Beitrage Zur Entdeckung Und Erforschung Africa S Berichte Aus D
Chapter 10
Ich unterlasse es, über die Fahrt auch nur ein Wort zu sagen, doch muß ich erwähnen, daß wir in Kassar Sayet, beim Uebergange des linken Nilarmes, mit Nubar Pascha, der von Kairo nach Alexandria fuhr, zusammenkamen und demselben vorgestellt wurden. Eigenthümlich, ich hatte mir den Mann ganz anders gedacht, mehr diplomatenmäßig, d.h. wie bei uns die Staatsmänner auszusehen pflegen. Damit will ich aber keineswegs sagen, daß Nubar eine gewöhnliche Physiognomie habe, im Gegentheil, namentlich sein Auge ist wunderschön. Im Französischen drückt er sich gewandt aus. Er theilte uns mit, der Vicekönig wünsche der Expedition einen so wenig officiellen Anstrich wie möglich zu geben und deshalb müßten wir von einer militärischen Escorte abstehen. Dahingegen garantire er absolute Sicherheit der Gegend zwischen dem Nil und den Uah-Oasen. Die Unterredung dauerte nur kurze Zeit, da die Züge bald darauf wieder abfuhren. Mir war nichts angenehmer, aus der lästigen Escorte ledig zu sein. Wie ich denn überhaupt bemerken muß, daß der Gedanke einer militärischen Begleitung keineswegs von mir, sondern ursprünglich vom Chedive selbst ausging und zwar so gestellt wurde, daß ich glauben mußte, dem Chedive sei daran gelegen, eine militärische Bedeckung mitzugeben.
Mit dem Zuge, den wir benutzten, erreicht man Kairo in fünftehalb Stunden. Um 1 Uhr waren wir denn auch angelangt, nachdem schon längere Zeit vorher die Pyramiden, die Gräber der Chalifen, die schlanken Minarets der Mohammed-Ali-Moschee ihren Willkommengruß uns entgegen gesandt hatten.
Angekommen, begaben wir uns sogleich ins Nil-Hôtel, nachdem ich vorher vergeblich versucht hatte, die Diener in einem billigeren Hôtel unterzubringen. Nachmittags besuchten wir das Consulat, fanden aber, daß unser deutscher Viceconsul Travers auf einer Tour nach Minieh war, um den Prinzen von Hohenzollern dorthin zu begleiten. Abends waren wir im Theater und hörten die "Aida" von Verdi, welche in dieser Saison zum ersten Male aufgeführt wurde. Wer hätte nicht von den Wundern gehört, welche der Chedive durch Zaubergewalt in seiner Hauptstadt seit Jahren entstehen läßt? Wenn auch nicht alle gleich an Pracht, wie solche bei Eröffnung des Suez-Kanals dem Auge sich darbot, zeigen doch die Werke, welche der Vicekönig seitdem nach und nach ins Leben rief, um die Freuden des Lebens durch Kunstgenüsse zu erhöhen, einen derartig großen Anstrich, daß es sich wohl verlohnt, dabei zu verweilen.
Einen Lieblingsgedanken, eine Oper zu besitzen, verwirklichte Ismael Pascha bald, nachdem die Feierlichkeiten der Kanaleröffnung vorüber waren, indem er auf dem prächtigen Esbekieh-Platze ein Gebäude mit Allem, was dazu gehört, für eine italienische Oper herrichten ließ. Um dasselbe würdig einzuweihen, veranlaßte er den Maëstro Verdi, eigens eine Oper dafür zu componiren. Den geschichtlichen Stoff lieferte Mariette, die literarische Redaction besorgte Ghislanzoni.
Präcis 8 Uhr begann man mit der Ouverture, welche von einem vollkommen eingeübten Orchester meisterhaft vorgetragen wurde. Ebenso tadellos war die ganze Aufführung. Sänger und Sängerinnen sind durchweg ersten Ranges, namentlich der Tenor (Radames) Sigr. Fancelli, von einer Stärke und Höhe der Stimme, wie man ihn gewiß selten an einer der größten Bühnen Deutschlands findet. Was die Sängerinnen anbetrifft, so waren dieselben in der Saison nur aus Deutschland recrutirt, die Aida wurde von Fräulein Stolz, Amneris von Fräulein Waldmann repräsentirt. Beide waren in ihrer Art vorzüglich.
Es braucht wohl kaum gesagt zu werden, daß man bei der Costümirung auf größte Genauigkeit gesehen hat, um Kleidung und alte Gegenstände so herzustellen, wie sie durch die Aegyptologen uns bekannt und wie sie uns in den Museen aufbewahrt sind. Dazu ist Alles mit einer Pracht hergerichtet, wie es eben nur ein Fürst zu leisten vermag, dessen Mittel fast unbeschränkt sind.
Was das Sujet anbetrifft, so ist es der ägyptischen Geschichte entnommen. Aegypten und Abessinien liegen seit Jahren in Krieg miteinander. Der Feldherr des Königs von Aegypten, Namens Radames hat die Tochter des äthiopischen Königs Amonasro, Namens Aida, gefangen genommen, er giebt sie der Tochter seines ägyptischen Königs, Namens Amneris, zur Sclavin. Radames verliebt sich aber in Aida und wird von Aida wieder geliebt. Später wird der äthiopische König Amonasro auch noch gefangen genommen. Amonasro und Aida finden sich wieder, Beide, Vater und Tochter, Gefangene am ägyptischen Hofe. Man begnadigt Beide und will sie ziehen lassen. Amonasro aber überredet seine Tochter, die Liebe Radames' zubenutzen, um ihn über einen Kriegsplan auszuforschen; sie weicht endlich den Bitten des Vaters und Radames widersteht nicht dem Flehen der Aida. Er fängt an, den Plan zu verrathen, aber gerade in dem Momente kommt Amneris hinzu. Radames flieht nicht, er klagt sich selbst an, die Königstochter überliefert ihn aus Eifersucht den Priestern, er wird zum Tode verurtheilt und kann dann trotz der bitteren Reue der Amneris nicht gerettet werden. Lebendig in einem Grabe eingemauert, theilt Aida freiwillig sein Loos.
Eine solche Aufführung, wie sie in Kairo Statt hatte, muß selbst den verwöhntesten Geschmack befriedigen. Die Musik freilich wird wohl nicht überall Beifall finden. Die Freunde der Harmonie werden sagen, es sind zu viel Wagner'sche Anklänge vorhanden, die Wagnerianer werden die Musik zu dünn und zu wenig überwältigend finden. In der That ist Verdi bei dieser Composition ganz aus seiner Rolle gefallen. Der Componist des "Ernani", des "Trovatore" hat sich im Wagnerianismus versuchen wollen, aber nichts als zwangvolle Sätze sind entstanden, welche das Publicum kalt lassen.
Die innere Einrichtung des Opernhauses ist reizend. Die Bühne ist verhältnißmäßig groß, ebenso der Orchesterraum. Links hat der Chedive eine Prosceniumsloge, die gleich hoch _allen_ Logenreihen ist, darunter eine kleine dicht am Orchester. Rechts ist die chedivische Haremsloge, durch ein so feines Eisengitter verschleiert, daß die Meisten glauben, dies weiße Gewebe seien Tüllgardinen, aber in der That besteht es aus dem feinsten Eisendraht. Daran schließen sich vier andere, ähnlich verschleierte Logen, für andere Haremsdamen hoher Würdenträger.
Das Opernhaus hat vier Logenreihen übereinander. Im ersten Stock, also parallel mit den Logen ersten Ranges, befindet sich ein großes und fürstlich eingerichtetes Foyer, zugänglich für Jedermann. Daneben sind Restaurationslocale, die man übrigens auch unten findet.
Zu der Zeit wurde das Opernhaus erheblich vergrößert, weil die damaligen Räume zur Aufbewahrung der Decorationen keineswegs genügten.
Am folgenden Tage wurden wir um 10-1/2 Uhr zum Vicekönige befohlen; wir holten Herrn v. Jasmund ab. Der Vicekönig residirt in einem neuen Palais im neuen Stadttheile Ismaelia. Nach wenigen Vorstellungen, die zwischen Ali Pascha, dem Ceremonienmeister und dann einem Anderen, der der Großsiegelbewahrer ist, stattfanden, führte man uns die Treppe hinauf, wo wir oben vom Vicekönige empfangen wurden. Aus dem großen Saale führte er uns in ein kleines Zimmer. Die Unterhaltnng drehte sich natürlich nur um die Expedition. Zuerst aber, nachdem wir vorgestellt waren, hielt Herr v. Jasmund einen kleinen =speech=, worin er dem Vicekönige dankte für das, was er für die wissenschaftliche Expedition gethan. Dann erwiderte der Vicekönig, wie glücklich er sich schätze, mit solchen Leuten eine solche Expedition organisiren zu können, und dann stattete ich meine Grüße ab und dankte im Namen des Kaisers und Königs. Als ich dies sagte, erhob sich der Chedive von seinem Platze, aus Ehrfurcht vor dem Namen Sr. Majestät und Sr. Kaiserlichen Hoheit des Kronprinzen.
Hierauf war lange Unterhaltung (die Audienz dauerte 3/4 Stunden) über die Expedition und hierbei beklagte sich der Vicekönig bitter über Bakers Expedition, der unnütz Menschenblut vergossen und für Abschaffung des Sclavenhandels nichts gethan habe. Diese vom Vicekönige gesprochenen Worte bekräftigten also in der That, daß Sir Samuel gar nichts erreicht hat, daß seine Expedition vielmehr nach der Aussage des Chedive nur unheilvoll wirkte. Ich begriff nun auch, warum die ägyptische Regierung meiner Expedition so wenig officiellen Charakter, wie möglich, geben wollte. Gegen Samuel Baker scheint der Chedive jedoch sich ganz anders geäußert zu haben; wenigstens lesen wir in Bakers "Ismailia", daß der Chedive seine Dienste durch die Verleihung des Osmanieh-Orden belohnte, und daß Baker selbst meint, sein fester Glaube auf die Unterstützung der Vorsehung sei nicht unbelohnt geblieben, also seine Aufgaben für gelöst hielt. Das kann ich bestätigen, daß der Chedive keineswegs gesonnen schien, die Baker'sche Expedition aufzugeben, sondern in Colonel Gordon einen würdigen Mann fand, der da wieder anknüpfte, wo Baker sein Unternehmen abgebrochen hatte.
Der Vicekönig, 1830 geboren, also jetzt 45 Jahre alt, hat eine gedrungene Gestalt, ein sympathisches Gesicht, freundliche Augen, im Ganzen ein sehr intelligentes Aeußere. Jedenfalls, nach seiner Physiognomie zu schließen, ein Mann, der mehr liebt, das Gute zu thun, als das Böse.
Als wir uns verabschiedet hatten, begab ich mich mit v. Jasmund nach seinem Hôtel, um noch einige Punkte wegen des Dampfers, der Kamele &c. zu präcisiren und zu Papier zu bringen.
Darüber war es Mittag geworden. Nach Tische kam Jasmund, mich abzuholen zu einem Besuche bei Hussein Pascha, dem zweiten Sohne des Vicekönigs, der den öffentlichen Arbeiten vorsteht. Es handelte sich nämlich darum, die Papiere bezüglich des Nivellements der Eisenbahnstrecke von Siut zu bekommen, damit wir bei unserem Vorgehen von diesem Punkte eine bestimmte Basis hätten. Hussein wohnt auf der Kasbah und im selben Palais oder Harem, in welchem der große Mohammed Ali sein Leben ausgehaucht hat. Ein großartiges Gebäude von colossalen Dimensionen, dessen Bel-Etage ein immenses Kreuz bildet, derart, daß 1 das Audienzzimmer, 2 den Saal und 3, 3, 3 noch andere Zimmer umfassen. Wie im chedivischen Palaste, war auch hier Alles auf's Geschmachvollste, auf's Reichste und ohne Ueberladung decorirt. Aber die Kasbah hat nicht nur diesen einen Palast, sondern es ist dies ein Complex von Forts, Schlössern und Moscheen. Da ist z.B. das Palais, in dem der Vicekönig die Beiramsfestlichkeiten abhält, da ist vor Allem die ganz aus Alabaster, oder besser gesagt, aus ägyptischem Marmor erbaute Moschee Mehemed Ali's.
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Mögen nun auch die Architekten sagen, was sie wollen, mögen sie behaupten, diese Bauten zeigen keinen bestimmten Stil, mögen sie glauben, die Minarets seien im Verhältnis zu ihrer bedeutenden Höhe zu dünn oder zu wenig umfangreich, es steht fest, daß gerade diese Moschee eine der Hauptzierden Kairos ist, daß man ohne sie sich Kairo nicht mehr vorstellen könnte. Und in ihren einzelnen Theilen wie im Ganzen kann man sie nur schön nennen, im Innern, wie im Aeußern. Nur der häßliche Uhrthurm auf der Westfaçade des Hofes, aus Holz erbaut, paßt nicht zum Ensemble. Wir besuchten natürlich auch das Innere, es wurden uns die obligaten Schuhe übergezogen, aber ich merkte einen Fortschritt, sie waren nicht wie früher aus Stroh, sondern aus Tuch und wurden festgebunden durch Bänder.
Eine stark vergitterte Abtheilung wurde mir gezeigt und gesagt, es sei das der Ort, wo eventuell der türkische Sultan seinen Sitz nähme; dies scheint mir problematisch, ich glaube vielmehr, es ist eine Einrichtung für den Harem.
Nachdem wir dann die unvergleichlich schöne Aussicht von dem Punkte aus genossen hatten, wo beim Massacre der Mameluken einer derselben sich durch einen kühnen Sprung in die Tiefe gerettet haben soll, ein Punkt, von welchem aus man die Stadt, die Gräber der Chalifen, das rothe Gebirge (=Gebel ahmer=), das Mokhatan-Gebirge, die Pyramiden, den Nil, ein großes Stück des üppigen Nil-Delta und die unendliche Sahara überblickt, ein Punkt, von dem aus man das vollkommenste Bild über Aegypten gewinnt, wo man den Charakter dieses Landes mit einem Blick überschauen kann--nachdem wir dies in uns aufgenommen, stiegen wir zur Hassan-Moschee, am Fuße der Kasbah gelegen, hinab.
Die Hassan- Moschee gilt überall als die schönste Moschee von Kairo und doch keineswegs mit Recht. Die Großartigkeit der Steinmauern bestreite ich nicht, aber die schon zugeschnittenen Quadern wurden von den Pyramiden entnommen. Die Zartheit, das Kühne des Tropfsteingewölbes, das Unglaubliche der Stalaktiten-Kuppeln gebe ich gern zu, aber das Material dazu ist von Holz, und mit Widerwillen fast wird man hier an das Vergängliche, an das Unsolide aller maurischen Bauten erinnert. Dazu kommt, daß diese Holz-Stalaktiten-Bauten derart vernachlässigt und zerfallen sind, daß alle Schönheit schon zu Grunde gegangen ist.
Was aber für den mit der religiösen Geschichte der Mohammedaner Vertrauten ungleich mehr auffällt, ist der Grundriß der Moschee. Bis jetzt hat noch kein Architekt darauf aufmerksam gemacht. Im gewöhnlichen Stil besteht nämlich jede Moschee aus zwei Körpern: dem bedeckten, nach Osten gerichteten Theile, aus manchmal vielen Säulenhallen bestehend, und dem unbedeckten Hofe im Westen, beide in der Regel viereckig. Die Hassan-Moschee aber hat im Hofe als Grundriß ein vollkommenes _Kreuz_. Wenn man weiß, wie furchtbar der Moslim Alles haßt, was nur irgendwie an die Form des Kreuzes erinnert, so muß man sich wundern, daß dies hier so prägnant zum Ausdruck gekommen ist. Jedenfalls ist es unbewußt geschehen, denn der uns begleitende Priester gab mir den Schlüssel dazu folgendermaßen: Jeder der Kreuzflügel, welche, beiläufig gesagt, überwölbt sind, dient zur Aufnahme der Anhänger der vier rechtgläubigen Bekenner, so daß in dem einen die Malekiten, im anderen die Schaffeïten, im dritten die Hambaliten, im vierten die Hanesiten Platz finden. Sultan Hassan liegt in der Moschee begraben und rund um sein Grab sieht man die unvertilgbaren Spuren von Blutlachen, Zeugen der Ermordung von Mameluken, welche sich beim Massacre in die Moschee geflüchtet hatten.
Hiernach begleiteten wir v. Jasmund nach Hause und fuhren, Zittel und ich, sodann zu Mariette Bei, dem Director des Bulac-Museums, fanden ihn aber nicht zu Hause. Das Museum konnten wir auch nur sehr flüchtig besehen, da es dunkel wurde.
Nach dem Essen gingen die Anderen noch etwas spazieren, ich schrieb, machte auch einen Gang auf die Esbekieh und hiernach trafen Zittel und ich uns wieder im Nil-Hôtel. Wir saßen Abends noch lange im Mondschein, der Mond stand hoch, fast im Zenith über uns. Die blühenden, wie Heliotrop duftenden Akazien, die milden Lüfte, Alles war zauberisch schön. Solche duftende ruhige Nächte giebt es nur in Nordafrika, wo die Nächte Winters und Sommers sich fast stets durch absolute Windlosigkeit der Atmosphäre auszeichnen.
Ein wichtiges Geschäft war dann noch abzuwickeln, nämlich gute Diener zu engagiren. Eine gewisse Erleichterung gewährte Kairo in sofern, als alle unbeschäftigten fremden Leute, alte und junge, in der Stadt einem Schich unterstehen, der, so lange sie in Kairo sind, für ihr Betragen der Polizei haftbar ist. Dieser Schich besorgte mir sodann Leute, so viel ich brauchte, und da außerdem die Polizei sich noch drein mischte, konnte ich mit ziemlicher Sicherheit sagen, gute und brave Leute engagirt zu haben. Gleich von vornherein kann ich dies auch hier bestätigen, denn im Ganzen hatten wir recht treue Diener; und wenn selbst der fromme Doctor der Theologie, welcher Prof. Ascherson's Diener war, diesen so unverschämt betrog, so folgte er wohl nur religiösen Motiven oder glaubte vielmehr seine Betrügereien durch den Mantel der Religion bedecken zu können. Ein alter Diener, den ich in Tripolis aus der Sclaverei befreit und über Cyrenaica und Siuah hierher gebracht hatte, fand mich hier wieder. Es war rührend, als er kam, mir die Hand küßte, weinte und mir das Certificat zurückstellte mit den Worten: "Jetzt brauche ich es nicht mehr, jetzt habe ich Dich wiedergefunden."
Nachdem viele Einkäufe besorgt waren, gingen wir sodann zur Sitzung des =Institut d'Égypte=, wo man uns zu Ehren eine Versammlung anberaumt hatte. Da waren alle Notabilitäten der Wissenschaft Aegyptens vertreten. Mariette Bei, der berühmte Aegyptolog, präsidirte. Die Sitzung war in einem Saale des Ministeriums des Innern. Nach einer einleitenden Rede und nach Verlesung des =procès verbal= der letzten Verhandlung verlas ich eine Rede in französischer Sprache. Es war recht feierlich, v. Jasmund war auch da und Schweinfurth von Alexandrien herüber gekommen.
Nach diesem kurzen Aufenthalte in Alexandrien und Kairo wurde Siut erreicht, von wo die eigentliche Expedition beginnen sollte. Aber gleich beim Beginne stellten sich die Schwierigkeiten bedeutend größer heraus, als man vermuthet hatte, denn es galt, die Kamele mit Futter zu beladen, da man sich Angesichts einer absolut vegetationslosen Wüste befand. Nachdem die Bohnen, welche zu einer Reise von zwanzig Tagen nothwendig wurden, an Ort und Stelle waren, traten wir am 18. December den Marsch in die Wüste an. Dieselbe offenbarte denn auch gleich an den ersten Tagen ihre ganzen Schrecken und Gefahren, denn man befand sich in der trostlosesten Einöde. Allerdings nicht so vegetationslos, daß nicht hier und da noch einige Kräuter gesproßt hätten, aber keineswegs so krautreich, daß man darin hätte Kamele weiden können.
Nur dieser Theil der Sahara, die sogenannte Libysche Wüste, kennzeichnet sich durch eine so außerordentliche Armuth an Pflanzen, denn in der ganzen übrigen Sahara nehmen Karawanen nie Futter für die Kamele mit, sondern die Thiere begnügen sich mit dem, was sie unterwegs finden. Nur südlich von Tedjerri in Fessan hat man auch ein Terrain zu durchziehen, wo man für einige Tage Datteln als Kamelfutter mitzunehmen pflegt.
Wir erreichten dann zunächst die kleine Oase Farafrah, keineswegs dem Nil zunächst gelegen, im Gegentheil, sie ist von Sinah am Nil die entfernteste. Aber ich hatte diesen Weg vorgezogen, weil er ein vollkommen neuer, _noch nie von Europäern begangener_ war. Das Erscheinen einer so großen Karavane, 100 Kamele und circa 80 Mann, rief natürlich die größte Angst, der alsbald das Staunen folgte, bei den Eingeborenen hervor, aber als sie schnell gewahr wurden, daß wir in friedlicher Absicht gekommen waren, etablirte sich ein leidliches Verhältniß zwischen uns, soweit der Fanatismus der Bewohner es gestattete.
Sodann mußten wir nach einigen Tagen uns nach Dachel wenden, da wir in Farafrah weder für uns noch für unsere Kamele Vorräthe auftreiben konnten. Wir folgten derselben Route, welche vor uns Cailliaud gezogen war, und erreichten nach einer Woche diese freundlichste aller Uah-Oasen. Und so freundlich uns die Landschaft und der Hauptort Gasr entgegenlachten, so zuvorkommend wurden wir hier auch empfangen von der Behörde und der ganzen Bevölkerung. Erwähnen muß ich allerdings, daß die Farafrenser über unsere Ankunft noch nicht unterrichtet waren, als wir dort eintrafen, in Dachel hingegen die Behörde von Siut aus schon instruirt war, uns freundlich aufzunehmen.
Aber auch hier in Dachel waren die Vorräthe nicht so reichlich, wie man uns es vorgespiegelt hatte, und ich war gezwungen, nach Siut zurückzusenden, um sechzig neue Kamelladungen Bohnen kommen zu lassen. Aber ehe dieselben eintrafen, vermochte ich Prof. Jordan, vorauszugehen. Freilich hatte er mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen, aber als dann Zittel auch bald nachrücken konnte, wurde abermals weiter vorgegangen und die Expedition erreichte fast den 27° O.L. v. Gr. und blieb vor einer mächtigen, von Norden nach Süden streichenden Düne liegen. Hier fand ich dieselbe lagern, als ich selbst nach einiger Zeit dort eintraf.
Eine Recognoscirung, die Zittel zu Fuße schon vorher gemacht hatte, eine andere, die ich selbst mit Prof. Jordan unternahm, stellte nun zur Evidenz heraus, daß an ein weiteres Vorgehen nach Westen nicht zu denken sei. Wir befanden uns Angesichts eines Sandmeeres, welches aus 100-150 Meter hohen Sandketten mit steilen Böschungen bestand. Die Zwischenräume zwischen diesen Sandketten waren ebenfalls mit Sand bedeckt, zeigten _kein nacktes Gestein_. Es traten nun zwei entscheidende Gründe ein, die uns zwangen, von weiterem Vorgehen nach Westen abzustehen. Erstens waren es die hohen, von _Norden nach Süden_ ziehenden Dünen, welche zu _jeder Uebersteigung_ mehrere Stunden nöthig machten und wodurch wir sodann höchstens per Tag 20 Kilometer hätten vordringen können mit der _gewissen_ Aussicht, nach acht Tagen sämmtliche Kamele todt oder "=batal="[40] gehabt zu haben. Zweitens war es unmöglich, im Sandmeer Wegzeichen zu errichten; der geringste Samum würde sie umgeweht haben; mithin war eine weitere Depôtbildung, die unumgänglich nothwendig war, sowie eine constante Verbindung mit dem Hauptdepôt Dachel nicht zu ermöglichen.
Sobald daher das Unausführbare, Kufra von Westen aus mit den uns zu Gebote stehenden Locomobilen zu erreichen, constatirt war, beschlossen wir, mit den Dünen nach Norden zu gehen, um womöglich einen Durchgang, ein Aufhören der Dünen zu finden oder Siuah zu erreichen. Die Dünen hörten nicht auf, wir waren während 14 Tagen stets zwischen hohen Ketten von Sandbergen und legten einen der sonderbarsten Märsche zurück, welche je in Afrika gemacht worden sind. _Ohne Führer_ waren wir, wie das Schiff auf dem Meere, nur dem Compaß vertrauend, angewiesen, der einmal angenommenen Richtung zu folgen. War diese falsch oder wären wir durch die öftere nothwendig werdende Uebersteigung der Dünen zu weit abgekommen, so mußte voraussichtlich Siuah verfehlt werden[41]. Oder wären wir von einem _mehrtägigen_ Samum überrascht worden, so wäre voraussichtlich unser Loos ein noch schlimmeres gewesen, indem wir nur für eine bestimmte Zahl von Tagen Wasser hatten. Ich konnte es überhaupt nur übernehmen, die Karavane nach Siuah zu führen, weil ich dort bekannt war und die Formation der Ufer und die Lage der Seen östlich und westlich von Siuah mir noch vor Augen stand. Ich brauchte deshalb nicht zu fürchten, falls ich zu weit westlich oder östlich herauskäme, unorientirt zu bleiben.
Und glücklich erreichten wir denn auch die Oase des Jupiter Ammon, wo wir bei der Behörde den freundlichsten Empfang fanden. Schon nach wenigen Tagen brachen wir wieder auf, gingen bis Setra zusammen in östlicher Richtung und sodann trennten Zittel und ich uns von Jordan, um wiederum _ohne Führer und auf nie begangenem_ Wege direct nach Farafrah zu gehen, während Jordan mit einem in Siuah gemietheten Führer nach Uah-el-behari ging, um die auf den Karten verzeichneten Behar-bela-ma zu untersuchen.
Farafrah wurde glücklich von uns erreicht, vonwo Zittel sogleich nach Dachel weiter ging, um unseren dortigen um uns in Sorge lebenden Gefährten die Nachricht unserer glücklichen Rückkehr zu übermitteln. Ich selbst blieb noch einen Tag länger in Farafrah und ging dann auf _neuem_, noch nie begangenem Wege nach Dachel, hauptsächlich um die Gebirgszüge zu durchschneiden, welche wir früher im Westen von unserem ersten Marsche von Farafrah nach Dachel erblickt hatten. In Dachel vereinten wir uns dann nach einigen Tagen zu gemeinsamem Vorgehen über Chargeh nach Esneh, welches wir am 1. April ohne Unfall erreichten.
Ich komme nun auf die Resultate zu sprechen und hebe hervor, daß uns außer der allgemeinen Erforschung der Libyschen Wüste hauptsächlich zwei Punkte als beachtenswerth waren bezeichnet worden: die Untersuchung der verschiedenen Behar-bela-ma und die Depression der Libyschen Wüste.