Part 4
Denn Osmin war gierig nach Geld und hoffte, mit Ilev gute Geschäfte zu machen. Er schrieb wohl an Karls Vater, forderte aber Behufs der Auslösung seines Sohnes ungeheure Summen, welche das Vermögen Daruffs zweimal überstiegen. Sei es nun, daß die Briefe nicht an Daruff gelangten, oder daß der bekümmerte Vater einsehen mochte, nicht im Stande zu seyn, solchen überspannten Forderungen nachzukommen, kurz es erfolgte keine Antwort und Osmin wurde deßhalb grimmig und aufgebracht gegen Karl, indem er vermeinte, Ilev habe ihm in der Absicht, frei zu werden, Unwahrheiten gesagt und der Reichthum des Vaters sei nur erdichtet gewesen.
Er behandelte nun Karl wie einen Sklaven und ließ sich sogar Grausamkeiten gegen ihn zu Schulden kommen.
Da sagte eines Tages Karl: Osmin, entweder hat mir Hassan die Freiheit nicht geschenkt, oder Ihr handelt nicht nach Hassan's Worten, der da wollte, daß Ihr mich zu meinem Vater zurückbringet, in dessen Wille es aber gewiß lag, daß Ihr mich nicht wie einen Sklaven in Eurem Hause behandelt.
Was? du klagst über die Behandlung in meinem Hause, rief Osmin höchst aufgebracht, elender Sklave! Ist das der Lohn für meine Verwendung bei Hassan, der mir mit dir nur ein Geschenk machte, über welches ich nach Willkühr verfügen kann?
Dann habt ihr mir unter den Palmen, entgegnete Karl, die Unwahrheit gesagt und mir wäre besser, ich befände mich noch als Gärtner-Junge in Hassan's Gärten! Ich weiß aber, daß Ihr gegen Hassan's Worte handelt und ich werde mich selbst an Hassan wenden und Euch anklagen!
Elender, undankbarer Sklave! rief Osmin in Wuth, ich will Dir den Weg zu Hassan schon abschneiden!
Und Osmin gab Befehl, daß Karl zwölf Peitschenhiebe auf die Fußsohlen erhielt. Nebstdem erhielten zwei Sklaven des Hauses den Auftrag, Ilev nicht aus den Augen zu lassen, und es wurde ihnen mit dem Tode gedroht, falls sie ihr Amt vernachläßigen sollten und es sich begeben würde, daß Ilev sich aus dem Hause entferne.
Auf diese Weise befand sich Karl wieder in der elendesten Lage.
Er weinte oft des Nachts auf seinem harten Lager und wünschte sich in Hassan's Gärten zurück.
Seine Zuflucht war wieder das Gebet, in welchem er sich an Gott den allgütigen Vater der Menschen wandte; dann nahm er auch das Kreuz, welches er von Ossira erhalten hatte, preßte es an seine Brust und betete für sich und für Ossira.
Ach wüßte sie, sagte er, in welcher Noth ich mich befinde, sie würde mir gewiß helfen. Aber wie soll ich zu ihr, wie soll ich zu Hassan gelangen?
Indessen ertrug er mit Stillschweigen und mit vieler Ergebung sein hartes Geschick, immer die Gelegenheit abwartend, die es ihm möglich mache, Hassan seine Noth zu klagen.
Diese Gelegenheit ergab sich endlich.
Osmin mußte in Handelsgeschäften verreisen, einer der Sklaven, welchem die strenge Aufsicht über Karl anbefohlen war, erkrankte und konnte sein Lager nicht verlassen und der andere war immer so beschäftigt, daß er nicht in dem Maße der Aufsicht sich unterziehen konnte, wie ihm vorgeschrieben war.
Da machte sich Karl eines Morgens aus dem Hause und da ihm alle Eingänge in Hassan's Gärten bekannt waren, eilte er dahin in der Absicht, den alten Sklaven aufzusuchen, dem er früher beigegeben war, ihm seine Noth zu klagen und ihn um Rath zu befragen, wie er es anzustellen habe, um vor Hassan zu kommen.
Er war auch so glücklich, den alten Sklaven gleich aufzufinden, der ob Ilev's üblem Aussehen sehr in Verwunderung gerieth. Karl klagte ihm nun seine Noth und bat ihn um Rath.
Wer hätte das von Osmin gedacht! rief der alte Sklave, aber ich kenne diesen Osmin schon, der gieriger nach Geld ist, als der Rabe nach Aas.
Bleibe, lieber Ilev, fuhr er fort, nur bei mir bis Mittag, da kommet Hassan hier vorüber, du wirfst dich vor ihm nieder und erzählst ihm die grausame Behandlung, die dir dieser Osmin angedeihen läßt. Hassan wird sich deiner erbarmen, denn sein Herz ist edel und so wirst du besseren Tagen entgegen gehen.
Trinke indessen hier aus meinem Kruge und iß von meinem Brode, denn es scheint, auch Speis und Trank werde dir in Osmin's Hause nicht im Uebermaße gereicht.
Karl folgte der wohlwollenden Einladung des alten Sklaven und erquickte sich erst, dann aber zog ihn sein Herz hin nach der Einsiedelei, welche er aufsuchte, um dort die Zeit bis Mittag zu verbringen.
Aber wie überrascht war er, als er vor der ihm so wohlbekannten Trauerweide stand, wie war Alles so anders geworden, wie lieblich war der Platz eingerichtet! Hier blüthen Rosen und Jasmin, wo früher wildes Gesträuch stand und das in der Trauerweide eingeschnittene Kreuz, wie hatte sich das verändert! Vor demselben war ein kleiner Altar errichtet und vor dem Altare befand sich ein Schemel von frischem Rasen, zur Rechten und Linken mit den schönsten Blumen geziert.
Das Kreuz war mit Gold und Silber eingefaßt, und in der Mitte hing der sterbende Heiland mit der Dornenkrone, gleichfalls von Silber und mit Edelsteinen besetzt. Der Wipfel der Trauerweide bildete ein Dach, welches dem Kreuze mit dem Altare und Schemel zum Schutze gegen üble Witterung diente.
Hier, rief Karl aus, hat Ossira mit frommem Herzen Alles so geschaffen, hier ist Ossira's Betort, nur Ossira ist die Schöpferin dieses stillen Betortes.
Und er warf sich nieder auf den Schemel vor dem Altare, faltete recht fromm die Hände, und schickte innbrünstige Gebete zu Gott.
Und siehe, als er aufstand -- stand Ossira vor ihm.
Seh ich recht, sprach Ossira, Ilev du hier?
Guter Gott! rief Karl aus, fiel zu Ossira's Füßen nieder und küßte wieder den Saum ihres Gewandes, guter Gott! du schickst mir wieder deinen rettenden Engel! Ach, hohe Gebieterin, ich bin Ilev, der unglückliche Ilev, welchem Ihr Freiheit und Rückkehr in die Heimath verkündigt habt, der aber von Osmin dem Kaufmann zurückgehalten und grausam behandelt wird.
Wie? fragte Ossira, so hätte dich Osmin noch gar nicht zu deinem Vater gesandt?
Hohe Gebieterin, sagte Karl, Osmin schloß mich bis jetzt in seinem Hause ein, ließ mich streng bewachen, und ich erfuhr eine Behandlung, wie man sie kaum einem Sklaven angedeihen läßt.
Und hast du denn nie Gelegenheit gehabt, fragte Ossira weiter, mich oder Hassan von deiner kummervollen Lage in Kenntniß zu setzen?
Ich war der strengsten Aufsicht unterworfen, erwiederte Karl und nur jetzt erst, da Osmin in Handelsgeschäften sich entfernt hat, bot sich mir die Gelegenheit, in diese Gärten zu kommen, ach, und kaum war ich wieder in diesen prächtigen Gefilden, so zog es mich mit Gewalt hieher an diesen Ort, den ich so herrlich umgewandelt fand.
Osmin, sagte Ossira, hat schlimm an dir gehandelt, und sich schwer wider Hassan vergangen, dem ich Alles, was du mir jetzt mitgetheilt hast, hinterbringen und dabei Osmin schwer anklagen werde, damit man ihn streng zur Strafe ziehe.
Erlaubet mir, hohe Gebieterin, sprach Karl, daß ich mich in diesen Gärten aufhalten darf, denn ich befürchte, kehre ich in Osmin's Haus zurück, nur grausam mißhandelt zu werden.
Gehe hin zu jenem Sklaven, sagte Ossira, welcher eben die beiden Körbe voll Blumen in Hassan's Gemächer trägt, sage ihm, ich hätte befohlen, er solle dich so lange in seinen Schutz nehmen, bis man dich von ihm zurück verlange. Ich aber will mich bei Hassan für dich verwenden.
Ossira verschwand wieder und Karl ging auf den Sklaven zu und hinterbrachte ihm Ossira's Befehle.
Zwölftes Kapitel.
Osmin vor Hassan.
Osmin war von seiner Reise heimgekehrt; glücklich sah er die Geschäfte vollendet, die ihm reichen Gewinn eintrugen; deshalb war er heiter und guter Dinge und dachte an nichts weniger als an seinen Sklaven Ilev.
Da kam an ihn eine Einladung von Hassan und eilig machte sich Osmin auf den Weg zu Hassan, neuen Gewinn hoffend.
Hassan empfing ihn äußerst freundlich und machte wichtige Waaren-Bestellungen bei dem Kaufmann, der im Stillen die großen Vortheile berechnend, allen Wünschen Hassan's nachzukomnen suchte.
Doch, Osmin, sagte jetzt Hassan, ich beschwere dich wieder mit neuen Bestellungen und kann mich doch nicht erinnern, ältere Schulden getilgt zu haben, die nicht unbeträchtlich seyn dürften. Du hast meinen Sklaven Ilev, dem ich, da mein Sohn Selim mit Tod abgegangen war, die Freiheit schenkte, ausgestattet und dafür gesorgt, daß er zurück in seine Heimath gebracht wurde, gib nun an, was ich hierfür schulde!
Edler Hassan, sprach Osmin, sich im Herzen freuend, so unerwartet wieder treffliche Geschäfte zu machen, es ist nur eine Kleinigkeit, mit welcher ich dir seither nicht beschwerlich fallen wollte.
Kleinigkeit? wiederholte Hassan, solltest du etwa vergessen haben, daß ich dir auftrug, den Sklaven so auszustatten, daß sich Hassan der Ausstattung nicht zu schämen habe?
Edler Hassan, versetzte Osmin, ich habe nichts gespart und glücklich gelangte Ilev in seine Heimath.
Hast du auch sichere Nachricht hierüber? fragte Hassan.
Die sicherste, edler Hassan, sagte Osmin, ist mir von dem Handlungshause zugekommen, welchem ich deinen Schützling anvertraute. Vater und Sohn preisen sich nun glücklich und erflehen für dich täglich den himmlischen Segen.
Gut, Osmin, sprach Hassan, so lasse mich nun auch nicht länger in Schulden und gib mir an, wie hoch sich deine Auslagen belaufen.
Nur eine Kleinigkeit für dich, edler Hassan, sagte Osmin, der ganze Betrag beläuft sich nur auf fünftausend Piaster.
Fünftausend Piaster! wiederholte Hassan und mit den Worten winkte er einem Sklaven: geh, und lasse meinen Schatzmeister eintreten, damit er Richtigkeit mache.
Der Sklave entfernte sich, eine Seitenthüre des Gemaches öffnete sich, und herein trat Ilev.
Wie vom Blitze getroffen stand Osmin da. Er traute kaum seinen Augen, die Röthe auf seinem Gesichte veränderte sich in falbe Todtenblässe, er zitterte und fiel mit den Worten zu Hassan's Füßen: Erbarmen! edler Hassan, Allah ist gerecht und bestraft meine schwarze That!
Weg von mir! rief Hassan, elender, abgefeimter Betrüger, so lohnst du das Vertrauen, welches ich dir bis jetzt in so großem Maße geschenkt habe? Dich möge Allah mit dem Fluche verfolgen, das Geld möge sich in deiner Hand in glühendes Erz verwandeln, und dein auf so niederträchtige Weise zusammengescharrter Reichthum möge dir die Brust zuschnüren, Elendester unter der Sonne! Ich will deine Schandthaten aufdecken und Allah ist dir gnädig, wenn du nicht mit dem Galgen oder mindestens mit dem Kerker bestraft wirst.
Erbarmen, edler Hassan, habe Erbarmen, flehte Osmin auf dem Boden, habe Erbarmen mit mir!
Weg, Elender! rief aber Hassan und entfernte sich mit Ilev, während Hassan's Sklaven den betrügerischen Kaufmann dem Gerichte überlieferten, welches strenge Strafe über ihn verhängte.
Zu Ilev sprach dann Hassan: gehe zu Ossira, meinem Weibe, danke ihr, die es war, die sich deiner annahm, und hinterbringe es ihr, wie ich mit Osmin, deinem Bedrücker verfuhr. Ich selbst aber will jetzt dafür sorgen, daß du in deine Heimath gelangst, und nicht wieder einem Betrüger in die Hände fällst.
Und Ilev that unter Thränen des Dankes, wie ihm Hassan befohlen.
Dreizehntes Kapitel.
Karl reist in die Heimath.
Der edle Hassan hielt Wort. Karl befand sich auf einem sehr schönen Schiffe, welches nach Bremen abging. Hassan hatte so für ihn gesorgt, daß es ihm an keiner Bequemlichkeit fehlte. Nebstdem gab er ihm so viel an Geld, daß Karl sich im Stande befand, als wohlhabender Mann aufzutreten.
Beim Abschiede sprach Hassan: ich habe nun Alles gethan, um dir die Drangsale vergessen zu machen, deren du in Osmin's Hause gegen mein Wissen und meinen Willen ausgesetzt warst; du kehrst nun zu deinem Vater heim, dem sich Hassan empfiehlt. Wende das Wenige, das dir aus meiner Schatzkammer zugeflossen ist, gut an und so oft du Gelegenheit hast, mildthätig gegen Leidende und Bedrückte zu seyn, so verhärte dein Herz nicht und stehe ihnen bei, so viel in deinen Kräften liegt. Keine gute That bleibt unbelohnt und jede gute Handlung ist ein Samenkern, welcher zu einem mächtigen Baume aufschießt, unter dessen Schutz du bei herannahendem Sturme flüchten kannst. Es gibt keine reinere Freude, als Thränen der Noth zu trocknen. Erinnere dich oft deiner Erlebnisse in unserem Lande und vergiß nie, wie wohl es dir that, ein menschenfreundliches Herz gefunden zu haben; du wirst dann doppelt geben und auch eine zweifache Erndte zu hoffen haben.
So sprach Hassan und mit gerührtem Herzen, das ihm kaum gestattete, seinen Dank mit Worten auszudrücken, schied Karl, welcher jetzt in den rüstigsten Jahren stand, von Hassan und Ossira, dessen Weibe.
Die Fahrt ging gut von Statten.
An einem schönen Morgen sahen endlich die Reisenden das ersehnte Ziel vor Augen und das Schiff lief in den Hafen.
Karl, welcher noch auf der See sich unpäßlich fühlte, wurde kränker und so wenig er auch damit einverstanden war, so brachte man ihn doch in das Spital.
Hier blieb er die vorgeschriebene Zeit, welche für jene festgesetzt ist, die aus den heißeren Ländern kommen und von irgend einer Krankheit befallen sind. Er war ganz abgeschlossen und bekam nur jene zu Gesicht, die sich mit seiner Verpflegung beauftragt sahen.
Während dieser Zeit hörte Karl aus einem nicht weit von ihm gelegenen Zimmer die hellen, unsicheren Töne, als wenn eine alte Frau andächtig dem Gesange obliege. Diese Töne wurden dann von einem Gelächter unterbrochen, welches keineswegs zum andächtigen und erbaulichen Gesange paßte.
Karl erkundigte sich nach der Sängerin und der Wärter antwortete: ach, die tolle Margareth, der Mond ist wieder im Zunehmen, das spürt das alte Ding und da hat sie wenig Ruhe.
Sprichst du von einer Wahnsinnigen? fragte Karl.
Ja wohl! Ihr meint doch die Person, welche so erbaulich singt? Nun ja, diese ist die tolle Margareth, sagte der Wärter.
Bei dem Namen Margareth kam Karl sogleich jene Margaretha in das Gedächtniß, welche ihn vor vielen Jahren aus der polizeilichen Haft entließ.
Er erschrack bei dem Gedanken, daß Margaretha durch seine Schuld vielleicht dem Wahnsinne anheim gefallen sei und begierig fragte er weiter: ist denn diese Person schon alt und kennt man keinen Grund, was sie vielleicht zum Wahnsinne brachte?
Das weiß man wohl, entgegnete der Wärter, das alte Ding wurde aus dem Dienste gestoßen und hat ihren Anspruch auf Pension verloren; das hat nun der armen Margareth so zugesetzt, daß sie von jener Stunde an wahnsinnig ist.
Ach Gott! sagte Karl, sie ist es!
Kennt Ihr sie auch? fragte der Wärter.
Karl wollte sich nicht verrathen und sprach: ich habe wohl von dieser Person schon gehört, aber persönlich kenne ich sie nicht. Doch wäre mir daran gelegen, sie einmal zu sehen.
Das steht Euch frei, sagte der Wärter, sobald Ihr genesen seid und Eure Zeit ausgehalten habt.
Diese Person, fuhr Karl fort, wurde also aus dem Dienste gejagt und hat ihre Pension verloren? Was hat sie sich denn zu Schulden kommen lassen und bei wem stand sie in Diensten?
Die alte Margareth, erzählte nun der Wärter, stand damals bei der Polizei dahier in Diensten, nun wurde ein junger Bursche aufgegriffen, den man des Diebstahls zeihte, weil man einen kostbaren Ring bei ihm fand, der entwendet war; das gute alte Ding mag sich durch das klägliche Thun dieses Burschen haben verführen lassen und wie sie eingestand, hat sie denselben aus der Haft richtig entwischen lassen.
Karl erschrack sehr, denn nun zweifelte er nicht mehr, daß die unglückliche Wahnsinnige seine arme Margarethe sei, die ihm damals zur Freiheit verholfen, die er hintergangen und auf diese Weise höchst unglücklich gemacht hatte. Er verbarg aber sein Inneres, so gut er konnte und fragte wieder:
Wie ist man denn dahinter gekommen, daß Margaretha den Burschen entwischen ließ, hat sie es denn sogleich einbekannt?
Das nicht, versetzte der Wärter, aber man hat den Rock bei ihr gefunden, den dieser Bursche bei seiner Haftnahme getragen haben soll.
Gut, daß jetzt wieder die hellen Töne der Wahnsinnigen erfolgten, Karl nahm zum Vorwande, daß er durch diesen Gesang bei seiner Unpäßlichkeit sehr ergriffen werde und so brach der Wärter dieses Gespräch ab und entfernte sich.
Karl besserte sich immer mehr und die Zeit ging zu Ende, welche er im Spital zuzubringen hatte.
Er ging nun mit sich zu Rathe, ob es nicht besser sei, seinen Vater von seiner Ankunft erst in Kenntniß zu setzen; er überlegte, daß sein plötzliches Erscheinen im elterlichen Hause nach so vielen Jahren nachtheilig auf den alten Vater einwirken könne und so ließ er einen Brief von anderer Hand an seinen Vater abgehen, in welchem stand, daß sein Sohn Karl nach vielen erstandenen Mühseligkeiten auf der Rückkehr in seine Heimath begriffen sei und demnächst ankommen werde.
Dann ordnete Karl seine Sachen und bereitete sich vor, das Spital zu verlassen.
Vierzehntes Kapitel.
Karl und Margaretha.
Wenn Ihr Euch nicht scheut, sprach der Wärter zu Karl, allein bei einer Wahnsinnigen zu bleiben, so kann ich Euch jetzt dienen und Euch zu ihr einführen, ich kann mich aber nicht lange dabei aufhalten.
Führt mich nur zu ihr, entgegnete Karl, ich fühle keine Scheu, ihr könnt dann unbesorgt euren Geschäften nachgehen.
Die dritte Thür da rechts im Gange, sagte der Wärter und faßte den Schlüssel um die Thüre zu öffnen.
Halt! sprach Karl, noch eine Frage: hat denn die unglückliche Person nicht auch zuweilen lichte Augenblicke?
Genug, entgegnete der Wärter.
Und ist sie dann im Stande, fragte Karl weiter, ihre Bekannten zu erkennen und vernünftig mit ihnen zu sprechen?
Ja wohl, erwiederte der Wärter, schloß die Thüre auf und während er mit Karl eintrat blickte die Wahnsinnige mit starren Augen nach den Eintretenden.
Wie geht's Margareth? fragte der Wärter.
Margaretha schüttelte blos mit dem Kopfe.
Nicht gut? fragte sie der Wärter. Margaretha schüttelte wieder.
Ihr könnt jetzt bald, wandte sich nun der Wärter an Karl, vernünftig mit ihr reden, sie hat wieder einen Sturm ausgehalten. Wollt Ihr jetzt allein mit ihr bleiben?
Laßt mich nur allein mit ihr, sagte Karl und der Wärter verließ das Zimmer.
Karl sah, daß ihn Margaretha nicht erkannte, er ging auf sie zu und faßte sie bei der Hand.
Margaretha zog schnell ihre Hand zurück, sah stier vor sich hin und rief: Herr Commissär lassen Sie mich!
Um Gotteswillen lassen Sie mich! Ich habe ja Alles einbekannt, ich weiß nicht, wo der Junge ist!
Karl traten die Thränen in die Augen, er fühlte das ganze Gewicht seiner Schuld und merkte wohl, daß er der Gegenstand von Margaretha's Aeusserung sei.
Furchtsam sah nun Margaretha auf Karl, blickte ihn lange unverwandt an und sank dann auf einen Lehnstuhl, indem sie die Augen wie zu einem Schlafe schloß.
Karl ging näher auf sie zu und betrachtete sie mit der größten Theilnahme und als nun Margaretha nach kurzer Zeit die Augen wieder aufschlug, da gewahrte Karl mit Freuden, daß ihr Blick freier und ihr Auge klarer war.
Ihr kennt mich nicht, sagte Karl, ich komme vom alten Kaufmann Daruff und soll euch Grüße von ihm ausrichten.
Danke Euch, sagte Margaretha, ach, ich habe diesem Manne, bei dem ich so lange in Diensten war und bei dem ich so viel Gutes genossen habe, herbe Stunden bereitet. Der liebe Gott soll es mir verzeihen, daß ich mich verführen ließ; ich habe ja dem Jungen alles Gute zugetraut, wer hätte denn denken sollen, daß es so kommen würde. Ich kann, so wahr Gott im Himmel ist! mit gutem Gewissen sagen, daß ich nur des Beste des Hauses Daruff im Sinne hatte. Nun ist der Junge fort und wer weiß, wo er elend zu Grunde gegangen ist!
Und sie fing an bitterlich zu weinen und hielt die Schürze vor das Gesicht.
Karl vermochte kaum aufrecht zu stehen, so ging ihm der Anblick der tief bekümmerten Margaretha zu Herzen.
Gebt Euch zufrieden, sagte Karl, ich kann Euch nur die beste Nachricht geben, Daruffs Sohn, Namens Karl, ist auf der Reise zu seinem Vater begriffen; er ist gesund, hat freilich viele Mühseligkeiten erstanden, aber das ist jetzt Alles vorüber.
Gott im Himmel! rief Margaretha und schlug die Arme über dem Kopfe zusammen, während sie vom Lehnstuhl herunter auf die Knie sank, großer Gott im Himmel! Da hast du ja mein Seufzen und Flehen vernommen! Du hast mein Ringen mit angesehen und hast dich einer Unglücklichen erbarmt!
Karl weinte, hob die Knieende auf und während ihm unaufhaltsam die Thränen hervorschossen sprach er mit bewegter Stimme.
Kennt ihr mich denn nicht mehr, meine gute Margaretha? haben mich denn die Jahre und die ausgestandenen Leiden so sehr entstellt, daß ihr euern Karl nicht mehr erkennt?
Starr sah ihm Margaretha in das Gesicht und mit einem lauten Schrei fiel sie in Karls Arme.
Wahrhaftig! wahrhaftig! schrie sie, mein Karl! ach mein Karl! Und sie lachte und weinte und sank dann wieder erschöpft in den Lehnstuhl.
Ach sagte Karl, gute Margaretha, was habe ich euch so vieles Leid geschaffen, könnt ihr mir denn verzeihen?
O Gott im Himmel ist gut! sprach Margaretha mit gegen Himmel gewandtem Blicke; er hat ja mir geholfen und hat mir meine Schuld verziehen, warum sollte ich nun meinem Karl einen Jugendfehler nicht vergessen können?
Ach, die arme Margaretha hat so oft an Euch gedacht und allezeit lief es mir ganz schauerlich durch alle Glieder, wenn ich der Besorgniß Raum gab, Ihr wäret durch meine Schuld und durch Euren Leichtsinn elend zu Grunde gegangen. Gepriesen sei der Herr! der da Alles zum Besten lenkte.
Karl erzählte nun so kurz als möglich seine Erlebnisse von der Stunde an, in welcher er sich einschiffte bis jetzt und mit Rührung hörte ihm Margaretha zu.
Damit schloß Karl: Durch die Güte Hassan's meines großen Wohlthäters sehe ich mich nun in den Stand gesetzt, euch, gute Margaretha, einen kleinen Theil meiner Schuld abzutragen. Ich will euch zu mir nehmen und euch in euren alten Tagen so verpflegen, wie es nur eine gute Mutter von einem dankbaren Sohne verlangen kann.
Ich schätze mich glücklich, auf diese Weise euch, gute Margaretha, zu zeigen, daß Karl nicht so schlimm ist und eure frühere Aufopferung für ihn ganz zu würdigen weiß.
Margaretha nickte nur mit dem Kopfe, denn reden konnte sie nicht und sie verbarg ihr verweintes Antlitz hinter der Schürze.
Nach diesem verwendete sich Karl für Margaretha, diese wurde aus dem Spital entlassen und in einem hübschen Wagen fuhren nun Karl und Margaretha aus Bremen der Heimath Karls zu.
Fünfzehntes Kapitel.
Der Brief.
Während Karl fern von der Heimath als Sklave die niedrigsten Geschicke zu ertragen hatte, änderte sich in dem Hause des alten Daruff vieles.
Aurelie, die gute Tochter war zur sittsamen Jungfrau herangereift und Daruffs Sorge ging nun dahin, einen annehmbaren Eidam in das Haus zu bekommen, der das Glück seiner geliebten Tochter begründe und das Geschäft tüchtig fortführe, denn der Alte merkte, daß seine Kräfte abnehmen und ihm die Uebersicht und Gewandheit immer mehr entgehe, welche die Führung der Geschäfte erforderte.
Und der alte Daruff war so glücklich, sich bald als zufriedener Schwiegervater, und auch bald darauf als der glücklichste Großvater zu sehen.
Aurelie reichte einem jungen Manne, der ihrer Wahl ganz würdig war die Hand, und nun verlebte Daruff in Mitte seines Schwiegersohnes und seiner Tochter die heitersten Tage.
Das Handlungshaus blieb in seinem alten guten Rufe und nichts fehlte den Glücklichen als bestimmte Nachricht über das Geschick des nun so schon lange vermißten Sohnes.
Die Schreiben, welche Osmin an Karls Vater abgehen ließ, waren nicht angekommen.
Der alte Daruff erinnerte sich oft seines Sohnes Karl und er machte sich zuweilen sogar Vorwürfe, daß er zu streng gegen seinen Sohn möchte gewesen seyn.
Tochter und Schwiegersohn suchten ihn dann zu beruhigen und trösteten ihn mit der Aussicht da noch keine Kunde über Karls Ableben eingetroffen sei, so könne ja derselbe noch leben und wohl glücklich wieder heimkommen.
Allein Daruff hatte schon alle Hoffnung aufgegeben, in diesem Leben seinen Sohn wieder zu sehen und dieser Gedanke war oft seine einzige Betrübniß.
Da langte unerwartet der Brief von Karl an, welcher meldete, der lang vermißte Sohn sei auf der Rückkehr in das elterliche Haus begriffen.