Beitrage Zur Entdeckung Und Erforschung Africa S Berichte Aus D
Chapter 11
Ein Bahr-bela-ma von Dachel ausgehend und nordöstlich von Beharieh in das von Ost nach West gerichtete Bahr-bela-ma von Pacho und Belzoni mündend existirt nicht. Es breitet sich zwischen ihnen ein einzig Kalksteinplateau über 300 Meter hoch aus. In der Sitzung des =Institut Égyptien= hatte ich schon darauf aufmerksam gemacht, daß Bahr-bela-ma in der Sahara nichts ist, als das gleichbedeutende Wort Wadi, das hundertmal vorkommt. Wenn es sich aber durch die geographischen Verhältnisse bestimmt erweisen läßt, daß ein Bahr-bela-ma als eine Längseinsenkung nicht existirt, so ist andererseits durch die geologische Untersuchung des Bodens auf das Schlagendste nachgewiesen, daß der Nil nie in dieser Richtung hat fließen können. Nirgends wurden von unserer Expedition fluviatile Niederschläge, sondern überall nur maritime Bildungen constatirt. Das Bahr-bela-ma als ein continuirliches Thal, oder gar als ein westliches Flußbett des Nil muß daher definitiv aus der Welt geschafft und von den Karten gestrichen werden.
Die zweite zu lösende Aufgabe betraf die Depressionsfrage, ob nämlich die von mir 1869 entdeckte Depression sich über die ganze Libysche Wüste erstreckt, oder vielmehr von dem Libyschen Küstenplateau (diesen Ausdruck möchte ich vorschlagen für den jetzt gebräuchlichen "Libysches Wüstenplateau") sich bedeutend nach Süden zu ausdehnt. Hierin lag zugleich die Aufgabe einer Erforschung der ganzen Libyschen Wüste; denn als Endziel war die Erreichung der Oase Kufra in Aussicht genommen.
Gleich beim Verlassen der Oase Dachel konnten wir eine merkliche Steigerung beobachten, wie ja überhaupt, mit Ausnahme von Siuah, alle Uah-Oasen höher als der Ocean gelegen sind und nur relativ Depressionen bilden. In Regenfeld waren wir schon über 300 M. gestiegen, und als wir dann nach Nord einige Grade zu West den Weg fortsetzten, fanden wir zwar eine allmälige Absenkung aber erst in Siuah konnten wir eine eigentliche absolute Depression constatiren. Die Producte des Meeres, die hier gefunden wurden, die Abwesenheit von Süßwasserbildungen oder gar von Nilschlamm schließen aber auch hier jeden Gedanken aus, daß der Nil sich durch diese Depression in die Syrte ergossen habe.
Unser Vormarsch in Regenfeld war verhindert worden durch hohe Sanddünen, welche von NNW. zu SSO. Richtung hatten und 100-150 M. hoch waren. Ein Vormarsch in westlicher Richtung war somit unmöglich geworden, theils wegen der Kamele und theils weil aus Mangel an Wegweisern keine Depositorien mehr angelegt werden konnten. Denn zwischen den Dünen war nicht etwa bloses Gestein, sondern tiefer Sand, welcher das Errichten von Wegzeichen unmöglich machte. Wir hatten also Ein einziges Sandmeer vor uns, nur unterbrochen durch 1--1-1/2 Kilometer auseinanderstehende Sandketten.
Die Sanddünen sind Meeresprodukt; ihre Formenveränderungen sind im Allgemeinen constant. Daß die Winde, die hier meist von NNW. nach SSO. wehen, während der Chamsin gleiche Richtung, aber aus entgegengesetztem Pole hat, sie verursachen, glaube ich nicht; denn dann müßten sie in der Grundform in der dem Winde entgegengesetzten Richtung laufen, sie verlaufen aber mit dem Winde.
Was die Wärmeverhältnisse anbetrifft, so hatten wir diesmal sehr geringe Schwankungen. Während auf früheren Reisen in der Wüste im Winter eine Differenz von 30º beobachtet wurde, hatten wir diesmal im Februar, welcher sich als der kälteste Monat herausstellte, einen Unterschied, der bedeutend geringer war, wenig mehr als die Hälfte. Eine mittlere Zahl kann ich noch nicht aus meinen viermal täglich angestellten Beobachtungen geben. Aber im Februar hatten wir sieben Tage, wo das Thermometer unter Null war, und am 16. zeigte das Thermometer sogar -5°. Die größte Wärme, welche im Februar beobachtet wurde, betrug nicht mehr als 24° und dies nur an zwei Tagen. Auffallend war die Erscheinung eines dreitägigen Regens in der Libyschen Wüste, und zwar erstreckte sich dieser Regenfall über ein ziemlich großes Terrain: denn in Dachel und Farafrah hatte es an denselben Tagen auch geregnet, während man aber in dem dem Mittelmeere näher gelegenen Siuah keinen feuchten Niederschlag gehabt hatte. So war denn auch der Feuchtigkeitsgehalt der Wüste ein ungemein bedeutender und nur, wenn Südwind eintrat, zeigte sich plötzlich eine auffallende Trockenheit in der Atmosphäre. Leider mußten Untersuchungen über den Electricitätgehalt der Luft ausgesetzt werden, weil die magnetische Nadel des mitgenommenen Electrometers sich als zu schwach erwies; sie reagirte gar nicht. Aeußerst interessant waren die Untersuchungen über Ozongehalt, wie man sich aus den demnächst zur Veröffentlichung kommenden Beobachtungen Zittels wird überzeugen können. Je offener der Himmel war, und je entfernter wir von bewohnten Plätzen waren, desto mehr Ozon wurde bemerkt. Bei herrschendem Samum war äußerst wenig Ozon vorhanden.
Ich unterlasse es hier, ausführlich über die von uns angetroffenen Völker in den Oasen zu reden. Bekannt ist, daß die Bevölkerung von Siuah berberischer Herkunft ist. In Uah-el-Beharieh, Farafrah und Dachel ist zweifelsohne die Abstammung der Bewohner dieselbe, wie die der Fellahin im Nilthale; doch haben sich in Uah-el-Beharieh und Dachel einzelne Araber früher seßhaft gemacht. Hervorheben müßte ich noch, daß es Prof. Ascherson gelungen ist, nachzuweisen, daß nicht Farafrah die Oase Trinythis der Alten ist, sondern daß dieser Name mit der =Oasis magna= in Verbindung gebracht werden muß.
Was die archäologischen Ergebnisse anbetrifft, so beruhen dieselben auf genauen photographischen Bildern, welche die Expedition von den Tempeln in Chargeh und Dachel gemacht hat. Zu diesem Behufe mußte der Tempel in Dachel erst ganz vom Schutte und Sand ausgeräumt und zum Theil 50 Centner schwere Blöcke entfernt werden. Prof. Ebers in Leipzig, der die Güte hatte, die Bilder durchzusehen, hat auf den Tempelwänden von Dachel den Namen des Kaisers Vespasian gelesen und der berühmte Aegyptologe ist der Ansicht, daß die feineren Skulpturen von allgemeinen Künstlern hergestellt seien, während die gröberen von Dachelaner Steinhauern selbst ausgeführt worden wären. Viel ergiebiger und interessanter zeigten sich die Inschriften des Tempels von Chargeh. Wir sehen dort den opfernden König Darius, dem Ammon Libationen und Rauchopfer anbietend. Darius wird als Liebling des Ammon von "Heb" (dies der alte Name für Chargeh) bezeichnet, auch ein bisher Ebers unbekannter Vorname des Darius, "Basetut", ist angeführt. Nach Ebers wurde der Tempel von Chargeh erst nach dem Tode Darius vollendet; daher die vielen leeren Königsschilder, welche ursprünglich für den Namen des Darius bestimmt waren. Die sehr interessanten Inschriften, schrieb mir Ebers, beweisen, daß das ganze ägyptische Pantheon, Ammon an der Spitze, in der Oase verehrt wurde, daß dort eine ägyptische Priesterschaft mit reichlicher Versorgung dem Cultus vorstand, daß Chargeh Heb hieß, daß Darius als König Aegypten und wahrscheinlich auch die Oasen besucht hat. Daß auf einer der Platten, welche in Kairo Brugsch vorgelegt wurde, dieser Gelehrte den alten Namen der Hauptstadt der Oase Dachel als "Mondstadt" bezeichnet fand, glaube ich schon mitgetheilt zu haben.
In Betreff der Ausbeute der mich begleitenden Fachgelehrten kann ich noch nichts Detaillirtes mittheilen. Indeß gereicht es mir zur Freude, sagen zu können, daß die botanischen Ergebnisse des Prof. Ascherson keineswegs so gering gewesen ist, wie wir fürchteten. Gab es auch manchmal ganz vegetationslose Strecken, so boten aber gerade die Oasen in der Zeit, als wir dort waren, ein um so reicheres Pflanzenleben. Prof. Jordan hat alle wichtigen Punkte astronomisch bestimmt. Täglich wurden Breitenbestimmungen gemacht und die Declination der Magnetnadel notirt. Und was Zittel anbetrifft, so sind dessen Funde in paläontologischer Beziehung wahrhaft überraschend gewesen. Der Wahn der einförmigen Numinulitenformation, welche man früher für die ganze Libysche Wüste annahm, ist somit gründlich zerstört.
Dies die wissenschaftlichen Resultate der Expedition. Praktische hat dieselbe keine aufzuweisen, wenn nicht das bewiesen wäre, daß der Europäer in Afrika auch ohne Führer reisen kann, daß durch Mitnahme von eisernen Wasserbehältern man in der Wüste nicht blos Wege, wo Brunnen oder Wasserlöcher sind, zu nehmen braucht, sondern monatelang ohne solche existieren kann. Selbst die ausgedehnten Eisensrunde werden nie zu verwerthen sein, weil es in der Libyschen Wüste an zwei Bedingungen, sie zu verarbeiten, fehlt: Kohlen und Wasser. Aber praktische Resultate hat die Expedition auch nie erzielen wollen, und obschon dieselbe Kufra aus unüberwindlichen Hindernissen nicht erreichen konnte, wird nicht bestritten werden können, daß sie der Hauptsache nach ihre Aufgaben gelöst und auf alle Fälle in Anstrebung des vorgesteckten Zieles ihre Pflicht gethan hat.
FOOTNOTES:
[Footnote 28: Noël ist der junge stattliche Afrikaner, welcher in Folge der Bestimmung Sr. Maj. des Kaisers von Deutschland in Lichtenfelde bei Berlin eine deutschen Begriffen entsprechende Bildung genoß, nun aber, da ihm das nördliche Klima nicht bekam, auf Befehl des Kaisers mit nach Aegypten ging, um dort noch eine weitere Ausbildung zu erhalten.]
[Footnote 29: Centralafrikanischer Volksstamm.]
[Footnote 30: Mandara ist eine Landschaft in Nordafrika, welche von einem eigenthümlichen Negervolke von übrigens ausgezeichneter Körperbildung bewohnt wird.]
[Footnote 31: Das ist eines jener Thränengläser, die sich oft in Gräbern der Alten bei Todtenurnen finden und worin angeblich die Hinterbliebenen den Verstorbenen ihre Thränen mitgaben.]
[Footnote 32: Buch VI, S.10, deutsche Uebersetzung von Penzel.]
[Footnote 33: Den Schmutz der internationalen Waggons verdamme ich trotzdem.]
[Footnote 34: Mein deutscher Diener.]
[Footnote 35: Herrn Remelé's Diener.]
[Footnote 36: Der Astronom der Expedition.]
[Footnote 37: Photograph.]
[Footnote 38: Archäeolog und Geodät.]
[Footnote 39: Schweinfurth reiste im selben Winter nach Chargeh, aber unabhaengig von der Expedition.]
[Footnote 40: =Batal= = tragunfähig.]
[Footnote 41: Eine Breitenbeobachtung konnte Jordan freilich Abends machen, aber zu einer Längen-Nahme fehlte die Zeit.]
9. Das jetzige Alexandrien.
Mehr als zweiundzwanzig Hundert Jahre steht die Stadt, welche den Namen des großen Mannes trägt, der nach Aegypten gekommen war, um im weltberühmten Orakelheiligthum des Ammonium die Frage zu stellen, ob er wirklich ein Sohn des Zeus sei. Gewaltig sind die Stürme der menschlichen Geschichte über die Stadt dahingebraust, welche einst der Glanzpunkt der Welt in wissenschaftlicher und commerzieller Beziehung war. Alexandrien, die Stadt des Museum und Serapeum, war aber trotz seiner Weltlage im Jahre 1790 so herabgekommen, daß, als die Franzosen unter Bonaparte landeten, es nur mehr circa 6000 Einwohner hatte. Es gehörte aber auch die ganze Wirtschaft knechtischer Beys dazu, um ein Land und die Städte so ruiniren zu können, wie wir Aegypten und seine Oerter am Anfang dieses Jahrhunderts sehen. Verwundert fragt man sich: wie war es möglich, daß eine Stadt, so ungemein günstig gelegen, so tief hatte sinken können?
In der That hat Alexandrien, wie keine andere Stadt am Mittelmeere, eine vorteilhafte Lage. Wegen des ausgezeichneten Hafens braucht es nicht zu befürchten, von Port Said, das allerdings an der Mündung des Kanals von Suez liegt, überflügelt zu werden, und mittelst der Eisenbahnen und Dampfschiffe auf den Kanälen ist es ohnedieß mit dem großen Kanal in intimster Beziehung. Alexandrien liegt an einer der größten Verkehrsadern unserer Zeit, einer Verkehrsstraße, welche voraussichtlich immer als eine der am lebhaftesten pulsirenden Handelswege fortbestehen wird. Aber nicht allein das ist es, gleichsam als Etape zwischen Ostindien und Oceanien einerseits und Europa andererseits zu dienen; die Stadt Alexander des Großen liegt an der Mündung des einzigen schiffbaren Flusses von Nordafrika, welcher mit seiner mächtigen Verästelung ein ungeheures Gebiet beherrscht. Welche Zukunft erschließt sich der Stadt, wenn die Producte aus Centralafrika nilabwärts ihr zugeführt werden. Denn jetzt vermittelt der Nil blos Das, was an Erzeugnissen längs seines 300 Meilen langen Stammes producirt wird. Welche Zukunft wird aber Alexandrien haben, wenn die Felsen der Katarakte gesprengt und man mit Dampfschiffen direct vom Mittelmeere bis zu den See'n Innerafrikas, den großen Wasserreservoirs des Nils, wird fahren können!
Aber wenn man auch Alexandrien ein immer mehr günstig sich gestaltendes Prognostikon stellen kann, so hat die Stadt keineswegs Ursache, mit ihrer heutigen Entwickelung unzufrieden zu sein. Es ist der Großvater des jetzigen Chedive, Mohammed Ali, dem die Stadt ihren jetzigen Aufschwung verdankt. Dadurch, daß er der Stadt den Kanal herstellte, wurde ihr nicht nur gutes Trinkwasser, sondern auch ein leichter Verkehrsweg mit dem Innern geschaffen. Mohammed Ali war auch der Erste, welcher den Schiffen der christlichen Nationen den Eingang in den alten Hafen eröffnete; bis vor seiner Regierung mußten sie den neuen, wenig sicheren Hafen benutzen.
Alexandrien mit etwa 200,000 Einwohnern zerfällt in zwei Stadttheile, von denen der eine von der europäischen Bevölkerung der andere von den Eingeborenen bewohnt wird. Der arabische[42] Stadttheil ist im Nordwesten und Westen gelegen; die Straßen sind eng, unregelmäßig, im Sommer staubig, im Winter mit undurchdringlichem Schmutz erfüllt; die Häuser sind meist einstöckig und höchst launenhaft gebaut. Hier steht eins mit halber Front, diagonalartig zur Straße, dort hängt eins mit dem oberen Stockwerk über; hier ist eins in die Straße selbst hineingebaut, dort ist eins, welches einen weiten Hof vor sich hat. Fenster sind spärlich vorhanden, namentlich im Erdgeschosse; ist eine Bel-Etage vorhanden, so findet man häufig sehr viele, mit feinem Holzgitter verschlossene Fenster. Sehr praktisch ist der zickzackartige Bau des oberen Geschosses, der Art, daß regelmäßig vorspringende Winkel, mit Fenstern versehen, angelegt sind. Alte Gebäude findet man in der Alexandrinischen Araberstadt fast gar nicht, so daß sie keineswegs ein interessantes Aussehen hat, sich höchstens gut bei Mondscheinbeleuchtung ausnimmt. So durchzogen wir sie denn auch eines Abends, ehe wir die libysche Expedition antraten, und besuchten sodann ein Kaffeehaus der Eingeborenen, um eine Mokka zu schlürfen und einen Tschibuk zu saugen. Aber auch hier fängt die Civilisation an, mit mächtiger Gewalt einzudringen. Im ganzen arabischen Viertel ist jetzt Gasbeleuchtung. Wie lange wird es dauern und die Straßen werden gepflastert, sie werden gerade gemacht, besprengt, mit schattigen Bäumen bepflanzt und statt der kleinen Gewölbe und Boutiken mit prächtigen Verkaufsläden geschmückt werden. Das Letztere wäre namentlich wünschenswert; denn gezwungen durch die Kleinheit ihrer Verkaufsbuden, rücken die Kaufleute ihre Waaren weit in die Straßen hinein, verengern so die Passage und füllen die Luft mit den sich mischenden Gerüchen gekochter Speisen, frischen Gemüsen, rohen Fleisches, kurz aller Gegenstände, die sie feil haben.
Das muselmännische Alexandrien hat hundert Moscheen, von denen jedoch keine einzige ausgezeichnet und berühmt ist, verschiedene Sauya[43] und Medressen[44] und eine Menge Funduks und Karawanseraien, um Menschen und Thiere zu beherbergen. Es versteht sich von selbst, daß in diesen Funduks nur die Eingeborenen logiren. Die Bevölkerung des arabischen Theiles von Alexandrien beträgt etwa 100,000 Einwohner, also die Hälfte der Gesammtbevölkerung.
Ganz anders erscheint das europäische Quartier, welches, wie aus dem früher Gesagten hervorgeht, eine eigentliche Schöpfung der Neuzeit ist. Breite und gerade Straßen, zum Theil mit schönen Baumreihen bestanden, hier und da ein reizender Platz mit immergrünen Pflanzen und duftigen Blumen, an den Seiten prächtige, mehrstöckige Häuser, massive Bauten mit den elegantesten Läden, herrliches Pflaster (die Steine dazu hat man von Triest kommen lassen, _jedes Stück_ hat circa 5 Francs gekostet bei einer Größe von 15 Zentimeter quadratischer Oberfläche auf 20 Centimeter Tiefe), mit schönem Trottoir für Fußgänger, machen das europäische Alexandrien zu einer der schönsten Städte am Mittelmeere. Dazu kommt eine ausreichende Gasbeleuchtung und eine künstliche Wasseranstalt (auch die arabische Stadt wird mit Wasser aus derselben versorgt), welche bei Moharrem-Bai Nilwasser in ein Reservoir pumpt, aus der die ganze Stadt mit dem besten Trinkwasser der Welt versorgt wird[45]. Der mittlere Verbrauch von Wasser beläuft sich auf 8000 kubische Meter täglich.
Auf dem Platze Mohammed Ali's, auch =Place des consuls= genannt, concentrirt sich am meisten das europäische Leben; hier sieht man die glänzendsten Läden, hier ist das französische Generalconsulat, das Stadthaus, mehrere große Hotels und seit zwei Jahren--Allah und Mohammed verzeihe dem Chedive und seinen Räthen diese christliche oder vielmehr heidnische Ketzerei--erhebt sich inmitten der breiten Allee die über lebensgroße Statue des Begründers der jetzigen Dynastie. Die Statue Mohammed Alis ist aus Bronce und im Ganzen 11,50 Meter hoch, wovon 6,50 Meter auf das aus toscanischem Marmor gemeißelte Piedestal kommen, während die Reiterstatue selbst 5 Meter hoch ist. Die Statue ist von prachtvoller Wirkung. Mohammed Ali in orientalischer Tracht, den Kopf beturbant, sitzt in gebietender Stellung zu Roß, seinem energischen Gesichtsausdruck sieht man es an, daß er der Mann ist, welcher das türkische Joch abschüttelte, der, hätten nicht die Großmächte ihr Veto dazwischen gerufen, sein Schwert bis nach Stambul selbst hineingetragen haben würde. Furchtsam umstehen die Fellahin das Denkmal, fromme Flüche und Verwünschungen murmelt der scheinheilige Taleb oder Faki beim Anblick dieses gewaltigen Mannes; am liebsten würde er gleich das "Bild" vernichten. Aber der Preis und die Belohnung, welche er sich dafür im Paradies unfehlbar erwerben würde, scheint doch nicht so sicher zu sein, als die irdische Strafe, welche einem solchen Versuche auf der Stelle folgen würde. Ismael, der jetzige Regent von Aegypten, kennt seine Leute, er weiß, was er ihnen bieten kann und er weiß, daß der einigermaßen denkende Mohammedaner heute der irdischen Belohnung und der irdischen Strafe vor den unsicheren zukünftigen Versprechungen oder den jenseitigen Qualen den Vorzug giebt. =Tout comme chez nous=. Wer fürchtet sich heute bei uns vor den Flammen der Hölle und vor der Aussicht, Milliarden von Jahren dem Allerhöchsten ein Hallelujah zu singen!--Aber das irdische Gesetz und das eigne Pflichtgefühl, die Liebe zum Guten und Schönen, der Haß des Bösen und Häßlichen, welche uns _jetzt_ schon erblich, möchte ich sagen, überliefert werden, das sind heute die großen Triebfedern, welche die menschliche Ordnung und Gesellschaft zusammenhalten müssen.
Daß für die religiösen Bedürfnisse der Europäer reichlich gesorgt ist, versteht sich von selbst in einer orientalischen Stadt, wo die meisten Europäer Katholiken sind oder der griechischen Kirche angehören. Es giebt 3 katholische Kirchen, 4 für den griechischen Ritus, 3 protestantische, 1 koptische und 1 maronitische Kirche. Die Juden haben 3 Synagogen. Daß Mönche und Klöster nicht fehlen in einer so großen Stadt am Mittelmeere, der Geburtsstätte so vieler Religionen, braucht wohl kaum gesagt zu werden. Der koptische Patriarch residirt auch in der Regel in Alexandrien.--An Wohlthätigkeitsanstalten besitzt die Stadt 4 Hospitäler, das für Militär und Civilpersonen eingerichtete Gouvernementshospital, das allgemeine europäische Hospital, das Diaconissenhospital und ein griechisches. Von den barmherzigen Schwestern wird auch ein Findlinghaus geleitet.--Die Schulen sind alle in den Händen der Geistlichkeit, aber es dürfte, seit Herr Dor, ein Schweizer, die Leitung des Unterrichts in Aegypten übernommen hat, bald eine günstige Veränderung eintreten; auch eine deutsche Schule ist unter den Auspicien des deutschen Generalconsulats gegründet worden. Von den übrigen europäischen Schulen nenne ich das Institut der Lazaristen (=collège des Lazaristes=), ähnlich eingerichtet, wie ein französisches Lyceum: man unterrichtet in französischer Sprache Lateinisch und Griechisch. Das Arabische, Neugriechische, Italienische ist facultativ. Englisch und Zeichnen und Musikunterricht werden besonders bezahlt, der Pensionpreis beträgt 1000 Francs jährlich. Die 12 Lehrer sind sämmtlich Geistliche. Die Schule wurde 1873 von 60 Schülern besucht. Das italienische Lyceum steht unter italienischer Regierungscontrole; die Zahl der Schüler betrug 255 im selben Jahre. Die Schule der schottischen Kirche, die der apostolischen Amerikaner, die der Griechen, die allgemeine, unter dem Protectorat des ägyptischen Erbprinzen stehende Schule mit unentgeltlichem Unterricht sind alle mehr oder weniger stark frequentirt. Auch die Juden haben eine von etwa 120 Schülern besuchte Anstalt. Außerdem giebt es 6 Mädchenschulen. Sowohl von den Kirchen, wie auch von den Schulen haben mehrere ein monumentales Aeußere.
Die Vereinigung der ersten Gelehrten, welche jedoch kein eignes Gebäude besitzen, ich meine =l'Institut Égyptien= ist seit Anfang dieses Jahres nach Kairo verlegt worden. Es giebt sodann viele Wohlthätigkeitsvereine und auch gesellige; von den letzteren sind die bedeutendsten der Börsencirkel, der philharmonische Gesellschaftskreis, vorwiegend aus Franzosen bestehend, und der Club der Deutschen. Für das geistige Leben ist durch eine öffentliche Bibliothek und durch das Erscheinen von 9 Zeitungen gesorgt, von denen 3 in italienischer, 1 in englischer, 2 in griechischer und die übrigen in französischer Sprache erscheinen.
Im hübsch gelegenen und elegant erbauten Siziniatheater werden italienische Opern aufgeführt, außerdem giebt es noch ein kleines Theater, Namens Alsieri. Erwähnen wir schließlich noch, daß französische, englische, italienische und griechische Freimaurerlogen in Alexandrien sind, im Ganzen 8, an der Zahl, so glauben wir aller Anstalten Erwähnung gethan zu haben. Nur möchte ich für etwaige nach Aegypten Reisende hervorheben, daß es dort eine Reihe guter Hôtels giebt, von denen 2 ersten Ranges, daß Kaffeehäuser und Restaurationen in großer Anzahl vorhanden sind, ja daß es sogar viele deutsche Bierstuben giebt, wo Wiener Bier verzapft wird. In der Stadt Alexander des Großen, des Ptolemäus Philadelphus, deutsches Bier von deutschen Jungfrauen geschenkt! In der Stadt des Pompejus, der Cleopatra Gas- und Dampffabriken! Welche Gegensätze und doch so groß nicht, wie man denkt! Denn in der Stadt, wo das weltberühmte Museum mit 700,000 Büchern oder vielmehr Schriftrollen war und die im Serapeum eine zweite Bibliothek mit 200,000 Bänden besaß und deren Straßen eben so wohl und gerade angelegt waren, wie jetzt die des europäischen Viertels[46], in der zur Zeit, als die Römer die Herrschaft antraten, nach Diodorus Siculus fast eine Million Einwohner sich befanden, soll die Zukunft erst wieder eine gleiche Blüthe und Bevölkerung hervorbringen, wie wir solche zu Zeiten der Ptolemäer dort vorfanden.