Beiträge zur Entdeckung und Erforschung Africa's. Berichte aus den Jahren 1870-1875
Part 15
Esneh mit circa 7000 Einwohnern ist günstiger gelegen, als Siut, insofern als es unmittelbar am Nil liegt, aber dennoch ist letztere Stadt bedeutend wichtiger für Handel und Wandel. Der jetzige Name Esneh ist der alte, ursprünglich ägyptische, wie Quatremère und Champollion aus koptischen Urkunden nachgewiesen haben. Letzterer bringt das Wort mit =Sna= was auf koptisch Garten bedeutet, in Verbindung. Der griechische Name Latopolis kommt, wie Strabo (Bd. XVII, S. 817) sagt, von der Verehrung des Fisches Latos her, dem hier mit Minerva göttliche Ehre erwiesen wurde. Dies bezeugt der prächtige Tempel, dessen Vorhalle, unter Mohammed Ali's Regierung bloßgelegt, zu den wohlerhaltensten Denkmälern gehört, welche Aegypten besitzt.
Im Ganzen genommen liegt Esneh äußerst malerisch auf circa 25-30 Fuß hohem Nilufer. Der Palast des Chedive, die große Cavallerie-Caserne, welche jetzt allerdings leer steht und welcher der Verfall droht, das Mudirats-Gebäude, die Wohnung des Schich el Bled, alle am Nil gelegen, dann die große Zahl der imposanten und bunt bekalkten Taubenschläge verleihen der Stadt ein größeres Aussehen, als sie in Wirklichkeit hat. Ich habe früher schon dieser colossalen Taubenschläge erwähnt; ein einziger solcher Thurm, viel luxuriöser gebaut, als die danebenstehende menschliche Wohnung, beherbergt oft 500 und mehr Tauben. Hauptzweck der Taubenzucht ist die Erzielung von Guano, und Leute in Esneh gaben mir die Versicherung, daß der Jahresbetrag eines großen Taubenschlags oft für 40 bis 50 Ducaten Guano betrage. Man sieht also, daß nicht allein die Gewässer des Nils es sind, welche die fruchtbaren Fluren erzeugen, sondern daß auch noch durch Dünger nachgeholfen werden muß.
Und da ich doch einmal bei den Tauben verweile, möchte ich hier die interessante, schon von Darwin mitgeteilte Thatsache hervorheben, daß die Tauben, um zu trinken, direct in den Nil fliegen; natürlich gehen sie in so seichtes Wasser, daß sie Grund finden. Aber wie lange wird es dauern und Gewohnheit, Notwendigkeit und Zuchtwahl werden zusammenwirken, es werden sich Schwimmhäutchen an den Füßen bilden und nach 10,000 Jahren oder mehr hat Aegypten vielleicht schwimmende Tauben.
Eine Eigenthümlichkeit hat Esneh noch, welche sich vielleicht in den anderen ägyptischen Städten auch findet, aber nicht so hervortritt, nämlich ein ganzes Viertel, wo nur Hetären wohnen. In der Nähe sind türkische Kaffeehäuser und von da konnten wir die interessantesten Beobachtungen anstellen. Da sah man eine ganze ethnographische Musterkarte weiblicher Geschöpfe: hier eine blendend weiße Deltabewohnerin, vielleicht mit tscherkessischem Blute in ihren Adern, dort eine pechschwarze Dame aus Fur, hier eine rothe Dongolanerin, dort eine Fellahin aus dem Nilthal mit goldgelber Haut und großen schwarzen Augen, hier eine Jüdin, dort eine Christin, hier eine Mohammedanerin, dort eine Schwarze, welche vielleicht noch Heidin war, kurz, fast alle Racen, jedes Alter und jede Religion war vertreten.
Wir luden diese zuvorkommenden Wesen ein, uns im Palais einen Besuch zu machen, aber da erfuhren wir, daß sie aus der Grenze ihres Stadtviertels ohne besondere Erlaubniß des Gouverneurs nicht herausgehen durften. Unser Photograph, Herr Remelé, wollte nämlich ein Gesammtbild dieser ethnographisch interessanten Frauen herstellen. Die Erlaubniß war indeß schnell erwirkt. Unter Führung des Unter-Mudir und verschiedener Polizisten erschienen sie Nachmittags, gewiß 30 an der Zahl, im Garten des chedivischen Palais. Alle waren im höchsten Putze und die Aermste hatte mindestens 40-50 Goldstücke zu einer Kette vereint um den Hals. Große goldene und silberne Armbänder, Fußspangen, bunte Kleider, goldgestickte Schuhe, Alles hatten sie angethan, um möglichst vorteilhaft zu erscheinen. Natürlich mußte die Sitzung bezahlt werden, aber es gelang Herrn Remelé doch, zwei höchst gelungene Aufnahmen zu machen.
Sonst hat die Stadt nichts von Interesse; der Marktplatz, die Buden, die Straßen sind eng und klein, aber es ist Alles zu haben. Mehrere von Griechen gehaltene Schenken sind mit leiblichen Bedürfnissen aller Art wohl versehen.
Doch noch einmal kehren wir zurück zu dem Tempel, der gleich hinter dem Marktplatze gelegen ist und sicher zu den staunenswertesten Denkmälern Aegyptens gehört. Dabei kam mir der Gedanke, wie angenehm es für uns gewesen war, diese alten ägyptischen Bauten immer in aufsteigender Weise kennen gelernt zu haben. Nachdem wir zuerst auf unserer Hinreise die ziemlich kunstlos gearbeiteten Hypogeen (Katakomben) von Beni Hassan, die Grüfte von Siut, gesehen, waren wir zum kleinen Tempel in Dachel, dann aber zum viel prächtigeren großen von Chargeh gekommen und nun hatten wir hier ein Werk vor uns, das uns die Pracht und die Herrlichkeit der ägyptischen Baukunst auf's Vollkommenste vergegenwärtigte. Leider ist der größte Theil des Tempels noch unter Schutt, nur der Porticus ist zugänglich. Aber seine gewaltigen Dimensionen deuten genugsam auf die bedeutenden Bauten hin, welche uns augenblicklich der neidische Boden zusammengefallener Hütten und Häuser verbirgt.
24 Säulen, über 33 Fuß hoch, in vier Reihen stehend, mit einer Peripherie von 16 Fuß jede Säule, lassen in diesem Vortempel nur ahnen, welche großartige Verhältnisse dahinter liegen. Die französische Expedition schätzt die Grundfläche des ganzen Tempels auf 5000 Quadratmeter, und Alles ist mit Hieroglyphen und bildlichen Darstellungen bedeckt. "Könnte ein Steinmetz auch ein Zehntel Quadratmeter in _einem_ Tage mit solchen Hieroglyphen bedecken, so wären doch 50,000 Tage zur Beendigung der ganzen Decoration nöthig[60]."
Man sieht überall den Widderkopf des Jupiter Ammon; auch über der Thür, welche ins Innere des Tempels führt und die vermauert ist, sieht man ein widderköpfiges Bild. Die Säulen, deren Architrav, die Decke des Tempels sind alle wohl erhalten und die _erhaben_ gearbeiteten Hieroglyphen im Innern des Porticus sind von einer Genauigkeit der Arbeit, als ob sie erst gestern aus der Hand des Künstlers hervorgegangen wären. Warum sind in dem Innern der Tempel die Hieroglyphen erhaben, an der äußeren Seite aber meist vertieft gearbeitet? Das sind Fragen, die Einem einfallen; vielleicht hat ein Brugsch oder Lepsius, oder gar schon Champollion darauf geantwortet. Ich weiß es nicht, ich verweise daher den, der sich mit diesen Gegenständen eingehend beschäftigen will, auf die dahin einschlägige Literatur. Interesse hat eine solche Baute gewiß für Jedermann; auch der Gleichgültigste muß bewundern und selbst der blasirteste Mensch muß verstummen unter dem mächtigen Eindrucke dieses Menschenwerks. Schade, daß die Dunkelheit nicht erlaubt, die Deckengemälde genauer zu betrachten, wo namentlich ein Thierkreis, durch die Sauberkeit seiner Arbeit ausgezeichnet, von großem Interesse sein soll. Ich habe ihn nicht gesehen; die Dunkelheit wird hervorgebracht durch Schutt, der, fast so hoch wie der Tempel selbst, davor liegt; man muß mittelst einer Treppe hinabsteigen.
Fünf Tage waren wir in Esneh, von Assuan kam immer noch kein Schiff. Am vierten Tage aber hatten wir schon einen Entschluß gefaßt. Vertraut mit den Versprechungen, welche ägyptische Beamte zu machen, aber nicht zu halten pflegen, hatten wir eingesehen, daß auf eine Dahabieh nicht zu rechnen sei. "Kairo ist weit und der Chedive thront hoch", denken auch die ägyptischen Mudire in Oberägypten. Möglich, daß keine Dahabieh in Assuan zu haben war, möglich, daß man dahin noch gar nicht um eine solche telegraphirt hatte; genug, es kam keine.
Aber in Esneh selbst fanden sich zwei allerdings kleine, aber doch taugliche Schiffe, und mit Hülfe des Mudir wurden sie gemiethet. Der Mudir verstand etwas Englisch und war einer der besten ägyptischen Provinzialbeamten, den ich noch gesehen hatte: Wie fein und "=gentlemanlike=" war sein Benehmen gegen das des Siuter Mudir, der ein ehemaliger Sclave von Abbas Pascha war! Der Mudir von Esneh hatte aber auch früher an der Spitze der Asisieh-Dampfer-Compagnie gestanden, er war noch früher See-Capitain gewesen und hatte als solcher die Welt kennen gelernt.
Auch die anderen Honoratioren der Stadt waren ordentliche Leute. Da war der Unter-Mudir, ein sehr gefälliger Mann; da war der Medicinalrath, der etwas Französisch redete, sich auch eine ägyptische Zeitung, die in französischer Sprache erschien, hielt, sie nur nie las. Er war so liebenswürdig, sie mir täglich zu schicken, aber ich gestehe, nachdem ich einige Mal dies Blatt, "=l'Egypte=" genannt, durchgesehen hatte, stand ich ebenfalls davon ab, es zu lesen. Kann man sich einen langweiligeren Inhalt denken: einige amtliche Bekanntmachungen, Auszüge aus den Verhandlungen irgend welcher obscurer französischer Gesellschaften, irgend ein französischer Sensationsroman und einige Annoncen. Selbst telegraphische Berichte waren nicht einmal vorhanden und politische Nachrichten, Leitartikel oder sonstige Raisonnements fehlten gänzlich. Glückliche ägyptische Beamte, die mit einem solchen officiellen Blatte abgespeist werden, "=l'Egypte=" ist das Organ der Regierung.
Da war dann noch der Mufti, der Kadhi, der Schich el Midjelis[61], der Ukil[62] des Palais des Vicekönigs und einige andere Notablen, die uns alle Abende einen Besuch machten; aber einen kurzen, das muß ich zu ihrer Ehre nachrühmen; die langen Sitzungen, wie sie uns von der Behörde in Dachel täglich aufoctroyirt wurden, hatten wir hier nicht mehr zu erdulden.
Bezaubernd in gewisser Weise waren auch die Tage in Esneh, so recht für's =Dolce far niente= angethan. Wenn des Morgens in die offenen Fenster hinein die sich mischenden Düfte des Jasmin und Orangenbaumes zogen, wenn die Schwalben ihr jubelndes Zwitschern erschallen ließen und wir selbst, Zittel und ich, uns auf die Terrasse begaben, um in aller Ruhe Kaffee zu schlürfen, zu schreiben oder zu lesen,--oder aber, wenn Abends die Sonne sich hinter die Nilufer gesenkt hatte und nun die gegenüberliegenden weißlichen Kalkberge in den herrlichsten Farben geschmückt prangten, der Himmel und der Nil selbst von ganz anderen Tinten übergossen erschien, als man es je anderswo schauen mag--so ließen alle diese Bilder Eindrücke zurück, welche nur Der zu würdigen weiß, der selbst Aehnliches erlebt und gesehen hat.
Mittags hatten wir die Dahabiehen gemiethet, Nachmittags um 5 Uhr konnten wir schon abfahren. Aber die Dahabiehen sind keineswegs alle von gleicher Beschaffenheit. Man hat sehr große und schöne, so wie die europäischen Nilreisenden sich dieselben in Kairo zu einer Reise auf dem Nil miethen; man hat kleinere für eingeborene Reisende und solche, die gleichsam für den Waarentransport eingerichtet sind.
Uns standen zwei kleinere zu Gebote, die mit vielen Nachtheilen den Vortheil verbanden, daß sie schneller fortzubewegen und besonders, daß sie bedeutend billiger waren, als die großen Dahabiehen. Wir verteilten uns also in die zwei Schiffchen und zwar so, daß Zittel, Ascherson und ich mit zwei europäischen Dienern das eine, Herr Remelé und Jordan mit drei ebenfalls europäischen Dienern das andere Schiff einnahmen. Räumlich waren letztere besser daran, als wir, denn bei gleich großen Cajüten waren sie zu Zweien, wir aber zu Dreien. Jedes Schiff hatte nämlich an seinem hinteren Theile zwei kleine Cabinen; in unserem bezogen Zittel und ich die eine, Ascherson die andere; letztere diente zugleich als Speisesaal und als Ort, wo unsere Kisten standen; beide Cajüten waren durch einen nicht näher zu bezeichnenden Ort getrennt, dessen unangenehme Einschaltung wir aber dadurch unschädlich machten, daß wir uns Allen den Zutritt verboten.
Oben auf den beiden Cajüten wurde gesteuert, dort schliefen der Rais, unsere beiden europäischen Diener und der Schich unserer eingeborenen Leute. Die Mitte des Schiffes hatte Raum für den Mastbaum, für drei improvisirte Bänke, welche die sechs Ruderer inne hatten, und unter Deck war unsere Bagage; ganz am Vordertheile des Schiffes befand sich eine Art von Küche. Das war die Einrichtung des Schiffes. An Möbeln hatten wir Feldtische und Stühle von einem Dampfschiffe des Chedive, welches vor Kurzem bei den Ssilsilla-Bergen oberhalb Esneh gescheitert war. Unsere eignen Feldstühle waren durch die Reise ganz unbrauchbar geworden.
An Proviant hatten wir drei Schafe, mehrere Puter, Eier, Mehl, Butter, Reis, Linsen, Brod, Kaffee, Wein und Bier; in dieser Beziehung waren wir also wohl versorgt, und um ja zu vermeiden, daß an Bord des anderen Schiffes nicht Unzufriedenheit ausbräche, theilte ich die Lebensmittel und Getränke stets so, daß jedes Schiff die Hälfte bekam, trotzdem wir zu drei Herren, das andere Fahrzeug aber nur mit zweien besetzt war.
Langsam entschwand Esneh unseren Blicken. Es war der erste Abend, den wir wieder auf dem Nil verlebten, ein herrlicher in jeder Art, und nun konnten wir auch schon mit ziemlicher Gewißheit vorher berechnen, wann wir in Kairo, wann wir in Alexandria und wann wir in Neapel sein würden, besonders Zittel und ich, die wir gemeinsam zurückreisen wollten, wir gaben uns oft diesem frohen Gedanken hin. Da saßen wir nun oben auf der Cabine, ein Glas Bier vor uns, schauten auf die in prächtigen Farben schimmernden Berge, auf die ruhigen Fluthen des Nil, auf die Barken, die leise darüber hinglitten, auf die friedlichen Ufer, wo hier ein Schäfer seine Heerde heimtrieb, dort Büffel, die das steile Gehänge hinanklommen, hier Männer mit Sicheln bewaffnet, Heubündel einheimsend, hier die jungen Fellahmädchen, die Kühe zum Melken herantreibend,--ein Bild der Ruhe und des Friedens. Und diese Leute sollen so bedrückt sein, daß sie kaum mehr das Geld erschwingen können? So fragte ich mich beim Anblick dieses Bildes. Es leuchtete doch nur Zufriedenheit und Frohsinn aus aller Leute Gesicht. Hier wurde laut gelacht, dort wurde gesungen. Wie stimmt das mit den Klagen über unerschwingliche Steuern?
Ach, es ist leider nur zu wahr, in Aegypten giebt es wohl gar keine Gegenstände mehr, die unbesteuert sind und die Steuern sind wirklich für das Volk fast unerschwinglich. Die Zufriedenheit und der frohe Sinn, die ewige Heiterkeit der armen Fellahin erklärt sich nur daraus, daß sie es nie besser gewohnt waren. Seit mehr als 4000 Jahren immer im Sclavenjoch, ist es einer Generation am Ende einerlei, ob sie mehr bezahlen muß, als die andern früher bezahlten. Auch die Väter haben keine Reichthümer gesammelt und haben, trotzdem sie vielleicht weniger steuerten, auch nichts hinterlassen.
Was war das? Da tönte von der anderen Barke mit einem Male "Ein lustiger Musikante marschirte einst am Nil" &c. herüber und hernach noch andere Lieder. Das Singen ist ansteckend; wir antworteten und so etablirten sich Wechselgesänge oder auch, wenn die beiden Barken ganz nahe waren, sangen wir zusammen. Zittel mit seiner wirklich schönen Stimme mußte die Palme zuerkannt werden,--doch nein, ich übertraf ihn. Denn wenn ich mit der Kraft meines ganzen Körpers und mit unbeschreiblichem Ausdruck mein Schnadahüpfln sang, dann folgte immer ein allgemeines "bis, bis, noch ein Mal!" Ja, wie von einem Niemann oder Betz, wie von einer Lucca oder Patti (ich vereinige den Zauber und den Schmelz der verschiedensten Stimmen, einerlei, ob aus männlichen oder weiblichen Kehlen) wurde stets mein Lied drei oder vier Mal zu hören verlangt.
Die Nächte auf dem Schiffe waren nicht allzu angenehm. Daß Ungeziefer der verschiedensten Art einheimisch war, sollten wir bald genug erfahren, aber in unserem Fahrzeuge waren außerdem noch Wasserratten, die auf lästige Art oft unseren ohnedies nicht festen Schlaf störten. Ja, eines Nachts sprang eine freche Ratte durch das kleine Fenster gerade auf mein Gesicht und als ich erschreckt in die Höhe fuhr, mit einem Satze auf Zittels Kopf, der dicht an meiner Seite schlief. Als sie auch hier keinen angenehmen Empfang fand, verschwand sie in unserem Brodkorbe, den sie sich als Lieblingsaufenthalt ausersehen hatte.
Das war die erste Nacht, aber man gewöhnte sich an derartige Unannehmlichkeiten, und die mächtig wirkende Sonnengluth bei Tage suchte man durch leichtere Kleidung zu dämpfen, oder es wurde an seichten Stellen ein Bad genommen, das freilich nur eine momentane Abkühlung bewirkte.
Wir näherten uns Theben, wo reich die Wohnungen sind an Besitzthum:
"Hundert hat sie der Thor', und es ziehen zweihundert aus jedem, Rüstige Männer zum Streit mit Rossen daher und Geschirren."
So singt Homer, aber ach!--nur Ruinen deuten heute noch auf die einstige Größe der Stadt, nach der im grauesten Alterthume, wie Herodot uns sagt, ganz Aegypten genannt wurde.
Pocht nur, ihr modernen Städte und Staaten, auf eure Unvergänglichkeit, du prahlerisches Rom mit deinen paar Tausend Jahren nennst dich die "ewige Stadt". Blicke auf Theben zurück, dem nicht einmal der Name geblieben ist. Ja, es ist traurig, die heutigen Bewohner des Ortes kennen den Namen Theben nicht. Angesichts der colossalen Ruinen, Angesichts eines Tempels, in welchem der Dom von St. Peter fünfmal stehen kann, ahnen sie nicht einmal die Bedeutung und die Macht, die früher diese Stätte hatte.
Man hätte es sich selbst nie verzeihen können, bei Theben vorbeizufahren, ohne wenigstens die hauptsächlichsten Denkmäler gesehen zu haben. "Auf Luxor zu halten!" riefen wir, und siehe da: auf einem stattlichen Hause unmittelbar am Nil flatterte eine große deutsche Fahne empor. Auf dem deutschen Consulate hatte man zwei mit deutschen Flaggen versehene Dahabiehen bemerkt, und da man ohnedies von unserer Ankunft unterrichtet war, wollte uns der Consul dadurch eine Aufmerksamkeit beweisen. Des Consuls Salutschüsse wurden von unseren Schiffen sogleich erwidert und bald darauf legten wir dicht bei seinem Hause vor Anker und begaben uns hinauf. Ein liebenswürdiger Mann, dieser Vertreter Deutschlands, dem nur Eins fehlt, nämlich Gehalt, was doch immerhin nothwendig wäre bei der öfteren Repräsentation und der Gastfreundschaft, welche dieser freundliche Kopte allen Deutschen erweist. Es wäre dies um so wünschenswerther, als die Vertreter der übrigen Mächte in Theben, z.B. die von England, Frankreich und Oesterreich, auch Gehalt beziehen. Allerdings sind dort keine Deutschen zu beschützen oder sonst irgendwie deutsche Interessen wahrzunehmen, aber wenn man schon einmal die Nothwendigkeit eines deutschen Consuls für einen Ort anerkannt hat, dann soll man ihn auch honoriren.
Es macht einen angenehmen Eindruck, im Hause des Consuls einen europäisch eingerichteten Salon zu finden, an den Wänden: unseren Kaiser, den Kronprinzen, die Schlachten mit den Franzosen und verschiedene Photographien von Deutschen, die Luxor, so heißt dieser Theil von Theben, wo die Consulate sich befinden, besucht haben.
Hier befindet sich auch das berühmte Fremdenbuch, worin Engländer und Franzosen unsern Lepsius so begeiferten, indem sie unkluger Weise ihm die Zerstörung der Ruinen schuld gaben. Kindischere Bemerkungen über die Trümmerfelder von Theben sind wohl nie geschrieben worden. Sie bedachten wohl nicht, daß Theben schon zur Zeit Strabo's zerstört war. Strabo (Bd. XVII, S. 816) sagt ausdrücklich: "Es ist mit Tempeln, die größtenteils von Chambyses zerstört worden sind, erfüllet und wird gegenwärtig als kleiner Flecken bewohnt &c." Also schon vor ca. 1900 Jahren war Theben, so wie es heute ist, aber vor ca. 3500 Jahren war es in seiner Glanzperiode, an Rom dachte man damals noch nicht. Dies Fremdenbuch wurde von Dümichen, als er unseren Kronprinzen auf seiner ägyptischen Reise begleitete, an Lepsius geschickt, der es zurücksandte mit der einfachen Bemerkung, er habe Kenntniß davon genommen. Auf dem Consulate sind übrigens zwei Fremdenbücher, ein allgemeines und ein nur für Deutsche bestimmtes. Das allgemeine Album rührt noch aus der Zeit her, wo der Consul verschiedene andere Nationen gleichzeitig mit vertrat.
Das Verbrechen von Lepsius bestand in Wirklichkeit darin, daß er viele der Tempel von Schutt reinigen ließ und zu der Zeit die Erlaubniß erhielt, gefundene Kunstgegenstände nach Berlin bringen zu dürfen; aber zerbrochen hat Lepsius nichts. Eine solche Barbarei z.B., wie das Ausbrechen des Thierkreises aus dem Tempel zu Dendera ist, ist nie von Deutschen begangen worden. Derselbe ist jetzt im Louvre.
Nach einem kurzen Besuche auf dem Consulate, wo der übliche Kaffee, Scherbet und Araki geschlürft und ein Tschibuk geraucht wurde, gingen wir sodann, den Tempel von Luxor zu sehen und ritten darauf nach dem Heiligthum von Karnak, dem größten Gebäude der Erde, welches jemals einer Gottheit geweiht war. Da eine Beschreibung dieser Bauten mit ihren Obelisken, Pylonen und Sphinxen nicht in meiner Absicht liegt, so fahre ich gleich fort im Berichten unserer Erlebnisse.
Wir waren Abends am Bord unseres Schiffes, schwelgend in der Erinnerung an jene staunenswerten Kunstwerke längst vergangener Generationen, nicht vergangener Völker, denn die heutigen Nilthalbewohner sind doch am Ende nur die Abkömmlinge jener Titanen, welche diese Riesenwerke aufbauten, deren Kraft und Schönheit wir jetzt täglich zu bewundern Gelegenheit hatten.
Und der folgende Tag sollte fast einen noch größeren Genuß gewähren: wir setzten hinüber auf die andere Seite des Nils, auf die linke, um die Königsgräber, die Memnon-Colosse, das Rameseum mit seinen herrlichen Bildwerken &c. in Augenschein zu nehmen. Ein ganzer Tag ging damit hin und dennoch sahen wir keineswegs alle Denkmäler, sondern nur die bemerkenswerthesten. Dankend muß ich erwähnen, daß uns vom Consulate ein sehr intelligenter Führer mitgegeben war, ein geborener Schlauberger, der dadurch die Backschische der Deutschen reichlicher zu fließen machen hoffte, daß er bei jeder Gelegenheit, und wenn diese auch von einem Steingemäuer (in Ermangelung eines Zaunes) gebrochen werden mußte, auf die Franzosen schimpfte, wie er andererseits muthmaßlich nicht verfehlte, auf die Deutschen zu schimpfen, wenn er Franzosen zu führen hatte.
Abends vereinigte uns ein solennes Souper auf dem Consulate. Man muß aber ein solches Essen mitgemacht haben, um über die Zahl der Gänge und Gerichte einen Begriff zu erhalten. Einigermaßen wird man sich eine Idee machen können, wenn ich sage, daß drei unserer complicirtesten Diners zusammengesetzt etwa ein koptisches bilden würden. Um uns besonders zu ehren und uns ganz in die koptische Sitte einzuführen, hatte der Consul es auf einer messingenen Riesenschüssel auftragen lassen, und während er selbst die Honneurs machte, ohne am Essen Theil zu nehmen, bat er uns, mit den Fingern zuzugreifen. Sein Sohn aber, ein liebenswürdiger junger Mann, der gut Englisch und etwas Deutsch sprach, nahm Theil an unserem Mahle. Als ich aber sah, daß einige von unserer Gesellschaft über das adamitische Essen ungeduldig zu werden anfingen (der Gang nach den Königsgrüften war ganz danach gewesen, den Appetit mehr als gewöhnlich zu reizen), bat ich den Consul, Messer und Gabeln bringen zu lassen, und nun ging es rascher von Statten. Aber fast hätte man sich diese wieder weggewünscht, denn es folgten so viele Gerichte, so viele Speisen, daß es kaum möglich war, von allen auch nur zu kosten. Rothwein, Champagner, dann und wann ein Gläschen Araki, um den Magen zu schnellerer Bewältigung der Speisen zu reizen, bildeten das Getränk und am Schlusse selbstverständlich eine Tasse Mokka mit dem Tschibuk.