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Chapter 12

Chapter 123,504 wordsPublic domain

Von den 200,000 Einwohnern kommen auf die europäische Bevölkerung von Alexandrien circa 100,000 Seelen[47] und sind dahin auch die Türken und ihre Descendenz zu rechnen, mit einem ziemlich zahlreichen Contingent. Sie bewohnen die Halbinsel, welche, ehedem als selbe nur durch einen steinernen Damm mit dem Festlande verbunden war, Insel Pharos hieß. Die Straßen dieses Viertels sind auch ziemlich breit und gerade, und besser im Stande gehalten als im arabischen Viertel. Hier wohnen die Paschas, Beys, Effendis und hohen Würdenträger des Königreichs. An der westlichen, äußersten Spitze des Vorgebirges =Ras es Tin= oder Feigenvorgebirge genannt, ließ Mohammed Ali ein nach dem Plane des Serail in Konstantinopel erbautes Schloß errichten. Dasselbe wird noch von dem Vicekönig benutzt; auch Harem und Dienstzimmer für die Minister befinden sich in demselben. Das Harem steht ganz isolirt inmitten des schönen Gartens. Dicht daneben ist auch das Arsenal.

Der alte Hafen von Alexandrien hat seit 1870 eine vollkommene Umwandlung erlitten, indem die großartigsten Molenbauten[48] ganz neue Bassins schufen. Im Jahre 1876 wird Alexandrien ein äußeres Hafenbecken besitzen mit einer Oberfläche von 350 Hektaren und einer Tiefe von wenigstens 10 Meter. Dieser Vorhafen wird nach der offenen Seite durch einen Wellenbrecher geschützt sein, welcher 2340 Meter lang und 8 Meter hoch sein soll. Die Blöcke dazu werden zum Theil künstlich hergestellt und werden 20,000 benöthigt, jeder 10 Kubikmeter groß und 20 Tonnen[49] wiegend. Dieser Wogenbrecher hat zwei Eingänge, einer zwischen dem Nordende und =Ras el Tin=, 600 Meter breit, für kleinere Schiffe, ein anderer am südlichen Ende, 800 Meter breit, für große Fahrzeuge.

Das innere Hafenbecken wird 72 Hektaren Oberfläche haben und wenigstens 8,50 Meter tief sein. Auch dieser Hafen wird durch besondere Molen geschützt sein und hydraulische Kräne zur Leichterung der Schiffe erhalten. Die jährliche Schiffsbewegung beläuft sich jetzt auf circa 3000 einkommende und ebenso viel ausfahrende Schiffe mit einem Gehalt von circa 1,500,000 Tonnen.

Der "Guide" von François Levernay, dem wir die Zahlen für diesen Aufsatz entnommen, giebt die mittlere Jahrestemperatur von Alexandrien zu +20º C. an, mit einem Maximum von 27º und einem Minimum von 7º. Ich glaube, sorgfältiger angestellte Beobachtungen würden eine um einige Grad wärmere Temperatur ergeben. In Alexandrien ist noch nie Frost beobachtet worden; in der Libyschen Wüste, obschon sich dieselbe bedeutend weiter nach Süden erstreckt, fällt das Thermometer jeden Winter unter Null. Der kälteste Monat in Alexandrien ist der Januar, Juli und August sind die heißeste Zeit. Der Nord und Nord-Nord-West-Wind sind, wie in ganz Unterägypten, die vorherrschenden, erst Ende April und im Mai weht der Chamsin (d.h. der während 50 Tagen wehende Süd-Süd-Ost-Wind) und bringt oft eine unerträgliche Hitze, die jedoch nur während des Windes selbst anhält. Während des Chamsin ist selbst am Meeresstrande die Luft kaum mit Feuchtigkeit geschwängert, während der übrigen Monate ist aber gerade in Alexandrien ein ungemein hoher Feuchtigkeitsgehalt, was den Aufenthalt in den Spätsommerwochen so unangenehm macht. Die Quantität des Regenfalls variirt zwischen 100 und 335 Mm. jährlich; doch macht man auch hier die Wahrnehmung, daß mit der steigenden Baumcultur auch die Menge des Regenfalles sich jährlich in Alexandrien vermehrt. Stürme sind in Alexandrien selten, Hagel fällt durchschnittlich ein- oder zweimal des Jahres, im März oder April; Nebel, aber von kurzer Dauer, treten im März, November und December auf.

Wie der Chedive, der Hof und die ganze Regierung im Sommer von Kairo nach Alexandrien übersiedeln, der frischen Meeresbrisen wegen, so folgen auch die meisten Europäer diesem Beispiel. Aber sie wohnen dann weniger in Alexandrien selbst, als im nahe gelegenen Ramleh, einem Orte, welcher vor wenigen Jahren seinen Namen (Sand) noch verdiente, jetzt aber ein reizender Villencomplex geworden ist. Ramleh hat im Sommer 6500, im Winter 3200 Einwohner und man findet dort alle Annehmlichkeiten einer Villegiatur. Griechische, französische und italienische Schulen, Schauspiele, Restaurants und ein Hôtel deutet darauf hin, daß Ramleh binnen Kurzem das Scheveningen Alexandriens sein wird.

Aber auch an reizenden Spaziergängen fehlt es den Alexandrinern nicht. Längs des Mahmudie-Kanals findet man an den Seiten schattiger Alleen die herrlichsten Gärten und darin versteckt die geschmackvollsten Villen. Keine herrlichere Spazierfahrt kann man sich denken, als längs dieses von Hunderten von größeren und kleineren Schiffen, sowie von eleganten Dahabien belebten Kanals. Auch der öffentliche Garten ist hier gelegen, wo tägliche Militärmusik die elegante Welt anzieht. Wenn man Abends die Hunderte von feinen Landauern mit den schönen griechischen Damen in elegantester Toilette daherfahren sieht, dann glaubt man nicht in Afrika zu sein, sondern man denkt unwillkürlich an die wagenbelebte Chiaja in Neapel. Aber es ist Alles erst im Werden, denn mit Sicherheit fast läßt sich voraussagen, daß Alexandrien wieder werden wird, was es war, ein Emporium für den Welthandel, die bedeutendste Handelsstadt des Mittelmeeres.

FOOTNOTES:

[Footnote 42: Wenn ich "arabisch" sage, so ist damit die eingeborne Bevölkerung von Aegypten gemeint, welche aber keineswegs arabisch ist. Ich folge in dieser Bezeichnung nur einen angenommenen Gebrauche.]

[Footnote 43: Sauha ist Kloster, Hochschule und Asyl; letzteres hat aber in Aegypten heute keine Bedeutung mehr.]

[Footnote 44: Medressa ist Schule.]

[Footnote 45: Die Eingeborenen und auch fremde Araber und Berber behaupten, daß das Nilwasser das süßeste und beste Wasser der Welt sei und sagen wie die Römer von ihrer Fontana Trevi, wer einmal aus dem Nil getrunken habe, den zöge es immer wieder nach Aegypten hin.]

[Footnote 46: Siehe Tafel 5, Zeitschrift für Erdkunde 1872. Kiepert, Zur Topographie des alten Alexandrien.]

[Footnote 47: Der Zahl nach kommen zuerst Griechen, dann Italiener, dann Engländer (Maltheser), dann Franzosen, endlich Deutsche; die übrigen Nationen sind in geringer Zahl vorhanden.]

[Footnote 48: Die Kosten dieser Bauten, mit deren Ausführung das Haus Greenfield u. Comp. betraut ist, sind auf 50,000,000 Francs veranschlagt. (=Guide annuaire d'Égypte 1873=.)]

[Footnote 49: Eine Tonne gleich 2240 Pfund.]

10. Kairo, Hauptstadt von Aegypten.

Ehe wir die Beschreibung von Aegyptens Hauptstadt unternehmen, kehren wir zur Vergangenheit zurück und besonders auch kümmern wir uns um die Etymologie des Namens der Stadt selbst. Die modernen Völker haben alle mehr oder weniger eine gleiche Benennung. Wir Deutsche schreiben Cairo und Kairo und sprechen Kairo oder Kaïro; die Franzosen sagen und schreiben. =Caire= oder =le grand Caire=; die Engländer schreiben Cairo, ebenso die Italiener, welche aber Kaïro sprechen. Der gemeine Mann Aegyptens weiß aber von "Kairo" nichts, denn selbst das Wort "=el Kâhira=", die Unterjocherin[50], welche Veranlassung zur Bildung des Wortes Kaïro gewesen, ist nur den Gebildeten bekannt. Das Volk der Hauptstadt, sowie die Eingeborenen des Landes nennen die Stadt Masr. Auch dieses Wort finden wir von den Europäern auf die verschiedenste Art geschrieben: Masr, Misr, Messr, Masser, Messer und noch einige andere Schreibarten.

In der nachfolgenden Erklärung dieses Namens folge ich durchaus der Auseinandersetzung des gelehrten Orientalisten Wetzstein in Berlin, der die Güte hatte, mir seine bezüglichen Forschungen hierüber mitzutheilen, die um so werthvoller sind, weil sie zum Theil neue Gesichtspunkte eröffnen und vollkommen originell sind.

Wetzstein sagt: Die Hauptstadt Aegyptens heißt bekanntlich im Lande selbst Misr[51]. Da nun dieser Name ursprünglich der Name des ganzen Landes ist, denn schon im alten Testamente hieß Aegypten Misraim, so hat man hier eine Uebertragung des Landnamens auf die Landeshauptstadt zu constatiren; =medinat Misr=, die Hauptstadt Aegyptens, ist also zur Stadt Misr geworden. Für eine solche Uebertragung bietet die geographische Nomenclatur der Araber viele Beispiele. Hier nur einige: Syrien hieß bei den Arabern der Halbinsel schon in den ältesten Zeiten Schâm, d.h. das Nordland, und sein Hauptmarkt, bis wohin die arabischen Karavanen gingen, war in vormohammedanischer Zeit Bosrâ, die Hauptstadt Haurân's; eine Reise nach Syrien war also in der Regel für die Araber gleichbedeutend mit der Reise nach Bosrâ. Daher heißt bei ihnen in jener Zeit Bosrâ immer Schâm im Sinne von "Markt" von Schâm (Syrien). Als nun in den ersten Jahrhunderten des Islam Bosrâ verödete und die Karavanen bis Damask gehen mußten, ging die Benennung Schâm naturgemäß auf die Stadt über, so daß der Name Damaskus vollständig unterging[52] und Schâm seitdem zugleich Syrien und Damask bedeutet. Nur blieb an den Ruinen von Bosrâ noch der Name Alt-Schâm (türkisch: Eski-Schâm) haften.

Ein anderes Beispiel: Die Hauptstadt von Bahrein, d.h. von dem nordöstlichen Küstenstriche der arabischen Halbinsel, war im Alterthum der berühmte Handelsplatz Gerrha (arabisch H'gér), der Ausgangs- und Zielpunkt der aus und nach Bahrein expedirten Karawanen. Auch dieses Emporium verlor unter den Arabern seinen Eigennamen und nahm den des Landes Bahrein an.

Dasselbe geschah mit der alten Hauptstadt Jemâma, dem heutigen Wahabiten-Reiche, westlich von Bahrein. Sie hieß Hagr; aber die arabischen Geographen erwähnen selten diesen Namen. Meistens nennen sie die Stadt entweder Medinat-el-Jemâma oder geradezu Jemâma, wie das Land selbst. Diesen Beispielen fügen wir noch die Stadt Ramla (bei Lydda) bei, welche bis zum Beginn der Kreuzzüge von großem Umfange und Hauptstadt der Provinz Felistin (damals Westpalästina) war; sie wird in den arabischen Schriften jener Zeit geradezu Felistin im Sinne von "Hauptstadt Palästina's" genannt. Liest man, Jemand habe in Felistin übernachtet, oder von Felistin nach Jâhâ oder Jerusalem sei eine Tagereise, so ist immer Ramla gemeint.

Diese Bezeichnungsweise ist oft verwirrend und kann das Verständniß einer geographischen oder historischen Angabe erschweren. Entstanden wird sie sein durch die Redeweise der Karawanen, insofern z.B. die aus Arabien abgehende Kâfilat-Misr, Karawane von Misr, immer zugleich die nach dessen Hauptstadt dirigirte war, und man darf annehmen, daß Misr schon Jahrhunderte lang _vor dem Islam_ bei den Arabern jene doppelte Bedeutung hatte.

Uebrigens wäre auch folgende Erklärung denkbar: Unter den Ptolemäern entstand zwischen Heliopolis und Memphis ein Waffenplatz, der wahrscheinlich das volkreiche Memphis im Zaume halten sollte und zur Erinnerung an Alexander's Feldzug in Asien Babylon genannt wurde. Nach und nach verödete Memphis, indem es einen kleinen Theil seiner Bevölkerung und seines Baumaterials an dieses Babylon abgab, welches in den ersten Jahrhunderten der christlichen Aera (abgesehen von Alexandrien) der Hauptort Aegyptens geworden zu sein scheint. Denn als des Chalifen Omar's Feldherr ='Amr-ibn-el-'À[s,]î= im Jahre 19 der Higra Babylon erobert hatte, befand er sich thatsächlich im Besitze des ganzen Landes und brauchte nur noch Alexandrien zu erobern. Dieses Babylon hieß nun zum Unterschiede von der berühmten gleichnamigen Stadt am Euphrat "das ägyptische Babylon", Bâbeliûn Misr, welche Bezeichnung sich, da die Araber lange Ortsnamen hassen, in Misr verkürzte, so daß Land und Landeshauptstadt gleichnamig wurden. Doch ist die =primo loco= gegebene Erklärung dieser unbedingt vorzuziehen.

Die übrigen Namen der Hauptstadt Aegyptens anlangend, so hieß dieselbe in den ersten Jahrhunderten des Islam el Fostât aus folgender Veranlassung. Als der vorerwähnte ='Amr-ibn-el-'À[s,]î= Babylon belagerte, stand sein Lager an der Nordseite der Stadt, und um sein Zelt, welches el Fostât hieß, bildete sich nach und nach eine Baracken-und Hüttenstadt, die sich erhielt und vergrößerte, da ein Theil des Lagers auch nach Eroberung der Stadt stehen blieb. Diese nomadische Niederlassung verwandelte sich nach und nach in eine Vorstadt Babylons, die nach ihrem Mittelpunkte dem ehemaligen Feldherrn-Zelte, el Fostât genannt und deren Name allmälig auf die ganze Stadt angewendet wurde, so daß die alte Benennung Babylon außer Brauch kam. Doch findet man sie noch bei den Geographen, welche sie bald Babeljûn, bald Hisn-el-Iûn (Festung des Iûn) schreiben, indem die erste Silbe, welche man für das arabische =Bab= Thor hielt, wegfiel.

Der Name el Fostât wurde seit der Occupation Aegyptens durch den Fatimiten =el Moizz li-din-Allah= (369 d.H.) verdrängt. Als Ganhal, sein Feldherr, mit dem westafrikanischen Heere vor die Hauptstadt rückte, ging er mit der Bevölkerung den Vertrag ein, daß seine Soldaten die Stadt selbst nicht betreten, sondern außerhalb derselben in Baracken und Zelten untergebracht werden sollten. Dieses Lager, welches sich wie 350 Jahre früher dasjenige des ='Amr-ibn-el-'À[s,]î= allmälig in eine militärische Colonie verwandelte und zugleich die Unterwürfigkeit der Stadt gewährleistete, erhielt den Namen el Kâhira "die Unterjocherin", der sich gerade wie früher el Fostât der ganzen Stadt mittheilte.

Man unterscheidet bis auf den heutigen Tag die Stadttheile el Kâhira, el Fostât und das ursprüngliche Misr. In amtlichen Acten, bei denen es auf Genauigkeit der Ortsangaben ankommt, heißt die Stadt Kâhirat Misr "Kairo in Aegypten", oder auch Misr el Kâhira, was der gewöhnliche Mann als die "siegreiche Stadt Misr" deutet.

Indem wir so der Auseinandersetzung des gelehrten Orientalen folgten, fügen wir noch hinzu, daß Wetzstein etymologisch das Wort Misr simitischen Ursprungs erklärt und sich der Ansicht zuneigt, es bedeute "die beiden eingeschlossenen Länder", nämlich Ober- und Unter-Aegypten. Wetzstein meint nämlich: "gehöre diese Benennung ursprünglich einer altägyptischen, d.h. einer Ruschitischen Sprache an, so ließe sich nichts über ihre Bedeutung sagen, denn das Koptische sei ein zu verkommenes Idiom und das Hieroglyphische mit seinen Schwestern eine zu unbekannte Sprachform, als daß sie Aufschlüsse geben könnten."

Genug! Wenn auch nicht an derselben Stelle gelegen, wissen wir und müssen das festhalten, daß die heutige Hauptstadt der Aegypter bei den Alten Babylon (bei den lateinischen Schriftstellern Babylonia), bei den ersten Arabern Fostât hieß und daß sie heute bei den Europäern mit den verschiedenen Variationen Kairo, bei den Aegyptern selbst Masr genannt wird. Die Namen Masr el-kahirah als Neustadt oder Masr el-attica als Altstadt haben nur officiellen Sprachgebrauch erlangt.

Man hat behaupten wollen, die Vorgängerin Kairo's, die Stadt Memphis, sei günstiger gelegen gewesen, als die jetzige Hauptstadt Aegyptens. Ich wüßte nicht, worauf man dieses Urtheil stützen wollte. Der natürlich vortheilhafteste Platz wäre wohl an der Spitze des Delta's selbst gewesen, aber die Entwicklung der Stadt selbst zeugt, daß man keineswegs eine ungünstige Position zur Anlage einer Stadt gewählt habe. Es ist heute freilich leicht zu sagen, die und die Stadt hat eine äußerst günstige geographische Lage. In unserer Zeit der Eisenbahnen, der Kunststraßen, der Kanäle &c. überläßt man sich gar zu leicht der Ansicht, die natürliche Lage der Stadt habe das Blühen und Gedeihen derselben verursacht, wenn es doch nichts Anderes war als eben jene modernen Kunstmittel.

Kairo liegt auf dem 30º 2' 4'' N.B. und auf dem 28º 58' 30'' O.L. von Paris. Die Erhebung der Stadt über dem Meere beträgt durchschnittlich 13 Meter; obschon einzelne Stadtteile höher sind, so liegt die Hassan-Moschee 30 Meter höher, als der Spiegel des Mittelmeeres.

Die mittlere Jahrestemperatur ist 23º C. Selten fällt im Winter der Thermometer unter 10º und steigt nur während der Zeit der Chamsinwinde auf über 40º. Während früher feuchter Niederschlag zu den Seltenheiten gehörte, hat man die Beobachtung gemacht, daß jetzt mit jedem Jahre die Regenfälle im Zunehmen begriffen sind; offenbar Folge der so sehr vermehrten Baumpflanzungen in der Stadt selbst und in der nächsten Umgebung derselben. Aber es liegen noch keine bestimmten Daten hierüber vor und so heben wir eben nur die allgemeine Thatsache hervor.

Obschon man wegen der immerhin bedeutenden Hitze nicht sagen kann, daß Kairo ein angenehmes Klima habe, so kann man doch auch keineswegs behaupten, es sei eine ungesunde Stadt. Im Sommer pflegen wegen der unerträglichen Hitze die dort wohnenden Europäer, auch der Hof, die ersten Würdenträger und reiche Eingeborene die Stadt zu meiden. Im Winter hingegen ist sie Aufenthaltsort zahlreicher Reisender und noch zahlreicherer Kranker, welche dort Herstellung ihrer Gesundheit zu finden hoffen. Namentlich für Schwindsüchtige wird die Luft Kairo's und, wie es scheint, mit Recht, empfohlen. Die sogenannte ägyptische Augenkrankheit eine Entzündung der Schleimhaut, der Conjunctiva des Auges, sowohl des Augapfels, als auch der Augenlider, welche ansteckend und in Aegypten endemisch ist, eine seit Hippokrates Zeit bekannte Krankheit, wurde durch die französische Invasion unter Napoleon I. und durch die Engländer nach Europa gebracht; indeß befällt sie erwiesenermaßen Europäer weniger, als die Eingeborenen und Letztere werden besonders davon afficirt, weil sie nicht durch größte Reinlichkeit die fortwährenden schädlichen Einwirkungen des Staubes, von dem die Luft stets geschwängert ist, unwirksam machen. Und zwar wirkt der Staub, der unmittelbar in den Straßen aufgewirbelt wird und aus den kleinsten Partikeln zersetzter organischer Stoffe besteht, ebenso schädlich, als der kaum sichtbare Staub der Samum-Winde. Woran die Europäer am meisten leiden, das sind Krankheiten der Leber und der Milz, letztere zum Theil hervorgerufen durch tertiäre Wechselfieber, und sind erstere radical nur zu heilen durch Ortsveränderung, durch Rückkehr nach Europa. Die Pest kommt seit Jahren nicht mehr in Kairo vor und die Cholera eben auch nicht häufiger, als in Europa.

Kairo ist eine unbefestigte Stadt, denn was die Kâsbah betrifft, welche ursprünglich zur Verteidigung der Chalifenstadt diente, nebst hohen Mauern, welche im Mittelalter die Stadt umfriedigten, so ist erstere längst ihres Festungscharakters beraubt, letztere aber sind geschleift und abgetragen worden, oder in Ruinen zerfallen. Jedoch zahlreiche Mauern im Innern der Stadt, ehemals äußere Stadtmauern, zeugen von der beständigen Umwandlung und Vergrößerung der Stadt, sowie die jetzige äußere Mauer ebenfalls schon inmitten der Hauptstadt sich befindet. Heute ist es kaum noch gestattet, von Masr el Kâhirah, von Masr el Attika, von Bulak u.s.w. als unterschiedlichen Städten zu reden, namentlich wird es ebenso falsch sein, zu sagen, Bulak sei als _Hafen_ Kairo's von dieser _Stadt_ zu unterscheiden, sowie man Unrecht hätte, Moabit nicht zu Berlin zu rechnen. Heute liegt in der That Kairo am Nil: Bulak ist ein Stadttheil der Hauptstadt geworden. Höchstens darf man jetzt noch den Unterschied zwischen _dem_ Stadttheile machen, der seinen _morgenländischen_ Charakter bewahrt hat und dem, der ganz _europäisch_ ist.

Der erste Stadttheil, der sich an die Citadelle lehnt, welche selbst auf einem der äußersten Ausläufer des Mokattam-Gebirges gelegen ist, den man unter dem Namen Chalifenstadt begreifen kann, ist ein großes Labyrinth krummer und enger Straßen, oft durch Ueberbauten dunkel und so unscheinbar, daß man meinen sollte, man befände sich in einer Gasse des Hauptortes der Oase des Jupiter Ammon. Hier kennt man kein Pflaster, hier giebt es Abends keine Beleuchtung, geschweige denn von Gas zu reden; zahlreiche Sackgassen nötigen den nicht Eingeweihten, stets auf seine Schritte zurückzukommen, vom Eintritt eines bestimmten Platzes an bis zu einer bestimmten Grenze wird der Fremde, passirt er Nachts diesen Stadttheil, von einer klaffenden Meute hungriger Hunde verfolgt, welche wild und herrenlos, wie sie sind, doch unter sich eine genaue Besitzeintheilung hergestellt haben der Art, daß immer ein Theil eines Quartiers oder einer Straße von einer Meute besetzt gehalten wird, die auf's Eifrigste über die Unverletzlichkeit ihres Territoriums wacht. Wehe dem Fremden, der Nachts ohne Stock durch eine von diesen wilden Bestien bewachte Straße geht, namentlich wenn er ein Ungläubiger und in europäischer Tracht ist; aber noch mehr wehe, wenn einer ihres Gleichen, ein fremder Hund, sich unter sie verirren sollte, er ist unrettbar verloren, gelingt es ihm nicht, auf sein eignes Gebiet zurückzuflüchten.

Aber nicht immer haben wir enge und unscheinbare Gassen, in diesem Ur-Kairo ist Alles Ueberraschung. Hier giebt es auch Moscheen von allen Formen und allen Farben, einfache und prachtvolle, reich mit Arabesken und Sculpturen geschmückte und solche, welche äußerlich nur eine nackte Wand zeigen. Hier bemerkt man auch jene reich sculptirten Brunnen, meistens fromme Stiftungen, welche bis vor Kurzem, wo das Trinkwasser in Kairo so spärlich war, zu den größten Wohlthaten zählten, die ein frommer Moslim seiner Vaterstadt vermachen konnte. Hier findet man auch jene reizenden Muscharabiehen aus Holz geschnitzt, welche die Eifersucht des gestrengen Haremgebieters erfand. Muscharabiehen sind Jalousien, welche sich stark ausgebuchtet vor den Fenstern befinden. Sie sind auf's Kunstvollste aus Holz geschnitzt, oft so fein und zierlich, daß es sich von Weitem wie Filigran-Arbeit ausnimmt. Geheimnisvoll ragen sie im Halbdunkel der Straßen aus den Häusern hervor; manchmal scheinen sie sich bei den überhängenden Etagen der Häuser zu berühren. Dahinter lauert die junge Frau des Hausherrn, verlangende Blicke wirft sie auf das Leben zu ihren Füßen, sie hört es, sie sieht auch Alles, ohne selbst bemerkt zu werden; glühend erröthet sie, wenn ein jugendlicher Frangi vorübergeht, der ihr viel vorteilhafter dünkt, als jener alte, weißbärtige Mann, dem sie gezwungen war, ihr Leben zu opfern. Da erblickt sie gar in einer Carrosse dahersausend zwei hübsche Christendamen, sie sind unverschleiert. Sie lächeln, sie freuen sich des Lebens, während sie selbst, die Aermste, hinter ihrer Muscharabieh eine Thräne im Auge zerdrückt und ihr freudenloses Leben beklagt! Aber was ist das? Da biegt um die Ecke ein eleganter Phaëton, laut schreiend vor ihm rufen die Läufer ihr ewiges "=Guarda, Guarda=" oder =schemalak ia chodja, l'iminak=[53]. Darin sitzen im Wagen zwei reizende Moslemata[54], kaum verschleiert die dünne Tüllspitze ihr fröhlich lächelndes Gesicht; sie scheinen aber auch gar keine Lust zu haben, ihr Antlitz verbergen zu wollen, im Gegentheil, man sieht, daß sie nur scheinbar diesen Zwang mitmachen. Es sind Prinzessinnen, Töchter oder Nichten des Chedive; ahnungsvoll zieht sich unsere Schöne aus ihrer Muscharabieh zurück; ein dunkles Gefühl sagt ihr, daß auch für ihres Gleichen bald die Stunde der Befreiung schlagen wird.

Hier finden wir auch jene großen Bazarstraßen, wo die Produkte der drei Erdtheile sich einander begegnen und wo in immer geschäftiger Weise während des ganzen Tages das regste Leben und Treiben herrscht und Groß-und Kleinhandel getrieben wird. Von einigen dieser Bazars soll später noch die Rede sein.

Der andere Stadttheil, ganz neu und vorzugsweise eine Schöpfung des jetzigen Chedive, daher auch Ismaelia genannt, mit seinen seenartigen Gärten, seinen breiten wohlgepflasterten und täglich besprengten Straßen, seinen Palästen und Theatern, seinen Gascandelabern und prachtvollen Läden ist vollkommen europäisch. Dies moderne Kairo, welches heute schon von den Fluthen des Nils berührt wird, steht in Nichts den schönsten Städten Europas nach. Was luxuriöse Ausstattung der Gebäude und ihrer Fanden anbetrifft, so können sich die der ägyptischen Hauptstadt ganz messen mit denen am Ring in Wien oder denen der Boulevards von Paris.