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Chapter 16

Chapter 163,608 wordsPublic domain

Es war schon dunkel, als wir dankend vom Consul Abschied nahmen, uns an Bord begaben und noch am selbigen Abend abfuhren. Da erleuchteten, als wir dem Consulate gegenüber waren, bengalische Flammen sein Haus und gluthübergossen zeigte sich daneben der Tempel von Luxor mit seinem hohen Obelisk, dessen Bruder jetzt auf dem Concordienplatze in Paris steht. Flinten- und Revolverschüsse tönten dazwischen als Gruß für uns in die Heimath. Aber diesmal konnten wir den liebenswürdigen Consul überbieten, denn wir hatten noch viel Magnesiumdraht übrig behalten: wie durch Zauber erhellten wir die ganze Gegend mit sonnengleichem Lichte, noch einmal sahen wir den Karnaktempel, Medinet Abu, die Memnonssäulen, das Rameseum und alle die Herrlichkeiten der alten hundertthorigen Stadt und dann war lautlose Stille und tiefschwarze Nacht hüllte uns ein, selbst die Ruderer sangen nicht, sondern trieben durch leise Ruderschläge die Schiffe gen Norden.

Nachts kamen die Schiffe meistens auseinander; das, worauf Jordan war, hatte, weil es kleiner war, zwei Ruderer weniger; der Rais (Capitain) schlief gern, das Fahrwasser schien er nicht zu kennen, so daß es häufig aufrannte, aber des Morgens kamen wir doch immer wieder zusammen.

Unser Botaniker Abu Haschisch erwarb sich, wie überall in den Oasen, so auch bei unseren Matrosen, schnell die Sympathie derselben; sie hatten ein Gedicht auf ihn gemacht und unterließen nicht, ihn mehrere Male täglich zu besingen. Da war in ihrer Poesie von einem Garten, von Granatblüthen, von Pflanzen, von einem Quell die Rede, und namentlich wurde in gebundenen Worten sein Hemd besungen, welches diese Ehre durch einen ungeheuren Tintenklecks erworben hatte. Am Tage war nämlich die Hitze so groß, daß wir Alle, wie schon erwähnt, in einem möglichst leichten Costüm auftraten.

Hatten wir in Theben das großartigste der ägyptischen Baukunst betrachten können, so bot uns Dendera Gelegenheit, den Triumph der griechischen und ägyptischen Architektur zu bewundern; denn der Denderatempel, vollkommen von Schutt befreit und in allen Theilen erhalten, ist das Vollendetste, was von den neueren ägyptischen Bauwerken noch erhalten ist.

Sodann fuhren wir ohne weiteren Aufenthalt (nur in Girgeh wurde eine Stunde angehalten, um Proviant einzunehmen) nach Siut, von wo aus unsere Expedition abgegangen war. Obgleich wir in früher Morgenstunde, um 6 Uhr, landeten, war Herr Khaiat, des deutschen Consuls Sohn, schon in Homra, dem Hasenplatze von Sint. In der Erwartung, daß wir kommen würden, hatte er die ganze Nacht dort zugebracht. Hier hatten wir einen längeren Anfenthalt, Jordan hatte noch eine astronomische Messung zu machen, sodann waren noch sämmtliche Kisten, unsere Sammlungen enthaltend, an Bord zu nehmen. Während der Zeit ließ es sich das Consulat nicht nehmen, ein Frühstück zu arrangiren. Dem Consul und seinem Sohne, welche von der koptischen zur reformirt-koptischen Kirche übergetreten sind, pflichten wir den größten Dank. Während der ganzen Expedition haben Beide mit unermüdlicher Sorgfalt mit uns Verbindung gehalten, unsere Post besorgt, uns Lebensmittel und Alles, was sonst nöthig war, nachgeschickt. Ohne sie wäre der Verlauf der ganzen Expedition keineswegs so zusammenhängend und ohne Störung von Statten gegangen.

Durch ihre Vermittlung gelang es uns auch, die Erlaubniß zu bekommen, uns einem Dampfer eines Pascha's anhängen zu dürfen, zwar nur bis Monfalut, aber wir gewannen dadurch doch bedeutend an Zeit. Und dann erreichten wir bald mit günstigem Chamsin-Winde[63] Rhoda, die südlichste Eisenbahnstation. Abends dort angekommen, gelang es uns noch am selben Tage, alle unsere Bagage auszuladen und in einem Gepäckwagen der Eisenbahn zu verpacken. Der Chedive hatte uns bereitwilligst freie Fahrt bis Kairo bewilligt. Die Nacht, welche wir in zwei Zimmern des Stationsgebäudes zubrachten, gehörte allerdings nicht zu den angenehmsten: Schnaken und tausend Insecten plagten uns derart, daß an Schlaf nicht zu denken war.

Anderen Tages fühlte man sich fast wie in Europa; die Eisenbahn hat etwas eigenthümlich Heimisches; da, wo das Dampfroß schnaubt, glaubt man schon mit einem Fuße wieder in der Heimath zu sein, und in der That, von Rhoda aus steht man ja mit jedem größeren Orte Europas, ja der ganzen Welt in ununterbrochener Dampffahrt-Verbindung. Vorsorglich hatte ich Herrn Friedmann, dem Besitzer des Nil-Hôtel, telegraphirt, uns Wagen an der Station Giseh bei Kairo bereit zu halten; wir fanden solche auch und im Trapp ging's dann nach der Chalifenstadt hinein, durch die schöne neue Allee von Lebeckbäumen, die, wie durch Zauber entstanden, von Kairo bis zu den Pyramiden führt, über die neue Brücke und dann direct ins Nilhôtel, den sichersten Hafen für Reisende, welche, wie wir, so lange den civilisirten Genüssen fern gestanden hatten.

Und wie sahen wir aus! Als wir das Hôtel betraten, riefen mir zwei Amerikanerinnen "=shocking, shocking=" entgegen und flohen in den Gartenpavillon. Vor einem Spiegel sah ich denn auch, daß ich keineswegs ein gesellschaftsmäßiges Aussehen hatte; Schweiß, Staub und Hitze von der Eisenbahnfahrt hatten mein Gesicht, das ohnehin verbrannt war, zu einem Mohrenantlitz gestempelt, in allen möglichen dunkeln Farben schillernd. Ein Bad brachte jedoch Alles in Ordnung und Abends bei der =Table d'hôte= fand unsere ganze Reisegesellschaft einen freundlichen Empfang.

Ueber meinen Aufenthalt in Kairo habe ich diesmal nicht viel zu sagen. Natürlich wurden wir vom Chedive wieder in Audienz empfangen, auch war abermals eine Sitzung des Institut =Égyptien= und Gesellschaften bei unseren Freunden--uns aber zog es, je näher wir Europa kamen, desto mächtiger der Heimath entgegen.

Zittel's und mein ursprünglicher Plan, unsere resp. Frauen nach Cairo kommen zu lassen, mußte aufgegeben werden. Die Hitze und der Staub waren nun schon so unerträglich, daß die Damen von einer solchen Reise keine Annehmlichkeit und keinen Genuß gehabt hätten, aber dafür gaben wir uns in Neapel Rendezvous. Und nachdem alles Geschäftliche abgewickelt war, ging es in Alexandria an Bord. Zittel und ich hatten uns für das französische Boot entschieden, aber es war so übervoll, daß wir keine Cabine bekommen konnten, sondern uns blos mit einem Platze erster Classe ohne Bett begnügen mußten. Das war freilich schlimm, denn es standen uns noch immerhin vier Nächte bevor. Zittel eroberte sich indeß eines der zwei Sophas und ich begnügte mich mit einem Seitentische oberhalb seines Lagers. Eine eigenthümliche Gesellschaft war am Bord dieses Dampfers, ein Abbild des heutigen Franzosenthums. Mit Ausnahme von einigen Amerikanern und uns bestand die ganze Passagiergesellschaft aus Schauspielern, Pfaffen und Pfäffinnen--Kirche und Theater.

Da war ein Kapuzinermönch, da waren Augustiner, Dominikaner und einige Weltgeistliche, im Ganzen, mit einem protestantischen Reverend, vierzehn heilige Leute; da waren Schwestern vom heiligen Herzen Jesu und andere auffallend gekleidete Nonnen; den ganzen Tag hatten sie ein kleines Brevier in der Hand und den unvermeidlichen Rosenkranz, welchen Buddhisten, Mohammedaner und Katholiken in brüderlicher Liebe gleichmäßig als Gebetzähler adoptirt haben.

Nicht so langweilig wie diese augenverdrehende Gesellschaft war das lustige Theatervölkchen, ja eines Abends hatten wir sogar den Genuß, von einer der Damen, mit Begleitung des am Bord befindlichen Pianos, hübsche Lieder vorgetragen zu hören. Nirgends ist man auf dem Mittelmeere besser aufgehoben, als an Bord der französischen Messagerie nationale[64]. Die Officiere wie der Capitain sind meist gebildete, liebenswürdige Leute und, bei der weltverbreiteten Bedeutung dieser französischen Dampfer, sind sie frei von jener krankhaften Neigung, in jedem Deutschen einen Feind zu sehen. Die Cabinen sind vortrefflich und jede nur zu zwei Betten eingerichtet. Die Küche vorzüglich, ebenso die Getränke.

Wir hatten die Annehmlichkeit, an einem kleinen Tische allein zu speisen, nur zwei Yankees, die Erbauer der Pacific-Bahn, ein ägyptisch-arabischer Kaufmann, ein Jude und der katholische Patriarch von Jerusalem waren unsere Genossen. Man kann sich denken, daß da die Unterhaltung eine äußerst mannigfaltige war, wenngleich die Verschiedenartigkeit der Sprachen bisweilen wohl etwas hindernd erschien.

Die Fahrt durch die unvergleichlich schöne Meerenge von Messina, die Einfahrt in den Busen von Neapel werden für Jeden von uns gewiß unvergeßlich sei. Da ankerten wir nun im Angesichte der stolzen Königin des Mittelmeeres, ungeduldig des Zeichens gewärtig, das Schiff verlassen zu dürfen. Eifrig suchten wir unter den hundert kleinen Booten, die den Dampfer umkreisten, ob nicht in einem unsere Frauen sein könnten. Aber vergebens, keine blonde Dame war unter ihnen. Hier war ein Boot mit hübschen schwarzen Damen, auf Verwandte wartend, dort waren Hôteldiener, um Fremde zu angeln; hier hatte ein Policinello in schaukelnder Jolle sein Theater aufgestellt, hier trillerte ein Leierkasten, dort kam ein Schiff mit Mönchen, ja es drängte sich sogar eine ganze Musikbande heran; aber so sehr wir auch suchten, unsere Frauen waren nicht erschienen.

Endlich erlaubte man uns, an's Land zu gehen. Die italienische Douane war höflich und nachsichtig, und in schneller Fahrt eilten wir zum =Hôtel de Russie=, =vis-à-vis= von St. Lucia unmittelbar am Golf gelegen. Aber eine neue Enttäuschung erwartete uns: "Zwei Damen logiren hier nicht," sagte uns der Portier.--Aber eine genauere Nachforschung Zittel's brachte uns die Gewißheit, daß am Abend vorher unsere Frauen angekommen, doch momentan spazieren gefahren seien. Man kann sich unsere Ungeduld denken, die indeß eine nicht zu lange Probe zu bestehen hatte; denn kaum hatten wir Jeder unser Zimmer bezogen, als mächtig große Camelien-Bouquets hineingeworfen wurden und gleich mit ihnen die Frauen hereinstürmten. Ein Wiedersehen nach fünfmonatlicher Trennung kann Jeder, der verheirathet ist, sich ausmalen, zumal wenn so weite Räume, so beschwerlich zu durchziehende Gegenden von der Heimath einen entfernten.

Ich verweile nicht bei Neapel, wo an einigen angenehm verlebten Tagen die Reize dieser bevorzugten Stadt uns den freundlichsten Empfang auf europäischem Boden bereiteten. Die Chiaja, das neue zoologische Institut unter der Direction des Deutschen Dorn[65], eines hervorragenden Gelehrten, Sorrent, Capri und Abends unter den Fischerhallen von St. Lucia bilden unverwischliche Glanzpunkte Neapels. In Pompeji war ich mit Baron v. Keudell, einer alten Bekanntschaft von mir, zusammengetroffen; Se. Excellenz lud mich freundlich ein, ihn in Rom zu besuchen. Der Einladung folgend, traf es sich aber so unglücklich, daß wir an dem Abende, wo meine Frau und ich den Vorzug haben sollten, bei ihm zuzubringen, nicht zu Hause waren, da wir die Einladung zu spät erhalten hatten; am anderen Morgen vor der Abreise hatte ich indeß Gelegenheit, die prachtvolle Wohnung der deutschen Gesandtschaft auf dem Capitol zu bewundern. Herr v. Keudell zeigte mir selbst die Räumlichkeiten, den Garten und die köstliche Aussicht.

"_Nach Deutschland_" drängte es immer lebhafter in mir, und nur in Mailand, der Stadt des Marmor-Doms, hatten wir dann noch einen eintägigen Aufenthalt. Im Hôtel Reichmann fanden wir eine ganz freundliche Aufnahme, und wenn dies Hotel eine kleine Weile seinen Nimbus einbüßen konnte, so ist derselbe seit Kurzem wieder hergestellt. Herr Reichmann =jun.= verwaltet jetzt auf's Ausgezeichnetste dies von den Deutschen am liebsten besuchte Hôtel.

FOOTNOTES:

[Footnote 60: =Jollois description p. 14=.]

[Footnote 61: Präsident des Gemeinderathes.]

[Footnote 62: Verwalter.]

[Footnote 63: Chamsin heißt fünfzig, die Eingeborenen nennen diesen Wind so, weil er 50 Tage lang wehen soll aus SSO.]

[Footnote 64: =Messagerie nationale= hat, wenn Frankreich Kaiserreich oder Königreich ist, den Titel =m. impériale= oder =m. royale=.]

[Footnote 65: Kein Deutscher, der Neapel besucht, sollte versäumen, das Gebäude des zoologischen Instituts, an der Chiaja gelegen, zu besuchen. Dort bekommt man den besten Begriff eines reichen Aquariums, wie ein solches weder in Brighton, noch Hamburg oder Berlin vorhanden ist.]

12. Bei den Zeltbewohnern in Marokko, eine ethnographische Schilderung.

_Geburt, Beschneidung, Hochzeit und Begräbniß._

Wie geschäftig die Frauen seit dem Morgen schon die Esel zusammentreiben! Unter Lachen und Schreien haben die Knaben und Jünglinge dabei geholfen, die Langohren vor einem großen Zelte (es gehört dem Kaid Abu Ssalam) zusammenzuhalten.

Heute wird eine große Festlichkeit vor sich gehen; man erwartet stündlich die Entbindung der zweiten Frau des Kaids, der Lella Mariam, einer jungen, reizenden Frau von vornehmstem Zelte. Kaid Abu Ssalam, der selbst nicht aus dem Geschlechte Mohammed's ist, sonst aber auch aus einem großen Zelte[66] stammt, hat durch seinen Reichthum es möglich gemacht, eine Scherifa zur Frau zu bekommen, d.h. eine Dame vom Stamme des Propheten. Um so mehr ist das zu bewundern, als Abu Ssalam schon eine Frau besitzt und Lella Mariam nicht nur jung und schön, ihr Alter betrug 15 Jahre, sondern auch reich ist. Aber welch' stattlicher Mann ist auch Kaid Abu Ssalam und wie geachtet und unabhängig im ganzen Lande! Selbst der Sultan liebt ihn.

Vom Stamme der Beni-Amer hatte er vor etwa 30 Jahren, als die Ungläubigen das Gebiet von Tlemßen besetzten, die dortige Gegend verlassen und nach einer dreijährigen Wanderung, immer nach Westen ziehend und oft genug mit der langen Flinte sich einen Weg bahnend, hat er den eigentlichen Westen erreicht, den Rharb el djoani, das gelobte Land der Gläubigen. Der Sultan ertheilte gern die Erlaubnis zum Bleiben, und nachdem die üblichen Abgaben geregelt waren, erhielt Abu Ssalam, es war das schon zu Lebzeiten des Sultans Mulei Abd-er-Rhaman-ben-Hischam, die Erlaubniß, seinen Stamm an die Ufer des Ued Ssebu zu führen.

Abu Ssalam herrschte über drei Duar (Zeltdörfer), von denen das größere sich aus circa 30 Zelten zusammensetzte und dem er selbst vorstand; die beiden kleineren, aus je 20 und 24 Zelten aufgeschlagen, waren von seinen jüngeren Brüdern beherrscht. Bei dem Jüngsten lebte außerdem noch ihr gemeinschaftlicher Vater, der Hadj Omar-ben-Edris, der aber schon lange die Kaidschaft an seinen ältesten Sohn abgetreten hatte.

Die drei Duar, so ziemlich in einer Linie gelegen, machten Front nach Westen und lehnten sich an einen Bergrücken; hier bestand derselbe aus herrlichen Wiesen, während nach dem Gipfel zu immergrüne Bäume, aus Korkeichen, Lentisken und Juniperen bestehend, den Berg bedeckten. Etwa eine Viertelstunde unterhalb der drei Zeltdörfer schlängelte sich der Ued Ssebu vorbei und ganz in der Ferne erglänzte der blaue Ocean. Der Raum zwischen den Dörfern und dem Flusse war durchweg beackert, aber unmittelbar neben den Zeltdörfern befanden sich auch kleine Gemüsegärtchen, eingezäunt von großen Dorngebüschen des stacheligen Lotusstrauches, das, obschon todt, dennoch hinlänglichen Schutz gewährte gegen weidende Thiere.

Von dem großen Zelte Abu Ssalam's also zogen sie ab, eine ganze Karawane lachender Frauen und Mädchen, einige zwanzig Esel mit leeren ledernen Schläuchen beladen vor sich hertreibend. Wohl manche mochte hoffen, heute bei der Festlichkeit das Herz eines Jünglings zu fesseln; die jungen Mädchen erzählten sich, wie viele Armbänder sie anlegen würden. Da sagte eine Andere, sie würde ihr Haar frisch machen lassen[67], und unter Jubeln und Lachen war der Ssebu erreicht.

Das Füllen der Schläuche aus einem mächtigen Strome ist leichte Arbeit. Die jungen Mädchen gingen bis an die Knie in den Strom, ließen das Wasser hineinlaufen und nachdem sodann noch Einige die Zeit benutzten, ein Bad zu nehmen, wurden die Schläuche, je zwei, einem Esel aufgeladen und zurück ging es zum Duar.

Unter der Zeit war die Geburt vor sich gegangen und Abu Ssalam's größter Wunsch war erfüllt, seine junge Frau hatte ihm einen kräftigen Knaben geschenkt. Zu Ehren seines Vaters erhielt derselbe noch _am selben Tage_ den Namen Omar. Es ist Sitte, daß das Namengeben noch am Tage der Geburt geschieht. Wie war nun die Geburt vor sich gegangen? Wir können nur nach Hörensagen berichten, denn nie, und wenn auch die Frau dadurch vom Tode hätte gerettet werden können, darf ein Mann, ein Arzt oder Geburtshelfer bei einem solchen Acte zugegen sein.

Es scheint, daß bei Lella Mariam die Geburt leicht von Statten ging; Abends vorher waren Hülfsweiber gekommen, und als am anderen Morgen die Frauen vom Wasserholen zurückkamen, ertönte durch die Duar der Ruf: "=El Hamd ul Lahi mabruck uldo=", "Gott sei gelobt, der Sohn sei ihm zum Segen". Und vor dem Zelte, aus einem Arbater Teppiche, saß Abu Ssalam und empfing die Glückwünsche der männlichen Bevölkerung der drei Zeltdörfer. Auch manche alte Frau, ja manches junge Mädchen kam herbei, beugte rasch ein Knie und küßte Abu Ssalam's Hand den Gruß flüsternd: "=Rbi ithol amru=", Gott verlängere seine Existenz. Und er konnte recht stolz sein, unser Abu Ssalam; sein heißer Wunsch, einen Nachfolger, einen Sohn zu haben, war erfüllt. Zwar sein Stamm konnte so leicht nicht aussterben; den Stammbaum direct bis zum Chalifen Omar zurückführend, waren die Beni-Amer jetzt einer der mächtigsten Stämme unter den Arabern, ihre Duar zogen sich durch ganz Nordafrika. Seine eignen Leute näherer Verwandtschaft, die er nach dem Rharb (Marokko) geführt hatte, zählten über 100 Leute männlichen Geschlechts. Genau hatte Abu Ssalam sie nie gezählt, denn ein rechter Gläubiger zählt die Seinigen nicht. Aber er selbst hatte von seiner zuerst angeheirateten Frau Minana nur zwei Töchter, und Minana mit ihren 21 Jahren schien ihm wenig Hoffnung zu machen, ihm noch einen Sohn zu geben. Daher hatte er denn auch vor etwa neun Monaten die liebliche Lella Mariam geheirathet.

Jede Vorkehrung war aber auch diesmal getroffen worden, damit Abu Ssalam einen Sohn bekäme. Er selbst war nicht nur vor mehreren Monaten nach Uesan gepilgert, um die Intervention Sidi-el-Hadj-Abd-es-Ssalam's anzurufen, er hatte sogar das feste Versprechen Sidi's[68] erlangt, daß der Allerhöchste ihm einen Sohn schenken würde, und der Großscherif hatte freundlich dafür ein Pferd als Geschenk anzunehmen geruht; ja, um ganz sicher zu gehen, war er nach Fes zum Grabmal Mulei Edris gepilgert und hatte den Tholba (Schriftgelehrten) der Djemma (Gotteshaus) des Mulei Edris fünfzig Duros geopfert; mußte da Allah ihm nicht einen Sohn schenken?

"Gott segne den Großscherif!" rief Abu Ssalam, "Gott gewähre Mulei Edris alle Freuden des Paradieses," fügte er hinzu, "denn sie waren es, die mir den Knaben schenkten." Und da kam auch schon Lella Mariam aus dem kleinen Zelte, welches neben dem Zelte ihres Mannes war, nicht in Festgewändern, aber doch in einen neuen Haik gehüllt. Sie hatte vor sich das Knäblein und niederknieend legte sie den neuen Familienstammhalter vor ihren Gatten hin. Sie selbst in aufgelöstem Haare[69], da sie genau nach den Vorschriften des Gesandten Gottes lebte, hielt sich knieend abseits, da ihr Mann sie doch nicht, weil sie unrein war, berühren durfte. Nachdem die junge Mutter und das Knäblein den Segen vom Manne und Vater erhalten und der daneben sitzende Fakih (Doctor der Theologie) der Zeltdörfer das Fötah (erstes Capitel des Koran) gebetet hatte, ging sie ins Zelt zurück; schon am anderen Morgen machte sich die junge Frau an ihre gewöhnlichen Beschäftigungen, denn ein Wochenbett abhalten, wie bei uns die Frauen in Europa es zu thun gewohnt sind, kennt man in Marokko nicht.

Am selben Abend aber war großes Festessen vor dem Zelte Abu Ssalam's. Er hatte viele Hammel und Ziegen schlachten lassen zu Ehren des Tages und die Frauen des Duars hatten den ganzen Tag Kuskussu bereiten müssen, der in größeren hölzernen Schüsseln für die Gäste hingesetzt wurde.

Was mich anbetrifft, so wollte ich gern Näheres über den Geburtsact erfahren. Auf mein Befragen erzählte man mir, es sei Sitte, wenn eine Frau in Nöthen sei, so lasse man zuerst einen Fakih kommen, der durch Weihrauch und fromme Sprüche den Teufel zu bannen versuche, denn der Teufel ist auch in Marokko die Ursache allen Uebels. Hilft das nicht, so bekommt die Frau Koransprüche, die auf eine hölzerne Tafel geschrieben werden, zu trinken, indem die Sprüche von der Tafel abgewaschen werden; hilft auch das Verfahren noch nicht, so werden Koransprüche auf Papier geschrieben, zerstampft und mit Wasser gemischt der Leidenden eingegeben. Aber manchmal hat der Satan das Weib derart in Besitz genommen, daß er selbst durch das heilige Buch nicht ausgetrieben wird. Dann werden allerlei Amulete angewandt, z.B. die in ein Ledersäckchen eingenähten Haare eines großen Heiligen, die man der Kreißenden auf die Brust legt, oder Wasser vom Brunnen Semsem, welches man ihr zu trinken giebt, oder Staub aus dem Tempel von Mekka[70], welchen man auf ihr Ruhebett legt. In einigen Fällen läßt sodann der Teufel seine Beute los und der Vorgang erfolgt für die Mutter auf glückliche Weise. Es kommen jedoch genug Fälle vor, wo der Iblis (Teufel) derart sich des Weibes bemächtigt, daß er keinem Mittel weichen will; die Hülfsweiber nehmen dann selbst den Kampf mit ihm auf. Unter Beschwörungen und fortwährend rufend: =Rham-ek-Lab=! (Gott erbarme sich Deiner!) wird die Frau ergriffen, ein starkes Band um den Rücken und unter die Achsel durchgeschlungen und so in die Luft gezogen. Dadurch wollen sie die Wehen beschleunigen, und zeigt sich möglicherweise ein Theil des Kindes, entweder der Kopf oder die Füße, so versuchen sie, diese Theile zu ergreifen und durch starkes Reißen und Ziehen das Kind zu Tage zu befördern. Nur selten gelingt das, meist wird das Kind zerrissen und fast immer ist der Tod der Mutter Folge dieses barbarischen Verfahrens: Gott verfluche den Teufel!

Der kleine Omar wuchs kräftig heran; wie sollte er auch nicht! Zwei Jahre hatte ihn seine Mutter Lella Mariam selbst gesäugt und nur wenig war er während dieser Zeit Tags vom Rücken seiner Mutter gekommen und Nachts aus dem Schooße derselben. Denn die Frauen pflegen ihre Kinder so aufzuziehen, daß sie mit Ausnahme der Augenblicke, wo dem Kleinen die Brust gereicht wird, Tags über in einer Falte des Haiks (großes Umschlagetuch) auf dem Rücken der Mutter in _reitender_ Stellung sich befinden. Es hat das zur Folge, daß die meisten Marokkaner sowohl männlichen wie weiblichen Geschlechtes Säbelbeine haben. Nachts aber ruht das Kindchen vor seiner Mutter, die während der zwei Jahre beständig allein lebt, obschon es ihrem Manne nach Ablauf von drei Perioden gestattet ist, sie wieder zu besuchen und mit ihr Umgang zu pflegen. Nachdem die zwei Jahre vorbei waren und Omar statt der süßen Muttermilch jetzt saure Buttermilch und Abends Kuskussu zu essen bekam, wurde ihm auch zum ersten Male das Kopfhaar geschoren; aber sein Vater Abu Ssalam gab wohl Acht, daß am Scheitel des Kopfes eine Locke, Gotaya, sowie an der rechten Seite des Kopfes außerdem ein Streifen von Haaren in der Form eines Halbmondes stehen blieb, denn die Kinder der Beni-Amer hatten seit undenklichen Zeiten einen solchen Schmuck getragen. Am selben Tage gab er seinem Zelte[71] einen Hammel zum Besten, sonstige Festlichkeiten fanden nicht statt.

Dafür wurde aber die Beschneidung Omar's in seinem achten Jahre desto festlicher begangen. Omar war jetzt ein kräftiger Bursche geworden; fortwährend in der freien Natur hatte er tagelang die Schafe und Ziegen seines Vaters mit hüten helfen und gewöhnlich auch das Pferd mit zur Schwemme reiten müssen; er verstand es schon, die eignen Kamele oder die der etwa ankommenden Fremden mit niederknien zu machen und der Thaleb[72] der Zeltdörfer hatte ihn das erste Capitel des Koran gelehrt.