europäern für die besten und gutmütigsten aller Neger gehalten. Als die Portugiesen zuerst nach Lagos kamen, fanden sie die Eingeborenen sehr geschickt in Verfertigung von Matten und Strohflechtereien, die sie auch noch so zart und fein zu flechten wissen, daß man daraus Kleidungsstücke machen könnte, und die zum Theil auch von den Eingeborenen in früheren Zeiten als solche benutzt wurden. Baumwollenweberei, Färberei, Ledergerberei, vorzügliche Holzschnitzerei, Töpferkunst und die Verarbeitung edler und unedler Metalle waren den Eingeborenen von Lagos bekannt, als die Europäer dorthin kamen. Man kann ihre Zahl auf 35-40,000 schätzen. Haussa-Neger bilden das zweite Element, sie sind durch etwa 1000 Individuen vertreten. Die übrigen endlich sind Acra-, Fanti- und Kru-Neger, etwa 2000 Seelen stark, und einzelne von verschiedenen anderen Horden. Alle diese sind ursprünglich freie, in Lagos von jeher seßhafte Neger, dann aus dem Innern und von der Küste als Freie Eingewanderte, oder aber ursprünglich gewesene Sclaven und deren Nachkommen und zum Theil aus dem britischen Westindien, von Sierra Leone, Gambien, Liberien, Brasilien oder Cuba zurücktransportirte, gekaperte ehemalige Sclaven. Allein die von Sierra Leone gekommenen Neger schätzt man auf 4000 Seelen.

Was die Europäer anbetrifft, so ist deren Zahl durchschnittlich gegen 100, von denen etwa 60 Engländer, 20 Deutsche und Franzosen sind, und die übrigen aus Spaniern, Portugiesen und Italienern bestehen.

Der Cultus der Eingeborenen, die noch nicht zum Christenthume übergetreten sind, ist Fetischdienst. Vornehmlich werden Bäume fetischirt, aber auch Thiere, z.B. Hunde, stehen in Verehrung. Die Anbetung von kleinen, aus Holz und Thon gearbeiteten Götzenbildern ist sehr allgemein; Herr Philippi aus Potsdam, der sich 13 Jahre in Lagos aufhielt, besitzt eine ganze Sammlung jener kleinen interessanten Gottheiten. Außer den allgemein heilig gehaltenen Thieren hat dann noch jeder Neger sein Privatheiligthier, von dem er dann natürlich auch nicht essen darf, während die Uebrigen, wenn diese Thiere zu den genießbaren zählen, davon essen. So durfte der Häuptling Tappa, eine persönliche Bekanntschaft von mir, keine Hühner essen, Docemo, der König, keine weißen Tauben. Jeder hat so seine speciellen Göttchen, die gewissermaßen als Heiligen den betreffenden Individuen dienen und in den Wohnungen den Ehrenplatz einnehmen. Im Ganzen mögen gegen 25000 Heiden in Lagos sein. Für die Umwandlung in Christen thut die englische Regierung officiell seit einigen Jahren nichts mehr, legt aber auch den Missionären, einerlei, von welcher Kirche sie abgeschickt worden sind, keine Hindernisse in den Weg.

Als Nichtchristen zählen zunächst die Mohammedaner; ihnen gehören besonders alle Haussa-Neger an, aber auch viele Yoruba. Der Islam hat sich quer durch Afrika seinen Weg gebahnt, er wird um so mehr von den Negern angenommen, als die moralischen Vorschriften besser mit den alten hergebrachten Leben harmoniren, überdies die den Mohammedanismus predigenden Lehrer gleich Sitten und Gebräuche der Schwarzen selbst annehmen, und nur die Formen und äußeren Gebräuche ihres Glaubens verlangen. Außerdem predigt der Islam Hochmuth. "Sobald ihr Gläubige seid, steht ihr über Christen und Juden, ihr gehört dann zum ausgewählten Volke, ihr seid dann gut =par exellence=." Eine solche Lehre gefällt den unmündigen Negern. Es gefällt ihnen das weit besser, als: "Ihr könnt das Himmelreich nur durch Buße und Glauben gewinnen, Sünder bleibt ihr aber immer; seid demüthig, verachtet den Reichtum &c." Zudem ist der christliche Missionär in unseren Tagen nicht im Stande, auf das Niveau der Eingeborenen hinabzusteigen, während er ebenso wenig vermag, diesen zu sich heraufzuziehen, das heißt ihm die äußeren Annehmlichkeiten des Lebens zu bieten, unter denen er selbst seine Existenz hat. Wie kann ein armer Neger sich denken, daß die Lehre richtig sei, wo man ihm Verachtung des Reichthums, Mäßigung, Demuth und Buße predigt, und er dies von solchen Männern hört, die gut bekleidet sind, die schöne Häuser haben, Möbel besitzen, wie er sich sie nie anschaffen kann, und über Geld in Hülle und Fülle (nach den Anschauungen der Neger) gebieten? Denn wenn auch nach europäischen Begriffen die Missionäre nicht allzuglänzend und reich ausgestattet sind, so sind sie es doch den Eingeborenen gegenüber. Ganz anders tritt der Mohammedaner auf: er hat nicht mehr als der Neger, er verdient seinen Lebensunterhalt durch seine Arbeit, durch Handel; der Eingeborene sieht, wenn der mohammedanische Lehrer zu Wohlstand kommt, woher und wie derselbe gewonnen ist. Kein mohammedanischer Apostel hat irgendwie Gehalt, er bekehrt, um einen neuen Gläubigen zu gewinnen, ganz aus eigenem Antriebe, ohne von einer Gesellschaft ermächtigt zu sein. Er glaubt auch nicht einmal, daß dies für ihn selbst ein großes Werk sei, er meint dadurch nur die Seele des Bekehrten gerettet zu haben, welche nun würdig ist, mit ihm nach dem irdischen Tode die verheißenen Freuden des Paradieses zu theilen.

Die Zahl der Mohammedaner wird auf 4000 geschätzt, und scheint dieselbe noch fortwährend zuzunehmen.

Was die Christen anbetrifft, so haben wir verschiedene Glaubensrichtungen in Lagos vertreten, und dies Nichteinheitliche der Lehre Jesu trägt gewiß dazu bei, bei Ausbreitung des Glaubens die Eingeborenen stutzig zu machen.

Von den Protestanten finden wir die englische _high church_ durch die _church missionary society_ vertreten, etwa 1000 Seelen; die Wesleyaner etwa 700 Seelen, und amerikanische Baptisten etwa 30 Seelen. Die römisch-katholische Kirche ist hauptsächlich durch 3-400 sogenannte _emancipados_ (ehemalige Sclaven) aus Brasilien und Cuba repräsentirt. Die deutschen Protestanten halten sich zur Hochkirche. Im ganzen beläuft sich die Zahl der Christen in Lagos auf 3500. Für die Protestanten besteht ein Seminar mit einem weißen und einem schwarzen Lehrer und etwa 20 Zöglingen; ein Mädcheninstitut unter einem weißen Lehrer und einer weißen und einer schwarzen Lehrerin mit etwa 20 Schülerinnen; vier gemischte Volksschulen mit 8 Lehrern und 430 Schülern; drei kleine Kinderschulen mit 5 Lehrerinnen und 320 Schülern. Die Wesleyaner haben außerdem eine Schule mit 3 Lehrern und 170 Schülern. Ueber die Schulen der römisch-katholischen Mission liegen keine numerischen Nachrichten vor.

Die Mohammedaner sorgen für die Bildung ihrer Gläubigen durch Gebete in der Hauptmoschee, sie haben 12 bis 16 kleinere Betplätze, die zum Theil Medressen (Schulen) sind, in denen jedoch weiter nichts gelehrt wird, als mechanisch Koransprüche herzusagen. Fast mit Sicherheit kann man behaupten, daß die Lehrer selbst den Sinn der Sprüche und Gebete nicht verstehen. Nach den Begriffen der modernen Apostel des Islam ist das auch nicht nöthig, da Gott selbst Arabisch versteht, also wohl weiß, was die Gläubigen beten.

Die Regierung besteht derzeit aus einem Gouverneur (von der Kriegsflotte), einem Colonialsecretär, einem Oberrichter (_high justice_), einem Ingenieur, einem Colonialarzt, einem Schatzmeister und zwei Polizei-Inspectoren mit 45 Constablern. Das Geschwornengericht ist aus Weißen und Schwarzen zusammengesetzt. Als Garnison steht in Lagos eine Compagnie westindischer schwarzer Soldaten, und in letzterer Zeit sind darunter als Ergänzung vorzugsweise Haussa-Leute aufgenommen worden. Außerdem steht der Regierung ein Kanonenboot I.M. der Königin zu Gebote. In Lagos residiren ein norddeutsches, ein französisches und ein italienisches Consulat.

Während Lagos früher krumme, winkelige Straßen hatte, an beiden Seiten von Negerhütten besäumt, wird jetzt der Ort durch sehr breite, gerade Straßen durchzogen, die Nachts beleuchtet sind. Man unterscheidet vier Hauptstadttheile, Okofagi, Ologbowa, Offi und Egga. In letzterem befindet sich der Palast von König Docemo, der aussieht wie eine große Bude. Das Haus, welches der Gouverneur bewohnt, ganz aus Eisen errichtet und fertig von England gebracht, befindet sich, wie die meisten Wohnungen der Europäer, auf der der See zugekehrten Seite der Insel. Gleich daneben liegt die prachtvolle ehemalige O'Swaldische Factorei, die seit einigen Jahren in die Hände eines anderen Hamburger Hauses übergegangen ist.

An öffentlichen Gebäuden erwähnen wir noch das Colonial-Secretariat, das neue, aus Backstein errichtete Rathhaus, in dem zugleich der Gerichtshof ist, eine Caserne mit Spitaleinrichtung, ein Colonial-Hospital mit 20 Betten, das jedoch viel zu wünschen übrig läßt, ein Zollhaus mit Krahn, endlich 10 Kirchen für Protestanten und eine im Bau begriffene für Katholiken.

Die Häuser der Europäer sind zweckmäßig und meist aus gebrannten Ziegeln aufgeführt und fast alle von kleinen Gärten umgeben. Cocospalmen, Brodfruchtbäume und Mangos gewähren Schatten; an wohlschmeckenden Früchten sind die Ananas von Lagos als ganz vorzüglich hervorzuheben.--Die Stadt hat außerdem mehrere kleine Dampfer, welche die großen Dampfschiffe und Segler, welche die Barre nicht passiren können, befrachten und ausladen, Hunderte von kleinen Schiffen, alle numerirt und den Eingeborenen gehörend, unterhalten den Verkehr mit dem Festlande, hauptsächlich mit der Stadt Ikorodu. Sehr angenehm für die Bewohner von Lagos ist, daß die Lagunen nicht nur äußerst fischreich sind, sondern jahraus, jahrein täglich so viel Austern und Granaten (_Crangon vulgaris_) gefangen werden, wie es die Bedürfnisse erheischen. Deshalb ist denn auch die Fischerei eine der Hauptbeschäftigungen des Volkes; aber außerdem finden wir alle Handwerker vertreten, als Schreiner, Maurer, Zimmerleute, Schneider, Schuster, Schmiede, Schlosser &c.

Die Europäer sind fast durchaus Handelsleute; es giebt Engros-Häuser, sogenannte Factoreien, und Detailisten. Große Factoreien giebt es circa 20, von denen die Hamburgische von O'Swald die bedeutendste war, die sogar der Factorei der West-African-Company den Rang abgelaufen hatte.

Export und Import haben unter der englischen Regierung einen bedeutenden Aufschwung genommen, was natürlich auf die Einkünfte der Colonie bedeutend nachgewirkt hat. 1862 betrug die Einnahme 5000 Pfd. St., im Jahre 1867 schon 30,000 Pfd. St. Nach dem Blaubuche betrug 1867 der Werth der exportirten Waaren 51,313 Pfd. St., der Werth der importirten Gegenstände ist nicht angegeben, Lagos hatte aber 1868 an Zollgebühren (vom Export wird nicht gezollt) eine Einnahme von 35,000 Pfd. St.[4], aus anderen Quellen noch 4000 Pfd. St., also im Ganzen fast 40,000 Pfd. St.

Exportirt wird hauptsächlich Indigo, Grundnüsse (=Arachis=), Elfenbein, Mais, Baumwolle (1867 für 7112 Tons, die Tonne zu 2000 Pfund), Goro- oder Kolanüsse[5], welche nach Brasilien und Sierra Leone verschickt werden, endlich Oel- und Palmnüsse. Oel wurde 1867 im Gewicht von 12,414 Tonnen, Nüsse 9600 Tonnen exportirt. Die Nüsse wurden im Anfang gar nicht benutzt, es ist das Verdienst der O'Swald'schen Factorei, dieses Product der _Elaeis guineensis_ zuerst ausgenützt zu haben. Die Nuß enthält nämlich bedeutende Mengen von Stearin, das Oel wird zum Schmieren und zur Seifefabrikation benutzt.

Man führt ein: Cawries (=kauri, kungena, kerdi, eloda-Cypraea moneta L.=), jene kleinen Muscheln aus den ostindischen Gewässern, die als Scheidemünze dienen im größten Theil von Centralafrika, Rollen- und Blättertabak von Brasilien, Waffen, Pulver, Stabeisen, Messingdraht, Perlen, Spiegel, Messer, Manufacturen, Salz, Spirituosen. Von Spirituosen, Cawries und Tabak wird 6 Proc. Eingangszoll erhoben.

Im Jahre 1873 arbeitete der Bürgermeister von Lagos, Mr. Goldsworthy, zusammen mit dem Gouverneur Herrn Glover, um neue Handelsstraßen nach dem Innern zu eröffnen. Im vergangenen Jahre machte Goldsworthy eine Reise von 200 englischen Meilen in nordöstlicher Richtung und berührte dabei die Gebiete von Ikale, eine wald- und sumpfreiche Gegend mit einzelnen angebauten Strichen, und von Onodo, einer Hügelkette längs der Küste und von Ife berührt. Es gelang ihm, die Kämpfe zwischen einzelnen Stämmen zu beendigen und wahrscheinlich auch das Efou-Gebiet durch eine neue Handelsstraße zu eröffnen.

Werfen wir schließlich einen Rückblick auf Lagos, heute die volkreichste Stadt an der ganzen Westküste von Afrika, so bemerken wir, daß der Ort hauptsächlich unter der freisinnigen englischen Administration rascheren Aufschwung genommen hat wie andere Punkte in Afrika. Selbst das Klima scheint sich durch gute sanitätspolizeiliche Maßregeln, als Erweiterung der Straßen, Pflasterung der Wege, Ausrottung der nächsten Dschengel-und Mangroven-Büsche verbessert zu haben; in früheren Jahren trafen auf die weiße Bevölkerung wenigstens 20 Todesfälle, in den letzten Jahren ist das Verhältniß jedes Jahr günstiger geworden. 1869 ist, freilich wohl ausnahmsweise, nur Einer von der circa 100 Köpfe starken weißen Bevölkerung gestorben.

Auch die Gesittung und Civilisation nimmt unter den Eingeborenen erfreulich zu. Wenn Europäer, und besonders die Missionäre, beherzigen wollten, daß ein Volk, welches seither fortwährend von der Cultur der civilisirten Völker abgeschlossen gewesen, von einem primitiven Standpunkte sehr schwer innerhalb einiger Jahre auf eine solche Culturstufe gebracht werden kann, wozu wir selbst fast 2000 Jahre gebraucht haben, so würden sie langsamer vorgehen und mehr Geduld haben mit ihren Civilisationsbemühungen. Wenn man die heutigen Neger betrachtet, namentlich die Bewohner jener großen Reiche Centralafrika's, und vergleicht den Zustand dieser Völker und Länder mit jenen von Europa vor circa 2000 Jahren (natürlich Griechen und Römer ausgenommen), so wird jeder Mensch, der unbefangen urtheilt, sagen: der Vortheil ist hier auf Seiten der Schwarzen. Die großen Staaten Bornu, Sokoto und Gando &c. legen glänzendes Zeugniß ab, wie weit ohne europäische Einflüsse die Neger fähig sind, sich zu civilisiren, und General Faidherbe hat gewiß nicht Unrecht, wenn er die Schwarzen als für Civilisation empfänglicher hält, als Berber und Araber.