Beiträge zur Entdeckung und Erforschung Africa's. Berichte aus den Jahren 1870-1875

Part 9

Chapter 93,625 wordsPublic domain

[Footnote 22: Auch Schweinfurth sagt, er habe auf seiner letzten Reise ein gutes, dem deutschen Biere ähnliches Getränk gefunden.]

[Footnote 23: Globus 1866 und Land und Leute in Afrika, Rüthmann, Bremen 1870]

[Footnote 24: Ich führe hier an, daß wenn Europäer mit Hanf Versuche anstellen wollen, sie sich mit größter Vorsicht dabei des Madjun bedienen mögen, da in der Regel auch Cantharibenpulver dazwischen gemischt ist.]

[Footnote 25: v. Bibra, S. 266.]

[Footnote 26: v. Bibra, S. 272.]

[Footnote 27: v. Bibra, S. 284.]

8. Aufbruch zur Libyschen Wüste.

"Wie ein Afrikareisender mit einer Schlittenpartie seine Reise in die Libysche Wüste antritt", hätte ich dieses Mal mein Tagebuch überschreiben können. Das ist auch wohl noch nicht dagewesen, und doch,--denn als ich meine zweite Reise antrat, mußte ich ja auch nach einigen Tagemärschen, wenn auch nicht durch oder über Schnee, so doch daran vorbei und noch dazu in Afrika selbst, auf dem großen Atlas.

Diesmal galt es nun zwar nicht, den mit Schnee bedeckten Atlas zu übersteigen, sondern auf angenehmste Weise über den herrlichsten aller Alpenpässe zu kutschiren, über den Splügen. Am Morgen in der Frühe sollte es weiter gehen, und so geschah es auch. Eine ziemlich zahlreiche Reisegesellschaft, drei große Postwagen voll Menschen beiderlei Geschlechts, von jeglichem Alter, von jedem Stande. Ich hatte für mich einen Coupéplatz bekommen und Noël[28] im selben Wagen einen Interieurplatz. Neben mir (die Coupés haben nur zwei Plätze) saß noch eine junge Dame, ein Mädchen, ein Backfisch, ein Kind--eine jede dieser Bezeichnungen würde auf sie gepaßt haben--nicht hübsch, nicht häßlich, Schweizern, mit einer entsetzlichen Aussprache des Deutschen und ungemein schüchtern, verlegen und blöde. Der Backfisch, nennen wir sie so, war in Belfort in Pension gewesen, um Französisch zu lernen; unter der Zeit waren seine Eltern von der Schweiz, wo sie ansässig gewesen waren, nach Bergamo gezogen und jetzt, nach beendigtem Cursus, sollte der Backfisch wieder heim zu den Eltern. Und das ging ganz gut, wie ein Packet wurde er befördert. In Chur logirten wir z.B. im "Luckmanier" zusammen, der Backfisch wurde von der Wirthin empfangen u. Abends, als der Wirth gehört hatte, ich reise nach Italien, kam er zu mir, ob ich nicht den Backfisch unter meine Obhut bis Como oder Lecco nehmen wolle, dort würde er von verwandten Fischern in Empfang genommen werden. Natürlich sagte ich nicht "nein" und merkwürdig genug traf es sich, daß im Interieur eine nach--der Türkei, nach Trapezunt reisende Dame sich unter Noël's Schutz begab.

Ich unterlasse es, von den Schönheiten der =Via mala= zu sprechen, offenbar der schönste und großartigste Paß, der über die Alpen führt und welcher, da der Baumbestand aus Nadelhölzern besteht, zu jeder Zeit grün ist. Ja, ich möchte sagen, der naturschönheitliche Reiz wird im Winter eher erhöht, als vermindert durch die starken Contraste des blendendweißen Schnees und des tiefen, fast schwarzen Grüns der Fichten und Kiefern. Als sämmtliche Passagiere obligaterweise an der Stelle ausgestiegen waren, wo die =Via mala= am engsten ist und wo eine Brücke über den Schlund führt, die man auch Teufelsbrücke hätte nennen können, ging es weiter und Mittags erreichten wir Splügen.

Eine gemeinschaftliche =Table d'hôte= brachte alle Reisenden zusammen und der gute Veltliner Wein, wie das warme Zimmer führten eine recht animirte Unterhaltung herbei, denn zur Hälfte waren die Reisenden Italiener, welche, froh, bald die Grenze ihrer =cara Italia= erreicht zu haben, nicht verfehlten, ein Glas mehr, als gewöhnlich, zu trinken. Mit dem Orte Splügen hat man aber keineswegs die Paßhöhe erreicht. Im Gegentheil, jetzt beginnt erst das _steile_ Steigen und eine Viertelstunde oberhalb des Dorfes fanden wir ein ganzes Schlittendepôt. Die Postkutschen wurden verlassen und je Zwei wurden in einen eleganten Schlitten gepackt; wir hatten die Schneegrenze erreicht. Natürlich geht dieselbe im December noch tiefer, bis Chur selbst, hinunter und fängt im Januar und Februar gar unterhalb Chur an, aber im November und October fällt Schnee nur bis Splügen und etwas oberhalb.

Hatten wir am Tage vorher abscheulich nebliges Wetter gehabt, so war unsere =Via-mala=-Tour, unsere Schlittenpartie über den Splügen, durch den sonnigsten, italienischen Himmel verherrlicht. Aber kalt war es. Trotz des Südwindes, der allerdings stundenlang über Gletscher und Schneefelder fegte, fror man bis auf's Innerste. Wie froh war ich, daß ich meinen grauen Mantel und die Pelzdecke mitgenommen hatte. Drei Stunden brauchten wir zu dieser Schlittenfahrt und man kann sich einen Begriff machen, welche Schneemassen im Laufe des Winters auf den Alpen angehäuft werden, wenn ich sage, daß wir manchmal Stellen passirten, wo der Schnee schon (durch Anwehen) 10-12' hoch lag. Auf der Südseite, noch mitten im Schnee, liegt die italienische Douane, während man die Grenze schon früher auf der Kante des Passes selbst passirt hat.

Die Zollbeamten waren diesmal äußerst milde; hielten sie mich für irgend eine besondere Persönlichkeit (denn in den Augen aller dieser Leute passirte Noël immer als mein Diener), oder ist die Praxis überhaupt milder geworden, genug, es wurde nur ein Koffer pro forma geöffnet und damit war Alles fertig. Ich war namentlich froh wegen meiner Patronen, die ich ja gern versteuert hätte, von denen ich aber fürchten mußte, sie würden confiscirt werden.

Bald darauf erreichten wir die südliche Schneegrenze und in ebenso guten Postkutschen ging es weiter. Den herrlichen Punkt, wo ein Gießbach ins Thal hinab braust und wo man der Fernsicht halber eigens eine Kanzel erbaut hat, von der man die schönste Aussicht genießen kann, passirten wir noch eben bei Licht, dann noch eine halbe Stunde das schönste Alpenglühen, wie ich es nie leuchtender und intensiver gesehen habe, und tiefe Nacht senkte sich rasch auf uns herab. Nach zwei Stunden, d.h. um 6-1/2 Uhr Abends, waren wir in Chiavenna.

Das Hotel zur Post, von dem Herrn Schreiber gehalten, ist berühmt in ganz Italien und auch wir konnten mit dem Nachtmahl, welches uns aufgetischt wurde, nur zufrieden sein; ja, das Lob seines Valtelliner machte, daß er uns noch eine Flasche, natürlich für unser Geld, heraufholte. Wir schieden um 10 Uhr als gute Freunde (im ganzen Hôtel ist nur deutsche Bedienung) und weiter ging's bis Colico, welchen Ort wir um 1 Uhr Nachts erreichten. In Colico selbst wurde nur umgeladen in einen anderen Wagen, der nach Lecco bestimmt war.

Aus dieser schönen Tour längs des Lago di Como, die ich übrigens zu Lande schon einmal, zur See schon mehreremal gemacht habe, merkten wir nun zwar nichts von den Reizen der Natur, aber die milderen Lüfte und zur Seite des Wagens die belaubten Olivenbäume bekundeten auch so genug, daß wir uns auf der anderen Seite der Alpen befänden.

In Lecco angekommen, wurde ich des kleinen Backfisches ledig. Als wir uns aus dem Omnibus Einer nach dem Anderen entwickelten, stand ein Herr bereit: "Sind Sie Fräulein Müller?" (Meier, Schulze oder Schmidt, so ungefähr klingt der Name). "Ja, ich bin es." Und damit fiel die junge Dame in verwandtschaftliche Arme.

Wir Anderen fuhren von Lecco gleich mit der Bahn bis Mailand weiter und direct ins Hôtel Reichmann, nächtigten daselbst und fuhren ohne Unterbrechung nach Brindisi, wo wir Abends um 10 Uhr anlangten. Von den anderen Herren war noch Niemand hier, ich vermuthete, Alle seien wegen des Choleragerüchtes über Triest gegangen. Zu meiner Freude hörte ich aber bald darauf, daß die Cholera erloschen sei.

In Brindisi ist ein vorzügliches Hôtel, das des =Indes orientales=. Die Absicht, in eine Locomda zu gehen, gab ich auf, da ein italienischer Reisegefährte mir unterwegs sagte, man bekäme dort unfehlbar =pedocchi= d.h. die Thierchen, welche die Franzosen im Gegensatze zu den Flöhen, der leichten Cavallerie, die schwere nennen. Näher brauche ich diese menschenfreundlichen Thierchen wohl nicht zu bezeichnen. Ich dachte aber, es ist noch früh genug; wenn man sich ihrer in Afrika nicht wird erwehren _können_, dann muß man mit ihnen haushalten.

Komisch erschien mir die Extravaganz der italienischen Damen in den neuesten Moden: fußhohe Chignons aller möglichen Formen, selbst die Hörner der Pullo-Frauen[29], die Wulste der Mandara-Damen[30] sind nicht ausgeschlossen; ich glaube, keine Damen der Welt entwickeln so viel Phantasie in der Herstellung aller nur möglichen Haartouren, als die schönen Milaneserinnen. Sehr häufig sieht man vorn auf der Stirn kleine Löckchen glatt angeklebt mit Pomade, ein entsetzlich schlechter Geschmack. Alles dies gilt nur von der vornehmen Welt, das Volk ist in dieser Beziehung vernünftiger.

Mein Zimmer in der Bel-Etage des Hôtels von Brindisi ging auf den Hafen, und wenn auch keine großartige Aussicht geboten ist, so hat man doch immer ein belebtes Bild.

Ich verbrachte meine Zeit damit, daß ich dem englischen Consul einen Besuch machte, um seine herrliche Sammlung von Antiken u.s.w. zu besehen. Er empfing mich sehr freundlich und hatte, wie er sagte, aus der "Times" schon mein Kommen über Brindisi erfahren. Sodann suchte ich den Archidiakon Farentini auf, der die Bibliothek unter sich hat, in der sich nebenbei ebenfalls ein kleines archäologisches Museum befindet, welches einzelne hübsche Sachen, z.B. ein prachtvolles Lacrimale[31] und interessante Broncestatuetten enthält. Bei der Gelegenheit zeigte er mir auch eine höchst merkwürdige Vase, welche sich im Reliquien-Schreine des Doms befindet, von so feinkörnigem Granit, wie ich ihn nie gesehen. Sie soll durch Kreuzfahrer aus Palästina gekommen sein, so sagen die ältesten Chroniken. Ob sie, wie Pater Farentini behauptet, phönicischen Ursprunges ist, wage ich nicht zu bestätigen. Nach dem Volksglauben ältester Zeit soll dies dieselbe Vase sein, in der Jesus Wasser in Wein verwandelt hat. Pater Giov. Farentini fügte aber hinzu: "Ich für meinen Theil halte sie nur werth als ein höchst interessantes Kunstwerk, die damit verknüpfte heilige Legende überlassen wir dem Volke." Ein liebenswürdiger alter Mann, dieser Domherr, der sich ein über das andere Mal selbst besegnete (=benedetto io=), daß er meine Bekanntschaft gemacht habe. Am nächsten Tage wollte er mir noch einige Merkwürdigkeiten in der Stadt und Umgegend zeigen, obschon Brindisi in dieser Beziehung sehr arm ist.

Nur langsam erholt sich diese einst so wichtige Stadt, welche im Alterthum über 100,000 Einwohner, jetzt kaum 10,000 Seelen hat.

Strabo, welcher ausführlich von dieser alten Stadt handelt, sagt[32]. Brundusium soll, wie gesagt wird, eine Colonie der Kreter sein, die mit dem Theseus aus Knossus dahin kamen. Sodann lobt Strabo den Hafen der Stadt, nach ihm ungleich besser als der Tarents, und fügt hinzu, dieser, wie es dem Anscheine nach aussieht, einzige Hafen theilt sich inwendig in eine Menge kleinerer Busen, so daß der gesammte Hafen die Gestalt eines Hirschkopfes bekommt, daher die Stadt auch ihren Namen erhalten haben soll, denn in der Sprache der Messapier heißt ein Hirschkopf Brundusium.

Brundusium ist auch nach Strabo der gewöhnliche Hafen, aus dem man ausfährt, wenn man nach Griechenland oder Asien übersetzen will, und alle Griechen und Asiaten landen auch hier, wenn sie Rom sehen wollen. Brundusium gilt als Geburtsstätte des Tragödiendichters Pacuvius, und Virgil ist hier gestorben.

Mit dem Zusammensinken des römischen Reiches hörte die Blüthe der Stadt aus, natürlich weil der Verkehr zwischen Morgenland und Abendland stockte. Und als dann zur Zeit der Kreuzzüge auf einmal wieder ein lebhafter, wenn auch feindlicher Zusammenstoß zwischen Occident und Orient stattfand, hob sich Brundusium rasch wieder und erlangte eine Einwohnerzahl, die auf 60,000 Seelen veranschlagt wird. Kaiser Barbarossa bevorzugte namentlich den Hafen und er ist auch der Erbauer des Castells. Mit dem Falle Jerusalems, mit der Beendigung der Kreuzzüge hing auch der Verfall Brundusiums zusammen.

Erst jetzt, wo Brindisi wieder Hauptausgangspunkt und Ankunftsort für Abendland und Morgenland geworden ist, hebt sich die Stadt wieder. Da aber jetzt die diese Straße Ziehenden bei Weitem nicht so lange im Hafen weilen wie im Alterthum, so ist der Aufschwung der Stadt ein viel langsamerer. Aber Brindisi wird jedenfalls, wird diese Linie beibehalten, immer eine gewisse Wichtigkeit bewahren.

Die Stadt selbst macht auch nur einen sehr dürftigen Eindruck; zwar sind die Straßen mit herrlichen Quadern gepflastert, aber meist sehr schmal, die Häuser zum größten Theile einstöckig, und dann macht es einen höchst traurigen Eindruck, daß so viele Bauten unvollendet gelassen, zum Theil schon wieder Ruine geworden sind. Was war die Ursache davon? Hatte man kein Geld, keine Lust zum Weiterbauen? Aber wie erquickt Einen das herrliche Grün, wie lächeln Einem die allbekannten Opuntien und langblätterigen Aloës zu, wie bekannt und heimisch winkt der hohe Palmbaum! Dazu das lebendige Treiben auf der Straße. Die wirklich madonnenhaften Antlitze der jungen Mädchen, denn eine durchweg schöne Bevölkerung ist in Apulien und namentlich der weibliche Theil, ist fast durchaus schön zu nennen.

Und so wie es ist muß es auch sein; ich möchte nichts von dem wissen, wie wir uns Italien seit jeher vorgestellt haben und wie es in der That ist. Da scandalirt man über den Schmutz[33] der neapolitanischen Bevölkerung, über die =shocking= Nacktheit der dort herumlaufenden, herumkriechenden Kinder, aber man mache einmal aus Neapel eine nach holländischer Art abgewaschene Stadt--und Neapel ist nicht mehr Neapel.

Ein ununterbrochener Regen goß herab, auf der Post fand ich einen Brief von Ernst[34], dem an der Grenze die Patronen confiscirt waren, der sonst aber wohlbehalten mit Taubert[35] in Triest angekommen war. Auch Jordan[36] schrieb von dort vom 20.: er sei mit Remelé[37] und drei Dienern in Triest angekommen, habe meine beiden Diener gefunden und Freitag Nachts hätten sie sich an Bord begeben. Zittel[38] und Schweinfurth[39] könnten nun möglicherweise am selben Abend noch hierher kommen, wenn sie nicht auch die Route Triest genommen hätten; am Abend vorher hatte ich sie vergebens erwartet.

Als ich meine Briefe postirt hatte, legte sich der Platzregen, welcher den ganzen Morgen mit ununterbrochener Wuth herabgeströmt war, und bald darauf erschien der Archidiakon Farentini, um mich abzuholen. Er zeigte mir zuerst eine höchst merkwürdige Kirche, eine sehr alte Baute, die ursprünglich frei angelegt, später durch den Ueberbau einer anderen Kirche zu einer Krypta gemacht und jetzt wieder durch Hinwegräumung des umgebenden Terrains eine überirdische Kirche geworden ist. Sie rührt aus dem 5. oder 6. Jahrhundert her. Sodann gingen wir nach einer Rotunde, einer Ruine, von der die Reisebücher behaupten, sie sei als christliche Kirche gebaut, was indeß keineswegs erwiesen ist. Jedenfalls rühren die Säulen, die Capitäler von verschiedener Ordnung von alten römischen oder griechischen Tempeln her. Es war mittlerweile dunkel geworden und wir verabschiedeten uns von einander.

Bei meiner Nachhausekunft fand ich Zittel und Ascherson vor. Sie waren beide über Rom und Neapel Nachmittags in Brindisi eingetroffen und Ascherson hatte den kurzen Aufenthalt schon benutzt, um zu botanisiren; ganz mit Pflanzen beladen kam er nach Hause. Wir dinirten noch gemeinschaftlich und gingen dann um 7 Uhr an Bord. Zuerst hatten Noël und ich, Ascherson und Zittel je eine Cajüte für uns, als aber dann in unsere Cabinen noch fremde Leute hineingesteckt wurden, tauschten wir derart, daß wir Vier zusammenkamen. Ich konnte die Nacht gar nicht schlafen, die Betten waren sehr hart und schmal und gegen Morgen entstand ein Höllenlärm, denn um 3 Uhr kam ein Londoner Expreßtrain, den auch Schweinfurth benutzt hatte, von Bologna und um 8 Uhr Morgens kurz vor Frühstückszeit, als wir auf dem Deck erschienen, waren wir schon =en route=; es war köstliches Wetter, das Meer leicht gewellt, was aber dem sehr großen Dampfer keine Bewegung verursachte.

Um 10 Uhr Morgens fuhren wir bei der griechischen Stadt Navarin vorbei; auch an dem Tage herrliches Wetter, wenn auch etwas trüber. Je mehr wir nach dem Süden kamen, desto milder wurde die Lufttemperatur und Abends hatten wir immer das schönste Meerleuchten, und die Zeit wäre gewiß so angenehm wie möglich vergangen, wenn nicht Regenwetter eingetreten wäre, welches uns nöthigte unter Deck zu bleiben. Die letzten beiden Tage hatten wir sogar Sturm; Zittel und Ascherson waren seekrank, Schweinfurth, Noël und ich hielten uns vortrefflich; aber Zittel mußte einen ganzen Tag im Bette liegen, da er sich stark erkältet hatte und heftige Halsschmerzen bekam. Und doch war es so warm. 20 Grad im Schatten.

Um 12 Uhr Mittags kamen wir in den Hafen von Alexandrien; wir mußten die Quarantäne am Bord des Schiffes bis übermorgen Mittag halten. Alle Sachen waren angekommen und alles Andere war von Menshausen, einem deutschen Kaufmanne, besorgt. Der Vicekönig war in Kairo und v. Jasmund auch, der dort sich augenblicklich mit dem Prinzen von Hohenzollern aufhielt. In Alexandria war projectirt, nur einen Tag zu bleiben, in Kairo drei bis vier, um dann gleich bis Minieh oder Siut (Hauptstadt von Oberägypten am Nil) vorwärts zu gehen.

Welch' bewegtes Leben hier in Skendria oder Alexandria! Wir lagen am Eingange des Hafens auf der Rhede. Rechts der schöne Mex-Palast von Said Pascha, links der Leuchtthurm und der schneeweiße Palast von Mehemed Ali, der Mastenwald, mit der Stadt im Hintergrunde vor uns. In der Ferne ein üppiger Palmenwald: dies das Panorama von unserem Schiffe. Auf dem Schiffe selbst zerlumpte Soldaten mit gelber Schärpe, Abzeichen der Quarantäne. Dafür, daß ich mit Menshausen sprach, kam der wie ein Bänkelsänger aussehende Soldat gleich mit offener Hand auf mich los: "=nrid backschisch=", "ich möchte Trinkgeld." Er war sehr bedonnert, als ich ihn in arabischer Sprache fragte, wie er dazu käme und mit welchem Rechte er bettele. Natürlich gab ich ihm trotzdem sein Backschisch.

Schweinfurth war wieder hergestellt und Zittel und Ascherson natürlich wie durch Zauber ihrer Krankheit hier im sicheren Hafen überhoben. Mit den übrigen Herren auf dem Lloydschiffe, welches auch gekommen war und einen Flintenschuß weit von uns lag, tauschten wir, sobald wir uns durchs Fernrohr erkannten, laute Hurrahrufe aus und später kamen Jordan und Remelé herüber, um uns (natürlich immer in respectvoller Distance, da sie fünf, wir aber nur zwei Tage Quarantäne halten sollten) zu begrüßen. Die Armen mußten darauf aber das Schiff verlassen, um am Lande die Quarantäne abzuhalten. Das ist langweilig und kostspielig für sie; aber amüsant mußte es ihnen sein, die zahlreichen Pilger zu beobachten, welche, an dem Tage von Marokko kommend, ein englischer Dampfer gebracht hatte, etwa 1000 an der Zahl. Das war ein sonderbarer Anblick; ein bunteres Bild konnte man kaum sehen, als sie in kleinen Barken zu 8-10 Mann nach dem Quarantäne-Gebäude geschafft wurden. Aber bunt kann man eigentlich nicht sagen, weil alle entweder in einem schmutziggrauen, schmutzigbraunen oder schwarzen Burnus eingewickelt waren und offenbar die schlechtesten Gewänder trugen, die sie überhaupt in ihrer Heimath von ihren Angehörigen hatten auftreiben können. Wie merkwürdig, daß sich dieser Pilgerzug mitten durch die civilisirtesten Länder und Völker hindurch immer noch erhält, denn eine Abnahme des Pilgerns ist wohl kaum zu spüren. Und wie merkwürdig, daß die christlichen Engländer es heute unternehmen, die fanatischen Gläubigen zu ihrer heiligen Stätte zu führen. Auf der einen Seite geben sie jährlich Hunderttausende von Pfund Sterling aus, um dem Umsichgreifen des Islam durch christliche Missionen ein Ziel zu setzen, auf der anderen Seite leisten sie demselben Vorschub dadurch, daß sie das Pilgern erleichtern, denn es kann nicht geläugnet werden, daß die jährlichen Zusammenkünfte am Berge Ararat und beim schwarzen Steine in Mekka die Mohammedaner zu immer neuem Fanatismus anfachen. Das ist bei den mohammedanischen Pilgerfahrten so gut der Fall, wie bei den katholischen. Uebrigens Angesichts unserer eigenen Pilgerreisen inmitten des civilisirten Europa ist es kaum erlaubt, darüber zu staunen; denn dem Unparteiischen muß es schließlich einerlei sein, ob er in Nordafrika dumme Schafheerden nach Mekka strömen sieht, oder solche von Frankreich, von Belgien, vom Rhein aus auf dem Wege nach Rom erblickt. Hier sowohl wie dort wird Dasselbe erstrebt: In Mekka wie in Rom ist für den Hohenpriester die Hauptsache, Geld zu bekommen, für die Pilger, sich Verdienste und Vergebung der Sünden zu erwerben. Einen Unterschied vermögen wir absolut nicht zu finden. Dummheit und Aberglaube sind bei den Mohammedanern wie Christen die Triebfedern.

Langeweile hatten wir an Bord nicht; die Passagiere waren noch fast alle geblieben, nur die India-Reisenden gingen am selben Tage mit einem direct nach Suez gehenden Zuge ab. Ein solcher Quarantäne-Zug wird verschlossen, darf nirgends halten und ohne Aufenthalt geht es in Suez wieder an Bord. Der Hafen ist ungemein belebt; Dampfer kommen und gehen; einige, die von inficirten Häfen kommen, werden mit der gelben Flagge, dem Abzeichen, daß sie in Quarantäne sind, geschmückt; andere, die aus gesunden Häfen ausgelaufen sind, bleiben ohne gelbes Abzeichen und dürfen gleich mit der Stadt communiciren.

Endlich schlug die ersehnte Stunde: zwei Cavassen vom Generalconsulat kamen an Bord, und uns und unsere Sachen einladend ging es fort und bald darauf hielten wir vor Abbat's Hôtel, an einem der schönsten Plätze Alexandriens gelegen. Ich ging zuerst zu Menshausen und dann auf's Consulat. Herr v. Jasmund empfing mich sehr freundlich. Für den Abend war ich mit allen meinen Begleitern zum Essen auf's Consulat geladen.

Jordan und Remelé waren gestern Abend auch noch aus der Quarantäne befreit werden, welche also keineswegs so streng beobachtet und gehalten wurde, wie ursprünglich war angeordnet worden, und so waren wir denn Alle vereint im Hôtel Abbat, wo wir zum ersten Male erfahren sollten, mit ägyptischen Preisen zu rechnen. Allein für die Diener mußte ich täglich 40 Frcs. ausgeben. Im Uebrigen konnte man mit den Zimmern, dem Essen und der Bedienung zufrieden sein, obschon die Hôtels in Alexandrien nicht so gut sind, wie die in Kairo, da in der Hafenstadt die Passagiere nur ein bis zwei Tage zu bleiben pflegen, wogegen sie in Kairo manchmal Monate lang weilen.

In Alexandria wurde meine ganze Zeit durch geschäftliche Angelegenheiten in Anspruch genommen. Nur Abends hatten wir Ruhe, uns an einem Glase Bier zu erlaben.

Bei unserer demnächstigen Abreise von Alexandrien war am Schalter wieder eine entsetzliche Wirthschaft: Es ist unglaublich, mit welcher Gemüthsruhe der Billeteur die sich drängenden und ungeduldigen Reisenden am Schalter abfertigt. Werden sie gar zu lästig, hört er einige "=goddam=" oder "=au sacre nom de Dieu=" oder Kreuz-Millionen-Donnerwetter, dann entfernt er sich für fünf Minuten, nimmt eine Tasse Kaffee, um mit neuen Kräften dem Publicum entgegentreten zu können. Endlich war an mich die Reihe gekommen, ich hatte meine Billets, die Bagage wurde eingeschrieben und bald darauf ging's fort. Da Ascherson, Jordan und Remelé noch zurückblieben, um mit einem anderen Zuge nachzufahren, so lud Herr v. Jasmund uns ein, in sein Coupé zu steigen. Die Generalkonsuln in Alexandrien bekommen jedesmal ein eigenes Coupé, wenn sie reisen.