Beiträge zur Entdeckung und Erforschung Africa's. Berichte aus den Jahren 1870-1875

Part 14

Chapter 143,494 wordsPublic domain

Auch in vergangenen Jahrhunderten war dies so, die Liebhaberei für derartige Düfte ist nicht neu. Als Beweis führe ich Leo[57] an, der in seiner Beschreibung "von der sehr großen und bewunderungswürdigen Stadt Kairo" sagt: "Auf einer anderen Seite (er hatte soeben das auch zu seiner Zeit so heißende Can el Halili beschrieben) der erwähnten Straße ist eine Gegend für Diejenigen, die mit Räucherwerken, z.B. Zibeth, Moschus, Ambra und Benzoin handeln; diese Wohlgerüche sind in solcher Menge vorhanden, daß wenn Jemand 25 Pfund verlangt, man ihm wohl 100 Pfund zeigen kann."

Hieran reihen sich noch andere Bazars, der von Gurich, wo hauptsächlich Seidenstoffe, Wollfabrikate und Tuche verkauft werden; ein eigener Zuckerbazar fehlt auch nicht und auch ein Waffenbazar dicht bei der berühmten Hassan-Moschee existirt noch immer. Man findet hier europäische und ägyptische Waffen, das Material indeß, die Klingen, Läufe und Schlösser kommen vom Abendlande, nur die Zusammensetzung und die Ausbesserungen werden hier vorgenommen.

Der Waffenmarkt hat übrigens bedeutend abgenommen, seitdem das Faustrecht in Aegypten aufgehört hat, an der Tagesordnung zu sein. Jeder Eingeborene sucht allerdings auch heute noch seinen Stolz darin, dermaleinst eine Flinte zu besitzen, um der Jagd, die ja in Aegypten frei ist, fröhnen zu können; aber eine _Notwendigkeit_, eine Waffe zu haben und zu tragen, wie das früher der Fall war, namentlich vor Mohammed-Alis Zeiten, die liegt heute nicht mehr vor.

Wenn nun auch Kairo nicht die erste Handelsstadt des Pharaonenreiches ist, das ist heute Alexandrien, so ist der Warenumsatz und geschäftliche Verkehr doch immerhin ein bedeutender und durchaus der Einwohnerzahl Kairos gemäß.

Der Haupthandel, namentlich der Engros-Handel, befindet sich in den Händen der Griechen, nach ihnen kommen die Engländer, Italiener, Franzosen und Deutschen; aber der größte Kaufmann, der, welcher allein mehr Geschäfte macht, als alle Eingeborenen und Ausländer zusammengenommen, das ist der Chedive. Noch größer, denn als Regent, zeigt sich Ismael als Geschäftsmann.

Die kaufmännischen Geschäfte werden zwischen den Eingeborenen und europäischen Handelsleuten mittelst Makler (arab. =samsar=, italienisch =sensale=) abgemacht. Meist wird der Verkauf mittelst Credit abgeschlossen, selten gleich baare Zahlung geleistet. Gewöhnlich sind die Eingeborenen die pünktlichsten Zahler, obschon sie es auch an der knauserigsten Feilscherei nicht fehlen lassen und um einen Para mehr oder weniger Himmel und Hölle in Bewegung setzen möchten.

Unter den Ausfuhrartikeln, welche stets in Kairo lagern, nennen wir als wichtig: Gummi, Elfenbein, Sennesblätter, Datteln, Weihrauch, Perlmutter, sogenannter Mokkakaffee, der aber zum größten Theil aus den Landstrichen südlich von Abessynien kommt, Straußenfedern, Felle, Opium, Schildpatt, Tamarinden, Wachs, Knochen, Hörner, Lumpen.

In industrieller Beziehung steht die Fabrikation von halbseidenen Stoffen oben an. Es giebt in Kairo augenblicklich 500 Webestühle, welche jenen unter dem Namen Kutnieh oder Alagieh bekannten halbseidenen Stoff fabriciren. Ferner ist die Zahl der Indigofärbereien nicht unbedeutend; fast alle Kattunstoffe werden ungefärbt importirt, aber die Eingeborenen tragen sie nur indigogefärbt.

Auch die Gerbereien werden =en gros= betrieben. Die Bewohner von Kairo verstehen ebenso gut das Leder zu gerben und zuzubereiten, wie die von Cordova, von Marokko oder Saffi, von welchen Städten die feinen Leder ihre speciellen Namen als Corduan, Maroccain oder Saffian erhalten haben. Auch Posamentirarbeiten, Mattenflechterei und Korbmacherei erfreut sich in der Hauptstadt eines großen Aufschwunges.

Wollstoffe, grobe Leinwand, welche vorzüglich in Fayum gewebt wird, haben in Kairo ihren hauptsächlichsten Umsatz für das ganze Land. In Bulak giebt es eine Papierfabrik, eine Kanonengießerei und eine bedeutende Schiffswerft. Bulak muß jetzt überhaupt schon als ein integrirender Stadttheil Kairo's betrachtet werden, und da wollen wir nicht unerwähnt lassen, daß das Sehenswertheste in diesem Stadttheile das von Herrn _Mariette_ gegründete ägyptologische Museum ist.

Auch ein Irrenhaus, ein Bagno für weibliche Verbrecher, eine Kunst- und Gewerbeschule, das Arsenal, eine arabische und persische Druckerei befinden sich in Bulak.

Und =vis-à-vis= von Bulak ist die Perle des Nils, der Palast und Garten von Gesirah. Wer je einmal die Wundermärchen von "Tausend und Eine Nacht" gelesen hat, der glaubt, daß hier diese Zaubereien Wirklichkeit geworden sind. Der Palast selbst erinnert an das Meisterstück der Alhambra, den Löwenhof. Der Garten aber übertrifft an Ueppigkeit der Pflanzen, an prachtvollen Anlagen, an seltenen exotischen Gewächsen selbst noch den der Esbekieh inmitten der Hauptstadt.

Die Grasplätze, Stauden und Blumen, die Statuetten, Grotten, Felspartien, Bäche, Brücken, Candelaber, Springbrunnen &c., alles dies belebt von Thieren aller Art und Größe, machen diesen Garten zu einer Zauberei eigner Art. Namentlich Abends und Nachts, wenn einer jener officiellen chedivischen Bälle abgehalten wird, glaubt man beim Lichte jener 1000 Gasflammen der Wirklichkeit entrückt zu sein.

In der Mitte des Gartens ist jener herrliche Salamlik, ein Sommerpalast des Chedive, von einem Walde von Säulen getragen.

Eine Zierde dieses Wundergartens wird das Aquarium sein, welches von eben jenem fähigen Baumeister errichtet wird, Herrn _Combay_, welcher die prachtvolle Grotte im Esbekieh-Garten erbaut hat. Dasselbe erhält eine Grundfläche von 4800 Quadratmetern und besteht aus zwei Etagen. Die Idee ist ebenso großartig, wie kühn. Die prächtig nachgebildeten Stalaktiten, welche vom Gewölbe herab sich in die Grotten senken, die Korallen und Seegewächse, welche vom Boden aufsteigen, wirken wunderbar, und hier auf der Grenze zweier Meere, des rothen und des mittelländischen, inmitten eines der mächtigsten Ströme der Erde werden wir bald ein Aquarium besitzen, wie kein zweites auf der Welt, welches jedenfalls an Reichhaltigkeit lebender Bewohner von Salz- und Süßwasser selbst die Aquarien von Brighton und Neapel aus dem Felde schlagen wird.

Wie Bulak heute nur ein Theil Kairo's ist, so ist Masr el Attikah (Alt-Kairo, früher officiell so unterschieden als abgetrennte Stadt vom eigentlichen Masr, während wir im Verlaufe dieser Abhandlung mit Alt-Kairo das bezeichnen, was orientalisch ist, und Neu-Kairo das nennen, was neu ist, also vorzüglich den Stadttheil Ismaelia) es ebenfalls.

Geht man von der Esbekieh aus über den Abdin-Platz bei der Sitti Seinab vorbei, so befindet man sich angesichts des protestantischen und katholischen Kirchhofs und angesichts jenes Riesen-Aquaducts, den Saladin herstellen ließ, um dadurch die Befestigungen der Citadelle zu vervollständigen. Diese Wasserleitung ruht auf 289 Bogen und hat eine Länge von etwas über 2 Quadrat-Meilen. Eine schattige Alle führt, sobald man unter der Wasserleitung durch ist, nach Masr el Attikah.

Von den 8 christlichen Kirchen, welche hier sind, ist für den Fremden die am interessantesten, in welcher das Häuschen sich befindet, worin nach der Legende die heilige Familie geweilt haben soll; sie gehört den nichtunirten Griechen.

Gegenüber liegt die Insel Rhoda, welche zwar nicht zur Stadt Kairo gehört, aber wegen des hier befindlichen Nilmessers, Mekias von den Eingeborenen[58] genannt, welcher sich ursprünglich in Memphis befand, wird gewiß jeder Europäer, der als Reisender nach Aegypten kommt, zur Insel hinüberfahren.

Aber auch auf dieser Insel giebt es prächtige Paläste und Gärten, namentlich der Palast von Ibrahim Pascha ist eines Besuches werth. Auf dem südlichsten Ende der Insel befindet sich eine Pulvermühle.

Masr el Attikah ist mit Bulak durch eine Reihe schöner Paläste, Villen und Gärten verbunden. Das Palais von Soliman Pascha, unmittelbar am Nil gelegen, der Khalig-Kanal, bei dem alljährlich die Festlichkeiten stattfinden, welche bei der Nilüberschwemmung seit Tausenden von Jahren gefeiert werden, eine große Salpeterfabrik, das große Hospital Gasr el Ain, welches sowohl für Militär- als Civilpersonen eingerichtet ist, endlich das große Schloß Gasr el Nil, ein Hospital und eine ungeheure Kaserne, alle diese Bauten bereiten den Wanderer gewissermaßen auf eine der kolossalsten Thaten des Chedive vor, welche derselbe im Verlaufe seiner so wirksamen und ruhmgekrönten Regierung hat ausführen lassen. Wir meinen die feste Nilbrücke, im Februar 1872 eingeweiht; sie hat eine Länge von 406 Meter, hat auf dem rechten Nilufer eine Drehscheibe von 30 Meter Durchschnitt auf einem Thurme ruhend, der 50 Fuß tief in das Nilbett eingesenkt ist. Die Brücke hat 2,300,000 Frcs. gekostet. Ebenbürtig stellt sie sich den besten Brückenbauten der civilisirten Staaten an die Seite.

Aber wir halten, am anderen Ufer des Nils angekommen, an, denn die Beschreibung von Giseh, welches jetzt die Abfahrtsstation für Ober-Aegypten mit der Bahn geworden ist, die Pyramiden, auf der anderen Seite der versteinerten Welt Matarieh und Heliopolis, die Abassieh und die heißen Bäder von Hamman Heluan gehören nicht in den Rahmen dieses Bildes, der ja nur eine Uebersicht von Kairo, wie es jetzt ist, entwerfen sollte.

Eigenthümlich genug, daß die Generalconsulate und politischen Agenturen nicht in der Hauptstadt Aegyptens, sondern in Alexandrien sind. Dasselbe sehen wir sich wiederholen am westlichsten Punkte von Afrika, in Marokko, mit dem Unterschiede, daß im Innern von Marokko überhaupt noch keine Vertreter christlicher Mächte zu finden sind, während Tanger von den Staaten, die sich am meisten für das Land interessiren. Generalconsulate und Viceconsulate, beide von _einer_ Macht, beherbergt. Kairo hat blos Consulate.

Der Grund dieser Abnormität, dieser stiefmütterlichen Behandlung der Hauptstadt schreibt sich aus den alten Zeiten her, wo der Christ sich jede Art roher Behandlung gefallen lassen mußte. Wurde nun einmal ein einfacher Consul geohrfeigt von einem Mameluk oder ägyptischen Pascha, so konnte das eher verschmerzt werden; wurde aber ein Generalconsul mit Füßen getreten, so mußte man schon Notiz davon nehmen[59]. Zudem konnte ein Generalconsul eher in einer Hafenstadt geschützt werden, als im Innern des Landes.

Da aber alle diese Ursachen längst aufgehört haben, so sollte auch jener abnorme Zustand aufhören. Oder denkt man vielleicht, mit der Souveränität von Aegypten müßten ohnedies neue diplomatische Verbindungen eintreten und die Unabhängigkeit des Landes werde wohl nicht lange mehr auf sich warten lassen? Das einzige Land Persien hat sein Viceconsulat in Alexandrien, sein Generalconsulat aber in Kairo, und auch dies bestätigt meine vorhin ausgesprochene Ursache.

Die verschiedenen christlichen Gemeinschaften in Kairo haben fast alle ihre eigenen Kirchen, so die katholische der Väter des heiligen Grabes, die unirten Griechen, die orthodoxen Griechen, die katholischen Armenier, die nichtkatholischen Armenier, die unirten Syrier, die katholischen Maroniten, die reformirten deutsch-französischen Christen, die amerikanischen Protestanten, die katholischen Kopten und die Jesuiten.

Auch die Juden theilen sich in Talmudisten und Thoraimisten, d.h. solche, welche nur das Gesetz Moses anerkennen.

Das Schulwesen in Kairo hat einen ganz neuen Aufschwung genommen unter der umsichtigen Leitung des Schweizers, Herrn Dohr. Sein Hauptstreben ist dahin gerichtet, die weibliche mohammedanische Jugend der Bildung theilhaftig werden zu lassen, derer sie bedarf, und wenn dies gelingt, so ist damit ein Hauptfactor zur wirklichen Civilisation des ganzen Volkes gegeben.

Hospitäler giebt es zwei, das schon genannte in Gasr el Nil, welches jährlich an 5000 Kranke aufnimmt, und das europäische, dessen Kranke in den Flügeln des großen Gasr el Ain untergebracht werden. Die Aufnahme der Kranken ist hier nicht gratis, sondern der Patient zahlt je 12, 6 und 3 Frcs. für den Tag. Dies Hospital steht unter Aufsicht eines der Consuln, welche zu diesem Zwecke einen der Ihrigen alljährlich hierzu auserwählen.

Sollen wir schließlich noch ein Wort über die Absteigequartiere der Europäer sagen, so beginnen wir mit dem sowohl äußerlich, wie innerlich gleich großartig ausgestatteten New-Hôtel, an der Esbekieh gelegen; es ist Eigenthum des Chedive und wird besonders von nach Indien reisenden Engländern besucht.

Schaper's Hôtel, jetzt Herrn Zech, einem Schwaben, gehörig, ebenfalls am Esbekieh-Platz gelegen, besonders von vornehmen Reisenden frequentirt; Art und Weise durchaus englisch.

Nil-Hôtel am Ende einer von der Muskistraße ausgehenden Sackgasse, besonders von Deutschen und Nordamerikanern besucht, mit reizendem Garten und trefflicher deutscher Bedienung bei vorzüglicher französischer Küche.

Andere Hôtels ersten Ranges, wie =Hôtel d'Orient=, =Hôtel des Ambassadeurs=, =Hôtel Royal= sind gleichfalls zu empfehlen. Auch gute Hôtels zweiten Ranges fehlen nicht, z.B. =Hôtel des Colonies, de France, des Princes, du Commerce= u.a.

Mit allen Hotels sind europäische Bäder verknüpft; von den zahlreichen maurischen Bädern ist das den Europäern am meisten zu empfehlende das Bad Tombaly nahe dem Scharieh-Thore.

Das ist das Kairo im Jahre 1875; heute schon halb eine europäische Stadt, wird diese Stätte uralter ägyptischer Cultur--denn Kairo ist doch eigentlich weiter nichts, als ein verjüngtes Memphis--bald wieder ein neues, ganz der neuesten Civilisation und Cultur sich anpassendes Kleid angelegt haben und nach Abschüttelung des Staubes und der Asche wie ein Phönix aus derselben emporsteigen.

FOOTNOTES:

[Footnote 50: Uebersetzung nach Wetzstein; andere übersetzen auch "die Siegerin".]

[Footnote 51: Ich folge _hier_ der Schreibweise Wetzsteins.]

[Footnote 52: Es ist dies in sofern interessant, als das Umgekehrte Regel ist, wenigstens in der Neuzeit. Von verschiedenen Völkern wird das türkische Reich nach seiner Hauptstadt Stambul genannt, also das Land nach der Hauptstadt. Im ganzen Orient benennt man das Kaiserreich der Preußen nach seiner alten Hauptstadt Muscu. Wir selbst nennen die Berberstaaten Tripolis, Tunis, Algier nach ihren Hauptstädten. In Deutschland haben die kleinen Länder fast alle ihre Benennung nach den Hauptstädten.]

[Footnote 53: Aufgepaßt, aufgepaßt, rechts Herr, links!]

[Footnote 54: Weiblicher Plural von Moslim.]

[Footnote 55: Was das anbetrifft, so müssen wir doch anderer Meinung sein. In einem Lande, wo eigentlich nur _ein_ Kaufmann ist, nämlich der Chedive, kann von Handelsfreiheit nicht wohl die Rede sein.]

[Footnote 56: Siehe p. 275: =guide annuaire par Fr. Levernay=.]

[Footnote 57: Uebersetzung von Lorsbach p. 519.]

[Footnote 58: [Greek: neiloschopion] der Griechen.]

[Footnote 59: Der Schlag mit dem Fliegenwedel ins Gesicht des französischen Consuls in Algier führte zur Unterwerfung der Regentschaft; leider wurden ähnliche Insulten von anderen Mächten nicht so energisch geahndet, sonst hätte das Piratenwesen etc. nicht aufkommen, wenigstens nie eine solche Macht werden können und die schändliche Menschenräuberei, welche bis 1830 trotz der europäischen Mächte von den muselmanischen Beys und Deys betrieben wurde, wäre viel eher unterdrückt und ausgerottet worden.]

11. Meine Heimkehr aus der Libyschen Wüste.

Schon einen halben Tag vorher, als wir noch inmitten der ödesten Steinwüste waren, bemerkten wir die Nähe des lebenspendenden Nilthales. Es war gegen 2 Uhr Nachmittags, und in verschiedenen Gruppen zu Fuß gehend waren wir den langsamen Kamelen vorausgeeilt; wir unterhielten uns gerade über die Möglichkeit, noch am selben Abende oder früh am Morgen an's Nilthal zu kommen, als lautes Gejodel hinter uns ausbrach. Es waren unsere Diener, die nun heranstürmten und uns auf eine hohe Dampfsäule aufmerksam machten, die gerade vor uns im Osten majestätisch gen Himmel aufwirbelte. Sie konnte nur aus einem jener Fabrikschornsteine herrühren, welche man jetzt in Aegypten, vom Delta an bis nach Assuom hinauf, als Zeugen einer höheren Kultur antrifft.

Mit erneuertem Eifer eilten wir voran und eine Stunde vor Sonnenuntergang hatten wir den Rand der Sahara, das felsige Steil-Ufer des Nil, erreicht. Ja, auf einem erhöhten Vorsprunge konnten wir, in weiter Entfernung allerdings, den Nil selbst und seinen grünen Rahmen, die schlanken Palmen, erkennen. Sobald die Kamele herangekommen waren, wurde dann noch mit Vorsicht der Abstieg ausgeführt, wollten wir doch vor allen Dingen noch am selben Abende der traurigen Hammada (steinigen Hochebene) entfliehen und der Wüste für immer Lebewohl sagen.

Aber wenn wir auch die Genugthuung hatten, am Fuße des felsigen Ufers unsere Zelte aufschlagen zu können, so war es doch zu spät geworden, um das eigentliche Nilthal, das, welches unter der unmittelbaren Einwirkung des belebenden Wassers steht, erreichen zu können. Die Schwierigkeiten, die beladenen Kamele durch die enge, abschüssige Felsspalte hinabzutreiben, waren so groß, daß es schon dunkelte, als wir unten am Ausgange der majestätischen Schlucht ankamen. Aber ein prachtvoller Lagerplatz war es. Da standen unsere Zelte am Fuße der jäh abfallenden Kalkwände, vor uns öffneten sie sich, der Ausgang winkte uns Leben entgegen, hinter uns thürmten sie sich himmelhoch auf, eine riesige Mauer als Scheidewand der ewig todten Sahara vom fruchtbarsten Thale der Welt. Und nun ging der Mond auf und ergoß sein Licht über unser malerisches Lager; die Feuer prasselten, behaglich hatten sich die müden Kamele in den weichen Sand gestreckt und zermalmten langsam ihr wohlverdientes Futter; die deutschen Diener provocirten jubelnd durch Revolver und Gewehrschüsse das vielfache Echo, während wir Anderen uns vor unsere Zelte gesetzt hatten und die Freuden der Nilreise erwogen, welche wir sicher schon am andern Tage antreten zu können hofften.

Das war unser letztes Lager, unsere letzte Wüstennacht, die gewiß Jedem von uns unvergeßlich sein wird.

Früher als sonst waren wir am anderen Morgen bereit. Schnell wurden die Zelte gerollt, die Kamele beladen und vorwärts ging es. Aber so schnell war dennoch Esneh, wo wir uns einzuschiffen hoffen konnten, nicht erreicht. Wir waren allerdings im Nilthale, aber noch weit von Esneh, dessen Palmen noch nicht einmal zu sehen waren. Ein regelrechter Tagemarsch mußte noch zurückgelegt werden und zwar kein angenehmer, denn das Thermometer zeigte im Schatten über 30 Grad. Indeß zogen wir immer längs der fruchtbaren Nilfelder nach Süden und rechts das hohe Ufer bot in seiner wechselvollen Form Unterhaltung genug, um die Zeit rasch schwinden zu machen.

Nachmittags erreichten wir denn auch die ersten menschlichen Bauten, zwar nur Ruinen, aber interessanter Art. Es waren die Reste eines ehemaligen bedeutenden koptischen Klosters, welches auch heute noch für die ägyptischen Christen ein berühmter Wallfahrtsort ist. Hierher kam in der Mitte des vierten Jahrhunderts der Pater Pachomius, ein Held der koptischen Kirche. Die Kirche des Klosters, eine Rotunde, ist noch gut erhalten, ja einige Zellen, mit Matten belegt, geben Zeugniß, daß manchmal Tage lang noch Gottesdienst hier verrichtet wird. Einige in Stein gehauene griechische Inschriften deuten auf das hohe Alter des merkwürdigen Klosters hin. Am interessantesten sind aber die hübschen Mausoleen in der Nähe des Klosters; hier ruhen die Gebeine der christlichen Märtyrer, welche im Jahre 303 n. Chr. auf Befehl vom Kaiser Diocletian hingerichtet wurden. Reizende Grabkapellen, deren hübsche architektonische Formen sich nur vergleichen lassen mit der berühmten Nekropolis in Chargeh und die um so bemerkenswerter sind, weil sie zu den wenigen Bauüberresten gehören, welche aus _ungebrannten_ Thonziegeln errichtet sind.

Jetzt tauchten auch die Gärten von Esneh auf und bald darauf erblickte man die größeren Gebäude und die schlanken Minarets der Moscheen. Unser Factotum, Mohammed Daud, hatte ich vorausgeschickt, um uns beim Mudir anzumelden, und eine halbe Stunde vor der Stadt kam uns auf einem prächtigen weißen Berberhengste der Unter-Mudir entgegen, um uns willkommen zu heißen. Zittel und ich waren vorausgegangen und betraten bald darauf das hübsche Lustschloß des Chedive, unmittelbar am Nil gelegen.

Sobald wir im Schlosse, welches der Chedive ganz zu unserer Verfügung gestellt hatte, eingerichtet waren, namentlich Jeder von uns sein Zimmer in Besitz genommen hatte, stellten sich die Honoratioren der Stadt ein und im großen Saale wurde Empfang gehalten. Wir aber forschten vor Allem, ob in Esneh ein Trunk Bier zu haben sei, und siehe da, die Stadt erwies sich in dieser Beziehung sehr civilisirt, denn bald darauf standen vermiedene Flaschen Ale auf dem Tische. Seltsames Verlangen, welches wohl nur der Deutsche, vielleicht auch der Engländer besitzt--ich glaube, in Esneh ist während der kurzen Zeit unseres Aufenthalts so viel Bier wie nie vorher verkauft worden.

Das Schloß des Vicekönigs war reizend gelegen, obschon es sich sonst keineswegs durch architektonische Schönheit auszeichnete. Von Mohammed Ali erbaut, der fast jeden Winter einige Monate in Esneh zuzubringen pflegte, zeigt es im Allgemeinen dieselbe Anordnung der viceköniglichen Palais aus jener Periode, d.h. länglich viereckig ist das innere Parterre durch ein großes Kreuz getheilt. Sonderbare Vorliebe, welche die Aegypter für's Kreuz besitzen, denn sogar die berühmte Mulei-Hassan-Moschee in Kairo zeigt ja, wie ich früher schon erwähnte, in der Grundform ein Kreuz. In der Bel-Etage war ein großer Saal mit verschiedenen Zimmern daneben; letztere hatten wir unter uns vertheilt; der Salon, nach türkischer Sitte nur mit einem Divan, der sich rund um die Wände zog, möblirt, diente als gemeinsames Speisezimmer und als Empfangszimmer. Die Teppiche waren überaus schön und auch die Möbelstoffe, Gardinen etc. waren einst schön gewesen, aber vom Zahne der Zeit etwas angegriffen.

Ich schlief in der ersten Nacht im Bette Mohammed Ali's, aber in den folgenden Nächten zog ich mein Feldbett doch vor. In den Wandschränken der Zimmer fand sich überdies der reichste Vorrath von Leinenzeug, seidenen und wollenen Decken, Kissen etc., vielleicht seit zwanzig Jahren unberührt liegend, denn der jetzige Chedive und seine beiden Vorgänger haben nie in diesem Palaste genächtigt.

Ringsum ist ein reizender Garten, da wetteifern Palmen mit Oliven, Feigen mit Agaven, Granaten mit Orangen in ewig grüner Pracht, wer am ersten seine duftenden Blüthen offenbaren soll. Und vor dem Palais selbst ist, ehe man zu den Fluthen des Nils kommt, ein zweiter schöner Platz, stets schattig, denn herrliche Lebek-Akazien überwölben ihn.

Unsere Freude, den Nil erreicht zu haben, wieder in civilisirter Umgebung sein zu können, wurde aber etwas getrübt, weil kein Dampfer, um uns zu holen, gekommen war. Leider war der Brief, den ich von der Jupiter-Ammons-Oase aus an unseren Generalconsul in Alexandrien geschickt hatte, acht Tage später angekommen, durch die unverzeihliche Nachlässigkeit des arabischen Boten, welcher geglaubt hatte. "Acht Tage früher oder acht Tage später, was macht das aus?" So fanden wir nur ein Telegramm vor, welches besagte, es sei Befehl gegeben, uns von Assuan her eine Dahabieh zu besorgen, da Dampfer des niedrigen Wasserstandes wegen nicht mehr fahren könnten. Letzteres war nun allerdings eine Unwahrheit, aber jedenfalls war die Zeit zu kurz geworden, um jetzt noch einen Dampfer von Kairo zu erwarten.

Wir mußten uns also mit Geduld in unser Schicksal ergeben und Jeder nutzte die Zeit aus, so gut es ging. Zittel durchforschte noch einmal die interessanten Schichten des Nilufers, Jordan operirte mit dem Theodolit, Ascherson suchte mit seinem Diener Korb Pflanzen und Herr Remelé photographirte im Tempel; nur ich selbst hatte meine Thätigkeit geschlossen, denn mit der Erreichung des Nils hatte die Reise ihr Ende erreicht. Aber ganz unthätig war ich auch nicht, lag mir doch ob, unsere ganze Expedition noch stromabwärts bis zum Mittelmeere zu führen, und da gab es noch Mancherlei zu besorgen und anzuordnen.