Beitrage Zur Entdeckung Und Erforschung Africa S Berichte Aus D
Chapter 13
Mit Recht sagt Levernay (=guide annuaire d'Égypte 1873 p. 254=): Hier ist die Vereinigung des Orients mit dem Occident, hier ist das Symbol der religiösen Freiheit; hier ist das Bündniß der Handelsfreiheit (?)[55] und der Völkergemeinschaft; findet man nicht in dieser Stadt zusammenlebend den flachshaarigen Scandinavier an der Seite des wollhaarigen Furer, den fanatischen Magrebiner von der Küste des atlantischen Oceans an der Seite des gelbhäutigen Indiers oder den südlichen Araber mit kaffeebrauner Haut an der Seite des halbeuropäischen Türken? Und dazwischen Tartaren, Perser, Turkomannen, Kurden und Chinesen. Ja, hier sieht man Hand in Hand gehend den gelehrtesten Professor aus der Hauptstadt der Denker mit dem von Steppe zu Steppe vagabondirenden Nomaden, welcher, ohne Gesetze lebend, nur seinem eigenen Willen folgt. Ja, es ist ein eigenthümliches Leben in Kairo und glücklich Der, welcher Empfängnis hat für die Sitten fremder Völker oder der gar die Gabe besitzt, dem Gedankengange der Eingeborenen momentan folgen zu können. Hier an der ältesten Wiege menschlicher Cultur reichen sich Tag für Tag Asiaten, Europäer und Afrikaner die Hand, und wie schon zu verschiedenen Malen von hier aus die menschliche Entwickelung zu ihren jeweiligen höchstem Triumphen gelangte, so scheint auch jetzt ein neues Leben, ein neues gewaltiges Ringen zum Vorwärtskommen erwacht zu sein.
Die Zahl der Bevölkerung von Kairo dürfte man auf circa 400,000 Seelen für das Jahr 1875 beziffern. Genaue statistische Erhebungen sind in mohammedanischen Städten zur Zeit noch nicht auszuführen. Denn selbst wenn eine amtliche Zählung vorgenommen wird, so stößt diese immer auf unüberwindliche Hindernisse wegen der Haremverhältnisse und der weiblichen Sclaven.
Von diesen 400,000 Einwohnern dürften incl. 800 Perser etwa 20,000 Europäer sein. Aber man denke nicht, daß etwa die 380,000 verbleibenden Menschen alle einer Nationalität angehören. Da sind die verschiedensten schwarzen Stämme, da sind Syrier, ächte Araber, seit Jahrhunderten in Aegypten lebende Araber, Inder, Chinesen, endlich Fellahin und Kopten und eine große Anzahl von Türken. Alle diese stellt man, obschon sie es keineswegs sind, als "Eingeborene" oder "Rechtgläubige" den fremden Europäern gegenüber. Daß man die Perser ebenfalls als besondere Nationalität trennt, verdanken sie dem Umstande, weil sie in Aegypten besondere Consuln haben.
Man zählte im Jahre 1873 in Kairo 4200 Griechen, 7000 Italiener, 4000 Franzosen, 1600 Engländer, 1200 Oestreicher und Ungarn, 800 Deutsche, 500 Perser, 120 Spanier, 50 Russen, 25 Belgier, 9 Brasilianer, 5 Portugiesen, 2 Schweden und 1 Nordamerikaner. Was die letzte Zahl anbetrifft, so scheint sie uns nicht richtig zu sein, da allein in der chedivischen Armee an hundert nordamerikanische Officiere dienen, von denen wir bei den eigenen Verhältnissen in Aegypten kaum glauben können, daß sie ihre Nationalität aufgegeben haben. Wenn wir überhaupt zu diesen Zahlen größere Zuversicht haben dürfen, weil sie eben auf amtliche Ermittelung der bezüglichen Consulate fußen, so sind sie doch auch noch fern davon, eine so absolute Sicherheit zu gewähren, wie wir gewohnt sind, von unseren amtlichen, statistischen Erhebungen zu erwarten.
Kairo hat wenigstens 300 Moscheen, wenn man alle kleinen Kapellen und Bethäuser mitrechnet, also ein Gotteshaus auf circa 1200 Individuen; denn von den 400,000 Einwohnern sind, wenn wir die Kopten mitrechnen, wenigstens 50,000 Christen. Diese letzteren haben 44 Kirchen, was ohngefähr dasselbe Verhältniß ergiebt, und rechnet man in Kairo 7000 Juden und für dieselben 13 Synagogen, so erhält man das Resultat, daß diese am günstigsten daran sind, denn es beziffert sich für sie die Zahl der zu einem Tempel Gehörigen auf einige mehr als 500.
In der Hauptstadt des Chedive herrscht natürlich die vollste religiöse Freiheit, aber erst seit einigen Jahren. Wie aber Alles, was maßlos ist, zu Unzuträglichkeiten führt, so auch diese vollkommene religiöse Freiheit. Es offenbart sich dies am meisten bei jenen großen mohammedanischen Prozessionen, welche oft stundenlang den Verkehr auf den Straßen hemmen. Die Zeiten sind allerdings längst vorüber, wo ein Andersdenkender beim Zuschauen einer solchen mohammedanischen Prozession sein Leben gefährdet sah, und da die Muselmanen ja überhaupt nicht die Sitte des Hutabnehmens haben, so ist vom "Huteintreiben" oder "Hutabschlagen", wie das in unseren toleranten und civilisirten Ländern vorkommt, nie die Rede.
Unerwähnt darf man auch nicht lassen, daß dies die einzigen Ausschreitungen sind, welche sich der Cult dem staatlichen Gemeinwesen gegenüber erlaubt, denn nicht würde der unbestraft bleiben, wäre er ein auch noch so hoher Geistlicher, der sich dem Staats-Gesetze widersetzen wollte.
Ueberhaupt lebt man in keinem Lande der Welt so sicher als in Aegypten und speciell in Kairo. Es ist wahr, daß auch hier manchmal große Diebstähle verübt werden, und ich erinnere nur an den berühmten Diamantendiebstahl Ende des Jahres 1874; aber er wurde in dem europäischen Viertel und von Europäern vollzogen. Von Mordtaten, Raubanfällen und größeren Verbrechen hört man fast nie.
Wenden wir uns zu einzelnen großen Bauten und Anlagen, so zieht vor allen im alten Stadttheile die Citadelle unsere Aufmerksamkeit auf sich. Schon von Weitem, wenn man mit der Bahn sich nähert, sieht man die hohe Kuppel und die eleganten schlanken Minarets der Moschee des Mohammed Ali, welche die Citadelle als krönendes Werk überragt. Denn die Citadelle ist keineswegs _eine_ Baute, sondern besteht aus verschiedenen fortifikatorischen Gebäuden, aus Palästen, Kasernen und kleineren Gebäuden. Aber der aus Alabaster errichtete Dom, unter dem die Gebeine des großen Begründers der beutigen Dynastie ruhen, mit seinen imposanten Formen, in seiner dominirenden Lage, ist doch das Gebäude, welches den Fremden am meisten fesselt.
Hier auf der Citadelle ist auch der berühmte Brunnen in den Fels hinabgehauen; er ist fast 100 Meter tief und so breit, daß man bis zur Quelle mittelst Stufen hinabsteigen kann. Er heißt Josephs-Brunnen, hat aber nichts mit dem biblischen Joseph gemein, sondern wurde von Joseph ben Agub oder Saladin, dem ersten aglubitischen Sultan, erbaut, damit im Falle einer Belagerung die Citadelle nicht des Wassers ermangele. Mittelst zweier Schöpfräder (=Norias oder Sakias=) wird das Wasser an die Oberfläche gehoben. Der Anblick von der Plattform der Citadelle auf die große Stadt zu ihren Füßen, auf Bulak, Rodha und den gewaltigen Nil, auf die Pyramiden und im Hintergrunde die mit dem Himmel verschwimmende Sahara gehört zu dem Großartigsten, was man sich denken kann; die kühnste Phantasie findet hier ihre Befriedigung. Und wenn man das Glück hat, bei der Betrachtung dieses Bildes die über dem Mokattam-Gebirge heraufsteigende Sonne als Frühbeleuchtung zu haben, so spottet das Ganze jeder Beschreibung, und selbst der eingebildetste Pedant, der nörgelndste Philister wird von der Großartigkeit dieses Panoramas überwältigt werden.
Von den übrigen Moscheen nennen wir zuerst die des Amru, die älteste, ungefähr um 640 errichtete, aber von ihrer ehemaligen Pracht ist wenig mehr übrig. Bei allen mohammedanischen Gotteshäusern, wie auch bei ihren Profanbauten kann man die Bemerkung machen, daß die Mohammedaner mit großer Vorliebe Bauten unternehmen, aber nie daran denken, ihre Bauten zu _erhalten_. Die Amru-Moschee ist ein Rechteck von 120 Meter zu 75 Meter. Der Säulenwald an der Ostseite des Hofes aus 21 Säulenreihen, in jeder Reihe 6 Säulen, ist imposant.
Interessant für die Geschichte der Architektur ist die im Jahre 877 von Ahmed ebn Tulun erbaute Moschee, 80 M. lang aus 76 M. Breite. Man findet schon ogivische Bogen in Anwendung und außerdem die Wände mit Kusischen Legenden geschmückt. Nach arabischen Inschriften soll der das Gebäude umgebende Karnies aus zusammengestampftem Amber gemacht gewesen sein, um den Eintretenden Wohlgerüche zuzuführen. Jetzt ist nichts mehr davon zu bemerken und auch diese Moschee zeigt Verfall.
Die große und glänzende el Asar-Moschee ist insofern von Wichtigkeit, als mit ihr die Hochschule verknüpft ist, die bedeutendste der ganzen mohammedanischen Welt. Fast 10,000 Studenten folgen hier dem Unterrichte von über 300 Professoren. Es wird aber fast nichts, als Religion gelehrt und besonders sind es die vier rechtgläubigen Riten, die Hambaliten, Schaffeïten, Hanesiten und Malekiten, welche hier ihre Vorlesungen halten. Schaffeïten und Malekiten haben die meisten Zuhörer: erstere über 4500, letztere 3700. Die Hanesiten, wozu sich alle Türken rechnen, haben ca. 1000, die Hambaliten nur ca. 50 Studenten. Alle diese Schüler haben freien Unterricht und freie Kost nebst Bekleidung, ebenso sind auch die Professoren vom Staate besoldet. Außer Religion wird etwas Poesie, Grammatik und Gesetzgebung, letztere natürlich auf Koran und Sunnah basirt, getrieben. Mit dieser Moschee ist verbunden ein großes Blinden-Hospital, eine Sauya für Pilger, deren Asylrecht heute aber im Strome der Civilisation untergegangen ist.
Eine merkwürdige Universität, wo man weiter nichts treibt, als religiöse Forschungen, über nichts Anderes nachdenkt, als über Dinge, die außerhalb dem Bereiche des Wirklichen liegen und deren Resultate deshalb für das Land, für die Menschheit von gar keinem Nutzen sind.
Die Moschee, welche am meisten die Bewunderung der Europäer auf sich zieht, die Hassan-Moschee, hat mich immer ziemlich kalt gelassen. Zum Theil kommt das wohl daher, daß ich nie Vorliebe für jenen _unmöglichen_ Stalactitenbau habe gewinnen können, zum Theil, daß einen die Quadern zu sehr an die Bauten der alten Aegypter erinnern. Solche Vandalen, die nicht die Energie besitzen, zu einem so großartigen Gebäude eigenes Material zu nehmen, sondern andere Bauten _zerstören_, um sie zu den ihrigen zu benutzen, soll man die wohl achten? Und sieht man nun gar, wie die famosen Stalactiten-Nischen in der Hassan-Moschee nicht aus Stucco oder Stein bestehen, sondern elende Holznachbildung sind, so schwindet vollends alle Sympathie. Die Moschee wurde 1356 vom Sultan Hassan erbaut. Das danebenstehende Minaret hat 80 Meter Höhe; fügt man die Höhe des Bodens, auf dem die Moschee erbaut ist--30 Meter--hinzu, so hat man die Höhe von Assuan.
Ich übergehe die übrigen Moscheen, welche alle, wie z.B. die von Kalaum auch el Barkuk genannt, oder die von Sitti Seinab oder die der Hassanein oder die von el Moged für diejenigen, welche sich für ägyptisch-mohammedanische Architektur interessieren, sehenswerth sind, deren Besuch man sich aber sonst ersparen kann.
In der Stadt selbst hat der Chedive merkwürdiger Weise keinen einzigen Palast, der von Außen irgendwie Anspruch auf architektonische Schönheit machen könnte.
Wie alle gouvernementalen Gebäude ist seine dermalige Wohnung ein äußerst fensterreiches Gebäude, _ganz ohne Styl_. Inwendig lassen diese chedivischen Paläste allerdings nichts zu wünschen übrig, weder an Eleganz noch an Pracht, noch auch an Geschmack der Decoration oder an zweckmäßiger Raumvertheilung.
Die neue Börse, die Bibliothek, die Wohnungen der ersten Beamten zeichnen sich durch nichts Besonderes aus. Was die Bibliothek anbetrifft, so besitzt dieselbe ca. 30,000 arabische Bände, fast nur Handschriften, darunter viele äußerst kostbare. Da sieht man vor allen anderen jene Bücher von außerordentlicher Größe, deren Buchstaben von Gold mit so großer Regelmäßigkeit gemalt erscheinen, daß man meinen sollte, sie seien gedruckt. Natürlich ist der Inhalt weiter nichts als der Text des Koran.
Will man schöne Gebäude modernsten Styls, villenartig gebaut, von reizenden Gärten umgeben sehen, so wandere man durch den neuen Stadttheil. Hier liegt auch die schmucke deutsche protestantische Kirche, hier hat der Minister der Justiz, jetzt Scherif Pascha, sein von feenhaften Gärten umgebenes Palais.
Was die Theatergebäude betrifft, so läßt sich bezüglich der Bauten selbst nichts sagen, als daß es provisorische Gebäude sind, bestimmt, mit der Zeit anderen monumentalen Platz zu machen. Was aber innere Ausstattung, Inscenirung, Personal und Leitung betrifft, so stehen sowohl die chedivische italienische Oper, als auch das französische Schauspiel unseren ersten und besten Bühnen würdig zur Seite. Hierüber herrscht nur eine Stimme.
Den größten Zauber und Reiz besitzt Neu-Kairo heute in jenem Esbekieh-Garten, mitten in der Stadt gelegen, den ich selbst noch bis zum Jahre 1868 als einen großen pfützenreichen Platz von hohen Sykomoren beschattet gekannt habe. Umfriedigt von Prachtbauten, ähnlich wie die der Rue Rivoli zu Paris, ist der harten von einem hohen eisernen Gitter umgeben. Zahlreiche Thore, deren Eingänge mit Selbstzählern versehen sind, geben Einlaß. Bei dem sonderbaren Hange der Orientalen, stunden-, ja tagelang faulenzend auf irgend einem einladenden Platze sich dem =Dolce far niente= hinzugeben, war die Vorschrift, ein unbedeutendes Entrée zu erheben, unerläßlich, denn nur durch eine solche Maßregel konnte der prächtige Park rein gehalten werden von jenem ungemein stark in Kairo vertretenen Contingent, das seine Sache auf nichts gestellt hat und höchstens vom bequemsten Betteln lebt und sicherlich mit angeborener Frechheit die schönsten und anziehendsten Punkte des großen Gartens in Besitz genommen haben würde.
Es ist wunderbar, wenn man die Beschreibungen früherer Reisender durchgeht und liest, was die Esbekieh _war_ und nun staunt, was sie jetzt ist.
Die ganze Esbekieh-Anlage von achteckiger Form mit einem Umfange von 940 Meter nimmt ein Areal von ca. 82,500 Quadratmetern ein. Die Länge der Wege beträgt 2 Kilometer 300 Meter. Das Flüßchen und die von ihm gebildeten Teiche, Alles durch Kunst geschaffen, bedecken eine Oberfläche von fast 5000 Quadratmeter. Die Teiche sind 2 Meter tief.
Außer den kostbarsten Gewächsen aller Länder und Zonen, welche trotz des kurzen Zeitraumes ihres jetzigen Bestandes dort seit 20 Jahren gegrünt zu haben scheinen, findet der Spaziergänger in diesem Garten Alles vereint, was nur das Leben angenehm macht. Da sind reizende Buden, wo Liqueure, Eis und Scherbets verkauft werden. Hier ist eine Bierhalle, wo das beste Drehersche oder Münchener Bier in Eis dem durstigen Nordländer Labung bietet, Kaffeehäuser mit reizenden Kiosken gut eingerichtete Restaurationen, ein kleines Theater-Concert, ein arabisches Kaffeehaus, Schaukeln, Carroussels, verschiedene andere Kioske und Sammelplätze, endlich =last not least= eine Grotte[56] aus Tuffsteinen, die ganz und gar auf's Treueste die Natur nachahmt und aus der das Wasser in Cascaden hervorsprudelt, welches die See'n und den Bach speist.
Diese Grotte ist von einem künstlich aufgebauten Pic überragt, aus großen Tropfsteinblöcken und Steinen errichtet. Man gelangt hinauf mittelst eines schattigen Weges oder auch auf äußeren und inneren Pfaden, die man durch den künstlich geschaffenen Fels gearbeitet hat. Ans der obersten Spitze hat man ein Belvedere angebracht, von wo aus man nicht nur den ganzen Garten übersehen kann, sondern von dem aus auch das ganze Panorama von Kairo zu den Füßen des entzückten Beschauers liegt.--Die Eisenarbeiten sind alle in Paris gefertigt.
Der Esbekieh-Garten bedarf zur Speisung seiner Springbrunnen, zum Besprengen der Wege, zum Unterhalten der Teiche eines täglichen Wasserquantums von 800 Kubikmeter; die Erleuchtung bei Abend, welche feenhaft ist, wird durch 106 Candelaber bewerkstelligt; alle diese Candelaber haben Blumenform, 5 Zweige mit je 5 Tulpen, so daß im Ganzen allabendlich 2500 Flammen brennen. Dazu spielt jeden Tag, sobald die Sonne sich unter den Horizont senkt, ein ausgezeichnetes Militärorchester europäische Symphonien und Stücke, auch wohl arabische Weisen, welch' letztere ungemein an Wagner'sche Compositionen erinnern.
Leider ist der Esbekieh-Garten lange nicht so besucht, wie er es verdiente, es ist eine für Kairo zu vornehme Anstalt; nicht etwa, weil das niedrige Entrée von den Besuchern als unerschwinglich bezeichnet würde; es sind auch die Genüsse innerhalb desselben dem Publicum zu theuer. Dazu kommt, daß das vornehme europäische Publicum, an der Spitze die Vertreter der europäischen Länder, blasirt, das vornehme mohammedanische apathisch und unempfänglich für solche Genüsse sich verhält, der gewöhnliche Mittelstand der Eingeborenen aber in diesem Entrée gleich eine Steuer des Chedive wittert und der gemeine europäische Mann lieber in den übrigen Vergnügungslocalen Kairo's seine Unterhaltung sucht.
Diese sind keineswegs in geringer Anzahl vorhanden. Der Deutsche findet in zahllosen Bierhäusern längs der Esbekieh nicht nur Drehersches, sondern auch bairisches Bier und zwar wohlgekühlt in Eis; der Franzose findet überall seine Café's; der Italiener findet in den Conditoreien und auf der Straße seine Sorbetti und in zahlreichen Restaurants kann der Engländer, von Engländern bedient, sein Beefsteak und sein Glas "=half and half=" trinken. Nur der russische Traktir fehlt noch, aber wie lange wird es dauern und irgend ein speculativer Kopf erbaut ein solches mit einer mächtigen Orgel versehen an der Seite einer Fonda, wo man =Polenta= und =Olla potrida= verkauft.
Denn wenn man Abends durch die auf's Glänzendste von Gas beleuchteten Straßen geht und hört, wie einem allerorts Musik entgegenschallt, hier des Italieners "=o che la morte honora=" oder "=madre in felice corro a salvarti=" dort des Deutschen "Wacht am Rhein"; hier des Franzosen "=partant pour la Syrie=" dort des Engländers "=god save the queen=", wenn man sieht, daß alle diese Musikbanden aus nationalen Kräften bestehen (Kaffee- und Weinhäuser mit deutschen und deutsch-böhmischen Musikbanden, Sängern und Sängerinnen giebt es ein Dutzend in Kairo), so sollte man nicht glauben, in der Stadt zu sein, welche noch bis vor wenigen Jahren als das ächteste Bild einer orientalischen Stadt hingestellt wurde.
Und geht man gar in die elegant eingerichteten Spielsalons, wo hier eine Roulette, dort König Pharao den Gästen das Geld aus der Tasche lockt und die meistens als Aushängeschild die elegantesten =Cafés chantants= oder auch kleine Theater mit Ballerinen zeigen, so sollte man nicht meinen, daß man nur einige Stunden weit von den Pyramiden des Cheops und des Cephren sich befände.
Aber trotz dieses modernen Kairo ist noch ein gut Stück Alt-Kairo, d.h. orientalischer Stadt übrig. Jedoch verschwindet es allmälig schneller und schneller, und vielleicht schon nach einem Menschenalter wird jene alte orientalische Stadt, jene Stadt mit den maurischen Hufeisenbauten, mit den schlanken Minarets, mit den engen überdachten Gassen und ihren noch engeren Kaufläden--sie wird verschwunden sein, und finden können wir sie dann nur noch in den Büchern und Reiseberichten Derer, welche sie zu der Zeit besuchten. Und um so spurloser wird das alte Kairo vom Erdboden verschwinden, als die Wohnungen der Eingeborenen aus losem, schlechtem Material errichtet und selbst die Moscheen und Paläste aus Quadern erbaut sind, welche man von alten Monumentalbauten zusammengeschleppt hat; sind doch jetzt schon _alle_ Moscheen und die Mehrzahl der Paläste früherer Vicekönige halbe Ruinen.
Wenn man aber sieht, mit welcher Rücksichtslosigkeit mitten durch die Quartiere der Eingeborenen eine gerade breite Straße gezogen wird, wie man weder die Medressen (Schulen) noch die Moscheen schont, wie man Untiefen auffüllt, Hügel abträgt, dann muß man staunen ob der Energie des Chedive. Aber "Gott soll ihn ewig mit den ungläubigen Christenhunden brennen lassen!" murmelt der fromme Mohammedaner, der aus seinem Heim vertrieben wird, welches seine Vorfahren inne gehabt hatten und wo er selbst schon seit Jahren wohnte. Aber er "murmelt" es nur, offen es auszusprechen, wagt er nicht. Ja er preist sich glücklich, wenn die chedivische Regierung ihm _umsonst_ ein Stück Land anweist in einem ganz anderen Viertel der Stadt, mit der Erlaubnis, ein Haus zu bauen nach europäischem Style.
So vollziehen sich die Expropriationen in Aegypten und speciell in Kairo. Von Entschädigungen ist nirgends eine Rede. Sobald der Chedive beschlossen hat, eine Straße durch den orientalischen Stadttheil zu legen, wie er sich solche auf dem Plane der Stadt vorzeichnet, erhalten die betreffenden Anwohner des Viertels Befehl, innerhalb einiger Tage ihre Immobilien zu räumen. Von Entschädigung wird nicht gesprochen; nur wenn europäische Unterthanen von einer solchen Maßregel betroffen werden, dann bekommen sie vollen Ersatz für ihr genommenes Grundeigentum.
Die Straße, welche früher als Glanzpunkt des europäischen Lebens galt, die Muski, ist heute entthront; zwar findet man immer noch elegante Läden, aber elegantere giebt es in der Ismaelia (der neue Stadttheil von Kairo) und die Straße ist viel zu eng, als daß sie jemals ihren Rang wieder einnehmen könnte, nämlich die "Unter den Linden" Kairo's zu sein. Dazu kommt noch, daß man aus Utilitätsrücksichten geglaubt hat, davon abstehen zu müssen, sie mit Pflasterung zu versehen. Aber die Muski ist noch immer das Herz von Kairo, hier pulsirt das größte Leben, welches in seinem Dahinfluthen Aehnliches zeigt mit den Wogen des Strand von London. Hier ist auch die Vermittelungsstraße vom modernen europäischen zum alten orientalischen Kairo.
Wandern wir rasch durch die verschiedenen orientalischen Quartiere, durch die Bazars, ehe sie für immer verschwinden, um einer modernen "=Avenue=" oder einem "=Boulevard=" Platz zu machen.
Da ist der Khan el Khalil im Gammeliah-Quartier; der Name rührt daher, weil hier die Kamele (Gammel, Gemmel oder Djemel) ihre Waaren aufnehmen und abladen. Hier sind alle orientalischen Artikel zu haben. An endlosen, nicht sehr breiten überdachten Straßen hocken in engen Verkaufsläden die Eigentümer. Die Läden sind meistens so eng, daß Alles und Jedes im Bereiche des Hockenden ist. Hier finden wir alle Requisiten des orientalischen Rauchers. Hier sieht man jene reichen Teppiche aus Persien oder Damask, elegante orientalische Stoffe, Elfenbein und Straußenfedern und im Allgemeinen alle Artikel aus dem Sudan und Asien; reich eingelegte Waffen, Schmucksachen, unverarbeitete Edelsteine, Vasen etc. Die Hauptmarkttage von Khan el Khalil sind Montags und Donnerstags.
Diese große Markthalle, wo fast ausschließlich eingeborene Kaufleute ihre Buden haben, wo aber manches europäische Haus mit großen Summen betheiligt ist, hat natürlich an allen Ecken und Enden feste und "fliegende" Café's. Erstere sind solche, wo der Kauadji eine größere oder kleinere Räumlichkeit besitzt, welche von seinen Gästen besucht wird, in denen man mitunter auch Musik findet. Letztere bestehen auf der Straße selbst einfach aus einem kleinen Kochapparat, wo Kaffee bereitet wird, den der Cafétier seinen bestimmten Kunden zuträgt. Jeder Budenbesitzer schlürft mehrere Male des Tages seinen Mokka, und da größere Käufe, welche natürlich längere Zeit in Anspruch nehmen, nur mit einer Tasse Kaffee in der Hand abgemacht werden, so haben solche fliegende Cafetiers auch eine ganz gute Kundschaft.
Hier findet man vereinzelt auch jene Haschisch-Buden, d.h. Kaffeehäuser, wo neben dem Tabaksrauchapparat, der in Narghileh, Tschibuck und Cigaretten besteht, vorzugsweise Haschisch geraucht und gegessen wird.
Gehen wir weiter, so kommen wir zum Hamsani-Bazar, wo man hauptsächlich Parfümerien, Papier, Porzellan, Krystallsachen, Kattunstoffe, Kramwaaren und Arzneien kaufen kann. Erstere, die Parfümerien, sind bei den Orientalen ein stark begehrter Gegenstand. Im Allgemeinen haben sie auch Vorliebe für dieselben Wohlgerüche, wie wir Europäer, aber bei einzelnen, welche bei uns die seine Gesellschaft schon zu "=mauvais odeur=" rechnet und welcher sich bei uns nur der =demi monde= bedient, nämlich Moschus und Patschuli--diese erklärt der Orientale als den Inbegrif des Vollkommensten, was man dem Geruchsorgan bieten könne.