Begegnisse eines jungen Thierquälers oder »Der Gerechte erbarmt sich auch seines Thieres.« Eine neue Erzählung für die Jugend

Part 3

Chapter 33,821 wordsPublic domain

Der Kaufmann war über diese Rede des wackeren Forstmeisters sehr erfreut und bat, den unbesonnenen Streich seinem Sohne zu verzeihen mit dem Beisatze, daß er seinem Sohne für künftige Fälle eine angemessene Strafe werde zu Theil kommen lassen, daß es ihm übrigens eine süße Pflicht sei, den Sohn Eduard ob der Verstümmlung seines Lieblings zu beruhigen.

Nach diesem entfernte sich der Kaufmann, hoffend, seinen Sohn nun zu Hause zu treffen.

Allein Karl war noch nicht in das elterliche Haus zurück gekehrt und alle Erkundigungen im Städtchen nach ihm waren vergebens.

Jetzt wurden der Kaufmann und seine Tochter besorgt.

Da erschien ein Schreiben von der Polizei zu Bremen, welches dem Kaufmanne Daruff zu eröffnen war. Daruff war wie vom Schlage getroffen, als ihm der Inhalt des Schreibens bekannt gemacht war. Dasselbe enthielt nämlich den Hergang mit Karls Einsperrung in Bremen in Folge des bei ihm vorgefundenen Ringes und die Aufforderung an Daruff, nach Bremen zu kommen und seinen Sohn anzuerkennen.

Unverzüglich setzte sich Daruff in einen Wagen und fuhr nach Bremen. Aber wie erschrack er erst dort, als man ihm sagte, sein Sohn sei aus dem Gefängnisse entwischt, ohne daß sein Aufenthalt bis jetzt ausgemittelt sei.

Sehr traurig und niedergeschlagen kehrte er zurück, höchst besorgt um das Schicksal seines Sohnes.

Er schrieb allen Verwandten und Bekannten und erkundigte sich nach Karl, in der Meinung derselbe habe aus Furcht vor Strafe bei einem oder dem andern Zuflucht gesucht. Es langten nun viele Briefe an, aber alle konnten keinen Aufschluß über Karl geben.

Die Polizei in Bremen schrieb öffentlich aus und Karl wurde aufgefordert sich vor der Behörde zu stellen.

Achtes Kapitel.

Karl wird Sklave.

Während Kaufmann Daruff und seine Tochter Aurelie sich abkümmerten, wo Karl sich wohl aufhalten und wie es ihm gehen möge, und während die Polizei in Bremen thätig ihre Nachforschungen fortsetzte, um Karls Aufenthalt zu entdecken, war dieser auf dem Schiffe, welches sich schon auf hoher See befand, und seine Fahrt bei günstigem Winde nach Brasilien verfolgte.

Das Leben auf dem Schiffe war für Karl etwas Neues und es bot ihm so viele mannichfaltige Auftritte und Erscheinungen dar, daß es ihm nicht sehr schwer wurde, sich der Gedanken meistens zu entschlagen, die ihn quälend heimsuchten, wenn er sich des elterlichen Hauses, aller darin genossenen Freuden, wenn er sich seiner guten Schwester Aurelie, die ihm mit so vieler Liebe zugethan war und wenn er sich seiner Jugend-Genossen erinnerte. Ein kalter Schauer aber überlief ihn allzeit, wenn er der guten Margaretha zu Bremen gedachte die ihm als rettender Engel erschienen war, die sich seiner so herzlich annahm, die ihre künftige Wohlfahrt aufs Spiel setzte, nur um ihn vor Schande zu bewahren und ihn aus der traurigen Gefangenschaft befreit zu sehen. Er hatte ihr fest sein Wort gegeben, in das elterliche Haus zurück zu kehren; das that er nicht nur nicht, er schrieb sogar nicht einmal seinem Vater, eh er eine so große Reise unternahm. Welche Besorgnisse nun für einen Vater!

Diese Gedanken und das stete Bewußtseyn, nicht redlich gehandelt zu haben, verursachten ihm große Pein, der er sich kaum dadurch entschlagen konnte, daß er seinen ihm zugewiesenen Geschäften als Schiffsjunge mit allem Eifer nachzukommen suchte.

Freund und Vater auf dem Schiffe war ihm der ehrliche Matrose, der sich seiner im Hafen angenommen und ihn auf dem Schiffe untergebracht hatte. Er suchte seinen Schützling so weit er im Stande war, über Alles aufzuklären, was diesem neu und seltsam erschien. Er machte ihn mit den Gebräuchen der Schiffsleute, mit ihrer Lebensart und ihrer Beschäftigung vertraut; er erklärte ihm alle Theile eines Schiffes und machte ihn mit den Benennungen bekannt; er zeigte ihm die Himmelsgegenden und nannte ihm die Küstenländer, an welchen sie vorüber fuhren. Fische, Vögel und Insekten, welche bei dieser Fahrt zum Vorschein kamen, dienten Karl zur Belehrung und Unterhaltung.

Viele Tage segelte so das Schiff dem Orte seiner Bestimmung zu.

Da bemerkte Karl eines Morgens eine besondere Geschäftigkeit unter dem Schiffsvolke; die Matrosen rannten hin und wieder, zogen alle Segel auf und suchten die Fahrt mit aller Anstrengung zu beschleunigen.

Der Kapitain stand mit dem Fernrohre auf dem Verdecke des Schiffes und gab seine Befehle mit lauter Stimme, welcher die Matrosen mit der größten Geschäftigkeit nachzukommen suchten.

Dabei war es ein schöner, heiterer Morgen und keine Spur war von dem Herannahen eines Sturmes zu bemerken.

Was bedeutet denn das Treiben auf dem Schiffe? fragte Karl den Matrosen, der ihm so zugethan war und eben an ihm vorüber eilte.

Siehst du den Punkt dort in der Ferne? erwiderte der Matrose und deutete mit dem Finger hinaus auf die weite See, der Kapitain erkennt darin das Fahrzeug eines Seeräubers; wir müssen deshalb so die Fahrt beschleunigen, um den Räubern aus dem Gesichtskreise zu kommen.

Sind uns denn, fragte Karl weiter, die Seeräuber so gefährlich?

So gefährlich, entgegnete der Matrose, als dem Fußwanderer der Strassen-Räuber ist. Nicht nur, daß man alle Habe verliert, so muß man noch froh seyn, wenn man mit der Freiheit oder mit dem Leben davon kommt, so bald man einmal diesen See-Genien in die Krallen gefallen ist.

Der Matrose eilte vorüber.

Karl blieb am Verdecke und bemerkte mit Furcht, daß der Punkt auf der See, welchen ihm der Matrose gezeigt hatte, immer größer wurde.

Endlich erkannte er deutlich ein Fahrzeug, welches sich in der Bauart wesentlich von dem Schiffe, auf welchem er sich befand, unterschied. Und zu seinem nicht geringen Schrecken bemerkte er jetzt auch, daß jenes Fahrzeug mit vielen Bewaffneten angefüllt war.

Während sein Augenmerk so ganz auf das fremde Fahrzeug gerichtet war, daß er den Tumult auf seinem Schiffe und die Anstalten, welche zur Vertheidigung getroffen wurden, kaum bemerkte, da erscholl ein mächtiger Kanonendonner vom jenseitigen Fahrzeuge, und daß die Kugeln ihr Ziel nicht verfehlt haben mochten, entnahm Karl aus den Kommando-Worten des Kapitains und aus dem Umstande, daß der Schiffs-Zimmermann die Hände voll zu thun hatte.

Der Kapitain erwiderte das Kanonen-Feuer, so daß eine ganze Kanonade entstand.

Karl wurde von dem ihm so wohlwollenden Matrosen, der ihn plötzlich beim Arme gepackt hatte, in den untern Schiffsraum geführt, wo sich viele der übrigen Reisenden, die an dem Werke der Vertheidigung keinen Antheil nehmen konnten oder mochten, schon befanden.

Hier bleibe, sagte der Matrose und bete zu Gott, daß er uns erhalten möge!

Mit diesen Worten entfernte er sich schnell wieder.

Unter den Reisenden, die hier versammelt waren, entstand hierauf ein lautes Seufzen, Wehklagen und Stöhnen; die meisten fielen auf die Kniee und riefen den Himmel um Beistand an, und Furcht und Schrecken hatten sich auf Aller Gesichts-Zügen tief eingeprägt.

Der Kanonen-Donner erscholl immer heftiger und das Geschrei der Matrosen und jener Männer, die freiwillig auf dem Schiffe sich zur Vertheidigung stellten, drang schauerlich herab in den untern Schiffsraum.

Auf einmal prallte das Schiff heftig an, ein lautes Krachen erfolgte und sogleich drang auch auf vielen Seiten schon das Wasser herein.

Nun strömte Alles dem Verdecke zu, wo ein wilder Kampf tobte.

Die Seeräuber waren überlegen, das Schiff, auf welchem sich Karl befand, fing an zu sinken, viele der verwundeten und mit ihnen Karl wurden von den Seeräubern ergriffen und auf ihr Fahrzeug gebracht. Was die Seeräuber auf dem überwältigten Schiffe an Gütern noch erbeuten konnten, das eigneten sie sich zu und schleppten es in ihr Schiff.

Endlich sah Karl vom feindlichen Fahrzeuge aus das Schiff, auf welchem er sich noch vor kurzer Zeit so wohl befand, untersinken.

Die Seeräuber erhoben ein lautes und wildes Geschrei und segelten mit ihren Gefangenen und den erbeuteten Gütern davon.

Schmerzlich vermißte Karl unter den Mitgefangenen den Matrosen, der sich seiner auf der ganzen Reise so väterlich angenommen hatte, er mochte vielleicht im Kampfe geblieben oder mit dem Schiffe untergegangen seyn. Auch des Kapitains wurde er nicht gewahr, der vielleicht gleiches Loos mit dem Matrosen hatte.

Karl schauderte bei dem Gedanken, sich in den Händen von Seeräubern zu befinden, zusammen.

Ach, wie bereute er jetzt den so unbesonnenen Schritt, den er gethan hatte. Wehe! rief er aus, wäre ich doch nie an den Hafen gegangen und hätte der guten Margaretha gefolgt, und wäre zu meinem Vater zurück gekehrt!

Ach, wehe mir, was wird nun aus mir werden! Ich sehe vielleicht nie mehr meinen Vater und meine Schwester!

Und Karl setzte sich in einen Winkel des Schiffes und weinte.

Die Seeräuber kümmerten sich wenig um den weinenden Knaben.

Sie landeten nach einigen Tagen und suchten ihre Güter in Sicherheit zu bringen, während sie auch ihr Fahrzeug, das Schaden genommen hatte ausbessern ließen.

Die Gefangenen aber und mit ihnen Karl wurden als Sklaven in Tripolis verkauft.

Neuntes Kapitel.

Karls Beschäftigung als Sklave.

Karl gerieth auf dem Sklaven-Markte in die Hände eines reichen und vornehmen Türken, dem das gesunde Aussehen des Knaben sehr wohl gefiel.

Allah! sagte der Türke, welche Zierde wird dieser junge Sklave in meinen Gärten werden, es muß sich schön ausnehmen, wenn er so zwischen den Blumen und Gewächsen einher geht. Und so kaufte er den Knaben, ohne um den Preis zu feilschen.

Nun kam Karl auf die weiten Besitzungen des Türken, welcher die schönsten Gärten besaß, die mit den seltensten Blumen und Bäumen, mit den kostspieligsten Brunnen und Wasserleitungen und mit den geschmackvollsten Gartenhäuschen, Grotten und Tempeln prangten.

Er wurde einem betagten Sklaven, der sich auf die Gärtnerei verstand, beigegeben; dem mußte er stets zur Hand seyn.

Er wurde angewiesen, die Blumen-Beeten vom Unkraute rein zu halten und die Blumen und Pflanzen zu begießen. Auch die Gänge im Garten waren ihm theilweise zugetheilt, auf welchen er den Sand gleichmäßig zu vertheilen, und solche von Steinen und Reisern rein zu halten hatte.

Mit dieser Beschäftigung verfloß eine lange Zeit, während welcher sich Karl oft nach Hause sehnte und heiße Thränen vergoß, wenn er so seinem Tagwerke nachging und über seine Erlebnisse nachdachte.

Kam nicht sein ganzes widriges Geschick von seinem Hange zur Thierquälerei her?

Am meisten aber lag ihm am Herzen, daß sein Vater unbekannt mit dem Geschicke seines Sohnes war. Er hätte so viel darum gegeben, wenn er seinem Vater Nachricht von sich hätte zukommen lassen können, aber wie sollte er es anfangen? Dabei hegte er die Hoffnung, daß sein Vater, sobald er den traurigen Aufenthalt des Sohnes erfahre, gewiß alle Mittel aufbieten werde, ihn zurück in die Heimath zu bringen.

Allein er sah keinen Weg, dem Vater Mittheilungen zu machen.

Karl konnte zwar schreiben, es fehlte ihm aber hier an den nöthigen Schreibmaterialien sowohl, als auch an der Gelegenheit, den Brief zu befördern.

Da ging er nun oft sehr traurig und niedergeschlagen in den schönen Gefilden des Gartens umher.

Er wandte sich oft im Gebete zu Gott, suchte und fand Trost darin.

Ich sehe ein, sprach er, daß ich diese Prüfung verdient habe; aber guter Vater im Himmel! führe mich auch wieder den Meinigen zu. Hier muß ich dem Leibe und dem Geiste nach Verkümmern. Wie glücklich sind gegen mich meine Jugend-Genossen, denen Unterricht ertheilt wird und welchen so täglich Gelegenheit gegeben ist, sich zu vervollkommnen und Dir himmlischer Vater so stets ähnlicher zu werden, der Du das vollkommenste Wesen bist.

Der alte Sklave, welchem Karl beigegeben war, bemerkte die große Traurigkeit des Gärtner-Jungen und er sprach eines Tages zu Karl:

Du scheinst mir nicht mit deinem Stande zufrieden zu seyn? hast du vielleicht eine Angelegenheit, aus der ich dir zu helfen im Stande wäre?

Ich sehe ja kein Ende meiner Leiden, antwortete Karl, warum sollte ich da nicht traurig seyn? Ich muß hier die Arbeiten eines Gärtner-Jungen verrichten, während ich, wenn ich bei meinem Vater wäre, nun dessen Geschäft als Kaufmann übernehmen und ein herrliches Leben führen könnte.

Besitzt denn dein Vater, fragte der alte Sklave, Reichthum?

Das Haus Daruff, versetzte Karl, steht in gutem Rufe.

Wenn das ist, sagte der Sklave, so wird es ja deinem Vater auch nicht schwer halten, dich frei zu machen und dich in die Heimath zurück kommen zu lassen?

Mein Vater, erwiederte Karl, würde einen beträchtlichen Theil seines Vermögens daran setzen, mich frei zu machen, aber wo finde ich Mittel und Wege, ihn von meinem Geschicke in Kenntniß zu setzen?

Das will ich dir sagen, versetzte der Sklave, du wendest dich an den reichen Kaufmann Osmin dahier, welcher oft in diesen Gärten lustwandelt und bei Hassan, unserm Gebieter in hohen Ehren steht. Der wird sich gewiß für dich verwenden, denn Osmin liebt das Geld, ist er gleich einer der reichsten Kaufleute und hier sieht er mit scharfem Blicke Vortheile erwachsen.

Macht mich doch, bat nun Karl, mit Osmin bekannt, sollte ich meine Freiheit erringen, so soll es euch gut belohnt werden, daß ihr mir diesen Rath ertheilt habt.

Glücklicher Zufall! sagte der Sklave, dort wandelt Osmin zwischen den Palmen, begib dich zu ihm, trage ihm deine Noth vor, sage, daß das Haus deines Vaters in gutem Rufe stehe und ich müßte diesen Osmin nicht kennen, wenn er dir nicht behilflich seyn sollte!

Karl pflückte einen hübschen Blumenstrauß, band ihn sinnig zusammen und begab sich damit zum reichen Kaufmann Osmin.

Allah sei mit Euch, edler Osmin, sagte Karl, verschmäht es nicht, diesen Blumenstrauß anzunehmen!

Wer schickt mir den Strauß? fragte Osmin.

Ich habe ihn für Euch gepflückt, entgegnete Karl, da man mir sagte, daß Ihr ein großer Blumenfreund seyd.

Osmin betrachtete den Blumenspender mit Wohlgefallen, griff dann in die Tasche, um demselben ein Silberstück zu geben.

Verzeiht, edler Osmin, sagte Karl, der sich anständig weigerte, das ihm zugedachte Geschenk zu nehmen, ich bitte Euch um eine andere Gunst-Bezeigung.

Und worin besteht diese? fragte Osmin den Gärtner-Jungen, dessen seines Wesen ihm wohlzugefallen schien.

Habt die Güte, versetzte Karl und schreibt an meinen Vater, daß ich hier als Sklave in Diensten stehe, daß er sich meiner doch annehmen und mich aus dem Sklaven-Joche befreien möge.

Wer ist denn dein Vater, fragte Osmin, dem du so Großes zutraust!

Mein Vater, entgegnete Karl, ist der reiche Kaufmann Daruff unfern Bremen, dessen einziger Sohn ich bin.

Der reiche -- der reiche Kaufmann Daruff, wiederholte Osmin, aber sage mir doch, wie bist du denn Sklave geworden?

Karl erzählte, daß er von seinem Vater zum Onkel Heinrich nach London geschickt worden sei, daß indessen das Schiff, auf welchem er sich befunden, von Seeräubern genommen worden und er so in die Sklaverei gekommen sei.

Dein Geschick geht mir zu Herzen, sagte Osmin, und denken kann ich mir auch, wie du dich zurück nach deinem Vater sehnest; aber Summen kann es kosten; doch dein Vater, der reiche Kaufmann wird die Piaster nicht erst ängstlich in der Hand wiegen, wenn es sich darum handelt, seinen einzigen Sohn wieder um sich zu sehen.

Aber Hassan, fuhr er fort, Hassan, dein Gebieter hat hier auch ein Wort zu reden und ist der mit deiner Freiheit nicht einverstanden so hilft aller Reichthum nichts, den dein Vater besitzt und den er zu deinem Besten willig opfern würde.

Ach, edler Osmin, sagte Karl, man hat mich darüber verständigt, wie hoch Ihr bei Hassan dem Gebieter in Ehren steht; würdet Ihr nun Eure gütige Fürsprache mir zu Theil werden lassen, so dürfte ich gewiß seyn, daß ich frei werde. Und daß sich dann mein Vater höchst erkenntlich gegen Euch bezeigen würde, dessen versichere ich Euch hoch und theuer.

Ich will deinem Vater schreiben, sagte Osmin; zuvor aber muß ich mit Hassan reden. Ich kenne deinen Gebieter; solltest du so unglücklich seyn, daß er dich, er, der so viele Sklaven besitzt, persönlich kennt, so ist auch meine Fürsprache und Alles umsonst; ja, dann darf ich es nicht einmal wagen, an deinen Vater zu schreiben, um ihn mit deinem Geschicke bekannt zu machen.

Morgen will ich schon zu Hassan gehen und Rücksprache mit ihm nehmen; sage mir nun, welchen Namen führest du als Sklave?

Mir wurde, entgegnete Karl, der Name Ilev beigelegt, dessen Geschäft es ist, in Hassan's schönen Gärten die Blumenbeete vom Unkraute zu reinigen und die Gänge in reinlichem Stande zu erhalten.

Sei also morgen um diese Zeit, sagte Osmin, wieder hier unter den Palmen, ich werde dir dann mittheilen, welchen Erfolg meine Unterredung mit Hassan dem Gebieter hatte.

Mit diesen Worten entfernte sich Osmin in stolzer Haltung.

Allah schütze Euch, edler Osmin, rief ihm Karl noch nach und ging dann zu dem alten Sklaven zurück, dem er das Gespräch mit Osmin mittheilte.

Zehntes Kapitel.

Die verschleierte Dame.

Hassan, sprach Osmin, du hast einen jungen Sklaven, welcher Ilev heißt und in deinen Gärten beschäftigt ist, der sehnt sich zurück zu seinem Vater, welcher reich seyn soll und seinen Sohn gerne auslösen wird. So du nicht anders beschlossen hast wage ich es, für Ilev zu bitten, gib ihn frei und lasse ihn heim ziehen!

Wie sprichst du Osmin? versetzte Hassan, du sprichst von dem Vater eines meiner Sklaven, welcher reich seyn soll, hast du je von mir gehört, daß ich Geld aus meinen Sklaven zu lösen suchte? Hassan hat schon so viele Sklaven gekauft, wer kann aber sagen, daß Hassan je einen Sklaven verkauft, oder ihm die Freiheit des Geldes halber gegeben habe?

Groß sind die Reichthümer Hassan's, aber auch edel ist Hassan's Herz, sagte Osmin, wenn es dein Wille ist, so erhält Ilev die Freiheit, nicht des Geldes halber, nein, weil es Hassan so will, der da den Vater des Sklaven glücklich zu machen sucht, indem er ihm den einzigen Sohn zurück gibt.

Wisse Osmin, sagte Hassan, während er eine verschleierte Dame, die neben ihm ruhte, gütig und wohlwollend anblickte, daß mir an dem Tage, an welchem ich den jungen Sklaven Ilev kaufte, meine Ossira mir meinen Sohn Selim schenkte. So ist dieser Sklave mir ein theures Zeichen süßer Erinnerung, den ich um Gold und Perlen nicht entferne; denn müßte ich nicht besorgen, meinen Sohn Selim zu verlieren, wenn ich den Sklaven von mir ließe?

Großer Hassan, sprach hierauf die verschleierte Dame, lasse diesen Sklaven ziehen und mache ihn und seinen Vater glücklich, auf daß Allah uns segne! Ach, dein Sohn Selim ist nicht mehr; deshalb kam ich so traurig zu dir, weil ich dir eine so schlimme Botschaft zu bringen hatte.

Und aus ihrem Tone, mit welchem sie diese Worte hervor brachte, konnte man wohl entnehmen, daß Ossira weine.

Da kreuzte Hassan die Arme auf der Brust und rief wehmüthig aus: Allah, Allah! du hast mir meinen Sohn Selim genommen? Allah, was hat sich Hassan zu Schulden kommen lassen, daß du solche Strafe über ihn verhängst? Selim, mein Selim todt!

So klagte Hassan und Osmin ging auf die Seite, denn sein Herz ward ob dem Schmerze Hassans um seinen Sohn Selim tief gerührt.

Osmin, sprach hierauf Hassan, da mich Allah mit Strafe heimgesucht hat und da mir nun Ilev der Sklave kein freudiges Erinnerungszeichen mehr ist, vielmehr mein Herz bei seinem Anblicke nur stets mit Trauer erfüllt würde, so nimm den Sklaven zu dir, sage ihm, daß ihm Hassan die Freiheit geschenkt habe, statte ihn auf Kosten Hassan's reichlich aus und sorge dafür, daß er wohlerhalten in seine Heimath zu seinem Vater gebracht werde!

Edler Hassan, sagte Osmin, du legst mir eine edle Pflicht auf, der ich getreu nachkommen werde.

Während dieses in Hassan's Gemache vorging war Karl im Garten mit seinen Blumen beschäftigt. Er erinnerte sich wieder besonders lebhaft seines Vaters und seiner Schwester und sehnte sich stärker als je nach seiner Heimath.

Er hatte in einem entlegenen Theile des Gartens, welcher wild mit Strauchwerk verwachsen war, sich eine kleine Einsiedelei errichtet; in den Stamm einer Trauerweide schnitt er ein Kreuz, vor welchem er sich oft niederwarf und zu Gott betete, da holte er sich Trost, wenn sein Herz mit Kummer erfüllt war; hier durfte er beten, Niemand störte ihn. Da wandte er sich an den Erlöser, der so viel für die Menschheit litt.

Auch heute ging er seiner Einsiedelei zu, warf sich wieder vor dem Kreuze nieder und betete recht inständig zu Gott, er möge doch mit ihm seyn und Hassan's Herz bewegen, daß er ihm die Freiheit schenke und ihn in die Heimath ziehen lasse.

Guter Gott! sprach er, erhöre mein Gebet! Und Thränen flossen ihm von den Wangen.

Hierauf erhob er sich und fühlte sich recht gestärkt.

Da erschrack er, denn eine verschleierte Dame stand hinter ihm, welche wohl sein Gebet mochte angehört haben.

Erschrick nicht, Ilev! sagte die Dame mit lieblichem Tone, Gott hat dein Gebet erhört, Hassan hat dir die Freiheit geschenkt, du wirst zu deinem Vater zurück kehren!

O guter Gott! rief Karl, da hast du ja mein Gebet wieder erhört, und schickst mir abermals einen Engel, der mir verkündet, daß du mich nicht verlassen hast. Und seine Thränen brachen aufs Neue hervor.

Wie freut es mich, sagte die Dame, in dir einen Christen zu finden; wie erhebt mich sichtbar dein Glaube, dem auch ich zugethan bin. Nimm dieses Andenken, fuhr sie fort, und überreichte ihm ein kostbares Kreuz, es möge dich an die heutige Stunde erinnern, in welcher dir Ossira, das Weib Hassan's, deine Freiheit verkündigte. Solltest du wieder in Noth gerathen, so nimm deine Zuflucht zu dem Heilande, welcher für uns am Kreuze starb, und wie er dir heute geholfen hat, so wird er dir auch ferner helfen.

Karl warf sich ihr zu Füßen und küßte den Saum ihres Kleides, unvermögend, seinem Inneren durch Worte Luft zu machen.

Osmin, der Kaufmann, sagte Ossira und reichte dem vor ihr liegenden frei gewordenen Sklaven die Hand zum Aufstehen, ist beauftragt, dafür zu sorgen, daß du wohl ausgestattet, zu den Deinigen zurück gebracht wirst.

Lebe nun wohl, Ilev und so oft du dich zu Gott im Gebete wendest vergiß auch meiner nicht!

Mit diesen Worten verschwand Ossira, welche im Kummer ihres Herzens ob dem Tode ihres Sohnes Selim die unbesuchtesten Theile des Gartens ausgesucht und so den betenden Sklaven gefunden hatte.

Karl warf sich nun nochmals vor dem Kreuze nieder und dankte mit gerührtem Herzen Gott dem allgütigen Vater für das Werk der Barmherzigkeit, welches er an ihm gethan hatte. Dann ging er auf die Palmen zu, wohin ihn Osmin bestellt hatte.

Osmin wandelte schon unter den Palmen und als Ilev auf ihn zukam sprach er:

Preiße dich glücklich, da du von nun an nicht mehr Hassan's Sklave bist, der dich mir übergab, auf daß ich dich pflege und nicht als einen Sklaven behandle.

Ich sage Euch meinen tiefsten Dank, edler Osmin, sprach Karl, denn nur wohl auf Euere Verwendung hat mir Hassan der Gebieter die Freiheit geschenkt.

So folge mir nun in mein Haus nach, sagte Osmin und nimm Abschied von diesen Gärten, die du jetzt nie mehr betreten wirst.

Karl warf noch einen langen Blick nach dem Theile des Gartens hin, wo er seine Einsiedelei errichtet hatte und wo ihm Ossira mit den Trostesworten erschienen war, wo er von Kummer niedergebeugt auf den Knieen vor dem in die Trauerweide eingeschnittenen Kreuze lag und Muth und Stärke im Gebete erlangte, dann folgte er Osmin nach, ohne demselben von der Erscheinung Ossira's eine Mittheilung zu machen.

Eilftes Kapitel.

Karl im Hause Osmin's.

Nicht wie Ossira gesagt hatte und nicht wie Osmin selbst unter den Palmen erklärte, erfuhr Karl in Osmins Hause eine Behandlung, man machte vielmehr wenig Unterschied zwischen ihm und den übrigen Sklaven.

Zudem verstrichen Tage, Monate, ja ganze Jahre, ohne daß Osmin auch nur die geringsten Anstalten traf, Karl in die Heimath zu bringen.